35. Jahrqanq
Fulda, Dienstag den 7. Juli 1908.
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«£*£& rood^ntotog«: „Illustrierte Sonntagszeitung
♦ Der Kaiser hat gestern abend von Warnemünde aus an Bord der „Hohenzollern" die Nordlandsreise angetreten. Die Fahrt soll zunächst nach Odde gehen.
□ Ministerialdirektor a. D. Althoff scheint schwer erkrankt zu fein. In letzter Zeit sind besonders häufige Darmblutungen mit solaenden Schwächezuständen einaetreten. Zur Linderung seines Leidens suchte Althoff in den letzten Tagen den Kurort Schierke auf. Die Nachrichten von dort lauten noch sehr bedenklich.
• Amerika und Deutschland. Am Sonntag beging die Berliner amerikanische Kolonie die Feier des Unabhängigkeitstages. Dabei sprach fich der neue Botschafter der Vereiniaten Staaten, Dr. Hill, für möglichst gute Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland aus. Er meinte, d.e Woblfahrt und das Glück der Amerikaner seien bi? zu einem gewissen Maße bedingt durch gute Beziehungen zu allen anderen Mächten der Welt. Daher erfülle es ihn mit großer Genugtuung, zu sehen, daß in dem mächtigen Deutschland so viele seiner Mit- bürget heute lebten, um als Bindemittel zu dienen zwischen der großen amerikanischen Republik und Deutschland.
♦ Die Pensionsreife für alle höheren Beamten soll von der preußischen Regierung, wie die,Franks. Ztg/ behauptet, ohne Rücksicht auf ihre Dienst- sähigkeit schlechthin auf die Vollendung des 65. Lebensjahres festgesetzt we'den. Das Blatt weist aus dem Wortlaute und der parla- mentarischen Entstehungs-Geschichte des Gesetzes vom 3t. März 1832 bett. die Pensionierung der unmittelbaren Staatsbeamten nach, daß nur dienstunfähige nichtrichterliche Beamte gegen ihren Willen nach Vollendung des 65. Lebensjahres pen- sioniert werden können, daß also das von der Regierung beabsichtigte Verfahren ungesetzlich ist.
(*) Die Denkschrift über die Privat be- amten-Pensionsversicherung wird nach einer Mitteilung, die Abg. Sittarl am Samstag in einer Rede in Mannheim gemacht hat, in etwa acht Tagen erscheinen.
* Liberalismus und Schule. Wohin die Liberalen hinsichtlich ihrer Bestrebungen auf dem Gebiete der Schule streben, zeigt ein Zitat der freireligiösen Zeitschrift „Es werde Licht" aus der /Frankfurter Zeitung'. Es heißt da:
„Die Wurzeln dieser politischen Macht (gemeint ist das Zeulruin) ruhen in dem Einfluß, den der Klerus auf di« Erziehung der Kinder ausübt; darum kann hier nur die eine Radikalkur helfen i Entfernung der Kircke und ihrer Diener aus der Schule. Dieses scharfe, aber allein wirksame Mittel hat der Liberalismus in der Zeit seiner Vorherrschaft an,wwevden versäumt, und er muß nunmehr die Folgen seiner Zaghaftigkeit und Inkonsequenz am eigenen Leibe ipür.cn."
In 9lr. 183 vom 3. Juli kommt die ,Frankf. Ztg/ auf das Thema: „Das bayerische Zentrum und die Schule" zu sprechen und schreibt dabei:
„Der moderne Kampf ist nun darauf gerichtet, nicht nur Staat und Kirche von einander zu trennen, sondern auch Schule und Kirche. Was die Demokratie stets als eine der Kardinalforderungen ihres Programms verlangt hat: Trennung von Kirche und Staat und von Schule und Kirche, das Hot die französische Republik bereits durchgeführt, natürlich nicht ohne schwere innere Kümpfe, aber zuletzt doch siegreich. Und siehe da: es geht auch so: es geht sogar besser! In Deutschland sind wir leider noch nicht so weit!"
