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Rotatlonrdruckund Verlag der Zuldaer AI- tiendruckerei in Fulda

Zernsprecher Ur.».

35. Jahrqanq

Fulda, Samstag den 25. Juli 1908.

M 169

er sich vielmehr zu dem Versuch verleiten, die von der Vorlage abweichenden, vielfach sich widersprechenden Wünsche einzelner Beamtenklassen zu erfüllen, so wäre ein Ende der Verhandlung gar nicht abzusehen."

flügen üblich ist, heitere Lieder gesungen wurden". Das Vaterland kann also — wieder einmal ruhig schlafen.

Krstes Wtatt.

.= Eine Verfassung für die Türkei.

Man hat die Jungtürken mit dem Sauerteig in der trägen Masse des türkischen Volkes der- glichen, der von Zeit zu Zeit Blasen treibt und die schlaffe! Seele des Orientalen für einen Augenblick aufwallen läßt. In der Tat sind sie die Fortschrittler im obmanischen Staatswesen, die den Staat und die gesamte Verwaltungsor­ganisation in modernem Sinne umgestalten möch­ten. Obwohl die jungtürkische Bewegung nicht erst aus der neuesten Zeit datiert, sondern reich­lich hundert Jahre alt ist, hat fie bisher wirkliche Erfolge nicht erzielen können, sondern ist teils gewaltsam unterdrückt worden, teils von selbst wieder eingeschlafen.

Daß ihre Erfolge bisher immer- negativer Statur waren, hat mannigfache Ursachen. Erstens ist die Triebfeder für viele Anhänger der jung- türkischen Bestrebungen nicht die große reforma­torische Idee auf nationaler Grundlage, die allein mit elementarer Kraft ein ganzes Volk mit sich !u reißen vermag, sondern zum großen Teil las­en sich die Anhänger und Führer des Jungtür- kentums von mehr persönlichen Moti­ven: Ehrgeiz, Geldgier rc., leiten. In Konstan­tinopel hat man deshalb in richtiger Erkenntnis der inneren Ursache der jungtürkischen Bewegung dadurch das Wasser abzugraben gesucht, daß man gerade den ärgsten Schreiern Lurch Befriedigung ihrer persönlichen Wünsche den Mund stopfte. Ein anderer vielleicht noch wichtigerer Grund für die geringen Fortschritte der Jungtürken ist in der Schlaffheit der großen Masse des türkischen Kolkes zu suchen, das sich gegen alle Neuerungen, die es aus seiner tragen Ruhe aufrütteln, ab­lehnend verhält. Dazu kommt noch das religiöse Moment, das bei den Mohammedanern eine grö­ßere Rolle spielt als bei anderen Völkern. Die ganze Organisation des türkischen Staates baut sich auf hierarchischer Grundlage auf und ein Rütteln an dieser Grundlage verletzt das reli­giöse Empfinden des Volkes. In der breiten Maste der Bevölkerung werden deshalb die Jung- türken immer vergebens nach einem Stützpunkt suchen.

Die eigenilichen Träger der jungtürkischen Idee rekrutieren sich aus den Kreisen der Ge­bildeten, und daß unter ihnen wieder die Offi­ziere der Armee und zwar die jüngeren Offiziere einen größeren Prozentsatz ausmachen, ist nicht weiter verwunderlich; denn die moderne Ausge­staltung des Heeres bringt es mit sich, daß ge­rade die Offiziere in erster Linie mit abendlän- dischem Wesen in Berührung kommen, und daran solchen Geschmack finden, daß sie es auch auf ihr Vaterland übertragen möchten. Wenn, wie es augenblicklich wieder der Fall ist, ganze Truppenteile mit ihren meuternden Offizieren gemeinsame Sache machen, so liegt das teils an dem persönlichen Einfluß einzelner Offiziere, teils daran, -aß die rebellischen Truppen wieder einmal ihren rückständigen Sold nicht erhalten haben.

