Einzelbild herunterladen
 

MöaerW Zeitung

35. Jahrgang

Fnlda, Dienstag den 23. Juni 1908.

M 142

, , , , fitnbrudcrei in gutoe

monatrbeSager „zuldaer Geschichtrblatter ZernfprecherM.».

X*$et»e*: vie et» ftwlttypetihdkeotf deren Raum 15 Pf9- Neümneirdiepetitzeile 25 Pf®., bei wieder» hoimrgrn wird entspr. Rabatt gewährt.

«»tatisnrdrnckmrd Verlag der Fuldaer Ak»

«rfchelut täglich mit L»5nah«t der Sran» md Feiertage viertel­jährlicher Ve;ugrpreir ohne Sringerlohn und VesteLgeldinFuldaso» »ieaurwärtslLvM.

Verantw. Redakteur: Sarl Schütter

ÄÄ- wochmbellage: Illustrierte Somüagszettung"

6 Gibts Krieg?

Fallieres ist in London gewesen und Sduard VII. in Reval, und darüber ist viel Tinte ver­schrieben worden. Eine allgemeine Unruhe zeigt sich in aller Welt, als seien über fun cker lang entscheidende Schritte zu erwarten, die den Weltfrieden gefährden könnten.

Man sieht in den jüngsten Reisen des Präsi­denten der französischen Republik und des Kö­nigs von England die Absicht, Deutschland immer stärker „einzukreisen"« Insbesondere glaubt man sich bei Eduard VII. einer deutschfeindlichen Poli­tik versehen zu dürfen. Auf nichts Geringeres gehe England aus als auf die Zerstörung der Macht des Deutschen Reichs. Wie England dufth das Bündnis mit Japan den ostasiaftschea Krieg hervorgerufen und Rußland gründlich geschwächt habe, so wolle es durch das Einvernehmen mit der Republik einen deutsch-französischen Krieg heraufbeschwören, um zweier Nebenbuhler nut einem Schlage ledig zu werden. England werde zur See gemeinsame Sache mit Frankreich ma­chen, um die deutsche Flotte zu vernichten. gründlicher sich dann Deutschland und Frankreich zu Lande gegenseitig zerfleischen, um so besser lei es für England, wirtschaftlich und nnlrtarifch. Richt nur in Europa, sondern auch in der Ferne werde England dann das unbestreitbare Ueber- gewicht haben. Sein Handel werde einen unge- Beuren Aufschwung nehmen, wenn Deutschland und Frankreich auf ein Menschenalter hinaus darniederliegen.

Angenehm ist die gegenwärtige Lage für Deutschland gewiß nicht. König Eduard, der xrste Diplomat Europas, hat nach allen Seiten hin Bündnisse abgeschlossen, die unzweifelhaft ihre Spitze gegen Deutschland richten. England und Rußland, die im letzten Jahrhundert die schärfsten Gegner waren, liegen sich in den Ar­men. Frankreich ist in ihrem Bunde dec Dritte. Gutes kann dabei für Deutschland nicht her- auskommen.

Deshalb braucht man nun aber doch noch nicht gleich an K r i e g zu denken. Zunächst ist das englische Volk schwerlich geneigt, aus ge­meinem Eigennutz ruchlos einen Kampf mit einem Volk heraufzubeschwören, das sein bester Abnehmer ist. Auch für England wäre dec Krieg, wie immer er endige, ein nationales Unglück. Sodann wird Rußland kaum Verlangen tra­gen, nur um Frankreich zur „Revanche" zu ver­helfen, sich in unabsehbare Abenteuer zu stürzen. Einen solchen Gedanken haben die russischen Machthaber, auch seit sie mit Frankreich verbün­det sind, jederzeft weit von sich gewiesen; sie werden es heute noch mehr als ehedem tun, da sie nicht verkennen, Westen Geschäfte sie damit besorgen würden. In der russischen Generalität soll zwar eine kleine kriegslustige Partei vorhan­den fein. Mag fein, jedenfalls kann sie nicht, wie sie will; denn Rußland hat an den Folgen des Krieges mit Japan noch viel zu viel zu ver­dauen. Tie Franzosen endlich haben,sicher­lich die Hoffnung nicht aufgegeben, einst die ver­lorenen Provinzen wiederzngewinnen. Aber ob sie heute geneigter find als seit einem Menschen­alter, darum einen neuen Waffengang mit Deutschland zu unternehmen, kann, bezweifelt werden. Frankreich ist entschieden nicht kriege­risch gesinnt. Das kann ja in einem Volke auch nicht anders fein, wo der Sohn, den die Ellern ins Feld zu senden haben, in der Regel der ein­zige ist. Dazu kommt ein anderes: Weder die französische noch die russische Armee haben einen Feldherrn aufzuweisen, der das Vertrauen der Nation genießt und von dem das Heer überzeugt ist, er werde sie zum Siege führen. In der rus­sischen Armee hatte man noch halbwegs Vertrauen zu Linewitsch, der ist aber kürzlich geswrben, und

