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35. Jahrgang,

Fulda, Freitag den 12. Juni 1908,

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- lnch ein Jubiläum.

In unserer Zeit, wo man sogen Jubiläen feiert, wird ein bemerkenswertes politisches Er­eignis, das jetzt 60 Jahre hinter uns liegt kaum mehr beachtet. Es ist die Tatsache, baß in die

Bereitwillig erfüllte das Mädchen diese Bitte. Frau Dicini lehnte die Einladung ab, ließ ihrem Verwandten mitteilen, daß bie braune Ziege fehr krank sei, daß Tomaso einen recht lohnenden Fan- in Fischen gemacht habe und daß der „unglück­liche junge Engländer" noch immer so Ware wie

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

(Rachdruck verboten).

Die Landtagswahlen.

(*) Hünfeld, 11. Juni 1908. Für die Landtagswahl am 16. Juni versammeln sich die Zentrumswahlmänner des Wahlkreises Hünseld- GerSfeld altem Herkommen gemäß, von dem auch diesmal nicht abgegangen werden soll, gleick nach Ankunst des ZuaeS von Fulda (Abfahrt in Fulda 8.44 Uhr, Ankunft in Hünfeld 9.08 Uhr) im Hotel „Zum Engel«. Herr Reichs- tagSabg. Rich. Müller und der Kandidat, Herr Amtsqerichtssekretär Drinnenberg, werden der Versammlung beiwohnen.

* Kassel-Stadt. Die Sozialdemokraten wollen einen eigenen Kandidaten in der Perlon de§ Stadtverordneten Thöne aufstellen, obgleich sie nur 86 Wahlmänner zählen.

* Eschwege-Schmalkalden Nach einer Mit­teilung des ,'Eschweaer Tageblattes' soll nicht eine Mehrheit für Dr. Wendland (Nl.) sondern für den seitherigen freikonservativen Abgeordneten von Christen vorhanden sein.

Lari Schütter

nwnbtnage:.IllustrierteSomtagqeitung"

preußische Nationalversammlung im Jahre 1848 ein königlicher Prinz gewählt, tourbe mW zw^ '>er nachmalige Kaiser Wrlhe>Im L Als Abgeordneter des Wirsitzer Kretses hielt er sich ür verpflichtet, am 8. Juni deS genannten Jah­res, also gerade vor 60 Jahren tm durlamente einen Wählern für das ihm geschenkte Vertrau«

flartnidetd in Kuldff

Monatrbellage: „Zuldatt GeschichtrblStter

Deutscher Reich.

(*) Der Kaiser hielt Donnerstag morgen auf dem Truppenübungsplatz Döberitz eine Be­sichtigung mehrerer Garde-Ulanenregimenier ab und nahm dann im Kasino des Lagers an dem Frühstück deS Offizierskorps der Regimenter teil.

= Die Sommertagung des Landtages, be­kanntlich eine rein formelle Tagung, wird vor- auLfichtlich nur 2 Tage dauern, den 26. und 27. Juni. DaS Abgeordnetenhaus dürfte an diesen Tagen nur die Wahlen in den Abteilungen prüfen und daS Präsidium wählen. Die Haupttagung beginnt erst im Herbst.

Die deutsche Hochseeflotte wrrd ihre dies- jährige Sommerreise nach dem Atlantischen Ozean machen. Die Ausreise von Kiel auS soll am 10. oder 11. Juli erfolgen. Die Rückkehr erfolgt am 13. August.-

• Zur Rrichsfinanzreform. Der Reichsschatz­sekretär hat sich über seine Finanzreformpläne mit dem Berliner Korrespondenten des Pariser „Temps" unterhalten. Es wird darin bestätigt daß ber notwendige Betrag neuer Steuern sich auf 400 Millionen jährlich belaufen soll, als Quellen für die neuen Steuern werden auch hier B i e r, S p i r i t u s, T a b a k und die E r b- schaftssteuer genannt. Das Nähere ist frei­lich auch dem Temps-Korresponbenten nicht bet­raten worden. Weiter solle eine Abänderung des Systems der Matrikularbeiträge herbeigeführt werden, und zwar zu dem Zweck, auf diese Weise dem Verlangen entgegenzukom­men, daß zur Deckung der Reichsbedürfnisse die Einzelstaaten zu einer Erhöhung ihrer direkten Steuern zurückgreifen müssen. Bei dieser Refor­mierung sollen die Matrikularbeiträge jedenfalls nicht mehr nur nach der Kopfzahl der Bevölke­rung, sondern nach der finanziellen Leistungs­fähigkeit der Bundesstaaten berechnet werden.