Man hatte deshalb auch der neueren Be­wegung, die nach den vorliegenden Meldungen allerdings einen größeren Umfang angenommen Hai als in den letzten Jahren, eine übertriebene Bedeutung nicht beigemessen. Soeben aber haben die Jungtürken eine ihrer wichtigsten For­derungen durchgesetzt. In überraschend schneller Weise hat sich der Sultan, allem An­scheine nach unter demEinflusse des neuen Groß- wesirs Said-Pascha dazu verstanden, durch eine Jrade die Einberufung des Parlaments nach der durch die Verfassung

ro.geschriebenen Zusammensetzung anzuordnen. Aet bttf-r Gelegenheit erfährt man einmal wie­der, daß die Türkei ein Verfasiungsstaat ist, wo- zu so gut wie niemand mehr daran dachte. Die Türkei hatte 1876 bei der Thronbesteigung des jetzigen Sultans eine Verfassung erhalten, die allen Türken die Rechtsgleichheit garantierte. Da das erste Parlament aber nicht so parierte, wurde es schon anfangs des Jahres 1877 vom Sultan nach Hause geschickt, und seit der Zeit nicht wieder einberufen. Die Verfassung von 1876 soll nun wieder eingeführt werden. Es wird gemeldet, Laß die Gewährung der Verfass- ung von den jungtürkischen Kreisen mit Begei­sterung ausgenommen wurde. Die Massen ver, halten sich gleichgiltig. Aus der Provinz , sind zahlreiche Tankdepeschen an den Jlldis einge­troffen. Ganz Konstantinopel trägt Flaggen­schmuck.

Die Nachricht von der Wiedereinsetzung. der Verfassung fallt mit der Meldung über einen kecken Handstreich der Jungtürken zusam- men. Nach Meldungen aus Monastir drang Niazi-Bei auS Resua mit einigen tausend Mann in Monastir ein und entführte den Marschall Osman-Pascha ohne Blutvergießen. Os- man-Pascha ist derselbe General, den der Sultan erst vor kurzem nach Monastir zur Beruhigung der aufsässigen Truppen geschickt und der sich anfangs geweigert hatte, Lem Befehle Folge zu leisten.

Deutsches Reich.

(*) Der Kaiser erfreut sich auf der Nord- landSreise neuerdings befferen Wetters. Gestern früh ging die „Hohenzollern" von Molde weiter und lief mittags vor Aalasund an. Der Kaiser fuhr sofort mit Gefolge zur Borgunsskirche.

):( Die Beamtenbesoldungsvorlagen. Der kommende Herbst soll bekanntlich die Erfüllung einer Anzahl gewichtiger Erwartungen auf inner- politischem Gebiete, bringen. Haben doch die Re­gierung und der Block während der vergangenen parlamentarischen Tagung die Reichsfinanzreform auf den Herbst vertagt und die Beamten bezüg­lich der Erfüllung der ihnen feierlichft gegebenen Versprechungen ebenfalls bis dahin vertröster. Erst soll die Reichsfinanzreform unter Dach unv Fach fein und dann will man an die Erledigung der Gehaltserhöhungen für die Reichsbeamten gehen. Ob die Reichsfinanzreform im Herbste zustande kommen wird oder nicht, darüber läßt sich zurzeit noch kein Urteil abgeben. Jedenfalls aber wird ihr Zustandekommen nur noch be­deutend erschwert werden, wenn mit ihr, wie es in den letzten Tagen von nationalliberaler und jetzt auch von freikonservativer Seite gewünscht wird, das Problem der LandtagS-W ah Iref orm auf dem Wege des Kuhhandels verquickt werden sollte. Die preußischen Beamten sind ebenfalls auf den Herbst vertröstet worden. Die Regierung hat seinerzeit gesagt, sie könne nicht eher vor­gehen, ehe nicht auch im Reich die Angelegenheit im Flusse sei. Nach neueren offiziösen Zeitungs- melbungen wirkt die preußische Regierung darauf hin, daß die Gehaltsvorlagen noch vor Weih­nachten veröffentlicht werden und die Auszahlung der Besoldungszulagen bald nach Neujahr er­folgen könne. Das wäre recht erfreulich. Die ,Postt meint:

