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35. Jahrqanq.

Fulda, Samstag den 27. Juni 1908.

M 146.

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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- ttendruckerei in Lulda Zernsprecher Nr. 9.

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verantw. Redatteur:

Lari Schütter

KlldaerW3eitmg

w-che»b-iiage:„IllustrierteSonntagszettung" Monattbeilage: „Zuldaer GeschichtrblStter"

Drittes Wtatt.

K Freisinnige Wahlrechtsreform.

In einem Berliner Blatte wirft ein freisin­niger Landtagsabgeordneter, Hoff-Kiel, dre Frage auf, ob man nicht die Wahl direkt und ge­he i m machen könne, auch wenn das Klassen­system bestehen bliebe. .

Tiefer Vorschlag zur Güte wird gewiß bei vielen Freisinnigen stilles Wohlgefallen finden, da diese Herren für das gleich« Wahlrecht, das sie in ihren Aufrufen pathetisch fordern, durchaus nicht begeistert sind, sondern den dringenden Wunsch haben, daß die Bevorzugung der stärkeren Steuerzahler sie vor weiteren so­zialdemokratischen Siegen bewahren möge. Sie würden sogar eine unauffällige Verschärfung des plutokratischen Prinzips,, z. B. durch Beseitigung der Drittelung in den einzelnen Urwahlbezirken, recht gern sehen. Aber so was darf man sich nicht merken lassen.

B a r th, der unentwegte Führer der wenigen unblockierteu Freisinnigen, erhebt sofort Ein­spruch gegen den Hoffschen Vorschlag und führt aus: im vorigen Jahr hätte man sich mit einem Notgesetz begnügen können, das für die bevor­stehende Wahl die geheime Stimmabgabe ein­geführt hätte; aber jetzt müsse man aufs Ganze gehen, da nur so eine Volksbe­wegung zustande zu bringen sei.

Barth hat insofern recht, als die halben „Re- förmen", die etwa am preußischen Klassenwahl­recht angebracht würden, die ganze und gründ­liche Reform, wie er sie sich in der Einführung des Reichstagswahlrechts denkt, nur weiter hin- ausschieben würden. Aber ob es ihm und seinen „demokratischen" und sozialdemokratischen Freunden gelingen wird, eine wirksame „Volks­bewegung" herbeizuführen, müssen wir dahinge­stellt sein lassen. Bei den letzten Landtagswah­len hat sich jedenfalls eine Volksbewegung in diesem Sinne nicht gezeigt. Die Liberalen, die das etwa beklagen wollen, müssen sich selbst einen großen Teil der Schuld zuschreiben. Denn ihre Wahlaufrufe schoben die Frage des Wahlrechts in die zweite Linie, da sie die Beseitigung der „konservativ-klerikalen Mehrheit", die Eroberung der Herrschaft in Preußen für den Libera­lismus und die Betätigung dieser Herrschaft in einer freigeistigen Schulpolitik voranstellten. Damit zwangen sie nicht bloß die christlich gssinnten Konservativen, sondern vor allem die ganze Zentrumspartei zu einem ener­gischen Abwehrkampfe gegen die libera­len Macht- und Kulturkainpfsge- l ü st e, unter vorläufiger Beiseitesetzung dest Wahlrechtsfrage. Nach der Kraftprobe bei den Wahlen müssen doch die Linksliberalen einsehen, daß sie für sich allein viel zu schwach sind, eine volkstümliche Wahlrechtsreform durck^usetzen.

Wenn sie nicht bloß demonstrieren, sondern etwas Positives erstreben wollen, so muß ihre Taktik notgedrungen auf eine Anlehnung an das Zentrum hinausgehsn. Dort würden sie aber erst dann die Tür offen finden, wenn sie die Forderung nach Neuesinteilung der Wahl­kreise nach der bloßen Bevölkerungszahl fallen ließen; denn auf eine Erdrosselung der ländlichen Bezirke kann das Zentrum niemals eingehen.

Deutsches Reich.

