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35. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 4. Juli 1908.

j\e 151

Zweites Wiatt

;g. Und England? Kriege mit Deutsch-

Kleines Feuilleton

ausgestellt werden.

In Persien liegen die Dinge noch sehr bet- worren. Die Weltgeschichte kennt viele Herrscher, die sich durch eigene Schuld und durch eigene Dummheit ins Verderben gestürzt haben. Die Art und Weife aber, wie der Schah von Persien

Whetattägttchmtt Atusahm« der So.«* «nd Leiertage, viertel­jährlicher verugrprek oh« vringerlohn «nd Bestellgeld in Lulda sa« t»U auswärts X-SOHlt verantw. Sedatte«, «arl Schütte, für die Anzeige«:

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Deutsches Keich.

□ Die verweigerte Haftentlassung de- Abg. Liebknecht frischt die Erinnerung daran auf, daß während dec Kulturkampfszeit auch wiederholt Zcntrumsab^eordnete wäh­rend der Parlamentssession die ihnen zuerkannte Mrafe abbüßen mußten, es seien hier nur die Namen Graf Ballestrem, Majunke und Stößel genannt. Der Fall Majunke, der da­mals viel Aufsehen erregte, lag wesentlich schlim­mer als jetzt der Fall Liebknecht. Majunke ist 1873 während der Tagung zur Verbüßung einer lZmonatigen Gefängnisstrafe in Haft genommen worden. Darin erblickte der Reichstag eine Verletzung der verfassungsmäßi­gen Unversehrtheit eines seiner Mitglieder' au Antrag des Abg. Dr. Lasker wurde die Regie­rung aufgefordert, die Entlassung Majun^es her­beizuführen. Die vom Fürsten Bismarck unmit­telbar beeinflußte Justizverwaltung bestritt die Verfasmags-Verletzung, lehnte die Haftentlassung ab und Dr. Majunke verblieb während der ganzen Session im Gefängnis, bis der letzte Tag der gegen ihn erkannten Strafe abge- büßt war. Der Reichstag nahm infolgedessen den Antrag Haverbeck an: „Behufs Aufrechter­haltung der Würde des Reichstages ist es not­wendig, im Wege der Deklaration resp. Abande-

Reklamen- und Anzeigenteil.

,I«r KMlM, der Kindts".

vermischtes.

♦ Gegen die Darstellung von Verbreche« tat Kinematographrn erläßt das Kölner Polizeiprä- ftblum eine Verfügung, und zwar mit Rücksicht auf den Knabenmord im dortigen, Stadtwald«, zu dem die Anregung dem jugendlichen Mordet von dem Bilde eines Detektivromans kam. Fer­ner wird eine verschärfte Kontrolle über die Vor« fühnmg von Schreckensszenen und Hintertrep^ penromanen in den Kinematographen-Theateri» angeordnet. .

Höflichkeit. A.: .Entschuldigen Sie, meta gutesteS Herrchen, bleiben Sie noch lange hier?" —' B. (grob) : „Was kümmert Sie ba6 ?* — A. (be* scheiden): „Kümmern lut's mich nichts, aber wissen Sie, ich möchte gern aufbrechen . . . und Sie sitze« auf meinem Hut!"

aufgespeicherten Feuchtigkeit der Ausgang ver- sverrt. Als das Heizen dann einer normal»n Temperatur Platz machte, begann die Feuchtig­keit herauszutreten; die Vergoldungen nick) der Anwurf bröckelten ab, und schließlich stürzte im Georgssaal, kaum zwei Stunden nach einem gro­ßen Balle, die Decke ein. Die Arbeiten wurden nun mit noch größerem Eifer wieder aufgenom­men; infolge des krassen Ueberganges von Hitze zur Kälte starben ganze Scharen von Arbeitern an Fieber. Die Budgetmittel waren langst über­schritten, und um es nicht eingestehen zu müssen, zahlte Kleinmichel den Lieferanten keinen Pfen­nig mehr; ganz Petersburg schrie über die Miß­bräuche, aber Kleinmichel erhielt — noch vor dem Einsturz der Decke — den Grafentitel; in dem ihm aus diesem Anlaß verliehenen Wappen war das Palais abcebildet, und die Aufschrift lau­tete: „Eifer überwindet alles". Diese Denise und die Medaillon, die die Arbeiter erhielten, waren ein Beweis dafür, daß der Kaiser die Restauration des Palastes für eine patriotische Heldentat hielt.

