Einzelbild herunterladen
 

MaerW Zeitung

Fulda, Dienstag den 30. Jwi 1908.

35. Jahrgang.

Monatrbellage: „zuldaer GeschichttblStter"

s-mÄKm wochendellager „Illustrierte Zonntagzzettung'^

ErschE rsglich mit Mttrtdjme -er ro.m- nndFeiertage.Viettkk- jShrNcht?Vq«grpr«ir ohne Sringerlohn und vLfteSgetdinznldass- roie auswärts 1.50 HIL

verantw. Hebatitun «arl Schütte;

Auzeigeu: Sie ei» fpüllige Petitzeile oder deren Htmnt 15 Pfg. SetlamendrepetitzeUe 25 Pfg., bei wieder- Holungen wird entspt. Rabatt gewährt.

»otationsdruckund Verlag der Fuldaer N> tirndrnckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 147

Gastes WLcrtt.

Deutsches Reich.

X Kaiser Wilhelm, der „Mutualist"/

Erst jetzt, also 8 Tage nach der Veröffent­lichung der Mitteilungen Profeffor MabilleauS in der ,Dpinion' über das, was Kaiser Wilhelm ihm iu Kiel gesagt haben soll, bringt die offiziöse i,Südd. Neichskorrespondenz', das Organ des Meichskanzlers, ein sehr lahm gehaltenes Dementi.

Mit Unterstellung, der Kaiser erträume di« ver­einigten Staaten von Europa unter der Hegomonie Deutschlands, schreibe man ihm einen chm fremden Ge­danken zu. Die Zeiten, wo Jahre hindurch eine ein- r*elne Großmacht in Europa die unbestrittene Führerschaft Kusübeu konnte, gehörten der Vergangenheit an. Di« iVorstellung einer künftigen Vorherrschaft Deutschlands sei auch garnicht deutschen Ursprungs. Sie stamme 'äu§ dem Ideenkreise von Leuten, die damit deutsch­feindliche Koalitionsgelüste fördern wollten.

Warum sagt die ,Südd. Reichskorrespondenz' Dicht klipp und klar, ob Herr'Mabilleau die be­mittelten Kaiserworte erdichtet oder den Kaiser .Mißverstanden hat?

* Dr. Alexander Meyer, der frühere frei- innige Reichstags- und Landtagsabgeordnete, Hfl im 76. Lebensjahr in Friedenau bei Berlin gestorben. Alexander Meyer war einer der Hauptvorkämpfer der Freihandelsidee und der [alten Manchesterdoktrin. Seine Reden sind be­kannt durch ihren gemütvollen Witz. Von ihm stammt bekanntlich das berühmte Wort: „DaS Bier, das nicht getrunken wird, hat seinen Beruf verfehlt."

* Die Gemeiuderats-Wahleu im Elsaß. Am Donntag fanden in ganz Elsaß die Neuwahlen Sc die Gemeinderäte statt. In allen größeren tädten war, wenn auch erst nach großen An­strengungen und nicht ganz lückenlos, ein Kom­promiß der bürgerlichen Elemente zustande ge­kommen zum gemeinsamen Kampfe gegenüber der Sozialdemokratie. In Straßburg verloren die ^Sozialdemokraten sämtliche bisherigen 16 Sitze M die vereinigten Bürgerlichen, die 35 Sitze glatt .besetztea. Aehnlich günstig lauten die Nachrichten saus Kolmar, Metz und Mülhausen, wo 'auch kein Sozialdemokrat durchgekommen ist.

a. Der Windthorstbund trat am SamStag jn Karlsruhe zu seinem diesjährigen Kongreß zusammen.