Zur Reichsfinanzreform

hat der Kaiser in Brunsbüttelkoog gemeint, ihr Aufbau sei rationell, gesund und für das Reich zweckdienlich; dafür soll uns garantieren „das

hamburgische Blut, das in den Adern unseres ausgezeichneten und hochverdienten Kanzlers fließt". Selbstverständlich ist das „hamburgische Blut" nur eine rhetorische Wendung in Rücksicht auf die Hamburger. Wir für unseren Teil hoffen, daß die Finanzreform mehr Rücksicht auf die schwachen Schultern nimmt, als auf die starken; zu letzteren gehört offenbar der reiche Staat Hamburg.

Von den Einzelheiten der Vorschläge haben wir aus der Rede des Kaisers erfahren, daß eine Junggesellensteuer „vielleicht" kommt (vergl. hierzu dieRotiz im I.Blatt. AusdenVerhand- lungen im Finanzausschüsse in München ist ferner zu schließen, daß eine Elektrizitäts­abgabe in Frage kommt. Diese Einzelheiten deuten darauf hin, daß der Reichsschatzsekretär sehr eifrig nach Steuerblümchen gesucht und in sein Bukett auch zweifelhafte Pflanzen aus­genommen hat.

Die Junggesellensteuer sieht von weitem sehr schön aus, bei näherer Prüfung werden die Schwierigkeiten immer größer, und der Ertrag bleibt verhältnismäßig klein. In gewissem Sinne ist sie in allen Bundesstaaten mit einer all­gemeinen Einkommensteuer bereits vorhanden. Dort sind überall steuerliche Begünstigungen vor­gesehen sür die Verheirateten, für hohe Kinder­zahl, für Unglück in der Familie ufw. Will man hier noch mehr entgegenkommen, so soll es uns recht sein, und das Zentrum arbeitet in den Einzelstaalen gern mit. Aber im Reiche ist kaum Platz für eine solche Steuer. Wird sie in gleicher Höhe als eine Kopfsteuer erhoben, so bringt sie nichts ein und ist ungerecht. Wird Einkommen und Vermögen mitberücksichtigt, so ist sie eine direkte Steuer, die der Bundesrat bisher abgelehnt hat; die Einschätzung würde un­geheure Schwierigkeiten machen.

Die Elektrizität hat mit dem Gas und der Dampfkraft einen schweren Wettkampf zu bestehen; wenn sie darin durch eine Steuer- belastung beeinträchtigt würde, so wäre es weder gerecht noch nützlich, umsoweniger, als die Bayern, die sich zu einer elektrischen Ver­wertung ihrer Wasserkräfte im großen Stil an­schicken, diese Abgabe als eine Verletzung ihrer Interessen empfinden müssen.

Man sieht schon an diesen ersten Beispielen, daß Steuerprojekte ihre Haken und ihre unan­genehmen Begleiterscheinungen haben.

= Fürst Bülow wird am nächsten Diens­tag seinen Sommerurlaub antreten. Er bringt ihn wieder in Norderney zu. In seiner Be­gleitung befinden sich nur die Herren v. Flothoff und Geheimrat Schäfer. Ob auch in diesem Sommer wieder die Pilgerfahrten der Block- sührer nach der Nordsee stailfinden werden?

)( Die Heimarbeit soll bekanntlich gesetzlich geregelt werden. Umfangreiche Erhebungen sind schon seit längerem im Gange. Vorbereitenden Informationen an Ort und Stelle gilt auch eine zurzeit stattfindende Dienstreise, die der Geh. Oberregierungsrat Neumann vom Handels­ministerium in die Regierungsbezirke Aachen und Düsseldorf unternommen hat, wo besonders wichtige Zweigeder Hausindustrie und Heim- arbeiter ihren Sitz haben.

* „Parität". In der Pfarrei Bialutten, Kreis Netdenburg Ostpr., ist zum Verbands­vorsteher der katholischen Schule Bialutten der evangelische Pfarrer ernannt worden.

Der falsche Erbe.

Roinan von Ed. Wagner.

69] (Nachdruck verboten).

