35. Jahrgang
Fulda, Mittwoch den 17. Juni 1908.
M 138.
Krstes Wlatt
Wegen des hl. Fronleichnamfestes wird die Nächste Nummer unserer Zeitung erst am Freitag ausgegeben.
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verantw. Bedalteurr Lari Schütte;
ihn nicht zur Umkehr bewegen konnte, bat sie ein in der Nähe stehendes kleines Mädchen, den armen jungen Engländer nach der Villa zu begleiten, und wartete im Dorfe bis er zurückkommen werde. t „
Als Guido feinen Namen — oder den Namen. welcher ihm fälschlich beigelegt war — rufen hörte und feine Augen zu dem jungen Mädchen erhob, schwand der trübe Zug seines Gesichts und machte einem freudigen Ausdruck Platz. Er trat einige Schritte zurück und streckte bittend die Arme nach ihr aus.
„Nellyl Nelly!" rief er im Tone höchster Freude.
„Hier bin ich, Ferdinand", erwiderte das Mädchen, sich weit über den Balkon lohnend. „Wie kcnnte-i Sie hierher kommen? Sie müssen mich vermißt haben!"
Guido blickte unverwandt zu ihr empor; er konnte nicht begreifen, warum sie nicht zu ihm herunter gekommen war.
„Kommen Sie, kommen Sie Nelly! rief et in bittendem Tone.
„Ich kann nicht kommen, Ferdinand, ant- toortde Nelly, und Tränen traten in ihre Augen. „Ich. bin eine Gefangene, mein armer Freund. Sdj darf mein Zimmer nicht verlassen!"
Aber der arme Guido konnte sie nicht verstehen; wieder streckte er feine Arme aus, während sich fein Gesicht wieder trübte.
„Nelly! Kommen Sie, Nelly l" rief er wie- der mit ängstlich bittender Stimme.
Ehe Nelly noch antworten konnte, rief Vitus in rauhem, gchieterischem Ton:
„Packe Dich! Wir haben Befchl, keinen Frem- den das Grundstück betreten zu lassen. Fort mit Dir!"
Guido achtete nicht auf die Worte des Manner, fein Blick wich nicht von dem Antlitz feiner teuren Freundin.
„Kommen Sie doch, Nelly!" bat er wieder, und seine Lippen zitterten.
** Die Abgeordnetenwahle« in Preußen.
Regierungsbezirk Kassel.
*KassrbStabt, Schröder (natL) mit 871 Stimmest? wiederqewShlt; Thoene lsozd.) 80 ®t
♦ Kassel-Laud-Witzeuhausm (bisher autis.f.v. S to» Haufen (fonf.) gewählt mit 16 Stimmen Mehrheit
* Wolfhagen-HssgeiSmar. Pappenheim (konsil mit 153 Stimmen wiedergewählt. Hebel (natL) 2% Simons (Antis.s 29. .
• Homberg.Ziegmhai«: v. Daumbach (konfus iviedergewählt. .
♦ Rinteln: Dittfürth (W.) gewählt. - ■
* Gelnhauseu Schlüchteru: Pfarrer Meyeuscheist (R.) wiedergewählt mit 251 Stimmen. Dr. Arno» (Fr. Ver.) 2 Stimmen.
* Marburg: Landrat v. Regelein (K.) Professor Reihert (natL) 39, Professor Schückin- (Fr. Ver.) 22 Stimmen. Negelem also n>teb<p
* Kirchhaiu.Fraukeuberg: Riesch (Kons.) mit alle» 158 Stimmen gewählt. L
* Melsuugeu.Frihlar: Fabrikbesitzer Gleim (nL) mst 181 Stimmen einstimmig wiedergewählt.
