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MdaerW Zeitung

35. Jahrgang

Fulda, Montag den 13. Juli 1908,

M 158.

Monatrbellager „Sulbctcr EeschichtZblätter"

w»chmb«!iag-:,Illustrierte Sonntag-zeitung"

Anzeige«: Vie ti* spaltige petitzrile oder deren Raum ZS Psg. Reklamendrepetitzeil« 25 Psg., bei Wieder­holungen wird rntspr.

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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer As. ttendruckerei in Kulda Zernsprecher Rr. 9.

Erscheint täglich mit Aumahme der $o;m- und Zeiertage. viertel­jährlicher Vezugspreir ohne vringerlohn und vestrSgeldinzuldaso. wieamwärtrZ-SvMl.

verantw. Redakteur: Sarl Schütter

Deutsches Reich.

□ Der Krach im Flottenverein.

Die „Unentwegten" des Deutschen Flotten- Hereins werden nach der Deutschen Tagesztg.' dieser Tage unter Führung des Generals Keim in Weimar zusammentreten, um über ihre weiteren Entschlüsse zu beraten.

Die.Rhein.-Westf. Ztg.' ein Organ der Un- entwegten, hatte gemeldet, daß nach ihren Informationen mindestens 140000 Mitglieder aus dem Flottenverein austreten würden. Nach der »Deutschen Tageszeitung' sind aber bisher höchstens 20—30 000 Personen ausgetreten. Der Ausschuß deS Westfälischen Provinzial. Verbandes des Flottenvereins erklärt in einer „Begründung" seinen Rücktritt damst, daß eine gedeihliche Mitarbeit mit dem bayerischen Ver- band als ausgeschlossen gelten müsse.

In der ,Tägl. Rundschau' beglückt General Keim die Leser seines Leibblattes mit einem langen Artikel. Er führt darin aus:

Das neue Programm sei im wesentlichen das alte, Herder Ton mache die Musik, ganz besonders im Flottenverein, „der nur durch eine rege, kraftvolle Tätigkeit ohne Rücksicht auf partikularistische Bestrebungen und in vollster Unabhängigkeit seiner großen nationalen Aufgabe gerecht werden kann". Nach einigen recht gepfefferten Ausfällen gegen die, die die maßlose Agitation für eine uferlose Flottenver­mehrung mit dem Jntereffe des Landes und ihrem Gewißen nicht vereinbaren können, kommt er zum Schluß: Für jeden, der Taten sehen wollte, sei der Weg vorgezeichnet: „Austreten auS einem Verein, der augenscheinlich nicht den Mut fand, die Folgerungen aus den Erfahrungen mit den schon wiederholt gemachten „Friedensschlüssen" in würdiger und fester Weise zu ziehen". Großadmiral v. Köster bekommt das zweifelhafte Zeugnis, daß er zwar ge­sonnen sei, den allen Kurs emzuhalten, „aber der Wille genügt hier nicht, da können nur Taten helfen. Vor allem müßte der b ayerische TerrortSmuS ge­brochen werden und was drum und dran hängt. Die Vorgänge im bayerischen Landesverbände machen das geradezu zur Pflicht". Dann müßte eine frische, groß zügige Agitation aufg.enommen werden, ohne jede Leisetreterei."

Herr Keim steht also noch immer auf dem Standpunkte, wie das ja auch seine westfälischen Freunde tun, daß die Bayern den Verein terrorisierten. Daß es sich bei dem Vorgehen der Bayern lediglich um eine Abwehr einer ge- radezu maßlosen, mit den Vereinssatzungen un­vereinbaren Agitation der Keim-Gesellschaft Han- delle, werden die „Nentwegten" natürlich nie» staks zugeben.