Gildon sah das Mädchen betroffen und scharf in; da aber ihr Gesicht ernst blieb, antwortete ►r, allerdings etivas zögernd:

„Ich liebe Sie, meine Liebel"

«Diese Liebe ist eine zweite Auflage, eine auf- rcwärmte.^wie man gewöhnlich sagt!" erwiderte Nelly. „Sie waren schon einmal verheiratet, Mr. Gildon, und ich habe gelobt, keinen Witwer «u heiraten. Uebrigens sagten Sie, ich sei ein .Stern von Weiblichkeit", und Sie —"

„Nun, was bin ich?" fragte Gildon, indem ,c Nelly einen flammenden Blick zuwarf; er fing M zu begreifen, daß sie ihn eigentlich nur zu "ecken und verspotten suchte.

„Sie sind einfach ein mittelälterlicher Mann", mtwortete das Mädchen ruhig, mit einer kleinen ,yhlen Stelle auf dem Vorkopfe, etwas theatra- nsch und pomphaft in Ihrem Wesen und sehr un­angenehm in allein klebrigen oder überhaupt. Ich befürchte aber auch, daß Sie nicht mehr im vollen besitz Ihrer Sinne sind", fügte die Spötterin hin- y. um den Eindruck, den ihre Worte auf Gildon «macht hatten, zu vervollständigen, „sonst ruüß- en Sie selber einsehen, daß eine Vereinigung -vischen Ihnen und einem „Stern von Weiblich- eit" im höchsten Grade abgeschmackt wäre!"

Gildons Gesicht glüht vor Aerger.

„Unverschämt I" hauchte er zwischen den Zäh- len hervor. „Sie sollten lieber etwas Vorsich­ter in ihren Ausdrücken mir gegenüber sein, fielly!"

„Würden Sie es lieber hören, wenn ich Ihnen shmeichle?" fragte Nelly.

' "®ic J’n& heute in einer übermütigen Stirn- ^uug'« bemerkte Gildon. „Die Gefangenschaft cheint Sre nicht umzustimmen. Ich muß wohl indere Maßregeln ergreifen."

„Zum Beispiel?"

„Sie scheinen sich sehr für den Blödsinnigen auf dem Kap zu interessieren", sagte Gildon, das Mädchen scharf ansehend.

„Allerdings! Der arme Mensch! Nur ein Herz von Stein kann gegen einen so unglücklichen Menschen kalt und gefühllos bleiben."

„Wenn Sie fortfahren, mich zurückzuweisen, werde ich mich Ihres Jünglings annehmen und ihn in ein Irrenhaus bringen lassen."

„Und das können Sie an dem Unglücklichen tun? Welches Recht haben Sie, ihn seiner jetzigen Pflegerin zu entreißen?"

„Sie haben eine romanhafte Neigung zu dem Blödsinnigen und aus Mitleid mit ihm müssen Sie einwilligen, meine Frau zu werden."

Nelly erbleichte, aber sie blieb standhaft.

„Sie haben meine Antwort", sagte sie kurz.

„Dann lasse ich Ferdinand Brander morgen ins Irrenhaus bringen", erklärte Gildon.

„Und dann?"

„Er wird den Rest seines Lebens daselbst zu- bringen oder wenigstens so lange dort bleiben, bis Sie in eine Heirat mit mir einwilligen", sagte Gildon.

Nelly schauderte, an dem finsteren Gesicht ihres Vormundes, an seinen grimmig zusammen- gepreßten Lippen erkannte sie, daß es ihm mit seiner Drohung ernst war. Ein unnennbarer Schmerz erfüllte ihre Seele.

„Und wenn das Mitleid zu Ihrem unglück­lichen Freund, den Sie so leicht, mit einem ein­zigen Worte retten könnten. Sie nicht zur Ein­willigung bewegt", fuhr Gildon fort, „bann mö­gen Sie sich selbst beklagen. Ich will Sie mit Ihrem zukünftigen Schicksal im Voraus bekannt machen. Einen Monat werde ich Sie hier noch eingeschlosien halten; dann schicke ich Ihre Die­ner nach England zurück und Ihnen bleibt, wenn Sie auch dieser Freunde beraübt sind und Sie gänzlich schutzlos dastehen, schließlich die Wahl gtoifdjen mir und einem Privatinstitut für Gei- steskrankx. Verstehen Sie?"