Man wird der,Franks. Ztg.' für diese Offenherzigkeiten, die ja gewissen liberalen Schön-
mir ein Gasthof ein außerhalb der Stadt, nach der Seite des Vesuvs hin gelegen. Die Zimmer sind hübsch, die Betten sauber und der Tisch ausgezeichnet. Die Wirtin ist ein hübsches Frauenzimmer —"
„Eine Frau? Das ist für mich entscheidend. Ich will dorthin gehen. Wie heißt der Gast- Hof?"
„Zum Vesuv."
„Gasthof zum Vesuv," wiederholte Nelly. „Das ist leicht zu merken."
„Es ist vielleicht das Beste, wenn sie dort bleiben, Signora, bis die Verfolgung vorüber ist", sagte der Kapitän. „Doch das müssen Sie selbst wissen! In dem Gasthof kehren zwar viele Besucher des Vesuvs ein, aber es übernachten selten Fremde daselbst. Signora Carvelly — so beißt die Wirtin — ist noch unverheiratet und steht im besten Rufe, obwohl sie unglücklichetzc Weise mit einem der schrecklichsten Räuber verwandt ist. Sie ist nämlich die Schwester des roten Carvelly, doch hat sie sich schon vor mehreren Jahren von ihm losgesagt."
Nelly notierte sich den Namen des Gasthofes und der Wirtin, da sie entschlossen war, dem Rate ihres neuen Freundes zu folgen. Wie konnte sie ahnen, daß sie gadurch sich und Guido Harrington in die größte Gefahr brachte? Wie konnte sie wiffen, daß die Wirtin seit einigen Tagen verheiratet und ihr Mann Jacapo Palestro, der schlimmste Feind Guido's war?
Mit Sonnenuntergang lief das Schiff in den Hafen von Neapel ein. Das Boot wurde in'» Wafier gelassen und die Passagiere bestiegen das- selbe, nachdem ihr Gepäck hinabgelassen worden war.
Als sie an's Land kamen, engagierte der Kapitän eine Droschke, welche Nelly mit ihren Begleitern bestieg.
(Fortsetzung folgt.)
särbereibesitzern vermutlich stark in die Quer, kommen werden, nur dankbar fein können. Hier erfahren wir, welches die wirklichen Bestrebungen der Liberalen in Bezug auf die Schule sind: dp völlige Verdrängung der Kirche aus bei Schule, die völlige Entchristlichung bei Schule, wie sie in Frankreich bereits durchge- sührt ist, das Ideal unserer Liberalen! — DaS christliche Volk wird sich solche Zugeständniffe gut merken!
□ Kein Flickwerk! Auf Flickwerk wollen sich die tapferen Freisinnigen in der R e i ch s f i n a n z- res rm jetzt nicht mehr einlaffen. Sie verlangen nach einer großen Tat. So sagt wenigstens einer, allerdings eine Größe zweiten Ranges, der einzige sächsische Freisinnige, Abgeordnete Günther. Er erklärte: Kolossaler Reichtum sei im Laufe von 88 Jahren im Lande aufgehäuft worden; ibn mehr als seither den vaterländischen Jntereffen dienstbar zu machen, fei ein Gebot ernster Pflichterfüllung. Eine Reichsfinanzreform, die ohne die großen Vermögen durch direkte Besteuerung zu den Reichslasten heranzuziehen, durchgesührt werden soll, wäre seiner Meinung nach eine politische und soziale „Dummheit", die sich auch in der inneren Politik schwer rächen müßte. Wenn er auch keinen Auftrag habe, im Namen der Abgeordneten der freisinnigen Reichstags« sraktion zu sprechen, so könne er wohl mit aller Bestimmtheit sagen, daß mar. von der Fraktion der sreisinnigen Volkspartei eine Reichsfinanzreform nicht gutheißen könne, die weder dem freisinnigen Programm noch dem gerechten sozialen Empfinden unserer Zeit Rechnung zu tragen gewillt ist. — Ach die liebe Unschuld I Weiß Herr Günther noch nicht, daß der Freisinn auf jedes soziale Empfinden pfeift und jede politische und soziale Dummheit macht, wenn es darauf ankommt, die Blockherrlichkeit zu retten?! Die politische „Dummheit", auf eine direkte Vermögenssteuer zu verzichten, werben die Freisinnigen mit ihrem „Programm" sehr gut z« vereinbaren verstehen.
