Einzelbild herunterladen
 

krschelnt täglich Mt lurnahm« der So.m- .nöSdertage-Vkrttb ährlichtKve;«grpreir chne vringerlshn und SesteLgtldinzuldaso- vieaurwört5l.S0M.

Vrrantw. lledalteuri

Sarl Schütte; für die Anzeigen: Z.parzeS«r in Lulda.

MI-aerWZeitmg

wschenb-«age:„Illustrierie Sonntagszeitung" m»mtÄ-il-ge: „Zuldaer GeschichtrblAter"

Anzeigen: Vie et«, spaltigepetitzeileoder deren Raum iS Pfg. ReNamendieprtitzeile 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

votationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- üendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Mittwoch den 8. Juli 1908,

35. Jahrgang.

M 154.

Erstes Wtatt

Fortbildungsschulen ohne Lehrwerkstätten, und )ie bürgerliche Erziehung der Jugend in den Fortbildungsschulen. Alsdann schloß Oberbürger­meister Kirschner-Berlin den StSdtetag. Am Nachmittag folgte eine Reihe von Besichtigungen.

c? München, 7. Juli 1908. Bayern will jetzt auch Kohlenbergbau treiben. Der Kammer der Abgeordneten ist eine Vorlage des Finanzministerium- zugegangen, betreffend den Erwerb eines Kohlenbergwerks in Stockheim, so­wie eine Forderung von 300 000 Mark für Bohrungen auf Kohle in freiem Felde.

Ausland.

X Die „neutrale Schule".

Gegen die christlichen Eltern plant der fran­zösische Unterrichtsminister ein neues kultur« kämpferisches Gesetz. Es soll dadurch dem Staate daS Recht übertragen werden, diejenigen Eltern zu bestrafen, die aus Gewiffensgründen die Kinder nicht an allen Unterrichtsfächern der von kirchenfeindlichen Lehrern geleiteten Schulen teilnehmen lassen wollen. Frankreich hat di« Unterrichtssreiheit und die Neutralität der Schulen proklamiert, und diesen Grundsatz deutet die französische Regierung und die ihr geistesverwandt« Lehrerschaft jetzt in ihrem Sinne, im Sinne der Verbreitung kirchenfeindlicher Ideen. Ten Eltern soll durch den Gesetzentwurf ihr natürliches Recht, zu bestimmen, in welchem Geiste ihre Kinder er­zogen werden sollen, genommen, die Kinder sollen der Willkür deS Staates überliefert werden. Dieses Beispiel zeigt wieder, daß der Liberalismus, der immer die Gewissensfreiheit im Munde führt, überall da, wo er das Heft in Händen hat, mit den Machtmitteln des Staate- gegen geistige Bewegungen vorgeht.

Daneben wird ein weiterer Gesetzentwurf an­gekündigt, der die Verantwortlichkeit deS Staates an Stelle der Verantwortlichkeit deS Lehrers setzt. Wer also gegen einen Lehrer Klagen zu erheben hat, kann nichts gegen diesen unternehmen, er muß sich an den Staat wenden und der Staat „wird das wettere veranlassen". Er wird den beanstandeten Unterricht des Lehrers prüsen und ihn ganz in der — Ordnung finden. Der Staat, der gegen die berechtigten Klage« der Familienväter mit dem Polizeiknüppel ein« schreitet, wird natürlich den „modernen", „wissen­schaftlichen" Unterrichtsbetrieb seiner Lehrer, die von Gott wie von einer hübschen Sage zu den Kindern reden, durchaus billigen. Denn der Staat ist ja dazu da, den „Klerikalismus" zu bekämpfen.

* Ter Ausbau der Arbeiterversicherung soll in Oesterreich beschleunigt werden. Das Abge­ordnetenhaus nahm am Montag einstimmig die Dringlichkeit eines dahin zielenden Antrages an. Der Entwurf wird nicht nur eine Reform der Kranken-, Unsall« u. Invalidenversicherung, sonder« auch bindende Fürsorgeeincichtungen für den Kreis derjenigen wirtschaftlich Selbständigen vorschlagen, die nach ihrer Lebenshaltung der Arbeiterschaft nahe stehen.

