frffrint tSgllch mit Auruahme 6er So jk* «nd Leiertage, viertel. iShrliche»Ve;«grprel, ohne vringerloha mit VefieLgelöinZuldaso» wie auswärts I.50 BIL
Verantw. lebettem: «arl Schütte; für die Rnretgen:
J. parjeSer in Lnlda.
Zul-aerWZeitmg
wochenbellage: Illustrierte Soimtagszeitung" Mcmatrbtllagi: „Luldaer Geschlchtrblätter"
Anzeigen: Die eht» fpaltigt petitjeüe ober deren Sann 16 pfg. Aeklamendiepetitzetle 26 pfg., bei wieder» Holungen wird entspr. Babatt gewährt.
Aotationsdruckunb vertag der Fuldaer Ä tlendrnckerei tu Lulda Lerufprecher Ur. 9.
35. Jahrqanq
Fulda, Dienstag den 9. Juni 1908.
JV3 131.
als
der
22
15
7
6
6
gewählt zu betrachten sein:
140 Konservative (bisher 142),
100 Zentrum (bisher 95),
65 Nationalliberale (bisher 76),
53 Freikonservative (bisher 65),
Vie tandtagswahlen.
** Das vorläufige Ergebnis.
voiüwirlschastiiches und Soziales.
* Die Lage auf dem Eifenmartte.
.Kölnische Zeitung^, der man sonst immer eine» sehr starken Optimismus zum Vorwurf machet muß, meint: „Das Vertrauen auf eine in abjeh' barer Zeit eintretende Befferung ist völlig ge* schwunden, man rechnet auf weitere Verschärfungen der Krisis auch auf solchen Gebieten, die bisher vermittels der großen Verbände leidlich geschützt wurden. Dazu gesellen sich jetzt weitere Folge- erschemungen der KrisiS: Die allmählich näher- rückende Gefahr des Zusammenbruchs der Roheisenverbände, da- Scheitern der Bemühungen um die Verbandsbildung in der Fertigindustrie. Der wilde Preiskampf in de» Fertigerzeugnissen wird allem Anschein nach rote bisher weilergehen und kaum eine Milderung erfahren, wenn, wie eS den Anschein gewinntz auch die Preise gewisser Rohstoff und Halb« erzeugnifle demnächst in eine rückläufige Bewegung geraten.-
Freisinnige VolkSpartet (bisher 24), Polen (bisher 18),
Freisinnige Bereinigung (bisher 9), Sozialdemokraten (bisher 0), bei keiner Partei (bisher 8).
Deutsches Reich.
□ Gegen den Fürsten Eulenburg
ist die Voruntersuchung abgeschlosien. Die Anklage ist dem Fürsten zugestellt. — Am 5. Juns sind sechs München er Zeugen in der Vor- untersuchudg gegen den Fürsten Eulenburg eid» lich vernommen worden. Fünf von ihnen sollten Auskunft flher weitere bisher unbekannte sittliche Verfehlungen Eulenburgs geben. Auch der Redakteur Städele von der.Freien Volkszeitung^ wurde vernommen. Er sollte dem der Vernehmung beiwohnenden Vertreter Eulenburgs Auskunft darüber geben, ob jener Artikel, um desientwillen Harden ihn verklagte, etwa bestellte Arbeit gewesen sei. In jenem Prozeß brach bekanntlich das Schwindelgebäude Eulenburgs und seiner Gönnerschaft zusammen. Die Vernehmung erfolgte, um festzustellen, ob Harden jenen Artikel bestellt habe, um auf diese Weise Gelegenheit zu erhalten, die Zeugen Ernst und Riedel vor Gericht vernehmen zu lassen. Man hat sogar den Vorsitzenden in dem Städeleprozeß, den Oberlandes- gÄchtsrat Mayer vernommen und ihm die Frage vorgelegt, warum er den Beweis hinsichtlich des Fürsten Eulenburgs, der mit dem Beleidigungs- prozeß nicht- zu tun gehabt habe, zugelassen habe. Man scheint auf jener Seite also die Aut- fassung zu hegen, es entschuldige den Fürsten Eulenburg, wenn seine Angreifer sich in ihrem Abwehrkampfe gegen lein mit ungeheuren Mitteln und ebensolcher Gewisientosigkeit betriebenen Kampfe auch allerhand Kunstgriffe bedient hätten. Städele verneinte übrigens die ihm vorgelegle Frage.
