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M 167.
Fulda, Donnerstasi den 23. Juli 1908.
35. Jahrganq.
X Sehnsucht nach dem Zentrum.
Daß e- mit den Hoffnungen auf eine he’ friedigende Verabschiedung der Finan-reform innerhalb des Blocks nicht so ganz gut bestellt ist, liest man deutlich auS dem protestantischen ,Reichsboten’ heraus, der sich um die Zeit des 13. Dezember 1906 besonders wild gegen das Zentrum gebärdete. In einem Artikel „Zur innerenLage" meint neuerdings daSPastorenblatt:
„ES scheinen sich zwar die grundsätzlichen Frontstellungen in den Sleuerfragen rechts und lnckS etwas gemUdert zu haben, aber im freisinnigen Lager herrscht doch noch viel rückständiger Doktrinarismus, welcher eine Vermittlung mit der konservativen Stellung und ihrer prinzipiellen Bevorzugung indirekter ©teuer» quellen nicht eben leicht erscheinen läßt. Dazu kommt, daß in einer Truppe d«S Freflnn» «och immer der sehr bedenkliche Gedanke fouft, die Kinanzresorm deS Reiches als die Pistole zu gebrauchen, die man in Preußen dem Kanzler in der Wahl- reformsrage auf die Brust setzen möchte. Eine solche Verkoppelung ist nicht nur eine echt demokratische Pressionspolitik, di« an die Tage der freisinnigen Kon- flitheit und Budgetverweigerung alS unseliges Andenken zurückerinnert, sondern sie ist auch für die Rechte völlig unannehmbar. Die Regierung würde aber M Hauptwerk der Finanzreform geradezu er» toütuui, wenn sie irgendwelche Feigen von diesen freisinnigen Disteln lesen wollte."
Wenn in Norderney bereits Besprechungen stattgefanden, dann müssen sie nach dieser Auslassung miserabel genug ausgefallen sein. Man könMe daS auch aus dem Umstand schließen, bnß der,Reichsbote' sich wieder des Zen- l...uis erinnert. Er weiß nicht, was er von ihm halten soll, spricht deshalb von einer Art Ephinx, die es wegen seiner Zurückhaltung bilden soll. Dabet imponiert seine Stärke sichtlich. Man höre nur:
.Es hat sowohl bei den Reichstags- wie Landtagswahlen so gut a bgeschni tt en, daß sein alter Turm eher noch trotziger wiefrüher dasteht, es auch mit dem vergrößerten polnischen Anbau rechnen darf. Seit dem Dezember 1906, der die Abwendung der Regierung von der bis dahin re» Seiende« Partei brachte, verharrt dieses in hartnäckiger pposttion oder scheint wenigstens darin zu verharren. Es sitzt im Schmollwinkel und pflanzt die Spannung, welche der Wahlkampf 1906=07 mit sich brachte und hinterließ, bis heute in unverminderter Stärke fort. Und doch wäre e5 wohl cm der Zeit, die Gefühle von damals einer gewissen Revision zu unterziehe». Wir sind gewiß über den Verdacht erhaben, dem UltramontanismuS in seinen Fehlern nnlizugehen. Wenn man aber gerecht sein will, so m: man zngkben, daß sich der Umschwung im Dczcmber 1906 etwas plötzlich und mit einer durch den Wahlkampf verschärften Spitze gegen das Zentrum vollzogen hat Es war bis dahin von der Regierung in einer Weise bevorzugt worden, daß ihm das Salto mortale derselben, das sich über seinen Kopf hinweg zu der Blockmehrheit vollzog, nach der langen Periose der Verhätschelung als ein Phänomen erscheinen muß, bei dem der Bodensatz einer gewissen Erbitterung erklärlich bleibt. Denn wenn man sich an die Tatsachen hält, so hatte während der Rosenlage des Zentrums die Regiermig eigentlich selbst dessen Freundschaft in einet so weitgehenden Weise gesucht ttnb damit dessen Macht großgezogen. Darum fühlte sich das Zentrum wie brüskiertz als nun der Riß erfolgte. Zu ändern ist an biefen rück- litfieitben Ereignissen heute nichts mehr Aber die Bedürfnisse des Tages und das Wohl des Reiches fotöern noch dazu auf, mit ihren Rück- stäno en aufzurüumen, damit sich nicht noch im Parteileben falsche Entwicklungen bilden, welche von dem ullramontanen Joche, das für die Regierung unter Mithilfe des nationalen Blocks gefallen ist, etwa »" einem Linksblock hinSrängen,derals kaudülisches S' zeug ein noch größeres liebet wäre. Dazu autoU, daß das Zentrum einmal einen Strich unter die Vergangenheit und seine frühere Ausnahmestellung über allen anderen Parteien macht. Es liegt im
