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35. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 9. Juli 1908.

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aussicht durchbrechen wollte, zu Falle. Sei« Stellungnahme hat ihm damals viel Hatz in libe­ralen Kreisen zugezogen, die es bent Protestan­ten n'M verzeihen konnten, daß er mit seine« katholischen Standesgenossen gemeinsame Sache machte. Mit ihm stimmte übriges noch ein Pro­testant, Graf Rechteren-Limpurg. Der Austritt des Grafen Bentieck ist gerade jetzt sehr zu be­dauern, da eine neue Schulvorlage den Landtag beschäftigt und eine jede Stimme im Interesse der christlich-konfefsionülen Schule von Wichtig- keft ist.

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* Die Dnrchflechereien auf der Kieler Werft. In Kiel begann am Dienstag die Reihe bet Prozesse gegen die an den Unterschleifen bei der Kaiserlichen Werft in Kiel Beteiligten. Der 67jährige Magazinaufseher Johann Farsbut- te r, der seit vielen Jahren im Dienste der Kai­serlichen Werft stand, hatte sich wegen Urkunden­fälschung, Vernichtung einer Urkunde und zweier Unterschlagungen zu verantworten. Unter bett kolossalen Diebstählen, die jahrelang ans der Kav- serlichen Werst verübt worden find, fällt die Un­redlichkeit Farsbutters eigentlich kaum ins Ge­wicht. Es sind vielleicht 2000 Mark, die ei nach und nach mit dem Hilfsarbeiter Peters zu- saminen unterschlagen hat. Der Vertreter bet Anklage plädierte für mildernde Umstände, dick dem Angeklagten in Anbetracht feiner langjähri­gen Dienste zugebilligt wurden. Das Urteil lau­tete auf b Monate Gefängnis und AmtsentS Hebung. Ein Monat Untersuchungshaft tourbe angerechnet.

— Wett hergeholt. Tochter: „Ich mag den Buchhalter nicht heiraten!" — «ater: „Du sollst aber! Ist vielleicht die Eva gefragt worden, ob sie den Adam will?"

— Nach der Hochzeit. „Früher, wie ich noch ledig war, hatte ich verschiedene Leibspeisen." —« „Und jetzt?" — „Jetzt — bin ich alles gewöhnt!"

Anstand.

* Englische Spionenaagft. Im englischen Un­terhaus gab es eine längere Diskussion über deutsche Spione in England. Seit ^ingerer Zeit schon wird von einem gewisten Teil der eng­lischen Presse behauptet, datz deutsche General- stabsoffizkere in Masten in England wohnen, Streifzüge unternehmen, Photogro-hien, Mes­sungen machen u. dgl. mehr. Der Kriegs Minister wurde nun gefragt, ob es ihm f- -rannt lei, datz außerhalb Londons in einem großen Walde, ähn­lich dem Grünewald bei Berlin, eine Motze An­zahl von deutschen Offizieren wohnt und von hier aus Vermessungen vornimmt. Der Kriegsmini­ster erklärte, datz er das niht glaube, daß aber jeder Ausländer außerhalb des Festungsgebieteck so viel photographieren und mesten könne wie ihm passe, dasselbe Recht wie die Deutschen hätten auch alle übrigen Ausländer, die in England wohnten.

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Mehr Sparsamkeit.

Aus parlamentarischen Kreisen wird unS ge- schrieben: In allen Blättern liest man von den Hunderten von Millionen Mark, dre für das Reich erforderlich feien: aber nur selten fandet man ein Wort darüber, daß man mehr sparen müsse, daß die Anforderungen des Meiches so groß seren, daß es ohne Sparsamkeit gar nicht mehr gehe.

Es gibt eine Reihe von Etatssummen, dte bei einer sparsamen Wirtschaft ver­schwinden können und auch müssen. Man kann doch z. B. nicht damit rechnen, daß auf alte Zeiten in den Kolonien die hohe Truppenzahl stehen bleibt, die wir jetzt aus tattrschen Ruck- fichten dort lasten, nur damit das Zentrum nicht recht bekommen soll und damit gewrste Leute drei Geld verdienen Hier tritt im Laufe von einigen Jahren eine wesentliche Ersparnis ein. Vollends wenn die Schutzgebiete jene günstige Entwicklung nehmen, die man dem Volke vor den Wahlen tn Aussicht stellte, müssen wir sogar bald dahin kom­men, daß wir von den Kolonien noch Gelder h e r- ausbekommen; freilich wollen wir diese Ein­nahme nicht in Rechnung stellen, dazu ist sie uns bodj zu unsicher.

