Erscheint täglich mit Ausnahme her $o,nt-- und Feiertage, viettel- jährlichervezugspreir ohne vringeriohn und vepeLgeldinFuldaso. wie auswärts ^.50 int
verantw. Redatteur:
Lar! Schütte;
fürdieAnzetgeu: ^.parzeller in Fulda.
M 146.
M.
Zuldaer
Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"
Zeitung
Monatrbellage: „Fuldaer Geschichtsblätter"
Anzeige«: vie ein- fpaltlgePeMzeileoder Here« Raum 15 Pf-. Reklamendlepetitzelle 25 Pfg., bei wieder- Holungen wird enlfpk.
Rabatt gewährt.
Rotationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tleadruSerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.
Fulda, Samstag den 27. Juni 1908.
35. Jahrgang.
Iweites Wlcrtt.
Wochen-Nuir-schau.
S Fulda, 26. Juni 1908.
Die kurze Sommertagung des neuen Landtages, der heute zusammengetreten ist, kann insofern den Reiz der Neuheit für sich in Anspruch nehmen, als zum ersten Male die Sozialdemokraten in das Abgeordnetenhaus einziehen werden. Das angestrebtei Siebengsstirn haben sie auch tatsächlich erreicht. Die Nachwahl im Wahlkreise Moabit am Dienstag vermehrte ihre Abgeordnetenzahl um einen, und zwar um den allbekannten „Zehngebotehoffmann".
Besondere Beachtung fand in der vergangenen Woche die hochoffiziöse Erklärung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über me politische Lage. Es wird dort versichert, daß bu: bekannte Töberitzer Ansprache des Kaisers sich nicht auf politische Tagesfragen bezogen und das jetzt übliche Wort „Einkreisen" nicht gebraucht habe. Damit ist freilich nicht jeder Hinweis auf die politische Lage ausgeschlossen. Es bleibt der Eindruck bestehen, daß der Kaiser hier eine ernstere Auffassung der politischen Lage kundaegeben habe, als bis dahin von den Offiziösen des Auswärtigen Amtes geschehen war. Bis dahin, denn jetzt schlägt auch die „Nordd. Ogern." plötzlich ernstere Töne an. Sie gibt zu, daß eine weit verbreitete Unsicherheit bestehe, ob etwa eine neue Konstellation sich bilden und eine friedliche Lösung schwebender Fragen erschweren könne. Ja, sie bemerkt sogar ausdrücklich: „Es wäre verfehlt, leugnen zu wollen, daß sich schwierige diplomatische Auseinandersetzungen ergeben können." Das bekräftigt offenbar die Befürchtung, die in unabhängigen Blättern zum Ausdruck gekommen ist: daß der Versuch von Reval: ohne Oesterreich und Deutschland das mazedonische Reformprogramm aufzustellen, zu SGvierigkeiten führen könnte.
Eine weitere Rede hat der K a i s e r am Mittwoch bei einem Mahle unter Vertretern des Segelsports gehalten, in der er auch von der :Reichsfinanzreform sprach. Er bestätigte, daß .„die Basis gelegt und die Pläne aufgestellt sind", aber was int Einzelnen geplant ist, betrachtet auch der Kaiser als ein Geheimnis, von dem er den Schleier nicht lüften wollte, abgesehen von einem Punkte: der Junggesellensteuer, die „vielleicht" kommen werde.
In B a d e n hat sich der Großblock wieder einmal bewährt. Um die Gunst der Sozialdemokraten nicht zu verscherzen, haben die Liberalen in Karlsruhe den Sozialdemokraten zwei und den Demokraten einen Sitz im Karlsruher Stadtrate überlassen. Auch in den Stadtverordnetenvorstand wurde diesmal zum ersten Male ein Sozialdemokrat gewählt. — Die Liberalen dürfen sich mit den Sozialdemokraten verbrüdern, wenn es gilt, gegen das Zentrum loszuziehen. Aber wenn das Zentrum es mal ruhig gewähren läßt, daß die Sozialdemokraten ihm Wahlhilfe gewähren, dann schimpft man feste und nennt es Verrat am Varerlande. „Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!"
