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M 162.

Fulda, Freitag den 17. Juli 1908.

35. Jahrgang.

# Enttäuschte Hoffnungen.

Es hat sich gezeigt, daß das Zeppelinsche L uf t s ch i f f trotz seines vertrauenerweckenden Aussehens, trotz seiner Manövrier- und Flug- sähigkeit doch noch lange kein verläßliches Ver- kehrsmitel ist. Ein Unfall, den ein tückischer Windstoß angerichtet hat, hat das Luftschiff zur vollkommenen Aufgabe seiner Fahrt gezwungen.

Die Enttäuschung ist groß. Man möchte fast sagen, die Tücke des Schicksals sei eine Strafe für die Ueberschwenglichkeit und eine Mahnung zur Bescheidenheit und Geduld. Weniger für den Grafen Zepelin als für die Masse seiner Bewun­derer, die etwas voreilig die „Eroberung der Lust" in kühnen Worten, donnernden Salutschüs- feit und allerhand Triumphveranstaltungen zu feiern begonnen hatten. Zuviel Hurrastimmung I Verfrühte Siegesparade!

Tie kleinen Unfälle, sagt man zum Tröste, hatten mit dem Wesen der Zeppelinschen Erfin­dungen nichts zu schaffen. Das stimmt insofern, als nicht die Maschinerie selbst irgendwie versagt hast sondern nur einzelne Teile derselben einen Fehler gezeigt oder einen äußeren Schaden erlitten haben, wie das bei maschinellen Einrich­tungen in diesem Tale der Mängel gar nicht sel­ten ist. Nach vollzogener Reparatur wird Graf Zeppelin zu einem neuen Probeflug ansetzen, für den wir die besten Hoffnungen haben. Doch darf man die Unfälle nicht als nebensächlich mißachten wollen. Sie zeigen uns, wie ent- ?findlich ein solches Kunstwerk ist, wie sehr as Gelingen eines Fluges von der tadellosen Beschaffenheit jedes einzelnen der zahllosen Teil­chen abhängt, und wie schwer es ist, eine so große und gebrechliche Flugmaschine sicher unterzubrin- gen sowie bei ihrem Ein- und Auslauf vor tücki­schen Windstößen zu schützen.

Das sind wesentliche Momente, wenn man die -Brauchbarkeit des Luftschiffes während eines Feldzuges ins Auge faßt. Ein Blatt meint, der „einzige Trost" für uns sei die Nachricht, daß es den lenkbaren Militärballons von Paris und London, die um dieselbe Zeit aufsteigen sollten, nicht besser ergangen ist; an den englischen Bal­lon, dem Nachfolger des verunglückten „Nulli Sekundus", war der Steuerapparat nicht in Ord­nung. und bei dem Pariser Ballon war das Gleichgewicht mangelhaft, so daß an beiden Stel­len der geplante Aufstieg unterbleiben mußte. Allem Mnscheine nach sind also die Engländer und die Franzosen in der Ueberwindimg der Schwierigkeiten noch etwas weiter zurück, als Graf Zevpelin. Aber wir dürfen uns nicht ein- bilden, daß wir alle Schwierigkeiten wirklich überwunden hätten. Auch wenn der 24stllndige Probeslug des Grafen Zeppelin programmäßig gelingen wird, haben wir noch keine G°währ, daß die Wiederholungen ebenso glatt von statten gehen, und daß-auch unter den unregelmäßigen Bedingungen, wie sie z. B. ein Feldzug bietet, das komplizierte und empfindliche Werk aushal­ten wird.

Mit dem Hurraschreien und Viktoriaschießen brauchen wir uns also noch nicht zu beeilen. Freuen wir uns, daß die Sache in den letzten Jahrzehnten, namentlich dank der zähen Arbeit Zeppelins. Schritt für Schritt vorwärts gekom­men ist. Aber reden wir noch nicht von der „Er­oberung der Luft". Es muß noch weiter gear­beitet werden, um das Erreichte zu vervollkomm­nen und insbesondere die praktische' Leistungs­fähigkeit des kunstvollen Gebildes sicher zu siel-

Deutscher Reich.

hs Der freie „deutsche Kriegerbund".

