Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Maer W Zeitung

Monatrbellag-: „Fuldaer GeschlchtrbM«"

Erscheint täglich mit Ausnahme der $o-m« totb Feiertage, viertel, sShrttcherve;«grpreir ohne vrtngerlohn und VefteLgeld in Fulda f o- wieau»wärtrl.50Mk.

verantw. Redakteur: Lari Schütte;

Ä’Ä. woch-nbellage: Illustrierte Sonntag-Zeitung"

Anzeigen: Vie ein, spaltige prtttzeUe »der deren Lau« z s pfg. AeNamendiepetitzeü» 25 pfg., bei wieder, Holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Rotation, druckund Verlag der Fuldaer RI- tieodruckerei in Fulda

Fernsprecher Ihr. 9.

bs-ä-—sse

Fulda, Donnerstag den 9. Juli 1908.

35. Jahrgang.

JW 155.

Krstes Wlcrtt.

I ■ .. _— -- '

Deutsches Reich.

*♦ Der Kaiser ist auf seiner Nordlands- Heise in Sicht der norwegischen Küste. Au» Christiansand wird telegraphiert, daß er am Mittwoch die englische Flotte passierte, die iParadestellung genommen hatte.

* Die deutsche Hochseeflotte tritt unter dem Befehl deS Admirals Prinzen Heinrich am 13. Juli eine vierwöchige Uebungsfahrt nach dem Atlantischen Ozean an. DaS Ziel der Fahrt ist soweit gesteckt worden, wie nie zuvor; eS sind die Azoren und die Kanarischen Inseln. Bisher führte die Sommerreise entweder nach Norwegen oder in die Gegend der englischen und niederländischen Küsten. Ausnahmsweise wurde einmal der spanische Hasen von Mgo gewählt.

* Eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und dem Zaren wird, wie die ,Kieler Neuesten Nachrichten' erfahren haben, trotz aller offiziösen Dementis doch stattfinden. Sie finde nach Be­endigung der Nordlandsfahrt statt im Anschluß an 6t-n Besuch des deutschen Kaiser- in Schweden, wo der Kaiser vom 7.—11. August verweilen werde. Der deutsche Kaiser und der Zar würden sich am 12. August auf See in der Nähe von Reval treffen.

□ Die Reichs - Elektrizitätssteuer hat in Bayern, wo man im Begriffe steht, die großen Wafferkünste des Landes zur Erzeugung von Elektrizität auszunutzen, etne geradezu stürmische Entrüstung hervorgerufen. Das dem Abg.Pich­ler nahestehende Zentrumsblatt,Donau-Zeitung' in Passau erklärt, über die geplante Elettrizitäts- steuer näher informiert zu sein. Nach den Mit­teilungen dieses Blattes soll die Steuer von allem Gas und aller Elektrizität erhoben werden, unbekümmert darum, ob diese zur Kraft oder Beleuchtung verwendet werden. Die Steuer soll am Orte der Erzeugung erhoben werden, um Die Kontrolle einfach zu gestalten; sie soll zunächst niedrig gehalten werden, um nicht zu schwer zu belasten. Die,Donau-Ztg/ behauptet jedoch, den angeblich niedrigen Steuersatz bereits zu kennen und bczeichnet ihn als sehr hoch.

* Die Zeppelin'schen Erfolge werden auch auf dem Gebiete der Luftichrffahrt dasselbe Wettrüsten der Nationen herbeiführen, das wir seit langem bei Heer und Marine zu beklagen haben. Man lese nur folgendes Tele­gramm aus Londnn:

„Die Erfolge des Zeppelinschen Luftschiffes, Das, wie man sich hier klar wird, ganz gut im ge­heimen den englischen Seemanövern beiwohnen könnte, hat hier die Einsicht geweckt, daß man in England in der Luftschiffahrt sehr zurück sei. Es wird die Forderung ausgesprochen, „Dread- nought-Lriftschiffe" wie das Zeppelinsche, zum Hafenschutz und zur Führung des Kampfes zahl» reidje vom Lebaudy-Typus zu bauen; die Lebau- dhschcn Ballonjäger seien sehr beweglich, nament­lich in senkrechter Richtung. Ein von Ballon­jägern von oben her angegriffenes Zeppelinsches Luftschiff würde nach der Ansicht hiesiger Sachver­ständiger hilflos sein ; gleichzeitig müsse ein auf bas Vertikalschieben eingerichtetes Geschütz ge­schaffen werden."

