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Maer W Zeitung

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35. Jahrgang.

Fulda, Montag den 22. Juni 1908.

M 141.

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Erstes

X Der künftige PräfiSent der Ber­einigten Staaten.

Im November dieses Jahres läuft die vier­jährige Periode, auf die Roosevelt zum Präsi­denten der Vereinigten Staaten von Nordamerika gewählt worden ist, ab, und die Amerikaner schicken sich jetzt an, einen neuen Präsidenten zu wählen. Der republikanische Nationalkonvent hat, wie gemeldet, den bisherigen Staatssekretär des Krieges, Taft, einmütig zum Präsidentschaft-- kandidaten erklärt. Der Kandidat der demokra­tischen Partei ist noch nicht bestimmt.

Die Ernennung TastS als Präsidentschafts­kandidaten wurde mit großem Jubel ausgenommen. GS wird darüber auS Chicago berichtet: Nach­dem der republikanische Konvent das Partefrro- aramm angenommen hatte, begann die Auf­stellung der Kandidaten seitens der Staaten in alphabetischer Reihenfolge. Illinois nannte Cannon, Indiana FairbankS, New-Aork Hughes, der nur mit schwachen Beifallsbezeugungen aus­genommen wurde. Die Galerien, ungeduldig, Taft genannt zu hören, unterbrachen die Sprecher. Als Ohio endlich Taft nominierte, erfolgte eine Szene größter Begeisterung, und 25 Minuten dauerte das Flaggenschwingen, die lauten Zu­

rufe und die Lieder.

Kommt darin das hohe Vertrauen zum Aus­druck, das die herrschende Partei Nordamerika« in die Tüchtigkeit Tafts setzt, so ist das Er- gebniS der Beratungen deS Konvents nicht minder auch al« ein Erfolg des Präsidenten Roose­velt zu betrachten. Hatte doch Roosevelt von allem Anfänge an seinen Freund und Mitarbeiter Taft zu seinem Nachfolger ausersehen, und un- mittelbar nach Tafts Nominierung äußerte sich Roosevelt, daß er und Taft in der ganzen Zeit ihres Zusammenwirkens für dieselben Ziele und Ideale tätig gewesen seien. Das will bedeuten, daß in der Aufstellung Tafts zum Kandidaten der republikanischen Partei nicht etwa nur ein persönlicher Erfolg deS bisherigen und deS kom­menden Präsidenten zu erblicken ist, sondern daß die Partei auch die politische Richtung sanktioniert, die Roosevelt seit dem Augenblicke eingehalten hat, als er infolge der Ermordung McKinleys uner­wartet zur höchsten Würde im Staate emvorstieg. Trotz mancherZerwürfnisse,die sich zwischenRoosevelt und der Partei einstellten, wußte diese, als man im Jahre 1904 vor der Neuwahl stand, doch keinen besteren Mann als Roosevelt mit ihrem Vertrauen zu beehren, und jetzt, da Roosevelt endgültig verzichtet, wird durch die Benennung Taus von neuem dargetan, daß die republikanische Parte: auch fürderhin die Politik beizubehalten wünscht, die den Vereinigten Staaten — trotz des großen Finanzkrachs des vorigen Jahres — rine glanzvolle Entwicklung gesichert hat.

Der künftige Präsident marschiert sozusagen mit gefundener Route, man hat ihm eine sogenannte „Platform" mitgegeben, die die Politik der repltblikanischen Partei und damit des Landes für die Zeit feiner Präsidentschaft sestlegt. Der Punkt dieser Platform, welcher sich mit den Trust beschäftigt, tritt für Gesetze ein, die die Kontrolle des Bundes über die T ruft gesell - Schäften erhöhen, und eine erweiterte Offen­legung der Geschäftsführung derjenigen Gesell­