cP Darmstadt, 28. Juni 1908. Die ab- aelaufene Legislaturperiode des hessischen Landtags hat namentlich in sozialpolitischer Hinsicht manche gesetzgeberische Erfolge aufzu­weisen. So u. cn die Fürsorge sür die Beamten der Landgemeinden und eine wertvolle Ergän­zung der Wohnungssürsorge, welche den gemein­nützigen Vereinen leichtere Beschaffung von finan­ziellen Mitteln und eine raschere und intensivere Arbeit gewährleistet. Auch auf dem Gebiete der Landwirtschaftspflege wurden wichtige Neuerungen geschaffen. Durch den Bau zahlreicher Neben- bahnen wurden neue Landesteile dem Bahnver­kehr erschlossen und damit die produktiven Kräfte des Landes weiter dienstbar gemacht. Mit Recht konnte aber die Thronrede darauf Hinweisen, daß In bezug auf die wichtigsten Reformen der ver- stoffene Landtag sich als wenig produktiv er­wiesen hat. Abgesehen von der Reform des Wahlrechts, über die schließlich eine grundsätz­liche Einigung zwischen beiden Häusern für ein

gesetzgeberisches Vorgehen auf dem nächsten Land- tag zustande kam, sind noch andere wichtige Reformwerke unerledigt geblieben. Die Revision der VerwaltungSgefetze, welche sich ans Städte- und Landgemeindeordnung, sowie Kreis- und Provinzialordnung erstrecken sollte, ist von der zweiten Kammer nicht mehr verabschiedet worden. Fragen von mehr oder weniger unter­geordneter Bedeutung wurden in den Verhand­lungen des Ausschuffes durch das äußere Ein­greifen der Gemrindeverbände und Jntereffenten allzusehr in den Vordergrund gestellt, und schließlich reichte die Zeit nicht mehr aus, um über alle vier Gesetzentwürfe fertige Arbeit dem Plenum zu liefern. Da aber die Regierung auf der gemeinsamen Verabschiedung des ganzen Reformwerkes bestand, so konnte auch die Land­gemeindeordnung, die völlig spruchreif war, nicht zur Verabschiedung gelangen und die aufgewen­dete Mühe des Kammerausschuffes kann nur in­soweit alS nicht nutzlos betrachtet werden, als die gefaßten Beschlüsse die Unterlage für die er­neuten Beratungen auf dem kommenden Land- tage bilden werden. Gefallen ist weiter der Gesetzentwurf über die Verwaltung und Ver­fassung der israelitischen Religions­gemeinschaften. Die Kammer sowohl als ihr Gesetzgebungsausschuß zeigten wenig Lust, diese Gesetzesmaterie zu regeln, zumal die Vor­schläge der Regierung eine scharfe Opposition im Lager deS orthodoxen Judentums hervorriefen, die in zahlreichen Eingaben und Protesten ihren Ausdruck fand. Man befürchtete von dieser Seite ein Mngreifm der sog. Neujuden in die Organisation und den Kultus der altgläubigen Israeliten. So beschäftigte man sich mit der Vorlage überhaupt nicht und ließ sie glatt unter den Tisch fallen. Auch das Jagdgesetz ist gefallen, da die erste Kammer es ablehnte, das Gesetz in seinen aus den Beratungen der zweiten Kammer hervorgegangenen Konstruktionen zu beraten. Namentlich das Ablösnngsrecht und die Ausübung des eigenen Jagdrechts auf größerem arrondierten Besitz sind Fragen, über die eine Einigung der Volksvertretung mit den Standes- herren, der ersten Kammer, welche den größten Teil der Waldungen besitzen, recht schwierig ist. Unerledigt blieb schließlich die Reform der Ge­meind esteuer - Gesetzgebung, schon aus dem Grunde, weil die Regierung es unterlieft, auf diesem Landtag eine neue Vorlage wieder­einzubringen. Ob man immer noch den Einfluß des Herrn v. Heyl, der auf dem vorigen Land­tag den Reformvorschlägen der Regierung das Grab bereitete, gefürchtet oder aber geglaubt hat, in den strittigen Fragen des Schutzes des ge­werblichen Mütelstandes gegen die Auswüchse der Warenhäuser, Konsumvereine und Filial- geschäste noch weiteres Material sammeln zu sollen, bleibt dahingestellt. Jedenfalls wird auch die wichtige Frage der Gemeindesteuer-Reform den nächsten Landtag beschäftigen.