0 Zur preußischen Wahlreform. Vor einigen Tagen ging die Nachricht durch die Presse, es seien Erhebungen über verschiedene

Mißstände bei den Wahlmännerwahlen eingeleitet worden. Die Regierung denkt also nicht an die Beseitigung des heutigen Wahlrechts, man will nur einige Aenderungen treffen, die die schlimmsten Auswüchse des heutigen Systems beseitigen sollen. In welcher Richtung sich dieser kommende Vorschlag bewegen wird, ist einstweilen noch unbekannt. Man kann aber wohl annebmen, daß die freikonservatioe ,Postt, au« der sehr häufig der meistens ausgezeichnet unterrichtete Frhr. v. Zedlitz spricht, sich wohl auf bestimmte Unterlagen stützt, wenn sie in einem Artikel über „Vorbereitungen über die Reform deS Wahlrechts" schreibt:

„Immerhin verdient es ernste Erwägung, ob sich die mit der Wahl von Wahlmännern und der Wahl von Abgeordneten verbundenen Weitläufigkeiten und Unbequemlichkeiten nicht auch im Rahmen des Klaffen- wahlsystems, deflen Beibehaltung ja kaum noch außer Frage ist, beseitigen lassen. Uns erscheint es sehr wohl möglich, dieses Ziel ,u erreichen, und zwar auf fol­gende Weise: Der Wähler würde, bei im übrigen un­veränderter Vornahme der Wahl nach Ab­teilungen, statt der Namen von Wahlmännern, den oder die Namen der Kandidaten, die er zu Abgeord­neten gewählt haben will, zu nennen haben. Dem- lenigen Kandidaten, welchem in der betreffenden Ab­teilung die Mehrzahl der Stimmen zugefallen ist, würden dann für die Wahl selbst so viel Stimmen zu­zurechnen sein, wie die Abteilung letzt Wahlmänner zu wählen hat. In Urwahlbezirken mit 1500 bis 1750 Einwohnern würde demzufolge aus jeder der drei Ab­teilungen je zwei Wahlsiimmen hervorgehen. Der Wahlvorstand würde, wie bei der Reichstagswahl, die Wahlhandlung nachzuprüfen, die ungiltigen Wahlen zu kassieren, die giltigen Wahlstimmen zusammenzählen und danach das Ergebnis der Wahl zu proklamieren haben. Durch ein solches Verfahren, bei dem gleich sein würde, ob die Stimmenabgabe geheim oder öffent­lich erfolgt, würde die Aufstellung von Wahlmännern sich erübrigen."

Damit würde dann lediglich die indirekte Wahl beseitigt sein, das K lass en sy st em und die Oeffentlichkeit der Wahl bliebe be- stehen. Das wäre so ein Rezept von der. Art wie jenes: „Wasch' mir den Pelz, aber mach' ihn nicht naß!" Lieber keine Reform, als eine solche Scheinreform, die nur dazu beitragen würde, daß daS „elendeste aller Wahlsysteme" in absehbarer Zeit keine wirkliche Besserung ersühre.

---- Zunahme der Fideikommisse. Im letzten Jahre sind im Königreich Preußen wieder 33 neue Fideikommisse errichtet worden; waS aber am meisten anssällt, ist die Tatsache, daß 18 hiervon allein in der Provinz Posen errichtet worden sind. Man gibt sonst immer als den Zweck der Ansiedelungs-Politik an, daß man deutsche Bauern in dieser Gegend seßhaft machen wolle; nun zeigt uns die Statistik, daß nirgends der Großgrund­besitz so sehr zunimmt, wie in dieser Provinz. Das ist der reinste Hohn auf die ganze Polen­politik.

*♦ Die letzten Landesverratsaffären ziehen weitere Kreise. Infolge des Treibens des ehe­maligen Kreisblattredakteurs Schiwara sollen int westfälischen Armeekorps weitgehende diszi­plinarische Maßregeln eingeleitet worden sein, weil in der Verhandlung gegen Schiwara fest- gestellt worden sei, daß zahlreiche Offiziere die nötigen Vorsichlsmaßregeln außer acht gelassen hätten. — In Kiel hat das Oberlandesgericht den Magazin^ Direktor Rechnungsrat Heinrich wieder verhaften lassen.

