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35. Jahrgang.

Fulda, Mittwoch den 22. Juli 1908.

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ein hilfloser

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Es sprechen seine völlige er zu retten

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Rotatkonrdruckund Verlag der Luldaer Ak- ttendruckerri in Zulda Kernsprechrr Nr. 9.

verklärte ihr Antlitz.

„Sie meinen also nicht, daß er Irrsinniger ist?" fragte sie eifrig.

»Ich denke nicht, daß er das ist! allerdings manche Umstände gegen Genesung, aber ich denke doch, daß

rente noch wesentlich erhöht. Dennoch sand das ganze Gesetz mit 319 gegen 19 Stimmen An­nahme.

Auch das Oberhaus hat das Gesetz soeben in zweiter Lesung mit großer Mehrheit ange­nommen. Man hat dort das Gesetz scharf kriti­siert, aber eine Ablehnung konnte man doch nicht riskieren, weil einmal die Konservativen auch die Altersversorgungauf ihre Fahne geschrieben haben und weil nichts den Liberalen in ihrer Agitation gegen das Oberhaus so willkommen sein würde,als wenn es dieses Gesetz ablehnen würde.

Wann kommt nun Frankreich einmal nach? Dort haben die Sozialdemokraten den größten Einfluß; dort sitzen sie der Regie­rung am nächsten; aber bis jetzt haben sie nichts als den Kulturkampf geleistet, von dem die Ar­beiter gar nichts haben als den Schoden.

moMtsMfoge: „Fuldaer Geschichirblätter"

danken an. Sie meint, man brauche sich vor einer Regierung, die man im Reiche aus den Finanznöten befreien solle, in Preußen nicht an die Wand drücken zu lassen; prolongiere man den Wechsel auf die Wahlrechtsreform auf Jahre hinaus, so könne es leicht kommen, daß man ausgelacht werde, wenn man ihn am Fälligkeits­tage präsentiere. Deshalb sollten sich die libe­ralen Parteien über einen Plan für eine gemein« same Operation einigen, der die unbedingte Forderung einer Reform des preußischen Wahl­rechts gleichzeitig mit der Verabschiedung der Reichsfinanzgesetze zur Grundlage habe. — Mit diesem Kuhhandelsangebot hat das Blatt sich den Zorn seiner konservativen Blockbrüder zu­gezogen. Die ,Deutsche Tageszeitung, das Organ des Bundes der Landwirte, fährt der Magdeburgerin in der ganzen Erbitterung, mit der gerade die Elemente des Bundes der Land­wirte das Dreiklassenwahlrecht verteidigen, scharf in die Parade. — Die »Deutsche Tageszeitung braucht nicht bange zu sein, daß es den Liberalen mit der Wahlrechtsreform ernst wäre. Angesichts der sommerlichen Stille hatte man in Magdeburg wohl keinen besseren Stoff zur Verwendung und begann deshalb aus Langeweile sich auch etwa- mit altliberalen sreiheitlichen Gedanken zu be­schäftigen, die man bereits an den allerhöchsten Nagel gehängt hatte.