„Die von der Regierung geplante Neuordnung der Beamtenbefoldungen bildet der Natur nach ein einheitliches Ganzes, dessen einzelne Teile eng zu­sammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Nähme der Landtag hierauf nicht gebührende Rücksicht, ließe

Daß Abänderungen schwierig sind, daS ist auch von Zentrumsseite schon während der ver- gangenen Tagung des Abgeordnetenhauses aner­kannt worden. Aber eben deshalb hat auch der Abg. Herold in der Sitzung vom 11. Dezember 1907 dem berechtigten Wunsch Ausdruck gegeben, daß die Vorschläge der Staatsregierung so ge­staltet sein möchten, daß sie vom Abgeordneten­haus möglichst ohne Abänderung angenommen werden könnten. Davon wird das Schicksal der Vorlage im wesentlichen abhängen. Wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich ein abschließendes Urteil über die Erfüllung der Beamtenwünsche im Herbst noch nicht gewinnen. Jedenfalls ist aber allzu großer Optimismus nicht am Platze!

(*) Der Wohmmgsgeld-Zuschuß der Beam­ten. Der preußische Entwurf über den Beamten- Wohnungsgeld-Zuschuß soll nach der Mitteilung Berliner Blätter im Ministerium des Innern einer vollständigen Neubearbeitung unterworfen werden, weil die Sätze des ersten Entwurfes sich als zu hoch herausgestellt hätten.

— Ter Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb geht im Reichsamte des Innern seiner Fertigstellung entgegen. Wie es heißt, wird er als eine der ersten Vorlagen dieses Herbstes an den Reichstag gelangen.

* Der Hauptausschuß der Privatbeamten- Verbünde wird die neue Denk christ der Re­gierung 'über die Pensions-Versicherung der Privatbeamten seiner Siebener-Kommission zur Durchberatung überweisen. Diese Kommission wird am 5. September zu einer Sitzung zu- sarnmentreten.

* Kolonialsekretär Dernburg, der kürzlich in Koetmannshoop eingetroffen war, ist von da nach Lüderitzbncht an der Küste gereift. Später will er auch noch Windhuk im Innern des südlichen Nordens besuchen.

.'. Ter Evangelische Bund über den Düssel­dorfer Katholikentag. Schon die Einladung zum Katholikentag hat es dem Giftnickel Evangel. Bund ungetan; er speit in feiner Korrespondenz schon Gift und Galle, weil der Aufruf vom kon­fessionellen Frieden spricht, den der Katholikentag fördern will. Kardinal Fischer wird dann be­sonders der Heuchelei bezichtigt, wenn er vom konfessionellen Frieden rede, da er doch am Syllabus usw. festhalte. Eine Antwort auf diese Angriffe ist überflüssig; der Evangelische Bund kann eben den konfessionellen Frieden nicht wol­len, da er selbst dann überflüssig ist.

q Die staatsgefährlichen Polen. Die all­deutschen Blätter brachten dieser Tage eine lange, schaurige Geschichte über eine nächtliche pol­nische Rütliszene, an der auch zwei Geist­liche beteiligt gewesen fein sollen. Eidschwur und Gesang polnischer Lieder spielte eine große Rolle in der Mär, die die deutschen Hakatisten gruselig machen sollte. Jetzt teilt ein Geistlicher über die Sache mit: „daß an diesem Tage 16 bekannte und zum Teil verwandte Personen, darunter ich und noch ein anderer Geistlicher, eine Vergnügungsfahrt nach Kruschwitz und auf dem Goplo-See unternommen haben und um 107s Uhr abends über Montwy nach Hohen- salza und Schadlowitz zmückgesahren sind, wobei natürlich, wie es ja überall bei solchen Aus­