schaften sichern, die am zwischenstaatlichen Handel beteiligt sind und die Möglichkeit haben, ein Monopol auSzuüben. Ferner empfiehlt die Plat­form ein« Revision deS Zolltarifs durch eine besondere Seffion deS Kongresses, die unmittelbar der Einführung deS nächsten Präsi­denten folgen soll. Die von Roosevelt vergebens angestrebte Resorm des Zolltarifs soll unter Taft endlich verwirklicht werden. Von einer Aufgabe des Schutzzollsystems ist natürlich keine Rede, aber die Patsorm spricht ausdrücklich davon, daß eine „richtige" Schutzzollpolitik eingeschlagen werden soll, was heißen will, daß die bisherige Methode sich nicht bewährt hat. Der Zoll soll den Industriellen zwar die Möglichkeit geben, Gewinne einzuheimsen, er soll aber nicht, wie eS bisher geschah, eine Schutzmauer sein für die Auswüchse der Trusts unter denen die Be- völkerung leidet. In diesem Sinne stellt sich die Zollreform als eine Handhabe in dem von Roosevelt begonnenen Kampfe gegen die mächtigen Kartelle. Anderseits soll die Zollreform den Ab­schluß von Handelsverträgen erleichtern und die Möglichkeit von Verqeltungsmaßregeln gegen ausländische Benachteiligung der Einfuhr ameri­kanischer Artikel bieten. Zu diesen beiden Zwecken wird ein Maximal- und Minimaltarif in Aus­sicht genommen.

Man darf hoffen, daß dadurch endlich auch die Wege zu einem deutsch-amerikanischen Handelsvertrag« geebnet werden, ein Ziel, das bisher trotz mannigfacher Bemühungen nicht er­reicht werden konnte.

Deutscher Reich.

Die „Beruhigungs-Note"

der ,Nordd. Allgem. Ztg/ hat die überall herrschende Nervösität keineswegs beseitigt. Man sieht sie allgemein als Beweis dafür an, daß die ernste Auffassung der politischen Lage, die der Kaiser bekundet hat, nun auch von den ver­antwortlichen Regierungsstellen geteilt wird, oder wenn sie schon geteilt wurde, jetzt zugegeben wird, während unS früher täglich versichert wurde, daß kein Grund zur Beunruhigung vorhanden sei. Das ,Berl. Tagebl/ nimmt die Note zum Aus­gangspunkte einer scharfen Verurteilung der Heim­lichkeit, mit der der offiziöse Apparat arbeitet. Es wäre seine (Bülows) Pflicht, der öffentlichen Mei­nung mit denjenigen greifbaren Tatsachen an die Hand zu gehen, die geeignet find, den Grad dieser Möglichkeiten (neuer internationalen Konstellatio­nen) zu bemeffen. Statt dessen arbeite der offi­ziöse Apparat mit allerlei Heimlichkeiten, suche zu verbergen, was ein Blinder mit dem Krückstock fühlen kann, und suche Dinge glauben zu machen, an die niemand glaubt. Vorgänge, die das öffentliche Jntereffe in starkem Maße erregen, würden nur zur Hälfte mitgeteilt, Ereignisse, Handlungen und Worte würden in einer Weise dementiert, bte mehr als eine Bestätigung denn als eine Dementierung wirken. Niemand habe weniger Grund als unser Auswärtiges Amt, der Presse eS in die Schuhe zu schieben/ wenn irgend etwas los ist, was dem Auswärt. Amte nicht behagt. Für die schwierigen diplomatischen Auseinander­setzungen, die sich um Mazedonien drehen, wür­den sachliche und gesunde Lösungen gefunden werden können, aber dazu bedürfe es vor allem der kühlen Ueberlegenbeit, der Zuversicht und

Ruhe, nicht um auf Seiten bet öffentlichen Meinung, an die der Appell sich richte, sondern noch mehr auf Seiten der deutschen Diplomatie und de- auswärtigen Amtes. DaS Beruhigendste sei, daß die Vertretung Deutschlands bei den bevorstehenden Verhandlungen in den Händen des Freiherrn v. Marschall liegen werde. — Frhr. v. Marschall ist bekanntlich ein alter und gefürchteter Gegner jener auf die Untergrabung der türkischen Autorität gerichteten Reformpolitik, die England betreibt. Die Erklärung, daß Marschall auf dem Posten von Konstantinopel bleibt, ist also eine Warnung an die Andreffe der Politiker, die Deutschland ausschalten möchten.

