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X Die Döberitzer Kaiserrede.

Die ,Nordd. Allg. Ztg/ schweigt noch immer zu der Kaiserrede, dagegen läßt sich eine an­scheinend' offiziöse Stimme in der „Köln. Ztg." über die Kaiserrede hören. Man liest dort: als Kriegsherr und als Führer des deutschen Volke- habe, wenn irgend jemand unser Land bedroht, doch der Kaiser ein Recht, so zu sprechen, wie er gesprochen hat; er habe ein doppelte- Recht dazu, wenn seine Worte sich auf den »ngsten militärischen Krei» beschränken. Die verständige französische Presse habe auch nicht gezögert, in dieser Hinsicht da- Auftreten des Kaisers als selbstverständlich anzuerkennen und gerade heraus gesagt, daß in seinen Worten keine Kriegsdrohung liege, sondern daß die Worte des Kaisers eine Mahnung zur Vernunft seien. Der Artikel schließt: Wir Deutsche wollen an unseres Kaisers Worten nicht deuteln, aber die Deutung, die sie im Ausland gefunden haben, beweist uns, daß sie über die Grenzen Deutsch- lands richtig verstanden wurden, nicht als Worte der Bedrohung des Friedens, sondern als eine Mahnung zur Vernunft. Di« Vernunft aber schreibt uns vor, in dieser Zeit, wo ohne stichhaltigen Grund ein Raunen und Rauschen durch die Welt geht, unsere Ruhe zu bewahren.

Zu dieser Äuslassung wäre zu bemerken: Wenn Reden des Kaisers sich auf den engsten Militärischen Kreis beschränken sollen, dann muß auch Bürgschaft dafür vorhanden sein, daß st« nicht darüber hinausdringen. Diese Bürgschaft hat bisher leider immer versagt. Zweitens mußte die Rede selbstverständlich alS Symp­tom einer bedrohten Lage und als Alarm­ruf aufgefaßt werden. Wäre die Rede nicht gewesen/so hätte es keine beunruhigenden Kom- mentare dazu gegeben. Die beunruhigenden Ge- rüchte haben durch die Kaiserrede erst recht Nahrung erhalten. Auf alle Fälle stehen die Worte des Kaisers in schneidendem Wider- spruch zu den bisherigen Aeußerungen der Offiziösen über die internationale Lage. In tiefer Beziehung schreibt die,Köln. Volkszeitung':

Die Offiziösen jubeln über die Zusammen- kunft in Reval, freuen sich auch über die herz­lichen Beziehungen zwischen dem Kaiser und sei­nem englischen Onkel, die Triple-Entente er­scheint ihnen im rosigsten Licht und überhaupt erblicken sie am politischen Himmel nicht das kleinste Zirruswölkchen. Der Kaiser hat da­gegen den Eindruck, daß „man uns von allen Seiten einkreisen und herausfordern will". Was ist das für ein Widerspruch! Ist der Dr aht zwischen dem Kaiserund dem Reichs­kanzler vollständig zerrissen? Jetzt bieten uns der Kaiser und das Auswärtige Amt zwei ganz verschiedene Lesarten über die inter­nationale Lage, und wir müssen kopfschüttelnd fragen: „Was ist Wahrheit?" Die Börse ist alarmiert, das ganze Ausland ist alarmiert, das Lager von Döberitz ist alarmiert — nur im offi­ziösen Zeitungswalde herrscht. Ruhe. In mili­tärischen und politischen Kreisen jagt ein Kriegs- yerücht das andere. Am meisten hat der Um­stand verstimmt, daß General French und Admi» Oal Fisher mit nach Reval gingen. Aeltere Her- ren erinnern an den Besuch, den im Mai 1866 der italienische General Govone in Berlin machte; sechs Wochen später brach bekanntlich, der Krieg gegen Oesterreich aus. Und die Pessinli- sten meinen, French und Fisher hätten in Ruß­land kaum etwas anderes tun können und tun sollen, als mit den russischen militärischen Auto-

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

32] (Nachdruck verboten).

