Fulda, Samstaq den 11. Juli 1908.
M 157
35. Jahrgang.
Monatsbeüager „Zuldaer Geschichtsblatttt"
Parzellrr in Hulda. WO^CttbCilOQC! „Illustrierte Sonntagszeitung"
^»trgettr du em. spaltigePetitzeUeoder deren San« 15 pfg. Reklamendrepetitzeile 25 Pfg., bei wieder. Holungen wird entspr.
Rabatt gewährt.
Rotationrdruckund Verlag derLuldaerAk. tiendruckerei kn Fulda Fernsprecher Ur. 9.
Erscheint täglich mit X
Anrnahme der $o.m= ■ wL . . . .
«ndZeiertagt.viertel- A ~ A 4 | A AA
jährlicher Bezugspreis HK W W W 11 1¥
ohne Bringerlohn und ^■Hsr ■ ■ ■ Ä ■ fl ■ W
Bestellgeld in Fulda so- ■ ■ I 1111 Bf
Wie auswärts 1.SV Mk. . ml,
Verantw. Redakteur! W
Larl Schütt«;
Zeitung
wiederum ein neues
nationalen Tonart
nicht auf unsere Mitmenschen los, und es wäre «ns einfach unmöglich, einem Gefallenen einen Fußtritt zu versetzen. Aber wenn da etwas Häßliches erzählt wird von einem Dritten, so hören wir das nicht nur neugierig an, sondern tragen es auch redselig weiter, — ohne zu bedenken, ob nicht diese Nachrede dem Betroffenen mehr Schmerz und Schaden verursacht, als ein Stockhieb oder gar em Messerstich. „Alle Leute sagen ja so; es wird gewiß wahr sein, und was wahr ist, darf man doch sagen!" Ob es wahr ist, bleibt noch sehr zweifelhaft, und wenn es in der Hauptsache wahr wäre, so kann doch die Weiterverbrei- tung ein schweres Unrecht, eine fürchterliche Grausamkeit, ein Verbrechen an einem armen Mitmenschen und an einer unschuldigen Familie seinl Wo bleibt die christliche Liebe, ja wo bleibt das menschliche Gefühl, wenn ich aus eitler Redseligkeit an der moralischen Hinrichtung eines Mitmenschen mitarbeite!
Im Himmel, so steht in der Schrift, ist Freude über einen Sünder, der Buße tut. Auf Erden aber gibt es angebliche Christenmenschen, die ihre Freude daran haben, wenn sie einem gebesserten Sünder seinen alten Fehltritt von neuem nachreden und ihn von der Höhe, die er mühsam erklommen hat, wieder herunterstoßen können. -
Das Strafgesetzbuch läßt alle Verbrechen verjähren, sogar den Mord. Die Lästerungen der Menschen kennen aber keine Verjährung. Was er oder sie vor zwanzig, dreißig oder mehr Jahren getan hat, das trägt man ihnen nach und mutzt man ihnen auf, wenn sie auch ein ganzes Leben lang ihre Besserung bewährt haben und wenn auch wegen der alten Kleinigkeit ein maßloses Elend angerichtet wird.
Wird der Menschheit diese Grausamkeit auS- getrieben werden? Ich fürchte, die mörderisches Zungen sind nicht auszurotten. Darum möchtt ich einen bessern gesetzlichen Schutz gegen Ehrabschneidung wünschen. Etwa in der Weise: Bor- bestrafungcu oder andere ehrenrührige Tatsachen, diemehralszehnJahre zurückliegen, bür-
ä Die Zukunft der Blockpolitik.
Es ist bekannt, daß die politischen Verhältnisse in Preußen durchaus nicht dem Blockgedanken entsprechen.
Bei den Wahlen stand der gesamte Liberalismus gegen die „konservativ-klerikale Mehrheit"; das Präsidium wurde wieder gewählt, also im Gegensatz zum Reichstag dem Zentrum die erste Vizepräsidentenstelle belassen. Obendrein trat bei den kurzen Verhandlungen schon zutage, daß im Abgcordnetnehause der Freisinn und die Sozialdemokratie sich nachbarlich in die Hände arbeiten müssen. Der bürgerliche Radikalismus und der rote Radikalismus haben in ihrem Oppositions- und Agitationsbedürfnis, namentlich in dem Gegensätze gegen die kirchliche Autorität und die religiösen Interessen soviel Berührungspunkte, daß sie bei einer natürliichen Entwicklung immer wieder z u s a m m e n k o m- men werden, ungeachtet der Zänkereien in der Presse und bei den Wahlen.