cP Darmstadt, 24. Juli 1908. Die Sozial­demokraten haben zu den bevorstehenden Land­tagswahlen die seitherigen Mandatsinhaber wieder aufgestellt. So werden in Mainz die Abgg. Adelung und Dr. David, in Offenbach der Abg. Ulrich und in Offenbach-Land der Abg. Orb wieder kandidieren. Diese sämtlichen vier Mandate dürfen als stark gefährdet bezeichnet werden. Die Entscheidung wird im wesentlichen davon abhängen, ob und wieweit eine Verstän­digung zwischen den bürgerlichen Parteien zu­stande kommt. Eine endgiltiae Entscheidung darüber wird in Mainz und Offenbach in aller Kürze herbeigeführt werden. In Offenbach ist als aussichtsvollste Kandidatur für die vereinigten bürgerlichen Parteien die des nationalliberalen Fabrikanten Böhm, des Sohnes des frühere« ReichstagSabg. Böhm, geplant. In Offen- bach-Land ist von feilen des Zentrums al- gemeinsamer bürgerlicher Kandidat der Offen­bacher Stadtverordnete Neffe! aufgestellt worden. Besonderes Jntereffe erregt naturgemäß der A as- gang der Wahl in Mainz. Die Wiederauf­stellung des seitherigen sozialistischen Abg. David wird allgemein als ein taktischer Fehler bezeichnet und hat auch in den eigenen Reihen der Ge­nossen starken Widerspruch gefunden. David, der bekanntlich den Wahlkreis Mainz-Oppenheim im Reichstage vertritt, ist vor kurzem zur be»: quemeren Ausübung seines Reichstagsmandate- nach Berlin übergesiedelt. Um die Beibehaltung seines Landtagsmandates zu ermöglichen, hält er ein zweites Domizil auch in Mainz aufrecht. Wenn auch damit den Bestimmungen der Ver- faffung formell Genüge geschieht, so unterliegt doch keinem Zweifel, daß sein Wegzug nach Preußen die Povularität feiner Kandidatur in hohem Maße beeinträchtigt hat. In Bingen wird mit dem Verzicht des langjährigen Zen- trumsabg. Pennrich auf die erneute Uebernahme einer Kandidatur ernstlich gerechnet, nachdem Herr Pennrich vor kurzem eine schwere Krank­heit überstanden hat, die ihm die Aufgabe seiner parlamentarischen Tätigkeit nahelegt. Im Wahl­kreise Mombdch-Jngelheim haben die ver­einigten Freisinnigen und Sozialisten dem Zen- trumsabg. Dr. Frenay die freisinnige Kandidatur des Arztes Dr. Wolff-Gonsenheim entgegengestelllr sie gilt als wenig zugkräftig und wird wohl nicht imstande fein, die Wiederwahl des im Wahl­kreise hochangesehenen langjährigen Zentrums­abgeordneten zu vereiteln. Für die Wahlkreise Dieburg - Groß - Umstadt und Wald» Michelbach sind seitens des Zentrums Rechts­anwalt Luft-Dieburg und der als Volksredner gefeierte Pfarrer Blum-Ober-Abtsteinach in Aus­sicht genommen. Letzterer kandidierte 1903 in Worms gegen Freiherrn v. Heyl und drängt« ihn zum etflenmale in die Stichwahl. Seilen­der Regierung scheint auch diesmal wieder ein« erfreuliche Neutralität bei der Wahl beobachtet zu werden. Zwar hat sich unlängst ein hiesiges Blatt gewaltig darüber aufgeregt, daß im Re­gierungsorgan eine Notiz erschienen war, die auf das Zweifelhafte des Wahlausganges in der Residenz hinwies. Aber es gehört schon eine gute Dosis Empfindlichkeit dazu, um in einer solchen Feststellung eine Parteinahme zu erblicken, und schließlich wird man von einer liberalen

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

62] (Nachdruck verboten).

Das Gesicht des Räubers überzog eine dunkle Röte und seine Augen flammten voll Bewunde- nmg.

„Bei allen Heiligen!" rief er. „Sie sind mir gleich einem Kinde; ich könnte Sie unter den Arm nehmen und mit Ihnen fortlaufen und doch haben Sie die C'ouragc eines Riesen. Sie wagen mich zu necken?"

