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35. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 13. Juni 1908.

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Carl Schütte;

xKÄ wochenbellage: „Illustrierte Zonntagszeitung"

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mmatrbrllage! „Klldaer Geschichtsblätter"

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»otatiourdruckuud Verlag der Fuldaer Ak. ttendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr.».

Zweites latf.

wochen-Rundfchau.

3 Fulda, 13. Juni 1908.

Das Ergebnis der preußischen Land­tag s w a h l e n hat die Liberalen nicht befrie­digt. Die liberale Presse sucht nun in schonenden Wendungen ihre Leser darüber hintvegzutäuschen mit dem Trost, daß nur einfach „alles beim alten" bleibe. So liegt denn eben die Sache doch nicht. Die pompösen Wahlaufrufe der liberalen und s/reisinnigen Parteien und die „begeisterten" Re­den ihrer Wahlkämpen dürfen doch nicht so schnell Unter den Tisch geschoben werden. Darnach hat es sich um nichts geringeres gehandelt, als um einen groß angelegten und eifrigst betriebenen allgemeinen Vorstoß gegen die „konser­vativ-klerikale Mehrheit", um einen bitterernsten Versuch, diese-alte Mehrheit zu bre­chen und einen Kulturblock im preußischen Abgeordnetenhause zu begründen. Dieser pom­pöse Feldzug ist t o t a l g e s ch e i t e r t. Es gibt im neuen Hause keinen Kulturblock, son­dern nach wie vor kann die viel gescholtene und bereits, totgesagte „reaktionäre" oder „konserva­tiv-klerikale Mehrheit" den liberalen Kultur- kampfgelllsten in Sachen der Schul- und der Kir- chenpolitik sich entgegenstellen. Oder mit anderen Worten: die Vorkämpfer der „aufgeklärten" Weltanschauung sind gründlich den Vertretern der ch r i st l i ch e n Weltanschauung unterle­gen.,, Die Niederlage des Liberalismus darf nicht bemäntelt werden. Er hat die ihm gebührenden Hiebe, erhalten. Dabei verkennen wir nicht die Schwierigkeiten, die nach wie vor innerhalb der sogenannten „konservativ-klerikalen Mehrheit" bestehen. In der, Eigenart der preußischen Kon­servativen sowie in den konfessionellen Vorurtei­len, auf protestantischer Seite, die vom „Evan­gelischen Bunde" stets genährt werden, liegen mancherlei Hemmnisse für ein andauerndes Zu­sammenwirken der antiliberalen Parteien, und »davon werden namentlich die Nationalliberalen Mich fernerhin zu, profitieren wissen. Aber wir hoffen doch, daß diese Schwierigkeiten fortan we­nigstens nicht größer sein werden, als bisher. Vielleicht wird sogar die gemeinsame scharfe Bekämpfung durch den ganzen Liberalismus, der ^ausdrücklich gegen die „konservativ-klerikale" Ge­meinschaft gerichtete Vernichtungsversuch das Verständnis unter den Vertretern der christlichen Weltanschauung fördern und insbesondere in der Verteidigung der konfessionellen Schule eine verbesserte Waffenbrüderschaft her­beiführen. Dann würde die vielbekämpfte „kon­servativ-klerikale Mehrheit" nicht bloß eine zah­lenmäßige, sondern auch eine moralische Kraftvermehrung aus dem Jungbrunnen dieser Wahl davontragen. Der K u l t u r b l o ck ist ab­geschlagen. lieber die Rückwirkung dieses Ereig­nisses auf die Blockpolitik im Reiche braucht man sich heute den Kopf noch nicht zu zerbrechen. Je­denfalls sind die Aussichten für den Fortbestand des Reichstagsblocks nicht verbessert. Das Zen­trum hat also alle Ursache, mit dem Ausgang der Wahlen zufrieden zu sein. Es hat wieder bewie­sen, daß es fest gegründet steht im Herzen seiner Wählerschaft, daß die starken Wurzeln seiner Kraft in der breiten Volksmasse zäh und boden­ständig wurzeln. Wir sind einig in den

