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eitung

35. Jahrqanq.

Fulda, Freitag den 26. Juni 1908.

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gerliche Wahlmänner gewaltsam gehindert wor­den sind, ihre Stimme abzugeben. Durch ein­wandfreie Zeugen soll festgestellt worden fein, daß sieben bürgerliche Wähler etwa zehn Minuten vor 7 Uhr abends, von Schleppern begleitet, sich nach dem Wahllokal hineinbegeben wollten. Vor der Tür aber hatte sich eine Phalanx von Leuten gebildet, die gewaltsam den Eintritt der betref­fenden Wahlmänner in den Wahlraum verhin­derte.. Als dritter Grund wird geltend gemacht,

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Auzelg««: Die ein­spaltige ptli heile oder deren Raum 15 Pf6. Rrilmnendiepetihelle 25 Pf®., bei wieder- Holungen wird entspr. Kabatt gewährt.

Lotationrdruckund Verlag der Fuldaer At-

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Monatsbellage: „Mdaer GeschWZblAttr Ferusprecher Nr.y.

Eine nette Gesellschaft! Schreien über Ruhe­störer im Floltenverein und bedrohen viel rück­sichtsloser den Frieden, als alles, was sie Klique nennen, zusammen. Also wenn Fürst Salm nicht annimmt, geht der Krach von neuem an. Der arme Fürst Salm kann einem dabei leid tun. Anscheinend mag er nicht mehr recht, aber wenn er nicht pariert, dann zerstört er — so drohen seine Anhänger — bas große nationale Werk und ist bei ihnen dann natürlich auch selbst „drunter durch". Angenehme Leute das — mit solchen rasenden Rolanden will man Flottenverein in holder Eintracht erhalten das ganze deutsche Volk ohne Unterschied Partei für die Flottensache begeistern I

= Die Landtagswahl in Moabit, die Sozialdemokraten das 7. Mandat brachte, wollen die Freisinnigen a n f e ch t e n. Die Anfechtung wird begründet damit, daß bei den Urwahlen er­hebliche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, und daß eine ganze Reihe von Stich- und Ersatz­wahlen gar nicht vorgenonimestl wovdein seien. Grund zum Protest wird darin gefunden, daß bei der Stichwahl am Dienstag eine Anzahl bür-

ALcrtt

Warten wir ab, wie der „ausgezeichnete, hoch- verehtte" Reichskanzler es anstellen wird, das finanzielle Ansehen Deutschlands in der Welt wieder in die Höhe zu bringen.

zu verdanken habe, daß jetzt bessere Tage für die Landwirtschaft angebrochen seien.

X Ter Genoffenschaftstag der deutschen Konsum - Berrine, welcher in diesen Tagen m Eisenach zusammenlrat, nahm eine Resolution an, in der er es als die Pflicht der Genossen­schaften hinstellt, soweit es in ihren Kräften steht, in Bezuq auf die Ausgestaltung der Lohn- und Arbeitsverhältniffe ihrer Angestellten und Arbeiter vorbildlich zu fein. Erweist sich der Abschluß eines Gesamt - Tarifes für eine Branche der ge- noffenschaftlichen Angestellten oder Arbeiter als verfrüht oder unmöglich, so steht dem Abschlüße solcher Verträge an einzelnen Orten oder in ein­zelnen Bezirken nichts im Wege, wenn die be­züglichen örtlichen Tarif-Forderungen an die Ge- nosienschaften nicht wesentlich über das hinaus- gehen, was an den betreffenden Orten in der Ge- samtbranche seitens der Gewerkschaften durchge- führt werden kann.

5 Der Flottenverein will trotz des Danziger Friedens nicht zur Ruhe kommen. Die extreme Keim'sche Richtung im Flottenvereine besteht dakauf, daß Fürst Salm-Horstmar dar Präsidium wieder annehme, waS bisher immer noch nicht geschehen ist. Man vermutet, daß hier dem Fürsten Salm Hinderniffe von gewisser Seite bereitet werden. So wird der ,Täglichen Rundschau' aus den Kreisen des Flottenvereins geschrieben:

Trotz des Danziger Fri-deuZ scheint der Flotten- d er ein nicht zur Ruhe zu kommen. Aber die Ruhe­störer sind diesmal nicht die Bayern, auch nicht deren bisherige Gegner, sondern eine gewisse Klique, die den Flottenverein unter allen Umständen vom ReichSmarineamt abhängig machen will. Die Thüringer, H-ssen, Westfalen und andere mehr, ins­gesamt eine Gefolgschaft von über 100 000 Einzelmit- glieder, sind fest entschloflen, den Kampf sofort wieder aufzunehmen, wenn jene Klique ihre Machinationen nach oben hin weiter treibt.