C-) Der Nationalverein für bas liberale Deutschland hält in München feine Hauptversammlung ab. Es wurden gewaltige liberale Reden geschwungen, aber ein Teilnehmer schätzte die Versammlung richtig ein, indem er ausführte, daß die Liberalen nur auf den Kongressen liberal seien. Es wurde ba geredet von der Ausnahme der Kämpfe um die freiheitliche Ausgestaltung der Verfassung im Reiche und in Preußen; dir Uebertragung des Reichstagswahlrechtes auf Preußen wurde allgemein gefordert; Naumann meinte nicht mit Unrecht, daß das heutige Wahlrecht in Preußen nichtanderes sei als eine Kontrollversammlung für die großen Parteien. Weiter beschäftigte man fich auch mit der Arbeiterpolitik. Der Hirsch»Dunckersche Arbeitersekretär Varnhalt« Nürnberg, sprach zunächst für die Organisation der Arbeiter. Er lehnte, wie von seinem Standpunkt aus verständlich, die sozialdemokratischen und die gelben Gewerkschaften entschieden ab; besonders die „gelben" griff er sehr scharf an. Schloffer Dettmann-Augsburg und CriSpin-AugS- burg verteidigten die „gelben", wurden aber von Dr. Brunhuber-Berlin scharf zurückgewiesen.
)-( Die Sozialliberalen um Barth und Verlach oder wie sie sich gerne nennen, die „Demokraten", scheinen im Lande nicht mit derselben
Deutsches Reich.
** Der Verzicht des Fürsten Salm auf das Präsidium des Deutschen Flottenvereins ist nach der ,Rhein.-Westf. Ztg/ auf „Weisungen", die ihm von Allerhöchster Seite gemacht worden sind, zurückzusühren. Ihre früheren Mitteilungen ergänzend, wird dem genannten Blatte hierzu aus Berlin geschneben:
Der in Kiel deutlich »um Ausdruck gebrachte Wunsch, daß eine Beibehaltung des Systems seim" unter keinen Umständ en genehm fei, hat in dem tüchtigen Manne, der nicht gewillt war, gegen seine Ueberzeugung in einer anderen als der von ihm richtig erkannten Weste seines verantwortungsvollen Am! es »u walten, sofort den Plan reifen lasten, von der Bühne seiner siebenjährigen er- folgreichen Tätigkeit abzutreten. Fernerhin ist dre abwartende Haltung des Prinzen Rupprecht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Aeußerungen an allerhöchster Stelle zu bringen. Ueberall in unabhängig nationalen Kreisen wird di« Danziger Tagung als eine traurige Komödie angesehen, und der auf den Fürsten Salm ausgeübte Druck, der seinen Rücktritt zur Folge hatte, allgemein bedauert.
Die ganze Enttäuschung über den Widerstand, den das Draufaängertum der kurzsichtigen scharfmacherischen Richtung der allveutschen Gruppe in den besonnenen Kreisen des deutschen Volkes und der Regierungen findet, macht sich in diesen Sätzen Luft.
q Zum Eulenburgprozeß.
Sehr scharf äußert sich die Harden ergebene ,Berl. Zeit am Mittag' über gewisse Erscheinungen im Eulenburgprozesse:
Ein des Meineids oder eines anderen mit Zucht- bauSstrafe bedrohten Verbrechens dringend verdächtiger Mensch kommt in eine Sträslingszelle, in der er oft Monate laug von der Außenwelt gänzlich abgeschlossen ist und mit ihr nur durch die Organe der Gefängnis- verwaltung verkehren darf. Besuche, auch der nächsten Angehörigen, werden nur selten gestattet usw. Fürst Eulenburg wurde, trotzdem die Ergebnisse des Münchener Städeleprozesses dazu zu zwingen schienen, nicht sofort verhaftet. Die Untersuchungszeit hat er in der Charitt verlebt; ungefähr so unbequem wie ein Ferienreisender in einem Dorfgasthof. Wir lasen, daß er einen Diener bei sich habe (erlaubt das die Gefängnisverwaltuno?), und täglich Frau unb Kinder zu langen Besuchen empfange. Dabei hatten drei Instanzen, obenan das preußische Kammergericht, seinen Hafientlastungsantrag, trotz ungewöhnlich hoher Kaution, abgelehnt, weil nach La; e der Sach« die Gefahr der Tatbestandsverdunkrlung zu fürchten sei. Jetzt wird er täglich in einem Automobil vor das Gerichtshaus gefahren, auf einer Bahre in de» Saal getragen, in weiche Kissen gebettet, vor und nach der Verhandlung und während der Pausen von seiner Familie umringt; von Familienmitgliedern, die (unglaublich, aber wahr) in seiner Strafsache noch als Zeugen vernommen werden sollen.