Grundsätzen. In den liberalen Kreisen herrscht Zerfahrenheit der Meinungen, es fehlt der gemeinsame Boden. Der Wahlkampf hat ein deutliches Bild dieses Auseinanderstrebens der verschiedenen liberalen Richtungen ergeben. Wir haben dagegen gezeigt, wie wir die großen idealen Grundprinzipien unserer Partei klar vor Augen haben und im Herzen bewahren. Soll es so bleiben, dann dürfen wir es nicht an politi­schem Unterricht fehlen lassen. Aufklärung müssen wir suchen und verbreiten durch unsere Presse, in Beweinen und Versammlungen, besonders auch in der eigenen Familie. Die Wahl hat auch ge­zeigt, daß wir einig sind nicht nur in den Grundsätzen, sondern auch in der Disziplin. Wahren wir auch in der Zukunft diese Einigkeit in den Grundsätzen, diese musterhafte Einigkeit in der Disziplin — und fruchtlos wird das Be­mühen unserer Gegner sein, den Zentrumsturm zu erschüttern.

Der s ä ch s i s ch e L a n d t a g, der sich mit der Wahlreform zu beschäftigen hat, ist ganz unver­mutet bis>zum Herbste vertagt worden, da eine Einigung zwischen Landtagsmehrheit und Regie­rung nicht zu erreichen war.

Die württembergische Regierung hat ein neues Schulgesetz vorgelegt, das die bis­her bestehende geistliche Bezirks- und Ortsschul- aufficht abschaffen will, auch der Religionsunter­richt soll aus seiner zentralen Stellung entfernt werden. Die linksstehende Presse stellt sich so, als könne sie damit nicht zufrieden fein; aber sie kann doch nur schlecht die Freude ob dieses Ent­gegenkommens unterdrücken. Das katholische Volk hat sich in Massenkundgebungen einmütig für die Beibehaltung der bestehenden Einrichtun­gen ausgesprochen, aber die Regierung nimmt hierauf keine Rücksicht; auf der ganzen Linie rückt man gegen die Katholiken vor.

Nach der englisch-französischen Verbrüderungs­feier in London ist nunmehr in dieser Woche die viel erörterte Monarchen begegn ung zwischen dem Zaren Nikolaus und dem König Eduard von Eirg*land auf der Rhede von Reval zustande gekommen. An den nötigen Vorsichtsmaßregeln hatte es nicht ge­fehlt. Alle ankommenden Handelsfahrzeuge muß­ten auf 7 Kilometer am Geschwader vorübergehen. Soweit kein Raum int Hafen war, durften sie erst ein Kilometer vom Geschwader entfernt löschen oder laden. Ruderboote oder Jachten und Segel­boote konnten nur beschränkt, Motorboote über­haupt nicht fahren. Nach Sonnenuntergang mußte der Verkehr von Handels- und Proviant­fahrzeugen jeder Art vollständig eingestellt wer­den. Der Eintritt in den Hafen wurde jedem verwehrt, der keinen Spezialpaß aufweifen konnte. Hierbei passierte es, daß ein Kaufmann ans Reval, dem große Lieferungen für die eng­lische Königsjacht übertragen waren, sich vergeb­lich bemühte, diese nach dem Hafen zu bringen; selbst die Leichterschiffe mit Kohlen für die Facht „Viktoria and Albert" standen unter militärischer Ueberivachung. Alle Welt ist darin einig, daß es etwas ganz besonderes fein müsse, was König Eduard und der Zar miteinander zu verhandeln haben. Ganz abgesehen, daß es der erste Besuch ist, den König Eduard dem Zaren abstattet, bietet ja das Verhältnis zwischen beiden Ländern Pro­bleme genug für ernste Besprechungen und Ver­handlungen. Da ist die Nord- und Ostseefrage, die trotz den letzten Verträgen noch manche Lücken aufweist; da ist die Balkanfrage, eines der ernste­sten Kapitel wohl der Zukunft; da ist die Sorge

um die Abgrenzung der asiatischen Interessen Englands und Rußlands. Im Hintergrund' aber tritt der „andere" Dreibund England-Frankreich Rußland in die Erscheinung. Und über diese Er­scheinung freut sich Frankreich, weil es in ihr einen Schutz und Schirm gegen Deutschland er­blickt; es freut sich England, weil es in Indien keine Gvenzschmerzen mehr hat, und es freut sich auch Rußland, weil es sich trotz der asiatischen Niederlage als ausschlaggebende Großmacht fühlt. Die größte Freude empfindet man aber doch wohl in Frankreich, wo man Fallitzres auch bald in die russischen Gewässer reifen läßt. In deutschen offi­ziösen Blättern wird wieder mit der Versicherung zu beruhigen versucht, König Eduards Reise nach Rußland sei der deutschem Regierung offiziell angezeigt worden, und sie entbehre durchaus des politischen Charakters. Das letztere glaube, wer will. Für eine bloße „Stippvisite" pflegt man nicht auf beiden Seiten die maßgebenden Mini­ster mitzunehmen.