.'. Ueber die Gas- und Elektrizitätssteuer werden in der Presse fortwährend falsche Nach­richten verbreitet. So ist auch die neueste Mit­teilung, daß nur eine Steuer auf das Licht vor­gesehen sei, nicht aber auf die elektrische Kraft, total falsch. Die neue Steuer soll Licht unb Kraft in gleicher Weise umfassen; man will sie am Orte der Entstehung erfassen, und da ist e- ein Ding der Unmöglichkeit, daß man hier schei­det. Alle diese Meldungen haben nur den Zweck, die Opposition gegen diese Steuer einschlafen zu lassen. Wir stellen deshalb mit allem Nachdruck fest, daß die neue Steuer sich auch auf die Kraft erstreckt. Wir find gerade in diesem Falle besonders gut unterrichtet und lassen gegen unser« Mitteilung kein Dementi aufkommen. Es ist un­wohl bekannt, daß man im Bundesrate auch Stimmen hört, die nur einer Lichtsteuer das Wort reden wollen; aber dann erheben sich gegen dir Steuern so viele technische Bedenken, daß man sie kaum durchführen kann. Wenn die ,Franks. Ztg/ bci der Besprechung dieser Steuer wieder die Behauptung aufstellt, daß das Zentrum für die schlechte Finanzlage verantwortlich sei, so ist das eine nackte Unwahrheit. Im Jahre 1906, als das Zentrum aus der Mehrheit ausschied, da war die Lage gut; aber der Block hat in den beiden letzten Jahren nur bewilligt, und als das Zentrum an die Deckung erinnerte, da hat er es abgelehnt, sich mit dieser Frage zu befassen. Es ist zudem lächerlich, wenn die freisinnige Presse immer nur von dem Zentrum spricht; denn die beiden Blockbrüder Konservative und Nationallibe­rale waren doch auch mit dem Zentrum an der Spitze, warum also nicht gegen diese den Vor­wurf erheben? Ander letzten Finanzreform haben die Nationalliberalen durch die Ausgestaltung der Fahrkarten-Sleuer einen großen Anteil, den wir ihnen nicht schmälern wollen. Die Linke soll zu­dem in Steuersragen ganz ruhig sein; je mehr sie gegen das böse Zentrum losdonnert, umfo mehr weckt sie die Erinnerung daran, daß sie selbst bis jetzt nichts weiter fertig gebracht hat,

damit ihre Schuldigkeit getan zu haben! Ich sehe das ganze Unheil, Signora: Ein Splitter der Hirnschale ist in das Gehirn gedrungen, das ist alles. Ich glaube, daß ich imstande wäre, dem jungen Mann zu helfen; doch gewiß weiß ich es nicht. Ohne Zweifel könnte ihn aber ein tüch­tiger englischer oder französischer Arzt Herstellen."

Ein Hoffnungsstrahl durchdrang Nelly und

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Ausnahme der So m« ■ . . . .

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Veranttv. Redakteur: M

Larl Schütte;

?.p«kMerinMda. wochenbsilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

DDas englische Alterspenswrrsgesetz.

Der deutschen Alters- und Jnvaliditätsver- sicherung kann bis jetzt kein Land der Erde etwas Gleichartiges an die Seite setzen.

Wohl hat man dem französischen Volke vor dem großen Klosterraube gesagt, daß man die „Milliarde" der Kongregationen Lazu verwen­den werde, um den Arbeitern in ihrem Alter eine Rente geben zu können; aber alle Welt weiß, wie diese Gelder in den Händen der Advokaten und anderer Leute hängen geblieben sind; die Arbei­ter haben das Nachsehen. Nunmehr schickt Eng­land sich an, -em deutschen Beispiele zu folgen und für feine Arbeiter eine Alterspensian zu schaffen. Von den deutschen Leistungen hält sie sich rechst weit entfernt, und nur in einem Punkte geht sie über diese hinaus, indem sie nämlich dem Staat alle Verpflichtungen auferlegt und die Ar­beiter nicht zu Beiträgen heranzieht.

Durch die Schaffung dieses Gesetzes wollen die Liberalen eine alte Schuld einlösen; denn bei den letzten Wahlen hat der Ruf nach einer Altersver­sorgung eine große Rolle gespielt;'die Regierung hat ihren Sieg nicht in letzter Hinsicht dem Um­stande zu verdanken, daß sie sich für diesen Wunsch der Arbeiter ausspcach. Die Liberalen wurden noch mächtig angetrieben durch die Agitation der Kreise um Chamberlain, denn dieser suchte die Arbeiter für seine Zollideen dadurch zu gewin­nen, daß er erklärte, cs sei selbstverständlich, daß alle Einnahmen aus den zu schaffenden Zöllen für die Arbeiter verwendet werden würden; er nannte dabei zuerst die Altersversorgung. Die­sen Gedanken hat Chamberlain beim deutschen Zentrum entlehnt, das bei dem Zolltarif dieser Idee schon zum Durchbruch Verholfen hat. Die Liberalen suchten nun ihre Gegner zu über­trumpfen; sie versprachen den Arbeitern daß sie dieses Werk schaffen würden, auch wenn man keine Zölle in England einführen würde. Jetzt haben sie die große Mehrheit und müssen ihr Wort einlösen. Je mehr sie sich aber diesem näherten, um so mehr sahen sie auch ein, daß diese Idee, wonach jeder Engländer, der das 65. Lebensjahr erreicht hat, eine Pension von 5 M wöchentlich erhalten soll, sich nicht durchführen ließ; denn das hätte die Kleinigkeit von über 600 Millionen im Jahre gekostet. Aber an dem anderen Punkt hielt die Regierung fest; sie sah von jeder Beitragsleistung der Arbeiter ab. Da­bei kam ihm zu statten, daß das Budget recht günstig abschloß. Von der Veitragslcistung sah man auch deshalb ab, weil England nickt einen großen Stab von Beamten haben will; man hat das System der Selbstverwaltung.