In Oesterreich ist Prof. Wahrmund um seiner „hohen Verdienste" willen, die er sich um die Wissenschaft, das Unterrichtswesen und die Negierung erworben hat, von Innsbruck nach Prag versetzt worden. Dort soll er anfangs Okto- 6er einige Vorlesungen abhalten; dann aber dürfte ihn sein wissenschaftlicher Eifer vielleicht zu einer — längeren Reise ins Ausland bewegen. Das wäre also die Lösung, die dem Skandal ein Ende machen soll. Ob sie erfreulich ist? Vielleicht am wenigsten erfreulich ist die Tatsache,
d-i di- Disziplin an to.®»*ÄÄ''iS h-ilbaren Stoß erlitten hat, auch durch den letzt beendeten Streik der „nationalen" Studenten
Die M a r o k k o a f f ä r e, die man schon.bald „rwbte ist in ein neues Stadium eingc- treten das wenig erfreuliche Aussichten auf eine freundliche Verständigung verspricht. Wenn man mnb nicht den Allarmnachrichten der franzos. und spanischen Presie Glauben zu schenken braucht, so beuten doch die letzten Vorgänge im Norden des Landes an, daß die Franzosen ihren Schützling Abdul Aziz immer noch nicht ganz fallen lasten wollen, während doch Mulay Hafid schon tatsächlich die Herrschaft über das Land besitzt. Wenn diese Weigerung Frankreichs, Mulay Hafid als Sultan anzuerkennen, noch länger fortdauert, so dürften die Streitigkeiten, die kaum beendet waren, wieder von neuem beginnen.
Die Unruhen in Persien haben einen
ganz bedenklichen Charakter angenommen. Ter Schah ist zwar in dem bisherigen Streite zwischen ihm und dem Parlamente Sieger geblieben, zu diesem Zwecke ist er aber selbst nicht vor der Beschießung und Plünderung seiner Hauptstadt zurückgeschreckt. Daß das Volk trotz der Verhaftung der Führer der politischen Klubs sich beruhigen werde, wird der Schah wohl selber nicht erwarten. Dafür weiß das, Volk zu gut, was es von einem endgültigen Siege der Schah-Partei zu erhoffen hat, nämlich wieder die alte Autokratie.
In den Vereinigten Staaten hat der republikanische Konvent in Chicago den früheren Kriegsminister Taft zu seinem Kandidaten für die Präsidentschaft erklärt. Damit ist auch seine Wahl gesichert. Dies ist deshalb so bemerkenswert, weil durch seine Wahl ein Systemwechsel in bet Regierung verhindert wird. Die Politik Roosevelts, dessen Eintritt Taft vor allem seine Aufstellung zu verdanken hat, wird also weiter geführt.
X Die veränderte politische Lage und ihre wirtschaftliche Bedeutung.
Was die veränderte internationale Lage auf politischem Gebiete uns bringt, müssen wir abwarten. Das aber scheint sicher zu sein, daß sie auf wirtschaftlichem Gebiete uns teuer zu stehen kommen wird.
Die Engländer sind uns Deutschen nicht grün, darüber ist sich alle Welt klar. Der Grund ist die geschäftliche Eifersucht. Je mehr in England, dem mächtigen Industrie- und ^andelsstaat, die industrielle Entwickelung fort« chritt, desto eifriger mußte man Bedacht auf die Sicherung des Auslandsmarktes nehmen. Der gewaltige Kolonialbesitz schien diese Stellung auf unabsehbare Zeiten zu sichern. Aber in dem Maße, in dem englische Werkzeuge und Maschinen in die Kolonien eindrangen, begründeten sie dort eigene Industrien, die sich in gewiflem Sinne unabhängig vom Mutterlande machten. Dazu !ant noch das bedrohliche Anwachsen der ausländischen Konkurrenz. Daß die Vereinigten Staaten industriell heranwuchsen und England schnell überflügelten, wurde als eine in der Natur der Sache liegende Notwendigkeit ertragen. Aber daß auch Deutschland nach seiner nationalen Einigung wirtschaftlich derart erstarkte, daß eS ein gefährlicher Konkurrent auf dem Weltmärkte wurde, konnte man nicht verwinden, : onnte man vor allen Singen sich nicht gewöhnen, als etwas Unabänderliches zu betrachten.