* Hanau (bisher natL): Erster Wahlgang Jun«». Henn (natL) 151, Lind (B.) 77, Stein (S.) 70,
beigebracht. Man solle auch wie in Baden den Lehrern nicht den Organistendienst zur Pflicht machen. Ebenso sei die Entfernung des Geist« lichen aus dem Schulvorstand $u bedangen un8 der völlige Ersatz der Konfessionsschule durch di« Simultanschule. Abg. Wolf (Bauernbund) möchte den Religionsunterricht als wichtigen Teil >er Bolkserziehung aus dem Lehrplan der Volksschule nicht ausgeschieden wissen. Ministerialrat Dr Eisenhut erklärt namens der Regierung, daß sie die radikalen Vorschläge der Sozialdemokraten entschieden ablehne. Die Lehrer, betrachten es in ihrer großen Mehrheit als eine vornehme Pflicht, den Religionsunterricht zu erteilen. Abg. vebel (Zentr.), erblickt in den Anträgen der Sozialdemokratie die Tondenz teei Trennung der Religion von der Schule und ver«. teidigt d,e ablehndende Stellungnahme des Au»-, schusses. Die Anträge der Sozialdemokraten werden ab gelehnt.
* Stuttgart, 16. Ium 1908. Finanznöt» plagen nichr nur das Reich, sondern auch die Einzelstaaten. Der wüttlembergische Minister de» Innern erklärte in der Kommission der Zweiten Kammer, der Entwurf einer neuen WegeordnunA werde den Ständen nicht so bald zugehen, weil der Staat die Mehrkosten in Höhe von einer Mil-, lion bei der gegenwärtigen Finanzlage nicht tragen könne. >
; München, 16. Juni 1908. Die Gerücht» über eine Ministerkrisis sind unbegründet. Sie sind darauf zmückzuführen, daß e8 feit Iah» nnd Tag in Berliner wie Münchener politischen Kreisen heißt, Minister Frhr. v. PodewilS wolle Nachfolger des über 80 Jahre allen Oberhof- meisters Grafen Castell werben. Da man den Ministerpräsidenten Frhrn. v. PodewilS nach seiner schweren Operation vor zwei Jahren ful leidend hielt und glaubte, er werbe nicht meW recht zu Kräften kommen, so machte daS Gerüche ihn zum künftigen Obersthofmeister. Diesem Gerüchte gegenüber sei festgestellt, daß Munster? Präsident Frhr. v. PodewUs, der sich übrigem» einer vortrefflichen Gesundheit erfreut, gar nicht daran denkt und nie daran gedacht hat, sein» politischen Aemter al» Minister und Vorsitzende« im Ministerrat nieberjulegen. Politische Gründ» für eine Krifis find ebensowenig vorhanden.
Deutscher Reich.
* Die angebliche Kaiserrede in Döberitz, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande große» Aufsehen und teilweise Benn- ruhigung hervorgerufen hat, soll, wie die Information „an unterrichteter Stelle" erfahren haben will, in der Presse entstellt wiedergegeben und schon vor 14 Tagen, also vor Reval, gehalten worden sein, „in einer Zeit, wo ein Teil der auswärtigen Preffe direkt feindliche Stimmung gegen Deutschland zur Schau trug." Die genannte Korrespondenz betrachtet e» al- selbstverständlich, daß derartige Aeußerungen jeden Tag fallen könnten, da sie dazu dienen sollten, auf die Tätigkeit de» Heere» anspornend zu wirken. Ausländische Militärattechee» feien aller- ding» zur Zeit der Ansprache in Döberitz an- wesend gewesen. Im .Berliner Lokalanzeiger' totrb dagegen „auf Grund von Informationen einer unterrichteten Stelle" mitgeteilt, daß die Meldung, bet Kaiser habe am Freitag beim Kavallerie-Exerzieren in Döberitz eine kriegerische Rede gehalten, falsch ist. Was ist nun Wahrheit k Im ,Reich»anzeiged und in der .Nordd. Allg. Ztg/ sucht man vergeblich nach Aufklärung. Es ist doch seht auffallend, daß die bedeutsame Nachricht von der angeblichen politischen Ansprache de» Kaiser» in Döberitz nicht sofort offiziell dementiert worden ist, wenn sie überhaupt nicht gehalten worben ist.