Der Grundgedanke des Entwurfes war: jeder Engländer von 70 Jahren erhält eine Rente von 5 Jt in ter Woche; ist er verheiratet, und seine Frau ist ebenfalls 70 Jahre alt, erhält er 7,50 c/K. Aber diese Rente sollte nur solchen ge­währt werden, die ein Jahreseinkommen unter 520 M haben. Man rechnete für den Staat eine Belastung von höchstens 120 Millionen im Jahre aus.

Im Unterhaus wurden nun alle jene. Anträge, welche die Rente erhöhen wollten, ebenso die, welche auch die Arbeiter selbst zu den Kosten heranziehen wollten, abgelehnt, dagegen hat man die Rente wesentlich herabgesetzt; man staf­felte sie nach dem Einkommen. Wer 420 .-/( Ein­kommen hatte, der soll 5 M in der Woche erhal­ten; wer aber 460 M Einkommen hat, soll nur 4 M erhalten; so geht es herab bis auf 1 M in der Woche. Man muß bei diesen Sätzen noch be­rücksichtigen, daß in England ter Wert des Gel­des etwas geringer ist als bei uns, daß also dies« Leistungen noch kleiner sind, als sie sich im deut­schen Reiche darstellen würden. Auch wurden die Voraussetzungen für die Erlangung der Alters-

„Kann die Sonne seiner Wunde geschadet haben?"

„Ich denke nicht," erwiederte Geffrcy. „Ich will sie von neuem verbinden."

Er wollte Guido in das andere Gemach füh­ren, aber Nelly sagte, daß er bleiben möge. Geffrey machte die Binde los, strich Guidos wei­ches Haar zurecht und war gerade im Begriff, 'etwas frische Salbe auf die Wunde zu dringen, als die Tür geöffnet wurde und ter Doktor mit einer großen Schüssel voll Speise eintrat.

„Was habt Ihr da?" fragte er, indem er die Schiissel auf den Tisch stellte.

„Der Herr hat vor einigen Wochen bei einem Schiffbruch eine gefährliche Wunde erhalten und seitdem ist fein Gehirn gelähmt," antwortete Nelly.

„Ah " rief der Doktor, „ich habe manche Kopf- wunde in Behandlung gehabt. Es ist ja bekannt, daß im Kampfe jedermann nach dem Kopfe seines Kindes zielt. Ich möchte wohl behaupten, daß ich Ihren Freund kurieren könnte."

„Ich glaube nicht," sagte Nelly, „da Dr. Spezzo, ter berühmte sizilianifche Arzt, ihm nicht helfen konnte."

»Dr. Spezzo hat nicht meine Erfahrung im Zusammenflicken von gebrochenen Schädeln," ent- gegnete ter Doktor in gleichgiltigem Tone. „Laßt mich einmal die Wunde besehen "

Er näherte sich Guido, und Geffrey trat an dir Seite, um ihm Platz zu machen.

„Nimm einmal dis Laterne und halte sie hierher," sagte der Doktor zu Geffrey.

Dieser tat wie ihm befohlen und der Doktor untersuchte die Wunde.

„Das ist ein gefährliches Ding!" murmelte er. „Kein Wunder, daß Dr. Spezzo ihm nicht helfen konnte. Hat der Doktor nicht gesagt, welcher Art die Verwundung war?"

„Er sagte, daß das Gehirn gelähmt sei," ant­wortete Nelly.

„Unsinn!" rief ter Doktor lachend. „Diese Doktoren schwatzen Euch etwas vor und alauben

DeutschsZ Nsich.