Man kann es begreifen, daß man in England bemüht ist, den der Herrschaft auf dem
Wellmarkte drohenden Gefahren zu begegnen. So wird nun die auswärtige Politik der dringenden wirtschaftlichen Aufgabe der Förderung des Außenhandels angepaßt. Keine Nation der Erde hat während ihrer ganzen neuzeitlichen Geschichte hindurch ihre Politik so bewußt in den Dienst der materiellen Interessen gestellt, wie England. Während die Völker Europas in den ersten anderthalb Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts einen verzweis elfen Kampf um die durch Napoleon bedrohte nationale Selbständigkeit führten, benutzte England die Gelegenheit, die Handelsflotten aller konkurrierenden Mächte zu zerstören und seine Vorherrschaft auf den Meeren zu begründen. Die Kolonialkriege der folgenden Zeit dienten ja dem gleichen Zweck.
Die politische Verständigung Englands und Rußlands in den Fragen, in denen bisher Konfliktsstoffe angehäuft waren, wird zweifellos England wirtschaftlich Vorteile bringen. Freilich wird dabei wohl auch eine wirtschaftliche Konzession gemacht werden müßen: die Stillung des russischen Geldbedarfs. Rußland hat im Hinblick auf das Ausland gegenwärtig kaum ein größeres Interesse, als das, Geld von ihm zu bekommen. Das Defizit im russischen Budget des laufenden Jahres soll durch eine Inlandsanleihe in Höhe von 200 Mill. Rubel gedeckt werden; aber schon im Frühjahr des folgenden Jahres wird das Moskowiterreich wieder auf die Geldbeutel des Auslandes seine Blicke richten müssen. Wie es heißt, sollen zwischen dem russischen Finanzministerium und der französischen Haute Banque die Verhandlungen so weit gediehen sein, daß man im Prinzip darüber einig ist, zeitig im nächsten Jahre eine neue russische 4Vi prozentige Anleihe von beträchtlichem Umfange zum Kurse von 93 bis 95 in Frankreich unter« zubringen. Es ist nun nach der politischen Annäherung wohl ziemlich sicher, daß ein Teil dieser Last von England getragen wird.
’ Natürlich wird der Erlös dieser Anleihe zu einem großen Teil der englischen Industrie in Gestalt von Austrägen zugute kommen; insbesondere dürste wohl die projektierte neue russische Flotte auf englischen Wersten entstehen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, daß Handels- deziehungen angeknüpst werden, die mit der Zeit schließlich für Großbritannien recht fruchtbar werden, und daß der deutsche Handel auf dem russischen Markte, einem seiner erfolgreichsten Gebiete, zurückgedrängt werden könnte.
Deutscher Reich.
Gibt es eine militärische Kriegspartei in Deutschland?
Noch jedesmal, wenn sich der politische Himmel stark mit Wolken bezogen hat, geht durch einen Teil der deutschen Presse der anklagende Ruf von der militärischen Kriegspartei in Berlin. Namen und Stellen zu nennen, vermag niemand recht. Dafür wird mit dem Schlagwort um so lauter und mit um so vorwurfsvoller Betonung gearbeitet. Forscht man dann wirklich einmal nach, w o jene Partei ihren Sitz habe, so wird mit allgemeinen Andeutungen an i)en Generalstao, allenfalls auch auf die kaiser- üche Umgebung angespielt. Demgegenüber und gerade angesichts der trotz offiziöser Beschwich- ügungsversuche bitterbösen Lage verdient, so chreibt die „Mil.-pol. Korr.", einmal nachdrücklich herdorgehoben zu werden, daß dies ganze
Gerede von der Berliner Kriegspartei sträflicher Humbug ist.