Der Artikel schließt: „Um das Ansehen bet preußischen Rechtspflege im Volk hört man schon roieber merkwürdige Reden. Sollen wir erleben, daß der Angeklagte, wenn ihm die Sache ungemütlich wird, die Verhandlung krankheitshalber abbricht? Oder wollen wir abwarten, bis Herr Harden, dem man, trotz seinem sehr berechtigten Interesse, ja auch den Sitzungssaal verschlossen hat, noch einmal in einem anderen Bundesstaat fern Heil sucht?"
Niederschmetternd sind sür Eulenburg zwe Mitteilungen, die gegenwärtig offenbar auch von Harden'icher Seite veröffentlicht werden. Die eine der Kundgebungen knüpft an die schon früher erwähnte Affäre des Geheimrats Pierson an, den Eulenburg während dessen Tätigkeit bet der
sie am anderen Morgen erwachte, saß Mrs. Jebb an ihrer Seite.
„Guten Morgen, Miß Nelly," sagte die gute Alte. „Das Wetter ist wunderschön; die Fahrt geht noch immer gut von Statten und das Land ist längst außer Sicht. Gesfrey hat Mr. Brander angekleidet und hinaus auf das Deck geführt. Haben Sie gut geschlafen und wollen Sic nun aufftdjen?"
Statt einer Antwort sprang Nelly vom Lager auf, erfrischte ihr Gesicht, kämmte ihr Haar, kleidete sich an, setzte ihren Hut auf, warf ein Tuch um und ging hinaus auf das Deck. Bei ihrem Erscheinen erhob sich Guido, dessen alte, ihn sozusagen angeborene Höflichkeit ihn nicht verlassen hatte, verbeugte sich und streckte ihr lächelnd die Hand entgegen.
„Miß Nelly!" sagte er hastig. „Ich habe auf Sie gewartet."
„Sie wußten, daß ich kommen würde, Ferdinand?" fragte Nelly. „Haben Sie schon gefrühstückt?"
Guido blickte fragend auf Gesfrey, dessen respektvolle Freundlichkeit bereits das Zutrauen des Unglücklichen gewonnen hatte.
„Nein, Miß Nelly, er hat noch nicht gefrühstückt," sagte Gesfrey. „Er wollte nicht essen. Als ich ihm etwas anbot, lehnte er es ab und rief Ihren Namen. Ich will es nun noch einmal versuchen."
Er holte Brot, Fleisch, Früchte und Wein und setzte es seiner Herrin und Guido vor, welcher jetzt, dem Beispiele des jungen Mädchens folgend, mit Appetit aß.