(*) Der Kaiser ist am Montag abend aus seiner Nacht „Hohenzosiern" in Molde einge- hoffen. Das Wetter ist gegenwärtig sehr un­günstig.

* Staatssekretär Ternburg ist am Dienstag, aus dem Süden von Deutsch-Südwestasrika kom­mend, in Keetmanshoop eingetroffen, wo er der Eröffnung der Bahnlinie Seeheim'Keetmans- hoop beiwohnte.

* Eulenburgs Lügen. Bayerische Blätter melden, dem Prinzregenten von Bayern sei ein herzliches Handschreiben Kaiser W:l- helms zugegangen, in welchem die Behauptun­gen Eulenburgs über seine antikatholische Mission als preußischer Gesandter >n München als „ab- soluteLügen" bezeichnet werden und das auf­richtige Bedauern des Kaisers über die Unwahr­heit und der ihr zu Grunde liegenden konfefsio- nellen Tendenz dem gieiien Herrscher Bayerns ausgesprochen wild. Ob die Meldung rich­tig ist, muß dahingestellt bleiben. Fürst Eulenburg kann übrigens auch ohne amt­lichen Auftrag sich sehr wohl als Vertreter protestantisch-konfessioneller Jntereffen betrachtet unb als solcher nach Möglichkeit gehandelt haben.

(*) Zum Enlenburgprozesi hatte der Pariser ,Matin' eine angebliche Auslassung des Ober­staatsanwalts Isen viel veröffentlicht (veral. das 2. Blatt). Jetzt wird in der ,Nordd. Allg. Ztg/ folgendes Dementi losgelassen: Der Anikel des,Matiw über die llnterredung seines Korre­spondenten mit dem Oberstaatsanwalt Dr. J'en- biel beruht int wesentlichen aus Mißverständ­nis sen, die sich durch die Eile und die kurze Dauer der Unterredung erklären. Ter Ober­staatsanwalt hat, wie der beir.ffende Korre­spondent in einem Schreiben an ihn unauf­gefordert anerkennt, auf Anfragen des Korre- fpondenten lediglich das erklärt, was er bereits vor Gericht gesagt hatte, und was inzwischen durch alle Zeitungen bekannt gewoiden ist.

* Zur braunschweigischen Regentschaftsfrage werden die neulich von uns wiedergegebenen Mitteilungen der /Militärisch-politischen Korresp/ von Braunschweig her als Erfindung erklärt.

c=! Finanzreform und Landtagswahlrecht. Freisinnige Politiker halten bekanntlich jüngst aufgesordert, die gegenwärtige politische Lage im Reiche zur Herbeilührung der Wahlrechtsreform in Preußen zu benützen. Auch die national- liberale ,Magoeburger Ztg/ eignet sich den Ge­

ist. Wenn die Signora eine Operation oder auch nur eine genaue Untersuchung der Wunde er­lauben wollen, könnte ich ihm vielleicht helfen" Nelly zögerte. Sie musterte aufmerksam des Doktors Gesicht, in dem sie nichts als einen ge­schäftlichen Eifer entdeckte.

„Sie mögen sie untersuchen," sagte sie end­lich. „ater schaden Sie ihm nicht."

Der Doktor zog ein Kästchen mit chirurgischen Instrumenten aus der Tasche und nahm einige davon heraus; dann trat er zu Guido und begann seine Arbeit mit scharfem Auge und sicherer Hand.

„Eine schlimme Geschichte," murmelte er, „Ich sehe alles klar, doch ich glaube nicht, daß ich den Splitter bekommen werte."

Er fuhr in seiner Arbeit fort. Guidos Gesicht verzog sich vor Schmerz, aber er hielt still. Nelly beobachtete den Lektor, die Lippen halb geöffnet, die Hände gefaltet, den Kopf vorwärts gebeugt, und ihr Gesicht war totenbleich.

Endlich stieß der Doktor einen freudigen Rus aus, dem sogleich ein entsetzlicher Schrei Guidos folgte. Dieser sprang auf, taumelte vorwärts und brach wie tot zusammen.