— Ein „ultramontaner Boykott". Gegenüber den Arbeiterentlassungen, die mit der Landtags­wahl in Verbindung gebracht wurden, glaubte

die „Rhein.-Wesff. Ztg." mit einem angeblichen Vorfall in Gelsenkirchen auttrumpfen zu können, wonach das katholische Gesellenhaus einem Zigarrenhändler die Kundschaft aufgesagt habe, weil er „vergessen" hatte, fein Wahlrecht auszuüben. Die „Rhein-Wests. Ztg." muß jetzt eine Erklärung des Präses veröffentlichen. Der- zufolge „weder das katholische Gesellenhaus, noch der katholische Gesellenverein oder der Präses das Geringste mit dem erwähnten oder ähnlichen Boykottfalle zu tun haben". Gegenüber dieser bündigen Feststellung kann die Rhein.-Westf. Ztg. ihre Anklage natürlich nicht aufrecht erhal­ten; aber sie möchte doch von derselben wenig­stens einen leisen Anschein der Berechtigung ret­ten und kommt deshalb zu der faulen Aus­rede:

Der erfreuliche Umstand, daß weder Gesellenhaus, noch Gesellenverein und Präses etwas mit dem Boyko tt zu tun haben, schließt natürlich nicht aus, daß in dem uns geschilderten Falle, der mit Namen belegt wurde, eine „Bestrafung" von irgendwelcher Seite ms Werk gesetzt worden ist.

Also zuerst wurde mit positiver Bestimmtheit das katholische Gesellenhaus genannt, wo dieses nicht mehr in Betracht kommt, wird es als m ö g- lich hingestellt, daß von irgend welcher anderen Seite ein Boykott verübt worden istl

* Zur Maßregelung von Kriegervereinsmit­gliedern in Oberschlesien wegen ihrer Stimmab­gabe bei den Landtagswahlen teilt die Oberschle­sische Volkszeitung weiter mit, daß der Kreiskrie­gerverband Nybnik am Sonntag eine Delegier­tenversammlung abgehalten habe, in welcher der Beschluß gefaßt wurde, alle Mitglieder, die bei der letzten Landtagswahl fürZentrum und Polen stimmten, aus den Verei­nen auszuschließen. — Wollen die Herren Delegierten vom Kreiskriegerverband Rybnik nicht noch einen Schritt weiter gehen und be­schließen, daß alle Zentrumswähler auch aus ihrem militärischen Dienstverhältnisse ausge­schlossen und zur Teilnahme an einem Feldzüge nicht zugelassen werden? Man kann es aber be­greifen, daß dem genanten Blatt zufolge in Oberschlesien allgemein eine tiefe Erbitterung darüber herrscht, daß Männer, die viele Jahre hindurch sich vollkommen vorwurfsfrei geführt haben, lediglich aus dem Grunde, weil sie als Zentrumswähler gestimmt haben, schimpf­lich aus dem Verein ausgestoßen wurden. Einem Gemaßregelten soll sogar auch noch die Pension entzogen werden!

E) Bayern in Deutschland voran. Kaum ist die Druckerschwärze trocken, die von dem letzten Fortschritt in Bayern berichtete, der den Schutz der Zeugen und Angeklagten bezweckte, so werden wir durch eine neue Nachricht überrascht, die namentlich in den Reihen der Beamten mit großer Freude begrüßt werden wird. Im Bayer­land werden künftig über die Beamten keine Geheimliften mehr geführt; es gibt dort nur noch eine Qualifikationsliste. Wenn über einen Beamten etwas Nachteiliges zu melden ist, so muß er daraus aufmerksam gemacht werden, damit er sein Verhalten darnach einrichten kann. Wir begrüßen diesen Fortschritt, denn die heutige Art der Berichterstattung über die Beamten steht mit deren berechtigten Wünschen nicht im Ein­klang. Der Beamte weiß in den meisten Fällen garnicht, was über ihn geschrieben wurde; gar oft ist fein außerdienstliches Verhalten in amt­lichen Berichten, die über fein Vorrücken ent­scheiden, gestreift worden. Wenn man auch davon ausgehen will, daß alle Vorgesetzten nur nach dem beffen Wissen und Gewissen berichten, so liegt es doch in der menschlichen Natur, daß sich viele Mißverständnisse einschleichen