Bei der katholischen Schule in Dzwievznia, an welcher nur ein katholischer Lehrer angestellt ist und sämtliche Kinder mit Ausnahme eines Gast­kindes katholisch sind, führt den Vorsitz in den Schulvorstandssitzungen ebenfalls der evan­gelische Pfarrer in Bialutten; der katholische Pfarrer wird zu den Sitzungen gar nicht ein­geladen. Eine Anfrage des Ortspfarrers an die Regierung, ob dies dem Gesetze vom 28. Juli 1906 entspricht, blieb bis jetzt unbeantwortet. Hierhin' gehört auch, daß die Erlaubnis zur Errichtung von evangelischen Kirchen und Pfarreien anstandslos bewilligt wird, während den Katho­liken nicht einmal der Bau eines ein­fachen Bethauses für ihr eigenes Geld erlaubt wird.

volkswirtschaftliches und Soziales.

□ Der deutsche Fleischertag, der in diesen Tagen in Essen zusammentrat, nahm betreffend die Novelle zur Gewerbeordnung eine Resolution an, in der auf die Mißstände in einzelnen Betrieben hingewtesen wird. Es wäre zu be­grüßen, heißt es darin, daß den Leuteschindern im Handwerk soziales Verständnis beigebracht werde. Die Kollegen möchten Umschau in ihren Betrieben halten, ob alles in Ordnung fei, da­mit den Gesellen, dem natürlichen Nachwuchs, die sozialen Errungenschaften der Neuzeit zugute kämen. Das gute Verhältnis zwischen Meistern und Gesellen müsse auch sernerhin aufrecht er­halten werden.

Ausland.

lieber die Skandale in Graz

am Dienstag, über die bereits telegraphisch be­richtet wurde, entnehmen wir österreichischen Blättern noch das folgende: In der Herz Jesu- kirche fand aus Anlaß des Stiftungsfestes der katholischen Studenten-Verbindung „Carolina" eine Festmesse und die Fahnenweihe der neuen katholischen Studenten-Verbindung „Traungau" statt. Auch eine große Anzahl katholischer Stu­denten von auswärts war erschienen. Vor der Kirche hatte sich eine Horde von radikalen Hoch- schiilern angesammelt. Die christliche Finken­schaft, sowie christliche Arbeiter und Bürger bil­deten zum Schutze der genannten Verbindungen ein Spalier. Einer Dame, die am Trottoir stand und „Heil Carolina" rief, wurde von einem freisinnigen „Studenten" ein Stock­hieb über den Arm versetzt. Als die Char­gierten der „Cavolina" und« des „Traungau" vorfuhren, erhoben die freisinnigen Studenten einen Riesenlärm und schleuderten unter fana­tischen Pfuirufen faule Eier, Steine und ähnliche Wurfgeschosse gegen die Insassen. Tse „Freisinnigen" vasten gegen alle, die für die überfallenen katholischen Studenten Partei er­griffen. Frauen und Mädchen, die der Ausfahrt zusahen, waren genötigt, sich gegen die freisinnigen Gassenbuben mit ihren Sonnen- schirmen zu wehren. Es war ein be­schämender Anblick in den Straßen einer Lan­deshauptstadt, die „Blüte des Freisinns" im Kampfe gegen Damen zu sehen! Ein starkes Wacheaufgebot verhinderte mit Mühe größere Ausschreitungen der Rohlinge. Es war genötigt, fünfzehn der ärgsten Exzedenten zu verhaften, ein „freisinniger" Student mußte ge f e s s e l t abgeführt werden. Nach der kirch­lichen Feier ging der Skandal von neu ein I o s. Die katholischen Studenten wurden von

Er blickte das Mädchen mit einem so teuf­lischen Lächeln an, daß sie erbebte.

Jetzt erkannte Nelly klar und deutlich, mit wem sie es zu tun hatte. Sie sah, daß keine Handlung ihm zu schlecht, kein Mittel ihm zu niedrig war, welches ihn seinem Ziele entgegen­zuführen geeignet schien.