— Am Kaspischen Meer gibt e8 auf der Halb­insel Mangischlack fünf kleine Seen, deren einer so dick mit Salzn^stallen bedeckt ist, daß ein Reiter unbedenklich hinüberreüen kann. Ein anderer See ist kreisrund und von der schönsten lichtrote« Farbe. Sein mit Salzkrystallen bedeckter Strand bildet einen schimmernden Rahmen um den mitunter in verschiedenen Farbenuuancen, vom Violett bis Rosenrot leuchtenden und einen köstlichen Veilchen- duft verbreitenden Wasserspiegel. Sowohl der Duft wie das Farbenspiel dieses wahrhaft märchenhaften Sees rühren von Algen her, die dort im Wasser wachsen.

— Die „Tugenden" der Edelsteine. Anläßlich der Machenschaften deS famosen Diamantenfabri­kanten Lemoine bringt ein Pariser Blatt eine interessante Zusammenstellung über die Eigen- schäften, die den Edelsteinen vom Bolksaberglau- ben zugefprochen werden. Der Diamant reinigt die Lust ud verleiht dem Träger Klugheit und

— König Eduard hat sich seit seiner Thron- besteigunz persönlich als ein sparsamer Haus­vater erwiesen, der alle Ausgaben, die nicht un­bedingt durch repräsentative Pflichten bedingt find, gerne vermeidet, und so hat er auch, von rein praktischen Gesichtspunkten geleitet, in der Form der Hofhaltung allerlei Reformen vorge­nommen. Aber selbst der moderne Mensch, der in dem Briterkönig so lebendig ist, ist durch Ver­hältnisse gebunden, manche alte Tradition muß gewahrt werden, der Bruch würde von vielen mißdeutet werden, und so bestehen denn auch heute noch am englischen Königshofe eine Reihe von Sinekuren, die sich als wunderliche Ueber- reffe längst vergangener Zeit bis ins 20. Jahr­hundert hinein gerettet haben. Dec Graf von Dcnbigh z. A. genießt noch heute die Ehren des obersten Küchenchefs der königlichen Familie, ui.b aus seinem Wappenschild prangt noch heute als stolzes Zeichen seiner Würde ein Fleischstück mit zwei Tranchiermessern. Der Graf Mount Edg- ciimbe hat das Recht, den König bei der Tafel ?u bedienen, der Marquis d'Abergavenuy ist Mundschenk, der Graf von Rothes ist Sandalen» trägcr und der Marquis von Winchester Kopf­putzträger, dessen Amt es einst war, die Perücken des Königs zu tragen. Der Herzog von New- casile hat das RcM, den müden Arm des Königs zu sliitzen, wenn dieser daS Zepter trägt, und dir Bischöfe von Durham und Bath genießen das Vorrecht, den König tragen zu dürfen, wenn er bei irgendeii er Zeremonie ohnmächtig werden sollte. Der Herzog von Cambridge ist der Wäch- ter der Eichen des Hyde Parkes und bezieht als solcher 40 000 <M im Jahr. Sir John »ulleton. der Kapitän der königlichen Jacht, bezieht ein Stipendium teil jährlich 300 000 <M, und dieselbe Summe erhält auch der anglikaniföhe Erzbischof von Canterbury für eine Pflicht, die ihm wohl

schwerlich viel Zeit und Mühe raubt: Wenn der König eS verlangt, muß er ihm nämlich einen Teller Suppe bereiten. Aber das Verlangen nach diesem immerhin etwas teuren Genuß w'.rd nie gestellt.