V München, 28. Juni 1908. Auf der Dele- giertmversammlung des bayerischen Landesver­bandes des deutschen Flottenvereins ließ Prinz Rupprecht von Bayern erklären, daß er zurzeit noch nicht in der Lage sei, das Pro­tektorat wieder zu übernehmen. — Prinz August von Cumberland traf am Sonntag mit seinem Vater und Gefolge in München ein, um am Mitwoch in das bayerische Schwere Reiter- Regiment einzutreten.

Ausland.

* Nasi, der ehemalige italienssche Minister hat seine Haftstrafe verbüßt und wurde auS der Haft entlassen. Die Befreiung Nasis wurde in Trapani durch einen Festzug und Illumination der Häuser gefeiert.

* An der Grazer Universität erschienen am Samstag die katholischen Studenten in Farben zu den Vorlesungen in der Universität. Die „freiheitlichen" Studentm protestierten gegen das Farbentragen der katholischen Studenten und ließen nicht zu, daß diese in Mütze und Band die Universität verließen. Die katholischen Studenten andererseits lehnten den Abzug ohne Couleur ab. Infolge dieser Vorgänge erklärte der Rektor das Semester für geschlossen, unbeschadet der Vornahme der Prüfungen. Der Versuch des Rektors, die katholischen Studenten aus der Universität zu geleiten, scheiterte anfäng­lich, weil die „freiheitlichen" Studenten auf die katholischen einstürmten, sodaß diese in die Rektoratskanzlei flüchten mußten. Erst gegen 3 Uhr kounten die katholischen Studenten unter Führung veS Rektors die Universität verlassen. Vor dem Ausgang wurden sie von „freiheitlichen" angegriffen. Nach kurzer Zeit zogen sich diese jedoch wieder zurück. — Auch an der Wiener Universität kam es zu Angriffen „freiheit­licher" Studenten gegen katholische. Im Ge­dränge wurden einige Studenten verletzt.

* Bombenattentate in Barcelona. Auf dem im Mittelpunkt der Stadt liegenden Boequeria- matffe explodierte SamStag eine Bombe. Im Augenblick der Entladung war der Platz fast vollständig verlassen. Mn Pferd wurde verletzt. In der Nachbarschaft wurde eine zweite Bombe gesunden. Am selben Abend explodierte an einem Abort in der Rambla-Floresstraße abermals eine dritte Bombe. Zwei Per­sonen wurden verletzt, eine derselben, ein Polizeibeamter, ist seinen Wunden erlegen. Auf der Straße war auS Anlaß eines dort passierenden historischen Festzuges eine, zahlreiche Volksmenge angesammelt, der sich eine große Panik bemächtigte. Em Mann, der kurz nach der Explosion den Abort verließ, wurde verhaftet und wäre von der Menge gelyncht worden, wenn die Polizei es nicht verhindert hätte. Später wurden noch zwei Verhaftungen wo»genommen. Am Sonntag wurden in Barcelona noch sechs Verhaftungen oorgenommen.

Zürst Eulenburg vor den Geschworenen,

ns Berlin, 29. Juni 1908.

Heute begann der Sensationsprozeß gegen den Fürsten Eulenburg wegen Meineids und Ver­leitung zum Meineide. Der Prozeß ist be­kanntlich eine indirekt« Folge des Prozesses Moltke- Harden und eine direkte Folge der Beleidigungsklage, die Harden gegen den Redakteur der „Münchener Renen Freien Volkszeitung", Anton Städele, ange­strengt hatte. Diesem Prozeß machten der Milch- häudler Riedel und der Fischer Ernst die bekannten sensationellen Aussagen, welch« zur Verhaftung des Fürsten Eulenburg unter dem Verdacht« des Mein­eids führten. Ihre Aussagen stehen in direktem Gegensatz zu der eidlichen Aussage des Fürsten, er habe niemals Schmutzereien im Sinne des § 175 begangen.

Die heutige Verhandlung hat selbstverständlich eine ungeheure Schar von Neugierigen herbeigelockt.

