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Maer

Zeitung

Fulda, Samstaq den 4. Juli 1908.

M 151

Veravtw. Redakteur: Larl Schütte;

35. Jahrqana

Monatsbettage: „zuldaer Seschichtzblatter"

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w°ch-nb°ii°g-- Illustrierte Zonntagszeitung"

Drittes ''.ftcrtt.

Deutsches Reich.

* Die von der zweiten Friedenskonferenz getroffenen Abmachungen und Erklärungen, die bis zum 30. Juni dieses Jahres zurückgehalten waren, um von mehreren Regierungen noch unter« Zeichnet oder mit Vorbehalten versehen zu werden, sind, wie aus dem Haag telegraphiert wird, unterzeichnet worden. Sie betreffen: 1. Inter­nationale Konflikte, 2. Staatsschulden, 3. Eröff­nung von Feindseligkeiten, 4. Kriegsrechte, 5. Rechte der Neutralen, 6. Bestimmungen für Handels- schiffe, 7. Aenderung im Aeußeren von Schiffen, 8. Unterseeboote, 9. Beschießung durch Kriegsschiffe, 10. Annahme der Genfer Konvention, 11. Weg­nahme von Schiffen, 12. Prisengerichte, 13. die Neutralen im Seekriege, 14. Verbot der Ver­wendung von Explosivstoffen auS Luftschiffen. Es haben Vorbehalte gemacht: Deutschland zu 4, 6, 8, 9, 13; Oesterreich-Ungarn zu 4; China zu 10; Equador zu 2 und 12; England zu 5, 8, 9, 10, 13: Japan zu 1, 4, 9, 13; Rumänien zu 1; die Schweiz zu 1 und die Türkei zu 1, 4, 7, 8, 10, 12, 13. Nicht unterzeichnet haben Deutschland Nr. 14, China alle außer 1 und 14, Spanien 4, 8, 9, 13, 14, England 12, Italien 14, Japan 12 und 14, Paraguay 13 und 14, Portugal 8 und 12, Rumänien 2, 12, 14, Schweden 2, 8, 14 und die Schweiz Nr. 2. — Das ist also das Er­gebnis der Friedensabmachung! Der erträumte Weltfrieden, wie liegt er so fern, so fern!

Ausland.

• Das „gute" Beispiel". Die versprochene Milliarde hat das französische Volk als Ergebnis der Kirckenstürmerei zwar nicht zu sehen bekom­men, dafür aber ein Schauspiel, wie sich bei der amtlichen Kiröbenstürmerei einzelne Leute berei­chert haben. Was die Freunde der R e g i e r u ng tun durften, die sich bsi den Versteigerungen aus dem Kirchenvermögen mit amtlicher Geneh­migung die Säcke anpfropfen konnten, das ha­ben auch ohne Erlaubnis der hohen weltlichen Obrigkeit eine Reihe von Privaten getan — sic mausten, was sie mausen konnten. Die fran­zösische Polizei hat ein förmliches Syndikat von Altertumshändlern entdeckt, das Kirchendiebe be­zahlte und zu ihren Taten anstiftete. Die Ver­haftung eines bekannten Pariser Antiquars, die dieser Tage erfolgte, steht mit der Entdeckung in Verbindung. Das Syndikat hatte sich ein Verzeichnis der in den Kirchen verwahrten histo- rifdjen Stücke verschafft und bezeichnete den Die­ben diesen und jenen Gegenstand der Unterneh­mungen. Jetzt weiß man, warum dich Diebe immer mit sachverständigem Blick nicht nur die Kirchen heraussanden, wo etwas zu holen war, sondern auch die wertvollen Objekte selber. Die famose Inventaraufnahme in den Kirchen, die

all ihre Schätze bekannt werden ließ und dem Komplott der Hehler und Diebe den Besitz eines detaillierten Verzeichnisses ermöglichte, hatte manche Pfarrer bewogen, wertvolle Sachen an einem sicherem Orte, als es eine Dorfkirche ist, zu verbergen. Die Polizei wird noch mehrere Verhaftungen vornehmen, einige Händler sollen bereits geflüchtet sein. Die Diebe sagten sich natürlich: Wenn die Regierung fremdes Gut wegnehmen darf, warum sollen wir es nicht dürfen? Wer zuerst kommt, der mahlt zuerstI Wo einmal das Stehlen zur Staatsmoral er- hoben wird, dort muß die Gesellschaft sich auch solche Diebskonsortien zur Beraubung historischer Schätze gefallen lassen. Es war noch immer so.