In der Geschäftswelt hat man die offiziöse Note als einen Schreckschuß angesehen, und an der Berliner Börse herrschte eine allgemeine Be­unruhigung, die in starken Kursrückgängen zum Ausdruck kam.

* Der Bundesrat hat einen Antrag Württem­bergs auf Aenderung der Bäckereiverordnung abgelehnt.

* Die Zölle haben in den ersten beiden Monaten des laufenden Etatsjahre- gegen das Vorjahr ll1/« Millionen Mark weniger gebracht.

(*) Das neue Automobilhaftpfiicht-Gesetz ist in seinen Grundzügen fertiggestellt; es enthält Bestimmungen, wonach 1) für den bei dem Be­trieb von Kraftfahrzeugen entstehenden Personen- und Sachschaden der Betriebsunternehmer zu haf­ten hat, sofern er nicht beweist, daß der Unfall durch höhere Gewalt oder durch eigenes Verschul­den des Verletzten verursacht ist; 2) Fahrer, die den polizeilichen Anordnungen über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen zuwiderhandeln, mit wirk­samen Geld- und Freiheitsstrafen bestraft werden; 3) das Führen von Kraftfahrzeugen nur solchen Personen gestattet wird, die eine Prüfung abge­legt haben; 4) Fahrern, welche sich als unzu- verläfsig erwiesen haben, durch polizeiliche Ver­fügung die Erlaubnis zum Führen von Kraft­fahrzeugen entzogen werden kann. — Diese Grund- brstimmungen entsprechen den seit Jahren erhobenen Forderungen des Zentrums.

* Dir Ansiedlungskommission hat, wie ostdeutsche Blätter erzählen, im Laufe des vergangenen Monats rund 300 Kauf- und Pachtverträge abgeschlossen. Das Gesamtergebnis für die ersten fünf Monate des Jahres 1908 beläuft sich auf rund 1100 Ver­tragsabschlüsse, 10 Prozent mehr als in derselben Zeit deS vorigen Besiedlungsjahres. Daß alle diese Ansiedler evangelisch sind, verstehlsich von selbst.

(*) Die Marinestudien - Kommission des Reichstags wohnte in den letzten Tagen in Kux- Haven eine Marineübung bei und fuhr sodann nach Bremerhaven; ferner besichtigte sie die Hafenanlagen auf Helgoland. Am Samstag abend leisteten sie einer Einladung des Nord­deutschen Lloyds zu einem Abendessen an Bord des Schnelldampfers „Kronprinzessin Cecilie" Folge.

* Die Billigheimer Wahlaffaire. Die Be­schwerde des Vorsitzenden der Zentrumspartei des Wahlkreises Germersheim - Bergzabern beim Oberstaatsanwalt in Zweibrücken gegen die Ent­scheidung des Staatsanwaltes in Laudau ist nach der ,Pfälz. Ztg/ abgewiesen worden. Der Oberstaatsanwalt hatte die Erhebung einer öffent­lichen Klage gegen Köhler und Genossen abge­lebt, weil es gesetzlich untunlich sei, ohne direkten Beweis gegen alle Wahlausschuß-Mitglieder das

Der falsche Erde.

Roman von Ed. Wagner.

B4j (Nachdruck verboten).

Ella war allein in dem Zimmer, sie lehnte Ungezwungen an einem Fenster, welches nach dem Blumengarten führte, wo nur noch wenige späte Herbstblumen vom Winde hin- und hergeweht wurden, und betrachtete gedankenvoll den Dra- mantring den ihr Brander gestern geschenkt hatte. ...

Bei ihrem Anblick schwand der trübe Zug von dem bleichen Gesicht Sir Harry's wie durch einen geh inten Zauber. Lächelnd näherte er sich dem Mädchen.