eigenen Interesse des Zentrums, sich wieder in Reih und Glied mit den andere» Parteien zu stellen; feine Abgeo-rdnetenzahl, wie seine kluge, geschlossene Organisation verleiht ihm in der Gemeinschaft berfetben an sich schon ein hinreichendes, gesteigertes Schwergewicht. Andererseits werden die nationalen Parteien die Idee« fallen lasten muffen, die seinerzeit den Wahlkampf vielfach beherrschte, die aber in ruhigen Perioden von selbst zurückebben muß, daS Zentrum bei ihren gesetzgeberischen Arbeiten und Beschlüssen gewissermaßen prinzipiell auSschalten zu wollen. Das ist schon konstitutionell ein schwer durchführbarer Gedanke, liegt auch kaum auf der Linie objektiver Staatskunst und Gerechtigkeit. Mit einer richtig abgewogenen Betätigung de» Zentrums kann man sich vom konservativen Standpunkte aus, nicht nur auSiöhnen, sondern muß sie sogar im Sinne einer Beruhigung unserer inneren Verhältnisse bis zu einem gewissen Grade wünschen."
Läßt man die .Wenn und Aber" außer acht, so kamt man auS de« Ausführungen deutlich herauSlesen, daß der .Reichsbote' z« der Er» kenntniS gelangt ist, daß der 13. Dezember 1906 eine große Dummheit war, daß er sich als auS dem Regen in die Traufe gekommen betrachtet. Er meint nun naiver Weife, daS Zentrum solle tun, all wenn gar nichts vorgekommen, als wenn e8 gar nicht als Ausbund aller Schlechtigkeit behandelt wäre, eS solle wieder recht fd>3n die Steuerkastanien aus dem Feuer holen und dann den bekannten Fußtritt erkalten. Als solche Ritter der Harmlosigkeit mvß der .Reichsbote' die Männer des Zentrums doch ge» tobe nicht ansehen. Im übrigen ist ei nicht richtig, daß dal Zentrum sich in den Schmollwinkel gesetzt habe, wie der ,Reichsbote' behauptet, sondern Regierung und Block haben alles getan, um dal Bentrum in eine Eckstellung zu dränaen, frMch ohne Erfolg. El hat sich von der Mik- arbeit nicht auSschalten laffen. ES wird auch bet der Finanzrrform seine Mitarbeit nicht versagen, aber wie die Lage nun einmal ist, wird eSdem Block die Gelegenheit nicht nehmen, zu zeigen, waS er denn nun kann. Das Zentrum ist bisher seinen eigenen Weg gegangen und wird auch bet der Reichsfinanzreform einen Weg finden, den ei ohne Aufgabe seiner politischen Ehre und Selbständigkeit zum Wohle deS Ganzen betreten kann.
Deutscher Reich.
; Der Kaiser weilt noch vor Molde. Das Wetter ist andauernd unangenehm.
— Kaiser Wilhelm und König Eduard. Di« Gerüchte über ein Zusammentreffen des deutschen Kaisers mit König Eduard VII. haben sich nunmehr zu der bestimmt auftretenden Nach» richt veichichtet, daß König Eduard am Morgen deS 11. August in Cronberg ein" reffen und von dort nach Schloß F ri e d ri ch 1 h o f fahren werde, um dort mit dem Kaiser zusammenzutreffen. Noch am Abend desselben Tages werde er weitersahrm, und zwar nach Ischl, wo er mit dem österreichischen Kaiser zusammentreffen wird.
* Prinz Heinrich, der gegenwärtig Chef der Hochseeflotte ist, sollte nach einer neulich umlaufenden Meldung Generalinipekleur der Marine werden. Diese Meldung wird jetzt als „leeres Kambüsengeschwätz" dementiert.