Wir nennen z. B. nach Angabe unserer Mülheimer Gewährsmänner als solche, die da wohl geglaubt habe» mögen, mit Bier, Zigarren oder Geld könne man all« machen, auch unter Umständen einem Kommerzienr« in den Landtag verhelfen, den Kaufmann Otto Kockt und den Kolomalwarenhändler Hermann Falkenburg, beide in Mülheim. Diese versuchten eS mit Bier und 10 Pfennig-Zigarren. Der nationalliberatt Wahlmann Albett Kuß aus dem 44. Wahlbezirk (6pd* dorf) trat kurz nach dem ersten Wahlgang an b« Tisch, wo unsere Wahlmänner saßen, stellte sich deut, sozialdemolrattschen Wahlmann F. vor und beginnt mit demselben em Gespräch und lud ihn zu einem Glas Bier ein. Auf dem Weg, zum BüfM gesellte sich dann so ganz „zufällig" em „besserer Herr-,

Nach diesen so bestimmt gemachten Angabe« wird auch der Staatsanwalt nicht umhin können, sich die Sache etwas genauer anzusehen.

— Wegen ihres Vorstoßes gegen di« Koalttionsfreiheit der Angestellten werden di« bayerischen Melallinduflriellen auch vom Vorstand« des Bundes der Industriellen abgrrüff^t. Der Vorstand des Bundes sprach dieser Tage in seiner Sitzung lebhaftes Bedauern über da- taktifch und sachlich unrichtige Vorgehen deS Ver­bandes bayerischer Metallindustrieller gegenüber den kaufmännischen Angestellten und ihren Or­ganisationen aus. Wenn auch der von de« Bund der technifch-industriellen Beamten an­geschlagene Ton nicht immer zu billigen sei, so könne doch keineswegs die Maßnahme, Mitglieder

gesellte sich dann so ganz „zusällta" ein .besserer zu ihnen, und nun bot Kuß unserem W i mann F. 100 Mark an, wenn er dafür sorge, v» sechs Wahlmänner von uns zur nationalliberalen Parttl herüber kämen I Weiter wurden dem Wahlmanne I. R. von einem älteren Herrn (wünscht die Wasseriautt auch diesen Namen zu wiffen T) Anerbietungen gemacht in der Hinsicht, daß eS „auf den PreiS übtti Haupt nicht ««komme", wenn er noch sech«, Wahlmäuner mit herüberziehe. Einem anderen Wahlmann wurden vor Beginn der Stichwahl in der Wirtschaft Seuthe, die in der Nähe des Wahl­lokals liegt, 500 Mark angeboten, wenn das« gesorgt werde, daß Küchen durchkomme. Und zwaff diente hier als Mittelsmann ein Maschinenbauer bet — königlichen Eisenbahnwerkstätte in Broich! Wils das nationalliberale Reichsverbandsblatt noch einigt Proben haben? Wir stehen zu Diensten.

daß eine Anzahl von bürgerlichen Wahlmännern durch Einschüchterungen davon abgehalten wor­den sei, zur Wahl zu gehen. An den Häusern der betreffenden Gewerbetreibendem seien Plakate an- geklebt worden, in welchen die Arbeiterschaft zum Boykott aufgefordert worden sei gegen frei­sinnige Wahlmanner, die ihr Brot von den Ar­beitern hätten. — Daß die Sozialdemokratie zu dem verwerflichen Mittel des Boykotts gegriffen hat, ist richtig. Der „Vorwärts" forderte artt Tage vor der Wahl noch eigens dazu auf. Der „Voss. Ztg." erzählte ein Berichterstatter von einem Vorkosthändler, der liberaler Wahlmann deS Wahlkreises ist. Diesem waren schon am Vor­mittag di« meisten Kundinnen ausgeblieben, und er fürchtete, daß sich, falls er seine Stimme ab­gäbe, sein Geschäft überhaupt nicht mehr ren­tieren würde. Er erklärte deshalb, nicht wählen zu können. . . , , ,