habt, wäre ich vielleicht ein armer Makler geblte- ben mein Leben lang. Das heißt," fügte er stot­ternd hinzu, „mein — mein Scharfsinn hatte zur Folge, daß mein Onkel — die Heiligen mögen ich seiner Seele erbarmen — mir sein ganzes Vermögen vermachte."

„Wann willst Du nach Neapel?"

„Morgen früh."

„Aber vielleicht ist bte schöne Giuditta schon verheiratet?" , ri

„Nein, das ist sie nicht," sagte Palestro nut listigem Lächeln. „Ich habe mich , natürlich vor- gesehen. Vor einigen Tagen schrieb ich an sie, ob die alten Abmachungen noch Giltigkeit hätten, und heute erhielt ich ihre Antwort, welche lautete, daß der alte Vertrag noch gelte, und wenn ich zweitausend Francs jährliches Einkommen hatte, konnte ich kommen. Ich habe meine Sachen schon eingepackt und morgen geht's fort. Nun wollte ich bloß noch Abschied von Dir nehmen und etne Gefälligkeit erbitten."

„Nun, was denn?"

Guido wich ihm stets aus, als ob ein In- stinkt ihn vor ihm warnte. Niemals beantwor­tete er eine seiner Fragen, selbst wenn sie eng­lisch, welche Sprache Palestro ziemlich geläufig sprechen konnte, an ihn gerichtet war.

Einige Tage nach dem Besuch Mr. Gildon's kam Palestro auch wieder und erkundigte sich nach dem jungen Engländer, worauf ihm Frau Vicini das Gutachten des Dr. Spezzio mitteilte.

Palestro war fein gekleidet; er trug eine gol­dene Nadel an der Brust, sowie goldene Man- schettenknöpfe, und ein dicker Siegelring schmückte feinen Finger.

„Hast Du eine reiche Erbschaft gemacht, Ja- capo?" fragte Theresa, indem sie ihn von allen Seiten mit großer Verwunderung betrachtete. !„So fein habe ich Dich ja noch nie gesehen I"

„Meine Geschäfte lohnen gut," erwiderte Pa­lestro, hütete sich aber zu sagen, welcher Art die Geschäfte waren. „Uebrigens hast Du auch Recht, ich habe kürzlich eine kleine Erbschaft gemacht. Nun will ich mir das Leben etwas angenehmer machen, als ich es bisher konnte und will mein Glück auch vor den Leuten sehen lassen."

„Das kann ich Dir auch nicht verdenken," er­widerte Theresa beifällig. „Aber woher bekommst Du das Geld, Jacapo? Wir haben doch keine reichen Verwandten."

. „Melleicht habt Ihr keine," entgegnete Pa- lestro stolz; ich aber hatte einen Onkel in Mes­sina, einen Fruchthändler, der ein hübsches Ver­mögen hinterlassen hat. Doch, um auf den eigent­lichen Gegenstand meines Hierseins zu kommen: Du wirst Dich erinnern, daß ich im vorigen Jahre, als ich in Neapel war, mich in ein junge- Mäd­chen namens Giuditta Carveüi, verliebte.*

„Ich sprach sie an," fuhr der Makler fort, „aber sie gab mir einen Korb. Sie sagte, daß sie die Erbin eines hübschen Weinberges sei und keinen Winkeladvokaten zum Manne nehmen würde. Ich geriet darüber in nicht geringe Auf­regung und warf ihr ihre Verwandtschaft mit den Banditen vor. Ihr Bruder ist ein Räuberhaupt­mann, sie nennen ihn den „Roten Carvelli", wie Du werbt. Sie sagte bann, wenn ich eine jähr­liche Rente von zweitausend Francs hätte und das Gasthaus, welches sie mit dem Weinberge ge­erbt hat und dem sie nun allein vorsteht, über­nehme, bann wollte sie mich heiraten, sonst aber nicht. Fluchend übet ihren Stolz verließ ich sie, denn sie hatte, wie mir damals schien, Unmög­liches von mir verlangt. Aber die Zeiten haben sich geändert! Ich habe jetzt zweitausend Francs jährlich und sogar noch tausend Francs mehr.