CO Der politische Charakter des Flottenvereins. Rach der Einführung des neuen Reichs- verfaflungs - Gesetzes ist der politische Charakter des deutschen Flottenvereins, über den man sich in dem Verein selbst bekanntlich immer noch streitet, in Arnstadt roje in Rudolstadt von den Landratsämtern angenommen worden. In Arnstadt (Thüringen) hat der dortige Landrat v. Blödau die Ortsgruppe des deutschen Flottenvereins für einen politischen Verein erklärt und auf Grund des § 17 des neuen Reichs-Vereinsgesetzes sämtliche Schüler veranlaßt, aus dem Flottenverein auszutreten. In Rudolstadt hat
der dortige Landrat an den Vorstand des Landesverbandes Schwarzburg-Rudolstadt des deutichen Flottenvereins ein Schreiben gerichtet, in dem er auf Grund der oanzen Tätiakei: deS Vereins ihn al» politisch im Sinne deS RerchS-BeremSgefetzeS bezeichnet und darin sowohl die Vorlegung de» VerzeichnisieS der VorstandS-Muglreder wie den Ausschluß von Personen unter dem 18. Lebensjahre fordert. — DaS ReichS-Vereins- geletz hat also auch seine guten S-iien: zunächst muß der Flottenverein sein unpolitiicheS Mäntelchen ablegen, und das ist gut so, denn politisch war er von der ersten Stunde se.neS LebenS an. Die „nationalen Kreise- haben diese Ge'etzesbe- stimmung geschaffen; nun sehen sie die Kehrsette. Wenn alle Gymnasiasten und höheren Töchter auSzuscherden haben, dann verliert der Flotien- verein mindestens Vs aller seiner Mitalreder. Nach dieser Serie hat daS Vereins esetz tatsächlich gute Wirkungen, so schlecht eS sonst ist.
= Der Ausschuß des deutschen Handelstages hält in München augenblicklich seine Tagung ab. Man beschäftigte sich u. a. mit postalischen Angelegenheiten. Dabei wurde dem Lerlanaen Ausdruck gegeben, daß Einkilo- pakete eingesührt würden, die unter Verzicht auf die Haftpflicht der Post zu ermäßigtem Porto und ohne Bestellgeld befördert würden.
= Aufbesserung der Kreisärzte. Anscheinend bei Gelegenheit der allgemeinen Be- soldungSausbefferung der Beamten sollen die preußitchen Kreisärzte eine AlNbesferung erhalten. AIS Grundlage für die Pension der nichtvoll- besoldeten Krei ärzte soll der Satz von 2250 M angenommen werden.
= Zur Handwerkerfrage. Der preußiiche Handelsminister hat mit Rücksicht auf die er- höhte Bedeuiung, die die Gesellenprüfung nach dem vom Reichstag verabschiedeten Gesetzentwurf über den sog. kleinen Befähigungsnachweis ge- roinnen wird, eine Untersuchung über die Handhabung der Gesellenprüfungen und ihre Ergebnisse angeordnet. Mit der Untersuchung ist der ,KSln. Ztg/ zufolge der Landesgewerbe, rat v. Czinak beauftragt, der zu dem Zweck an mehreren Geseüenpnlsungen in den einzelnen Provinzen teilnehmen wird.
* Koburg, 5. Juni 1808. Die heute abge- schliffenen Wahlen zum Landtag des Herzogtums Koburg ergaben als Resultat: 5 Land- bündler, 3 National iberale, 2 Freisinnige und 1 Sozialdemokrat. Da von den 3 National» liberalen der eine argrari ch ist, haben die Land« bündler die Mehrheit.