* Des versuchten Stimmenkaufs hat be­kanntlich die sozialdemokratisch« ,Niederrheinisch« Arbeiterzeitung' die Mülheimer National- liberalen bezichtigt. Trotzdem das Duisburger nationalliberale Blatt selbst die Mülheimer Parteileitung der Nationalliberalen auffordert«, zu dieser Anschuldigung sich zu äußern, hat man bis jetzt hartnäckig geschwiegen. Diese Taktik wird jedoch schwerlich länger aufrechtzuerhalten, sein, nachdem das genannte sozialdemokratisch^ Blatt nunmehr auch mit den Namen und aller­hand Einzelheiten herausrückt; in Nr. 144 schreibt es:

Deutscher Reich.

(*) Der Kaiser empfing am Mittwoch in Kiel den Besuch deS Kronprinzen und der Kron­prinzessin, der Prinzessin Eitel Friedrich und des Prinzen und der Prinzessin Heinrich sowie deS Prinzen Sigismund und nahm die Meldungen deS StationSchefS und der Admiralität entgegen. Der Monarch machte sodann Besuch« aus der „Deutschland" und bei den anwesenden Admiralen und besuchte sämtliche Flaggschiffe der Hochsee­flotte. Am Donnerstag besichtigte der Kaiser in Kiel die Kaiserliche Werst.

ü Wichtige Stellenbesetznngen in der Marine hat der Kaiser auch diesmal bei seinem Aufent­halte in Kiel am Mittwoch vollzogen. Es wur­den die Kontre-Admirale Pascher und Kalau zur Verfügung des Chefs der Ostsee-Station gestellt und an ihre Stelle die Kontre-Admirale G uehler und Jacobsen zum zweiten Admiral des zweiten Geschwader- bezw. zweiten Admiral der Aufklä- rungs-Schiffe ernannt. Der bisherige Komman­dant der„Hohenzollern", Kontre-Admiral Inge- nohl, wurde unter Belassung als Admiral ä la suite zum zweiten Admiral des ersten Geschwa­ders anstelle der Admirals Jacobsen, Seekapitän Dick vom Linienschiff „Hessen" zum Ober-Werft- direktor in Wilhelmshafen, Seekapitän Riewe vom „Kaiser Wilhelm der Große" zum Abteilungs- Chef im Admiralstab der Marine, Seekapitän Marwede vom „Kurfürst Friedrich Wilhelm" zum Reichs - Marineamt", Seekapitän Graf Platen-Hallermund vom Linienschiff „Kaiser Wilhelm n." zum Kommandanten der „Hohen­zollern" ernannt; Schmidt v. Schwind, Fregat- ten-Kapitän auf der „Danzig", wurde mit der Wahrnehmung der Geschäfte eines Abteilungs- Chefs des Reichs-Marineamtes beauftragt.

A Die Teuerungszulage für die Geistlichen, die neueren Meldungen zufolge ganz bestimmt noch dem heute zusammentretenden Landtage zugehen wird, soll in zwei Teile zerfallen, ein Gesetz für die katholischen und eins für die evangelischen Geistlichen. Mit der Gehaltsaufbefferung ist be­kanntlich auch gleichzeitig eine Reform des Ruhe­gehaltes und Reliktenwesens der evangelischen Pfarrer geplant, sodaß man es hier also mit 3 Gesetzen zu tun hätte. Bekanntlich wurden im April d. Js. 77 Millionen auS dem Etat deS Finanzministeriums zu Diensteinkommenverbesse­rungen für die Beamten, Geistlichen und Volks- fchullehrer nach Maßgabe der besonderen Gesetzes­vorlagen bewilligt; während die Zulagen für die Beamten und Lehrer noch vor Schluß der Session gewährt wurden, sind die Geistlichen damals leer ausgegangen. Dies soll durch die neuen Vor­lagen nachgeholt werden; doch werden sicherlich auch ihre "Teuerungszulagen auf die Gehalts­aufbefferung im Herbste zur Anrechnung gelangen. . ---- Die 23. deutsche Wanderausstellung der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft wurde am Donnerstag in Stuttgart vom Herzog Albrecht von Württemberg in Gegenwart deS Köniaspaares und sämtlicher Minister er­öffnet. Dabei hielt der Staatsminister v. Pischek eine Lobrede auf die Verdienste der deutschen LandwirtschaftSgesellschaft, der man eS am meisten

„Unser ausgezeichneter, hochver­ehrter Reichskanzler."