-Warum sollte ich das nicht?", fiel Nelly hastig ein. „Wer find Sie denn? Ein Räuber, ein Dieb, der nur nach Anderer Eigentum trach­tet. Meinten Sie etwa, daß ich bei Ihrem An­blick oder beim Klange Ihrer Stimme in Ohn­macht fallen würde? Sie müssen mich auch für geistesschwach wie ein Kind gehalten haben."

Auf der Stirn des roten Carvelli lagerten sich tiefe Furchen und fein Gesicht wurde ernst.

„Sie sprechen sehr frei, Signora", sprach er drohend. „Ich sehe, daß Ihnen mein Ruf unbe­kannt ist. So will ich Ihnen denn sagen, daß ich vor kaum einem Monat einem gefangenen Engländer die Obren vom Kopfe trennen ließ."

Nelly schauderte unwillkürlich, aber ihr lieber- ®ud und ihre neckische Laune verließ sie nicht, ebenso wenig wich das spöttische Lächeln von ihren Lippen.

- ."Eine männliche Tat, auf die Sie gewiß stolz find . sagte sie höhnisch. „Vielleicht ist sie aber nur das, was man von einem Verfolger der grauen erwarten kann. Wahrscheinlich wollen Sie mit xsbrer delikaten Anspielung andeuten, daß Sie auch Neigung zu meinen Ohren haben? Sie haben nicht gut getan, mir Ihren Geschmack so vorzeitig zu betraten, denn ich werde auf der Hut fein, damit ick meine Ohren als eine persönliche Zierde noch einige Zeit behalte."

»Sie sind ein kleiner Kobold!" sagte Car­

velli. „Wir beide müssen Freunde werden, Sig­nora. Wollen Sie mir nach englischer Sitte die Hand reichen?"

Er hielt ■feine große, dicke Hand Nelly hin, die diese eine Weile ansah und dann ernst sagte:

„Sie werden entschuldigen, daß ich Ihrem Wunsche nicht willfahren kann. Lassen wir eng­lische Sitten und Gewohnheiten hier unberührt. Wir wollen lieber zu unseren Geschäften über­gehen. Haben Sie die Summe des Lösegeldes festgesetzt?"

„Ich verlange fein Lösegeld für Sie", er- klärte der Räuber.

Nelly bebte innerlich zusammen, blieb aber äußerlich standhaft.

„Also werden Sie mich sogleich und ohne Weiteres frei geben?" fragte Nelly.

„Durchaus nicht, Signora. Sie verkennen meinen Charakter und meine Absichten. Erlau­ben Sie, mich offen auszusprechen: Ich liebe Sie, Signora, und bin gesonnen, Sie zu heiraten!"

Ein dunkler Schatten überzog Nelly's Gesicht.

„Wähnen Sie sich nicht ein wenig zu sicher?" fragle Nelly. „In dem Lande, welches meine Heimat ist, läßt man die Damen ein Wort in dieser Sache mit sprechen."

„Ter rote Carvelli fragt nie, wo er die Macht hat, zu nehmen", entgegnete der Räuber la­chend; „doch wenn ich könnte, würde ich auch um Sic werben, wie die Engländer tun — mit lieb- sichen Worten, mit Fußsall und Bitten. Aber ich bin für solche Tinge nicht geschaffen. Daß Sie schön sind, wissen Sie ebenso gut wie ich und so wäre es eine überflüssige Arbeit, Ihnen dies in langer Rede auseinanderzusetzen. Sie gefallen mir. Wir sind beide von gleicher Gemütsart —."

Nelly machte eine abwehrende Bewegung.

„Sie sind eine hübsche Engländerin, ich bin ein italienischer Bandit", fuhr Carvelli fort, aber wir können doch glücklich zusammen sein. Sie sollen eine Banditenkönigin werden; die ganze Bande wird Ihnen untertan sein, jeden Ihrer Befehle Folge leisten und auf jeden Ihrer Winke

achten. Sie sollen seidene Kleider, Juwelen und alles haben, was Sie sich wünschen. Sie können, von Zeit zu Zeit in die Stadt gehen, und ich werde Ihnen stets mit Liebe und Freundlichkeit entgegentreten.