In Rußland hat die Duma bei der Bera­tung des Etats des Marineministeriums mit 194 gegen 78 Stimmen den geforderten Kredit von rund 11 Mill. Rubel für den Bau neuer Panzer­schiffe abgelehnt. Ministerpräsident Stolypin gab in seiner Rede für die Vorlage an, daß er für eine verlorene Sache plädiere. Aber die Regie­rung könne sich der Meinung der Dumamehrheit nicht anschließen.

Die Wirrenin Perfien wollen fein Ende nehmen. Der Schah lagert in Baghschah außer­halb der Stadt mit einer ihm zur Verfügung stehenden Streitmacht. Die politischen Klubs, welche Hand auf den königlichen Schatz und das Arsenal legen wollten, fanden beide leer. Das Verbot des Waffentragens und die Verhaftung des Onkels des Schahs, Zill es Sultan, dessen Sohnes und anderer Personen riefen eine Panik hervor. Es sind Anzeichen vorhanden, die auf eine Stärkung der Partei des Schahs hindeuten.

In Marokko haben sich die Franzosen end­lich zur Räumung des Schaujagebietes veranlaßt gesehen. Ueberhaupt ist in der französischen Ma­rokkopolitik ein völliger Umschwung wahrzuneh­men. Mulay Hafid selbst- hat seinen Einzug in Fez unter großem Pomp gehalten, sodaß ihm wohl keine weitern Schwierigkeiten zu feiner Pro­klamation im Lande gemacht werden dürften. Wenn Mulay Hafid sich, wie er ja dies des öfteren erklärt hat, auf den Boden der Vereinbarungen von Alge:riras stellt, so müßte auch Frankreich nach seiner Proklamierung zum Sultan sich her- beilasfen, mit ihm zu unterhandeln. Freilich müßte es dann Abdul Aziz gänzlich seinem Schick­sal überlassen.

Deutsches Reich.

d* „Blockerfolge". Die „Tägliche Rundschau" vrahlt, 292 Mandate zum Abgeordnetenhause hätten die Blockparteien bereits erlangt, also die Zweidrittelmehrheit. Damit glaubt das Blatt dann bewiesen zu haben, daß der Block- gebaute im preußischen Volke ein sehr kräf­tiges Echo gefunden habe. Ein Taschenspieler­trick, und nicht einmal ein feiner! Im preu­ßischen Abgeordnetenhaufe besteht feit undenk­lichen Zeiten, längst vor der „glorreichen" Block­ära, die Möglichkeit, eine Mehrheit zu bilden aus Konservativen und Freikonservativen. National- liberalen und Freisinnigen. Aber außerdem gibt es eine andere Mehrheitsbildung, und zwar

aus Konservativen und Zentrum. Diese Mehr« bett zu vernichten, war das Ziel der liberalert Wahlagitation, das mit dem Aufgebot aller Macht erreicht werden sollte, und dieses Ziel ist den Liberalen mit Glanz vorbeigelungen. Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen der preußischen und der gegenwärtigen, Reichs­politik. Im Reich haben sich Konservative und Liberale mit Einschluß der Freisinnigen zusam­men in das Blockgefchirr spannen lassen; im Ab- geordnetenhaufe aber stehen die Konservativen der Linken selbständig und selbstbewußt gegen­über, sie haben sich dort ihre freie Hand zu wah­ren gewußt und werden es nach der glücklich be­standenen Kraftprobe erst recht verstehem Ferner ist die Haltung der Regierung im Reich unb Preußen grundverschieden. Der Reichskanzler hat sich solidarisch gemacht mit der Blockmehrheit im Reichstage, so daß er nur mit dieser Gruppe regieren kann; das preußische Staatsmini­sterium aber hat eine solche Erklärung, Worte oder Taten nicht abgegeben, so daß es nach toie vor über den Parteien steht und das @ute neh­men kann, wo es zu finden ist, sei es bei der „kon­servativ-klerikalen" Mehrheit, sei es bei einer konservativ-liberalen Mehrheit. Kurz gesagt: Das Zentrum ist im Abgeordneten - Hanse nicht ansgeschaltet. Als folgerich­tiger Politiker mußte Fürst Bülow natürlich wün­schen, daß die Ausschaltung des Zentrums auch in Preußen gelänge. Darum wäre es ihm gewiß lieb gewesen, wenn die vereinigten Libe­ralen soviel Erfolge errungen hätten, daß die „konservativ-klerikale" Mehrheit unmöglich ge­worden wäre. Das ist nicht gelungen. Darum ist der Wahlausfall eine Schlappe für den Blockkanzler und für den Blockgedanken über­haupt. Die vereinigten Liberalen haben Mans bäte verloren, die scharf bekämpfte „konser­vativ-klerikale" Mehrheit hat Mandate gewon­nen. Und das soll ein Erfolg des Blocks seinH