„Guten Morgen, Ella," sagte er sorglos. „Einen Penny für Deine Gedanken."

Das Mädchen blickte erschreckt auf zu dem großen, kräftigen Manne. Es war etwas Erha­benes, Majestätisches in seiner Erscheinung . Er hatte ein einfaches regelmäßiges Leben geführt von Jugend aus und sah infolgedessen vrel junger aus, als er war, und hübscher und frischer ,als Brander mit seinem lebensmüden Gesicht.

Ella bemerkte diesen Gegensatz und darum machte — vielleicht zum ersten Male seitdem sie ihn kannte — Sir Harry's Erscheinung einen eigentümlichen Eindruck auf sie.

„Ich wünschte. Guido gliche in seinem Aenße- ten seinem Vater mehr," dachte sie unwillkürlich. „Sir Harry ist der schönste Mann, den ich je ge- >hen habe. Es scheint, als ob er betrübt wäre.

Der Eindruck schwand jedoch im nächsten Au- Bendlich als Sir Harry sich über sie beugte und )t lächelnd ins Auge sah, als wollte er in dem­selben die Antwort auf seine Frage lesen.

„Meine Gedankn sind eine solche Summe sticht wert, sagte sie lächelnd und errötend.

Sir Harry strich mit der Hand liebkosend Wer ihr Haar, und blickte mit väterlicher Zärtlich­keit in bas liebliche Antlitz des Mädchens.

„Nun, meine kleine Ella," fragte er heiter, „wie gleicht der wirkliche Guido Deinem Ideal?"

Ella senkte ihr Haupt.

„O, lieber Onkel, ich — nicht," sagte sie etwas verwirrt. „Er ist hübsch, freundlich und höflich und wie ein Gentleman, feiner und vollkommener als wir sie in der Umgegend haben — ich meine, daß seine Manieren fremdartig sind —"

..Ist bas ein Anziehungsmittel?" fragte Sir Harry. „Ich lobe mir unsere ruhige, alther­kömmliche Einfachheit, alle fremartigen Manie­ren sind mir zuwider. Ich will nicht sagen, daß ich mit Guido nicht zufrieden bin; er "äfft die fremden Narrheiten nicht nach, wenn sein Be­nehmen auch einen leichten Anstrich von Fremd- artigfeit hat. Ich bin vollkommen zufrieden mit ihm; denn wie es scheint, sind meine höchsten Erwartungen in Bezug auf seine Ausbildung er­füllt. Seine Begrüßung der Mrs. Goß und des alten Kemp haben uns den Beweis geliefert, baß er sein warmes Herz zurückgebracht hat und daß es nicht in seiner Natur liegt, selbst den gering, sten feiner Freunde zu verurteilen. Er scheint wirklich noch so gut und edel zu sein wie er es gewesen ist."

Des Mädchens Gesicht glühte, als habe es sich selbst in solchen Lobeserhebungen ereifert.

„Was hat der arme Guido doch alles erlebt!" sprach sie leise. „Es ist fast ein Wunder, daß er bei dem Schiffbruch mit dem Leben davon gekom- men ist. „ O, Onkel, wenn es unser Guido ge­wesen wäre, der die schreckliche Gehirnverletzung erhalten hat!" fügte sie schaudernd hinzu. „Der Gedanke taucht von Zeit zu Zeit in mir auf, aber ich weiß nicht warum."

„Ter Gedanke ist mir ebenfalls schon viele Male gekommen", entgegnete Sir Harry. „Der arme junge Brander. Die Vorsehung hat unfern Guido vor folchem Schicksale behütet und uns großen Kummer erfrort. Ich sehe, daß mein Sohn einen unglücklichen Freund betrauert! Schon der überstandenen Gefahr wegen müssen

wir ihn lieben, meine liebe Ella! Er ist zurück- gekehrt, frei und ungebunden, wie ich es von ihm erwartete, auch sagte er mir gestern abend, wie sehr er Dich verehrt."

