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M 161.
Fulda, Donnerstaq beit 16. Juli 1908.
35. Jahrqanq.
K Die Bewegung im Flottenverem hat sich zu einer Niederlage deS Bülow'schen Wahlmachers Keim gestaltet.
General Keim hatte durch seinen Austritt das Signal zur Scheidung der „Aufrechten" von den „höfischen Leisetretern" gegeben und seine An. Hänger rechneten uns öffentlich vor, daß min. bestens 140 000, vielleicht sogar gegen 200000 Mitglieder den entarteten Verein verlassen und unter der bewährten Führung von Fürst Salm und General Keim einen wirklich unabhängigen und wirklich deutschen Flottenverein begründen würden. Und wie ift's geworden? Fürst Salm und General Keim stehen so ziemlich allein da; nur der Vorstand (nicht einmal die Mitglieder- Versammlung) der gerneqroßen Gruppe von Schwarzburg » Rudolstadt ist dem Rufe gefolgt, und anscheinend noch der Vorstand der Gruppe Westfalen. All' die anderen Verbände, auf welche der austretende Kampfhahn gerechnet hatte, haben es vorgezogen, in dem alten Verein zu bleiben, obschon ihnen die Keimprefle so klar dargelegt hatte, daß sie durch Höflinge, Anhängsel des ReichSmarineamts und Sklaven der „ultramontanen" Bayern würden.
Also, wie General Keim hoffte, ist eS nicht gekommen. Wenn eine gründliche Scheidung eingetreten wäre, hätte sie auch ihr Gmes gehabt. General Keim gehört zu unseren erklärten und bewährten Gegnern, aber man kann doch ein ge- wiffes und menschliches Mitleid mit dem tragischen Geschicke dieses übereifrigen Mohren haben, der nach getaner Schuldigkeit gehen kann. Doch daS Jnterefle des inneren und äußeren Friedens geht allem anderen vor, und von diesem Gesichts- punkte aus ist die Niederlage der alldeutsch-kulturkäm pferis ch en Raufbolde a!S eine erfreuliche Tatsache zu verzeichnen.
In der Keimpresse, zu der vor allem daS Berliner Organ des Evangelischen Bundes, dir ,Tägl. Rundschau', gehört, ist in den letzten Tagen ;tine resignierte Stille eingekehrt, die wunderlich ab sticht von der flammenden Hetzberedsamkeit, die uns noch im Ohre nachklingt. Allzu scharf macht fichartig 1 Die kulturpaukerischen Alldeutschen haben ;eine tüchtige Scharte davongetragen: sie werden deshalb ihre Aüsichleii und ihre Ansichten wohl ändern, aber ihre Taktik werden sie doch wohl revidieren müffen. Mit dem faror, der für General Keim das Lebenselement ist, lassen sich, wie man sieht, die Mauern nicht einrennen. Man wird mehr in der Stille und auf Umwegen zu wirken suchen.
Fürst Salm ist bekanntlich vor seiner Beschlußfassung über Annahme oder Ablehnung der Wahl zu Hose gegangen. Obschon er der Vertrauensmann der „Unabhängigen" war, hat er doch die Entscheidung der höchsten unverantwort- lichen Stells zugeschoben. Der Abfall des Fürsten Salm am Hofe zieht eine zweifache Wirkung nach sich. Einerseits wird die Niederlage der Extremen dadurch noch verschärft, da General Keim nicht bloß von der („undankbaren!") Regierung, son- dern auch von der höchsten Stelle desavouirt erscheint. Andererseits gewinnt es den Anschein, 'daß der Fortbestand des Flottenvereins unter dem Präs'dium v. Köster durch die Autorität des Hofes gesichert worden sei.
Dieser Umstand ist von erheblicher Bedeutung. Dar Ausland hatte sich bekanntlich schon daran gewöhnt, den Flottenverein unter der
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
M] (Nachdruck verbotm).