Eine ben Kreisblättern zugehende, zuweilen stuch offiziös bediente Korrespondenz schreibt: Daran ist allerdings nicht mehr zu zweifeln, daß der Kaiser sich in sehr bestimmter Weise über die EinkreisungSpolitik ausgesprochen hat und wenigstens dem Sinne nach betonte: „Sie mögen nur kommen, mir sind bereit!" E» gehört in das gleiche Kapitel, daß auch im General- stabe während der letzten Wochen mit unge- wöhnlichem Eifer gearbeitet worben ist. Die Dinge liegen heute so, baß man zwar ben Kreis um unS gezogen hat, baß man bisher nicht wagte, aus dieser Situation die praktischen Konsequenzen zu ziehen.
Den Franzosen ist der angebliche Ausspruch: „Sie sollen uns nur kommen, wir find bereit!" schwer auf die Nerven gefallen. Die ganze Preffe beschäftigt sich dort damtt. Die ernsten Blätter bleiben ruhig und glauben an keine Kriegsdrohung. Angstrufe stoßen dagegen die Nationalisten aus. Sie erbliden in ben Worten des Kaisers eine ernste Drohung, welche Frankreich zur Vorsicht mahne. Der .Figaro' bageqen fragt: „Warum soll man sich wundern, baß der deutsche Kaiser zu seinen Soldaten als Soldat spricht, daß er ihnen empfiehlt, für alle Umstände, selbst die ernstesten, bereit zu sein. Man kann doch nicht von Kaiser Wilhelm ermatten, daß er auf dem Manöverfelde und in ben Kasernen eine Rebe hält, wie etwa ein Prä- fett bei einer landwirtschaftlichen Preisoerteilung." Die radikalen Blätter betonen, baß das fran
zösische Voll den entschiedenen Willen besitze, >en Frieden zu erhalten, und sprechen die feste leberzeugung aus, daß auch die französische Regierung eine durchaus friedliche Politik verfolge. Die .Ration' schreibt, die Zeit sei vorüber, wo Delcaffö und Loubet ohne Wiffen de» Minister- ratrS diplomatische Pläne schmiedeten, welche bei- nahe zu einem Rtiege geführt hätten.
* Ter Kaiser hat an Geheimrat Busley, ;>en Leiter der Danziger Flottenverein » v e r s a m m l u ng, ein Telegram m gerichtet, worin er seiner Freude über den Ausgang der Tagung Ausdruck gibt.
* Zur Danziger Tagung des deutschen FlottenvereinS wirb noch berichtet, daß Prinz Rupprecht von Bayern jetzt, nachdem der Friede im Verein wieder hergestellt und General Keim nicht wieder gewählt worben ist, baS von ihm f. Z. niebergeleqte Protektorat über den bayerischen Lcmbesverbanb bes Deutschen Flottenverein» wieder übernehmen will.
(*) Ehrenzeichen für die Feuerwehr. Der Kaiser hat an den Minister de» Innern für Preußen folgenden Erlaß gerichtet:
In Würdigung der hohen Bedeutung, welche daS Feuerlöschwesen für daS Wohl des Staates gewonnen hat, in Anerkennung ferner der Verdienste, welche die innerhalb deS Staatsgebietes bestehenden Feuerwehren sich erworben haben, endlich zum An- fporne für weitere treue Dienste will Ich für vorwurfsfreie und verdienstvolle Betätigung im Feuer- lSschdienst ein Erinnerungszeichen stiften. Ueber di. Form diese- Abzeichens und über die näheren Bestimmungen der Verleihung hat Mir der Minister bei Innern wettere Vorschläge zu unterbreiten.«
X I« der Angelegenheit des Professors Bernhard, der wegen feiner Arbeiten gegen die Polen hm von Kiel au» al» ordentlicher Pro- feffor an die Berliner Universität berufen wurde, ohne daß man die zuständige philosophische Fakultät befragt hätte, wirb bie Fakultät Ende bet Woche zusammentreten, um bem Kultusminister gegenüber zum Ausdruck zu bringen, baß sie sich in ihren Rechten übergangen fühlt.