— Behufs Einbürgerung kriegsbrauchbarer Lastkraftwagen hat die deutsch« Heeresverwaltung für Besitzer solcher Arktomobile Prämien ausgesetzt.
* Heber eine neue Beförderung des Ablösungstransports für das ostasiatische
Detachement teilt die,BerlinerKorrespondenz' folgende! mit: Die diesjährige auS 10 Offizieren und 79 Unteroffizieren und Mannschaften bestehende Ablösung soll für daS in Tientsin und Peking untergebrachte ostasiatische Detachement nicht, wie bisher, auf dem Seewege, sondern aus dem Schienenwege durch das europäische Rußland, Sibirien, die Mandschurei und China an seinen Bestimmungsort befördert werden. Dem großen Entgegenkommen der russischen Behörden ist zu danken, daß auch sür die 25 Taoe dauernde Fahrt auf den russischen Bahnen in weitgehender Weise für das Wohl unserer Mannschaften gefolgt werden kann. Der Transport wird sich, abgesehen von der erheblichen Zeitersparnis, wesentlich billiger gestalten, al! die Besörderung auf dem Seewege.
(*) Reform der Beamten gehälter. Eine vielfach offiziös gespeiste Korreipondenz will erfahren haben, die Regierung beabsichtige. Den preußischen Landtag bereits Mitte Oktober ein- zuberufen, damit die Beamtengehaltsresorm rechtzeitig für dte Ausbezahlung der Gehaltszulage „bald nach Neujahr" verabschiedet werden könne.
•’ Ti« Konfession der Landwehrossizierc. Durch die Presse ging die Nachricht, daß seitens desKriegsministers erneut auf die längst bestehende Verordnung bingewiesen worden ist, wonach bei der Wabl zum Offizier des Beurlaubtenstan- des lediglich die moralische und dienstliche Führung des Aspiranten maßgebend sein soll, seine Religion aber aus dem Spiele zu lassen sei. Daß der Hinweis auf diese Verordnung nicht überflüssig war, ergibt sich aus einem noch neuen Fall, über den das „Berl. Tagebl." berichtet: Ein einem oberschlesischen Bezirkskommando unterstehender Landwehroffizier, der bereits seit zwölf Jahren dem Heere angehört, davon zehn Jahre als Reserve- und Landwehroffizier, war den in Preußen geltenden gesetzlichen Bestimmungen gemäß zwecks späteren Ilebertritts zur katholischen Kirche aus der evangelischen Laniieskirche ausgetreten und hatte in dem Zeitraum, der zwischen seinem Austritt aus der evangelische» und seinem Eintritt in die katholische Kirckfe lag, sich der Militärbehörde als Dissident bezeichnet. Eines schönen Tages wurde er nun auf das Bezirkskomando entboten, und da wurde ihm eröffnet, daß ihm, da er Tiffident sei. Seine Masestät her König, dem der Fall zur Entscheidung Vorgelegen habe, anheimstellen taffe, unverzüglich seine Verab schie- bung als Offizier nachzusuchen; falls er dies nicht täte, so würde seine Verabschieditug ohne weiteres von oben herab verfügt werden. Ter betreffende Landwehroffizier glaubte es ab- lehnen zu müssen, selbst um feine Verabschiedung einzukommen, da ihn seine religiöse Ueberzeug- ung. toentt'er auch augenblicklich Dissident sei und demuächst Katholik würde, nicht in irgendwelchen Konflikt mit seine» Pflichten als Landwehroffizier bringen konnte. Und so schwebt denn gegenwärtig das Verfahren wegen seiner An sstoßung aus dem Offizier stände. Die Milltärbehörde war aber, nachdem sie dem Ausdruck „Tisndcnt" offenbar eine ganz ungewöhnliche Bedeutung gegeben hatte, noch irniti genug, von dem betreffende» Landwehroffizier zwecks Durchführung des Verabschiedungsverfahrens die schriftliche Bestätigung zu verlangen, daß er Dissident sei. Der Offizier wollte eine derartige Bestätigung nicht geben, um der Mi litarbehörde nicht noch formell das Messer in die Hand zu drücken, mit dem sie ihn verfassungs- widrig abschlachicn könnte, und lehnte das Ansinnen ab. . Dabei bezeichnete er die seitens der Militärbehörde dem Worte „Dissident" gegebene
Auslegung als „einseitig und oberflächlich", woraus die Militärbehörde gegen ihn dal kriegsgerichtliche Verfahren toegen Achtungs- Verletzung anhängig machte. — Wir wollen mit unserem Urteil zurückhalten, bi! beide Entscheidungen getroffen sind; aber e! wird nötig fein, diese Angelegenheit sehr aufmerksam zu verfolgen. Wenn ein Katholik zum Protestantismus abfallt, haben wir nie gehört, daß man ihm solche Schwierigteiten machte. Ein unlängst verstorbener bayerischer General, der protestantisch wurde, konnte ruhig im Heere bleiben und hat es sogar zu sehr hohen Stellen gebracht.