„Unmöglich, Jacapo! Ach, Du warst immer ein Aufschneider!" r _

„Ich schwöre daß es wahr ist, Thereia! Der alte Onkel, welcher vor einiger Zeit in Messina starb, hat mir eine solche Summe hinterlassen. Mein EntMuß steht nun fest, ich gehe nach Nea­pel und heirate Giuditta. In dem Gasthaus laßt sich ein gut Stück Geld schmieden, und die hübsche, muntere, resolute Giuditta ist so sparsam wie em Geizhals. Die ganze Familie liebt das Geld vom „Roten Carvelli" bis zu meiner zukünftigen Frau herab. Sind das nicht gute und prachtvolle Aussichten für einen so armseligen Menschen, wie ich bin?"

„Ja, wahrhaftig," sagte Theresa, noch immer jtoeifelnb. „Ein einträgliches Gasthaus — einen einträglichen Weinberg — eine sparsame Frau — was kann ein Mann mehr verlangen? Du bist ein Glückskind, Jacapo!"

Palestro strich sich behaglich den Bart.

„Ich bin nicht etwa besser, als andere Men­schen," sagte Palestro, „aber ich bin scharfblicken­der und entschlossener, und baS ist die Ursache meines Glückes. Hätte ich nicht meine Augen offen unb. kn Kopf M dem recht« Flecke-e-

= Der frühere Zentrumsabgeordnete Geh. Oberiustizrot Rintelen, der bekanntlich auS ®e- sundheitsrücksichten ein Mandat zum Abgeord­netenhause nicht wieder angenommen hat, kann in diesen Tagen die 25jährige Wiederkehr des TageS begehen, an dem er in das Abgeordneten- hau» einlrat.

Ein Konflikt zwischen dem preußischen Kul­tusministerium und der philosophischen Fakultät der Berliner Universität ist ausgebrochen. Es handelt sich um die Erruh- tung deS vierten Ordinariats für Natwnaloko- nomie, welches dem Kieler Professor und „Polen- orscher" Ludwig Bernhard von der Regierung ibertragen wurde, ohne daß man bte Fakultät um ihre Meinung befragte. Nach Angabe eini­ger Blätter soll bei Berufung Bernhards weniger «n nationalökonomisches Wissen ausschlaggebend gewesen fein, als vielmehr feine Polenstudien. Man habe sich ihn erhalten wollen, um die Fort- ührung von Untersuchungen über die polnischen Verhältnisse zu sichern. Somit hätte man es hier mit rein politischen Zwecken und retn politischen Gründen zu tun. Daß sich dagegen die Berliner Fakultät-wehrt, kann man ihr nicht verdenken.

* Die Reform der Krankenkassen. Im Reichsamte des Innern fanden gestern unter dem Vorsitze deS Staatssekretärs v. Bethmann-Holl- weg Sitzungen über die Reform der Krankenkassen statt, an denen zahlreiche Vertreter der Aerzte- schaft und hervorragende Mitglieder der Kranken­kassen teilnahmen. Die Beratungen galten haupt­sächlich der Stellung der Krankenkassen bei der beabsichtigten Reform der fnzialpolitischen Gesetz­gebung, sowie der Erörterung deS zukünftigen Verhältnisses zwischen Kaffen und Kaffen- ärzten. Die Konferenz wird heute fortgesetzt.

= Gegen die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen auf höheren Schulen sprach sich am Mittwoch der in Zwickau ver­sammelte deutsche Gymnasial-Verein aus und trat damit dem ablehnenden Standpunkte der preußischen Unterrichlsverwaltung bei.

Er nahm ein Fünffrankstück aus der Tasche und drückte es Frau Vicini in die Hand.

„Ich kann nicht einsehen, Jacapo," sagte diese, „was für ein Interesse Du an dem armen Un­glücklichen haben kannst; ober ich will Dir jede Woche einen Brief schreiben. Ich wünsche Dte viel Glück zu Deiner schönen Braut und will hof­fen, daß es Dir recht wohl geben wird."