* Begegnung des Kaisers mit der englischen Kanalflotte. Aus Gothenburg telegraphiert der Gothenburger Korrespondent der ,Pall Mall Gazette' seinem Blatte folgenden Bericht eines Offiziers der britischen Kanalflotte, der Augen­zeuge des Vorganges gewesen sein will:

Als die britische Flotte am Dienstag abend in der Bucht von Alback an der dänischen Küste in der Nähe des Kaps Skagen vor Anker lag, wurde plötzlich die „Hohenzo Ilern" in Begleitung eines Kreuzers und eines Torpedojägers gesichtet. Lord Beresford gab sofort den Befehl, die Mastflaggen zu hissen und als der Kaiser sich näherte, wurde er nut einem Salut von 21 Kanonenschüssen begrüßt, während die gesamte Mannschaft Paradeaufstellung genommen hatte. Dre „Hohenzollern" dampfte zunächst um den Bug des „Hindustan" zwischen der dritten und vierten Division der Schlachtschiffe herum, ging dann an den Stern des „Edward VIL, des Flaggschiffs Beresfords vorbei, wandte dann und steuerte nahe an di« vier Flagg­schiffe heran. Darauf verschwand derKaisereben- S geheimnisvoll, wie er gekommen war. uf jedem Schiffe, bei dem der Kaiser vorbeikam, wurde die demsche Nationalhymne gespielt.

Der falsche Erbe.

Rouum von Ed. Wagner.

511 (Nachdruck verboten).

XXII.

Ei n Komplott.

Nelly Wilkins saß mit Guido Harrington vor dem offenen Fenster ihres Zimmers im Gasthof zum Vesuv, den Blick auf die in Dämmerlicht ge­hüllte wundervolle Landschaft gerichtet. Sie at­mete mit Behagen die milde, frische Abendlust und fühlte sich so wohl und frei, daß sie kaum noch an die Möglichkeit einer Verfolgung dachte.

Während sie so in stille Betrachtungen versun­ken war, erschien die Wirtin, um den Tisch zu Lecken und stellte zwei brennende Wachskerzen auf Lenselben. Als sie damit fertig war, gab Palestro draußen ein Zeichen, daß er mit dem Esten vor der Tür war. Giuditta ging hinaus, um dre Speisen in Empfang zu nehmen und aufzutragen. Nachdem dies geschehen war, lud sie ihre Gaste ein, am Tisch Platz zu nehmen und meldete gleich­zeitig, daß die Diener der jungen Dame unten bereits ihr Aberrdbrot einnähmen.

Nelly und Guido folgten der Einladung^Wäh- rend des Estens beschäftigten sich des jungen Mädchens Gedanken mit der Weiterreise,, und nach längerem Schweigen fragte sie die Wirtin, ob sie einen Fahrplan der Eisenbahnen und Dampfschiffe oder ein Reisetaschenbuch habe.

„Es tut mir leid, Mylady, daß ich Ihnen damit »licht dienen kann," antwortete Giuditta; „aber ich kann Ihnen ebenso gut sagen, wie Sie es auf einem Fahrplan ersehen können, wann die Züge und Tainpfböte kommen und gehen. Wo­hin wünschen Sie denn zu reisen?"

„Wann gehen die Dampfer von Neapel nach Marseille?"

„Der Dampfer der einen Linie geht jeden Dienstag und Samstag um drei Uhr, der der anderen Linie jeden Dienstag um vier Uhr ab."

Die Londoner »Daily Mail' bestätigt die Meldung. Sie erzählt, der kleine Badeort Skagen sei am Dienstag durch eine gewaltige Kanonade der 72 in der Aalbacker Bucht ankernden britischen Schiffe in große Aufregung versetzt worden. Hunderte von Fensterscheiben seien zer- schmettert worden, geängstigte Kinder hätten geweint und ein dicker Rauchschleier habe die Flotte verhüllt. Niemand habe begriffm, warum so nahe an der dänischen Küste gefeuert wurde, bis später von dem dänischen Leuchtschiffe die drahtlose Meldung eingegangen sei, die britische Flotte habe den deutschen Kaiser begrüßt.

--- Ueber Monarchenbegegnunaen, an denen der deutsche Kaiser beteiligt sein soll, ist gegen- wärtig wieder viel die Rede. So versichert jetzt daS halboffiziöse Petersburger Blatt ,Nowoje Wremja', daß General v. Jakoby dem Zaren vor wenigen Tagen einen Brief Kaiser Wilhelms überbracht habe. Es solle dem Brief ein sehr wichtiger politischer Charakter innewohnen, jedoch sei nicht bekannt, ob die Frage einer Zusammenkunft in den baltischen Gewässern darin berührt worden sei. — Auch von einer Begegnung des Kaisers mit dem fran­zösischen Präsidenten war neulich die Rede. Wie jetzt dazu erklärt wird, haben nichtosfizielle Besprechungen stattgefunden, doch ist von solchen Anregungen bis zur Durchsührung der Idee ein weiter Schritt.