Als Kemp vor der rechten Tür angekommen war, öffnete er, da sein Klopfen nicht beantwor­tet wurde, dieselbe vorsichtig und trat ins Zim­mer. Dieses war ein hübsches, wohl ausgestat- tetes Gemach, mit der Aussicht auf den inneren Hof.

In einem Lehnstuhle, den Rücken der Tür zugekehrt, die Füße auf dem Fuße des Kamins gestützt, saß Mrs. Goß. Kemp war einen Augen­blick im Zweifel, ob sie anwesend fei, bis ihm die über die Seitenlehne des Stuhles hängenden Falten ihres fchwarzfeidenen Kleides auffielen und ihm ihre Gegenwart verrieten. Leise trat er näher und blickte vorsichtig über die Rück- lehne des Stuhles. Mr. Goß strickte eifrig und war tief in Gedanken versunken.

„Ich möchte wohl wissen, ob sie jetzt an mich denkt und was sie von mir denkt", dachte Kemp, indem er an ihre Seite trat.

Jetzt erst bemerkte ihn die Haushälterin und fuhr heftig zusammen.

„Ach, Sie sind es, Mrs. Kemp", fragte sie. „Sie haben mich schön erschreckt. Ich dachte eben darüber nach, ob ich nicht vom Mufikzimmer aus einen Blick in das Gesellschaftszimmer werfen könnte."

Der alte Kellermeister seufzte.

„Also weilten ihre Gedanken nicht bei mir", dachte er.

„Ich möchte so gern einmal eine Minute mit Mr. Guido sprechen", fuhr die Haushälterin fort. „Es schien mir heute morgen, als ob er sich sehr verändert hätte. Er sah mir gar nicht aus wie unser guter Mr. Guido."

„Ahl" sprach Brander bei sich sechst; „diese Gedanken muß ich Dir vertreiben."

35. Jahrgang.

Fulda, Freitag beit 19. Juni 1908,

M 139

Vie Lan-tagrwahlen

Di« Entwickelung der Parteien im preußischen Abgeordnetenhaus« ergibt sich auS

Wettsegeln deS Norddeutschen Reaattovereins folgt. Am Montag nimmt der Kaiser auf ।

folgend« Zusammenstellung:

SostÄdrmskratr» . Bei kettle» Fraktion

7

12 untz.

76

24

9

13

7

in

144

100

58

75

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Wahl 1898

144

95 65 84

14

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Wahl 190t

143

97

59

79

24

8

13

10

«<>V 1908 151 105 60

Konservative . . Zentrum. . . . Freikonservattve Nationalltberal«

16

denen

Pferderennen im Horner Moor statt un6 fährt der Monarch noch Helgoland, wohin ein sraot+CoztoTn h»a Norddeutschen Reaattavereins er

Schluß d. $09 1908

144

96

64

Deutscher Reich.

* Einberufung des preußischen Landtages.

D« ,Reichsanzeigett veröffentlicht die Verord­nung wegen Einberufung der beiden Häuser des preußifchen Landtages zum 2 6. Juni d. IS. Nach seiner Konstituierung wird der Landtag wieder auSeinandergehen. — Genau vor zwanzig Jahren am 27. und 28. Juni 1888 wurde der preußische Landtag ebenfalls zu einer zweitägigen Session einberufen, um den Eid des neuen Königs, deS Kais«S Wilhelms II. auf die Verfaffung entgegenzunehmen.

** Der Kaiser ist gestern abend nach Han­nover abgereist, wo er das Königsulanenregi­ment besichtigen wird. Von hier fährt der Monarch, wie stets seit einigen Jahren, im Auto­mobil über Celle (Besichtigung des Vaterländi­schen Museums) und durch die Lüneburger Heide nach Hamburg. Am Sonntag findet das

ES fehlen noch 2 Wahlbezirke, Stichwahl voMnehmm ist, Berlin

«...------ -------------Wer auf dem

„Meteor" an her Unterelbregatta teil und am Dienstag beginnt die Kiel« Woche. Im An­schluß daran wird der Kais« seine mehrwöchige Nordlandreise antreten.

sparen bis morgen; heute tolH ich Euch noch etwas erzählen von meinen Steifen und Abenteu­ern. Ich besitze Egoismus genug, um zu glaubem daß meine Erlebniffe Euch interessieren werden.