* Im französischen Senat gab es am Donners­tag eine Debatte über die Flottenrüstun- gen. Senator d'Estournelles kritisierte die be­ständige Flottenvermehrung. Marineminister Thomson antwortete: „Die Meinung Ht, all­gemein verbreitet, daß wir in einem etwaigen deutsch-französischen Kriege zur See den ersten Angriff erleiden werden. Wir dürfen uns nicht überraschen lassen. Wenn d'Estournelles ferner meint, daß wir im äußersten Osten keine Seemacht brauchen, weil das Schicksal der Kolo­nien sich in Europa entscheiden wird, bin ich auch in diesem Punkte anderer Ansicht. Wir müssen auch eine Flotte im äußersten Osten haben. Der Senat pflichtete den Ausführungen des Mini­sters bei.

* In Jndochina haben die Franzosen augen­blicklich eine kritische Zeit durchzumachen und man kann vorläufig noch kein Ende der nationalistischen Bewegung absehen. Wie raffiniert die Singe» borenen vorgehen, zeigt die vorgestrige telegr. Meldung, wonach in den Kasernen in Hanoi 200 europäische Soldaten an Vergiftungser- schemungen erkrankt sind. Aller Wahrscheinlich­keit nach handelt es sich hier um den Versuch einer Maffenvergistung, da seit einigen Tagen eingeborene Unteroffiziere, die mit Räuberbanden in Verbindung sieben, von einem bevorstehenden Handstreich sprechen, zu Waffendiebstählen an- stiften und eine Erhebung gegen die Franzosen predigen. Zur Verhinderung der beabsichtigten Erhebung sind sofort alle notwendigen Maß­nahmen getroffen worden, die Anstister und Teil­nehmer sind verhaftet, fortgesetzt sind Patrouillen unterwegs. An anderen Orten im Lande hat sich bisher noch fein ähnlicher Aufstandsversuch bemerkbar gemacht.

Aus -em Nachbargediet.

* Eiterfeld, 30. Juni 1908. In dem Freiherr­lich von Schenckschen Walde zu Buchenau entstand ein Brand, der eine Kiefern- und Fichtenkultur in Größe von 4 Hektar zerstörte.

* Carlshafen, 3. Juli 1908. Unsere beiden Bahnhöfe liegen bekanntlich zirka 20 Minuten auseinander. Es dürfte von vielen Reisenden mit Freuden begrüßt werden, daß seit dem 1. Juli die König!. Eisenbahnverwaltung eine O m n i- busverbindung zwischen den Heiden Bahn­

höfen eingerichtet hat, die es ermöglicht, bequem hinüber und herüber zu kommen. Besser wäre es allerdings, wenn bald das Projekt, beide Bahn­höfe durch einen Schienenweg zu verbinden, zur Ausführung gelangte.

* Gemünden, 3. Juli, 1908. Dem Vernehmen nach soll der Bahnhof Gemünden noch in diesem Jahre Perron-Tunnels bekommen.

* Münden, 2. Jul, 1908. Zwecks Werra- kanalifierung hatte die Wasserbaukommission den Auftrag, dem Gastwirt Etend in Blickershausen ein ihm als Gerechtsame gehöriges Wehr, das zum Aalfang diente, abzukausen. Da dem Wirt jedoch die gebotene Summe nicht genügte, er vielmehr behauptete, der Aalfang habe ihm schon zirka 400 OOo Mark eingebracht, so lehnte er das Anerbieten ab. Vor einigen Tagen er­hielt er nun einen Steuerzettel über 80000 Mark, die er nachzahlen müsse. E. soll in der Tat großartige Erfolge mit dem Aalsangen er­zielt haben, oftmals täglich für 2—300 Mark Aale gefangen und diese regelmäßig nach Berlin gesandt haben.

* Wiesbaden, 3. Juli 1908. Die Regierung hat ihren Beamt e n den Mittwo ch - Nachmit» tag zur Erledigung ihrer Privatgeschäfte frei- gegeben und angeordnet, daß auch ihre Büros an besonders heißen Tagen nachmittags geschlos­sen werden.

* Erfurt, t. Juli 1908. Der Magistrat hat beschlossen, für den anfangs August in Erfurt stattfindenden Thüringer Feuerwehrver­bandstag einen Beitrag von 2500 Mark aus städtischen Mitteln zu bewilligen.

vermischtes.