* Das Kronprinzenpaar ist am Samstag nach dem Jagdhause Hopsreben im Bregenzer Walde abgefahren, wo es sich 4 Wochen auf- halten wird.

** Zur Reichs-Finanzreform bringt ein offi­ziöses Blatt folgende Mittheilung: „Die neuen Steuervorlagen, die im Reichsschatzamte vorbe­reitet werden, dürften voraussichtlich erst im September an den Bundesrat gelangen. Aus wohlunterrichteten Kreisen wird uns mitgeteilt, daß außer einer Steuer auf GaS- und elek­trisches Licht auch eine durchgreifende Brannt­weinsteuer-Reform geplant ist, entsprechend den namentlich auch seitens der Linken im Reichs­tage geäußerten Wünschen." — In eine Steuer auf GaS und elektrisches Licht wird der Freisinn also, wenn er beim Block bleiben will, einwilligen müffen. Zum Dank dafür erhält er dann die Be­seitigung der Liebesgaben.

* Von den diplomatischen Sendungen des Felbmarschalls v. Loo hat besonders Aussehen die Reise als Gesandter des Kaisers zum 50. Bischofs- Jubiläum Papst Leos XIII. (1893) gemacht. Ein liberales Blatt kommt jetzt anläßlich des Todes deS Feldmarschalls darauf zurück und bemerkt, Freiherr v. Loö habe von Rom „die bekannten Worte deS Papstes zurückgebracht und später weiterverbreitet, daß die Katholiken es nir­gends besser hätten als in Deutschland." Tatsächlich sind diese „bekannten Worte", die von Kaiser Wilhelm II. am 19. Juni 1902 im Kaisersaale zu Aachen erwähnte, Gegenstand einer ausgiebigen Zeitungspolemik gewesen, bei welcher liberale und sozialdemokratische Organe an den tatsächlichen Feststellungen der Zentrumspresse ihren Witz zu üben beliebten. Gerade als dieser Unfug in voller Blüte stand, ist Freiherr v. Loo in einer Bonner Rede zum Jubiläum Leos XIII. dazwischen gefahren und hat mit einer nicht miß­zuverstehenden Deutlichkeit erklärt, den dem hl. Vater zugefchobenen indirekten „Vorwurf (im Punkte der Glaubensfreiheit) gegen alle übrigen europäischen

„Heute ist Donnerstag," sagte Nelly nachden­kend, „ich kann nicht bis zum Samstag warten. Ich muß also mit der Eisenbahn weiterfahren."

„Der Zug von Neapel nach Rom geht mor­gens zehneinhalb Uhr nach Neapel ab."

„Gut, mit diesem Zug will ich fahren, wollen Sie mir einen Wagen besorgen, der mich zum Bahnhof bringt?"

„Es soll geschehen. Signora."

Als daS Mahl beendet war, räumte die Wir­tin das Geschirr vom Tische und stellte es auf ein Teebrett, worauf sie das Zimmer verließ. Auf der Treppe begegnete ihr Mrs. Jebb und ihr Sohn, welche zu ihrer Herrin gingen. In der Küche fand sie Palestro. welcher ihr mit neugieri­gem Gesicht entgegcntrat.

„Nun?" fragte er leise, indem er die Tür hin­ter ihr zumachte.

,Lsch habe wenig oder gar nichts erfahren," antwortete Giuditta. „Die Signora wird sich hüten, mir viel zu sagen, und selbstverständlich konnte sie sich mit dem Irrsinnigen nicht unter­halten. Alles, was ich weiß, ist, daß sie in großer Eile zu sein scheint, nach England zu kommen, und daß sie morgen früh mit dem Zug halb elf reisen will."

„Und das ist alles, was Du ausfindig ge­macht hast?"

„Alles! Hast Du mehr erfahren?"

„Ja, ein ganz Teil mehr und noch dazu sehr wichtiges. Nach unserer Verabredung bediente ich die beiden beim Essen, stellte mich aber, als ob ich kein Wort englisch verstände. Sie haben so viel vom Italienischen weg, daß wir uns recht gut verständigen konnten. Sie waren ängstlich und unruhig, sprachen miteinander ganz unbe­fangen von ihren Privatangelegenheiten und von denen ihrer Herrin, da sie glaubten, daß ich nichts davon verstände."

