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35. Jahrqanq.

Fulda, Samstag den 18. Juli 1908.

M 163.

X Steuerbuketts.

Nicht ein kleiner Strauß, sondern ein dickes Bukett, zusammengebunden aus zahlreichen Steu- e-blumen, wird dem Reichstag im nächsten Herbst

Aweues Wiatt.

Wochen-Kund jchau.

2 Fulda, 17. Juli 1908.

Zu Ehren Keims soll nun der vielgepriesene „Deutsche Flottenveeein" gesprengt wer­den. Die Anhänger des „nationalen Uebermen- schen" rechneten schon mit großen Zahlen Im ganzen hofften sie dem alten Verein 200 000 Mit- glieder zu entziehen. Das sollte dann der Grund­stock für einen „wirklich unabhängigen" Pracht­verein der maßlosen Agitation sein! Es hat sich aber gezeigt, daß es nur ein kleines Grüppchen ist, daS sich um die Keimsche Sturmfahne sam­meln wird. Der tapfere General wird sich aller­dings auch bei geringerer Gefolgschaft auStoben können. Und das wollen wir ihm nicht verweh- ren. Seine Tätigkeit an der Spitze des alten jZlottenvereins war deshalb grundsätzlich verwerf­lich und politisch schädlich, weil der alte Verein als unpolitische Vereinigung aller Flottenfreunöe unter der Begünstigung von höchster Stelle galt. Mit den unpolitischen Vereinsmitteln wurde die schroffste Parteipolitik getrieben, und der Name der hohen Protektoren und höchsten Gönner wurde als Vorspann gebraucht für eine Agitation gegen das Reichsmarineamt und die Flottenpolitik der verantwortlichen Regierung. Gerade weil der Verein als halbamtlich galt, erregte die Maß­losigkeit der Vereinsleitung im Auslande Arg­wohn und Feindseligkeit gegen Deutschland. Wenn nun General Keim einen eigenen Verein gründet, der von fürstlichen Protektoren, Beam- tenhilfe, Kindermitgliedschaft rc. absieht und sich offen als politische Opposition auftut, so fallen die schlimmsten Aergernifle und Schäden fort. Im Inland« weiß man, wessen man sich von dem robusten Agitator zu versehen hat, und im Aus­lande wird man die deutsche Regierung oder die deutsche Nation nicht verantwortlich machen für das, was Keim und Genossen sagön, fordern und tun. Ob es bei dem kläglichen Erfolg, den Keim errungen hat, zu einer Neugründung kommt, ist übrigens mehr als fraglich.

Im Eulenburgprozesse hat der An­geklagte, Fürst Eulenburg, den Versuch gemacht, sich als ein Opfer des „Klerikalismus" und Par- tiknlarismus hinzustellen. Er habe seinerzeit in München Preußen nicht nur politisch, sondern auch kirchlich vertreten; als Verfechter des pro­testantischen Kaisertums habe er sich namentlich im Süden viele Feinde gemacht; vielleicht sei er jeyt ein Opfer dieser großen Idee; er wolle nichts bestimmt behaupten; aber aus diesem Milieu heraus könnten diese infamen Verdächti­gungen entstanden sein; der „Klerikalismus" habe ihm nie verziehen, daß er ihn mit der gan­gen Energie eines norddeutschen Protestanten be­kämpft habe. Und so weiter. Zu diesem krampf­haften Rettungsversuch eines verzweifelnden Mannes baben wir zu bemerken: 1. Es ist rich­tig, daß Fürst Eulenburg stets ein Gegner des Zentrums und des Katholizismus gewesen ist, zugleich aber auch ein Gegner der konservativen, positiven Evangelischen. 2. Es ist unsinnig, die gegenwärtige Anklage gegen ihn auf den „Kleri­kalismus" oder Partikularismus zurückzuführen. Ter katholische Volksteil und seine politische Be­tätigung sind hoch erhaben über solche Gehässig­keiten eines bedauernswerten, tiefgefallenen