* Einen tragischen Tod hat in Fürstenwalde eine Frau gefunden. Sie wurde von einer Fliege an der rechten Wange gastochem. Schon nach kurzer Zeit schwoll das Gesicht an. Die,Verletzte glaubt? durch Anwendung von Umschlägen sich Linderung schaffen zu können. Als dies Mittel jedoch versagte, nahm sie ärztliche Hilfe in An­spruch, aber leider zu spät. Trotz eines vorgeiwm- menen operativen Eingriffs ist die Frau an einer Milzbrandvergiftung gestorben.

* Ein Opfer der X-Strahlen. Dr. Edward Halls, der vor einigen Monaten in Birmingham durch seine Experimente mit Röntgenstrahlen die linke Hand verlor, mußte sich jetzt infolge fortge­setzter Forschungen auch die rechte Hand bis zum Stumpf amputieren lassen. Der kühne Forscher will gleichwohl seine Versuche noch nicht aufßeben.

— Teurer. Sie: ,®he wir verheiratet waren, brachtest du mir jeden Tag Schokolade und Blumen' und jetzt! —" Er: „Und^ jetzt bringe ich dir Fleisch und Gemüse, und das ist bedeutend teuerer

Gottesdienstordnung in Mda.

Katholischer Gottesdienst.

Sonntag, 5. Juli. Dom. (Fest der eitrigen An­betung.) Bon 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends Aus­setzung des Allerheiligsten zur Anbetung. 5, 6 und 7 Uhr hl. Mellen, '-7 Uhr hl. Messe und Kommunion

der christenlehrpflichtigen Jünglinge in der Marien- kapelle, 8 Uhr Pfarramt und Predigt, '',10 Uhr Kathe- dralamt und Predigt, 11—12 Uhr erste Fronleichnams- Andacht, 12—1 Uhr hl. Messe und zweite Fronleichnams- Andacht, 1—2 Uhr dritte Fronleichnams-Andacht, 2—8 Uhr feierliche Vesper, 3—4 Uhr vierte Fronleichnams- Andacht, 4—5 Uhr fünfte Fronleichnams-Andacht, b—6 Uhr Krone Christi, 6 Uhr feierliche Schlußandacht mit Te Deum, Umgang und Segen. Wenn die Betstunden mit den angegebenen Fronleichnams-Andachten nicht ausgefüllt werden, so wird während der übrigen Zeit der Rosenkranz gebetet, abwechselnd mit entsprechenden Gesängen. Heute kann im Dom vollkommener Ablaßgewonnenwerden. — Stadtpfarrlirche. ‘i<6 Uhr hl. Melle und Predigt, tl Uhr hl. Messe, 7 Uhr hl. Messe und Kommunion der christenlehrpflichtigen Jüng­linge, 8 Uhr hl. Messe und Predigt, >/,10 Uhr Amt und Predigt, 11 und V,2 Uhr Christenlehre, 3 Uhr Rosenkranz-Bruderschaft. — Pfarrkirche zum heiligen Geiste. */«7 Uhr Austeilung der hl. Kommunion, 7 Uhr Frühmesse, 8 Uhr tzochami und Predigt, 5 Uhr Andacht mit Segen. — Frauenberg. (Feier be» TitularfesteS der marianischen Bruderschaft.) Hl. Messen von 5—6 Uhr, 7 Uhr Bruderschaftsmesse nut gemeinsamer Kom­munion der Mitglieder, 8 Uhr Rosenkranzmesse, 9 Uhr Hochamt, 10 Uhr Militäraottesdieiist, nachmittags 2 Uhr Predigt, Andacht und Umgang für die marianische Bruderschaft, nach derselben Neuwahl des Bruder« schasts-Vorstandes.

Montag, 6. Juli. (Tag des ewigen Gebetes in der Klosterkirche.) Frauenberg. Von 6—8 Uhr hl. Messen, 9 Uhr feierliches Amt, 10 Uhr letzte hl. Messe.1 Von 11 Uhr an öffentliche Betstunden. Nachmittags 2 Uhr feierliche Vesper, um 5 Uhr Schlußandacht mit Umgang.

Evangelischer Gottesdienst. Sonntag vorm. 8 Uhr \ Herr Pfarrer Hattendorfs, */ilO Uhr Herr Pfarrer Heyde.

Bieberstein. 1 Uhr Herr Pfarrer Heyde.

Gottesdienstordnung in Raffel.

Sonntag, 5. Juli.