r. Maßregelungen von Zentrumswählern. Wie mir schon mitteilten, ist auf ber Ferdinands- grübe bei Kattowitz mehr als 20 Arbeitern ohne Grund gekündigt worden, nachdem sie bei ber Landtagswahl für das Zentrum gestimmt hatten, darunter einem 63 Jahre alten Manne, der bereits 37 Jahre auf der Grube gearbeitet hat. AuS Anlaß dieser Dorkommniffe bat daS katholische Pfarramt von Bogutschütz ben Direktor brieflich, ben Maßregelungen ber Zentrumswähler feiten» einiger Beamten bet Grube im Interesse be» guten Einvernehmens zwischen Arbeitern und Arbeitgebern Einhalt zu tun. Der Brief war in ber höflichsten Weise abgefaßt. Die Antwort beS Direktors enthielt folgende Stelle:
„Der Einmischung Außenstehender in die internen Berdällmsie des Werkes bedarf eS zur Aufrechterhaltung und Förderung dieses guten Einvernehmens nicht, ich halte sie vielmehr für nachtrUig und lehne sie daher ab«.
Daraufhin sah sich der Pfarrer veranlaßt, folgende treffende Antwort zu geben:
„Mit keinem Worte habe ich mich jemals in Ihren technischen Betrieb gemischt. Sie scheinen indeS zu übersehen, daß nur die Hände der Arbeiter Ihnen gehören, mir di, Gemisien, soweit es sich um meine Pfarrkinder handelt. Hier bin ich kein „Außenstehender«, sondern ihr Seelsorge r. Als solcher muß ich Ihnen zum Vorwurfe machen, daß Sie am Feste „Ehristi- Himmelfahrt« durch die sich über den ganzen Vormittag erstreckend, „Wahlinstruktion«, welche doch wohl
nicht zum Grubenbetriebe gehört, N" katholischen Beamten von dem pfli chtmäßtgen Besuche deS Gottesdienstes abgehalten Haden . . . . DaS Vorgehen eines großen Teiles Ihrer Beamten charakterisiert sich als eine Irreleitung katholisch e r Gewissen, zu der ich nicht schweigen darf. Handelte eS sich doch um die Wahl eine- ausgesprochenen Gegner- der katholischen Konfession und der christlichen Schule — und nicht «m Grubenbetrieb. Da war eS ein Akt deS katholischen Glaubens- b.kenntniffes, gegen eine solche Kandidatur Stellung zu nehmen . . . Dazu kommt, daß dies, Herren sich nM entdlöden, auch meine Autorität vor den Leuten durch höhnische Redensarten ju untergraben. Ich will chließen mit den schönen Worten Ihres Httrn Kollegen, Berqwerksdirektor Jüngst, von bet Äeophasgrube.
Fch halte eS unter meinet Würde, di. Arbeite r wegen der Wahl zu bestraf en .
»* Ter Alterspräsident des Reichstages Abg. Ullrich von Wmterselo-Menkin ist am Dienstag gestorben. Er war 1823 geboren. Alters- Präsident ist jetzt Abg. Graf Hompesch (Z>r.)
<$> Darmstadt, 16. Juni 1908 Die »werte Kammer beriet heute die Anträge der Abg. Köhler und Ulrich bett, die seitens der Regie- rung zum Reichsv erer nsgesetz zu erlassenden Landesbestimmungen. Der Abg. tirb (So».) tadelt, daß diese Bestimmungen nicht den freiheitlichen Forderungen der Bevölkerung und den früheren Zusicherungen der Regierung entsprechen; sie bleiben hinter denjenigen anderer süddeutschen Staaten zurück. Redner sucht dies im einzelnen nachzuweisen. Die Abgg. Rolle und Wolf (Zentrum) schließen sich im allgemeinen dieser Kritik an. Minister Dr. Braun stellt fest, daß für die zu erlassenden Landesbestim- mungcn der Wunsch nach möglichst gleichmäßiger Gestaltung des Rechtszustandes in Suddeutschland maßgebend gewesen sei. Im übrigen unter- liegen die Ausführungsbestimmungen nicht der Mitwirkung der Einzellandtage. Der Minister sucht dann die einzelnen Verordnungsbestimmungen zu rechtfertigen. Abg. M o l t ha n (Ztr.) tadelte