Er verließ das Zimmer und ging hinunter tn die Gaststube, wo er sich nach dem Abgang der Eisenbahnen erkundigte. Dann bat er um Schreibmaterial und schrieb zwei Briefe. Einen Harry, tn welchem er demselben mit» .eilte, daß er Mrs. Brander gefunden habe, aber rn einem Zustands von- Erregung und Angst, daß er es für seine Pflicht gehalten habe, dieselbe nicht allein reisen zu lassen, ihr vielmehr feine Begleitung nach London anzubieten und sie nicht eher zu verlassen, bis er sie an Bord des Danip- IEr.7> gebracht habe. In einem zweiten Briefe druckte er Ella sein tiefes Bedauern aus, daß er sich auf einige Tage von ihr habe losreißen müssen; er hoffe, daß sie seine plötzliche Abreise und fern Fernbleiben entschuldigen werde, da nur Mitleid und ein gewisses Pflichtgefühl ihn veranlaßt hatte, sich der Frau seines armen Freundes anzunehmen.
Er siegelte die Briefe zu und schickte einen Boten damit nach Harrington Hall; dann ging er langsam die Treppe hinauf, nachdenkend, wo- hm er Fanny und das Kind bringen sollte.
XXIV.
Der Ueberfall.
Nelly und ihre Begleiter hatten sich am nächsten Morgen nach ihrer Ankunft im Gasthof zum Desuv früh vom Lager erhoben und waren bereits reisefertig, als die Wirtin ins Zimmer trat und das Frühstück brachte.
„Sie werden entschuldigen, Signora, wenn kch Sie nach Ihrem Nanren frage", sagte Giu- ditta höflich, während sie das Geschirr auf dem ausbreitete. „Sind Sie nicht Miß Wil-
Keim'schen Leitung als den eigentlichen Repräsen- tauten der wirklichen deutschen Flottenpolittk oder yar d« hoben Politik überhaupt zu betrachten. Fortan wird daS Ausland geneigt fein, vom Köster'fchen Flottenverein dasselbe anzunehmen. Vielleicht wird man sogar in noch erhöhtem Maße an den offiziellen Charakter diele« Vereins glauben. Daran« ergibt sich für Herrn v. Köster und seinen Gehilfen die Pflicht, die VereinStätigkeit in die Bahnen der Mäßigung und Besonnenheit zu hallen, damit alle Miß. verständniffe und Aergerniffe vermieden werden.
Diese Aufgabe wird um so schwerer zu er- füllen (ein, je mehr alte GesinnungSgenoffen de« General« Keim im Verein verbleiben. Insofern wäre, wie schon oben angedeutet, die reinliche Scheidung bet Geister von Vorteil gewesen. Jetzt hängt alle- davon ab, ob Herr v. Köst« und sein Milarbetter die genügende Festigkeit und Klugheit haben, um die Scharfmacher im Zaum zu halten.
Deutscher Reich
Allerlei Treibereien.
Der Londoner .Standard' hatte sich auS Petersburg melden lasten, daß dort eine allgemeine Beunruhigung herrsche, die auf einen Brief bei deutschen Kaisers an den Zaren zurückgeführt werde. Eine derartige Wirkung emes Briefe- des deutschen Kaisers ist, so schrndt die .Köln. Ztg/, auS dem einfachen Grunde auSgeschloffen, weil ein solcher Bries weder geschrieben noch abgegeben worden ist. Wenn daher der .Sttnbarb' sein« Meldung auf den Grund gehen wollte, würde er sehen, daß ei sich habet um einen neuen Versuch handle, Deutschland für die beunruhigende Auf- sastung bet Lage verantwortlich zu machen, wobei eS bahingestellt bleiben kann, ob eine solche Auffassung in Petersburg wirklich besteht oder nicht. Auch die Mitteilungen bei .Standard' über Einzelheiten bei angeblich für ben Herbst geplanten Besuch ei bei deutschen Kaisers in Rußland werden von der .Köln. Zig/ als unzutreffend «klärt.