d« jetzige» Heerführer genießen vor Offizieren und Soldaten die denkbar maßrgste Achtung. In Frankreich ist es nicht viel bester.

Schließlich steht trotz aller, „Emkrersm^ Deutschland nicht allein, und selbst wenn es allein stünde, hafte es nrcht dre Aussicht verloren, sich -u behaupten. Friedrich der Große wurde von einer mächftgeren Koalition bedrängt al« sie in der Gegenwart zu erreichen wäre, und Preußen ist dennoch nicht untergegangen.

Wie oft ist nicht, seit Kaiser Wilhelm II. den Thron bestiegen hat, der Friede als bedroht an­gesehen worden! Mr standen zertwerlrg schlecht mit Rußland, namentlich in den ersten Jahren der Regierung des heuttgen Kaisers, schlecht auch mit Frankreich und ebenso mit England. Der Dreibund wurde wiederholt totgesagt, den Ita­lienern jede Zuverlässigkeit abgesprochen. Un­erfreuliche Zwischenfälle hat es auch unter dem ersten Kaiser und dem ersten Kanzler gegeben. Und über die Entfremdung dieser oder jener Macht ist auch dazumal genug und übergenlig,ge- schrieben und geredet worden. Wie oft hat Nicht Fürst Bismarck oder Graf Mollke im, Reichstag gesagt, daß Deutschland nicht geliebt wird? Auch auf die Eifersucht Englands wegen des Wachs­tums der deutschen Flotte und des Aufschwungs deS deutschen Handels ist vor zwanzig, Jahren und mehr ebenso.hinzewiesen worden wie heute. Und die Franzosen haben früher nicht weniger hypnoftstert nach dem „Loch in den Vogesen" ge­starrt als augenblicklich. Gleichwohl ist der Friede nicht geftört worden. Weshalb sollte es mit einem Schlag anders werden?

Deutsches Retch-

* 8i« Franzose über Wilhelm II.

Die Wochenschrift „Opinion" widmet ihren Leitartikel Kaiser Wichelm II., dem „M utua - listen". (Mutualismus nennt man eine ge­werkschaftliche Richtung, die billige Gegenseittg- feit verlangt statt des rückfichtslosen Konknrrenz- kanipfes; er wurde durch Proudhon zu einem wissenschaftlichen System erhoben. Das Wort wird auch in übertragenem Sinne gebraucht und bedeutet so viel wie W elt br üd er sch aft.)

Der Artikel ift von Professor Leopold Ma- billeau, dem Präsidenten der internationalen Vereinigung für Mutualismus, geschrieben, der im Jahre 1907 in Kiel mit dem Kaiser zusammen war. Er hat von diesem Eindrücke gewonnen, die höchst interessant an sich find und noch inter­essanter dadurch werden, daß ein hervorragender Franzose sie gerade jetzt in einem angesehenen Blatte veröffentlicht. Wilhelm der .Zweite, der sich selbst in das Album der Tochter Mabilleaus als Wilhelm II. R. Mutualist" eingeschrieben hat, ist für Mabilleml zwar kein Mutualist im, Sinne Proudhons, aber er fühlt sich, wenngleich als Deutscher durch und durch, doch mich als her­vorragendes Mitglied ein er Weltbrü- derschaft, in der er leitend und verantwoft- lich tätig fein will.