Er wandte sich von dem Mädchen ab, um seine plötzlich wieder aufsteigende Erregung zu verbergen, und Ella beugte sich nieder, den Ring, dessen glänzende Diamanten sie gegen das Licht hielt, nochmals zu betrachten.

Während sie noch damit beschäftigt war, wurde leise die Tür geöffnet und Brander trat in das Zimmer. Sir Harry ging ihm entgegen und be­grüßte ihn zärtlich.

Brander erschien in einem Pariser Morgen­anzug, welcher ihn sehr gut kleidete. Er besaß überhaupt einen guten Geschmack und war so eitel in Bezug auf Kleidung, wie eine junge Dame. Sein einziger Schmuck war eine massive goldene Uhrkette und ein dicker Siegelring, wel­chen er an dem kleinen Finger der linken Hand trug und absichtlich dem Baronet und seiner Mündel in die Augen fallen ließ.

Er erwiderte den Gruß Sir Harrys mit scheinbarer Herzlichkeit, näherte sich bann Ella und begrüßte sie aufs Wärmste.

Tas Frühstück wurde aufgettiagen und die Drei setzten sich an die Tafel. Während des Essens unterhielt Brander, der zu gefallen bemüht war, den Baronet und Ella mit Anekdoten und scherz- yatten Episoden aus seinem Studenten- und Rei- leleben. denen seine Zuhörer mit dem größten ^ntcrcffe lauschten. Der alte Kellermeister, wel- dem Silber- und Kristall- gechirr beschäftigt war, hörte den Erzählungen ebenfalls mit großem Vergnügen zu.

t ™ ber Erziehung," dachte er;

„aber 5Kafter Guido hatte stets großes Talent zum Erzählen. Er konnte aus einer Kleiniakeit eine große Geschichte machen."

Nach dem Frühstück begaben sich die drei Per- sonen rn's Gesellschaftszimmer.

Das Wetter war nicht viel besser als am Tage voroer. Der Sturm hatte sich zwar gelegt, aber

Verfahren wegen Wahlfälschung zu erheben. Der Täter ist nach der Zweibrücker Anschauung nicht zu ermitteln. In einer Erörterung über di« Frag« der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der "Aussagen der Zeugen und Beschuldigten tritt der Oberstaatsanwalt nicht ein. Er er- klärt, daß den Beschuldigten von Anklage die Schuld voll und ganz nachzuweisen ist. Der Oberstaatsanwalt ist also der Ansicht, daß es nicht angängig ist, sämtliche Mitglieder bei Wahlausschusses als Begünstiger anzusehen. Der Beschwerdeführer muß nachweisen, wer der Täter ist. DaS ist natürlich sehr schwierig, weil der Wahlhandlung seitens der Zentrumspartei niemand von Anfang bis zu Ende beiwohnte. Der Billigheimer Wahlausschuß hatte nämlich di« Aufnahme eines Zentrumsmannes abgelehnt, und ein eifriger Parteifreund wurde aus dem Lokal hinaus geekelt. Gegen den Bescheid kann gerichtliche Entscheidung beantragt werden. Ob das geschieht, darüber wird in den nächste« Tagen Beschluß gefaßt. Wichtiger als diese Frag« wird die andere Frage sein: Welche Stellung wird die Abgeordnetenkammer zu der An­gelegenheit einnehmen? Nachdem 25 Zeuge» beschworen haben, daß sie den Zentrum-- fanbtbaten Zwißler gewählt haben, wäre aus Grund der dadurch veränderten Stimmenzahl nicht der Liberale Cronauer, sondern der Zent» rumsmann Zwißler gewählt. Für die Ab­geordnetenkammer kommt natürlich die Fraß« nach dem Urheber der Wahlfälschung nicht m Betracht, sondern nur die eine Frage: wer hat die meisten giltigen Stimmen erhalten, Zwißler oder Cronauer?