die Haltung der hessischen Regierung, die im Interesse der Gleichmäßigkeit des Rechtszu- staiides im Reiche einer Verschlechterung der Hess. Vereins- und Versammlungsfreiheit zugestimmt hat. Zum mindesten hätte jetzt bei den Aus- führungsbestimmungen eine liberale Handhabung folgen müssen. Mit der Annahme des Reichsgesetzes durch die Blockmehrheit des Reichstages sei Hessen empfindlich geschädigt worden. Der sozialistische Abg. Ulrich glaubt,, baß alle politischen Parteien an einen freiheitlichen Handhabung des Gesetzes interessiert sein sollen. , Namentlich in ber Frage der Anmeldung politischer Vereine und der Versammlimgen weisen die hessischen Bestimmungen Erschwerungen aus, die nicht scharf genug zu tadeln seien. Abg. Dr. Osann (ntl.) bedauert, daß der Minister des Innern während der heutigen Debatte durch einen Vortrag beim Großherzog von den Verhandlungen abberufen wurde. Das Hans beschließt, die Verhandlungen bis zum Erscheinen des Ministers zu unterbrechen. Ein Antrag des Abg. Rolle betr. die Errichtung einer Reformbildungsanstalt für Volksschullehrer gibt zu einer längeren Debatte über die Ausbildung der Lehrer Veranlassung . Es wird dabei von dem Antragsteller die Vorbildung in der Realschule verlangt. Ein sozialdemokratischer Antrag verlangt im Einklang mit einer Vorstellung der freien christlichen Gemeinden die T r e n n u ng von Kirche und Schule. Der Ausschuß beantragt Ablehnung des Antrages. Abg, Dr. D a - vid (Soz.) verteidigt denselben, indem er namentlich die Beseitigung des Religionsunterrichts aus beim Lehrplan der Volksschule der- langt. Damit beseitige man auch den Widersprach, in welchen der Lehrer — mit bem Zwang der Erteilung des Religionsunterrichtes gerate. Frömmelnde Heuchelei werde damtt der Jugend
„O, wie soll ich es ihm begreiflich machen, baß ich nicht kommen kann? sagte das Mädchen. „Was kann ich tun?"
„Wirst Du gehen?" rief Vitus, der seine Macht vor den anderen Dienstboten zeigen wollte. „Fort, oder ich lasse meinen Hund auf Dich los."
Nelly rang verzweifelnd die Hände.
„O, das ist hart", murmelte sie. „Zeuge solcher Rohheit zu feint Vitus wird jedoch nicht wagen, dem armen Ferdinand ein Leid zuzn- fügen." . ,
Gessrey Jebb trat an die Seite Guido s, um ihn im Notfall zu beschützen.
„Bringe ihn zurück, Gessrey", sagte Nelly, „und gib ihm zu verstehen, daß ich nicht kommen kann. Sei aber freundlich mit ihm. Nun geh'!"
Aber Harrington wollte nicht gehen. Kein Bitten, kein freundliches Zureden brachte ihn von der Stelle; er hatte nur einen Gedanken und dieser war Nelly, von ber ihn niemanb trennen sollte.
„Geh' weg da, Mädchen", sagte Vitus zu der Kleinen, die noch immer Guido's Hand sesthielt, „ich will den Hund auf, den Irren loslassen. Wir wollen ihm begreiflich machen, daß er zu gehen hat, wenn es ihm besohlem wird."
Ein Schrei des Entsetzens ertönte gleichzeitig von der Haushälterin auf ber Terrasse und von Mrs. Jebb auf dem Balkon.
Der ftanzöfische Koch stieß einen Fluch aus und der Kutscher gab seine Lust an dem zu erwartenden Schauspiel zu erkennen und spornte Situ» zur Ausführung desselben an.
Ob es Vttus mit seiner Drohung Ernst war, läßt sich nicht sagen, denn kaum war das letzte Wort über seine Lippen, da kam um die Ecke der Hauses Mr. Gildon, welcher den Lärm gebärt hatte und sehen wollte, wa» die Ursache desselben war. Nur ein einziger Blick auf die Szene genügte, um ihm die ganze Sache klar zu machen.