Mit hohen Lobsprüchen hat der Kaiser in sei­ner Brunsbüttelkooger Rede, als er die Re ich S- finanzreform ankündigte, des Reichs­kanzlers gedacht, „unseres ausgezeichneten, hochverehrten Reichskanzlers".

I Im Interesse des Reiches möchten wir wün­schen, daß das Lob, das der Kaiser dem Reichs­kanzler spendet, diesmal verdient wäre. Die b i S- herige Tätigkeit des Reichskanzlers auf dem Gebiete der Finanzreform verdient keines­wegs überschwängliche Lobpreisungen.

i Im Finanzausschuß der bayerischen Kammer der Reichsräte ist vor einigen Tagen noch auf die ^bedauerliche Tatsache hingewiesen worden, daß im Auslande der Glaube an den finanziel­len Zusammenbruch des Reiches weithin verbreitet ist. Das ist keine Uebertteibung. Durch die andauernde Finanznot ist daS Ansehen des Reiches beträchtlich erschüttert worden, und zwar gerade dort, wo im Interesse des Friedens ein gehöriger Respekt vor Deutschland besonders erwünscht wäre.

Wem verdanken wir dieses Aer- g e r n i S? Jeder Unbefangene wird die Frage dahin beantworten müssen, daß die Bülow'sche B l o ü p o l i t i k die traurige Verschleppung der Finanzreform und damit die bedenkliche Min­derung des Ansehens Deutschlands veranlaßt hat. \ Wer kann es dem Auslande Übelnehmen, wenn eS an der finanzpolitischen Leistungsfähigkeit Deutschlands zweifelt, nachdem schon zweimal bei den Etatsberatungen ein gewaltiges Defizit sich heraasgestellt hat und trotzdem nichts zur Auf- besskrunq der Finanzen geschehen ist — nachdem wir sogar die anerkannt dringliche Reform der Beomtenbesoldungen toegem Mangels an Mit­teln haben verschieben müssen — nachdem mitten in der Steuersuche der alterfahrene Schatzsekre- tär heimgeschickt wurde und ein neuer Mann die Arbeit wieder von vorn angefangen hat? Unsere Finanzresorm wurde so gründlich aufgeschoben, daß sie dem Auslande aufgehoben erschien.

Wer hat die sehr lange Bank aufgestellt, auf welche die Reform geschoben wurde? Der Herr B l o ck k a n i I e r. Schon in Norderney gab er feinen neuen Reichsstützen von der Linken die Versicherung, man werde ihnen bei dieser weniger angenehmen Aufgabe Zeit lassen. Seine knappe Blockmehrheit zusammenzuhalten, erschien ihm viel wichtiger, als eine solide Wirtschaft und das finanzielle Ansehen Deutschlands in der Welt.

Im Münchener Reichsrat sagte ein Redner 'sehr schön: es bedürfe des Zusammenarbeitens aller, um die Finanzreform zum glücklichen Ende zu führen. Ja, die alten Zeiten, wo a l l e zur Mitarbeit berufen waren und die Regierung das Gute nehmen konnte, wo es zu haben war, sind vorläufig vorüber. Zur Zeit besteht die i,,nationale Staatskunst" nicht int Sammeln, son­dern im Ansschalten. Das schwierige Werk soll nach der weisen Ordnung, die der gegenwärtige Kanzler so glorreich durchgeführt hat, nur von ger knappen Blockmehrheit durchgeführt werden. Die große Zentrumspartei, die anderthalb Jahrzehnte lang ihre Kraft praktisch geübt und bewährt hat, wird bei Seite geschoben.

Wir sagen das nicht im klagenden Tone,(denn bei dieser heiklen Sache ist es für eine Partei recht behaglich, nichts mit der Geschichte zu tun zu haben), aber es muß die Anklage erhoben wer­den, daß die unselige Blockpolitik sowohl die ge­deihliche Entwicklung im Innern, als auch das Ansehen des Reichs nach außen schädigt.

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

88'1

(Nachdruck verboten).

„Nelly! Nelly!" rief Harrington in einem Tone, der dem weichherzigen Gefftey in die Seele drang. „ .. ,

Dieser wandte sich von dem Unglücklichen ab und ging ins Haus. Aus der offMstehenden Kammer drang ihm lautes Schluchzen entgegen. Er trat leise näher und sah die weinende Frau Virini vor einem leblosen Körper sitzen, in dem

er sogleich ihren Mann erkannte.