Mannes, den ins Gesicht hinein ein Standesge- nosse einen „aanz verlogenen Kerl" genannt hat. Im übrigen sind Eulenburgs Worte sehr geeignet, in weitesten Kreisen unliebsames Aufsehen zu er­regen. Em bayerisches Blatt bezeichnet sie als geradezu sensationell. Eulenburg erklärt, er habe Verhandlungen im Sinne der protestantischen, der norddeutschen Kaiserreichsidee geführt. Solche Worte können nicht dazu dienen, den Gegensatz zwischen Preußen und den übrigen Bundesstaaten zu mildern. Ein Mann von solch engherziger und falber historisch - politischer Auffasiung des Reichsgedankens konnte Botschafter und intimster Freund des deutschen Kaisers werden! Er konnte so tief m die zeitgenössische Geschichte eingreifen, daß er einen Kanzler zu stürzen vermochte. Wenn die Ratgeber und Freunde des Kaisers von solch katholikenfemdlichem Geiste beseelt waren, dann ist die seither unwidersprochene Aeußerung er- klärlich, die Prinz Heinrich in Darmstadt zum L» zentiaten Waitz tat: „Mein kaiserlicher Bruder und ich wünschen eine antiultramontane Bewe­gung." Auch noch manche andere Erscheinung in unserem politischen Leben wird verständlich. Im Grunde beruht ja auch die gesamte Blockidee auf der Abneigung gegen den Katholizismus, und wenn die Anzeichen nicht trügen, so stehen wir «rst beim Anfänge eines Kulturkampfes, der den Blockkanzler Bülow überdauert. Wahrhaftig, es gehört ein gediegenes Christentum dazu, und es ist für die deutschen Katholiken ein glänzendes Zeugnis, wenn angesichts solcher Tatsachen die Reichsverdrossenheit nicht in deren Reihen ein­greift. Aber der Patriotismus der Katholiken hat sogar einer Maigesetzgebung standgehalten. Andererseits haben die Katholiken alle Ursache, fest zusammenzuhalten und das Zentrum zu stützen, das allein ihnen die Vertretung ihrer religiösen und politischen Interessen gewähr­leistet. Tas Zentrum hat einen Kulturkampf abgeschlagen, es wird sich auch in dem bevor­stehenden bewähren.

Nach den neuesten Mitteilungen über die Reichsfinanzpläne soll die Dividenden- und Umsatzsteuer der Banken endgiltig ansge- schieden sein, da man sich von dieser Steuer nichts verspreche. Dagegen soll dem Gedanken einer Reichswehrsteuer eine praktische Form zu geben versucht werden, und zwar in Verbindung mit der geplanten Erbschaftssteuer. Von der Erbschaft eines Erblassers, der nicht seiner Militärpflicht genügt hat, soll eine höhere als die regelmäßige Erbschaftssteuer erhoben werden. Daß man von der Banksteuer absehen will, ist begreiflich. Sie würde ebenso wenig Erfolg haben wie so manche andere Steuerart, die von eifrigen Interessenten in Vorschlag gebracht worden ist. Der beteiligte Handel verfügt über zahllose Verkehrsformen, sodaß die Entziehung der Steuer sehr bald die Regel sein würde. Daß man nicht auch von der Erbschaftssteuer absehen will, zeigt, daß die Re­gierung sich in tödlicher Verlegenheit befindet. Tenn soll die Erbschaftssteuer wirklich Erfolg haben, dann wird sie auch bei Erbanfällen von Kindern erhoben werden müssen. Mit einer der­artigen Forderung aber würde die Regierung wahrscheinlich auf der Rechten auf äußersten Wi­derstand stoßen, zumal man ja an einer Heran­ziehung des ^Grundbesitzes nicht vorbeikommen würde. Tie Rechte aber hat sehr starke Macht­mittel in Händen. „Gebaut wird er doch!" ist einstens In der Zeit der Kanalkampagne gesagt worden. Vis heute aber ist er noch nicht gebaut, denn die Konservativen wußten es zu vereiteln.

Daß sie gerade in Steuerfragen, wo es ihrer Gefolgschaft ans Portemonnaie gehen würde, das äußerste dransetzen würden, ist trotz der Führer- losigkeit. unter der sie im Reichstage leiden, sicher zu erwarten. Auf jeden Fall tun sie nicht mit ohne entsprechende Gegenleistung. Damit aber kommt man zu der Frage: Ob diese mit der allgemein verhaßten Wehrsteuer, vielfach drastisch Krüppelstcuer genannt, verbundene Erbschafts­steuer allein die Reichsfinanzen sanieren soll? Tas ist kaum anzunehmen, da dann die Heran- ziehitng sehr scharf werden müßte. Die Kon­servativen würden insbesondere nicht zustimmen, wenn sie nicht eine ausreichende Gegenleistung in Gestalt anderer Steuern erhalten. Diese wird dann wahrscheinlich in einer Banderolensteuer auf Tabak bestehen. Die „Freisinnige Zeitung", das Blatt der Eugen Richterschen Nachlassen­schaft, erklärte dieser Tage noch klipp und klar, von einer solchen Steuer sei „gar nicht zu reden." Aber schließlich, wenn es darauf ankommt, wird man sich die Sache doch wohl noch zu überlegen anfangen.