* Zeitungslektüre deS Kaisers. Zu der Nachricht, nach b« der Kais« einen Wechsel in seiner Zeitungslektüre vorgenommen haben soll, bemerkt eine Berlin« Korrespondenz, daß der Kais« schon seit g«aum« Zeit keiner bestimmten Zeitung ein Monopol eingeräumt hat, vielmehr nach seinem Gutdünken unt« den bei Hofe gehaltene Zeitungen wähle. DaS System, dem Kais« an Hand von Ausschnitten üb« die Meinungen der Blätt« deS Re chS Orienti«ung zu verschaffen, habe aber dadurch kerne Ein uße gelitten. Der Kais« liebe e« aber, augenblicklich mehr denn je Zeitungen unbeschnitten zu lesen. Für die No'dlandreise deS Monarchen sei ein ziemlich« Zeitungspark bestellt worden, da der Kaiser g«ade bei Reisen in das Ausland sich mit Zeitungslektüce in weit höherem Maße als im Reiche selbst befaffe. Der Monarch begnüge sich auch deS öfteren nicht mit einem ihm übergebenen Ausschnitt, sondern lasse sich die den Ausschnitt enthaltende Zeitung nochmals unzer- schnitten vorlegen.
♦ Beim preußischen Abgeordnetenhause find insgesamt 52 Einsprüche gegen die Giltigkeit der zuletzt vollzogenen Wahlen eingegangen.
Nelly fuhr überrascht zusammen.
„Warum wollen Sie das wissen?" fragte sie.
„Weil — wegen — nun, ich will offen spre- chn, Signora", erwiderte Giuditta. „In Neapel ist ein vornehmer Engländer angekommen, welch« seine entflohene Mündel sucht. Er ist ein Signor Gildon und kommt von Sizilien. Der Name der jungen Dame, die er sucht, ist Miß WilkinS; in ihrer Begleitung sollen zwei Dien« sein und ein geisteskranker junger Mann, Namens Brand«", und sie blickte bedeutungsvoll aus Guido Harrington.
Nelly erbleichte; sie zweifelte nicht, daß ihr Vormund ihre Spur entdeckt hatte und ihr nach Neapel gefolgt war.
„Ist er hier?" fragte Nelly hastig. „Ist er hi« im Gasthof?"
„Nein, Signora, aber mein Bruder, welcher soeben von Neapel kam, erzählte, daß Signor Gildon gestern abend in Neapel angekommen ist, alle Hotels nach seiner entlaufenen Mündel durch 'uckst und an den Landungsbrückom und Bahnhöfen Polizisten aufgestellt hat, um aus die arme junge Dame zu fahnden. Ein Polizei- svion erzählte dies meinem Bruder und fragte ihn, ob « die Flüchtige gesehen hätte."
Nelly'S Mut war bei dies« einfachen Erzählung geschwunden. Sie beschloß, sich d« Wirtin anzuvertrauen, deren Teilnahme zu erwecken und sie um Schutz zu bitten.
.Dieser Hallunke!" rief Giuditta, als Nelly ihre Lage geschildert hatte, mit scheinbarer Entrüstung. „Er soll Sie nicht fangen, ich werde Sie verteidigen und beschützen. Und doch, was soll ich beginnen? Ah, ich habe es!" rief sie nach einer Weile ernsten Nanchdenkens freudig. „Sie können in einem Wagen das Land durchkreuzen und auf einer Station, etwa im Termoli, die Obstbahn besteigen, um über Turin nach Frankreich zu gehen, oder nach Deutschland. Die- ist ein annehmbar« Vorschlag."
U. a. ist gegen die Wahl aller Sozialdemokraten Protest eingelegt worden. Ebenso wie b« größte Teil von biesen bürsten auch die anderen Ein- sprüche so gut wie aussichtslos fein. — Auffallend groß ist bie Zahl der Proteste auS dem RegiCTUngSbezirk Raffet Hl« wurde Protest er- hoben gegen bie Wahl von Dr. Wend land (natlb., Efchwege-Schmalkalden), Tuerke (kons., HerSseld-Rotenburg), v. Stockhaufen (konf., Landkreis Kaffel-Witzenhausen) und o. Nege- lein (kons., Marburg-Kirchham).