„Sie dachten, sie könnten mit mir scherzen und tändeln", begann Gildon wieder nach einer kurzen Pause, „und ahnten nicht, daß es ein Ti­ger war, mit dem Sie zu spielen sich erlaubten. Nun sollen Sie dafür die Klauen des Tigers fühlen! Morgen lasse ich Brander bei den Vici- nis abholen, ungeachtet Ihrer etwaigen Gegen­ordre. Eine Aussicht will ich Ihnen noch lassen: Sie sollen bis morgen zum Frühstück Bedenkzeit haben."

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich kurz um und verließ das Zimmer, die Tür hin­ter sich verschließend.

Als die letzten Tritte auf der Treppe verhallt waren, kam Mrs. Jebb, welche die ganze Unter­redung mit angehört hatte, aus dem anstoßenden Zimmer und rang verzweiflungsvoll hie Hände.

„O, Miß Nelly", stöhnte sie, „ich fürchte, er wird seinen Willen durchsetzen. Sie werden sich ergeben müssen, mein gutes, liebes Kind!"

In diesem Augenblicke wurde Gesfrey's Stimme hörbar, welcher nach seiner jungen Her­rin rief.

„Was gibt es, Geffrey?" fragte das Mädchen in tiefem Tone, indem es sich weit über die Bal­lustrade beugte.

„Pst! Miß Nelly!" sprach Geffrey, und sah sich ängstlich nach allen Seiten um. „Ich komme gerade von Vicini."

««Ist Ferdinand Brander wohl?" fragte Nelly.

„Ja, Miß Nelly."

„Was ist denn sonst passiert?"

„Tomaso Vicini ist tot!" antwortete Geffrey.

„Tot!" ,

„Ja, Miß Nelly; er ist gestern aus dem Boote gestürzt und hat sich dabei den Kops an . einem

den „freiheitlichen" abermals mit Schmährufen empfangen und durch die Stadt verfolgt. Vor. dem Carolinenheim in der „Harmonie" kam es wieder zu Demonstrationen der „Freisinnigen", eine etwa tausendköpfige Menge johlte und tobte vor dem Hause wie besessen. Auch hier schritt die Sicherheitswache ein und zerstreute die Demonstranten, die schließlich vor der Poli­zei flüchteten und bann eine Deputation zum Bürgermeister Dr. Graf schickten, um sich dar­über zu beschweren, daß die Polizei die Demon­stration störte!

Die eigentlichen Ansammlungen vor dem Hotel Roß begannen gegen 6 Uhr abends. Die um­liegenden Gaffen füllten sich mit einer dichtgedrängten Menschenmenge, die sich im Laufe des Abends aus mehrere Tausend verstärkte, von denen jedoch nur etwa dreihundett Studenten gewesen sein dürften. Die meisten Teilnehmer waren Handelsangestellte, Gymnasial- und Realschüler und deutschnationaler Mob. Als dann das Militär erschien und die Bajonette aufpflanzte, jedoch nur mit geschultertem Gewehr gegen die Demonstranten vorging, waren die Gassen bald frei, die sofort durch Postenketten abgesperrt wurden. Den Auszug der katholischen Verbindungen und ihrer Gäste begleitete die hinter die Militärspaliere zurückgedrängte Menge mit Pfeifen und Pfuirufen. Der deutschnationale Mob,' der nun zur Stadthalterei zog, begann dort unter ohrenbetäubendem Lärm mit Steinen gegen die Burg und die Wachleute zu werfen. Indessen begab sich eine Deputation zum Statthalter — e- war 8/tl0 Uhr abends — um sich als die gekränkt« Unschuld aufzuspielen. Ebenso verlangten einig«' wütende Schreier von dem Bürgermeister Dr. Graf, er solle fofort gegen die Verwendung des Militär-, Stellung nehmen. Dr. Graf erklärte jedoch, dg könne er nichts machen. Darauf ein Getöse voh gellenden Pfuirufen, und ein deutschnationaletz Handlungsgehilfe hält eine heftige Brandrede gegep den Bürgermeister. Dann zog ein Teil derDemom stranten zum Hotel Wiesler, wo der sreistnnigt Bürgerklub des Gemeinderates eine Sitzung abhielt^ Auch hier verlangten die Tumultuanten eine Slel-s lungnahme gegen die Militärverwendung. Di« freisinnigen Gemeinderäte versprachen in der mor- gigen Gemeinderatssitzung den Bürgermeister be$< halb zu interpellieren. Abends, nach dem Ab­marsche der tobenden und schreienden Menge zmst Kaiser Joseph-Denkmal, zogen die Demonstranten zur Burg, der Statthalterei, zurück, und wollten — i/il2 Uhr nachts! — eine neue Deputation zuut Statthalter senden. Diese wurde jedoch nicht mehr: vorgelassen. Darauf erneute Pfuirufe, Pfeifen, die Wacht am Rhein und ähnliches. Um 12 Uhr nachts trat einigermaßen Ruhe in der Stadt ein.