„Zurück da, Vitus!" tief er mit donnerndes Stimme. „Wenn Du den Hund auf den Gerste»- kranken losläßt, wirft Du diese Tat mit Deine« Leben zu bezahlen haben. Zuruck!"
Verdrießlich und beschämt zog sich Vitus mW feinem Hunde zurück. >
Mit einer HandbewegunH beutete Gilbon dem Koch und der Haushälterin an, daß sie u* Haus gehen sollten, welchem Winke sie sofort Folge leisteten. .
Gildon wandte nun fernen Blick auf Harrington. welcher denselben krank und gfetd?gw tig erwiderte.
„Und Sie", sagte er, und ferne Stimm» Hang etwas bewegt, „Sie miiffen gehen, vw flehen Sie? Gehen! Und kommen Sie nutz» mehr wieder! '
Guido jedoch blieb unbÄveglich.
,^ch will zu Nelly!" Jagte er.
„Sie können nicht zu chrl erwiderte don. „Ich sage Ihnen, Sie sollen gehen. Ich kann Ihren Anblick nicht ertragen! Wcutze» Mißgeschick brachte Sie auf meinen Pfad? Wenn Sie nicht sogleich gehen, werden Sie mich zur Gewalt reizen." _
Guido verstand die Bedeutung ber Wort» nicht; wieder ries er den Namen Nellys und bat sie, zu ihm zu kommen.
„Vitus l" rief Gildon, binde Deinen Hund dort an das Gitter; dann führe den Blödsinnigen nach dem Hause Vicini» zurück, füge ihm aber kein Leid zu. Der Frau Vicini kannst Du sagen, daß sie bester auf ihren Pflegling achten soll; denn wenn er noch einmal nach der Billa kommt, würde ich ihn in einer Irrenanstalt unterbringen. Der Kutscher kann Dir helfe« ihn fortzuschassen."
Vitus und der Kutscher taten, wie ihnen befohlen und führten ihn fort
Nelly sah ihnen noch eine weile traurig nach, dann trat sie in ihr Zimmer zurück.
Huldaer W Zeitung
«tnöruckerei tu §uld«
W°ch-Nb«n°g-: „Illustrierte §onntag;;eitung" ~ „Küdatt Seschichtrblaüer
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
31] (Nachdruck verboten).
In diesem Augenblick erschallte das Gebell des Hundes und die Stimme Vitus', welche dem Hunde Ruhe gebot; gleich darauf aber drang ein anderer Ton an die Ohren der beiden Gesänge» [neu. „
„Nelly l Nelly!" rief eine etwas schwach klingende Stimme.
1 Das junge Mädchen sprang rasch auf, riß das Fenster auf, und trat mit Mrs. Jebb hinaus auf ben Balkon.
„Ferdinand!" rief sie erregt. „Ferdinand, wo sind Sie?"
Sie hatte die Stimme sogleich erkannt; ihr Herz schlug freudig unter ihrem wogenden Busen. ihre Wangen glühten und ihre Stimme bebte, als sie Guido's Ruf beantwortete
Und Guido Harrington stand unten auf der / Terrasse, gerade unter Nelly's Fenster, bei deren I Ruf er sein bleiches Gesicht erhob. Er sah trau- j tig aus, als hätte er eine Ahnung von des Mädchens Not.
Ein kleines sizilianisches Mädchen, welches ihm den Weg nach der Villa gezeigt, hielt sich fest an seiner Hand.
Als der Unglückliche den ganzen Vormittag vergebens wartete, von Stunde zu Stunde im- i'mer unruhiger wurde, und selbst Speise und 'Trank entschieden zurückwies, hatte er sich endlich ausgemacht und den Berg verlassen. Er hatte bereits eine Strecke des Weges, auf bem er Nelly stets hatte kommen und gehen scheu, zuruckgelegt, als Frau Vicini sein Vorhaben entdeckte Vor dem kleinen Fischerdorfe ereilte sie ihn und suchte ihn zur Umkehr zu bewegen; aber auf all ihre Vorstellungen und Ermahnungen hatte ter ein Wort zur Erwiderung, und dieses war her Name Nelly. Da Frau Vicini sah, daß sie