)-( Keine neue Militärvorlage. Einige Blätter hatten Gerüchte wied«gegeben, wonach für die nächste Zeit schon roieber eine große Militärvorlage in Aussicht stehe. Offiziös wtrd dazu be- merkt baß diese G«üchte durchaus jeder Grundlage entbehren.
0 LIS neuen Erzbischof von Posen wissen die B'ätter fedkn Tag andere Namen zu verbreit«. Bal soll ein MilitärgerstUcher, bald ein OrbeiSmann, bald ein schlesischer Weltgeist, sicher auf den Stuhl erhoben werden. DaS sind alleS reine Vermutungen, denn die ganze Frage ist auf dem toten Geleise angekommen, und zwar lediglich infolge deS Verhalten« b« preußischen Regierung, bie gar keinen Kandibaten mehr findet, den sie Vorschlägen könnte. Es ist ganz begreif, sich, baß jeder Priest« es adlehnt, dieses undankbare Amt zu übernehmen; denn ein deulfcher Geistlicher kann hier gar nicht mit Erfolg arbeiten, und einen polnischen Priester will bie Regierung an dies« Stelle nicht haben. Ob aber bie Interessen der katholischen Kirche barunter leiben, daS scheint ben großen Freund b« katholischen Kirche auf dem Sessel deS Reichskanzlers nicht besond«S zu kümmern. E« wäre befj« gewesen, « hätte bei seinem Besuche im Vatikan sich um biefe brennenbe Frage gekümmert und eine Lösung versucht, statt daß « sich Üb« daS Zentrum mit bem Papste, bem Kardinal- Staatssekretär und dem Kardinal Rampolla unterhalten hat. Dann hätte bie Rene doch wenigstens einen praktischen Wert gehabt.
— Fürst Eulenburg, der Vorkämpfer des protestantischen Kaisertums. Der politische Exkurs he» angeklagten einstmaligen kaiserlichen Günstlings ist gewissen Negierungskrei- s e n sichtlich unangenehm, weil hier ein Wissender den Schleier von Dingen gezogen hat, die beim katholischen Volksteile naturgemäß große Beunrubigung wachrufen müssen. Die „Franks. Ztg." ist deshalb flugs zur Stelle, um den Eulenburg'schen Verteidigungskniff als durchaus harmlos hinzustellen. Sie meint, als Eulenburg Gesandter in München und Botschafter in Wien gewesen, habe das Zentrum als ausschlaggebende Partei in Macht und Einfluß gestanden und man hätte es keinem Botschafter raten dürfen, fick' als seinen Gegner zu bekennen. Und wenn es heute einer täte, wie es Eulenburg zu seiner Verteidigung jetzt tut, so wäre er auch unmöglich. — Sachte! Tatsache ist doch, daß Eulenburg von München aus das Zedlitzscke Schulgesetz zu Falle gebracht hat, Tatsache ist, daß er den Grasen Caprivi gestürzt hat, und zwar nicht zuletzt deshalb weil er sich auf das Zentrum stützte, Tatsache ist schließlich, daß er der gewaltsamen Polenpo - l i t i k mit ihrer katholikenfeindlichen Spitze die Bahn gebrochen hat. Daß ein solch« Mann seine diplomatische Tätigkeit ebenfalls dazu benutzt hat, feiner Protest antischen Lebens- auffaflung Vorschub zu leisten, ist nur zu klar und wegen der preußischen Kirchenpolitik seit den Tagen Joachims II. auch durchaus her-
„Ganz annehmbar!" bestätigte Nelly und ihr Gesicht heiterte sich wieder auf. „Ich möchte so- gleich aufbrechen. Können wir ein Fuhrwerk bekommen?"
„Gewiß, Signora", antwortete Giuditta hastig. „Ich weiß einen Mann, namens Lipari, der Sie nach Termoli fährt. Ich will meinen Bruder feg leid) zu ihm schicken."