Die rollende ReiäOmark. Durch Ver» sügunq des Konsistorium! zu Koblenz vom 5. Juli 1905 und des Regierung! - Präsidenten zu Köln vom 31. Juli 1905 war der evangelischen Gemeinde in Bonn untersagt worden, Mistel au! ihrer Kirchenkaffe für die österreichische So! von Rom-Bewegung zu bewilligen. Wie man nachträglich erfährt, wurde frellich das Verbot nicht beachiet. „Man half sich," so berichtet jetzt schmunzelnd die Presse des Evangelischen Bundes, „damit, daß diele Bewilligungen an empfangsberechtigte Vereine abgegeben wurden, die sie ihrer Bestimmung zuführten. Nunmehr ist, wie dieselbe Presse berichtet, eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes ergangen, wonach jede Kirchenkaffe von sich aus zu Bewilligungen berechtigt ist, fall! sie einzeln 2 von Hundert und im Gesamtbeträge bei Voranschlages 5 v. H. der Soll-Einnahme nicht über* schreiten, und somit einen bedeutenden Spielraum zur Förderung der evangelische» Bewegung in Oesterreich besitzt." — Die Entrüstung möchte« wir sehen, wenn katholische Kirche.gemeinden 5% ihrer Gnnahmen sür die katholische Propaganda in Pommern oder Sachsen oder gar im protestantischen Auslande abliefern wollten! Es muß in den leitenden Kreisen Oesterreichs ungeheuer verschnupsen, wenn zur Unterstützung eine« Bewegung, die von höchster Stelle als „hochverräterisch" bezeichnet worden ist, Geld aus Deutschland kommt. Frellich wird all' das Geld nicht den allmählichen Zusammenbruch dieser Bewegung aufhalten, denn heute schon stehen in Oesterreich viele der neuen Protestantin sehen Kirchen leer.
* Oh! Flottenvereinl-Exgeneral Keim hat seine Darmstädter, die nicht au! dem Flotten" verein ausgetreten sind, bestraft, indem et ihnen Die schon zugesagte Bismarckrede am 10. Todestag Des Altreichskanzlers wieder absagte. Di« /Neuen Hessischen Blätter' schreiben dazu:
„General Keim wird nicht zur Gedenkfeier v»n Bismarcks zehnjährigem Todestage in seine HeirnatS- stadt Darmstadt kommen, wo ihm, besten sind wir gewiß, Tausende von begeisterten Freunden und Ver» ehrern zugejubelt hätte«. Roch hallen fich viele ta Hessen, die mit Lesen Grimm d«S Flotlenvereins Kraft entweichen sehen, zurück; sie hoffen immer noch, daß Keim zurücKehren werde. Dem ist nicht so. Wir wolle« cs offen heraussagen, daß Keim nicht! mehr von de« jetzigen Flotteiwerein erwartet. Unter den aegenwLr» tigen Berhältniffen vermag der General, rot« er uulu einem erschütternden Briefe schreibt, uicht in Darmstadt mit Begeisterung sprechen. Wir bedauern, daß wir mit dem Briese deS aufrechte«, sich nicht vor den Mächtigen der Wett beugenden Generals, nicht vor dir OeffentUchkeil hintreten können; Unzählige« würden die Augen geöffnet werden."
X Komische Politiker ftnb d« Liberalen. Jahraus, jahrein schimpfen sie in ihrer Pteff« und in Versammlungen so unsinnig über da! Zentrum, daß die Balken sich biegen. Kommt aber eine Wahl in Sicht, so erklären dieselbe«
Der falsche Erbe.
Roma» von Ed. W a g n e r.