* Gotha, 6. Juni 1908. Die Abgeordneten- wählen zum Gothaischen Landtag ergaben die Wahl von 4 Nationalliberalen, 3 Freisinnigen, 5 Landbündlern und 7 Sozialdemokraten. Die Sozialdemokraten nahmen den Landbündlern ein Mandat ab.
Nachdem nunmehr das vollständige Ergebnis Wahlmännerwahlen vorliegt, dürsten
aungen übergehen, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist. Aber daneben steht auch die ?rage, ob eine solche Vermehrung überhaupt g e « oten ist; wir gestatten unS vorerst den Zwer- fel. ob irgendwo dem Bedürfnis nach Telegra- phentruppen reichlicher entsprochen ist als bei unS — in Rußland muß man hierher natürlich die verschiedenen, durch unendliche Räume geschiedenen Operationsgebiete in Betracht ziehen.
Daß un« in den nächsten Jahren b e t r ä ch t- liebe militärische Neuforderungen bevorstehen, ist sicher. Auch die Berge von Geld, die un» die neue Finanzreform bringen soll, werden bald wieder so platt und glatt sein wie ern Pfingstkuchen. Heil un«, daß wir den Block ha, den. der immer aufS neue seine Bewilligungs- freudigkest beweisen kann und neue Steuern zu schaffen — verspricht! Das Zentrum ist ja nun freilich „au-geschaltet". Worauf es aber trotz „Ausschaltung" immer wieder hindrängen mutz, ist, daß wenn Mehrausgaben bewilligt werden, dafür Ersparnisse an anderen Stel- l e n gemacht werden. Geschieht das nicht, dann nimmt unser Finanzelend nie und nimmer ein Ende.
Insgesamt sind 25 Stichwahlen erforderlich, an denen sind beteiligt die Konservativen 6 mal, Frerkonservativen 5 mal. National- liberalen 16 mal. Freisinnige VolkSpartet 4 mal. Freisinnige Vereinigung 3 mal, Zentrum 8 mal, Sozialdemokraten 6 mal. Fraktionslose 2 mal.
In H a n a u stellt sich da- endgültige Ergebnis nach den engeren Wahlen folgendermaßen darr 151 national! iberale, 16 freisinnige Wahlmänner, 78 für den Bund der Landwirte und 70 für di» Sozialdemokratie.
In Danzig haben die Stichwahlen in be» Urwahlbezirken ebenfalls schon stattgefunden. Dabei ist der Freisinn um den Besitz feine» Hochburg Danzig gekommen. Die vereinigten Konservativen und daS Zentrum haben 80 Wahlmänner mehr erhallen, als der liberale Mischmasch. Jnsolgedessen können als gewählt angesehen werden, der Bäckermeister Karow (Kons.jtz Der Oberzolliekretär Wollkowski (Ztr.) und bet Landschaftsrat Meyer (sreikons.). WollkowSki ist Kandidat der Beamtenschaft. Für den Freisinn ist dieser Verlust außerordentlich empfindlich, er verliert einen seiner geschicktesten Parlamentarier Den Kommerzienrat Münsterberg, einen Kultur» kämpser ersten RangeS.
In dem Berliner Dorortwahlkreise Rixd orf« Schöneberg ist den freisinnigen Heil wider» fahren. Sie haben entdeckt, daß die Sozialdemokraten dort zwar in der Zahl der gewählten Wahlmänner em sehr erhebliche- Uebergewicht haben, daß sie aber trotzdem nicht die absolut« Mehrheit haben, weil sehr viele Stichwahlen nötig sind. Es wird daher vor der Stichwahl noch einmal ein heißer Wahlkampf entbrennen.