Giuditta hatte nicht gewagt, Nelly die mit ihrem Bruder verabredete Tour nach Chieti vor- Zuschlägen, da dieses keine Eisenbahnstation war und ftt fürchtete, dies möchte der jungen Dame bekannt fein.
Sie eilte die Treppe hinab und informierte ihren Mann von ihrem Erfolg, worauf sie bann Giacomo zu Lipari sandte, mit dem Auftrag, daß er sogleich vorfahren solle.
Als dieser vor dem Gasthof erschien, erhielt « von Palestro und dessen Frau seine geheimen Instruktionen, worauf Giuditta hinauseilte, um len Fremden mitzuteilen, daß der Wagen ihrer harre.
Nelly ging mit Guido die Treppe hinab nach dem Wagen, gefolgt von Mrs. Jebb und ihrem Sohn, welcher das Gepäck trug, und wenige Minuten später fuhr der Wagen unter den Grüßen Palestcos und Giudiftas davon.
Es war bereits gegen Mittag, als die Reisenden di« Schlucht erreichten, wo der rote Car- velli mit feinen Leuten lagerte, um der kleinen Gesellschaft aufzulauern.
„Ich habe nicht daran gedacht, einige Lebensmittel mitzunehmen, sagte Nelly. „Wir müssen im nächsten Wirtshaus einkehren. Wahrscheinlich werden wir auch die Pferde wechseln müssen, denn es sind von Neapel nach Termoli beinahe neunzig englische Meilen."
„Wir müssen bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, Miß Nelly, bemerkte Mrs. Jebb.
„Nicht ganz", entgegnete Nelly. „Wir können höchstens vierzig Meilen hinter uns haben.
stündlich. Das geschieht natürlich nicht in fe arobklotziger Weise, daß es von jedermann sofort begriffen werden kann, sondern, wie wir schon betont haben, in der feinen diplomatischen Fo r m, wie sie gerade dem Fürsten Eulenburg eigen war und nach einer anderen Richtung auch bem Fürsten Bülow gefährlich zu werben drohte. Ter Angelpunkt der preußischen Diplomatie hat ja von jeher darin bestunden, dem Protestantismus in den Südstaaten politisch Vorschub zu leisten. Fürst Eulenburg bat mit dem Hinweis auf diese seine Tätigkeit nicht nur auf die Geschworenen wirken wollen, sondern auch nach einer höheren Stelle gezielt. Es sollte heißen: „Ich weiß viel, ihr seid gewarnt!" DaS ist unsere Auffassung von der Sache.
(*) Noch ein Kaisertoast des Generalsuper» intenbenten Nmbeck. In frischer Erinneiung ist noch bie Rede, bie der ©eneralfuperintenbent der Rheinprovinz, Umdeck, bei der Einweihung ber Christuskirche in Duisburg im Mai b. IS. gehalten hat. Er sagte damals: „Es ist, weil wir Evangelische sind, für uns hocherfreulich, daß wir nicht nötig haben, erst über bie Alpen zu blicken und jenseits Berge ein Oberhaupt zu grüßen und bann erst nach Berlin, des ReicheS Hauptstadt zu sehen . . . Wir haben es mit dem von Gott eingesetzten Kaiser zu tun, mit weiter niemand!" Den berechtigten Protest gegen diese Aeußerung im Munde eines protestantischen Kirchenbeamten ber Rheinprovinz glaubte bit nationalliberale ,Rhein- und Ruhrzeitung" mit der Redewendung ablun zu können: Man werb« doch auch aussprechen dürfen, „was gut evangelische Uederzeugung ist". Daß es sich bei Herrn Umdeck allerdings nicht um eine rednerische Entgleisung, sondern um den nackten Ausdruck seiner evangelischen Ueb«zeugung handelte, das beweist die Rede, die « kurz danach, am 25. Mai, bei Gelegenheit der Einweihung der evangelischen Kirche in b« Irrenanstalt Tannenhof bei Lüttringhausen gehalten hat. In das Programm der Fei« war, wie wir b« .Köln. VolkSztg/ entnehmen, ein Festessen aufgenommen, an bem auch Vertreter der der staatlichen Behörden teil- nahmen. Als Setheler der Provinzialfynod« begründete Herrn Umdeck ein Hoch auf den Kaiser folgendermaßen:
Ausgehend von bem Hinweis auf die Einweihung der Christuskirche in Duisburg, die vor einigen Tagen stattgefunden unb bei der er hervorgehoben habe, welchen Segen es für die dortige Gegend fei, daß sie schon 1618 unter die Herrschaft der Hohenzollern gekommen sei, stellte er dem entgegen, daß das Bergische Land erst 1815 unter das Zepter der Hohenzollern gekommen sei. Bis dahin habe es unter der Herrschaft eines katholischen Fürstenhauses gestanden, wodurch die evangelische Religion bedrängt und bedrückt worden sei. Welche Wendung unt« cet Hohenzollernherrichast eingetreten fei, zeige sich darin, daß heute zur Einweihung einer evangelischen Kirche ein Betitelet des Landeshauptmannes auf Düsseldorf erschienen seit Wenn die Evangelischen auf ihr Herrscherhaus bilden, dürften sie auch für di« Zukunft beruhigt sein. Wie anders sehe es in dtef« Hinsicht in den beiden süddeutschen Staaten Baden und Württemberg aus! In beiden Staaten steh« zu befürchten, daß die Hernchaft an katholisch« Fürsten übergehe. Dann würde eS für die Evangelischen dort nicht mehr so bleiben wie bisher. Man denke sich, ganz Süddeutschland unter katholischen Fürsten; traurige Zeiten würde« bann über die Evangelischen hereinbrechen.
Dies« Faden wurde von bem Festrebn« noch weiter gesponnen, und eS scheint ihm gar nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein, welch« grundlose Verdächtigung « damit gegen Mitglied« süddeutscher Fürstenhäuser geschleudert
Ich werde hungrig. Ob wir denn nicht bald ein Wirtshaus antreffen?"
Sie beugte sich aus dem Wagen, um sich nach einer menschlichen Wohnung umzusshen; aber ringsumher zeigte sich das Bild einer einsamen Gebirgsszene. Sie war gerade im Begriff, einige Fragen an den Kutscher zu tun, als plötzlich dicht neben dem Wagen ein Schuß fiel und gleich darauf eine Bande von etwa sechs Mann aus dem Gebüsch hervorsprang, deren Führer dem Kutscher ein gebieterisches „Halt!" zurief, welchem dieser sofort Folge leistete.
Tie malerische Tracht dies« Männer verriet sogleich ihren Charakter.
Der Führer, welcher kein anderer als der rote Carvelli war, hatte seinen Bauernanzug mit einer Jacke und einer Kniehose von schwarzem Sammet vertauscht; seine Kopfbedeckung bestand ebenso wie die der anderen Räuber, in einem hohen spitzen Hute, nur zum Abzeichen von den Uebrigen mit einer großen Feder verziert.
Der rote Carvelli zog seinen spitzen Hut und näherte sich mit einer respektvollen Verbeugung dem Wagen.
„Pardon, Mylady", sagte er mit einer ihm sonst nicht geläufigen Höflichkeit. „Es tut mit leid, sie zu belässigen —"
Nelly begriff sofort, daß sie einer jener Banden in die Hände gefallen war, welche das unglückliche Italien unsicher machen und der Schrek- fen aller Reisenden sind. Sie beherrschte sich deS» halb und begegnete dem Blick des roten Carvelli voll Mut und Unerschrockenheit.
„Es tut Ihnen leid, mich zu belästigen und doch tun Sie es!" sagte sie, als der Bandit stockte. „Jedoch Sie verlangen mein Geld oder mein Leben. Ist es nicht so?"
„Nein, Signora, Sie sind im Irrtum. @1 liegt durchaus nicht in meiner Absicht, einer so jungen, hübschen Dame das Leben zu nehmen. Ich wünsche nur Ihr Geld —"
(Fortsetzung folgt.)