— Nechale, der ans dem südafrikanische» Feldzüge bekannte Ovambo-Häuptling, ist jetzt wirklich gestorben, nachdem er bereit! mehreremale totgesagt worden war. Er war te letzter Zeit immer betrunken, den nötigen Brannt» wein hatte er von einem deutschen Händler er­halten. Im Delirium ist er gestorben. Nechal« toar ein grimmiger Feind deutscher Herrschaft und eine kriegerische, tatkräftige Natur.

* Hamburg, 21. Juni 1908. Die Kaiserin ist heute Morgen auf dem Dammtor-Bahnhof eingetroffen. Um zehn Uhr hielt der Kaisers« Bord der „Hohenzollern" Gottesdienst ab.

rp Darmstadt, 20. Juni 1908. Die heutig« letzte Sitzung der zweiten Kammer, welch« sich mit dem Anträge der Freisinnigen und So­zialdemokraten betr. die Wahlrechtsreforae befchäftigte, nahm einen stürmischen Verlauf. I» den genannten Antrag wird die Einbringung einer Vorlage auf dem nächsten Landtag verlangt, mit der Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte der zweiten Kammer, während in den letzten Tagen die grundsätzliche Vereinbarung der beiden Gesetzgebungslörper über die Reform zustande gekommen ist. Di« erste Kammer hat dabei den größten Teil ihrer Forderungen aufgegeben und nur in der Frage der Durch­stimmung bet der Kammer, die in der Ver­gangenheit eine rein theoretische Bedeutung hat, ein Nachgeben erlangt. Staatsminister Ewald hielt den Antrag Gutfleisch-Ulrich für eine halt­lose Demonstration. Die letzten Beschlüsse der beiden Ausschüsse bilden di« Grundlage für ein« Verständigung auf dem kommenden Landtag. Das Haus, soweit es in Wahrheit ein Freum» des direkten Wahlrechts sei, möge den obige« Antrag ablehnen. Abg. Gut fleisch (freis.) .........................

der Wind wehte noch stark und der Himmel war noch mit grauen Wolken bedeckt. Brander, der einförmigen Konversation müde, trat an’8 Fen» ft?r und sah eine Weile schweigend hinaus, dann wandte er sich langsam um und sagte:

„Tas Wetter ist gar nicht so schlecht; es ist zwar noch etwas windig und trübe, aber das ist das richtige englische Nebelwetter. Was sagen Sie zu einem Gang mit mir durch die Anlagen, Ella? Ich bin begierig zu sehen, welche Neue­rungen während meiner Abwesenheit vorgekom­men sind?"

„Es wird Dir gut tun, Ella," sagte der Ba­ronet. „Der Regen hat Dich gestern im Haus« gehalten, und Du hast frische Lust nötig."

„Du mußt auch mitgeben, lieber Onkel," bat Ella, erfreut über den vorgeschlagenen Ausflug.

Sir Harry willigte ein, und Ella eilte an­dern Zimmer, um sich für den Spaziergang umzu­kleiden. Nach wenigen Minuten kehrte sie zurück in einen langen Mantel gehüllt und eine Haube auf dem Kopf, aus der nur ihr strahlendes Ge­sicht wie das eines unschuldigen Kindes hervor­schaute.

Sir Harry und Brander erwarteten sie in der Halle; Ella flog an ihnen vorüber und eilte voran übet den freien Platz.

, Wir wollen zuerst nach dem Fluß geben,® sagte sie beiter. „Ich kann es mir recht gut den­ken, daß gerade dieser Teil in der Heimat in der Erinnerung Guido's über allem anderen stehen muß. Güviß hat er nie an die Heimat ge­dacht. ohne auch zugleich an den Fluß zu denken."

„Sie haben Recht, Ella, der Fluß wat in mei­nem Geiste stets ein erhabenes Bild heimatlicher Szenerie," erklärte Brander. „Die alte teure Severm! In meiner Kindheit spielte ich an ihrem Ufer, als Knabe ruderte ich auf ihrem klaren Wasser, und hoffe in Zukunft an ihren Ufern zu leben, bis v» bet ZeÜ, wo man mein« Gebeine in ihrer Nähe zur ewigen Ruhe leatl" (Fortsetzung folgt?)