60] (Nachdruck verboten).
„Für ben älteren Bruder?"
„Ja' Kennst Du nicht die englischen Gesetze? Nach diesem erbt der älteste Sohn des Vaters Titel. Vermögen u. alles während der jüngere Sohn sei» Brot verdiene» muß; es sei denn, daß seine Mutter stirbt und ihm ein kleines Vermögen hinterläßt. Nun denke ich, daß, als dieser Engländer verwundet wurde, der andere heimging und an- gab, daß sein Bruder bei dem Schiffbruch umge- kommen sei, um dann in die Rechte des Erstgeborenen zu treten. Die Sache ist so einfach, und ich glaube, ich würde an seiner Stelle ebenso gehandelt haben."
„Ich glaube, Du hast Recht, Jacapo", sagte Giuditta, und ihre Augen leuchteten wlld. „Und tote können wir unsere Goldgrube am besten ausbeuten? Jedenfalls mußt Du nach England reiten."
„Gewiß!" antwortete Palestro. „Morgen früh fahre ich mit dem ersten Zuge ab, da das nächste Dampsboot erst Freitag fährt. Ich gehe nach England, nach Gloucester, suche und finde Sir Harlingoni, und wenn ich z» Dir zurückkomme, meine Giuditta. bin ich ein reicher Mann!"
In überschwänglicher Freude umarmte und küßte er seine Frau, die sich solche Liebenswürdigkett wohl gefallen ließ, aber nicht erwiderte.
„Sei nur uicht blöde gegen den Engländer, Jacapo", sagte sie. „Er scheint mir schlau zu sein, darum sei Du noch schlauer!"
Es wurde alles zur Reise vorbereitet. Palestro steckte das nötige Reisegeld in dte Tasche, und endlich begaben sich beide zu Bett; doch toa« reu sie von ihren Plänen und Zukunftsträumen so auf erregt, baß sie nicht schlafen konnten. Sie fetzten ihre Unterhaltung noch im Bett fort, bis öer Tag anbrach und es Zeit zum Aufstehen war.
Nachdem Palestro sein Frühstück eingenommen hatte, fuhr er in Begleitung seines Schwagers, des schtoachsinnigen Giacomo, nach Neapel, um von dort mit dem Zuge um sieben Uhr nach Rom und dann weiter nach England zu reisen.
Am fünften Tage nach seiner Abfahrt von Neapel kam er in Gloucester an. Es war an einem für diese Jahreszeit in diesem Lande ungewöhnlich schöner Morgen. Palestro ging in die Stadt und suchte einen für ihn passenden Gasthof, den er auch bald fand. Er ging hinein und verlangte ein Zimmer, welches er erhielt. In demselben angekommen, wechselte er sogleich seine Wäsche, reinigte feine bestäubten Kleider und machte sich überhaupt so fein als möglich. Hieraus begab er sich in’8 Gastzimmer und forderte et» Frühstück.
D« Besitzer des Hauses war ein Franzose, welcher den Italiener für einen Neuangekommenen Landsmann hielt und ihn mit französischer Höflichkeit empfing. Als Palestro sein Frühstück deinabe verzehrt hatte, näherte sich ihm der Wirt, knüpfte eine Unterhaltung mit ihm an und fragte, ob er ein Fremder sei und ob er ihm vtel- tetcht gefällig fein könnte.
"Ich bi» allerdings fremd in Gloucester", sagte Palestro; „doch bedarf ich keiner Gefällig- feit, da ich die Stadt sogleich wieder verlasse. Ich war früher Courier und habe manche englische Familie kennen gelernt, so zum Beispiel eine» Str Harlingoni, welcher in dieser Stadt oder in bet Umgegend wohnt. Ist er Ihnen vielleicht bekannt?"
„Diesen Namen habe ich nie gehört", erwiderte der Wirt, nachdenkend den Kopf schüttelnd.
„Aber der Name Harlingoni muß doch bekannt sein. Der Gentleman war ein reicher Mylord", tvrsehte Jacapo ungeduldig.
„O, dann ist es leicht, ihn zu finden", sprach der Franzose in leichtem Ton, „fragen Sie beim Postamt an, dort werden Sie schon die richtige Adresse erfahren!"
In Palestro's Gesicht leuchtete es freudig auf.