+ Blockkonferenzen. Am letzten Donnerstay sanden in Berlin Besprechungen der Blockführer mit dem Reichsschatzsekretär und betrt Reichskanzler statt; es nahmen an der Bes sprechung teil: Bassermann, Paasche, Dr. Wie- mer, Dr. Müller-Meiningen, Dietrich, Frhr. V< Richthofen u. a. Den Blockführern hat Sydow seine neuen Entwürfe gezeigt. Das preußische Staatsministerium wird sich über .die Reichs­finanzvorlagen noch vor Beginn der Sommer­ferien, voraussichtlich in den beiden nächsten Wochen, schlüssig machen, während der Bundesrat die Vorlagen erst Ende August beraten wird.

* Der Verband jener kath. Arbeitervereine, die ihren Sitz in Berlin haben, hielt dort in den letzten Tagen eine Generalversammlung ab, in der zu den schwebenden Fragen im gewerblichen Leben Stellung genommen wurde. Außerdem wurde eine Protesterklärung gegen das neue Ver- einsgesetz beschlossen. Zu den Entwürfen über die Arbeitskammern und über die Heimarbeit wurden vorwiegend zustimmende Erklärungen an­genommen. Eine sehr entschieden gehaltene Ent­schließung richtet sich gegen den Schmutz in Wort und Bild.

/ Im freisinnigen Lager erheben sich jetzt nach der Wahlniederlage zahlreiche Stimmen, die daS Heil in einem möglichst engen Zusammen - gehen mit der Sozialdemokratie fin­den wollen. Der freisinnigeAbg. Naumann meint in feiner „Hilfe", Freisinnige und Sozialdemo­kraten müßten gemeinsam die Menschen aufrüt­teln zur Beseitigung des preußischen Wahl«

Unpolitische Zeitkäufe.

(::) Berlin, 11. Juni 1908.

(Nachdruck verboen.)

Güte vermehren sich nicht so stark, wie die Ge­samtzahl der Reisenden, woraus man ersieht, daß eine beträchtliche Menge Reisende auf die Brett- sitze der 3. Klasse übergeht. Und damit die 3. Klasse nicht zu voll werde, wandern sparsame

leuchtung verbessert. Man sitzt nicht so weich, wie in der 2. Klasse, aber sonst ganz nett; im Som­mer ist sogar die Luft in der 3. Klasse oft besser, als in den „höheren" Klassen mit ihren staubigen und hitzenben Polstern.

König, Präsidenten, Minister und Gesandte weisen in einem fort kreuz unb quer über Länber unb Meere. Einst ging das Handwerk auf die Walze, jetzt die hohe Politik. Im Zeitalter des Woltpostvertrages, der unter- und oberirdischen Telegraphen, des Telephons und des Telefunken läßt sich eigentlich alles ganz gut ohne persönliche Begegnung abmachen. Die hohen Herrschaften betreiben aber doch ihr Geschäft im Umherziehen. Sie ziehen den mündlichen Verkehr unter vier Augen dem schönen Briefwechsel vor, ähnlich den Perliebten. Es ist ihnen ja auch das Reisen so bequem gemacht. Im Salonwagen oder auf der wohnlichen Jacht ist es recht gemütlich; da kann man tn aller Ruhe darüber nachdenken wie Kaiser Heinrich IV. einst im Winter über die Al­pen geklettert ist, um nach Kanossa zu kommen unb wie der erste Napoleon nach seiner russischen Niederlage in Schlitten unb Kutschen von Mos­kau nach Paris raste, um der Unglücksbotschast zuvorzukornmen.