Nach dem frühstück trat der Kapitän zu Nelly und knüpfte em Gespräch mit ihr an, wobei er fich nach dem Zweck ihrer Reise erkundigte. Er hatte nämlich vom Anfang der Reise an geglaubt, daß Nelly ihrem Vater entlaufen sei, um mit ihrem Geliebten zusammenzutreffen. Er verhehlte ihr diese Ansicht nicht und machte ihr Vorstei
(Seneralmtenbantur der königlichen Schauspiele ehr schwer angeschuldigt hatte. Es wirb ba ein Brief beS wegen feiner rücksichtslosen Wahrhaftigkeit in der „Gesellschaft" schwer respektierten Fürsten Richard zu Doh ua-Schlobitten ver- öffentlich, den dieser 1901 in dieser Angelegen- beit an Philipp Eulenburg gerichtet haben soll. Die ganze Jntriguen-Geschichte interessiert weiter nicht. Wichtig ist daraus der Paffu», worin Fürst Dohna die versteckten Angriffe gegen Pierson dem Grafen jetzigen Fürsten Eulenburg auf das Konto schreibt. Da fallen folgende saftigen Be- mer Zungen:
„Dies« Geschichte gemacht, resp. erfunden zu haben, bleibt also auf Dir sitzen, und so scheint es auch mit den Enthüllungen der Frau Bach und den nichtbezahlten Rechnungen der Kautzkys schließlich auch zu werden. Du bist ganz einfach so verlogen, daß es mir schwer auf das Gewissen fallen muß, einen solchen Kerl in die intime Gesellschaft unseres geliebten Allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn gebracht zu haben. Wie soll nun dieser groß und vornehm, vor allem aber durchaus gerecht denkende Monarch von uns denken, wenn das alles einmal bekannt wird? Und dafi dieses geschieht, wenn Bülow mit seinem Pierson die General- mtendantur auf Seiner Majestät Befehl verlassen müssen, dafür garantiere ich Dir."
In einem weitverbreiteten Wiener Blatt wird gleichzeitig folgendes erzählt: Der Untersuckmngs. richtet habe bei Eulenburg sechs Bücher über widernatürliche Verfehlungen gesunden in einem Umschlag mit der Aufschrift: „Graf Edgar Wed el". Graf Wedel habe erklärt, diese Bücher gehörten ihm nicht. In der jetzigen Hauploer- handlung habe der Vorsitzende dem Eulenburg diese Erklärung vorgehalten, und dieser habe darauf gesagt:
„Ich bin ein kranker Mann, der jeden Tag sterben kann. Da es nun auffallen könnte, wenn in meinem Nachlaß solche Bücher gefunden würden, habe ich den Namen meine? alten Freundes Wedel darauf geschrieben."
DaS Wiener Blatt berichtet bann weiter:
„Dieses Zugeständnis des Fürsten machte einen für ihn sehr ungünstigen Eindruck, und der Vorsitzende verbarg nicht, daß er diese Art, einen anderen vorzuschieben und in Verdacht zu bringen, recht unschön finde. Darauf sagte Fürst Eulenburg: „Ich gebe zu, daß es unrecht war. Aber Graf Wedel ist Junggeselle, und ich dachte, es könnte ihm weiter nichts schaden." Auf die Frage, rournm er denn diese Bücher angekauft habe, antwortete der Fürst, sie seien ihm ins HauS geschickt worden. Auf den Vorbehalt, daß man Bücher, die einem ohne Auftrag ins Haus geschickt werden, doch nicht so sorgfällig aufbewahren und noch als einem anderen gehörig bezeichnen müsse, ste vielmehr einfach wegwerfen könne, mußte Fürst Eulenburg die Antwort schuldig bleiben."
Sinb biete Mitteilungen richtig, und sie scheinen glaubwürdig zu sein, bann illustrieren sie drastisch die ganze Verlogenheit eines Mannes, der einmal das Ohr des Kaisers besessen hat wie nicht leicht ein anderer. Bei dieser Gelegenheit erinnert man sich auch daran, daß der Fürst schon früher von München aus den Kaiser über die preußische Schuloorlage falsch unterrichtet hatte; daß er dem Kaiser einen gefälschten Bericht über die Rede deS Polensührers Koszielski unterbreitet und dadurch den Bruch mit den Polen herbeisührte. Wir wissen ebenso, daß der Fürst über das Zentrum dem Kaiser eineUnrichtigkeit nach der andern vorzu- setzen suchte unb könnten hierfür im Notfälle gar das Zeugnis des Fürsten Bülow ansühren. Ist von den zuständigen Seiten das Ersorderliche geschehen, um den Kaiser nun richtig und völlig wahrheitsgemäß zu informieren?
Der falsche (Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
.46] (Nachdruck erbosten).