Brander hatte eine besondere Gabe zum Er­zählen; er wußte seine Geschichte und Schilderun­gen so auszuschmücken, daß seine Zuhöhr« ihm mit Vergnügen folgten.

Er erzählte alle Erlebniffe Guido's als seine eigenen, und da, wo er seiner eigenen Person Er­wähnung tun mußte, sprach er von dem „armen Ferdinand Brander."

„Der arme Mr. Brand«," sagte Ella, als dec Erzähler eine Pcmse machte. „Sagten Sie nicht in einem Ihrer ersten Briefe, daß er Ihnen sehr ähnlich sehe."

Branders Gesicht wechselle die Farbe.

„Ich glaube Wohl, antwortete er ruhig. „Er ähnelte mir etwas, doch vielleicht nicht mehr al- viele andere junge Männ« ,mit denen ich be­kannt wurde. Er war ein guter Bursche, der arme Branderi Ich war fein einziger Freund!"

„Der arme Mensch!" sagte Sir Harry. „Bist Du auch sicher, daß er in guten Händen ist, Guido? Wäre es nicht bester gewesen, wenn Du ihn mit nach England gebracht und in eine gute Anstalt getan hättest, wo man ihn möglicherweise Wied« h«gestellt haben würde?"

„Er war nicht zu bewegen, mir zu folgen," sagte Brander. „Er ist übrigens in guten Hän­den, glücklich in jener Einsamkeit. Ich habe den Leuten liberale Bezahlung für seine Verpflegung versprochen und sie werden alles für ihn tun, Wa­ste können. Auch für ärztlichen Beistand habe ich gesorgt. D« geschickteste sizilianische Arzt, Dr. Spezzo, den ich engagiert habe, riet ganz entschie­den von einem Fortschaffen der Unglücklichen ab.

Sir Harry war erfreut, daß fein angeblicher Sohn in so umfassender Weise für feinen unolück- licheu Freund gesorgt hatte.

(Fortsetzung fofat.fr

Die letzte Reihe der obigen Zusammenstellung beruht auf Mitteilungen ber KorresponbenzbüroS. Die Zahlen werben wohl noch bie eine oder anbett Berichtigung erfahren, z. B. i|t bei den Konservativen nicht immer genau zu ersehen, ob eS sich um einen Konservattven ober um einen Freikonservativen handelt. Auch bei der Zählung her Zentrumsmandate scheint ein Fehler unter» laufen zu sein. Nach unser« Zählung sind nicht 105 sondern nur 104 Zentrumsabgeordnete ge­wählt.

DieAbgeordnetenlist« des Zentrum« weist einen erfteulichen Fortschrttt in der An­passung an die verschiedenen Berufsständk auf. Neben dem Abgeordneten Brust, dem bw herigen einzigen Arbeitervertreter im Zentrum, nehmen nunmehr auf den Bänken deS Zentrum« Platz: Abg. GiesbertS, Arbeitersekretär GronowSkh Bergarbeiter Sauermann und Gewerkschaft-« beamt« Jmbusch. Dazu kommen noch Eisen« bahnschloff« Bey« und Kunstttschlermeister Euler. AuS dem mittl«en Beamtenstande treten di« GerichtSsekretär« Drinnenb«g und Bartsch« in da- HauS ein. Von den VolkSschuüehrern kehrt Abg. Sittart nicht wied«, neugewählt rourb« ab« neben Rektor Zischt, Hauptlehr« Kesternich.