* Zn der franzSs. Kammer verlangte gestern der Sozialist I a u r ö s Auskunft über die Gründe, aus welchen der General d'A m a d e in Azemur eingezogen ist und über die Maßregeln, welche di« Neuerung ergreifen werde, um zu verhindern, daß die Befehlshaber in Marokko ihre Instruk­tionen übertreten. Der Minister Pichon erwi-

die Kandidaten der „Regierungspartei" bei den Wahlen amtlich und unter der Hand gearbeitet wird.

* Ein neuer Fall von protestantischer „Toleranz" hat sich in dem durch die Germers- Heimer Landtagswahl berühmt gewordenen pfälzi­schen Städtchen Billigheim abgefpielt. In Billigheim ist das gesamte protestantische P r e s - byterium von seinem Amte zurückgetreten. Warum? Man höre und staune! Weil der protestantische Pfarrer einen Protestanten beer­digte, der für einen Zentrums-Kandidaten stimmte, und weil er den katholischen Cäcilien - Verein, dessen Mitglied des Verstorbenen Sohn ist, am Grabe des Protestanten singen ließ! Der prote­stantische Pfarrer stellt daS selbst in einer öffent­lichen Erklärung fest.

r Elektrischer Versuchsbetrieb in Baden. Die badische Regierung wird auf der Wiesen­talbahn einen ersten größeren Versuch zur Ein­führung des elektrischen Betriebes machen. In der auf diese Weise zu verwirklichenden Aus­nützung der Wafferkräfte liege sür das Land, wie der Kommissionsbericht der Zweiten Kammer sagt, ein hocheinzuschätzender volkswirtschaftlicher Gewinn und bis zu einem gewissen Grade eine Unabhängigmachung der Eisenbahnverwaltung von den Konjunkturen des Kohlenmarktes. Die nötige elektrische Kraft soll dem im Entstehen begriffenen Kraftwerk bei Augst-Weyhlen ent­nommen werden. Ferner sind sür eine Stark­stromfernleitung Mannheim, Heidelberg, Karls­ruhe 606000 Mk. eingestellt. Durch die geplante Verbindung der Dampfzentralen Karlsruhe und Mannheim soll sich wegen der Vereinfachung und Sicherheit des Betriebes damit eine Kosten- ersparnis von jährlich etwa 59 000 M. ergeben.

§§ Kassel, 7. Juli 1908. lieber die gegen­wärtige Lage des Deutschen Flotten- vereinS erstattete heute abend der derzeitige Leiter des Deutschen Flottenvereins, Vizepräsi­dent Generalleutnant z. D. v. Liebermann- Kasfel, einen Bericht, worin er hervorhob, daß der Friede im Verein noch nicht eingekehrt sei, weil die kleinen thüringischen Verbände mit dem General Keim durch Dick und Dünn gehen und nicht eher ruhen wollen, bis der Deutsche Flottenverein zu einem politischen Vereine ge­stempelt ist oder sich aufgelöst hat. Er hoffe, daß es ihm, als dem derzeitigen Leiter des Flottenvereins, gelingen möge, den Großadmiral v. Köster zu bestimmen, den Vorsitz des Vereins zu übernehmen. Jedenfalls werde Großadmiral v. Köster den Verein so le.ten, daß er nicht als ein Anhängsel des Reichsmarineamts angesehen werden könnte, vielmehr bürge die Persönlichkeit des Großadmirals dafür, daß er den Flotten- verein unabhängig nach oben wie unten leiten werde. Schließlich wolle er festftellen, daß keine Klique bestanden habe, die es sich zur Aufgabe gemacht hätte, die Wiederwahl des Fürsten Salm-Horstmar zu hintertreiben. Auch der Landesverband Bayern habe nach Kassel und vor Danzig und schließlich auf der Danziger Tagung selbst nichts unternommen, das gegen den Fürsten Salm ausgelegt werden könnte, im Gegenteil hätten die Bayern ein hohes Maß von Loyalität gewahrt.