Kassel-Alt. » Pfarrkirche ad St Elisaww.^ lFriedrichsplatz 16 : 7 Uhr hl. Meffe mit AuStettung der hl. Kommunion, 8 Uhr Militär-Gottesdienst fauch für Zivilpersonen) mit Austeilung der hl. Kommunion. ' ,9 Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr Schulmesse mit katechetischer Ansprache, */i3 Uhr Andacht mit Segen. Gelegenheit zu beichten vor Sonn- und Festtagen von nachmittags */i5 Uhr an, an diesen selbst von 6 Uhr morgens an.

b. Pfarrkirche ad St. Familiam (Kölnische Straße 53, nahe beim Hauptbahnhof): 6 und 8 Uhr hl. Messe mit Austeilung der hl. Kommunion, 91/» Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr hl. Messe mit Predtgt, */i8 Uhr abends Andacht.

Kassel-Wehlheiden. Pfarrkirche ad Sa not Mariana (Rosenkranzkirche am Marktplatz): 8 Uhr Frühmesse, 10 Uhr Hochamt und Predigt, nachmittag» 2 Uhr Christenlehre, Andacht und Segen. Gelegenhert zur hl. Beichte vor Sonn- und Festtagen nachmittag» 5 Uhr, an diesen selbst morgen» 7 Uhr. Werktag» */.8 Uhr hl. Messe.

Kassel-Rothenditmold. (JosephSkirche, Vellmarsche Straße 32.) Morgens 8 Uhr Frühmesse mit Ansprache, 10 Uhr Hochamt mit Predigt, darauf Christenlehre, 2 Uhr Segensandacht. Gelegenheit zu beichten vor Sonn- und Feiertagen 5 Uhr nachmittags, an diesen selbst ‘/»7 Uhr morgens. An Wochentagen l/*8 Uhr hl. Messe

Kassel-Bettenhausen. (Stiftsttaße 27.) 8 Uhr Hochamt und Predigt, nachmittags 2 Uhr Christenlehre und Andacht.

Unpolitische Settlaufe

(::) Berlin, 2. Juli 1908.

(Rachdruck verboten.)

Seit 60 Jahren hatten wir hier z« Lande kei­nen Sommermonat gehabt, der so trocken war, tote der verflossene Juni. Drei Wochen lang Sonnenschein ohne einen erfrischenden Regen. Und wenn mal einige dunkle Wolken am Himmel entlang spazierten, fo blieben sie unbarmherzig gegen eile sehnsüchtigen Blicke und lauten Be­schwörungen Tantalusqualen I Nichts ist schwe­rer zu ertragen, als eine Reihe von dörrenden Tagen. Nicht bloß die Pflanzen wollen zeitweilig ein kühles Regenbad haben; auch Leib und Seele des 3*tenid>cn verlangen nach dieser Erfrischung.

Der Juli pflegt sonst der regenreichste Monat des Jahres zu sein. Bis heute hat er nur an das trockene Ende vom Juni eincht trockenen und schwülen Anfang geknüpft. Alles ist schlafft Tie Schüler und Lehrer werden freilich etwas aufge- frsscht durch die Aussicht, daß in ein paar Tagen dte großen Ferien beginnen. Ihre Kameraden 'n den roeftücüen Landesteilen müssen freilich noch den Juli in der Arbeit verbringen, — mag er noch so heiß sein.

Besonders zu bemitleiden sind die Richter und Geschworenen, die gerade jetzt in dem Skandal- Prozeß Eulenburg Tag für Taz in drückender Hitze übe*- die ekelhaftesten Sachen verhandeln muffen. Zu ihrem Glück haben sie die Oesfent- lichkcit ausschließen können. Das ist eine we­sentliche Erleichterung, da sonst der Andrang der lüsternen Neugierigen die Luft im Saale und bu Ctrinmung in den Gemütern noch m hohem Grade Verschlechtern würden, lieber die strenge Heimlichkeit wird in manchen Blättern gescholten. Ich betrachte es als einen wahren Segen. Denn sonst würden wochenlang wieder die Zeitungen voll fein von Schmutz, und viele tausende von Le- sec würde einen fürchterlich gründlichen Unter- t’cnt tu abscheulichen Lastern erhalten. Haben wir venn noch nicht genug Aergernisse vom Gericht»- saal her gehabt? Soeben noch den Prozeß gegen "ne Burgermeisterstochter aus dem Königreich ihren jungen Jahren als Männer- . Urkundenfalscherin, Giftmischerin, Erb- Pistolenschützin< die grausigste Meisterschaft entfaltet! Man verurteilte sie von Rechtswegen zum Tode, und dann wird noch ein »nadenzesuch aufgesetzt, al» ob diese Leufelin flvch der Erde erhalten werden müßte! Rein,

die gerechte Strafe muß vollzogen werden, und wenn die strenge Sühne in der breitesten Oeftmt- lichkeit verkündet wird, so ist das ein kleines Ge­gengift gegen die Wirkung, die das Breittreten der Untaten hervorgebracht hat.