Der Doktor wischte sein Instrument ab, legte es wieder in daS Kästchen und sagte:

„Ich habe ihn nicht ganz kuriert, Signora. Ich hpb den Knochensplitter ein wenig; aber es

gehört eine größere Geschicklichkeit dazu, als die meinige, um die Operation erfolgreich auszufüh­ren. SSenn Sie jemals von hier fortkommen und er noch lebt, so bringen Sie ihn zu einem geschick­ten Wundarzt.^ Was ihn jetzt betrifft," fügte er bedeutsam hinzu, „so habe ich ihm entweder ge­holfen oder ihn getötet 1"

Nelly sank bei diesen Worten auf einen Stuhl und verbarg ihr Gesicht mit beiten Händen. Gessrey setzte die Laterne nieder, hob Guido Har­rington aus und legte ihn auf das Bett.

Ter Doktor trat nochmals an den Bewußt­losen heran und betrachtete ihn eine Weile; dann sagte er, daß er nichts mehr tun könne und daß der Hauptmann nicht wissen solle, was er bereits getan habe, worauf er die Zelle verließ unb die Türe hinter sich verschloß.

„Er stirbt I" rief Nelly, trostlos die Hände ringend. „Und ich habe ihn getötet! Wie konnte ich ihn auch einem solchen Quacksalber anver­trauen? O, Ferdinand I Ferdinand!"

Sie kniete neben seinem Lager nieder und legte die Hand auf seine Brust. Er lag da, wie tot: bleich, kalt und regungslos.

Mrs. Jebb und ihr Sohn standen gleichfalls neben dem Lager und erwarteten mit atemloser Spannung den eintretenden Wechsel im Zustande des Bewußtlosen. Würde dieser Wechsel der letzte fein — der zum Tote?"

XXVII..

Pale st ro sucht und findet Brander.

Lipari, der Fuhrmann, welcher Nelly und ihre Begleiter gefahren und in die Hände der Räuber geliefert hatte, fuhr, nachdem er fein Werk voll­bracht, bis ins nächste Dori zurück, wo er in einem Gasthof einkehrte, um sich und. seine Pferd« zu stärken und letzteren etwas Ruhe zu gönnen. Dann setzte er seinen Heimweg fort, zufrieden und wohlgemut, da er heute einen vorzüglich guten Tagelohn gemacht hatte. Es war gegen neun Uhr abends, als er in die Nähe des Gast- bsfes zum Vesuv kam. vor welchem unter den

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

6g] (Nachdruck verboten).

.Und was würde uns das genützt haben?" fragte Nelly. „Wenn man in Gefahr ist, braucht man seinen ganzen Verstand. Wenn ich geweint hätte, würde dieser rote Carvelli, wie er sich hennt, uns überwältigt, beraubt und ermordet haben. Es liegt nicht in meiner Natur zu weinen knb zu klagen, wenn ich meinen Mut und meine vollständige Ruhe nötig habe, um dem Schurken Ju zeigen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte, dazu habe ich zu viel Selbstachtung."

„Was wird aus Ihnen werden. Miß Nelly?" rief Mrs. Jebb schluchzend.

„Gott allein weiß das," antwortete Nelly, »toter da unsere Lage schlimm genug ist, meine liebe Margot, so laß sie uns nicht noch verschlim­mern dadurch, daß wir uns durch Weinen und Klagen elend und mutlos machen. Jener nichts- chürdige Mensch soll nicht den Triumph haben, juns eingeschüchtert und mutlos zu finden. Wenn wir den Kopf hoch halten, kommen wir weiter, Vis wenn wir uns den Strolchen gedrückt und piedergeschlagen zeigen. Ich muß zugeben, daß di: Aussichten auf ein Entkommen schlecht sind: doch müssen wir das beste hoffen. Der Himmel Avird uns nicht verlassen."

Sie küßte die treue Dienerin, welche unter chem Einfluß von Nellys Mut und Hoffnung ihre Ruh wieder gewann.

„Wie bleich und müde der arme Ferdinand dusfieht," fagte Nelly, als ihr Blick auf Guido Harrington fiel. „Seine Binde ist verschoben! .Und wo ist sein Hut?"

„Er g,ing verloren, als wir gefangen wurden," jfinttoortjete Geffrey.

. »Er war hinter mir und ich habe deshalb nicht Aemerkt. daß er ohne Lut war," sprach Nelly.