Ein paar Leutnants, die im jugendlichen Tatendrange unter sich den Wunsch aussprechen, gelegentlich vor den Feind zu kommen und nicht in ewiger Friedensarbeit zu versauern, werden i kaum als „Partei" angesprochen werden dürfen. Für ihre, aus dem Wesen des Soldatenhandwerks durchaus verständlichen Bedürfnisse genügen Afrika und die kleinen Kolonialunternehmungen vollkommen. Wer aber den wirklich ernsthaften Militärs, den höheren Offizieren und Geistesarbeitern, den Wunsch nach einem baldigen Krieg um jeden Preis nachsagt, bet kennt denn doch die wahre und alles andere al- leichte Stimmung in jenen Kreisen schlecht. AN einen Krieg zur Vorbeugung größeren Schadens, wie er uns zu gewissen Zeiten ziemlich sichere Aussicht auf Erfolg geboten hätte, denken am allerwenigsten die, in deren Händen die geistige Führung der Armeen im Kriege liegen wird. Gerade die Generalstäbler wissen, ein wie schweres Ringen dem deutsch«! Volke bevorsteht, wenn es in absehbarer Zeit zum Kampfe kommen sollte.
Von herausfordernden Absichten an irgendeiner höheren militärischen Stelle zu sprechen, ist eine völlige Verkennung der Auffassung dort. Daß freilich ernste Männer und Offiziere jede Liebedienerei vor dem Auslande und die Irreführung der öffentlichen Meinung durch zivil-offiziöse Presseleistungen nicht mit- machen wollen, liegt auf einem anderen Felde. Es darf aber Deutschland wohl zufrieden sein, an allen vevantzwortAchen und ausschlaggebenden militärischen Posten Männer des RateS stehen zu haben, die, wenn sie auch zur Tat nicht drängen, im Augenblick nationaler Notwendigkeit aus der Entscheidung des Volkes voll unganz die richtigen Konsequenzen zu zieheq wissen werden.
= Stuttgart, 26. Juni 1908. E in p arlamentarischer Konflikt ist in Württem- hberg ausgsbrochen. Der demokratische Abgeordnete L i e s ch i n g hatte vor einigen Tagen die Hochbauabteilung angegriffen und dabet mehrere Behauptungen aufgestellt, die bet Staatsminister Dr. v. Piescheck als herabwürdigende und ehrenkränkende bezeichnete. Auf eine weitere Behauptung des Abgeordneten hin, wonach die Ablehnung eines DispensationsgesucheS in Zusammenhang mit der Ablehnung der Umwandlung einer Ratsstelle in eine Oberratsstelle zu bringen sei, erwiderte der Minister, eine solche Unterstellung sei schändlich. Daraufhin erklärte der Präsident v. Payer, daß ihm zwar nicht ba8 Recht zustehe, einem Mitglied« der Regierung eine Rüge zu erteilen; wenn aber ein Abgeordneter diesen Ausdruck gebraucht hätte, würde ihm vom Präsidenten eine Rüge zuteil geworden sein« Damit hatte also der Präsident dem Staatsminister indirekt doch noch gehörig die Leviten gelesen, und deshalb kam es zu scharfen Auseinandersetzungen, die volle drei Stunden in Anspruch nahmen.
Ausland.
* Was dir katholischen Studenten im katholischen Oesterreich sich alles gefallen lasten müssen, dafür bringt das „Vaterland" einen neuen Beitrag. Im Juni vorigen JthreI wurden die Satzungen einer dritten katholisch-deutschen Studentenverbindung, der „Saxo - Ba - Varia", in Prag bestätigt. Laut den vorhandenen Bestimmungen mußte diese Verbindung auch bei der Polizeidirektion um das Recht, deS Farbentrtgens auf Straßen und öffentlichen Plätzen einkommen. Merkwürdigerweise blieb
Unpolitische Seifläufe.
(::) Berlin, 25. Juni 1908.
(Nachdruck verboten.)
Ob es eine Junggesellen st euer geben wird? „Vielleicht", hat der Kaiser in seiner jüngsten Tischrede gesagt. Er sprach von neuen Steuerplänen, die noch geheim bleiben müßten, und spielt« dann schalkhaft auf die Junggesellensteuer an, die vielleicht dabei sein könnte. Ich vermute, daß der Kaiser seine Zuhörer mit einem scherzhaften Schreckschuß beehrt hat. Sollte nänt- lich ber Schatzmeister Sydow bei feiner Steuersuche auch auf bie Hagestolzen geraten sein, so wirb er gewiß balb erkannt haben, daß biefe wunderschöne Steuer sich verzweifelt schwer durch- führen läßt.