Somit erscheint der Gang der Dinge in Preu- 6ent als ein scharfer Gegensatz und sogar als ein empfindlicher Gegenschlag gegen die augenblickliche Blockwirtschaft im Reiche.
Die Frage ist nun die: Wird dadurch dem Fürsten Bülow die Fortführung seiner Blockpolitik erschwert oder gar unmöglich gemacht? Bei der Beantwortung ist Umsicht und Vorsicht anzuraten. Zweifellos ist, daß die Wie- derholung eines Blockwahlsieges bei den nächsten Reichstagswahlen nunmehr noch viel unwahrscheinlicher ist, wie sie es bisher schon war. Aber ob für die Zwischenzeit, also längstens bis Ende 1911, die Blockwirtschaft noch zu- fammengehalten werden kann, das steht auf einem anderen Blatt.
Die Hauptstütze der Blockpolitik ist die große Dienstwilligkeit, die Fürst Bülow so schön den Freisinnigen anerzogen hat. Sie tun alles, um nur der Ehre der Zugehörigkeit zum „regierenden Block" teilhaftig zu bleiben, und lassen sich mit Zahnstochern für die Zukunft abspeisem. Wenn nun aber der Liberalismus bei den Landtagswahlen bedeutende Erfolge errungen hätte, würde dann nicht das Selbstbewußtsein und die Begehrlichkeit bei ben Freisinnigen und auch bei den anderen Liberalen wieder in lästiger Weise gesteigert worden sein? Dann hätte Fürst Bülow mit den Zugeständnissen an den Liberalismus auf dem Gebiete der Schule und den sonstigen „Kulturaufgaben" alsbald Ernst machen müssen, und das würde ihn freilich nicht in Gewissensnot, aber doch in manche Reibungen und Gefahren gestürzt haben. Jetzt aber kann er den geschlagenen Liberalen sagen: „Bedanre sehr; ihr seht ja, daß es noch nicht geht; iuir müssen Geduld haben, damit wir nicht alles verderben, und ihr müßt eure Regierungsfähigkeit nun erst recht durchschlagend erweisen!" Das werden seine Getreuen, soweit wir sie kennen, sich auch merken, und namentlich die Freisinnigen werden durch Gefügigkeit im Reichstag die Scharte auszuwetzen, suchen., Dabei werden die Blockfridoline sich trösten mit der Erwägung, daß die Niederlage der Sozialliberalen gezeigt habe, wie sehr die freisinnigen Wähler mit dem Dienst im Block einverstanden seien.
Zunächst kommt es auf die N e i ch sf i n a n z- reform an, und wenn wir eins ins andere rechnen, so ist dem Fürsten Bülow das Gelingen dieses Kunststücks durch die Landtagswahlen nicht erschwert, sondern vielleicht erleichtert wor- den. Wir werden ja sehen.
Gericht zu erscheinen. Es wird geradezu eine Foltergefahr, wenn ein Zeuge darauf gefaßt sein muß, daß mm seine „Glaubwürdigkeit" auf eine scharfe Probe stellt. Dann wird von der Gegenpartei aus dem bisherigen Leben des Zeugen alles hervorgesucht, was ihn in ungünstiges Licht setzen kann. Vor allem die früheren Bestrafungen, wenn der Zeuge das Unglück hatte, einmal mit der Rechtspflege in Konflikt zu geraten. Was der Zeuge durch ein braves Leben gesühnt und aus der Welt geschafft zu haben glaubte, wird an's Tageslicht gezogen. Er steht geschändet da in den Augen seiner Angehörigen, seiner Nachbarn und Bekannten, seiner Gemeinde. Sein Lebensglück wird vernichtet und diese Grausam- keit hat keinen vernünftigen Grund und keinen berechtigten Zweck. Nur dem unglücklichen Zufall, daß er in einer fremden Sache etwas aus- zusagen hatte, verdankt er die moralische Hinrich- tung. Und wenn der Zeuge keine gerichtliche Bestrafung erlitten hat, so schützt ihn das noch langst niast immer vor der Folterung und Brandmarkung. Der rücksichtslose Verteidiger greift den „Leumund" des unbequemen Belastungszeugen an. Ans dem Schutthailfen des vergangenen Lebens wird alles herausgekratzt, was sich gegen den Mann verwerten läßt. Bei den Klatschweibern beiderlei Geschleästs wird heruingefragt, ob sie nicht etwas ungünstiges wissen. Und auf Grund dieser „Informationen" geht dann die sselische Tortur los, die man „Kreuzverhör" nennt. Ob der unschuldige Zeuge dabei in Jam- nier und Elend kommt, ist Nebensache; wenn nur der schuldige Angeklagte durchkommt!