Der Skandalprozeß Eulenburg, der jetzt schwebt, ist bekanntlich eine Frucht der Enthüllun­gen, die Maximilian Harden (geborener Isidor Wittkowski) in Gang gebracht hat. Seine Freunde drohen nun bereits, mit dem geheimen Verfahren gegen Eulenburg werde die Sache nicht abgeschlossen sein, es würden noch weitere Ent­hüllungen kommen und im Notfälle werde man wieder an ein Gericht in der Provinz oder in Bayern geben, wo die Oefsentlichkeit nicht be­schränkt werde. Ja, wenn die Skandalmacherei gewerbsmäßig weiter betrieben werden soll, muß das arme Volk die Schmutzfluten über sich ergehen laffen. Dos Berliner Gericht wird gewiß nicht die Heimlichkeit der Verhandlung benutzen, um den Fürsten Eulenburg durchschlüpfen zu lassen; der Fürst ist ja schon längst eine gefallene Größe. Der Ausschluß der Oefsentlichkeit war aber im Interesse de? Anstandes und der Sittlichkeit ge­boten; das Gesetz fordert ihn geradezu in Fällen dieser Art. Die Verfehlungen großer Leute soll man nicht günstiger behandeln, als die kleiner Leute. Man soll sie überhaupt nicht anders be­handeln. Gleichheit vor dem Gesetze. Wenn ir­gend ein Arbeiter wegen solcher Schmutzereien, wie ne dem Fürsten nachgesagt werden, vor Ge­richt käme, w wäre der Ausschluß der Oeffentlich- feit ganz selbstverständlich und kein Hahn würde darüber krähen. Weil es sich hier um einen früher hocUtehenden Mann handelt, soll nun durchaus von der Regel abgewichen werden. Wer daS verlangt, dem ist es nicht um Gerechtigkeit zu tun, sondern um pikanten Stoff, Rache, Scha­denfreude oder Selbstverherrlichung. — Werden die leiblichen Krankheiten der Menschen auf offenem Markte behandelt? Warum sollen denn die kranken Seelen in ihrer ganzen Abscheulich­keit vor aller Welt bloßgestellt und vivisejiert werden, — vor alt und jung, vor starknervt gen und vor schwachen Personen, ohne Rücksicht auf die Schädigung des sittlichen Gefühls und die Ansteckungsgefahren?

Wer berufen ist, den Schmutzstall zu reinigen, der muß sich die Rase zuhalten und die Hände desinfizier« n. Aber den auf gestöberten Schmutz über das ganze Land zu zerftreuen und gleichsam eine Kostprobe in Zeltungspapier in alle Woh­nungen zu schicken, — das ist wirklich »licht nötig. Wir seufzen nach einem erfrischenden 8Baffer­

regen; an Schmutzregen haben wir schon genug und übergenug.

Ter Blick auf den regenlosen Himmei drängt weiterhin die Betrachtung auf, daß es doch mit der vielgepriesenen Herrschaft des Menschen über die Natur noch nicht weit her ist. Die Lufthülle über unfern Köpfen ist voll von Feuchtigkeit; zeitweise wird sie sogar in vorüberziehenden dunkeln Wolken deutlich sichtbar. Aber wir Men- schen haben trotz aller Wissenschaft und Technik noch kein Mittel, das schwebende Naß zum Her- urierfaHen zu bringen. Wir sind so hilflos wie ein verwundeter Soldat, der bei einem Kampfe in der Wüste liegen geblieben ist: er sieht die Oase mit den» rettenden Quell in seiner Nähe, aber er vermag nicht hinzukriechen und muß an­gesichts des Wassers verdursten. Oder einen dra­stischen Vergleich: Die Wolken find gleich einer milchenden Kuh; wir möchten sie gerne melken, aber wir können nicht heranreichen. Mit dem sogenannten Wetterschießen hat man den Versuch gemacht, Einfluß auf die höheren Luftschichten zu gewinnen; aber es war bisher nichts als Pulveroerschwendung.