* München, 7. Juli 1908. In der heutigen Sitzung des deutschen Städtetages wurde über die Themata referiert: Die Lehrwerkstätten als Organisationsgrundlagen der gewerblichen

wolle — aber eine Erklärung fand er nicht. Die Gerüchte, daß der Fürst Eulenburg in der vorigen Nacht einen schweren Schwächeanfall gehabt habe, der eine Unterbrechung des Prozesses als möglich erscheinen ließ, haben sich als unrichtig erwiesen. Die Gattin des Angeklagten, die auch als Zeugin vernommen werden soll, wurde gestern vorläufig entlassen mit dem Bemerken, daß sie nicht täglich anwesend zu sein brauche.

>( Der sozialdemokratische Parteitag wird in diesem Jahre in Nürnberg stattfinden. Der Parteivorstand hat dafür die Woche vom 13. September ausgewählt. Auf der Tagesordnung steht ein Referat über die „Sozialpolitik und der neue Kurs" vom Abg. Molkenbuhr und weiter ein Referat Singers über die Reichsfinanzreform.

* Maßregelungen in oberschlesischen Krieger­vereinen. Nachträglich wird durch Oberschlesische Blätter bekannt, oaß der Kriegerverein Rybnik die Stimmabgabe bei den Landtags- wählen für die Kompromißkandidaten des Zen­trums und der Polen sür einen schweren Verstoß gegen die Pflichten eines Staats. bürgerS erachtet, sodaß ein solcher Wähler nicht mehr würdig sei, dem Krieger- vereine anzugehören. In einem Rund- fchreiben deS Kreiskriegerverbandes Rybnik wurde daS allen Mitgliedern bekannt gegeben. Die Begründung für diese kriegervereinliche „Exkom- munikation" fehlt. Anscheinend ist, der ,Ober- fchlesischen Volkszeitung" zufolge, auch noch den fämtlichen Kriegervereinen des Kreises eine be­sondere dahingehende Instruktion erteilt worden, wie aus einem Protokolle d. d. Jedlownik, den 8. Juni 1908 erhellt, in dem es wört­lich heißt:

Der Amtsvorsteher, Herr Gutsbesitzer H ... hat am 1. Juni d. I vom hiesigen Gemeindevorstand . . - «folgen 3 Namen) ferner vom Schulvorstand (folgen 2 Namen) sämtlich aus Jedlownik zu einem Termin vor­geladen und dabei folgendes eröffnet:

Er, Amtsvorsteher, habe vom Herrn Landrat von Rybnik den Auftrag, sie daran zu erinnern, daß sie Seiner Majestät dem Könige Treue geschworen, deStzalb werde erwartet, daß sie bei den Landtagswahlen ihre Stimme keinem Wahlmanne des Zentrums oder der Polen geben weiden, sondern nur An­hängern der Regierung spartet, sonst würde jeder, der für Zentrum oder Polen stimmen würde, sein Amt verlieren. , t

Mir M. hat der Amtsvorsteher noch besonders gedroht, daß ich aus dem Kriegerverein ausge­stoßen werde, falls ich sür Zentrum oder Polen wählen sollte. ,, ,

Ich A. bestätige ebenfalls und kann es beschwören, daß der Amtsvorsteher H. zu uns Erschienenen die Drohung gemacht hat: „Wer für die Polen oder das Zentrum stimmen werde, derwird aus d em K rieger- ö et ein ausgest oßen. (Folgen Namen.)

Mitgliedern des Gemeindevoistandes und des Schulvorstandes wirb also amtlich ange- droht, daß sie ihr Amt verlieren würden, und außerdem wird ihnen noch angedroht, aus dem Kriegerverein ausgestoßen zu werden! „Amt- liche Wahlbeeinfluffung" ist noch ein viel zu milder Titel für ein solches Vorgehen; das ist Wahlterroismus. Im Wahlkreise Pleß- Rybnik sind nun allerdings trotz dieser Wahl- beeinflussung zwei Zentrurns-Abgeordnete und ein Pole gewählt worden, und da die unterlegene „Regierungspartei" wohl kaum einen Wahl Pro­test einreichen wird, können diese Wahlmänner nicht offiziell bei den Wahlprüfungen, sondern nur gelegentlich zur Sprache gebracht werden, was hoffentlich geschehen wird. Man sieht aber aus diesem konkreten Fall, wie mitunter sür

Deutscher Reich.