„Dem Zeugen", so sagt der Justizminister, „darf persönlich nur daun nahe getreten werden, wenn es die Zwecke des gerichtlichen Verfahrens gebieterisch fordern. . . Insbesondere sind Fragen nach früheren Bestrafungen des Zeugen nur dann zu stellen, wenn eine zwingende Veran- lassung dazu besteht." Sehr gut; nach den bestehenden Gesetzen konnte der menschenfreundliche Minister nicht mehr tun. Ich fürchte nur, es
Deutsches Reich.
□ Der Krach im Flottenverein.
Die Keimfreunde setzen alle Hebel in Bewegung, den Riß im Flottendevein zu vergrößern. Ihre Preßorgane verkünden bereits die Auflösung des Vereins. Der künftige Präsident werde, liest man da. bald merken, daß er nur noch über Bruchstücke des alten großen Flottenvereins verfüge. Tatsächlich hat ja, wie schon gemeldet, der Vorstand des Schwavzburg-Rudpjl- städter Landesvereins in Uebereinsftmmung mit 53 Ortsgruppen beschlossen, aus dem Gesamt- Verein auszutreten. Ihm dürfte noch eine Anzahl mitteldeutscher und süddeutscher Landesvereine folgen. Auch General Keim hat seinen Austritt angezeigt. Die „Rheinisch- Westfälische Zeitung" meldet, der Vorsitzende der Kreisgruppe Mühlheim a. d. Ruhr, Bankier Walter Hammerstein habe seinen Austritt aus dem Flottenverein erklärt, ihm würden 800 Mitglieder folgen. Ebenso habe der Vorsitzende der Ortsgruppe Müblheim-Styrum, die 500 bis 600 Mitgleder zählt, seinen Austritt erklärt.
Während die „Tägliche Rundschau" erklärt, „daß die weitaus überwiegende Mehrheit aus dem alten Flottenverein Kraft genug in sich fühle, den neuen Flottenverein so zu gestalten, daß freie Männer sich in ihm wohl fühlen", also mit der Gründung eines neuen Flot- tenvereius, selbstverständlich unter der Führung General Keims, droht, versichert die „Deutsche Zeitung", welche nicht minder entschiqjdeu die Richtung Keim vertritt, daß der Zusammenschluß der austretenden Elemente zu einem besonderen -Flottenbunde nach ihren Informationen nicht beabsichtigt werde. Die Vertreter der „energisch
Prädikat für , national la" — wollten nur ein öffentliches Signal geben, daß sie „in 6er nunmehrigen Gestaltung des Flottenvereins eine Gewähr zur Betätigung in ihrem Sinne nicht mehr finden und daher verzichten".
Die Welt hat wirklich genug und übergenug von diesen unfruchtbaren Vereinskeifereien. Wir beurteilen die Vorfälle keineswegs von unserem Parteiinteresse aus. Allerdings ist es ja für die Keimleute die Hauptsache, daß sie die Organisation des Flottenvereins nach wie vor zum Kampfe gegen das Zentrum verwerten wollen. Aber bei den letzten Wahlen hat uns die furiose Agitation des Generals Keim mit allen Mitteln des Flottenvereins nichts an- haben können, so daß wir der Wiederholung mit der größten Gemütsruhe entgegensehen dürften. Was uns zu Gegnern der Keimpartei macht, ist die Erkenntnis, daß durch deren Treiben der innere Frieden, die Eintracht der deutschen (Stämme und Staaten, die Erhabenheit der Krone über den Parteistreit, die Unabhängigkeit der Regierung und der Gesetzgebung in Marinesachen, das Ansehen und das Vertrauen Deutschlands in der Welt, ja sogar der Friede nach außen gefährdet wird.