können. Da hat nun Bayern den richtigen Weg beschritten; eS behandelt den Beamten, wie ein Mann S beanspruchen kann; man sagt ihm offen, wo er gefehlt hat und waS gebessert werden muß; dann kann er den Wünschen nach­kommen, er kann aber auch manche falsche An-, ficht der Vorgesetzten zerstreuen. Leider geht man in Preußen und im Reiche noch nicht so freiheitlich vor. Im letzten Winter hat der Zentrnmsabg. Hamecher im Reichstage ge­wünscht, daß man die Reichspostbeamten ebenso behandeln möge, wie es jetzt südlich des Maines der Fall ist; aber derbureaukratische Zug, der daS System Krätke so scharf kenntlich macht, hat nicht zugelaffen, daß dem Wunjche Rechnung getragen wurde. Das Zentrum wird im kom­menden Winter wieder auf die Frage zurück­kommen und nicht ruhen, bis im Reiche und in Preußen den Beamten zuteil wird, was ihnen ohne jede Gefährdung der Disziplin jetzt in Bayern zugebilligt worden ist.

* Im Meineidsprozeß Eulenburg s e gestern der nochmals vernommene Zeuge Jakob Ernst aus, daß der Münchener Hofrat Kistler, früher Sekretär beim Fürsten Eulen­burg, wiederholt zu ihm gekommen sei und ihn gebeten habe, von den vorgekommenen Schmutze­reien nichts auszusagen.________________

Ausland.

= Die Abfallhetze

unter der österreichischen Studenten- schast zeitigt bereits traurige Folgen. In Wien haben nach einer vom Evangelischen Bunde einberufenen Studentenversammlung, in der evangelische Prediger unter Ausfällen L la Thümmel zum „Austritt aus der Romkrrche" aufforderten, 8 0 Studenten sich zum AuS« tritt bereit erklärt. In Brünn sollen angefa sich 30, in Innsb ruck 25 Hochfchüler währen­des Streiks von der katholischen Kirche abgefallen fein. Die „deutsch-nationale Studentenschaft Wiens" veröffentlichte eine Erklärung, in bei sie schließlich „alle, die den Kampf gegen die Kle­rikalen ernst nehmen, auffordert, durch ihren Austritt aus der römisch-katholischen Kirche die­ser Gesinnung wirksam NaOnuck zu verleihens

Die bedauerlichste Erscheinung in dieser Hetze ist die Tätigkeit der evangelischen Prediger, die katholischen Studenten, denen noch das gerechte Denken mangelt, zum Abfall verführen. . Einer der Herren brachte es in Wien sogar fertig, den Studenten zu raten, wenn jemand nicht prote­stantisch werden wolle, dann möge er doch konfes­sionslos werden, nur möge er aus -der „Papst­kirche" austreten. Laienprotestanten bemühen sich nach Kräften, den Pastoren bei diesem Werke beizustehen. Sie suchen ihre Opfer besonders bei der Eitelkeit und Großmannssucht zu packen. „Vor eurer Tat schreckt Rom zusammen", ver­sichert der eine, und der andere ruft: „Da trefft ihr Rom am verwundbarsten Punkt!" Wir möch­ten nur wissen, was geschähe, wenn (z. B. ht Jena, Halle oder Greifswald I) katholische Prie­ster und Laien unter protestantische Studenten gingen, um ihnen ihre Religion schlecht zu ma­chen und sie zum Verlassen ihrer Religion aufzu­fordern. Da wäre der Entrüstung über eine solche Proselytenmacherei kein Ende. Und erst die Störung des konfessionellen Friedens! So aber berichten liberale Blätter mit großem Wohl­gefallen über die „Bekehrungen" an den öfter' reichlichen Hochschulen.

Das politische Ziel dieser! Bewegung wird vom „Alldeutschen Tagbl." mit größter

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

48j (Nachdruck erbosten).