Auch für den 12. Wahlkreis in Berlin hat man etwas AehnlicheS entdeckt. Dort sind 228 Stichwahlen nötig. Die Sozialdemokraten haben auch dort schon jetzt daS erdrückende Uebergewicht, aber es fehlen ihnen an der Mehrheit noch 56 Stimmen.
© Neue Heeresforderuugeu.
Es ist dafür gesorgt, daß wir nicht aus der Gewohnheit kommen. Nicht lange mehr und daS deutsche Volk erhält wieder große Vorlagen über die Verstärkung des Heeres und der Flotte.
Zunächst ist es die unersättliche Marine, die mit einer neuen tiefgreifenden Forderung hervortreten wird. Es schweben nämlich, wie wir fd>on andeuteten, Erwägungen darüber, daß die Militärdienstzeit der Mannschaften m der Flotte um 6 Monate verlängert werden, in Zukunft also 3y2 Jahr betragen soll. Haupt- Vertreter dieser Forderung ist nach der „Mil. Pol. Korresp." die „Front", d. h. die Flotte und ihr Chef. Prinz Heinrich von Preußen.
Die dauernd steigenden technischen Anforderungen an daS Mannschaftspersonal lasten eS, heißt ei da, notwendig erscheinen, jetzt, nachdem die Flotte an Haupt — Offizierskorps und Ingenieure — verjüngt und reformiert ist, auch an den Gliedern ihre Au«ge» staltung ins Auge zu fasten. Durch die um «m Halb- fahr längere Dienstzeit werde den Mannschaften Gelegenheit gegeben, viermal große Hochsremanöver und Schießübungen milzumachen und «S werde die dringend erforderliche Zeit gewonnen. Die artil» leriftische Ausbildung ,u verliefen. Führer der bürgerlichen Parteien im Reichstage, di« über ihre Ansicht befragt wurden, hätten sich einer solchen Aende- rung der Seewehrordnung gegenüber im allgemeinen ziemlich entgegenkommend ausgesprochen — vereinzelt mit der Einschränkung, daß Ausgleichsmaßnahmen, u. a. auch für daS Landheer, von der Regierung bewilligt werden müßten. Als solche Zugeständnifl« habe man die Gewährung einer h ö her en LS h nu n g für das zuschlägige 7. Halbjahr der Eeedienftzett bezeichnet, während ander« Abgeordnete die Festlegung bestimmter Ernteurlaube an den 2. Jahrgang des LandheereS all einen angemessenen Ausgleich für dir gesteigerten Dienstpflichten zu Master ansehen zu wollen schienen. Nach Auslastungen verschiedener Parlamentarier habe man übrigens während der letztenWinterlagungschon, unter der Hand, über die Stellungnahme deS Reichstags zu der geplanten Vorlage Erkundigungen ringe» zogen.
Da diese Korrespondenz gut unterrichtet ist, sich ihre Meldungen auch mit unseren Informationen decken, kann man sich darauf ernrichten, daß eine entsprechende Vorlage bald kommen wird. Es wird Sache des Reichstages sein, mich- zuprllfen, ob eine solche Verlängerung der Dienst- zeit geboten ist. Sollte sie sich als notwendig Herausstellen, dann wird man verlangen müssen, daß nach Möglichkeit auf der anderen Seite dem Volke auch eine Entlastung geboten wird. Die Einführung der Löhnung genügt nicht. Viel wichtiger ist eine erhebliche Ausdehnung des Ernteurlaubs. Je länger man die Soldaten beurlaubt, desto besser ist das für die Landwirtschaft. Außerdem lassen sich dabei Millionen ersparen. Für die reitenden Truppen muß gleichzeitig die zn>eijährige Dienstzeit erreicht werden.