* Der verstorbene Generalfeldmarschall Frei- Herr von Los gehörte bekanntlich einem alten rheinisch katholischen Adelsgeschlecht an, das seine religiöse Ueberzengungstreue ebenso gut zu wahren gewußt, wie seine Ergebenheit zum preußischen Herrscherhause. Der Vater des Feldmar- schalls zählte zu den kraftvollen Verteidigern der kirchlichen Rechte im öffentlichen Leben, zur Zeit des Erzbischofs Klemens August und des Kardinals Geissel. Er war es, der in vormärzlicher Zeit int rheinischen Provinziallandtag die Einlösung des in der Bulle de salute animarum gegebenen königlichen Versprechens wegen Ausfol- gung der Dotation an die Bischöfe und Domkapitel forderte. Als am 15. März 1845 in der-
UnvoNNsche äeitläiife
(::) Berlin, 9. Juli 1908.
(Nachdruck verboten.)
Heute möcht ich ein Hoch ausbringen. Näm- lich auf den bayerischen Justizminister. Und zwar ein unpolitisches Hoch, weil der Mann gegen Foltern und Brandmarken aufgetreten ist.
Gibts denn heutzutage noch eine Folter? Wird im zwanzigsten Jahrhundert noch gebrandmarkt? Den Körper freilich schonen wir; er soll mit den humansten Sammthandschuhen angefaßt werden, selbst wenn es sich um den Körper eines rohen Flegels handelt, dem eine Tracht Prügel ungeheuer gesund wäre. Aber die Seele eines Mitmenschen darf gefoltert werden, auf seine Ehre darf man ein schändendes Brandmal drücken, sein häusliches Glück, seine wirtschaftliche und soziale Existenz darf man vernichten! Das geichieht sogar „von Rechts wegen" im -Gerichtssaal.
Wenn einer das Unglück hat, auf die Anklagebank M geraten, so werden ihm öffentlich seine sämtlichen Vorstrafen vorgehalten. Hat der Mann in der Jugend aus Leichtsinn oder Not einen Fehltritt gemacht, fo kommt das im Alter noch an große Gwcke - obschon ein ganzes Leben in Ordnung und Rechtschaffenheit dazwischen liegt Ad die Qite Geschichte mit der neuen' Anklage ÄA?. au tun hat. Mit Recht sagt der oberste ietÄe3£c von Bayern, man solle die früheren
8°As-nb«Ä« Nm Mzufchreiben I Das stimmt nicht immer, jjenn
* ifi "b-rh-upt --m '.Sw;;
in der französischen Kammer sehr lebhaft unterhalten. Es entspricht aber den Tatsachen. Frankreich hat eben den „Dreh" zu Mulay Hafid noch nicht gesunden. Der Mann ist den Franzosen zu deutschfreundlich und man befürchtet daher, daß seine Herrschaft für Frankreich einen erheblichen Schaden bringen werde. Daher hält man an Ab- dul Aziz fest und wartet bessere Zeiten ab. Gegenwärtig bildet die Besetzung von Assemur nur einen schwachen Lichtstrahl durch den dunklen Horizont seiner Hoffnungslosigkeit, aber in Marokko ist kein Ding unmöglich. Wandelbarer als in Marokko ist die Volksgunst wohl nirgends. Mulay Hasids Herrschaft gründet sich auf den Fremdenhaß; er hat seine Position nur durch die Verkündung des „heiligen Krieges" gewonnen. Wenn er nun an zeitgemäße Reformen Herangehen muß, — ohne sie wird er niemals bessere Zustände schaffen können — dann wird das Fremdartige, das sie mit sich bringen, größere Massen wieder ins Lager des Abdul Asis treiben. Nur daraus ist das krampfhafte Festhalten Frankreichs an dem früheren Inhaber des marokkanischen Thrönchens zu erklären.