Saarabien beschäftigt wieder einmal die £effentiid)fcit. Diesmal sind es ungeheure Durchstechereien, die von Beamten und Arbeitern der fiskalischen Gruben vorgenommen worden fein sollen. Ter Staatsanwalt hat bereits die Untersuchung gegen mehr als 50 Angestellte ein­geleitet. Es handelt sich um recht beträchtliche Summen: wie ein gut unterrichtetes Blatt mit­teilt, gibt es dort Beamte, die mehr Geld auf die Sparkasse tragen, als sie im Jahre Einnahme haben; die eigen Jagden halten; ihr Geld mit schlechten Fraueilzimmern verbrauchen usw. Man stößt also hier auf dieselbe Erscheinung, wie wir sie bei anbereu Staatsbetrieben feststellen muß­ten; auch hier Unterschlagungen, die sich durch mehrere Jahre hinzieben.

Tie mazedonische Frage ist wie ein Schreckensgespenst in der Politischen Unterhal­tung dieses Sommers aufgetaucht, nachdem sie mehrere Jahre hindurch aus der öffentlichen Dis­kussion ausgeschiedcn war. Ueber gemeinsame schärfere Maßnahmen gegenüber den Bandmnn- rnhen, deren die offizielle Türkei nicht Herr zu werden vermag, hat man sich schon seit dem vori­gen Herbst fcbr rege unterhalten. Kritisch .vurde die Angelegenheit erst, als König Eduard nach Reval fuhr und ein Zusammenkommen mit dem Zaren den Emdruck erweckte, als sei Deutschlands Isolierung nunmehr „fertig". England hat jetzt die Mächte mit seinen Reformplänen bekannt gemacht. Es schlägt vor, fliegende Kolonnen zu bilden, die 10 000 bis 12 000 Mann stark sein und unter dem Befehl türkischer Offiziere stehen sollen. Das ist ein Vorschlag zur Güte, über den sich wohl sprechen ließe und die deutsche Regre- rung soll auch nach London dahin Bescheid ge­geben haben, daß sie ihn mit Wohlwollen prüfen werde. Ter russische Vorschlag ist noch nicht offiziell bekamst, er läuft aber nach Blättermel- dungen auf die Einsetzung eines vom Sultan zu nominierenden Generalgouverneurs hinaus, der für die Taner von 7 Jahren ernannt und weit­gehende Machtbefugnisse erhalten soll; die maze­donischen Einnahmen sollen ferner vor allem zur Deckung lokaler Bedürfnisse verwandt werden. Tiefe Pläne sind entschieden weitgehender als die englischen Vorschläge und dürften auch erhebliche­rem Widerspruch begegnen. Ein endgültiges Ur- teil darüber ist noch nicht möglich, da ihr Inhalt noch nicht feststeht.

überreicht werden.

Schon oft ist die deutsche Volksvertretung mit einem Steuerbukett beschenkt worden.. Aber noch niemals war sein Preis so teuer wie diesmal. In bat ersten Jahren nach der Errichtung de» Reiches waren Steuerbuketts bei uns unbekannt. Tie Regierung bedurfte damals neuer Steuern nicht. Tie Milliarden der französischen Kriegs­entschädigung überhoben die Finanzverwaltung des Reiches aller Geldsorgen. An neue Steuern oder Steuererhöhungen brauchte sie nicht zu den­ken. Sie hatte „Geld wie Heu", und bis zum Jahre 1877 war das Reich vollkommen schulden­frei.