Ein starkes Polizeiaufgebot war zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig. Fürst Eulenburg wurde in einer Tragbahre durch die Rechen der Zuschauer in den Saal gebracht. Auch Graf v. Moltke wohnte der Dechandlung bei. Die Verteidigung des Fürsten führen Justizrat Wronker und dessen Sozius Rechts- anwalt Ludwig Chodziesner. Unter den geladenen Zeugen befindet sich auch Aistizrat Bernstein; Harden dagegen nicht. Im Verlaufe der Verhandlung richtete der Vorsitzende an die erschienenen Zeugen eine Mahnung zur Eidestreue. Alsdann macht Fürst Eulenburg Angaben über seinen Lebenslauf. Der EröffnnngsbeMnß wird hieraus verlesen. Danach beantragt der Oberstaatsanwalt den Aus­schluß der Oefsentlichkeit im weitesten Um­fange. Die Verteidiger des Fürsten haben dagegen nichts einzuwenden. Der Gerichtshof gibt diesem Antrag statt mit Bezug auf die Gefährdung der Sittlichkeit.

Nachdem der Saal sich geleert hakte, wurde sofort mit der Vernehmung des Fürsten Eulenburg über die ihm zur Last gelegten Strafhandlungen begonnen. Der Angeklagte verwahrt sich mit aller Entschiedenheit gegen die ihm zur Last gelegten Anklagen. Die Verhandlungen mußten auf kurze Zeit unterbrochen werden, um den Fürsten Gelegenheit zu einer kurzen Erholung zu geben. Zu einer Zeugenvernehmung kam es heute nicht.

Goldenes Priesterjrrbiläimr Sr. Heiligkeit Papst Pius* X.

-- Fulda, 29. Juni 1908.

Die deutschen Katholiken haben gestern bie Feier des goldenen Priesterjubiläums deS hl. Vaters festlich begangen. In Dorf und Stadt haben sie gewetteifert, der kindlichen Verehrung und treuen Anhänglichkeit an dm apostolischen Stuhl Ausdruck zu geben. Bei der kirchlichm Feier am Vormittag wurde auf die Bedeutung des hohen Festes hingewiesen und in frommen Gebeten und Dankesliedern rang das katholische Herz nach einem Ausdruck der Gefühle, die eS durchströmen. Glänzende Feflzüge der Männer« weit, großartige Illuminationen und mächtig» Festversammlungm befunbeten vielerorts btt Freude der Katholiken auch nach außm hin.

Auch in Fulda ist das Jubiläum erhebmd gefeiert worden; die Stadt hatte reichen Flaggen- schmuck angelegt An dem Pontifikalamte im Dome, zu dem vie Vereine mit ihren Fahnen erschienen, nahmen die Gläubigen zahlreich teil. Der Glanz der tirchlichen Feier wurde noch er­höht durch den von der Orgel und einem acht- stimmigen Pofaunenchor der Artilleriekapell« unterstützten Alumnatschor, der die Salve Regina- Messe von Stehle vollendet aufführte. Stad) dem Evangelium hielt Herr Domkapitular Stoff eine Ansprache, worin er einige Notizen aus dem Leben des hl. Vaters vortrug. Während der Opferung sang der Alumnatschor das Tu es Petrus von Haller. Der musikalische Teil der Feier klang au8 in die rauschenden Akkorde des Te drum von Goller, das einen gewaltigen Eindruck hinterließ.

Die Festversammlung

im Stadtsaale nahm einen würdigen und ein­drucksvollen Verlaus. Der große Saal war, abgesehen von einigen reservierten Plätzen, dicht besetzt, und als gegen 5 Uhr das von der Militärkapelle gestellte Orchester die Feier mit dem herrlichen Priestermarsch auS „Athalia" von Mendelssohn einleitete, strömten immer noch

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

40] (Nachdruck verbalen).

Nelly setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb einige Zeilen an Geffrey, in denen sie ihm Gildon'Z Absicht in Bezug auf Brander und sich selbst mitteilte, sowie ihren Entschluß, diese Nacht einen Fluchtversuch zu machen und im Falle des Gelingens den unglücklichen Brander mitznneh- men. Si« schrieb ihm weiter, daß sie das Boot ter Dieinis zu mieten gedenke und daß ein paar Fischer zur Führung desselben gedungen werden sollten. Schließlich fragte sie um Geffrey's Mein­ung, welche Aussichten auf das Gelingen ihres Planes vorhanden seien.