Wir erwähnten schon, daß die aus dem deut­schen Kriegerbund ausgetretenen Kriegervereine sich zu einem „Freien deutschen Kriegebund" zusammenschließen wollen.

Es hatte sich bereits früher ein „Verband deutscher militärischer Vereine" gebildet, in dem jene Männer vertreten sind, die sich mit den Kieler Beschlüssen, insbesondere mit der Beitragser- höhimg nicht einverstanden erklärten. Durch die bei den letzten Wahlen im „Deutschen Krieger­bund" betriebene Politik fühlten sich dann an der Ems, Saar und Mosel nicht wenige Vereine zum Austritt bewogen und bildeten nach der geo­graphischen Lage drei verschiedene Gruppen. In Versammlungen, die nunmehr in Barmen und in Berlin zwischen Vertretern dieser Richtungen ge­tagt haben, ist der Zusammenschluß aller außerhalb des Landesverbandes stehenden Ver­eine erörtert worden, und die Idee hat einen durchschlagenden Erfolg gehabt.

Vielleicht wird die nunmehr im Prinzip be­schlossene Organisation gar bald einen weiteren Zuwachs erhalten, und zwar von einer Stelle in Berlin aus, an der man von der Verwaltung des Bundes wenig erbaut ist. Sicher ist, daß die große Menge der Kriegervereinsmitglieder, auch derjenigen, die im Bunde verblieben sind, nicht mehr gewillt ist, sich von der Leitung der Krieger­vereine nnd der Bezirks- und Landesverbände politisch bevormunden zu lassen. Der Krieger­bund muß unter allen Umständen nach allen Rich­tungen hin ohne jede Ausnahme unpolitisch fein; ist er das nicht, nimmt er nach irgend einer Rich­tung hin Stellung, dann ist er nicht mehr un­politisch, wie es seine Satzungen vorschreiben, er wird zu einer Waffe politischer Parteien im Kampfe, und dazu ist eine Einrichtung, die an­geblich dem Wohle des Vaterlandes dienen soll, sicher nicht geschaffen.

Der politisierende „Kriegerbund" mag sich ge­warnt sein lassen durch die Organisationsbestre­bungen, die in den abgesplitterten Vereinen jetzt zum Durchbruch kommen. Sollten sich die Vor- gänge der letzten Reichstagswahl wiederholen, dann werden die Austritte aus der alten Organi­sation sich noch in weit stärkerem Maße einstellen; denn die unabhängige Richtung weiß jetzt, daß sie nicht mehr eine unorganisierte Absplitterung fein wird, fondern gemeinsam mit anderen Ver­einen die Angriffe abwehren kann, die auf ihre politische Ueberzeugung und ihre persönliche Un­abhängigkeit gemacht werden sollten.

* Der Kaiser ist in Bergen eingetroffen. In den letz'.en Tagen wurde die Fahrt mehrfach von Reaen unangenehm beeinflußt.

— Tie Novelle zur Strafprozeßordnung wird wahrscheinlich vom Reichsjustizamt schon im Herbst dem Reichstage vorgelegt werden. Aus den Einzelheiten des Entwurfs wird die Mittei­lung gemacht, es sollten nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes alle dann schon schwebenden Verfahren noch nach dem alten Recht zu Ende geführt werden.

□ Eine neue Kriegswaffe. Kaum haben sich die Völker darein gesunden, daß die geniale Erfindung des Grafen Zeppelin für sie künftig eine Mehrbelastung auf militärischem Gebiete bedeuten wird, da taucht auch bereits eiste neue Entdeckung von gleich großer Tragweite auf. Es ist das Lufttorpedo. Erfunden hat es der schwedische Oberstleutnant Unge; es ist be­reits in den Besitz der Firma Krupp in Esten übergegangen, die nun ihrerseits gewiß mit aller Energie und ihrem sehr weit reichenden Einfluß

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

56] (Nachdruck verboten).