Schade! Ich möchte herzlich wünschen, daß all die Lent«, die aus Faulheit, Liederlichkeit ober Feigheit sich bem EHeberufe entziehen, ordentlich geschröpft würden. Aber wenn wir nun die Ehe- losen zur gestrengen Musterung aufmarschieren lassen, wer kann da die Schafe von den Böcken, die Unglücklichen von den'Schuldigen sondern? Bor dieser Einschätzungskommisfion würden sich wunderliche Verhandlungen abspielen.
Da würde z. B. mancher stämmige Bursche behaupten, er dürfe „aus Gesundheitsrücksichten" mcht heiraten. Vielleicht bringt er auch gleich das Zeugnis eines freundlichen Arztes mit, der diese oder jene leibliche Schwäche entdeckt hat. Nun müssen die Kreisärzte und die Medizinal- kollegien eine Nachprüfung veranstalten und ein Gutachten und Ober gutachteü ab geben. Tas kostet oiele Arbeit und Geld, vielleicht mehr, als die ganze Steuer überhaupt einbringen kann. Ihw wenn nun einer nervöse Krankheit oder un- irocrtvinblidie Abneigung vorschützt, wie will man ihm das Gegenteil beweisen?
Ein anderer sagt, sein Einkommen sei nicht flroß genug oder nicht sicher genug, daß er sich
zum Unterhalt von Frau und Kindern vsrpflich- ten könne. „Heiraten Sie doch ein Mädchen mit ordentlicher Mitgift!" — „Ach nein, das ist gegen meine Grundsätze. Ich würde nur aus reiner Liebe heiraten. UebrigenS pflegen die Frauen, die etwas mitbringen, desto höher« Ansprüche an die künftige Lebensführung zu stellen. Sehn Sie, Herr Kommissar, ich bin gerade habet, das nötige Kapital für die Begründung eines eigenen Hausstandes zusammen zu sparen. Wenn sie mir nun eine Steuer auferlegen, so schmelzen die Ersparnisse zusammen, und ich komme erst recht nicht znm Heiraten."
Ein Dritter sagt: „Ich habe noch den Buckel voll Schulden aus meiner Lehrzeit. Die muß ich doch erst abzahlen, ehe ich die Auserwählte meines Herzens hermsühren kann."
Ein Vierter sagt: „Ich muß meine alten Eltern (ober meine jüngeren Geschwister) unterhalten. Erst wenn die tot (ober erwerbsfähig) find, kann ich ans Heiraten denken."
Ein fünfter endlich sagt: „Ach, meine Herren, ich möchte furchtbar gerne heiraten; aber bei ber Herzallerliebsten habe ich einen Korb bekommen, unb ich habe geschworen: bie ober feine! Also keine."
Ein Sechster geht noch kräftiger in's Zeug: „Sitte, Herr Steuerrat, weisen Sie mir nur eine' nach, die einen so häßlichen Kerl wie mich an ihr liebenbes Herz nehmen will. Ich habe keine finden können, unb Sie dürfen mein Unglück doch nichts noch extra besteuern!"
So kann das weiter gehen. Eine Unmasse von Einwänden, die teils berechtigt, teils schwer zu widerlegen sind. Der Staat kommt nicht zu einer ordentlichen Einnahme, wenn er nicht einen geraden Strickt zieht mitten durch das bunte Leben hindurch unb einfach bestimmt: Wer in dem und dem Alter noch unverheiratet ist, zahlt so unb so viel Prozent seines Einkommens. Das wäre aber ungerecht und grausam; denn dadurch würde eine Menge von schwächeren Schustern getroffen werden. Es ist jedoch Tatsache, daß sich unter den
Unverheirateten viele schwächliche und krankhafte Leute mit geringer Erwerbsfähigkeit befinden. Auch manche Unglücklichen, die bei ihrem Sieben und Werben ohne eigene Schuld gescheitert sind. Die sollen nun durch eine Extrasteuer büßen, während der skrupellose Mitgiftjäger, der von dem Geld« der ungeliebten Frau sich mästet, steuerfrei ausgeht.