Als sie fertig war, rollte sie das Blatt zu ,einem kleinen Knäuel zusammen, umwickelte es 'mit einem Stückchen schwarzer Seide und trat Jehr>a3 später hinaus auf den Balkon. Vitus war, wie sie vermutete, in die Küche gegangen, um sein Mittagsmahl zu verzehren, und seinen Platz hatte während dessen der Kutscher eingenommen, wel­cher auf einer Bank lang ausgestreckt lag, die Augen geschlossen, da die Sonne gerade in sein Gesicht schien.

1 „Geffrey l" rief Nelly.

. Dieser trat unter dem Balkon hervor. Der Kutscher öffnete die Augen, schloß sie aber gleich wieder.

, Nelly sprach einige Worte zu Geffrev, laut Aenug, daß der Kutscher sie verstehen konnte, und Dabei warf sie den kleinen Ball hinab.

Etwas später, nachdem Nelly den Balkon wie­der verlassen, ließ Geffrey sein Taschentuch fal­len, hob es wieder auf und mit diesem auch den kleinen Papierknäuel. Bald darauf ging er zum Essen, und nach dem Essen schritt er langsam dem kleinen Wäldchen zu. Als er sich soweit unter den schatttgen Bäumen verloren hatte, daß er vor Be. schtftng sicher war. zog er das Papier aus der

Tasche und las die wenigen Zeilen, las sie wieder und wieder, bis er sich den Inhalt genau in's Ge­dächtnis eingepvägt hattH dann nahm er ein Zündholz, steckte dasselbe an und hielt das Papier über die Flamme.

Hieraus fetzte er sich nieder und schrieb die Antwort auf ein Blatt seines Notizbuches, welches er dann herausriß und mit einem Stein in das Stück Seidenzeug wickelte, worauf er langsam der Billa wieder zuschritt.

Der Kutscher lag noch auf der Bank, aber im gefunden Schlaf. Ditus mit seinem Hunde war augenblicklich nicht sichtbar, ebensowenig Mr. Gildon.

Nachdem sich Geffrey überzeugt hatte, daß er nicht beobachtet wurde, warf er seine Botschaft durch ein offenes Fenster in Nelly's Zimmer, das Mädchen nahm das Papier auf und trat hastig cm's Fenster, um durch ein Zeichen Geffrey zu dcrstehen zu geben, daß sie im Besitze dessel­ben sei.

Hastig entfaltete Nelly das Blatt. ;;hr Ge­sicht echetterte sich und ihre Augen leuchteten vor Freude, als sie die wenigen Zeilen las.

„O, Margot", rief sie, „das Glück ist uns günstig. Geffrey schreibt, daß sich heute abend die beste Gelegenheit zur Fluckft bietet. Mr. Gil- don ist zum Diner beim Konsul eingeladen. Er wird bei Zeiten fortaehen, um mit den betreffen­den Persönlichkeiten über Branders Fortschaffun g in ein Irrenhaus zu sprechen. Geffrey hörte, daß die Haushälterin dem Kutscher sagte, Mr. Gildon würde um fünf Uhr die Villa verlassen und vor zehn Uhr nicht zuriickkehren.

„WaS kann uns Mr. GildonS Abwesenheit nützen?" fragte Mrs. Jebb. „Er dinierte vor­gestern ebenfalls in Palermo, aber seine Leute Haden unS ebenso bewacht, wie wenn er zu Hause wäre."

„Es ist heute abend Tanz in der Nachbar­schaft," sagte Nelly, zu welchem die Dienerschaft der Villa eingeladen ist. Die Haushällerin will Ml. Mr Münde hingeben: i>$r Kutscher und

Vitus, des monotonen Lebens müde, wollen sich die Abwesenheit ihres Herrn zu Nutze machen und ebenfalls an dem Vergnügen teilnehmen. O, das sind herrliche Aussichten, liebe Margot! Hast Du nicht Mut, diesen Schritt mit mir 5« wa­gen?"