„Das ist recht; dort werde ich sie erfahren!" sagte er hastig. „Danke Ihnen, Signor."
„Er bezahlte seine Rechnung, fragte nach dem Weg zum Postamt und ging hinaus auf die Straße.
Auf feinem Wege nach dem Posthaus ging er in jeden Manufakturwaren- und Buchhändler- lad-m und fragte nach „einem reichen Mylord, einem Sir Harlingoni;" aber niemand konnte ihm die gewünschte Auskunft erteilen.
Im Posthause angekommen, fragte er den am Schalter befindlichen Beamten:
-Können Sie mir die Adresse eines Sir Har- lingori geben, der in Gloucester wohnt?"
„Kenne niemanden dieses Namens", lautete dte kurze Antwort.
Palestro's Hoffnung fank.
„Sie kennen ihn nicht?" fragte er nochmals.
„Nein!" und damit wandte sich der Beamte ab.
„Warten Sie!" rief Palestro, dem plötzlich ein neuer Gedanke kaut. „Können Sie mir die Adresse eines John Burlington geben?"
-Sam. ich nicht, Sir! Wir können nicht alle Namen behalten und alle Leute fennen, dte hier Briefe in Empfang nehmen. Es wäre besser, toenn Sie Ihrer Wege gingen, Sir. Sehen Sie nicht, daß eine Dame hinter Ihnen wartet?"
Und Palestro trat zurück. Tie grobe Abfertigung des Postbeamten wirkte auf ihn, als hatte er einen derben Schlag vor den Kopf erhalten. Es summte ihm in den Ohren und flimmerte ihm vor den Singen. Mutlos schwankte er hinaus auf die Straße, wo er langsam auf- und abging, überlegend, was nun zu tun sei.
„Niemand kennt ihn, weder unter dem einen, noch unter dem andern Namen", dachte er. „Sein wirklicher Name ist vielleicht ganz anders, als der, ivelche» er sich gab. Er hat mich getäuscht! Was soll ich anfangen? Sollte ich dte Reise um- at gemacht haben? — Es ist Zeit", fuhr er
kurzem Nachdenken fort", hast er einen Brief
von mir erhalten soll; es find schon zehn Das- vergangen, daß er nicht geschrieben, und früher schrie ich ihm regelmäßig. Dieses Schweige« wird ihn beängstigen, da er sicher annehmen muk daß in Betreff seines Bruder! irgend etwas sich zugetragcn hat. Ich glaube mich nicht zu verrechnen, wenn ich annehme, daß er heute kommt, um nach einem Briefe zu fragen — und wenn nickst heute, so doch morgen oder übermorgen. Ich werde auspassen! Er soll mir nicht entgehen, und wenn ich'vier Wochen lang hier stehen soll!"
Er biß grimmig die Lippen zusammen, dreht« sich kurz um und kehrte ins Posthaus zurück, too er, den Hut tief über die Stirn gedrückt und sein wollenes Halstuch über den unteren Teil seine! Gesichtes heraufgezogen, sich so aufstellte, daß er den Eingang, sowie dos Schalter übersehen konnte, und wartete zwei, drei Stunden, ohne daß ihm dte Geduld ausgegangen wäre. Cs war beinah« Mittag, da erschien endlich eine schlanke Gestatt, in einem langen Rock mit aufgeschlagenem Kragen und den Hut tief über die Stirn gezogen, im Postgebäude, schritt an das Schalter und fragt« mit verstellter Stimme:
„Etwas für John Burlington?"
Palestro hatte den Einttetenden sogleich erkannt und sich etwas tiefer in die Ecke, in der er stand, zurückgezogen.
„Da habe ich io» ja schon!" dachte er, und mit leuchtende» Augen blickte er Brander nach, als dieser ans Schalter trat, und strengte fein Gehör aufs äußerste an, als jener seine Frage« an de» Beamten richtete.
„Nichts, Sir," antwortete dieser, nachdem « zugesehen hatte.
„Sind Sie dessen ganz sicher?" fragte Brander mit noch tieferer Stimme, die seine Mißstimmung erkennen liefe.
„Ganz sicher", erklärte der andere. „El ist nichts für Sie hier."
Brander wandte fich um .und verllch das Haus; ihm nach schlich Palestro. .
(Forttetzuna so lot.)