Das Reisefieber ergreift nicht bloß die Gro- ßen, sondern auch die Kleinen. Jetzt kommen wir toieber in die Jahreszeit, welche den Säuglingen den Brechdurchfall unb den übrigen Leuten die Fahrsucht bescheert. Fahrsucht ist das richtige Wort; denn die alte bescheidene Fußwanderung läßt sich nur noch bei den untersten Klassen der Schulen in Reinkultur erhalten. Die „mittleren" Jungen und Mädchen wollen schon ihre Ausflüge der Bahn ober Dampfer in die weitere Well aus- dehnen, und mit den Jahren wächst die Begehr- »tchkeit nach großen Entfernungen, oder die Kilo- ineterfrefferei. Tausende unb Abertausende fa­ßen im Hochsommer: Mein Heim ist die Eisen- hahn!

In dieser fahrsüchtigen Zeit tritt nun eine Er- auf, die den Bahnverwaltungen viel k^pfschmerzen macht: die sog. Abwanderung in x'e niedrigeren Wagenklassen. Die Zahl »er Passaglere in der 1. Wagenklasse nimmt stetig Po. In der 2. Klasse tritt freilich noch keine Ver- »derung ein, aber die Insassen der Polster 2.

Leute in die Salons der 4. Klasse (ober in Süd- bentschland in bie Klasse 3b, wo man auch nur 2 Psg. für das Kilometer zu bezahlen braucht). Es steckt also in dem Reifepublikum ein Zug der Selbsterniedrigung, der mit der fonftigen Ent­wicklung der Lebensgewohnheiten nicht recht har­moniert. Auf fast allen anderen Gebieten steigt der Aufwand; der moderne Mensch will es recht bequem haben, vor allem recht „fein", — mag es auch etwas mehr kosten. Bei der Eisenbahnfahrt scheint ober die Sparsamkeit den Ton anzugeben.

„Das kommt von der Fahrkartensteuer", sagen oberflächliche Naturforscher. Ach was, das bis­chen Fahrkartensteuer bildet höchstens einen Tro­pfen in der rückläufigen Welle. Viel wirksamer sind die sonstigen Verteuerungen des Reisens (Schnellzugszuschlag, Aushebung der Gepäckfrei­heit), die mancher durch Wahl einer billigeren Wagenklasse wett zu machen sucht. Die Wurzel der Erscheinung liegt aber tiefer. Durch Er­fahrung wird man klug, und so hat denn das Volk durch die häufige Benutzung der Eisenbahn­wagen allmählich die Kunst des billigen Nei- sens gelernt. Die Technik der Eisenbahnbenutz­ung ist in die Massen eingedrungen. Man reift mit mehr Zielbewußtsein und Rücksichtslosigkeit. Das zeigt sich u. a. auch in der Wahl der Reise­kleidung. Früher glaubte man sich vor den Augen der Mitreisenden in feinem Zeug zeigen zu müssen; jetzt begnügen sich sogar die Damen mit einfachen Waschkleidern ober Staubmänteln, die praktisch und vielleicht auch niedlich, aber nicht protzig sind.

. Im übrigen haben die Bahnverwaltungen selbst eine große Mitschuld an der Abwanderung in die untere Wagenklasse, unb zwar eine ehrenvolle und dankenswerte Mitschuld. Zunächst haben sie die Wagen der unteren Klassen immer in einem fort verbessert. Die 4. Klasse ist mit Sitzen an den Seiten versehen worden, wodurch sie vielfach zu einem red# leidlichen Salonwagen wird. In der 3. Klasse sind die Fenster erweitert, die Sitze be- quemgemacht, bie Lüftung, die Heizung, die Btz-