, Sie werden fortfahren müssen, dasselbe zu wünschen", fiel Nelly ihm ins Wort. „Ich ge­brauche mein Geld selbst und bin nicht gesonnen, es Ihnen zu geben. Wnen Sie Geld gebrauchen, verdienen Sie sich solches. Ich würde mich schä­men, selbst wenn ich ein Dieb wäre, ein wehrloses Mädchen zu berauben!"

„Ich b'u kein Dieb, aber ich bin ein Räuber vom schrecklichsten Rus. Ich bin der rote Car- velli, öeffen Name gegenwärtig in ganz Italien nur mit Zittern genannt wird."

„Ich habe ihn nie gehört", erwiderte Nelly mit einer Ruhe, die den Räuber in Erstaunen etzte. „Es ist mir auch gleichgültig, wer Sie ind. Wenn Sie uns nicht berauben wollen, so assen Sie uns ruhig weiterziehen!"

„Ich muß das Geld der Signora haben."

„Mit meinem Willen werden Sie es nie be­kommen und es wird gut sein, keinen Versuch zu machen, es mir mit Gewalt zu nehmen. Ich werde mein Eigentum mit allen mir zu Gebote siebenden Waffen verteidigen. Nehmen Sie mei­nen Rat an, mein räuberischer Freund und ent­fernen iSe sich."

Des Mädchens Kühnheit bezauberte den Hauptmann. Um seine Schwäche vor den Leu- , Verbergen, welche mit Verwunderung Nelly s kühne Verteidigung angehört hatten, for­derte er Guido auf, ihm feine Börse zu geben. Der arme Guido antwortete nur mit einem halb melancholischen, halb ängstlichen Blick auf Nelly der vollkommen seinen geistigen Zustand verriet.'

„Er hat kein Geld", sagte Nelly. „Er ist ein unglücklicher Mensch, tote Sie sehen; die andern sind meine Diener. Ich habe das Geld für alle. Nehmt es, wenn Ihr könnt!"

Sie faltete die Hände über die Brust und blickte entschlossen auf den roten Carvelli. Die­ser starrte sie lange bewundernd an.

„Sie sind ein kühnes Weib", sagte er. „Die Natur hat Sie für unsere Reihen bestimmt — eine Banditenkönigin oder so etwas von dieser Art. Sie haben den Geist eines Mannes!"

„Hm, das ist ein zweifelhaftes Kompliment, wenn man sieht, daß Sie ein Mann sind", warf das Mädchen mit leichtem Spott hin.

„Sie wagen dem roten Carvelli zu trotzen? Sie können Ihr Geld behalten, Signora, ich will es nicht mehr haben, dafür aber will ich Sie neh­men. Bitte steigen Sie aus!"

Nelly weigerte sich. Erst als Geffrey von sei­nem Platz neben dem Kutscher herabgezogen und gebunden war, als man auch Mr. Iebb genötigt, den Wagen zu verlassen und sie gebunden hatte, und als endlich Guido aus dem Wagen gezogen werden sollte, zeigte sie sich zum Nachgeben be­reit.

»Legi feine Hand an ihn!" rief sie befehlend. »D^, meine Diener gefangen sind, werde ich frei- mittig, folgen. Aber diesen jungen Mann laßt unberührt das befehle ich Euch!"

„Rührt ihn nicht an, Kameraden!" befahl der rote Carvelli. „Laßt der jungen Dame ihren Willen."

Jetzt stieg Nelly aus dem Wagen und Guido folgte iyr.

Ter Hauptmann wandte sich jetzt an den Kut­scher und sagte:

„Geb Deines Weges und fei froh, daß Du mit dem Leben davon kommst!"

Lipari blinzelte dem Hauptmann vertraulich ;u, lenkte seinen Wagen um und fuhr auf dem- selben Wege zurück, den er gekommen war.

Nelly und ihre Begleiter blicktest ihm be­trübt nach.

„Bringt die Pferde!" befahl Carvelly.