ä Adel und Bürgertum.

Zu einem Urteil im Eulenburg-Prozesse wird rs ja vorerst nicht kommen. Das hat manche Blätter nicht abgehalten, sich in langen Betrach­tungen darüber zu ergehen, welche Nebenstrafen dem Fürsten Eulenburg zudiktiert wurden, wenn er wegen Meineids verurteilt werden würde. U. a. wurde da behauptet, daß ihm auch der Adel abgesprochen werden müsse.

Es ist ganz unverständlich, wie man an so etwas auch nur denken kann; das Bürger­tum müßte es sich allen Ernstes verbitten, wenn man die Lumpen aus dem Atel zu „Bürger­lichen" machen wollte. Das Strafgesetzbuch sieht ieine solche Maßnahme auch gar nicht vor; als Nebenstrafe kommt die Aberkennung der bürger­lichen Ehrenrechte in Betracht. Bürgerliche Ehrenrechte und Adel sind aber etwas ganz ver­schiedenes.

Der Ansicht, einem Meineidigen müßte der Adel abgesprochen werden, liegt die Auffassung zu Grunde, daß der Adel einen höheren Rang über dem Bürgertum darstelle. Das ist mrchaus nicht der Fall. Der moderne Rechts­taat beruht auf der Gleichheit der Bürger vor »em Gesetz; „Standesvorrechte finden nicht statt", o heißt es in der Verfassung. Der Adel als Stand, als privilegierte Kaste hat aufgehört; in­soweit noch hier oder dort einzelne Reste mittel- 'alterlicher II eher liefern« gen in die Gegenwart ^ineinragen, sind sie für das Leben des Volkes von nicht größerer Bedeutung als die verfallenen Schlösser, die Burgruinen auf steilen Felsen, wo Medern Ritter hausten.

Niemand wird einem Mann von adeligem Namen verdenken, wenn er auf verdiente, tüch­tige, ehrenwerte Ahnen stolz ist. „Wohl dem, der feiner Väter gern gedenkt." Aber denselben Stolz darf der Bürgersmann fühlen, ter auf tzbenso tüchtige und verdiente und ehrenwerte Vorfahren blickt. Aber mit welchen Gefühlen huch adelige oder bürgerliche Personen auf ihre Vorfahren zurückblicken: schließlich entscheidet für die Bedeutung des Mannes sein eigener Wert, sticht ter Wert derer, von denen er abstammt, daher ist der Titel des selbstgemachten Mannes •in Ehrentitel. So ist es im öffentlichen, im ge- verblichen, im gesellschaftlichen Leben, oder so näßte es fein. Der erste Napoleon konnte von ich fugen: „Ich trage meinen Stammbaum in nir selbst." Eine große Menge ter führenden Leister, ter ersten Würdenträger der Kunst, Vifsenschaft, Arbeit ist aus dem Bürgerstande lerborgegangen. Der Bürgerstand wird nicht ugeben, daß ihm eine geringere Achtung, eine ninbere Rechtsstellung zukomme als dem Ge- mrtsadel.

Es ist in der Tat einmal, es mag jetzt ein | »altes Jahrzehnt her fein, von der Deutschen ildelsgenossenschaft eine Eingabe an das Reichs- ! ustizamt gerichtet worden, die eine Aendecung [ >es Strafgesetzbuches dahin verlangte, daß die i Verurteilung zu Zuchthausstrafe den dauernden Verlust des Atels bewirken sollte. Diese Zu- nutung hat damals im Bürgertum berechtigte Entrüstung geweckt. Verbrecher, die vom Mili- ärgericht abgeurteilt werden, kommen gegebenen ?alls in die zweite Klasse des Soldatenstandes, das Bürgertum aber bildet nicht eine »weite Klasse des Volkes; es ist keine Straf- oder Verbrecherkolonie, in die icr Edelmann versetzt wird, wenn er sich ehrloser taten schuldig gemacht hat.

Derlei Anschauungen haben ehemals ge­herrscht, als der Sprößling einer adeligen Fami­lie auch den Adel ablegen mußte, wenn er sich bürgerlichen Berufen zuwandte. Heutzutage geht Kas doch nicht mehr an.