Unb wenn man die Junggesellen bestrafen will, darf man dann die Geschiedenen frei ausgehen lassen, bie zwar einen Ehebund abgeschlossen, ihn aber wieder gebrochen haben? Und was wirb aus den Witwern, bie trotz ihres mäßigen Alters unb ihrer günstigen Verhältnisse keinen neuen Bunb schließen?
Dazu kommt noch eine wichtige Frage, bie durch die modernen Verhältnisse brennend geteor- den ist. Es gibt jetzt Hagestolze beiderlei Geschlechts. Früher konnte man sagen, die Ehe scheu sei nur ein männliches Laster; denn damals galt es als Regel, daß bie Jungfrauen alle sehnsüchtig auf die Freier warteten und nichts anderes im Sinne hätten, als auf die erste ehrbare Anfrage «in verschämtes Ja zu hauchen. Jetzt aber wenden sich die Töchter des Landes der selbständigen Erwerbstätigkeit, womöglich sogar einem förmlichen Berufe zu. Infolgedessen werben sie anspruchsvoller, wählerischer. „Wir können warten, bis ein Mann mit besonderen Vorzügen kommt. Wenn nicht, — na, denn nicht. Es geht auch „ohne". — So haben wir auch ehescheue Weiblich, feit erhalten, und von rechtswegen müßten auch die Hagestolzen Damen unter bie Junggesellensteuer fallen.
„Leicht beieinanber wohnen bie Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Der Gedanke einer Strafsteuer auf die Ehescheu ist wunderschön; di« Verwirklichung ist ungeheuer schwer und würde mehr Aerger als SBortetI bringen.
Staat und Reich haben ein großes Interesse daran, daß bie Zahl der Eheschließungen nicht zurückgeht. Aber worauf kommt e- im ersten Grunde an? Auf den Nachwuchs. Datum
liegt die Hauptgefahr in dem Rückgang des Kindersegens. Auf diesem Gebiete zeigen sich seht bedrohliche Erscheinungen, bie an die französischen Zustände erinnern. Ein äußerlicher Zwang zur Eheschließung kann gegen ein derartiges Hebel nicht aufkommen. Da hilft nur bie Erneuerung der christlichen Sittlichkeit, welche die Eheleute gewissenhaft und opferwillig erhält. Will der Staat hier mithelfen, so mag er einerseits den Vertrieb von gewissen niederträchtigen Mitteln bekämpfen, und mag andererseits den Elfern je nach ber Zahl ihrer Spnößtinge besondere Vorteile gewähren.
Im Uebrigen muß der Staat bie Heiratsscheu mittelbar zu bekämpfen suchen. Zunächst durch eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die einem fleißigen Jünglinge die Begründung einer eigenen Familie recht leicht macht. Dahin gehört auch, daß ber Staat seine eigenen Beamten nicht so lange auf eine feste Anstellung warten läßt. Wenn auch bie erste Brotstelle nur bescheiden ist, so genügt doch vielfach schon bie Sicherheit der Stellung, um den jungen Mann zum Freien zu bringen.
Ferner sollten Staat unb Gemeinden alles mögliche tun, um bem Luxus entgegenzuwirken. Denn der überhandnehmende Luxus, die Vorliebe für ein glänzendes, protziges Auftreten hält sehr viele Leute von einer vernünftigen Eheschließung ab. iSe bilden sich ein, daß zur „standesgemäßen Lebensführung" allerhand Pracht und Pomp gehöre; in Eitelkeit und Größenwahn verpassen sie die rechte Zeit unb Gelegenheit, um ein behagliches Lebensglück zu begründen. Der Finanzminister von Rheinbaben hat vor Jahr und Tag einmal eine sehr schöne Rede gehalten über die Rückkehr zu ber alten Einfachheit unb Behaglichkeit. Die schönen Worte find verrauscht. Das Volk kann nun aber boch wenigstens verlangen, daß der Staat selbst unb bie Würdenträger des Staate- ihm nicht das schlechte Beispiel des protzigen Luxus geben. Die Beamten könnten sich sehr verdient machen, wenn sie mitsamt dem Kastengeist