„Eine verlockende Aussicht — für Sie", sagte Nelly. Ich bin jedoch — von meinem Stand­punkt betrachtet — genötigt, die Würde einer „Banditenkönigin" abzulehnen I"

Carvelli achtele nicht auf den sarkastischen Ton dieser Worte, fuhr aber mit Nachdruck fort:

„Mein Entschluß steht fest, Signora. Sie sind vollständig in meiner Gewalt; aber ich will Ihren weiblichen Gefühlen, Ihren Skrupeln Rech­nung tragen. Sie sollen mein rechtmäßig ange­trantes Weib werden. In einem Dorfe, eine Meile von hier, ist ein Geistlicher, der uns trauen soll. Ich will einige Männer ausseuden, damit sie ihn einfangen. Heute abend findet die Hoch­zeit statt; machen Cie sich also zu der Festlichkeit bereit. Ich wünsche Sie in Ihrem besten Schmuck zu sehen. Meine Leute treffen bereits Vorberei­tungen für das Hochzeitsfest."

„Wenn ich mich nun aber weigerte, Sie zu heiraten?" fragte Nelly.

„Das können Sie nicht", entgegneie der Hauptmann lächelnd. „Sie sollen meine Frau werden,'ob Sie wollen oder nicht. Wenn lieber- reduug nicht hilft, so wird es die Gewalt ganz sicher. Sie werden in die Heirat einwilligen", fügte er zischend hinzu, „oder Ihre drei Freunde einen nach dem Andern unter Ihren Augen ster­ben sehen! Ueberlegen Sie! Ich werde kommen, um Ihre Einwilligung zu hören, wenn der Geist­liche kommt."

Er, wandte sich um und verließ die Zelle, Nelly ihrer entsetzlichen Lage überlassend.

XXIX.

Auf rechter Fährte.

Ferdinand Brander, nicht ahnend, daß der­jenige, von dem er einen Brief erwarte, so dicht

hinter ihm schritt, eilte die Straße hinab und schlug, als er um die nächste Ecke bog, den Kra­gen seines Rockes zurück und setzte den Hut zu­recht.

Eine ungewöhnliche Angst und Unruhe lag auf seinem Gesicht; war er doch schon seit drei Tagen jeden Tag vergeblich nach dem Posthaus« gewandert.

„Sollte etwas passiert sein", dachte er, „sollte er auf den Felsen gestiegen, herabgestürzt und ertrunken fein? O, wenn dies noch der Fall wäre! Mit seinem Tode würde der letzte Schatten, der mir noch Kummer macht, von meinem Lebens­pfade schwinden!"

Daß seine junge Frau, die er vor etwa acht Tagen in der Farm im Ceviotgebirge unterge­bracht hatte, noch seine Pläne durchkreuzen könnte, daran dachte er nicht; er betrachtete diese als überhaupt nicht mehr existierend, wußte er doch, daß sie ihm zu Liebe sich jede Entbehrung auferlegen, sich gänzlich von der menschlichen Ge­sellschaft zurückz^ehen würde.

Als er, nachdem er Fanny in Sicherheit ge­bracht, nach Harrington Hall zurückkehrte, hatte er Sir Harry und Ella mitgeteilt, daß er Fanny Brander nach London und an Bord eines Dam­pfers gebracht habe. Niemand zweifelte an der Wahrheit seiner Aussage, vielmehr trug dieselbe dazu bei, seine bei dem Baronet und Ella etwas gesunkene Achtung wieder herzustellen.

Der Tag der Hochzeit Brander's mit Ella war nun festgesetzt, und da die Zeit bis zu diesem Tage nur kurz war, wurden die Vorbereitungen zu Lieser Feier mit aller Hast betrieben. Um ver. schiedene Einkäufe zu machen, hatten der Baronet und Ella Brander heute nach Gloucester beglei-: tet und während jene ihre Geschäfte besorgten, war dieser nach dem Postamt geeilt, unter dem Vorgaben, einige Privatgeschäfte besorgen zn wollen.

Seine Unruhe über die Erfolglosigkeit seiner \ täglichen mühungen schwand, sobald feine Ge­danken sich zu Ella und feine wider alles Erwar-;