Einige der Räuber fprangen in das Gebüsch und kehrten bald zu Pferde zurück, Jeder noch ein Pferd extra führend, von denen zwei mit Tarnen-

für die nötige Ausnutzung sorgen. Die Torpedo­batterien sollen nach der Angabe eines K.eler Blatter sehr schnell den Kavallerieabteilungen folgen können, die „Absendung" kann vom Kraft- wagen auS erfolgen, und sie soll sehr schnell gegen befestigte Stellung in Wirksamkeit treten können. Das Abfeuern soll kein Geräusch verursachen, wohl aber sollen die Torpedos mit Leichtigkeit Gewölbe und Schiffspanzer durch­schlagen. Man nimmt sogar an, daß diese neuen Lufttorpedo sich auch gegen Luftschiffe verwenden lassen.

):( Die Steuern in Deutschland. Nach einer statistischen Zusammenstellung wurden in Deutsch­land im Jahre 1907 (nach den Voranschlägen) 2070 Millionen Marl Steuern und Zölle er- hoben, und zwar vom Reich 1351 Mill. Mark, von den Bundesstaaten 719 Millionen Mark. Von der Summe entfallen auf direkte Steuern 534, auf Zölle und Aufwandssteuern 1231 (Reich 1150, Bundesstaaten 81), aus Verkehrs- steuern 248 (Reich 165, Bundesstaaten 63) und auf ErbschastS- und Schenkungssteuern 57 (Reich 36, Bundesstaaten 21) Millionen Mark. Die direkten Steuern machen rund 75°/, des gesamten Steuerbetrages aller Bundesstaaten aus. Im Reich bilden die Zölle die Hauptein­nahme mit 51,3% des getarnten steuerlichen Ertrages. — Es werden also im Reich und in den Bundesstaaten zusammengenommen 3mal soviel indirekte Steuern als direkte erhoben.

• Die Parität in Worten und in der Tat wirb treffend beleuchtet durch die brutale Art. wie die liberale Stadtverordnetenmehrheit in Witten es zweimal abgelehnt hat, dem bisher überhaupt nicht vertretenen Drittel der dortigen katholischen Bevölkerung durch die Wahl eines katholischen Mitgliedes eine Vertretung im Magistrat zu her- schaffen und die Bereitwilligkeit, mit welcher da­gegen die Zentrumsmehrheit in katholischen Städten protestantischen Wünschen gerecht gewor­den ist. So wird jetzt der „Köln. Volkstg." aus Bottrop geschrieben: Die frühere katholische Rektoratsschnle hat sich zu einem Gymnasium in der Entwicklung ausgestaltet. Die Genehmigung der zuständigen Behörden war nur unter Ein­führung des paritätischen Charakters der Schule zu gewinnen. Es handelte sich nunmehr um die Anstellung eines neuen Oberlehrers. E'fit etwa vier Tage vor der Sitzung des Kuratoriums er­hielten die Mitglieder Kenntnis davon, daß die­ser Punkt auf der Tagesordnung stand. Der Vorsitzende verlas aber schon in der Sitzung ein Schreiben des evangelischen Pfarrers, worin die­ser unter Hinweis auf den paritätischen Charakter der.Schule um Anstellung eines evangelischen Oberlehrers ersuchte. Die Anstalt wird von 187 Schülern besucht. Darunter sind 13 evangelisch. Das Kuratorium, in dem sich ein evangelisches Mitglied befindet, verhielt sich zustimmend. — Schroffer kann man sich die Gegensätze, in denen sich das Verhalten einer „liberalen" und einer katholischen Mehrheit bekundet, wohl kaum den­ken.

* Gelsenkirchen, 15. Juli 1908. Ein offen­bar tüchtiger Geschäftsmann — er ist Zigarrenhändler — ist es, welcher behauptet, er sei wegen Wahlenthaltung bei der letzten Land- tagswahl von dem hiesigen Zentrum boykottiert worden. Für diesen Boykott liegt allerdings keinerlei Beweis vor. In der »Rhein.-Westf. Ztg/ wird aber folgende Reklame für das betreffende Geschäft gemacht:

„In Erinnerung daran möchte ich an die liberale Gesinnung aller Nicht-Zentrumsanhänger, auch unter

fötteln ausgerüstet waren. Der rote Carvelli bat Nelly, in einem derselben Platz zu nehmen und war ihr beim Aufsteigen behülflich. Mr. Iebb wurde in den andern gesetzt und endlich wurden auch Guido und Geffrey, Jeder auf ein Pferd gehoben.