* Bon der Nordlandreise des Kaisers. Aus Kopenhagen, der dänischen Hauptstadt, wird ge- neldet: Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an siord passierte Kopenhagen am Dienstag s0 Uhr vormittags in nördlicher Richtung. Sw verhielte Salutschüsse mit dem Fort SixtuS und »em deutschen Panzerschiff „Frithjos". - Wetter vtrd dann berichtet: I« Trondfen sind, rote »änische Blätter melden, Herzog Fise und Ge- pahlin, der japanische Prinz Kuniyosocht, der sgyptische Prinz Ali Pascha mit Gemahlin em- »etroffen. Es verlautet, daß sie sämtlich Kaiser Wilhelms Ankunft abwarten.

* Die Zeitungslektüre des Kaisers. Die Köln. Vztg.' schreibt: Eine zeitlang hat der Kaiser sie,TSgliche Rundschau' als einzige- Blatt «nzerschnitten erhalten, aber diese schönen Zeiten Inb für das verbissen katholikenfeindliche Blatt chon wieder vorüber; der Kaiser will von dem Jaden Blatt" nichts mehr wissen; es kommt nicht mehr auf den kaiferlichen Schreibtisch und )ie ,Tägl. Rundschau' ist der Mühe enthoben, von derselben Wummer zwei Ausgaben herzustellen. Scherls ,Lokalanzeiger' ist wieder in feine alte Stellung eingerückt.

r Der frühere Reichslagsabg. Erzpnester Joseph Wolny ist soeben in Zelasno im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verstorbene vertrat als Mitglied des Zentrums in den Jahren 1893—1898 den Wahlkreis Oppeln. 1898 unterlag er dem polnischen Zentrumsrnan« Szmula.

□ Eine Bankstener. Zu den neuen Steuer- plänen soll, wie eine Berliner Korrespondenz er­fahren haben will, auch eine Umsatzsteuer für den Verkehr der Banken gehören. Die Korrespondenz behauptet: Der Entwurf schlägt vor, den Banken eine Umsatzsteuer in Form einer Stempelgebühr von zunächst zwei Zehntel Prozent aufzuerlegen. Steuerträger soll derjenige sein, der Geld empfängt. Die „Reichs-Bank-Steuer" soll in allen Fällen erhoben werden, in denen irgend ein Bankgeschäft zum Abschluß gelangt, so z. B. bei den Diskont- und Lombardgeschäften usw. Bei Einzahlungen von Depositengeldern dürfte als Steuerträger in erster Reihe das betreffende Bankinstitut in Be­tracht kommen. Da der Jahresumsatz der Banken im Deutschen Reiche jetzt etwa 300 Milliarden beträgt, so würde ein Umsatzflempel von nur zwei Zehntel Proz. dem Reiche jährlich 800 Mill, einbringen. Das würde vorläufig zur finanziellen Sicherstellung der Reichsfinanzen genügen.

* Betreffs des Briefes des Fürsten zu Tohua-Schlobitteu an den Fürsten Eulen­burg wird die ,Ostpreußische Ztg.' ermächtigt, mitzuteilen, daß das von den .Dresdener Reuest. Nachr/ abgedruckte Schreiben authentisch ist, daß aber Fürst Dohna der Veröffentlichung sernstehk.

e. Im Prozesse Eulenburg wurden während bet beiden letzien Tage die beiden Hauptzeugen Milchhändle» Riedl und Fischer Ernst ver­nommen. Beide hielten ihre Aussagen im Münchener Prozesse aufrecht. Der Angeklagte soll gestern als Antwort auf die Beschuldigungen des Zeugen Ernst kreidebleich mit der Faust auf den Tisch geschlagen haben, daß Seltersflaschen und Gläser klirrten, und eine Bewegung gemacht haben, als ob er sich erheben und auf den Ankläger stürzen

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

L7j (Nachdruck erbosten).