Es ist ferner daran zu erinnern, daß der Reichskanzler bei Beginn der Blockwirtschast ganz bestimmt zugesagt hat, daß Ersparnisse im Heeresetat gemacht werden würden; bisher aber ist noch nicht ein Pfennig abgestri­chen worden; im Gegenteil, die Ausgaben find noch gewaltig g e st i e g e n. Der Reichskanzler muß Ernst machen mit seiner feierlich gegebenen Zusage. Wir stellen daher in den Vordergrund der gesamten Finanzreform die Forderung, daß der gesamte Etat darauf hin geprüft wird, wo Gelder abgesetzt werden kön­nen und wir rechnen damit, daß der Reichskanz­ler uns in diesem Bestreben unterstützen wird; denn auch ihm muß sehr viel daran liegen, daß er sein Wort einlösen kann.

Bis heute scheint das Wort Sparsamkeit im Finanzprogramm des Reichskanzlers und seines Schatzsekretärs zu fehlen; man las höchstens, daß nach der Annahme der neuen Steu­ern tüchtig gespart werden würde, aber solchen Versicherungen können wir keinen Glau­ben schenken. Man hat sie schon zu ost gehört, ohne daß etwas aus der Sache geworden wäre: warum soll es diesmal anders sein? Dazu kommt noch, daß man es sich gar nicht recht vorstellen kann, wie in den Zeiten des gefüllten Geldbeutels gespart werden soll, während man jetzt, wo das Reich so arm ist wie eine Kirchenmaus, von dieser Tugend nichts wisten will. In der Regel gedeiht das zarte Kraut der Sparsamkeit nur in den Zei­ten der Entbehrung. Wer hier den Pfennig nicht spart, dec tut es gewiß nicht, wenn er ein­mal einen Taler in der Tasche hat. Im Reiche sind immer Leute vorhanden, die mit großen An­sprüchen auftreten; wenn Geld im Beutel ist. Es muß daher eine Hauptaufgabe des Zentrums

sein auf die Sparsamkeit immer wieder hinzu- weisen und nicht nachzulasten, bis er sein Ziel er- recht hat. Der Steuerbedarf kann nre so groß sein, daß er alle heutigen und in der Zukunft fällig werdenden Ausgaben deckt; zunächst muß nur dafür gesorgt werden, datz das heuttge De - fizitschwindet, daß für alle bereits bewrl- ligten Ausgaben auch die Einnahmen geschaffen werden; aber mehr nicht. S t e u er n a u f V o r- rat find nicht geboten und mcht g e- rechtfertigt.

Wenn also die Anforderungen an den Steuer- zahler auf ein erträgliches Maß herabgesetzt wor­den sind, dann erhebt sich der weitere Ruf, daß man für die Zukunft Sorge trägt, damit solche schlechte Finanzlagen nicht wieder eintreten: das ist ebenso wichtig tote dte Sorge für die Deckung des heutigen Fehlbedar­fes. Ein Hauptmittel in dieser Richtung ist, daß man keine neue Ausgabe bewilligt, für welche nicht eine entsprechende Einnahme vorhan­den ist. Es ist zwar im heutigen Reichstage als ein Fortschritt bezeichnet worden, daß man das Zentrum habe früher in so unangenehmer Weise immer erst aus der Teckungsstage beharrt; aber daS Zentrum hat hierdurch auch die O r d- n u n g der Reichsfinanzen erreicht.

Erster Grundsatz muß also sein: keine Aus- gobe ohne eine gleich hohe Einnahme. Dann aber müffelt wettere Garantieen gegeben werden, be­sonders auf dem Felde der Schuldentilgung. Tie blätterige Schuldenwirtschaft kann nicht mehr Jo weiter geben, weil uns sonst die Zinsen auffres, fen und das Reich den Geldmarkt in einer ge­radezu vernichtenden Weise belästigt. Wenn man nicht ernsttich an die Schuldentilgung heran­geht, dann nimmt man alle Fehlbeträge einfach auf Anleihen: für den Augenblick hat man die Sorge los; aber das Gebühren gleicht dem eines Bankerotteurs, den das Gericht in das Gefäng­nis steckt. Freilich nutzen die schönsten Gesetze über die Schuldentilgung nichts, wenn man es so macht wie der Block in diesem Jahre, wo er ein­fach die vom Zentrum 1906 erreichte Schulden­tilgung außer Kraft setzte.