Dann begann die Steuersuche. Nach bett fetten Jahren war es aber nicht leicht, die lieber« zeugung zu wecken, daß nun die Zeit der mageren Jabre gekommen sein sollte. Der Schein, daß neue Reichssteuern nicht erforderlich seien, wurde so lange als möglich gewahrt. Noch bei den Reicbstagswahlen von 1878 nach den Attentaten spielte die feierliche Versicherung, daß es sich dirrchaus nicht um Vermehrung der Steuerlasten handele, sondern vielmehr um eine Schonung der Steuerkraft, eine Hauptrolle. Ja es wurden noch Steuererlasse versprochen zu einer Zeit, ba bis Finanzminister ber Einzelstaaten schon in Heibe» berg zulammengetreten waren, um bie Grund­lage für eine Steuerreform festzustellen, welch« aus Zöllen und Steuern dem Reich eine jährlich« Mehreinnahme von 245 Millionen Mark sichern sollte. Aber trotz der offiziösen und offiziellen Ableugnungen stellte sich bald die Wahrheit her­aus. In Verbindung mit dem neuen Zolltarif von 1879 wurde dem Reichstag das so lange ver­heimlichte Steuerbukett überreicht, das eine Er­höhung der Tabaksteuer, einen Petroleumzoll und eine Verstärkung der Finanzzölle enthielt. Nach­dem der Reichstag dieses Steuerbukett einmal ent» gegengenommen hatte, wurden in den nächsten Jahren immer von neuem einzelne Blumen bin« zugefügt.

Tann kam die Zeit, in der die Regierung glaubte, sich nicht mit dem Binden von Steuer« buketts befassen zu sollen, sondern durch Ein« führui'.g von M o n o p o l en die beginnend« Reichsfinanzmisere zu beseitigen trachtete. Aber 1882 scheiterte ebenso die Einführung des Tabak­monopols, wie 1886 das Branntweinmonopol. Doch verstand sich der Reichstag nach den Wahlen von 1887 dazu, eine Branntweinverbrauchs ab gäbe mit einem Ertrage von mehr als 100 Millionen Mark zu bewilligen, wobei noch eine Liebesgab« von 43 Millionen für bie Brenner abfiel.

Darauf folgten einige Jahre ber Ruhe. Zwar wurde mehrfach der Versuch gemacht, ein verein-l zeltes Steuerblümchen dem Reichstag zu überrei» chen, aber erst Caprivi band 1893 ein umfang­reiches Cteuerbukett, das bestimmt war, die Ko« sten der damaligen Heeresverstärkung zu decken. Brausteiler, Börsensteuer und Branntweinsteuer mit hohen Erträgen bildeten die Blüten in diesem Steuerbukett. Doch fand Caprivi mit ihm nur wenig Gegenliebe. Es wurde zerpflückt und zer­zaust. und int Sommer 1893 mußten die Finanz« Minister der Einzelstaaten zu einer Konferenz zu- sammentreten, um neue Steuerblumen zu suchen.^ Sie verzichteten auf eine Erhöhung der Brannt­weinsteuer und der Brausteuer und glaubten, daß?

Unpolttische Zettlöuse-

(n) Berlin, 16. Juli 1908.

(Nachdruck verboten.)

An ber Eck», wo mein Vororthäuschen liegt, ist es sonst sehr still; aber seit einer guten Woche werde ich fast den ganzen Tag hindurch vom Kin- berlänn gestört. Das machen die großen Schul­ferien, die bekanntlich hier zu Lande schon in der ersten Hälfte d-s Juli beginnen. Was sollen die schulfreien Kinder besser tun, als spielen im Sonnenschein! Ich bin auch gar richt böse über den unvermeidlichen Lärm. Vielmehr bin ich neidisch. Die Kinder wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Ich habe auch die Ferien erst recht schätzen gelernt, als ich sie nicht mehr hotte. Ans die Lehrer bin ich natürlich erst recht neidisch. Welcher andere Beruf hat denn so schörte, lange, regelmäßige Ferienzeiten im Sommer und zu allen hohen Festen? Andere Beamte sind schon froh, wenn sie einen Sommerurlaub zu passender Zeit ergattern. Und wer in einer privaten Be­rufsarbeit steht, dem blüht manches Jahr gar feine Ferienzeit. Und stiehlt er sich doch mal etliche Tage aus ber Tretmühle des Geschäfts fort, so brängt sich gar zu gern die häßliche Frau Sorge als Reisebegleiterin ihm auf. Wird nichts postieren? Werden die Stellvertreter auch ihrer Aufgabe gewachsen fein? Kommt da nicht schon wieder ein Geschäftsbrief, eine Depesche, ein Fernsprechnff?