„Wie?" sprach Nelly bei sich selbst und ein leiser Verdacht stieg in ihr auf. „Vier Pferde und es sind gerade vier Gefangene! Zwei Da­mensättel und es sind gerade zwei Frauen, welche darin Platz nehmen! Ein sonderbares Zusam- mentrcffen, wenn es überhaupt ein Zusammen- treffen ist."

Sie blickte scharf den Hauptmann an, welcher ihren Blick zu verstehen schien und deshalb dem­selben auswich. Er erfaßte den Zaum von Nelly s Pferd, um dieses zu leiten, während die Pferde der Uebrigen von den andern Räubern geführt wurden.

„Sie haben gewiß schon viel von den italieni­schen Räubern gehört, Mylady?" sagte der rote Carvelli. „Nun haben Sie das Vergnügen, per­sönlich deren Bekanntschaft zu machen. Ich bringe Sie jetzt nach unserm Lager, wo Sie Gelegenheit haben, die freie und lustige Monarchie der Söhne des Waldes studieren zu können."

„Einen Augenblick noch!" sagte Nelly. „Wie wäre es, wenn ich mich dazu verstände. Ihnen mein Geld zu geben?"

„Tas ist jetzt zu spät, Mylady. Ich wünsche nicht mehr Ihr Geld, sondern Sie selbst zu be­sitzen. Ihr Schicksal ist besiegelt! — Vorwärts, Kameraden!"

Ter Zug setzte sich in Bewegung und schlug einen versteckten, fast undurchdringlichen Pfad ein, um nach der Bergfeste des roten Carvelli und desien Bande zu gelangen.

XXV.

Beseitigt. ,

Der kurze Dezembertag neigte sich zu Ende, als Ferdinand Brander mit feiner Stunt und dem

den Katholiken, in Gelsenkirchen appellieren, der vom Zentrum boykottierten Zigarrendandlung ihre Kund­schaft zuzuwenden. Für ;eden verlorenen Zentrums- groschen ein nationaler Taler! Dann verfehlt der Boykott seine Wirkung, »um Besten des Geschädigten und zum Aerger der Anstifter!"

Man stelle sich einmal den Fall vor, daß Zentrumswähler sich einem industriellen Werk« gegenüber, daS nachgewiesenermaßen den Wahlterrorismus so weit trieb, daß es Arbeiter entließ, die nicht nationalliberal wählten; ähnlich verhielten, wie es die ,Rhein.-Weftf. Ztg/ hier verlangte, und demselben jeden Auftrag entzögen l Würde da sich nicht ein entsetzliches Gejammer erheben über Uebertragung der politischen Gegen­sätze auf das wirtschaftliche Leben! Den National­liberalen aber muß jedes Mittel recht sein. Der Zigarrenhändler in Gelsenkirchen aber — daS muß man ihm lassen — versteht sein Geschäft; er spart sich die Annoncen, die sich die .Rhein.- Westf. Ztg/ sonst teuer befahlen lassen würde, indem er über den „Klerikalismus" jammert.

* München, 16. Juli 1908. Die Vorlage betr. die Beamtenaufbesserung wurde heute im Landtage einstimmig angenommen. Die Mehrausgabe pro Jahr beträgt 9 060000 Mark.

* Greiz, 16. Juli 1908. Das Landratsamt hat wegen der Typhusepidemie die Abhaltung des Thüringer Katholikentages verboten, der für den nächsten Sonntag einberufen war.

— Prozeß Eulenburg.