An dem Stiftungsfeste der „Carolina" nahmen auch Vertreter der ,Aenania"-München und der „Marco- mannia"-W ür z b ur g teil. Da vor dem Gebäude der „Harmonie" dem „Aenanen" Allmann das Cerevis vom Kopfe gerissen und gestohlen wurde und auch sonst die Vertreter, aus dem Deutschen Reiche behelligt wurden, richteten sie an die deutsche Botschaft in Wien_eine, Depesche, in der sie um den Schutz der Botschaft ansuchten. Eine Abordnung der christlich-soz. Abgeordneten sprach wegen der Ausschreitungen in Graz beim Ministerpräsidenten Beck und dem Minister des Innern Bienerth vor. Die, Minister sagten weitgehenden Schutz der katho­lischen Studenten zu.

* Kritische Lage des Kabinetts Clemenceau. Anderthalb Jahre schleppt sich der französ. Senat mit einer Vorlage über den Ankauf der West­bahn herum, die von der Abgeordnetenkammer schon im Dezember 1906 angenommen worden ist. Die Vorlage bekräftigt nur dm grundsätz­lichen Willen des Parlamentes zum Ankauf der Bahn, behält die finanzielle Lösung deS Ankaufes

Stein zerschlagen. Nach der Beerdigung will die arme Signora nach Catania, wohin sie den armen Brander nicht rnitnehmen kann."

„Großer Gott!" rief Nelly; „was soll aus ihm werden?"

„Mrs. Vicini sagte, ich solle Sie um Rat fra­gen; vielleicht würden Sie oder Mr. Gildon sich seiner annehmen." i

„O, der Zufall fügt die Dinge von selbst, wie sie Mr. Gildon zu haben wünscht", dachte sie. „Gibt es keinen Weg, den armen Brander zu retten? und könnte ich mit ihm nicht gleichzeitig auch n'ich retten?"

Sie beugte sich tiefer über die Ballustrade und flüsterte dem Diener zu:

„Wann beabsichtigte Signora Vicini die Auf­sicht über Brander abzutreten?"

„Heute morgen, Miß Nelly", antwortete Geff­rey. „Sie will den Verkauf des Hauses und deS Fahrzeuges einem Agenten übertragen, wenn sie beides nicht selbst verkaufen kann, und wird schon in den nächsten Tagen in ihre Heimat abreifen.".

Ein glückliiher Gedanke durchzuckte Nelly; ihr Auge strahlte fast freudig unb hastig fragte sie:

„Wieviel kostet das Boot?"

„Ich weiß es nicht", antwortete er.

Vitus näherte sich jetzt, um das Gespräch mit anzuhören. Nelly hatte kaum noch Zeit genug, Geffrey zuzuflüstern:

„Ich will Dir einen Zettel hinabwerfen, wenn Vitus zum Essen ist."

Geffrey nickte zum Zeichen des Verständnisses und Nelly trat in's Ziicklner zurück.

„Es fügt sich alles von selbst nach Mr. Gil­dons Willen," bemerkte Mrs. Jebb, welche das Gespräch mit angehört hatte.

„Nicht so ganz," sagte Nelly ruhig, „wenig­stens will ich den Versuch machen, meinen armen. Freund und mich selbst zu retten." - i

Kortsehuno folgt.)