Für bie Nationalliberalen bebrütet b«f Ausfall b« Wahl ein Hagelwetter, baS ver­nichtend in ihre blühenden Hoffnungen gefahrm ist. Im liberalen Wahlaufruf« maßte di» national» liberale Partei sich an, in Preußen im politischen Kampfe bie Führung zu übernehmen. Dies« Hochmut bürste jetzt etwas gebämpft fein, mindestens ein Dutzend Mandate sind bet Partei abgenommen worben. So geht es aber seit ge­raum« Zett: vor ben Wahlen das größt« M—undwerk unb bei d« Wahl — Hiebe. sJhiw so weit«!

D« Freisinn hat äuß«lich einen kleinen Erfolg davongetragen, mehr durch Zufall und durch unnatürliche Wahlbündnisse. Durch bett Einzug b« Sozialdemokraten in ben Landtag wird brr Freisinn noch weit« nach rechts ge­trieben. Bish« schützte ben Freisinn im Sanb» tage noch einigermaßen seine Rolle al? „äußerst« Linke". Er vertrat bort in allen Fällen, wo seine Gefolgschaft in B«lin unb den anderen Großstädten sich beschwert fühlte, das Volks- intereff« und fand dabei häufig recht deutlich« Wotte nach oben. Jetzt wird « von der Sozial­demokratie durch fchärfere Forderungen, schärf«« Wotte und größeren Eis« übertrumpft. Da« bedeutet eine schwer« Erschütterung sein« Positionen auch im Lande draußen.

„Und er muß sich auch in anderer Weise ver­ändert haben", fügte die gute Frau hinzu, traurig den Kops schüttelnd, „in seinem Herzen, in seinem Gemüt, meine ich, sonst wäre er schon einmal bei mir gewesen. Wie oft habe ich ihm, als er noch ein Kind war, Konfekt dort aus jenem Schrank gegeben, Kuchen und Früchte — aber er hat das alles vergessen, Mr. Kemp — er hat mich vergessen."

Sie ließ den Kopf hängen und zerdrückte eine Träne in ihrem Auge.

„Er hat Sie vielleicht nicht so ganz vergeßen, wie Sie meinen, Mr. Goß " sagte Kemp, der vor Lust und Freude über den Scherz des vermeint­lichen Guido hätte laut auffubeln mögen. „Hier ist jemand, der Sie zu sprechen wünscht —"

„Doch nicht Master Guido?" rief die alte Haushälterin, vom Stuhl aufspringend. „Doch nicht Master Guido?"

„Und warum denn nicht?" fragte Brairder lä­chelnd, indem er in den Vordergrund trat. „Ich würde gern früher gekommen sein, aber ich konnte mich nicht von meinem Vater trennen. _

Er erfaßte die Hand der Haushälterin und drückte einen Kuß auf ihre Wangen.

„Ah, er hat sich doch nicht so sehr verändett, wie ich dachte," sprach Mrs. Goß, und ihr Gesicht strahlte vor Freude; er ist noch derselbe gut­herzige Guido. Setzen Sie sich in den bequemen Lehnstuhl hier, Master Guido."

Brander folgte der Einladung. Er ärgerte sich innerlich über die Haushälterin und den Kel­lermeister; aber da er den Namen und Charakter Guido's auf sich übertragen hatte, war er auch genötigt, besten Liebhabereien und Vergnügungen zu den feinigen zu machen. Er war entschlossen, feine Rolle zu spielen, so gut es in seinen Kräf­ten ftanb feine wahre Natur niemanden zu bet­raten, jede Gelegenheit zu benutzen, die ihm ge­eignet schien, seine Stellung zu befestigen und sich auch bei dem Dienstpersonal beliebt zu machen.