In dem Artikel heißt es weiter, der Kaiser erträume die Vereinigten Staaten von Europa unter der Vorherrschaft Deutschlands, aber er wolle von dieser Vorherrschaft keinen anderen Vorteil ziehen, als durch sie den har­monischen und friedlichen Fortschritt aller Völker herbeizufübren. „Deutschland", so sagte der Kaiser nach Mabilleau, „denkt nicht an «- oberimgen. Unsere Aufgabe ist, Deutschlands in 37 Friedensjahren errungene Stellung zu be­haupten. Darum hat die gegenwärtige Gene- tion nicht das Recht, die Machtmittel des Vater­landes zu Lande wie zur See verkümmern zu lassen. Während der zwei Jahrzehnte meiner Regierung wäre mehr als einmal Gelegenheit

gewesen, einen Krieg heraufzubeschwören; wir haben es stets unterlassen. Ich will den Krieg nicht, an den andern ist es, ihn mtr nicht aufzu­nötigen." Der Kaiser entwickelte bann, tote Ma- billecm versichert, die Nützlichkeit einer den Frank­furter Frieden unberührt lastenden offenen Aussprache zwischen Deutschland und Frankreich und die wohltätigen Wir- kungen eines etwaigen deutsch-französtschen Em- vernehmens auf andere Staaten wie Oestemeich, Italien und Spanien. Der Aftikel schließt: Kaiser Wilhelm denkt und fühll vor allem als Deutscher, aber er ist sich der großen,Verant- worftmg voll bewußt, welche er als eines der leitenden Mitglieder der europäischen G e- sellsckaft zu tragen hat.

(*) Der Geschaftsplan des Abgeordneten- S8 für die Sommerseffion des preußischen

ageS ist dahin aufgestellt, daß am Freitag, den 26. Juni, nach der gemeinschaftlichen Sitzung die vorläufige Konstituierung des Abgeordneten­hauses staftfindet. Für SamStag find Abteilungs- sitzungen zur Konstituierung und zur Prüfung der Wahlen angesetzt. Der Montag bleibt als katholischer Feieftag frei. Auf der Tagesordnung für Dienstag steht die Wahl des Präsidenten und der Schriftführer, sowie die erste Beratung etwaiger Vorlagen, unter denen neuerdings auch die Aufbesserung der Geistlichen genannt wird. — Dar Herrenhaus hält feine erste Plenarsitzung am Freitag, 26. Juni ab. Aus der Tagesord- nung steht 1. Konstituierung des Hauses, 2. Wahl des 'Präsidenten, der beiden Vizepräsidenten und der Schriftführer.

* Staatssekretär Dernburg ’ ist am Sams- tag in Johannesburg eingetrosten. Am Sonntag besuchte er verschiedene Minen. Mon­tag abend ging er nach Pretoria, um doft die Premier-Mine zu besichtigen.

--- Fürst zu Salm hat sich nach einer Mit­teilung, die am Sonntag auf der Versammlung des Münchener Flottenvereins gemacht wurde, bis jetzt noch nicht entschließen können, die in Danzig auf ihn gefallene Wiederwahl zum Präsi- benten des deutschen Flottenvereins anzu­nehmen. n

— Ein neues Austtahmegesetz in Sicht? Dem .Weflpr. Volksbl/ geht au8 bester Quelle dir Mitteilung zu, daß bei der demnächst statt- findenden Beratung der Gesetzesvorlage betr. die Gehaltsaufbesserung der Geist! ich en von freikonservativer und nationalliberaler Seite be­absichtigt ist, einen Antrag einzubringen, nach welchem die katholischen Geistlichen der Provinzen Posen und Westpreußen von der Gehaltsausbesferung a n s z u s ch l i e ß e n seien. Zu dieser Meldung, die allgemeines Aufsehen erregen wird, bemerkt die ,Schles. Dolksztg/:

„Sollte das wirklich der Fall sein, so hat das Blatt vollständig recht, wenn es einen solchen Vor­gang als „unerhört" bezeichnet. Bereits sind zwei Aus­nahmegesetze geschaffen in dem Enteignungs- und dem ReichsvereinSgefetz, und schon soll wieder ein neues Ausnahmeaesetz herbeigesührt werden. Es erinnert uns lebhaft an die Jahre der Kulturkampfszeit, in der über die Geistlichkeit die Gehaltssperre verfügt wurde. Wir vertrauen jedoch darauf, daß ein Ausnahmegesetz nach der angegebenen Methode, das den Nationalliberalen und Freikonservativen wohl recht willkommen fein dürfte, bei den besonnenen Elementen des Parlaments nur ein spöttisches Lächeln finden und ebenso schnell unter dem Tisch verschwinden wird, wie es austaucht."