„Ich denke es wird sich schon machen," er­widerte der Makler. „Und nun lebe wohl, The­resa, grüße Deinen Mann von mir."

Er drückte Frau Vicini die Hand und ent­fernte sich eiligst.

Als er an Harrington vorüberging, blieb er noch einmal stehen und sprach noch einige Worte zu ihm, erhielt aber keine Antwort. Das müde, ausdruckslose Gesicht Guido'S blieb unverändert, das Auge trübe und schwer, als es Palestro an» starrte. Dieser wandte sich um und ging weiter, indem er leise vor sich hinmurmelte:

„So werde ich ihn nach fünfzig Jahren auch noch finden. Er ist mir ein goldenes Huhn, mein Kapital, von dem ich jährlich 3000 Franks Zinse« ziehe. Hier habe ich alles wohl geordnet uno nun nach Neapel zu meiner lieben Giuditta l

Acht Tage später erhielt Frau Vicini einen Bries von Palestro, in welchem er ihr mitteilte, daß in der nächsten Woche seine Hoheit mH Giuditta Carvelli stattfinden werde, zu welcher er sie und ihren Mann einlud.

Die Frau zeigte den Brief Nelly bei ihrem nächstem Besuch und bat sie, denselben für sie zu beantworten.

entfernte.

Wir brauchen es ja allerdings nicht gleich mit schlotternder Furcht zu kriegen und das schlimmste iir die Zukunft zu prophezeien. Aber man darf auch nicht forglos die Augen verschließen vor der Erscheinung, daß eine mächtige Verbindung, bte ausgesprochen gegen Deutschland gerichtet ist, uns fortan in allen Fragen der Weltpolitik entgegentreten wird, eine Koalition, die tatsäch- ich bereits besteht, wenn auch noch keine ver- sirieften und versiegelten Bündnisverträge vor­handen sind.

Erscheint täglich mtt Lnrnahme der Sou» »d Feiertage, viertel, jährlich« vepigrprett »hne Srinzerlohn und VeßeLgewiuznldaf» Vie mmoärtr 1.50 M.

vttmstw. Redakt em:

Weltfriedens gelegt; deutsche Interessen wurden nicht berührt, wenn England und Rußland sich über asiatische Fragen geeinigt hätten. Aber die astatischen Fragen sind keineswegs allein maß­gebend gewesen. König Eduards Einkreis- ungspolitik gegen Deutschland wird systematisch und gründlich weiter betrieben, mit dieser Tatsache muß man nun einmal, rechnen, und wahrscheinlich rechnet man auch damit in den verantwortlichen Berliner Kreisen, so sehr man auch offiziös bestrebt ist, die Reisen des Königs von England als etwas Harmloses und Un­politisches hinzustellen. Wir sind aber nicht so 1 tarmlo8, in der Reise König Eduards nach Ruß- " ' ' ' einer Zusammenkunft mit dem Zaren

_____.ebiglia) einen Akt der persönlichem Freundschaft, der Wiederauffrischung von Fami- tenbeziehungen zu erblicken. Rußland soll — auf stefes Ziel arbeitet man mit vereinten Kräften n Pari» tote in London hin —, in das englisch- ranzösische „herzliche Einvernehmen" einbezogen werden. Di« englische Politik verfolgt dieses Ziel chon lange, und mit dem Erfolg, daß Rußland ich immer mehr von dem „Erbfeind" Deutschland

zu danken. „ . , ...

Hebet dieses interessante Ereignis hat sich Peter Reichensperger in seinen „Erlebnisse eine» alten Parlamentariers" ausgelassen. Er schildert zunächst die Stimmung, die damals gegen Prtiq Wilhelm nach den stürmischen Märztagen beim Volke und auch bei den Abgeordneten herrschte. Er erinnert daran, daß der Prinz damals a» das Haupt einer absolutistischen Hofkamarilla be­zeichnet und vom Hasse der Revolutionspartei uni ’o mehr verfolgt worden war, da man ihm beM Befehl zu bewaffnetem Angriffe gegen bie Volks­menge am 18. März mit allen feinen Folgen ick bie Schuhe fchob. Diese feindselige Stimmung gab sich auch kund bei dem Eintreten des Prin­zen in das Parlament am 8. Juni. Er erschien in Generalsuniform und nahm auf der erste« Bank der rechten Seite Platz. Die Rechte erhob sich zum Zeichen der Ehrerbietung, vor de« Thronfolger. Die Linke aber rief tm heftig« Tone und unter Zischen, sitzen zu bleiben. Nach­dem bann ein Redner seinen Vortrag geschlossen, erteilte der Präsident „dem Abgeordneten bet Wirsitzer Kreises" in einer persönlichen Ana» legenheit das Wort. Prinz Wilhelm bestieg bfe Tribüne unb sprach mit freier, kräftiger Stnmnß seinen Dank für bte Wahl aus, wodurch es ihm möglich werbe, bie Herren, welche aus allen Pro« vinzen des Laubes und au8 allen Standen hie» versammelt waren, herzlich willkommen zu hei­ßen. Sodann fuhr er fort:

„Nicht nur bie Blicke Preußen?, die Blick« b« Welt sind auf unsere Versammlung gerichtet, da durch. Sie etne Vereinbarung mit unserem Könige nerbeV geführt werben soll, welche für lange Zeit bi« Schi» sale be? preußischen Volke? unb seiner Könige Mb» stellen soll. Die konstitutionelle Monarchie ist die R» giernnassorm, welche unser König zu gehen un8 gezeichnet hat. Ich werde ihr mit bet Treue unb Gk- wissenhastigkeit meint Kräfte weihen, wie da? Bäte» land sie von meinem ihm offen vorliegenden Lharaltei zu erwarten berechtigt ist. DreS ist die Pflicht em« ieben Vaterlandsfreundes, vor allem also die meinia«, als des ersten Untertanen de? König?. Möge di« 'S* finnung, welche ich ausgesprochen habe, von un? aU« geteilt und festgehaften werden, dann wird unserWe« gelingen unb zum Wohl unb Heil de, geliebten Bat«, lande? gereichen. Möge mein Erscheinen unter Ihn« ein günstiges fein. Meine übrigen Geschäfte werbeff mir ni»t erlauben, regelmäßig an Ihren Sitzung« teilzmiehmen; ich ersuche baher ben Herrn Präsident«, meinen Stellvertreter einberufen zu lassen. Un« all» aber, meine Herren, leite der Rus und Wahlspruch b«t Preußen, der sich so oft bewährt hat: Mit Gott für König und Vaterland!' ,

Daraufhin verließ der Prinz bie Tribüne un» halb auch ben Saal. Diese Ansprache des Thron­folgers soll nach Ansicht zahlreicher Politiker deff bald daraus folgenden Rücktritt des damalige« Ministeriums Camphausen veranlaßt hcwen, indem Camphausen zur Niederlegung tocttbeC- breitetet Vorurteile eine sympathischere Zusttm- mung des Redners zu dem stattgehabten Um­schwünge der Dinge gewünscht hätte. Reichen»- Perger, aber meint, eine unbefangene Erwagunff dürfte bie Annahme rechtfertigen, daß burch wav- mere Aeußerungen bes Prinzen nur bem Hohn der Gegner neue Nahrung gegeben worben wär«,

Die Parteipresse zeigte unverhohlen ihr« feindselige Tendenz, indem sie den an die Ver­sammlung gerichteten Willkommengruß bei Thronfolgers als eine unzulässige Anmaßung an-

1 griff und in den Schlußworten des JRebnerS die Devise der Reaktionspartei erblicken wollt«.