Ten Kindern und den Lehrern wollen wir aber ihre schönen Ferien von Herzen gönnen. Denn zwischen den Freizeiten liegen wirklich saure Wochen, wenn die Kleinen und die Großen in der Schule ihre Pflicht tun. Es geht nicht wehr so gemütlich zu, wie in der Schule zu mei- ®llt Kindszeiten. Als ich zwei Jahre lang die Wnannte Vorschule besucht hatte, wo unser bc- r Muster Sie Abcschützen beiderlei Ge- schlechts in die ersten Grundlagen der Wissen- /-"führte, stellte ich mir selbst die Frage: .wu ich denn nun eigentlich noch sechs Jahre mng trt der Jnngenschule machen? Lesen kann ich r?run^ Schreiben auch und das Einmal- tonr.im^l0 Siemlich. Nun möcht ich bloß wissen, ™rum 'lh denn noch so lang« auf ber Schift.

bank sitzen soll! — Ach, aus den sechs Jahren wurden ungefähr 16 und an deren Ablauf hatte ich allmählich begriffen, daß ich noch nichts rech­tes wußte. Unter meinen Altersgenossen aber, bie bald nach der ersten hl. Kommunion die Bü­cher An bie Ecke werfen durften, waren manche bet Meinung, daß sie sehr viel gelernt hätten, und einige meinten sogar, sie hätten viel zu viel Weisheit geschluckt. Wenn ich bie Ueberlebenden als Zeugen aufrufen könnte, so würben sie gewiß bekunden, daß sie mit dem Bischen Kenntnisse aus der simplen Dorfschule nicht lange ausge­kommen sind, sondern in der rauhen Schule des Lebens immer noch haben zulernen müssen, um sich in den fortschreitenden Verhältnissen zurecht zu finden. Mas da gründlich betrieben wurde, war die Religionslehre. Im Rechnen und Schrei­ben wurde tuenig eingepaukt, aber das wenige freilich recht gründlich mit vielfachen Wiederho­lungen. Naturkunde und Erdkunde gatt als überflüssiger ßuiuS.

Tas Programm der Dorfschule vor 50 Jah­ren kommt der jungen Welt wie eine vorsintflut­liche Rückständigkeit vor. Inzwischen ist man vielfach in das andere Extrem verfallen, in die Ueberhäuftmg mtt vielerlei Fächern und massen- haftem Wisiensstoff, wobei die geistige Verdau- ungsfahigkeit außer acht gelassen wird. Manche Ettern von der alten Sorge habe ich klagen hören über die fürchterliche Last, welche die moderne Schule dem zarten Kindlein auferlege. Was ist davon zu beiten? Das wahre und rechte liegt meistens in der Mitte. Wenn die Kinder klagen wegen Ueberbürdung, so darf man ihnen nicht ohne weiteres Recht geben. Erst prüfen! Tie neuere Schule verlangt mehr von den Kindern, aber sie greift ihnen auch mit viel besseren Hilfs­mitteln unter die Arme, als wir sie vor 50 Jah­ren hatten. Ein gesundes Kind kann es schon aushalten, wenn nur nicht das Haus noch bie Last vermehrt. Das Kind muß gut unb regel­mäßig genährt werden; man muß ihm zu Hanse Zett, Raum und Licht lassen zur Erledigung fei­ner Schulaufgaben und darf ihm nicht zuviel häusliche oder gar gewerbliche Arbeiten ausbür­den. Ter moderne Schulbetrieb nimmt das Kind »in Beschlag — abgesehen von den Ferien- n.

So fordert es die Staatsgewalt, gegen die nicht anzukommen ist. Aber die Eltern müssen auch selbst einsehen, daß bie Lebens-, Verkehrs­und Erwerbsverhältnisse in ber neueren Zeit viel verwickelter unb kunstvoller geworben sinb, als wie sie in ber sogen, guten alten Zeit waren. Damals kam man mit etwas gesunbem Men­schenverstand schon durch; jetzt genügt bas nicht mehr, sondern ber junge Mensch muß eine or- bentliche Portion positiver Kenntniffe unb Ge­schicklichkeiten mit ins Leben bringen, wenn er nicht halb hier bald dort anstoßen, straucheln ober irregeben soll.