— Vom Hofe des Zaren Nikolaus I. Das Maiheft de« „Jstoritscheski Westnik" bringt in­teressante Auszeichnungen des Senators K. I. Fischer über die Zeit des Zaren Nikolaus 1, Der Kaiser, von dem einmal jemand sagte, daß er der einzige ehrliche Mensch in Rußland sei, sah in seinen Ministern nicht Staatsmänner und Mitarbeiter an der Verwaltung des kolossalen Reiches, sondern nur Schneider, Anstreicher, Ku­riere und im besten Fall Sekretäre. Ten Mi­nistern des kaiserlichen Hauses nannte er einmal während einer Dampferfahrt in Gegenwart Aller einen Esel, weil der Koch ein zu kleines Frühstück vorbereitet hatte. Seinem Günstling Klein- michel kmff er die Hände blutig, weil ans einer Station oas Fenster des Salonwagens schwer herunterging. Die Minister verdienten ober keine bessere Behandlung: sie waren ärger als Lakaien und betrugen sich auch wie solche. Im Jahre 1839 brannte das Winterpalais nieder. Der Kaiser berief die besten Architekten und be­fahl ihnen, das Haus möglichst bald zu restaurie­ren. Sie erklärben aber einstimmig, daß in we­niger als zwei Jahren diese Arbeit nicht durchzu­führen sei, und ließen sich auch durch Drohungen deS Kaiser- nicht einschüchtern. Da erbot sich Kleinmichel, der ba8 Kasernenbauwesen versah, den Palast im Laufe eines Jahres zu restaurie­ren. Geld spielte keine Rolle, und Kleinmichel stellte Hunderte von eisernen Oesen auf, um die Mauern zu ttocknen; nicht weniger als 10000 Mann arbeiteten im Palast; draußen herrschte eine Kälte von 10—20 Gr., drinnen aber waren 20—45 Gr. Wärme. In einem Jahre war der Palast fertig, aber bewohnt konnte er nicht wer­den. Durch do« unsinnig starke Heizen war nur bte äußere Mauerschicht ausgetrocknet worden; dadurch wurde aber der in den tieferen Schichten

rung der Verfassung die Möglichkeit auSzuschlie- jen, daß ein Abgeordneter während bef Dauer der Sitzungsperiode ohne Ge­nehmigung des Reichstags verhaftet werde." Die Deklaration ist bisher nicht gegeben worden, da Fürst Bismarck mit seinem Entlassungsgesuch drohte. Die Verletzung der Verfassung wurde darin erblickt, daß die Verhaftung während d e r S e s s i o n erfolgt war. Liebknecht war schort verhaftet, als der Landtag eröffnet wurde, ja schon als er gewählt wurde. Man kann die Ver­weigerung seiner Haftentlassung unbillig finden, rechtlich aber war sie zulässig. DaS Zentrum hat niemals einen Anttag auf Haftentlassung seiner eigenen Mitglieder gestellt^ weil die rechtliche Unterlage dafür fehlt.

• München, 2. Juli 1908. In der bayerisch« Kammer wurden heute zwei bemerkenswerte Er­klärungen abgegeben. Der Verkehrsministert sagte, die unglückliche Fahrkarten st euer könne, wenn es auf ihn ankäme, morgen wieder abgeschafft werden, aber der Einführung der 4, Wagenkla^se werde er niemals zustimmen. Der Verkehrsreferent Abg. Pichler meinte, irt Bayern herrsche nicht die geringste Stimmung für eine Aeichsabgabe auf Elektrizität.

Kühnheit. Der Rubin macht das Denken leicht und geschmeidig. Der Saphir stillt da« Fieber. Granaten bewahren vor Krebs und bösartigen Geschwüren. Der Onyx verhindert Erkrankung« aller An. Der Topas bewahrt seinen Eigentü­mer vor einem plötzlichen Tod«. Der TürkiSs schützt vor dem Fallen und vor Abstürzen. Ter Opal verleiht ewige Heiterkeit und Freudigkeit. Der Amethyst zerstreut di« Melancholie und di« schlechte Saune. Aber er hat noch eine anbete Tugend. Er bewahrt nämlich den Träger vor der — Trunkenheit.

— Eine boshafte Antwort. August der Starke, Kurfürst von Sachsan und König von Polen, hatte seinem Hofnarren Kyau volle Witzfreibeit gestattet, wovon der letztere ausgiebigen Gebrauch madjte. Als ihn einmal die kitzliche Frage: „WaS würdest Du tun, wenn Du an meiner Stelle König wärest?" in Verlegenheit bringen sollte, antwortete Kyau ohne Besinnen: „In den Wo­chentagen nichts, und die Sonntage würde ich zu meiner Erholung verwendeni"

— Der Rieft ««ter «Sen „Wolkenkratzern." Die Amerikaner können gar nicht genug „in die Höhe" kommen. Ganz hoch hinaus, alle andern über« K will die Newyorker LebenSversicherungsge-

st „Equitable." Sie beabsichtigt, ein etwa 280 Meter hohes, 62 Stockwerke fassendes Ge­bäude zu errichten, und daraus einen 45 Meter hohen Flaggenstock zu setzen. DaS HauS, daS höher sem wird, alS der Eifelturm in Paris, wird 38 Aufzüge erhalten. Die Kosten werden auf 40 Millionen Mark geschätzt.