Die Ohnmacht de« Menschen gegenüber den Naturgewalfen hat soeben auch das Berliner Mi» sitärlustschiff erfahren müssen. Wiederholr hatte das Kunstwerk den Weg durch die Lüste trefflich zurückgelegt. Einige vorlaute Schwärmer riefen schon Viktoria und verkündeten die Eroberung der Lust durch die Menschen. Aber das Ver­hängnis nahte am Mittwoch nachmittag während des schönsten Wetters, als niemand an etwas bö­ses dachte. Plötzlich wurde das Luftschiff von einem aufsteigenden Luftwirbel erfaßt und um mehr als 1000 Meter in die Höhe hinauf gedreht. Dagegen halfen keine Maschinen und keine Steuer. Und dann ging der Spielball der Hüfte wieder abwärts. Dabei war aber der langge­streckte Ballon aus der Fasson gekommen. Im hinteren Teile hatte der Gasdruck nachgelassen; er wurde schlapp. Infolgedessen gehorchte das Luftschiff dem Steuer und den Schrauben nicht recht mehr. Eine Waldblöße, die zur Notlan­dung ausersehen war, konnte nicht mehr erreicht werden; der Ballon verfing sich in den Bäumen. E» ist kein Insasse zu Schaden gekommen, und auch der Ballon hat nicht stark gelitten. Aber es ist doch eine herbe Erfahrung für unsere junge Militärlustschiffahrt. In England und Frank­reich haben die lusterobernden Offiziere auch schon ähnliche Nackenschläge erlitten; dort wird man die Kunde mit der sogenannten reinster Freude, der Schadensteude, vernehmen. Für uns

muß der Vorfall ein Ansporn zu neuem Streben fein, damit wir die Scharte auSwetzen und aus der herben Erfahrung nützliche Lehren ziehen.

Zufällig hat der bekannte Gras Zeppelin, der auf bem Bodensee seit langen Jahren seine be­sondere Art von Lustschiffen erprobt, gerade an demselben Tage einen glücklichen Probeflug von zwölfstündiger Dauer gemacht. Das wirst wie­derum ermunternd. Nun ist die Frage,: Hat Graf Zeppelin mehr Glück gehabt oder mehr Ver­stand? Würde es ihm ebenso schlecht ergangen fein, wie dem Militärballon, wenn er auch in einen tückischen aufsteigenden Luftwirbel geraten wäre? Einige Fachmänner sagen, da» System Zeppelin habe mehr Widerstandsfähigkeit. Es handelt sich um den Unterschied zwischen dem starren und dem unstarren System. Das Mili» tärluftschiff sollte durch den Gasdruck in seiner Form erhalten werden; Gras Zeppelin aber hat feine Ballons abgefteift, so daß eine Verwinde, tung des Gasdrucks sie nicht aus der Form brin­gen kann. Diese beiden Systeme streiten sich um den Vorrang. Als dritter Wettbewerber ist auch schon ein Mittelding, das sogen. Halbstarre Sy­stem, auf dein Plan erschienen. Vielleicht führt die jetzige Erfahrung zu der Erkenntnis, daß eine gewisse Absteifung doch ihre Vorteile hat, wenn sie auch das Ganze schwerfälliger und die Lan­dung eesährlicher macht. Es muß Lehrgeld be- zahlt werden; die jetzt bezahlte Summe ist nur klein, aber sie wird nicht die letzte fein.

Ich hoffe, daß die Menschheit sich schließlich noch das Luftgebiet erobert und den Vögeln Konkurrenz macht. Aber ich fürchte, daß ich das Gelingen nicht mehr erlebe. Der menschliche Körper ist ein halbstarres System, ungeheuer kunstvoll eingerichtet, and) von erheblicher Wider­standsfähigkeit gegen äußere Einflüsse. Aber in seinem Innern ftißt der Wurm der Vergänglich­keit. Da» Leben des Einzelnen ist kurz, die Wissenschaft und die Kunst brauchen lange Zeit. Unfern Nachkommen und deren Nachkommen bleibt noch ungeheuer viel zu tun übrig. SBtr müssen uns begnügen mit der kleinen Portion Fortschritt, die wir während der wenigen Som­mer und Winter unseres Erdengange» mrter- leben

Hoffentlich läßt der Himmel von selbst bald den nötigen Regen fallen. Wenn wir auf die Eroberung der Regenwolken durch tue menschliche Weisest und Kraft »arten müßten, würden wir alle verschmachten und die Erd« ein große» Kre­matorium werden.