In diesem Augenblicke näherte sich ihr der Kapitän, meldete den raschen Gang des Fahrzeuges und lud das Mädchen mit ihrem Begleiter ein, in der Kajüte Platz zu nehmen. Nelly nahm dieses Anerbieten an; der Kapitän zündete eine Laterne an und geleitete seine Passagiere in die Kajüte.
„Wenn dieser Wind anhält," sagte der Kapitän, find wir innerhalb vierundzwanzig Stunden in Neapel. Sie sind hier so sicher wie in Ihrem Hanse, Signora; machen Sie es fich so bequem als möglich."
„Ich danke Ihnen, Signor/' erwiderte Nelly; „dagegen erlauben Sie mir, meine Mundvor- räte zu Ihrer vollsten Disposition zu stellen. Es wird mich freuen, wenn Sie von dem Wein, Fleisch und den Früchten Gebrauch machen, als ob es Ihr Eigentum wäre." .
Der Kapitän, erfreut über diese Gastfreundschaft, verbeugte sich und verließ die Kajüte.
„Gesfrey," wandte sich Nelly an diesen, „ich übergebe Mr. Brander Deiner besonderen Obhut, sei ihm behülflich, wo es nötig ist. Er scheint müde zu sein. Darum kannst Du ihn gleich zu Bett bringen."
Gesfrey erfüllte den Wunsch seiner Herrin, die sich wiederum auf das Verdeck begab unb uow einige Zeit schweigend mit ihrer Dienerin da saß. Endlich begab auch sie sich zur Ruhe.
Leise trat sie an Guido's Lager und betrachtete eine Weile das bleiche aber schöne Gesicht des jungen Mannes, welches jetzt, während des Schlafes keine Spur von Geistesstörung zeigte. Es war, wie früher, edel und fein.
Dann legte sie sich nieder und schlief ein. Als
hingen, ob es nicht besser sei, zu ihrem Vater ober Vormund zurückzukehren und ihn um Verzeihung zu bitten.
Nelly bebte zurück bei dieser Ermahnung, aber sogleich faßte sie sich; das ehrliche Gesicht des Mannes sagte ihr, daß sie sich ihm anvertrauen könnte. Sie erzählte ihm mit wenigen Worten, wie sie zu ihrem Vormund gekommen sei, was sie von ihm zu erdulden gehabt und was sie zur Flucht getrieben habe.
Der Kapitän hörte ihr aitfmerffain zn, sein Interesse für Nelly stieg mit jedem ihrer Worte, der Ausdruck von Mitleid und Entrüstung wechselten in seinem Gesicht unb als Nelly mit ihrer Erzählung zu Ende war, tief et voller Abscheu:
„Hat bie Welt wohl jemals ein solches Ungeheuer von Vormunb gesehen? Dieser erbärmliche Engländer! Entschuldigen Sie, Signora, daß ich meine Ansicht unumwunden ausspreche. So lange Gelb noch dem Menschen Annehmlichkeiten, Ehre unb Ansehen verschafft, so lange wird er auch in seinem Streben und Ringen nach Geld nicht verlassen. Und es war auch nur Ihr Geld Signora, welches dieses Scheusal von Vormund zu besitzen wünschte. Glauben Sie mir das, Signora. Es war Recht von Ihnen, daß Sie sich aus der Gewalt dieses Schurken befreit haben, und ich will Ihnen zu Ihrem Fortkommen behilflich fein ,indem ich Sie fo schnell als möglich nach Neapel bringe; bann aber muß ich nach Messina zurückkehren. In welchem Gasthof wollen Sie Ihren Wohnsitz nehmen?"
„Ich habe mich noch nicht entschlossen," erwiderte Nelly. „Als wir zuletzt in Neapel waren, logierten wir im Hotel Cotcella; doch es waren so viele Fremde dort, daß ich, wenn ich doch eine Nacht in Neapel bleiben muß, liebet in einem anderen, ruhigeren Gasthof logieren möchte. Sind Sie in Neapel bekannt, Signor?"
„Ein wenig," antwortete der Kapitän, geban- kenvoll sich ben Batt streichend. „Ah, ba fällt