Dann ist aber besonders zu beachten, daß die v-Züge mit ihren Durchgangswagen eine große erzie^rische Wirkung auf das Reisepublikum aus- geübt haben. In den v-Ziigen werden verglei­chende Studien gemacht. Der Reisende bewegt sich durch die Wagen und sieht dabei, wie es in den anderen Klassen zugeht. Er merkt, daß man in diesen Zügen nicht auf der harten Bank der III. Klasse festgenagelt ist. Der Speisewagen, die Wafchvorrichtungen, die Gänge sind Gemein­gut aller Wagenklassen, unb diese Dinge sind von großer Bedeutung für bie Behaglichkeit während der Fahrt. Der Fahrgast 3. Klaste findet ebenso­gut sein Waschwasser, sein sauberes Handtüchlein und den sonstigen Komfort zur Reinigung und Erfrischung, wie der mehrzahlende Fchhrgast -ber 2. ober 1. Klasse. Also warum soll er sich die Mehrkosten für den Polstersitz auferlegen? Bei einer Nachtfahrt bietet ja der weiche Sitz mit der weichen Lehne noch schätzbare Vorteile; doch am Tage hilft man sich auch auf den Bänken durch Auf einer solchen Tagesreife hat man die Kosten für Nachtquartier unb Zehrung schon ausgespart. Wer alt, schwächlich ober empfinbsam ist, mag ;a auch bei Tage sich eine feinere Klaffe leisten; die übrigen Fahrgäste vergeben sich aber nichts, wenn sie die Billigkeit ausschlaggebend sein lassen.

Ich glaube, die Bahnverwaltungen müssen sich darauf einrichten, baß die Abwanderung in die billigeren Klassen fortbauern wird. Wie sie dabei zurecht kommen, ist ihre Sache. Auf dem Wege der Preiserhöhung geht es freilich nicht; denn jede Verteuerung führt zu einem Rückgang der Gesamtzahl der Reisenden und treibt die verblei­benden Fahrgäste erst recht in die billigeren Klas­sen. Es wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß bie Verwaltung bie schlecht rentierende 1. Klaste aus den Personen- unb Eilzügen ent­fernt unb die Zahl der Wagen 2. Klasse dem sin­kenden Bedürfnis gemäß verringert. (Auf den meisten Strecken wird die Verringerung wohl nur relativ zu sein brauchen, d. h. man wirb bie Wa­gen 8. unb 4. Klasse stärker vermehren müsten, als die 8. KW«.)

Die Herren Eisenbahnminister werden gewiß auf unsere Ratschläge nicht begierig fein. Den reiselustigen Mitbürgern möchte ich aber gern einige praktische Winke zur Verfügung stellen.

Bei einer Vergnügungsreise hat man bekannt­lich mehr Wahlfreiheit, als bei einet Geschäfts­reise. Wer es eilig hat ober den Tag für feine Arbeit an bem fremden Orte braucht, muß oft die Nacht an dem ftemden Orte zubringen. Der Vergnügungsreisqnbe sollte die Tagfahrt vor­ziehen; sie ist weniger anstrengend und bietet mehr Genuß und auch Belehrung, weil man doch etwas von der Gegend sieht.

Während der Tagesfahrt kann man auch von der Unterhaltung mit den übrigen Fahrgästen profitieren. In dieser Hinsicht sind wir Nord-' deutsche leider noch etwas steifleinen und unge­schickt. Warum soll man sich nicht die Fahrt durch Geplauder verkürzen, namentlich wenn man Fahrgäste aus anderen Landesteilen trifft, di« einem etwas Einblick in die Volksseele vermit­teln?

Jrn allgemeinen empfiehlt es sich, die schnell­sten Züge zu benutzen, die zu dem Ziele führen, auch wenn sie einen Zuschlag kosten. Für länger« Strecken sind entschieden die v-Züge zu wählen. Die Bewegungsfreiheit, die man dort hat, ist ein großer Vorteil für den Körper und das Gemüt. Aber bei kleineren Fahrten in fremde Gegenden ist oft die Benutzung der sog. Bummelzüge zu empfehlen. Wer nicht zugeknöpft ist, kann dort das Volksleben besser kennen lernen, als in den Gasthäusern, wo der Ortsgeist nicht zu Hause ist.

Bei der Festsetzung des Reifeplans beherzige man das Wort: „Warum in bie Ferne fchweifen? Sieh', das Gute liegt so nah'!" Die Kilometer­zahl macht es nicht. Erst bie nähere Umgebung erforschen unb genießen; dann nach und nach die Kreise weiter ziehen. Vor allem nicht gleich in die Weltstädte rasen, als ob in den Steinwüsten eine besondere Offenbarung zu finden wäre. Die schöne Natur im Gebirge ober am Meere ist viel mehr wert, al- alle Museen und sonstigen Schau­stellungen von menschlichen Leistungen. Wenig, aber mit Gründlichkeit unb Ruhe genoffen!

Schließlich: im August treffen wir uns auf bem Katholikentage in Düsseldorf!