In P e r s i e n ist, wenigstens was die Hauptstadt Teheran und die inneren Unruhen angeht, die Ruhe wieder hergestellt. Der russische General Liakhoff, der vom Schah mit der Leitung der persischen Truppen betraut und mit weitestgehenden Vollmachten ausgestattet wurde, hat die persische Soldateska wie Bluthunde auf die Bevölkerung losgelassen, und Mord und Plündereien waren einige Zeit hindurch an der Tagesordnung. Jetzt ist die Ruhe wiederhergestellt, aber es ist die Ruhe des Kirchhofes. Alle einsichtigen Patrioten haben erkannt, daß der Schah sich völlig in die Hand der Russen begeben hat, die ihn jetzt natürlich nicht wieder freilassen werden. Daß Rußland die feste Absicht hat, weiter zu erobern, ergibt sich aus dem Wiederauftauchen bedrohlichster Meldungen ans dem persisch-russischen Grenzdistrikt. Dort sollen die Kurden und außerdem ein gefährlicher Räuberhauptmann Rachim Khan die reinste Anarchie geschaffen haben. Die Schreckensschilderungen fliegen deshalb gerade jetzt in so großer Zahl aus der rus- sischen Entenzuchtanstalt auf, weil man die Versendung weiterer Truppen in den Süden des Kaukasus rechtfertigen will. Nachher sollen die Truppen natürlich nicht gegen Rachim Khan, sondern gegen den Schah von Persien angehen. Alle Welt weiß das heute, nur der Schah scheint es noch immer nicht eingesehen zu haben.
Amerika hat wieder ein paar Revolu- tiönchen. Zur Abwechselung! Früher waren sie ja an der Tagesordnung. Jetzt unterbrechen sie nur hin und wieder einmal die stille und friedliche Entwickelung. In Honduras, dem mittelamerikanischen Ländchen, und in P a r a g u ay, der unbekanntesten unter den südamerikanischen Republiken, nm oberen Riostrom gelegen, tobt wieder ein Bürgerkrieg. Beide werden internationale Verwickelungen nicht schaffen, es handelt sich um die seit der Gründung dieser Staaten übliche Katzenbalgereien um den Präsidentenstuhl. — In den Vereinigten Staaten haben, nachdem die Republikaner neulich die Kandidatur Taft definitiv für die Präsidentenwahl aufgestellt haben, die Demokraten nunmehr ihren alten Vorkämpfer Bryan als Kandidaten nominiert und man hofft, daß er dieses- mal bessere Chancen haben werde als die beiden erstenmale, da er mit seiner Kandidatur einen großen Hineinfall erlebte. Für den nüchternen Zuschauer freilich stellt sich diese Hoffnung als sehr vermeßen dar
wochen-Rundschau.
S Fulda, 10. Juli 1908.
Der Kaiser hat seine Nordlandreife ange- Steten, der Reichskanzler ist nach Norderney ab- gereist; eine Reihe von Ministern weilt ebenfalls im Urlaub. Von allen anderen Staatsmän- Sern ist heute nur noch Herr Sydow stark an er Arbeit; denn er hat seine Reform erst in den Grundzügen fertig; die Bundesstaaten haben diesen zwar im allgemeinen zugestimmt; aber es gibt in den Einzelheiten doch noch sehr viel zu teilen und zu verbessern; doch hosst er, daß er in einigen Wochen auch soweit sei, daß er sein ,Bündel schnüren kann.