Nach diesem Entschlüsse handelnd, war er denn bemüht, den alten Kemp und Mrs. Goß,

ritäten einen gemeinsamen Krregsplan gegen Deutschland feststellen, bei dem die brittsch» Flotte durch eine Diversion in der Ost­see die Operationen der russischen Landarmee unterstützen solle. Nun kann man ja keinem Menschen verhindern, pessimistisch« Meinungen auszusprechen; e8 ist aber sehr zu beachten, daß alle diese ungünstigen Auffassungen und Ge­rüchte erst recht ihre Nahrung erhallen haben durch die Döberitzer Rede deS Kaisers. Und des­halb belauern wir diese Rede und sind ganz entschieden der Meinung, daß sie hätte vermieden werden sollen, denn irgend einen Nutzen kann sie nicht stiften. So kann es unmöglich toeiter- gehen. Wie viel Dirigenten hat unser politffches Orchester denn eigentlich? Wir haben nach allem diesem nicht den Eindruck, daß man in B«lin der angeblich von der Triple-Entente drohe n- ban Gefahr in der richtigen Weise zu begegnen weiß. ES gilt doch vor allem, ruhrg Blut zu bewahren. Erregte Reden können diesem Zweck nicht dienen, auf der anderen Seite sind aber auch solche Schönfärbereien, wie die Offiziösen sie treiben, zu vermeiden. Der Gipfelpunkt des Verkehrten scheint uns zu sein, wenn man gleichzeitig „schön­färbt" und alarmiert, zugleich in Optimismus unb Pessimismus macht.

In aller Welt wird im Hinblick auf die an­geblichen Kaiserwotte von Dörbetttz KttegSgeschrei gemacht/ und neuerdings behauptet man sogar, daß die Engländer an d« dänischen Küste so eine Att Vorübung zum Angriff gegen Deutschland machen wollen. Wie erinnerlich, wurde bereits vor Jahr und Tag davon ge- fabelt, daß die englische Flotte bei Esbjerg an d« dänischen Westküste Landungsmanöver im größten Stil vornehmen wollte. Diese Geschichte taucht ^etzt wieder auf. Angeblich soll in jenen Gewässern eine englische Kriegsflotte von 64 Fahrzeugen mit 300000 Mann Be­satzung Üben, und von dieser Besatzung soll ein großer Teil an der dänischen Küste gelandet werden. 54 Fahrzeuge mit 300 000 Mann Be­satzung I Da müßte also jedes Fahrzeug durch­schnittlich 6000 Mann an Bord haben. ES scheint, daß man hi« mit den Nullen etwas v«schwendnisch umgegangen ist. Aber auch sonst handelt eS sich bei den Landungsgeschichten um leeres Gerede, denn von dänischer Seite wird offiziell in Abrede gestellt, daß LandungS- manöv« beabsichtigt feien. Es könnte sich nur um den Üblichen Landurlaub d« Matrosen handeln.

welche ihre ganze Lebenszeit im Dienste ber Fa­milie zugebracht hatten unb bie bei Sir Harry unb Ella in hoher Achtung stauben, für sich ein­zunehmen, was ihm auch leicht unb vollständig gelang; genn als er nach etwa zehn Minuten sich entfernte, waren beider Herzen von feiner Liebe und Güte voll.

Wohlzufrieden mit seinem Erfolg, kehrte er zu Sir Harry und Ella in das Heine Gesell­schaftszimmer zurück.

„DaS war eine airgenehme Visite," bemerkte er, als er sich auf einen Stuhl in der Nähe des jungen Mädchens niederfetzte. „Die gute Frau besitzt noch manche ihrer Eigenschaften. Ich will meinen Einfluß auf sie zugunsten des alten lieben Kemp geltend zu machen suchen. Die Liebschaft hat nun lange genug gedauert unb die Ausdauer des treuen Liebhabers verdient belohnt zu wer­den."

„Das; denke ich auch," sagte Ella lachend. „Kemp ist ein treuer Liebhaber, und ich glaube im Stillen liebt Mrs. Goß ihn auch. Kannte sie Sie?"

„Jawohl! beim ersten Blick! Ich denke, daß ich mich doch nicht so sehr verändett habe, wie Sie anzunehmen scheinen. Vielleicht habe ich mich nicht mehr verändert, als Sie, Ella. Uebrigens meint Mrs. Goß, daß ich noch ettoaS von mei­nem knabenhaften Aussehen hätte.