Frau Vicini gewahrte Gesftey, als er un­willkürlich einige Schritte vorwärts trat; sie er- Hob tuh und kam ihm entgegen.

„Tomaso ist tot!" sagte sie schluchzend.

„Wie ist das so plötzlich gekommen," fragte

Geffrey erstaunt. , *

„Er ist bei einem Windstoß über Bord ge­stürzt. Seine Leute zogen ihn sogleich au8 dem Wasser, aber er war bereits tot; er war nut dem Kopfe auf einen Stein gefallen. Gestern brachten sie ihn heim."

• Sie schluchzte heftig und Geffrey äußerte sein

Beileid. . ~ ■

„Nach dem Begräbnis," fuhr d:e Frau fort, als sie sich Nneder erholt hatte, „werde ich das Häuschen, das Boot und alles Mobiliar verkau- <feu und nach Catina zu meinen Verwandten gehen; aber den jungen Engländer kann ich nicht mitnehmen."

„Aber was soll mit ihm geschehen?'

„DaS mag Gott wissen — ich weiß es nichtl agte die Frau, indem sie nachdenkend oen Kopf drittelte. „Ich liebe den armen jungen Englan- >er; aber ich habe einen lahmen Bruder und eine chwinüsüchtige Schwester, darum kann ich chn IN neine Heimat nicht mitnehmen. ES ist nicht rat- am, ihn in ein Irrenhaus zu bringen; hwr -nn er nur noch drei Tage bleiben. Fragen Sie

sagen, daß, wenn ich jemals heiraten werde, ich meinen Mann nie als Herrn anzuerkennen be­absichtige. Meine Vorstellungen von der Ebe sinh zu heilig, als daß ich die Titel Herr und Sklavin damit verbinden könnte. Da ich nur einen Mann heiraten würde, der geistig über mir steht, soll er mein Führer und Ratgeber fein; da ich nur einen Mann heiraten werde, den ich liebe, sollen feine Wünsche meine Befehle sein; wenn er aber auch mich lieben würde, würde er mich ehren und beschützen, er würde meine Wünsche ju erfüllen su­chen nnd nie aufhören, freundlich und artig gegert mich zu sein. Das find meine Ansichten über di« Ehe. *

„Ganz die meinigen," versicherte Gildon. „Eß sollte mich freuen, meinen Teil zu übernehmen in einer Ehe, wie Sie diefelbe beschrieben haben, Nelly, Sie glauben nicht, wie heiß und aufrichtig ich Sie liebe. Es ist nichts an Ihnen, was nicht meine Leidenschaft mit jedem Tage mehr ent­flammte: Ihr liebenswürdiges, bezauberndes Wefen, Ihr- elegante Sprache, Ihr wunderbar schönes Gesicht, der Wechsel Ihrer sanften, tiefe« Airgen —"

,Ah, Sie wollen mir schmeicheln."

„Nein!" ries Gildon mit Emphase; er glaubte sicher, endlich den Weg zu Nelly'S Herzen gefun­den zu haben. „Einem Wesen, wie Sie sind, z« schmeicheln, ist unmöglich, Sie sind eine vollendete Schönheit, ein Stern von Weiblichkeit."

„Wie Poetischl" sagte Nelly, noch ernst, aber eS glimmte etwas in ihrem Äuge, was verriet, daß sie nahe daran war, laut aufzulachen. „Und ich bin wirklich das, was Sie sagen?"

„Alles das, und noch diel tausend Mal mehr 1 rief Gildon mit auf« Höchste gesteigertem Ent­husiasmus aus. , , ,

„Wirklich?" fragte Nelly. „Und was hab«! Sie mir als Gegenleistimg für diese unvergleich­liche Schönheit zu bieten? Sind Sie auch ent so hervorragendes Phänomen unter -en Männern, wie ich es unter den Frauen bin?"

(Fortsetzmig folgt)

„Das weiß ich recht gut," entgegnete Gildon lächelnd; „und hatte daher nicht erwartet, daß Sie einen Arrest so lange ertragen würden. Aber Sie begreifen wohl, daß in diesem Kampfe zwi­schen Ihnen und mir der Schwächere sich auf Gnade und Ungnade ergeben muß. Durch eine rechtzeitige Kapitulation nur können Sie einer solchen Situation entgehen, und ich komme, um Ihnen zu sagen, daß, wenn Sie es wünschen, Sie sofort frei fein können."