„Die Heiligen mögen Sie beschützen, Sig­nora," sagte der wackere Kapitän. „Wenn ich Ihrem nichtswürdigen Vormund begegnen sollte, werde ich es nicht unterlassen, denselben auf eine falsche Fährte zu bringen. Adieu!"

Nelly drückte dem biederen Manne die Hand und dankte ihm herzlich für seine Freundlichkeit; dieser schlug die Wagentür zu und sagte zum Kutscher.:

„Nach dem Gasthof zum Vesuv, außerhalb der Stadt I Wissen Sie?"

Der Kutscher nickte bejahend und der Wagen rollte davon.

XIX

Eine unerwartete Begegnung.

Sir Harry Harrington saß in seinem Zimmer, ein Exemplar der „Times" in der auf den Kmen nachlässig ruhenden Hand haltend. Der Inhalt der Zeitung schien seine Gedanken nicht fesseln zu können; zwar hatte er nochmals den Blick auf das Blatt geworfen, aber er starrte die Buchsta­ben gedankenlos an, las auch einige Zeilen, ohne zu wissen, was er las. Unwillkürlich hatte sich die Hand mit dem Blatt wieder gesenkt, während das Auge in's Leere starrte. So saß er auch jetzt da. In der einen Hand die Zeitung haltend, in die andere den Kopf gestützt, starrte er zum Fen­ster hinaus in die trübe, nebelige Winterluft; doch ruhte fein Auge auf keinem Gegenstände, er sah nur vor sich die Gestalten Brander's und EÜa'S, beide miteinander vergleichend. Beson­ders war es die Verlobung seines vermeintlichen Sohnes mit dem Liebling seines Herzens, welche feine Gedanken beschäftigte und ibn zu allerlei

Betrachtungen veranlaßte. Bis jetzt hatte er noch nicht den leisesten Verdacht von dem Betrug, der an ihm und seinem Sohne begangen war und der nun auch auf die unschuldige Ella ausgedehnt werden sollte; aber in seiner großen Freude über die Rückkehr seines vermeintlichen Sohnes mischte sich doch schon jetzt eine gewisse Unzufriedenheit mit demselben, ein geheimnisvolles, seltsames Ge­fühl von Abneigung, über dessen Entstehen und dessen Bedeutung er sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte. Er hatte seinen Sohn Guido über alles geliebt, hatte, um das Glück seines Sohnes zu begründen, seine eigene Liebe zu Ella unterdrückt.

Er hatte sich gesagt, daß sein Glück nur in dem Glück seiner Kinder zu finden fei; aber von dem Augenblick an, als er AÜa in den Armen sei­nes vermeintlichen Sohnes gefunden und dieser ihm seine Verlobung mitgeteilt, hatte er im Stil­len mehr auf den Charakter desselben geachtet und das Ergebnis dieser Beachtung war eine große Unzufriedenheit gewesen, daß es Brander, so geschickt er auch seine Rolle spielte, nicht immer gelungen war, seinen wahren Charakter unter der angenommenen Maske zu verbergen.

„Er war sonst der edelste Charakter, den ich je gekannt habe", murmelte der Baronet, „und jetzt scheint er nur an sich selbst zu denken. Was mag ihn nur so verändert haben? Es scheint mir, daß er nicht ganz aufrichtig ist, und ich fürchte er ist der treuen, unfchuldigen Ella nicht würdig!"

Während er sich noch mit diesen Gedanken be­schäftigte, vernahm er das Knarren von Wagen­rädern draußen auf dem Sandwege, und als er aufblickte, sah er einen Wagen durch die Allee dem Hause zufahren. Vor dem Portal hielt der Wagen still und Sir Harry konnte nur noch sehen, haß eine Dame aus demselben stieg.

Einige Minuten später trat ein Diener in's Zimmer und fraate nach Mr. Guido.

„Mein Sohn ist ausgegangen," sagte Sir Harry, „er wird aber im Laufe des Vormittags wieder hier sein."