Ungeheuer entwickelt hat sich in den letzten Menschenaltern der Verkehr und der Pa­pier verbrauch. Ein bekannter Spruch sagt ja, wir ständen im Zeichen des Verkehrs, und mit Recht spricht map auch vom Papier neu Zeitalter. Als drittes Kennzeichen kann man , die sprung­haft fortschreitende Technik bezeichnen. Die TiÄnik bewährt sich auch auf dem Verkehrsgebiet, aber sie greift weit darüber hinaus in alle Le- bensverhältnisfe hinein, — bis in den Kochherd der städtischen Arbeiterfamilie, wo man den Heilstoff unb einen Gasautomaten bezieht. Ma­schinen ringsum. Laufende auf den Schienen und auf den Landstraßen, ja sogar auf den Siedern; stehende: in den Fabriken und in den Hand- werkstätten und in den Haushaltungen. Ter Menfch sagt, die Maschinen seien seine Diener; aber im Grunde genommen ist er ihr Diener und muß er in ihrem Dienst gebildet fein, wenn eS ihm auch schwer fällt.

Dazu kommt noch, daß immer mehr Leute oom Lande in die Stadt ziehen. Sie lernen infolge- deffen die Natur nicht mehr aus eigener An­schauung und Erfahrung kennen. Die Schule muß in die Bresche springen, um wenigstens etwas Verständnis für die Natur zu retten.

Früher machte man selten eine Reise, unb dann war sie noch von beschränkter Tragweite. Jetzt sind wir Eisenbahnmenschen geworden. Der gewöhnliche Mann muß sich in Eisenbahnfahr- vlänen, Tarifen unb Kursbüchern zurecht zu fin­den wisien. Zweckmäßig unb billig zu reisen er- fordert Wissenschaft und Kunst. Die Grundlage muß in der Schule gelegt sein.

Die Erdkunde ist uns nicht bloß für das Rei­

sen nötig, sondern auch zum Verständnis von Handel und Wandel sowie von der Politik. Wir sind allmählich Zeitungsmenschen geworden. Wetz nicht mit Verstand seine Zeitung liest, paßt nicht in die neue Welt. Die Zeitung hat uns aber nicht bloß von ganz Deutschland und auch nicht bloß aus den Winkeln Europas etwas zu er« zählen, sondern bringt wichtige Berichte anS allen fremden Weltteilen. Wer z. B. über die politisch« Lage von heute mitsprechen will, der muß übet Persien sich ebenso gut klar sein, wie über Ma­rokko und Mazedonien. Zu unserer Jugendzeit kümmerte sich kein Bürgersmann um diese inter­essanten Gegenden und um China, Japan, Hot- tentottenlanb und Samoa erst recht nicht. Jetzt gibt es kaum noch wirklich „fremde" Länder, bte uns gar nichts angehen. Im Zeitalter des Well« Handels und der Weltpolitik kann jeder ferne Erbenfleck von entscheidender Wichtigkeit werden für unser tägliches Brot ober für den Frieden.

Es hilft fein Sträuben; unsere Kinder müssen' mehr lernen, als wir gelernt haben, und deren Kinder müssen wiederum mehr lernen. Lassen wir bte Kinder viel lernen unb sorgen wir nur bafür, daß sie einen klaren Kops und ein gutes Herz behalten. Der gesunde Menschenverstand darf nicht unter dem Wissenswust erstickt werden, unb bei aller Wissenschaft barf die wahre Weis­heit nicht leiden, deren Anfang bekanntlich die Gottesfurcht ist.

Nebenbei kann sich die lernende Jugend eines zum Tröste sagen lassen: das R e ch n e n ist ihnen viel leichter gemacht. Das Dezimalsystem, daS jetzt im Münz-, Maß- und Gewichtswesen durch­geführt ist, gestaltet das Rechnen mit benannten Zahlen zu einem wahren Kinderspiel im Ver­gleich der knifflicheu Umrechnung, die wir al» Schüler mit Talern, Groschen, Pfennigen oder Gulden unb Kreuzern unb mit Zentnern, Vf und, Lot, Quentchen sowie den verschiedenen Ellen und Ka:men rc. durchzuführen hatten. Aber ich finde, daß die Schuljugend heute beim Rechnen noch ebenso gern stöhnt, wie wir es getan haben. Da» Stöhnen und Klagen scheint mit allen Schularbei­ten unzertrennlich verknüpft zu sein. Später erst merkt man, daß die Mühsal doch gut war. In ber Schule des Lebens gibt eS noch schärfere Prügel, als bei dem strengsten Schulmeister.