„Was sagten sie denn?" fragte Giuditta un­geduldig.

„Ich kann ihre Worte natürlich nicht wieder­geben," erwiderte Palestro. Aus dem Gespräch

Staaten" habe er „vom hl. Vater nicht ver- nommen" und „der Vatikan habe auch in Deutsch- land noch eine Anzahl von Wünschen."

* Armeetrauer für Generalfeldmarschall Frhr. v. Loe. Das Armee-VerordnungSblatt veröffentlicht einen Armeebefehl des Kaisers, in dem er dem verstorbenen Frhrn. v. Lor einen Nachruf widmet und das Anlegen einer Armee- trauer auf die Dauer von fünf Tagen, für die Offiziere deS Hauptquartiers und deS Gouver­nements Berlin sowie des 8. Armeekorps eine solche von acht Tagen befiehlt.

* Der Leobschützer Gerichtsbeschluß in Sachen der Eintragung der Leobschützer Zeitung in daS Gesellschaftsregister, hat in der Presse begreifliches Aufsehen erregt. Die Prädikate, welche ihm in der Presse zuteil geworden sind, sind für den Registerrichter von Leobschütz, Amtsgerichtsrat Laue, nicht gerade schmeichelhaft. Selbst zentrumsfeindliche Blätter, die in der politischen Verurteilung der Zentrumspartei und Zentrumspresse ungefähr auf dem Boden des Amtgerichtsrat Laue stehen, sprechen, wie die Germania feststellt, von einem „auffallenden Ge­richtsurteil" (Tägl. Rundschau), von einem „eigentümlichen Gerichtsbeschluß" (Deutsche Ztg.), von einem „ungewöhnlichen und auffallenden Gerichtsbeschluß" (Rh.-Westf. Ztg.), von einem „eigenartigen Gerichtsurteil" (Berl. Volksztg.), von einem „merkwürdigen Gerichtsurteil" (Deutsche Tagesztg.) usw. In der Sache selbst hat der Registerrichter von Leobschütz nur bei der Rhein.- Westf. Ztg. insofern Zustimmung gesunden, als diese schreibt: „Sachlich hatte der Amtsrichter ja insofern nicht unrecht, als er die Unverein­barkeit der Zentrumsanschauungen mit dem Wesen unserer Monarchie feststellte." Die deutsche Tageszeitung meint, die Justizverwaltung habe kaum besonderen Anlaß, sich mit einer Ent­scheidung weiter zu beschäftigen, „deren Unhalt­barkeit und Seltsamkeit von vornherein auf der Hand lag." Gewiß, die unhaltbare und selt­same Entscheidung ist ja vom Landgericht Rati- bor aufgehoben worden; aber hier kommt doch wohl noch etwas mehr als eine einfache sachliche Entscheidung in einem konkreten Falle in Betracht. Das Berliner Tageblatt bemerkt in einem „Der biblische Richter" überschriebenen Leitartikel: „Vollends vermeiden aber sollte Frau Justizia, sich nun auch in politischen Fragen als die ausschlaggebende Instanz auch in religiösen Dingen aufspielen zu wollen. Der Amtsrichter von Leobschütz hat das nicht vermieden." „Wir fürchten," so bemerkt das freifinnige Blatt weiter, „es wird Leute geben, die den Registerrichter von Leobschütz für stark überarb eitet halten, und die es nur der Hitze der letzten Wochen und der Nähe der Gerichtsferien zuguta halten, daß ein solche- Erkenntnis überhaupt möglrch war." Das ist ziemlich deutlich.

* Auch eine Maßregelung. Der ,Pielgrzym' berichtet aus Tuchel: Die Regierung von Ma­rienwerder hat dem Vikar Aefiermann ver­boten, an der hiesigen Knabenschule mit meh­reren Gymnastalklassen Unterricht zu erteilen. Der Grund dieses Verbots ist der, daß Vikar A. in einem Briefe an den hiesigen Kreisschulin- spektor seinen Unwillen darüber ausdrückte, daß dieser als Katholik sich bei den Wahlen auf die Seite der Gegner des Zentrums stellte.