- Zm Lad«. „Ich bitte um eine Bluse." — Verkäuferin: „Jawohl, mein Herr, wäre Ihne« dieser Schnitt recht?" — „Ganz egal." — Ver- käuserin: „Welche Farbe dürste eS dann sein?" — .Ist auch ganz egal." — Verkäuferin: „Aber um die Größennummer darf ich doch bitten ?" — „Die ist erst recht egal, 'S ist überhaupt alle- egal, um« getauscht wird sie doch!"

bedenklichen Schwächezuständen wahrscheinlich unvev- baut ausgeschieden wäre.

Scotti Emulsion wird von uns autfchlietzlich tut «oben ew tauft, und ,war nie lote ni ch Gewicht ober Matz, wen w ta eerfkaelten Originalfiaschen tn «arten mit unter« e*uy marke wer glich« mit dem Darich). Ceoti n. Bowne, ®. m. Rra*inanbtem: stein»« Medizinal-Lebertr«- 1*0,0, prima Glyzerin w,o, rmtephoSvh^giaitr« Kalk t^u»^r»ho«p»^tt« trurei Natron 2,0, Piro. Iragant «A leinst« arad. ptie. 2.0, deftill. «Baflet 1»A Mlohol aromatisch»,

। uni«» n mit Stint-, Mandel» und »ankthrriaSl je a Trov>en.

sich um feinen Thron bringt, ist geradezu ein Schulbeispiel von Verblendung. Wenn er auch nur ein wenig von der Weltpolitik Bescheid weiß, dann muß er wissen, daß Rußland und England einen Vertrag über Persien abgeschlossen haben, wonach mindestens ein Drittel des gesamten Per- sienS, fast der ganze Norden deS Landes, als rüst fische Interessensphäre gilt, wahrend England sich gleiche Rechtsansprüche im Süden geschaffen hat. Nun sollte man meinen, der Schah würde in den Unruhen in Nordpersien, über die sich Rußland so laut entrüstet, daS sehen, was sie sind: russische Machenschaften. Man sollte weiter meinen, er würde versuchen, sich mit dem Parlament zu der- tragen und sich zur Verteidigung deS Vaterlan- des auf sein Volk zu stützen. Statt dessen laßt er sich von dem Russen Schapsal, den er zu seinem Privatfekretär erkoren hat, in einen immer tolle- ren Streif mit dem um das Land besorgte Par- larnent treiben, statt dessen läßt er seine Solda- teska unter Führung russischer Offiziere auf sein Volk los. Der russische General Liakhow ist von ihm zum Befehlshaber seiner Truppen ernannt und mit Diktaturrechten ausgestattet worden. Die- ser läßt die persische Soldateska überall, wo ir­gend ein Anlaß dazu da ist, auf das Volk loS, sodaß Raub und Plünderungen an der Tagesord- nung sind. Mit dem Niederbrennen des persi- scheu Parlamentsgebäudes hat man die Volksver­tretung abgeschafft, die Volksführer sind einge­sperrt worden oder geflohen. So „siegt" der Schah über sein Volk mit seinen eigenen Trup­pen, aber nur — zugunsten Rußlands, das nun­mehr schon sorgen wird, daß der Schah sehr bald pensioniert werden wird. Da sage noch einer, die russische Teplomatie sei der Sache nicht ge- wachsenl Ein fremdes Land mit dessen eigenen Truppen zu unterjochen und sich dann warm ins Nest zu setzen, das ist ein Meisterstück.

Castro von Venezuela, derselbe brave Präsident, mit dem wir 1902-03 einen kräftigen Srauß ausgesuchten haben, hat irt t mit den Holländern einen Streit angefangen, der größere Verwickelungen zu schaffen droht. Gleichzeitig haben die Holländer wieder größere Unruhen in Hiitterindien, die sich aber in nichts von den früheren, seit einem Jahrhundert üblichen (Ein- geborenenaufftänbe unterscheiden und daher kaum Beachtung verdienen.

(je*.) sitfe Dorsch.