„Das ist seltsam, sehr seltsam!" sprach Sir Harry, indem er ernst und gedankenvoll im Zim­mer auf- und abging. „Mein Sohn sagte mir, daß der arme Brander weder Freunde noch Ver­wandte hätte. Und es ist so traurig wie sonder­bar, in Ihrem Alter schon Witwe zu sein. Sie waren zwei Jahre verheiratet?" „Beinahe zwei Jahre, Sir Harry", antwortete die Frau. „Fer­dinand erbte ein kleines Vermögen von seiner Großmutter, welches ihn in den Stand setzte, einige Zeit zu reisen. Da er aber zu wenig Er­fahrung und eine starke Neigung zu einem luxu­riösen Leben besaß, war das Geld bald ver­braucht. Auf seinen Reisen kam er auch nach München, wo ich damals als Gouvernante bei einer englischen Familie konditionierte. Durch einen Zufall lernten wir uns kennen und lieben und verheirateten uns. Nach der Trauung, die in der Stille vollzogen wurde, nahm mich Ferdi­nand in sein Hotel. Nach einem Monat mieteten wir uns eine Wohnung, wo wir beinahe ein Jahr glücklich verlebten, bis unser Kind geboren war und Ferdiuand's Geld ausgegeben war; dann — o es war ein schwerer Schritt! — mußte ich zu meinem alten Beruf zurückkehren."

Nach einer Pause fuhr die junge Frau fort: »Ich war auch wieder fo glücklich, eine Stelle al» Gouvernante zu bekommen, welche ich bis letzt inne hatte. Mein Kind hatte ich andern i» ruur Erziehung übergeben. Ferdinand suchte -z ^rschiedener Weise Arbeit zu bekommen und <mP £J,. ?n öu verzagen anfing, engagierte ihn ter Änr' Sohn, als Reisegesellschaf- hprin^nonto^IAto!eromein Mann höben in dem gangenen vwhre Geld zurückgelegt, und nach ms1 ra €ine$ wetteren Jahres würde es uns möglich geworden sem. eine Schule einzurichten."

„Und Sie haben keine Verwandte?" fragte Sir Harrington.

„Nein, Sir Harry. Meine Eltern starben, als ich ein kleines Mädchen war und ich wurde in einem Institut für arme Predigerwaisen er­zogen — mein Vater war Prediger."

„Wann starb Ihr Gatte?" fragte Sir Harry vom tiefsten Mitleid ergriffen.

Die mit Tränen gefüllten Augen der jungen Frau öffneten sich weit vor Verwunderung.

„Hat Ihnen denn Mr. Harrington nichts er­zählt von dem schrecklichen Schiffbruch an der sizilianischen Küste?" fragte sie. „Ferdinand Brander kam dabei um's Leben und fein Leich­nam ist nicht aufgefunden worden."

„Meine liebe Madame Brander", fagte der Baronet, nicht weniger verwundert als die junge Frau, „das ist ein sonderbares Mißverständnis. Ihr Gatte kam bei dem Schiffbruch nicht ums Leben. Er lebt noch, ist jedoch irrsinnig. Der Arme erhielt bei dem Schiffbruch eine Gehirn- verletzung, die ihm den Verstand raubte."

„Er lebt noch!" flüsterte Fanny, wie zu sich selbst sprechend. „Er lebt, während ich ihn Tag und Nacht als tot beweint habe, seitdem ich die schreckliche Nachricht erfuhr. Ich habe van ihm geträumt, wie von einem Toten, und ich bin hierher gekommen, um Mr. Harrington zu fra­gen, an welcher Stelle der sizilianischen Küste iich das Unglück ereignete. Er vergaß, mir mit- juteilen, wo der Schiffbruch sich zutrug.

„Sie haben also schon mit meinem Sohne gesprochen?"

„Nein, Sir Harry, aber er meldete mir von Marseille aus brieflich den Tod meines Gatten. Ich habe Mr. Harrington's Brief, wollen Sie ihn felbft lesen, Sir Harry?"