Im Flotten der ein hat die Keimpartei ihren Fürsten Salm nicht wieder an die Spitze zu bringen vermocht und will nun durch Nieder- legen der Vereinsämter sowie demonstrative Aus-., trittsbeschlüsse einen neuen Krach herbeiführen. Wenn wir die Stimmung in der zuschauenden Bevölkerung richtig beurteilen, so fängt die Sache ;an langweilig zu werden. Der Flottenverein beansprucht ja mehr Raum in den Zeitungen und in den Köpfen, als Bundesrat und Reichstag. Das Ausland muß so allmählich zu der Ansicht kommen, daß der Flottenverein die Achse sei, um die sich, die ganze deutsche Politik breije. Alles muß sein Ende, haben, auch die Reibereien und Zänkereien in diesem Verein mit angeblich männlichen Mitgliedern. Vertragt euch oder trennt euch! Es wird doch wohl zu einer Scheidung kommen müssen, da die Keimpartei sich nur mit der vollen Unterwerfung der Gemäßigten begnügen will. In Danzig hatte man bekanntlich den Fürsten Salm der Höflichkeit halber wiederge- e, aber unter der Voraussetzung, daß er die nicht annehmen werde. Diese Voraussetz- ■ung wurde mit einer beinahe unhöflichen Deutlichkeit ausgesprochen, als unvorsichtige Eiferer den Antrag stellten, von der sofortigen Wahl 'eines Ersatzmannes für den Fall des Verzichts des Fürsten Salm nur pro forma wiedergewählt werden sollte. Daher erwartete auch alle Welt, daß Fürst Salm eine derartige Wahl sofort ab- lehnen würde. Aber der Fürst ließ sich von den Keimleuten einreden, er sei wirklich der ersehnte Präsident. Hätte er nun einfach zugegriffen, so hätte man immerhin die Bayern und die nord- deutschen Gemäßigten in taktische Schwierigkeiten stürzen können. Aber Fürst Salm glaubte, feine Person und Partei sei stark genug, um an der höchsten Stelle Bürgschaften zugunsten des Keimschen Kurses erzielen zu können. Es war ein vermessener Versuch, die Krone selbst der- stricken zu wollen in die parteipolitische Agitation Mld die Nebenregierung des Flottenvereins. Ein wahres Glück, daß der Versuch verdientermaßen gescheitert ist. Die Keimpresfe ergießt jetzt die Schale ihres Zornes nicht nur über die Bayern, sondern auch über den Berliner Hof. „In Ber- liu", so wird gedroht, „wird man sein blaues Wunder erleben." Man versteigt sich zu der Bemerkung, die Nachgiebigkeit gegen Bayern habe ihren Grund darin, daß man zur Erledigung der Finanzreform den zweitgrößten Bundesstaat aus feiten der Reichsregierung haben müsse. Es sind wirklich nette Leute, von denen sich Fürst Bülow die letzten Wahlen hat machen lassen!
... In Marokko haben die Truppen des französischen Generals d'Amade den Ort Assemur für bett alten Sultan Abdul Asis erobert; offiziell imrb das bestritten, und darüber hat man sich |
wird nicht überall ausreichen. Auch dann nicht, wenn die Rickiter den besten Willen haben. Da braucht ein übereifriger Rechtsanwalt nur zu sagen: „Ich bitte den Zeugen zu fragen, ob er nicht im Jahre so und so wegen der und der Handlung bestraft tvorden ist!" Wenn dann auch die Frage nachträglich abgelehnt wird, der Anwurf Jüeibt dock hangen, und die böse Welt sagt: Die Sache, stimmt, denn sonst hätte ja der Zeuge gleich Nein geschrieen! Andere unangenehme Dinge und die Vergangenheit des Zeugen, die zwar nicht gegen das Strafrecht, aber gegen die Moral und die Ehrbegriffe verstoßen haben, lassen sich ebenso durch die einfache Fragestellmtg an die Oeffentlichkeit bringen.
Wohl dem, der frei von schuld und Fehle bewahrt die kindlich reine Seele!" So singt der Dichter. In der rauhen Wirklichkeit gibt es selten eine ganz fleckenlose Seele. Sehr viele Menschen haben in ihrer Vergangenheit den einen ober anderen Punkt, den sie nicht gern vor der Oeffentlichkeit entblößen möchten. Vielleicht ist die Schuld, die sie dabei vor dem allwissenden und gerechtesten Richter auf sich geladen haben, gar nicht so groß; aber unter den Zungen ber Streiter unb Gegner würde der Vorfall nachträglich eine verhängnisvolle Bedeutung gewinnen. Aus einem verzeihlichen Jugendstreich kann einem alten, bewährten, verdienten Mann ein Strick gedreht- werden. Ein Strick im schlimmsten Sinne des Wortes, mit dem sein Lebensglück, seine Gesundheit erdrosselt werden.
Es wird angekündigt, daß bei der bevorstehenden Umgestaltung der Strafprozeßordnung für den Schutz der Zeugen besser gesorgt werden soll. Hoffentlich kommt es bald dazu. Aber die Prozeßordnung tut es allein noch nicht. Es gibt auch außerhalb des Gerichtssaales eine üble Nachrede, die das Glück eines braven Menschen grausam vernichten kann.
Ja, die Menschen sind ein grausames Ge- schlecht. Schlagen wir uns an die eigene Brust. Freilich, mit Knüppeln und Messern gehen wir