— Neber eigentümliche Kunstgriffe, welche die N a t i o n a I! i b e r a l e n bei der Landtags­wahl in Mülheim-Ruhr gemacht haben sollen, um die Sozialdemokratie für sich zu ge­

winnen, berichtet die in Duisburg erscheinend« ozialdemokratische.Niederrhein. Arbeiterztg/:

Im neuen Wahlkreise Mülh^m wickelte sich da» Wahlgeschäft lebhafter ab. Der Ktrchholtes sche SaÄ bot schon am frühen Morgen ein Bild lebhaften Wahb treibend 83 wurde sondiert und versucht, W a h l« Handelsgeschäfte zu machen. Gruppenweise standen die Parteiangehörigm herum und kalkul»rttm über den Ausfall der Wahl, lebhaft dre Frage be- brechend, waS wohl die „Roten" machen wurden... Trotzdem unsere „Freunde", ja, wenn sie ferne fttaW« köpfe sind, darüber im klaren fern konnten, wohin da» Wahlschifflein steuerte, setzten fie alle Hebel an. Mtt Juaendfreundschasten, die natürlich lange, lange infolge gegensätzlicher MeinungSverschiedenherten und ver. chiedener sozialer Stellung in die Bruche gegangen waren, wurden feitenS einiger liberaler Herren auf»* frischen versucht.... Von nationalliberaler Seite wurden teilweise Geldbeträge biS zu bOO 8Rr, für die Stimme angeboten!! Der Kiew unserer Genossen war völlig belagert. Bier und Zigarren sollten Wahlhilfe auslösen; mit alle« aber war's nichts. Die Bewerbungsversuche prallten ab, wie das nicht anders sein konnte.

Die naiionalliberale ,Rhein- und Ruhrztg.' nimmt von diesen Beschnldigungen Notiz und erwartet eine Richtigstellung von befreundete« Seite in Mülheim. Bisher ist eine solche nicht erfolgt. Der Vorgang hat aber noch eine sehr mißliche Seite, denn der Stimmenkauf ist durch das Strafgesetzbuch verboten. Falls keine aus­reichende Aufklärung von feiten der Beschuldigt«» gegeben werden kann, wird der Staatsanwatt einzugreifen Haden.

"* Katholische Mathematik? Die ,K. Vzkg.' schreibt: Der protestantische Direktor erner höheren Lehranstalt in Mühlheim a. d. Ruhr sucht für seine Anstalt einen Mathematiker. E» meldet sich u. a. auch em an einer höheren Lehr­anstalt der Saarstädte beschäftigter Hülfslehrrr. Da dessen Zeugniffe den Direktor offenbar be­friedigt haben mußten, beschloß der Direktor, diesen Bewerber in die engere Wahl zu ziehe« und einer Unterrichtsstunde desselben beizuwohnen. Zu diesem Zwecke machte er die Reise nach den Saarstädten. Nach Beendigung der Unterricht»« probestunde äußerte der Direktor dem Kandt« baten feine Befriedigung über die Aft der Unter- nchtSerteilung und erklärte ihm, er komme für die Stelle in Betracht. Dann stellte der Direktor aber folgende Fragen: „Sie sind katholische „Ja." — „Waren Sie in einer katholische« Verbindung?" — „Ja." — „Ist auch Ihr Vater katholisch? - „Ja." - „Streng katholisch?" - „Ja." — Was sollen dies» Fragen bei der Anstellung eines Oberlehrers für das Fach der Mathematik? so wird vielleicht der harmlose Leser denken. Daß aber der also AuA gefragte die Stelle nicht erhielt, bedarf wohl nicht der Erwähnung.

* Der 6. deutsche Gewerkschaftskongreß — an dem die „freien", d. L sozialdemokratischen Gewerkschaften beteiligt find — trat am Montag in Hamburg in Anwesenheit von 323 Dele­gierten zusammen. Abg. Legten erstattete d«t Rechenschaftsbericht. Er verbreitete sich dabei ausführlich über den Erlaß betreffend die Em- sührung von LegitimationS karten für aus­ländische Landarbeiter. Hiergegen rnüffe der Gewerffchastskongreß Protest einlegen, da dieser Erlaß geeignet sei, die ausländischen Sanbae- beiter zu willenlosen Lohnsklaven zu machen. Bei Erstattung des Kassenberichts erwähnte Kube- Berlin, daß die Generalkommission von dem Kaufmann Piel in Düffeldorf eine Erbschaft von 15000 Mark gemacht habe.