„Unter welchen Bedingungen?" fragte Nelly.

„Unter der Bedingung einer vollständigen lleberlieferung. Erklären -Sie sich bereit, sagen Sie, daß Sie sich meinen Wünschen fügen — daß Sie meine Gemahlin werden wollen."

Ec nä'berte sich dem Mädchen mit ausgebreite­ten Armen, seine Stimme bebte vor Leidenschaft, denn er glaubte sich am Ziele seiner Wünsche.

~ Aber Nelly wich vor ihm zurück; auf der Schwelle ihres Toiletten-Zimmers blieb sie stehen und streckte abwehrend die Hand aus.

„Kommen Sie mir nicht näher!" rief sie hef­tig. „Ich bin durchaus nicht bereit, auf ihre Be­dingungen einzugehen."

„Wann werden Sie dazu berett sein?"

„Niel" antwortete Nelly bestimmt. „Sie schei­nen mich nicht zu kennen, Mr. Roderich Gildon. Ich bin kein Kind, welches sich zu einem so ver­haßten Schritte zwingen läßt."

„Sie find daS liebenswürdigste, reizendste, be- zaubernste Mädchen, welches auf dieser Erde existiert!" ries Gildon enthusiastisch, „Sie sehen also, daß ich Sie vollkommen kenne."

„Sie gleichen einem jungen, übermütigen Fül­len und bedürfen einer sanften Hand, welche Sie regiert. Die meinige ist die Hand, welche Sie zu leiten versteht.".

»Um. auf Ihr Gleichnis einzugeben," sagte daS Mädchen mit aufgeworfenen Lippen, „er­lauben Sie mir. Ihnen zu fagen, daß ich Ihrem Fullen wenig gleiche, da ich Sie nie als meinen Herrn betrachten werde. Ich kany Ihnen ferner

die junge Engländerin um Rat, vieleicht kann sie oder ihr Vormund für ihren armen Landsmann sorgen?"

Niedergeschlagen und traurig trat Geffrey den Heimweg an.

„Ich wollte, ich könnte einen Ausweg aus die­sem Labyrinth finden," murmelte er. „Miß Nelly hat eine wunderbare Neigung zu dem armen Brander; und nun ist sie eingesperrt, während er seinem Schicksal preisgegeben ist .oder in eine Irrenanstalt geschafft wird. WaS wird Miß Nelly dazu sagen?"

Kurz nach GeffreyS Aufbruch von der Villa kam es Mr. Gildon in den Sinn, doch einmal selbst nach seiner Gefangenen zu sehen, um zu er­fahren, welcher Wechsel in ihren Empfindungen und Gesinnungen gegen ihn seit der Einsperrung vorgegangen war. Er kleidete sich sorsälrig, par­fümierte Haar und Bart und kämmte und bür­stete so lange, bis auch das kleinste Härchen sich seinem Willen gefügt hatte, und in der Lage ver­harrte, in die seine despotische Hand es gebracht.

Nachdem er seine Toilette beendet hatte, ging er die Treppe hinauf, klopfte an NellyS Tür, schloß dieselbe auf und trat in’« Zimmer.

Wie gewöhnlich während ihrer Gefangen­schaft, hatte Nelly auch heute ein kleines Feuer im Kamin. Sie kniete vor demselben und war gerade damit beschäftigt, daS dem Erlöschen nahe Feuer wieder anzufachen, als an bie Tür ge­klopft wurde. Da sie glaubte, eS fei Vitus, blieb fi« in 'hrer Stellung, erhob sich jedoch sofort, als sie Gildon ein treten sah. Sie sah ihn fest und fragend an, aber ihre Wangen waren bleich, der Ausdruck ihres Gesichtes ernst bis zur Schwer- mut.

„Guten Morgen, Nelly," erwiderte Gildon, errötend unter ihrem scharfen Blick. „Sie sehen gar nicht wohl aus."

,Jch bin auch nicht wohl," erwiderte daS Mäd­chen rasch. ,Zch entbehre meine Spaziergänge und Ausfahrten. Ich bin zu sehr an frische Lust und Büvegirng gewöhnt."