Nachdem die Verhandlung wegen der plötzlich eingettetenen Erkrankung deS Fürsten zwei Tag« hatte ausgesetzt werden müffen, wurde gestern die Beweisaufnahme im Konferenzsaal der Charitee, wohin der Fürst gebracht worden war, fortgesetzt. In dem Befinden des Angeklagten ist eine leichte Besserung eingetreten. Da immer noch neue Zeugen geladen werden, ist ein End« der Beweisaufnahme noch nicht abzusehen. Wann wieder in Moabit verhandelt werden kann, darüber sind sich die Aerzte noch nicht einig; doch kann der Prozeß auf die Dauer in der Charttee wegen der Unzulänglichkeit der Räume nicht wettergeführt werden. Das Gericht hat übrigen- jetzt einen Gerichtsberichterstatter zu- gelassen. — Gestern wurden die beiden Schöffen, die im Staedtele-Prozeß mitgewirkt hatten, ver­nommen. Beide sind der Ueberzeugung, daß di» beiden HauptbelastungSzeugen Ernst und Riedel die Wahrheit gesagt und zu ihrer Aussage weder durch Bestechung noch durch Drohung gebracht worden find. AlS der Oberstaatsanwalt Jten- biel bei dieser Gelegenheit den Angeklagten fragte ob er, wenn er im Staedtle-Prozeß alS Zeug» vernommen worden wäre, auch dort beschworen hätte, daß er mit Ernst und Riedel nichts zu tun gehabt habe, erklärte der Fürst: „Aber ganz gewiß, ich würde eS auch beschworen haben." AlS der Vorsitzende den Fürsten fragte, wie er sich den in dem Briese an Ernst enthaltenen Satz: „ES fei alles verjährt", erkläre, meint» dieser, das habe sich in den schnell geschriebenen Bries wohl so hineingeschlichen. — Hierauf teilt» der Vorsitzende den Inhalt eines Briefes mit, de» Fürst Eulenburg an den Kaiser gerichtet hat und der bei der Haussuchung im Hause des Hof- rateS Rietler beschlagnahmt und bann vom Ge­richte auS eigener Machtvollkommenheit geöffnet wurde. Derselbe enthält eine äußerst warme Für­sprache des Fürsten für Kistler. Fürst Eulenburg bestritt entschieden, jemals in unerlaubten Be-

Kinde Gloucester verließ, um mit der Eisenbahn nach dem öden rauhen Norden des Landes zu fahren, wo er Fanny mit dem Kinde in einem abgelegenen Landhäuschen unterzubringen ge­dachte, wo sie in Abgeschlossenheit leben und ster­ben sollte.

Brander hatte dafür Sorge getragen, daß sie in einem Koupee allein blieben. Fanny legte ihr schlafendes Kind auf das weiche Polster und deckte es mit ihrem Shawltuch zu; dann setzt» sie sich cn ihres Gatten Seite und legte ihre« Kopf zärtlich an ff ine Schuller.

„Wie wohltuend ist es, den Gatten wieder zu haben, auf den man sich stützen und zu dem man vertrauensvoll aufblicken kann", sagte ft» lächelnd und seufzend.

Brander schlang seinen Ann um sie und strich mit der andern Hand über ihre Stirn.

„Du kannst nicht mehr vertrauensvoll zu mir aufblicken", erwiderte er mit scheinbarer Bitter­keit, „wie tief muß ich in Deiner Achtung ge­fallen sein, Fanny. Wie sehr mutzt Du mich ver­abscheuen!"

„O nein, nein!" rief Fanny leidenschaftlich; „gewitz nicht, mein lieber Ferdinand! Du hast Deine Tat bereut, sobald Du sie ausgeführt hat­test. Ich blicke mit Vertrauen und Stolz auf Dich und bitte Tag und Nacht Gott, daß uns« Kind Dir gleich werden möge!"

Eine geisterhafte Blässe bedeckte Brander» Gesicht bei diesen aus reinster Seele sprudelnde» Worten; tiefe Furchen lagerten sich auf feine Stirn und ein wirklich schmerzlicher Zug umflog feine Lippen. Ein Gefühl von Trauer und Mit­leid für seine arme Fran erfüllte fein Herz.

„Ter Himmel gebe, daß es ein besser« Mensch werde, als ich eS bin", sagte er mit ern­ster, bebender Stimme.

Es trat eine Pause ein.

„Hast Du Dich schon entschlösse«, Ferdinand, wohin wir gehen?"

Kortketzung folatj