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

85] (Nachdruck verboten).

Sie waren jetzt an dem Fluß angekommen itttb Brander betrachtete die Szene mit fchein- barem Entzücken.

Der Baronet und Ella waren still; sie woll- ieu ihn nicht in den heiligen Empfiirduugen stö­ren, mit welchen sie fein Inneres erfüllt glaubten.

„Nächsten Sommer wollen wir häufig kleine Wasserpartien machen", bemerkte Brander nach längerer Pause. „Es ist hier fast alles beim Alten geblieben! Die Häuser und Gärten an den Ufern sind mir so bekannt, als hätte ich fie stets vor Augen gehabt. Wie reizend liegt jenes Haus von Rohsteinen; ich erinnere mich dessel­ben sehr lebhaft, weil ich oft gelacht habe über die eigentümliche Bauart —"

Er unterbrach sich plötzlich, als er die erstaun­ten Gesichter seiner Begleiter merkte. Sofort wurde es ihm klar, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Er geriet in sichtliche Verwir­rung und Angst und kalter Schweiß trat auf feine Stirn.

„Guido", sprach Str Harry im Tone höchster Verwunderung, „das Haus ist erst vor zwei Jah- ren gebaut; der Eigentümer ist ein Londoner Kaufmann, der sich erst kürzlich ins Privatleben zurückgezogen hat. Wie kannst Du Dich also -es Hauses erinnern und über seine Bauart ge» "acht baden?"

Brander wußte nicht, was er fagen sollte; eme Menge Antworten schwebten ihm am der Zunge, aber keine wollte ihm über die Lippen, 6a keine derselben den begangenen Fehler gut «macht oder auch nur feinen Irrtum entschul­digt haben würde. Seine Augen fenften sich vor dem festen, verwunderten Blick des Baronets wib bann blickte er wie bittend und um Hülfe luchend zu Ella hinüber.

Das Mädchen fühlte auch wirklich Mitleid mit ihm; fie fand Enffchuldigungen genug für diesen Irrtum und wandte sich zu Sir Harry, indem fie flüsterte:

„Lieber Onkel, es muß der Eindruck jener Verletzung bei dem Schiffbruch sein, von welcher er uns erzählte, oder infolge seiner Krankheit. Wir wollen es Hinnahmen, als ob wir die Schväche seines Gedächtnisses nicht so sehr be­achteten."

Der Baronet nickte zustimmend und Brander, der di« Worte, so leise fie auch gesprochen tour­ten, gehört hatte, faßte wieder Mut.

„Das ist sonderbar", sagte er scheinbar nach- tenkend. „Dann muß ich irgendwo ein solches Haus gesehen baten, denn es kommt mir gar so bekannt vor. Mein Kopf ist übrigens noch nicht ganz in Ordnung! Dort aber ist ein Haus, mein lieber Vater, welches ich beftimmt kenne", und er zeigte auf ein älteres Gebäude stromabwärts.

„Wer wohnt dort?"

Sir Harry sah Brander aufmerksam an, je­doch ohne ten geringsten Schatten von Verdacht.

„Denke ein wenig nach, mein Sohn", sagte er freundlich. „Du hast manche angenehme Stunde mit den Bewohnern des Hauses verlebt; die Söhne des Eigentümers waren Deine besten Freunde. Kannst Du nicht auf ihren Namen kommen?"

Branter befand sich in einer größeren Ver­legenheit als zuvor; er wurde abwechselnd rot und bleich und war ein Bild vollständiger Ver­wirrung.

„Nein, ich —--ich weiß nicht mehr, wer es

ift", stammelte er.

„Du erkanntest nicht nur mich sogleich", sagte der Baronet erregt, „sondern auch bett alten Kemp und die Haushälterin, erinnertest Dich auch all' ihrer Güte und Freundlichkeit gegen Dich in Deiner Kindheit, also wirst Du Dich auch der Nachbarskinter erinnern, die Du liebtest, als ob sie Deine Brüder wären.'