„Gewiß habe ich Mut," antwortete die treue Dienerin mit Bestimmtheit. „Ich werde alles mit Ihnen wagen, wenn es nur zu Ihrem besten ist. Miß Nelly!"

„Gut, so ist die Sache beschlossen!" sagte Nelly. „Wir werden kaum ein oder zwei Stunden Zeit zur Ausführung unseres Planes haben vor der beginnenden Verfolgung; denn Mr. Gildon wird natürlich sofort bet seiner Rückkehr unsere Flucht entdecken, Hch kann Geffrey während des Tages nicht fortschicken, um Vorbereitungen zu treffen, da seine Abwesenheit Verdacht erregen könnte. Wir müssen alles ordnen, wenn wir im Besitze unserer Freiheit sind, darum gilt es vorsichtig und entschlossen zu fein und keinen Augenblick zu zögern!"

„Werden Sie Geld genug haben, das Fahr­zeug zu kaufen. Miß Nelly?"

„Ich will es nicht kaufen, sondern denke es auf einige Tage zu mieten. Wir können es, wenn wir es nicht mehr brauchen, nach Catania oder nach Palermo zurückschicken. Geld habe ich übrigens mehr, als wir gebrauchen werden. Ich nähte den größten Teil in mein Korsett, ehe wir Neapel verließen."

„Meine Diamanten und Schmuckfachen," fuhr Miß Nelly fort, „die ich von meuter Mutter erbte, find ebenfalls in- einen Beutel eingenäht, den ich an meinem Körper tragen werde. Sollte uns ein Unfall zustohen, kann ich dieselben ebenfalls verwerten. Du kannst in den kleinen Handkoffer etwa- Wäsche, die nötigsten Kleidungsstücke und noch sonstige Wertsachen, die wenig Raum ent­nehmen, einpacken und damit find wir fertig."

Bon neuen Hofftmngcht belebt, ging Mrsl Jebb sofort an ibre Arbeit, leite dann die Rrffe-

kleider zurecht und kam bald ins Wohnzimmer zurück.

Als Vitus um vier Uhr das Mittagsmahl brachte, faß Mrs. Jebb am Fenster auf einem Stuhl, stützte den Kopf auf die Hand und machte ein betrübtes Gesicht. Nelly lag auf dem Sopha, ein Bild der Mutlosigkeit und Verzweiflung.

Bffus ging hinunter und berichtete seinem Herrn, der bereits in vollständiger Toilette war, in welchem trostlosen Zustande er Miß Nelly und ihre Dienerin gefunden und fügte hinzu, daß der Widerstand der jungen Dame nicht bis mor­gen früh anhalten werde.

Mit frohlockendem Gesicht stieg Mr Gildon in den bereftstehenden Wagen, nachdem er Vitus nochmals strenge Bewachung der Gefangenen an- befodlen hatte, und im nächsten Augenblicke fuhr der Wagen ab.

Vitus ging in die Küche, um mit der Haus­hälterin über den Ball zu sprechen. Er sagte, daß er die Rückkehr des Kutschers abwarten und bairn auf kurze Zeit nach dem Tanzlokal gehen werde. Gildon fyitte nämlich dem Kutscher Auf­trag gegeben, nach der Villa zuriickznfahren und zur bestimmten Stunde ihn wieder abzuholen; denn er hielt es für ratsam, einen seiner Leute nicht mehrere Stunden lang allein in Palermo zu lassen.

Ungeduldig sahen die Gefangenen dem Airgen­blick entgegen, der es ihnen ermöglichen sollte, sich in den Besitz ihrer Freiheit zu fetzen.

XVI.

Unangenehme Störung.

Die kleine Gesellschaft, bestehend aus Sir Harry, Ella Bamfield und Ferdinand Brand«, setzte nach Verabschiedung von dem alten Luke ihre Promenade um das stattliche Gebäude fort, besuchte den Park, die Baumschule und sonstige Anpflanzungen, das Gewächshaus und andere sehenswerte Bmilichkeiten, die sich in nicht zu großer Enffeynung vm» Hauptgebäude, befa*« VM. Äortsetzuna folgt.)