Der Grundpfeiler einer gesun­den Finanzpolitik ist und bleibt: Sparsamkeit!

Die ewig wiederkehrende Verdächtigung, „der (Streit gehe vom Uktramonianismuck" bezw. vom Zentrum auck, läßt uns völlig kalt. Sie bedarf weiter keiner Widerlegung.

* Die Junggesellensteuer der katholischen Geistlichen. Der Nachweis, daß infolge der Gehaltsunterschiede zwischen protestantischen und katholischen Geistlichen, ein katholischer Pfarrer mit 45 Dienstjahren dem Staate eine Jungge­sellensteuer in Höhe von 50100 Mark gezahlt bat, gefällt der sozialdemokratifchen Prefle nicht. Die ^Arbeiter-Zettung' höhnt:

„Die armen „Junggesellen" sind wirklich zu be­dauern! Aber rote wär's, wenn man sie aus diesem unwürdigen Zustand befreite, die Kirchevom Staat trennte und e3 den Gläubigen überließ, ihre Kräfte so glänzend zu bezahlen, wie sie Luft hätten'i Dann hörte mit einem Male die Klage auf über die Jung» gesellenfteuer und — noch verschiedenes anderer

Gut gebrüllt, Löwe l Es wird dabei nur der kleine Umstand unbeachtet gelaßen, daß die katho» lisch- Kirche in Preußen bei ihrer zwangsweisen Bereinigung mit dem Staate, soweit davon ge­sprochen werden kann, eine Mitgift von rund 1000 Millionen Mark mitgebracht hat, die bei einer Trennung folgerichtig zurück- gegeben werden müßte. Wenn das geschehen sollte, würden allerdings manche Klagen aufhören. Die kathokstche Kirch« bedarf der Staatskrücken nicht, sie findet auch so ihren Weg durch die Welt.

* Zur Abgrenzung der Luft. Berliner Blät­ter erfahren von unterrichteter Seite, daß ein­flußreiche französische Luftschiffer sich mit dem Plan belasten, ein Komitee zu bilden zwecks Aus­arbeitung von Vorschlägen für bestimmte inter­nationale Abmachun gen hinsichtlich der Wahrung der Luftgrenzen zwischen den Staaten. Die Vorschläge sollen sich insbesondere in mili­tärischer und in handelspolitischer Richtung (Zoll) bewegen. Man ist sich klar darüber, daß bei wei­terer Vervollkommnttng der Luftschiffahrt dem „Schmuggel in der Luft" leicht Vorschub geleistet werden könnte.

* Ans Württemberg, 7. Juli 1908. Wegen Aufgabe seines Wohnsitzes in Württemberg ist aus der ersten württembergischen Kammer der Graf Bentieck-Waldeck-Limpurg aus- geschieden. Graf Bentieck ist in Holland ansässig, zugleich aber in Württemberg begütert und toürt- t em bergischer Standesherr und hatte bisher in Gaildorff in Württemberg einen Wohnsitz. So­bald er oder einer seiner Nachkommen den würt­tembergischen Wohnsitz wieder aufnimmt, lebt auch von selbst die erbliche Mitgliedschaft der ersten Kammer wieder auf. Graf Bentieck ist reformiert und streng gläubig gesinnt. In der S ch n l f r a g e kämpfte er an der Seite der Katholiken und brachte im Vereine mit

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* Bom Flottenverein. Neber den Entschluß des Fürsten Salm, die Leitung des Flottenver eins abzulehnen, bricht der ,Reichsbote' in folgende erschütternde Klage aus:

„Man behauptete, der Flottenverein fei und dürfe kein politischer Berein sein. Diese Stellung der Bayern entftwach der Stellung deS Prinzen Rupvrecht, der deshalb aus dem Berem austrat. Er tat da? bekannt lich aus Rückstcht auf das Zentrum, welches in Bayern ausschlaggebende Partei ist. Das Zentrum respektiv die „Ultramontanen"' find aber Gegner aller nationalpolttischen Vereine, gegen die Kriegerverrine wie gegen den Flottenverein und deshalb verlangen sie, daß der Flotlenverein ein unpolitischer Verein sein soll. Der ganze Streitgehtalsovon dem Ultra»

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