„Da ist sie doch wohl im Irrtum", bemerkte Sir Harry gedankenvoll. „Es scheint mir auch manchmal, als hättest Du noch «was von dem alten Aussehen, aber im ganzen genommen, hast Du Dich so sehr verändett, unb vielleicht ist es auch gut."

Brander wandte sein Gesicht ab, so daß der Baronet weniger Gelegenheft hatte, seine Züge zu studieren.

„Ich wollte, das Wetter wäre etwas angeneh­mer " sagte er, „ich hätte große Lust, einen Gang durch die Anlagen und durch bie Ställe zu ma­chen.. Doch dieses Söergnügen will ich mir auf­

• Sydow« Steuerpläne. Zu den Steuer- pläuen deS ReichS-SchatzsekrttärS Sydow gehött, wi« allen Ernste« behauptet wird, auch daS Pro- jekt ein« Zündholz- und ein« Leuchtgas- steuer. „ES wich imm« schön«I* — bemerken dazu bie blockfreisinnigen Haupthähne in ihrem Blatte. Ab« sie tun bloß so. Um daS Plätzchen in d« RegierungS-Majotttät zu behaupten, schlucken sie am Ende noch ganz ttwaS and«eS als Leucht­gas und Zündhölz«. — Fürst v. Bülow und Reichs-Schatzfekretär Sydow hielten gestern ge- meinfam dem Kaiser Vortrag.

)( Die Verlängerung der Dienstzeit zur See. Die Behauptung, di« Leitung d« Manne ersttebe eine Ausdehnung d« Dienstzeit bei d« Marine, wird von ein« militärisch-politischen Korrespondenz bestätigt. Von ein« anderen Seite wird betont, e« handel« sich nur um eine Verlängerung von 6 Wochen. ES wich daran erinnert, daß Staatssekretär v. Tirpitz in ein« Sitzung der Budgetkommisfion des Reichstags ausgeführt habe, ein stärker« Prozentsatz von Kapitulanten sei erwünscht. Dte Wünsche ber Front gingen nur dahin, daß uns« Ersatz 6 Wochen früher eintrete, damtt er erst nach ein« militärischen Landausbildung auf die Schiffe komme. Wir müßten, so schloß d« Staats- sekretär, dementsprechend die Ljährige Dienstzeit um 6 Wochen verlängern. Ich habe zu dies« Frage meinerseits noch keine emscheidende Stel­lung genommen.

* Eisenach, 18. Juni 1908. Sämtliche deutschen evangelischen Kirchenregte- rungen sind zu Beratungen im Residenzschloß zusammengetreten.

♦ Darmstadt, 17. Juni 1908. Die Zweite Kammer nahm heute, entgegen dem Anträge des Ausschusses, bie Anträge der Abg. Ulrich unb Kohler über bie Ausführung be8 Reich Bber- einsgksetzes an. Die angenommenen An­träge geben im wesentlichen bem Wunsch Aus­druck, baß bem Lande bie Vereins- und Versamm­lungsfreiheit entsprechend der Zusage ber Re­gierung erhalten bleibe.

* Helgoland, 18. Juni 1908. Die Teilnehmer an ber parlamentarischen Mari neinform a- tionsfahrt finb heute nachmittag hier einge­troffen und haben bie hiesigen Hafenbauten, Be­festigungswerke, Schutzbauten unb ben Leucht­turms besichtigt.

* München, 18. Juni 1908. Der Minister des Innern ließ dem Landtag einen Gesetzent­wurf über die Einführung b« Verhältnis­wahl in Gemeinden von üb« 4000 Ein­wohnern zugehen. Beigegeben ist eine Verord­nung über die Wahlart. Di« Liberalen wollen die Verhältniswahl in allen, auch den kleineren Gemeinden.

* Sigmaringen, 18. Juni 1908. Die Land­gräfin Anna von Hessen-Kassel ist hi« eingetroffen. Sie wird u. a. daS Benediktiner- kloster in Beuron und daS Franziskanerkloster in Gorheim besuchen.