„Seftsam", sagte Brander, indem er sein Ge­dächtnis anstrengte, um sich des Namens zu ent- sinnen. „Ich habe den Namen gehört — das heißt, ich kenne ihn, aber er fällt mir augenblick­lich nicht ein; wenn ich im Haufe wäre, könnte ich ihn sicher sofort nennen", dabei dachte er an Guido's Notizbuch, welches er in der Tasche trug, aber nicht hervorzuziehen wagte vor den Augen des Baronets und Ella's; „dort würde er mir jedenfalls eher beifallen, als hier."

„Du wirst Dich wenigstens des Namens der jungen Tarne erinnern, welche in dem von Dir bezeichneten Hause wohnt?" fragte Sir Harry. „Sie ftrhr einmal in einem Boote mit Dir auf diesem Flusse; das Boot schlug um und Du ret­test ihr Leben -unter großer Gefahr für Dein eigenes. Erinnerst Du Dich denn dieses Vor­falles auch nicht mehr?"

„Gewiß, gewiß!" stammelte Brander, dessen Verwirrung mit jeder Minute stieg, so daß er kaum wußte, was er sagte.

„Natürlich mußt Du Dich des Vorfalles er­innern; aber rätselhaft ist es doch, daß Tu den Namen jener Dame vergeffen konntest, der Du doch das Leben gerettet hast."

Sir Harry sah besorgt auf Brander und war­tete auf Antwort.

Brander strengte sein Gedächtnis vergebens an. Der Name war ihm entfallen und ec konnte sich feiner nicht entsinnen, obwohl er ihm — wie man zu fagen pflegt — auf der Zunge schwebte. Er kannte die Geschichte jenes Unfalles sehr gut, denn Guido hatte sie mehrmals erzählt und da­bei auch natürlich den Namen deS Mädchens ge­nannt Seines Mißgeschickes fluchend und är­gerlich über seine Peiniger, wandte er sich end­lich. da er keinen Ausweg mehr fah, zu Ella und flüsterte dieser zu:

„Wie ist der Karne, Ella? Bitte helfen Sie mir!"

Das Mädchen, welches Brander bedauerte, da eS feine Gedächtnisschwäche als eine Folge der

bei dem Schiffbruch erlittenen Verletzungen an. sah, anttoortete ebenfalls flüsternd:

„Egefton — Colonel Egertonl" Brander atmete auf.

In demfelben Augenblick, als Ella dre Lip­pen öffnete, war ihm der Name felbst bei gefal­len, intern er sich vor die Sttrn schlug, rief er;

„Wie war es doch möglich, daß ich den Na­men einer mir so befreundeten Familie verges­sen konnte! Jetzt weiß ich es,, Vater, das Hau» gehört Colonel Egerton. Seine beiden Sohne Alfted und Willy, waren ja meine Spielkame­raden und meine besten Freunde; seine Tochter Mary, die ich aus dem Wasser zog, in welche» fie hineinzufallen ich die Veranlassung gegeben, da ich fie zu der Fahrt verlockt hatte, ist stets tn meiner Erinnerung gewesen; darum rst es mir unerklärlich, wie mir der Name entfallen konnte.

„Dein Gedächtnis wird sich in demselben Maße stärken, wie Du Dich wieder an die her» matlichen Verhältnisse gewöhnst, Guido," sagte Sir Harry freundlich. „Mr roolleu nrcht ver­gessen, daß Dein Gehirn bei dem Schiffbruch ge­litten hat; doch bemerke ich jetzt zum erstenmift. daß Dein Gedächtnis wirklich etwas schwach rft Ich denke, in einigen Wochen wirst Du Drch stark genug fühlen, um Deine alten Freunde zu em­pfangen und mit tert 9tadjbarn zu verkehren.

Brander sprach feinen Dank aus über be» Baronets freundliche Rücksichtnahme auf ferne gegenwärtige Schwäche und fügte hinzu, daß Liefe hoffentlich nur vorübergehend fein werde.

„Komm, Onkel, wir wollen uns nicht länger bei dem Fluß aufhalten", fagte Ella, intern fw sich nmtoanbte. „Es ist hier zu falt; wrr wol­len nun nach dem Garten gehen, ©utte, er­innern Sie sich des Gärtners, des alten Eure?

„Gewiß!" entgegnete Brander. »Er steht nr meinem Seraen neben Kemp und Mr. Goß. E» würde muh sehr freuen, den alten Mann zu sehen."

Fortsetzung folgt.)