Sie zog einen Brief aus der Tasche, den Brief, welchen ihr Gatte in Marseille als Guido Harrington an sie geschrieben hat, und reichte ihn dem Baronet. Dieser nahm ihn und entfal­tete denselben. Beim ersten Blick erkannte er die Handschrift feines Sohnes. Gir Harry'» Ge­

sicht wurde totenbleich. Der Bries überführte seinen vermeintlichen Sohn einer Lüge; denn hier stand es klar und deutlich, daß Ferdinand Brander ertrunken sei, und ihm, dem Baronet hatte er erzählt, daß er noch lebe. Hier war ein Rätsel, welches er nicht entziffern konnte.

„Vielleicht schrieb Ihnen mein Sohn, daß Ihr Gatte tot fei, weil er dachte, Ihnen dadurch einen viel schwereren Schlag zu ersparen", sagte er mit bitterem Lächeln.

„Es mag fein", entgegnete Fanny, „aber ich würde die Wahrheit besser ertragen haben. Ihr Sohn war sehr gütig, er sandte mir eine Hun­dertpfundnote, welche ich für meinen Sohn auf- bewahren werde. Können Sie mir fagen, wo ich meinen Gatten finde?"

„Ja, er ist in dem Haufe eines Fischers, Na­mens Vicini, in der Nähe des Cap di Gallo, und etwa fünf Meilen von Palermo entfernt, wie mir mein Sohn sagte.

Fanny Brander zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche, in welches sie die Adresse eintrug, wie Sir Harry ihr sie genannt hatte; dann erhob sie sich und schickte sich zum Fortgehen an.

„Ich danke Ihnen, Sir Harry, für Ihre Teil­nahme und besonders für die Zukunft, die Sie mir gegeben haben", sagte sie, „mein Gatte lebt und deshalb werde ich unverzüglich nach Italien reifen."

Sie verabschiedete sich von Sir Harry und verließ das Zimmer und das Haus, bestieg ihren Wagen und fuhr durch die Allee in der Richtung nach Gloucester. Als der Wagen aus der Allee auf die Straße einbog und in den Schatten des Parkes kam, sah Fanny einen jungen Mann, im Begriff durch eine offene Pforte den Park zu be­treten, der bei Annäherung des Wagens jedoch stehen blieb, um denselben an sich vorbeifahren zu lassen.

Und in diesem Manne erkannte die Frau so­gleich Ferdinand Brander. Mit einem Ruf freu­diger Ueberraschung, der weithin drang, riß sie da« Fenster auf und rief:

„Halt! Halt! Lassen Sie mich hinaus, Kut­scher, da ist er! Ferdinand! Ferdinand! O, mein' lieber Manul"

Der Kutscher hielt kaum, als Fanny ungestüm die Tür öffnete, aus dem Wagen sprang und mit aus gestreckten Armen auf den jungen Mann an der Pforte zueilte.

Ferdinand Brander stand da tote eine Sta­tue, gelähmt an allen Gliedern; Entsetzen leuch­tete aus seinen Augen, Furcht und Schrecken ver- zertten sein erbleichendes Gesicht.

War die Stunde der Vergeltung gekommen? Hatte die Gerechtigkeit ihn erreicht?

XX.

Im Gastyos zum Vesuv.

Etwa eine Meile von Neapel entfernt, in der Richtung nach dem Vulkan lag der „Gasthof zum Vesuv".

Eine wohlgepflegte Anpflanzung von Oran­genbäumen vor dem von der Straße etwas zu-, rückgelegenen Haufe und ein ausgedehnter Wein­garten vor demselben gab demselben ein ein­ladendes Aussehen.

Eine kleine Veranda vor dem Hause, von Weinreben umrankt, bot den Bewohnern und Gästen eine kühle Zufluchtsstätte bei heißem Wetter.

Die Besitzerin des Gasthofes, Guiditta Car» velli, hatte sich mit dem Gedanken vertraut ge­macht, unverheiratet zu bleiben, da sie fest ent­schlossen war, von ihrem Grundsatz, nur einen Mann zu heiraten, der ein bestimmtes lährttches Einkommen habe, welches bis dahin noch kein« anfweisen konnte, nicht abzuweichen, als plötzlich ein früherer Bewerber — Jacopo Palestro, der Makler von Palermo — mit dem von Brander erhaltenen Gelbe wieder vor sie trat und votz Neuem um ihre Hand anhielt.

Die junge Wirtin war jedoch nicht damit zu- frieben, baß Palestro das J@eÜ> vor ihr ausbre^