Woran leidet Südwestafrika? Diese Frage erhebt der Sonderberichterstatter Zimmer­

aber konnte ich entnehmen, daß die junge Sig­nora ihrem Vormund entflohen ist, weil er sie zu einer Heirat zwingen wollte. Die Signora haßt ihren Vormund und will nach England ent­fliehen, wo sie Freunde zu finden hofft, die sie beschützen."

„Wer ist ihr Vormund?"

„Ein Signor Gildon, ein Engländer, und wie es scheint, einer der überspanntesten. Die Sig­nora will den Irren aus Mitleid mitneHmen. Denke Dir, Tomaso Vieini ist tot und Theresa will zu ihren Verwandten nach Cataria gehen. Der junge Engländer ist also vogelfrei."

„Weich' ein Glück, daß der Zufall ihn uns hierher geführt hat."

„Ja," bestätigte Palestro. „Und weich' ein Glück ist es, daß der Zufall uns auch die junge Signora zusllhrte. Ihr Vormund wird ein schö­nes Lösegeld für sie bezahlen Müssen. Wo ist denn jetzt Dein jüngerer Bruder?"

„Er ist noch nicht von Neapel zurück; aber der rote Carvelli kommt diese Nacht, um uns fei­nen Besuch abzustatten. Mit ihm wollen wir die Sache besprechen. Es müßte sonderbar zugehen, wenn wir uns nicht auf Kosten der davongelaufe­nen Mündel und des blödsinigen Engländers ein anständiges Vermögen erwerben. Nur müssen wir die Sache, wie ich Dir schon sagte, geschickt anfangen und jedes Aufsehen vermeiden, sodaß der Ruf des Gasthofes zum Vesuv nicht in Ge­fahr kommt."

Das junge Ehepaar wurde in der weiteren Unterhaltung unterbrochen, denn einige Nachbarn hatten sich vor dem Hause unter den Maulbeer­bäumen eingefunden rmd verlangten Wein. Pa­lestro eilte hinaus, um den Gästen, aufautoartcn, während feine Frau ihre Küche wieder in Ord­nung brachte. Gegen elf Uhr hatten sich sämt­liche Gäste entfernt und Palestro war mit seiner Frau allein.

Sie verschlossen und verriegelten die, Türen und begaben sich wieder in die Küche. Hier setz-

mann der Deutschen Tageszeitung' und gibt als Antwort dahin: an den Folgen der heil­losen Wirtschaft während desKriegeS. Er zählt dann auf, in welche Hände all' daS Geld gefloffen ist und meint dabei:

„Bars und Hotels schoflen wie Pllze aus der Erde: Handlungen aller Art taten sich auf: wir haben jetzt mindestens 12 Hotels hier und über zwei Dutzend Bars, die Restaurationen gar nicht gerechnet. So un­gefähr must eine Goldgräberstadt aussehen wie Swa- wpmund jetzt nach dem Kriege. Und während deS Krieges sind Leute genug hier gewesen, die nicht säten und nicht ernteten und sich doch ernährten. Leicht wurde Geld erworben, leicht glitt rS wieder durch die Finger. Das war die goldene Zett der Bars und Bar« Mädchen; jetzt sitzen sie trübselig da und noch trüb­seliger die Besitzer."

So in dem rechtspatriotischen Blatte. Als das Zentrum schon int Jahre 1906 auf diese schlimmen Zustände aufmerksam machte, da ist gerade dieses Blatt über die betreffenden Redner am wildesten hergefallen. Die Wahrheit läßt sich doch nicht auf die Dauer unterdrücken; jetzt stimmt man in weitesten Kreisen dem Zentrum zu,

* Weimar, 11. Juli 1908. Die thüringischen Staatsregierungen haben nach jahrelangen Ver­handlungen dir Zulassung der Abiturienten von Realgymnasien und Oberrealschulen , zum juristischen Studium und zu den juristischen Staatsprüfunaen im Prinzip beschlossen.

* Hildesheim, 9. Juli 1908. Die Bewegung zum Austritt aus dem Deutsch en Krieger­bunde, die wegen der vorjährigen ReichStag-- wahl im Bezirke EmSland-Lingen deS Han^ nover'scheu Provinzial-Kriegerverbandes ein, setzte, hat zur Folge gehabt, daß der Bestand von 37 Vereinen mit 4000 Mitgliedern auf 21 Vereine mit 2657 Mitgliedern zurück- gegangen ist.