X Eine Verschiebung des euro­päischen Gleichgewichts

Eutet die Revaler Begegnung zwischen dem ig von England und dem Zaren; etne Wer­bung nicht zu Gunsten Deutschlands. Auf englischer wie auf russischer Seite hat fcton sich bemüht, der Begegnung eme möglichst armlose Deutung zu geben. Die russische Regie- rung hat sogar In dem bekannten hochofftziosen lrtikel der „Rossija" rund heraus erklärt, daß ie für eine Politik mit einer ausgesprochen wutschseindlichen Spitze nicht zu haben sei. ES oird aber schwer halten, jemanden glauben zu fachen, daß bie Begegnung von Reval ein Er­eignis sei, über bas wir uns keine Gedanken zu Wachen brauchten. Sie ist schon beshalb für uni bon der größten Bedeutung, weil sie das vorläu­fige Ende der englisch-russischen Spannung bebeutet, bie länger als ein Hal- Hel Jahrhundert die europäische Politik beherrscht hat und seit der Begründung des Deutschen Rei­ches für-dieses ein wichtiger Faktor in allen fei­lten auswärtigen Berechnungen und Beziehungen gewesen ist. Das ganze verflossene Jahrhundert hindurch standen Rußland unb England immer In offenem Gegensatz. Man denke nur an den lKrimkrieg, an die Haltung Englands während und nach dem Türkenkriege, und daß der Krieg Rußlands gegen Japan anders ausgefallen Ware, trenn Japan nicht an England eine starke Stutze besessen hätte, weiß Jedermann. Deutschland da- «egen stand bisher mit Rußland in einem, Freund- flhaftsverhältnisse, vorübergehend sogar in einem engen Bündnisse unb nachher in einem „Ruckver- sicherungsverirage". Jetzt hat sich b« Sachlage stark zuunserenUngunsten verschoben, tn- rem Rußland sich England genähert hat und den deutsch-englischen Gegensatz, für sich nutzbar zu machen sucht. Es läßt sich die engli­schen wie die deutschen Liebeswerbungen gerne ge­fallen, neigt sich bald auf die eine, bald auf bie andere Seite und besitzt außerdem noch den Sor­te«, der uns fehlte, Frankreich ganz auf seiner Seite zu haben. Das geschlagene und in­nerlich zerrüttete Rußland hat damit wieder etne internationale Stellung gewonnen, bie es be­fähigt, sein Gewicht in die Wagschale zu werfen, noch bevor es feine militärische Reorganisation zu Wasser und zti Laube ernstlich in Angriff genom­men hat.

Reichskanzler Fürst Bülow hat einmal geäu­ßert, es könne uns nur lieb fein, wenn sich bte Reibungsflächen zwischen anderen Staaten ber- minderten, da dies dem allgemetnen, Frieden zu- statten komme. Dieser Satz hat bereits durch dte Beseitigung der englisch-französischen Rewungs- flächen eine grausame Korrektur tn der Geschichte erfahren. Seit England und Frankreich sich nicht mehr aneinander reiben, ist Deutschlands Lage im Rahmen ber allgemeinen Politik viel faMeri- ger geworden, ba wir beständig auf der Wacht ein müssen, um nicht eines schönen Tages von >en beiden neuen Freunden überrumpelt zu wer- >en. Gewiß, wir haben ja den Dreibund,, dem rüber nur der französisch-russische Zweibund gegenüberstand. Aber schon ist ber neue Drei­bund tu Sicht, der das französisch-russische Bündnis zu einem e n g I i s ch - r u s s isch-fran­zösischen Dreibund erweitert.

Im Spätsommer 1907 kam der englisch-rus­sische Vertrag zustande. Mie einem Schlag ver- chwanden die englisch-russischen Reibungsslachen n Asien, die ein Menschenalter hindurch das Getriebe ber hohen Politik beherrschten. Kaum War der Vertrag bekannt geworden, ba versicherte man in leitenden deutschen Kreisen, getreu bem oben angeführten Grundsatz, es sei hier wieder ein gewaltiger Quaderstein zum Fundament des

„Es ist nur eine Kleinigkeit," sagte Palestro etwas zögernd. „Ich wollte Dich nur bitten, nur jede Woche einmal zu schreiben unb mir alle Neuigkeiten mitzuteilen, bie sich in eurem Hause unb tn der Umgegend zutragen."

„Ich kann ja nicht schreiben und werde Dir auch kerne Neuigkeiten mitzuteilen haben.

„Du kannst die Briefe schreiben lassen, ich werbe die Gebühren dafür gern bezahlen, sagte Palestro hastig. „Vielleicht erweist die freund­liche junge Engländerin Dir auch bte Gefälligkeit, wenn Du sie darum bittest; sie versteht das Ita­lienische sehr gut. Unb was bie Neuigkeiten be­trifft, so kannst Du mir von Tomasos Fischzügen erzählen, von den Ereignissen unb von den Ta­gesgesprächen in ber Nachbarschaft, sowie von bem jungen Engländer, ber ba draußen auf bem Fel­

sen "wie eine Statue sitzt- Ich sitteressiere mich W& nWÄ«. sehr für ihn und möchte trnmtr tossfen tote es ihm W nuS)