Es ist sehr bemerkenswert, ba| Scotts Emulsion selbst in Fällen äußerster Erschöpfung gut vertragen und mit vollem Nutzen verdaut wird. DieS beweist aufS neue die Vorzüge von Scott8 Emulsion gegenüber ge­wöhnlichem Lebertran, der bei s»

In der AuS land s p olitik hat, der Ab­lauf der Erörterungen über die Doberrher Kai- errede erkennen lassen, daß man unsere mili­tärische Kraft im Auslande sehr hoch emschatzt und sich über Deutschlands angebliche Krieg«- Pläne mehr auS Angst denn auS wirklichem An- laß heraus auftegt. In der Politik soll man nie von heute auf morgen prophezeien, denn ge­wöhnlich „kommt es anders". Aber gegenwärtig an einen Krieg zu denken, liegt ferne Veranlass suna vor. Daß unsere Beziehungen nach außen hin nicht die besten sind, ist richtig. Aber von da bis zum Kriege ist noch em wertes Ende Deutschland will keinen Krieg. Und England? England profitiert bei einem Kriege Mit Deutsch­land nichts, denn ihm liegt an einer Schwächung her deutschen Industrie; die Wehrmacht Deutsch­lands ist ihm erst in zweiter Linie wichtig. Un­tere wirtschaftliche Konkurrenz aber kann es nicht durch einen Krieg ausschalten. Deutschland kauft englische Produtte in einem sehr erheblichen Um­fange. Der Abbruch dieser guten auch für Eng­land ersprießlichen Handelsbeziehungen scheut man in England. Die Schürung des National- hasseS gegen Deutschland im Ausland- erfolgt nur, weil man damit die deutsche Ausfuhr zu er­schweren gedenkt. Dazu kommt, daß England gar feine Möglichkeit sieht, gegenwärtig einen Krieg gegen Deutschland zu führen. Mit Frank- reich und Rußland in ihrer jetzigen Verfassung würden wir relativ schnell fertig werden. Unsere Küsten aber sind so geschützt, daß England uns nichts anhaben tarnt. Man nützt in England den Haß gegen die Politik des Deutschen Reiches im letztem Grunde nur dazu aus, um der englischen Ausfuhr neue Absatzgebiete, so beson- ders in Rußland zu erschließen.

In Oesterreich ist nach langen 9obren zum erstenmal« wieder der Etat ordnungsmäßig erledigt und damit der § 14 enbgiltig ausgeschal- tet. Ein großes Verdienst um die Leitung der Debatte hat sich der Präsident des Abgeordneten­hauses, Dr. Weiskirchner, erworben, der mit all- feit« anerkanntem Geschick und außerordentlicher Ruhe die Debatte geleitet hat. Seiner sicheren Hand ist es allein zuzuschreiben, daß die viel­fachen Ausbrüche von Erregung schließlich doch immer wieder ruhig abliefen. Im Herrenhanse war die Debatte sehr kurz — da das Gesetz bis 1. Juli verabschiedet sein mußte, aber dafür be­deutungsvoller. Reimar aller Parteien waren einig in der Verurteilung Wahrmunds, und der Gesamtinhalt der Debatte war, eine Aufforde­rung an die Regierung, gegen die fortschreitende Disziplinlosigkeit an den Hochschulen, das über­handnehmende PolitittNachen der Studenten mit den Machtmitteln und der Autorität des Staa­tes einzuschreiten. Graf Thun wies daraus hin. daß die Rektoren mit den Studenten nicht von Macht zu Macht verhandeln dürsten, und daß der Autonomie der Hochschulen, also ihren Rech- ten, auch Pflichten gegenüberstehen. Die Miß­stimmung kam schließlich dadurch zum Ausdruck, daß sich bei der Abstimmung über das Kapitel „Unterricht" eine große Zahl von Mitgliedern entfernte. Minister-Präsident Baron Beck be­tonte, daß ein Kulturkampf vermieden werden müsse. Der Verurteilung Wahrmunds ftimme er zu. Er wolle jedoch nicht durch falsch angebrachte Energie Märtyrer erziehen. Es muß aber, wie schon hervorgchoben, der katholischen Kirche trotz der vollen Achtung vor der Wissenschaft und ihrer Freiheit der gesetzliche Schutz gewahrt bleiben. Unter dem Titel Freiheit kann fein greibrie:

wochen-Rundschau.

3 Fulda, 8. Juli 1908.

E» war eine kleine Unterbrechung, die die hochsommerliche Stille durch die kurze Tagung des preußischen Landtags erfuhr. Das alte Prä­sidium wurde wiedergewählt; darunter vom Zen­trum der Abg. Porsch. Für die protestantischen ®eiftlid)en wurde die Möglichkeit geschaffen, daß ihnen die Aufbesserung gegeben werden kann, die Sozialdemottaten sttmmten gegen das Gesetz, ober auch der Freisinn. Vom Zentrum sprach in dieser rein protestantischen Sache ntemanb; leider haben die Protestanten nie diese noble Zu­rückhaltung, nenn es sich um katholische Tinge 5jubelt; da 'wollen vielmehr einige aus ihnen mmer besser wissen, was unS frommt, als die Katholiken.