* Halle a. S>, 11. Juli 1908. Im volles Glanze ihrer Toleranz zeigen sich einmal mit*, der die hiesigen nichtkatholischen Studenten- korporationen. Fast sämtliche studentische Verbindungen beschlossen, der morgigen Rektoratsfeier fernzubleiben zum Protest gegen das Eingreifen des Rektors in dm Streit bet Oer Bismarckfeier, wo der Rektor die Gleiche berechtigung der katholischen Verbindungen er­klärt hatte. — DaS beste dabei ist, daß bet gegenwärtige Rektor der Universität Halle protestantischer Theologe ist.

* Oldenburg, 11. Juli 1908. Auch bat Großherzogtum hat seine obligate KriegervereinS« krffis. Der „Köln. Äolttztg." wird darüber ge­meldet : Vor geraumer Zeit entstand im Olden­burger Kriegerbund, der unter dem Protek­torate des Großherzogs steht, eine Spaltung. Dies geschah wegen der sogenannten „Hut-Ab" Geschichte. Die Kriegervereine sollten während betz Vorbeimarsches an dem Großherzog auf bent Bundeskriegerfest auf Kommando die Kopfbe­deckung abnehmen. Hiermit waren mehrertz Vereine nicht zufrieden. Sie traten aus dens Bunde aus, sofern sie nicht schon ausgeschlossen waren. Diese Vereine haben jetzt einen Bund geschloffen, welcher den Namen führt „Verband der Kriegervereine, die dem Oldenburger Krieger»' bund nicht angehören."

* Schwerin, 11. Juli 1908. Für bi« mecklenburgische Verfafsungsref orm wirb ber Großherzog weiter seinen Einfluß auf­bieten. Wie nämlich zuverlässig gemeldet wird wird die Wiedereröffnung deS außerordentliches mecklenburgischen Landtags zur weiteren Beratung

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ten sie nun ihre Beratungen in Betreff ihres englischen Gäste fort. Eine Viertelstunde moch­ten sie so vertraulich gesessen und geplaudert ha­ben, als heftig an die Haustür gepocht wurden

Giuditta stand auf und ging hinaus, um drei Tur zu öffnen.

Der Ankommende war Giacomo, der jüngere Bruder Giuditta's, ein Bursche von achtzehn Jah­ren und von etwas tölplischem Aussehen. Er galt in der Umgegend allgemein für schvachstnnig> aber Giuditta wußte, daß er Mutterwitz genug besaß und daß sie ihn sehr gut gebrauchen konnte. Er ging in die Küche und legte mehrere Paket« und Bündel auf den Tisch, die seine Marktein­käufe enthielten, holte einige kleine Münzen au8 der Tasche, die Ueberschüffe des ihm anvertrau­ten Geldes, und warf sie seiner Schwester auf den Schoß, indem er fragte, ob Fremde im Hause feien.

„Ein Herr und eine Dame mit 2 Dienern, erwiderte Giuditta. „Nimm Dich in acht, wenn Du hinaus gehst in Deine Kammer, damit Dtt sie nicht störst!"

Nach einigen weiteren Erkundigungen übet die Fremden verließ der Bursche gähnend die Küche und ging leise die Treppe hinauf in feil« Kammer.

Als die jungen Eheleute wieder allein waren, äußerte Giuditta, daß es wohl gut fein möchte, wenn Jaccrpo sogleich zu einem bestimmten Be­sitzer eines Fuhrwerks, auf den sie sich tn icceffl Falle verlassen konnten, ginge und sich ibn Jut den nächsten Morgen sichere. Palestro erklärt, sich mit dem Vorschläge einverstanden und ging hinaus. Giuditta folgte ihm, um dre Tur m öffnen und wieder zu verschließen; sie blieb ledoch eine Weile vor dem Hause stehen und sah uni horchte in die stille Nacht hinau.s Es dauert« auch nicht lange, da drangen Hufschlüge an ihr Ohr, die näher und näher kamen, bis endlich eiff Reiter sichtbar wurde. Er bog um die Ecke deck Orangewäldchens und näherte sich dem Hause.

(Fortsetzung folgt.)