„Eine Dame wünscht ihn dringend zu spre­chen," meldete der Diener, „sie sagt, sie hätte ein wichtiges Geschäft."

„Eine Dame? führe sie in das Empfangszim- mer und bitte sie zu warten, bis Guido zurück- kommt."

Der Diener entfernte sich, kehrte aber bald zurück, eine Visitenkarte in der Hand haltend.

„Die Dame ist in großer Eile, Sir Hartt), sagte er. „Sie wünscht nach Gloucester zurück­zufahren, um den nächsten nach London gehenden Zug zu erreichen. Sie läßt um eine kurze Unter­redung mit Ihnen bitten. Hier ist ihre Karte."

Sir Harry nahm die Karie, auf welcher mit schönen zarten Buchstaben der Name „Mrs. Fanny Brander" geschrieben war.

„Brander!" rief er verwundert. „Ah, eine Verwandte jenes unglücklichen jungen Mannes, welchen mein Sohn tn ©teilten zurückließ. Ich meinte, daß mein Sohn sagte, Brander hätte keine Verwandten? Joseph, führe die Dame in's Empfangszimmer," wandte er sich an den Diener, „und sage ihr, daß ich sogleich kommen werde."

Der Diener zog sich-zurück und bald folgte ihm Sir Harry. Als der Letztere in's Empfangs­zimmer trat, erhob sich die junge Dame aus dem Lehnstuhl und kam ihm einige Schritte entgegen. Sie war klein und schmächtig, etwa einundzwan­zig Jahre alt, in tiefster Trauerkleidung, welche die Blässe des Gesichtes noch mehr hervortreten lieifj. Der offene, bittende Blick ihrer großen, dunklen Augen, das betrübte kummervolle Gesicht erweckte iogleich Sir Harry's Sympathie. Un­willkürlich reichte er ihr die Hand, indem et sagte:

„Ich bi« Sir Harry Harrington, mein Sohn ist ausgepangen, wird aber in einer oder zwei Stunden zurück fein."

„Ich kann nicht so lange warten," entgegnete die Dame mit bebender Stimme. „Es liegt mir sehr viel daran, noch heute abend London zu er-' reichen."

„Bitte nehmen Sie Platz," sprach Sir Harry höflich. ,Jhr Name ist mir bekannt," fügte et mit einem Blick auf die Karte, die er noch tn der Hand hielt, hinzu. „Bin ich im Irrtum, wenn ich annehme, daß Sie eine Verwandte des un­glücklichen jungen Mannes find, den ein so schreck­liches Unglück in Sizilien traf?"

„Sie haben Recht, Sir Harty, wenn Sie glau­ben, daß ich eine Verwandte des armen Ferdi­nand Brander bin," erwiderte die junge Dame, indem sie in den Lehnstuhl zurücksank. „Ich bin — ick, war — seine Frau!"

„Seine Frau?" rief der Baronet über­rascht.

,Ja, Sir Harry," sagte sie, und blickte dabei :o offen mit ihren tränenfeuchten Augen zu dem Baronet empor, daß dieser nicht an der Wahr­heit ihrer Worte zweifeln konnte; „und nun bin ich seine Witwe."

„Seine Wittvel" -rief Sir Harry, dessen Ver­wunderung immer größer wurde. „So ist er nun tot, der Arme? Ich wußte nicht, daß er verheiratet war."

„Wir sind zwei Jahre verheiratet gewesen," sagte Fran Brander, die sich vergeblich bemühte, ihre Kränen zurückzuhalten. „Wir arbeiteten beide nach Kräften, in der Hoffnung, eine klein« Summe zu ersparen, die uns in den Stand setzen sollte, eine Schule zu gründen, und nun, als wir unser Ziel halbwegs erreicht hatten, ist diese, alles so plötzlich zerstört. Er ist tot und ich gänz­lich trostlos!" __

D>e bisher so gewaltsam zurückgehaltenen Tränen brachen jetzt unaufhaltsam hervor und em Schluchzen erstickte ihre Stimme

(Fortsetzung folgt.)