Der Prozeß Eulenburg hat begonnen. Er wird unter dem Ausschluß der Oeffentlichkett verhandelt. ES ist zu begrüßen, daß rechtzeitig vorgesorgt worden ist, damit sich diesmal nicht wieder, wie im Oktober vorigen Jahres während des ersten Moltke-Harben-Prozesses, Hochfluten von Schmutz und ekelerregenden sittlichen Ver­irrungen über daS ganze Land ergießen. Tie Oeffentlichkeit hat keinen Anspruch darauf, bte Intimitäten eines anscheinend verfehlten Lebens reimen zu lernen, wenn es sich auch um das Le­ben einer Persönlichkeit handelt, die jahrzehnte­lang eine hervorragende Stellung einnahm, gro­ßen Einfluß ausübte und nun auf der Armen- sünderbank vor 12 schlichten Richtern aus dem Volke sich gegen schwere, mit langjähriger Zucht- haussttafe bedrohte Klage zu verantworten hat. Am wenigsten unzufrieden sind mit dem Aus­schluß der Oeffentlichkeit die anftänbigen Zei­tungen, denen andernfalls die schwierige Auf­gabe zugefallen wäre, über die heikelsten Dinge zu berichten, ohne doch die Rücksicht auf Moral und Anstand zu verletzen.

In Bayern unternahmen gelegentlich der Kultusdebatten im Abgeordnetenhause die natio­nalliberalen Helden einen Zug gegen die weib­lichen Klosterschulen, fanden aber in dem Kultus­minister o. Wehner einen Mann, der sie zu stellen wußtet Er hielt ihnen entgegen, man könne den Eltern nicht vorschreiben, in welcher Schule sie ihre Kinder erziehen lassen wollten. Auch in der Zukunft werde daran festgehalten, daß die höheren Mädchenschulen von christlichem Geiste getragen werden. Der Minister konstatierte so­dann, daß Bayern 144 höhere Mädchenschulen hat, 72 weltlich» und 72 klösterliche, die Frequenz der weltlichen beträgt 9636, jene der klösterlichen 8227. Eine gewaltsame Unterdrückung der Klo­sterschulen werde man von ihm doch nicht ver­langen. Dr. Müller-Meiningen sprach sich offen für die Entkirchlichung und Verstaatlichung der Mädchenschulen aus. Dr. Schädler (Ztr.) packte den Mann mit seiner beißenden Ironie: Wenn die Klosterschulen wirklich so gefährlich sind, dann sollen die Liberalen selbst Schulen gründen, denn was arme Ordensschwestern können, das werden doch auch die Herren von Besitz und Bildung zu­sammenbringen. Natürlich werden sie das hübsch bleiben lassen wer weiß, wie viele Liberale selbst froh sind, oie Unschuld ihrer Kinder und bami: eine sorgenlose Jugend in einem Klosterfrieden geborgen zu wissen. Theorie und Praxis stehen hier, wie so oft bei dem Liberalismus auf sehr gespanntem Fuße. Es ist aber gut, daß die Herren zuweilen ihr Visier lüften, damit man sie erkennen kann.

Kiirnb«! Älrinttntbreroeg 89, 4. 3 uni 1907. «' »Eine äußerst heilige Hirnhautentzündung befiel unser Sllh» chen Frist im Vit« von 88 Wochen, dazu traten dann noch Kramstch enflßt, die sich täglich 16—20 Mal wiederholten und dem Kinde solch gualvolle Schmerzen bereiteten, daß man e« während B Monoton weder bei leg nach bet Nacht allein taffen durfte. Der Körper stoch Kleinen war in kurzer Zett vollständig erschöpft- MB mir daun «st­rafen wurde, dem Kinde zur Stärkung Scotts Smulffen zu gebest, zögerte ich nicht einen Augenblick, dies zu 6ef»'gen, worüber ich steneS nur dankbar fein kann, nenn da» Sieful at fiel über Erwarten gnt au«. Der abgezehrte Körper wurste miedst» kräftiger und widerüandSfähig«; d« Klein« begann, fich auf die vetnchen »n stellen, feie «u«iahen belferte fich, und w« ehedem da» bilfr lot daliegende Rin» goieheu hat, kann sich eich« genug datstber wundern, ta« Bübchen hentch so srhch herumgehen zu sehen-.