Nicht nur die Marine, auch das Heer wird mit großen neuen Forderungen kommen. Die Anschaffung der Feldkirchen kostet no chl7 Mill. Mark, für die Maschinengewehre haben wir noch tiefer in die Tasche zu greifen. Beide Maßnahmen hat der Reichstag im Prinzip genehmigt. Schon aber liest man davon, daß bis 1910 drei neue Telegraphenbataillone gefordert t,»erben wurden. Bisher hatten wir drei Bataillone, zu denen 1907 ein viertes in Karlsruhe kam. Die Meldung kommt etwas überraschend und teilt im Widerspruch mit den gesetzlichen Bestim- mutigen; denn die Telegraphenbataillone sind im Luinauenat feftgelegt; es müßte also das Friedenspräsenzgesetz abgeändert werden. Im Jahre 1905 hatte die Regierung mit Nachdruck versichert, daß sie mit der Vorlage auskommen werde. Wenn das nun nicht der Fall ist, dann hat es gar keinen Zweck mehr, daß der Reichstag sich auf eine lange Zeit bindet; dann kann man wieder zu dem System der jährlichen Bewilli-
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. W a g n e r.
14] (Nachdruck verboten).
In Wahrheit aber lag der Grund seines Zögerns darin, daß er nicht wußte, ob der Gentle- man da oben in der Halle Sir Harry war. Er hatte ihn als einen ältlichen Mann gedacht, und vor ihm stand ein kräftiger, noch jugendlich aussehender Mann, der ihn mit Verwunderung zu betrachten schien. Seine Verlegenheit wuchs mit jedem Augenblick, feine halbgeöffneten Lippen zitterten.
Da streckte Sir Harry die Arme nach dem Ankommenden aus,- der mit einem Ausruf lauter Freude die Stufen hinaufstürzte und in die Arme des Baronets sank.
„Guido, mein Sohn!" rief dieser mit vor innerer Bewegung erstickter Stimme.
„Mein lieber, teurer Vater!" hauchte Bran- her mit gut erheuchelter Zärtlichkeit hervor.
„Wie sehr habe ich mich nach diesem Augenblick gesehnt. Deine Freude entschädigt mich reichlich für alle Leiden während meiner Abwesen- ?eit und namentlich für die ausgestandene Ge- ahr bei meinem letzten Unglücksfall auf der Reife nach Palermo, die für mich leicht hätte per- hängnisvoll werden können.
Sir Harry konnte nichts erwidern. Sein Herz war in diesem Augenblick zu voll von freu- bigen und heiligen Empfindungen. Er nahm des jungen Mannes Arm und führte ihn in die Halle, wo die Dienerschaft in zwei Reihen aufgestellt war.
Brander verbeugte sich rechts und links, als er langsam durch diese Reihen schritt, mit freuttb- Itdjem Lächeln für den herzlichen Empfang dankend.
Er besaß weder Selbstbeherrschung genug, um ffoetrachtungen anzustellen und aus der großen
Zahl des Dienstpersonals Schlüsse zu ziehen auf den Umfang und die Bedeutung des Besitzes.
„Und dies war Guido Harrington s Heimat! dachte er, als er mit rafchen Blicken die prachtvolle Halle gemustert hatte. „Armer Gmdo! Wie viel hast Du doch verloren! Und tote viel habe ich durch Dich gewonnen! .
Sir Harry führte ihn m das Gesellschaftszimmer, wo er ihn wieder in seine Arme schloß.
„Mein lieber Sohn!" rief er bewegt, bevor ich Deinen Brief vor einigen Tagen empfing, aus dem ich ersah, wie nahe Du Deinem Tode gewesen bist, wußte ich nicht, wie teuer Du nur wärest! Die Krankheit vor einigen Jahren und der neuliche Schiffbruch haben Dich sehr verändert. Tritt zurück, daß ich Dich einmal recht genay betrachten kann."
Er schob Brander sanft von sich und sah ihm ernst und scharf in das Gesicht. _
Es war eine peinliche Situation für den Aufbringung. Ungeachtet seiner Anstrengung, ruhig zu bleiben unb seine Fassung zu behaupten, erbleichen seine Wangen boch unb zitterten seine Lippen von neuem. Furcht lähmte seine Glieder, als er an die wirkliche Verschiedenheit zwischen ihm und Guido dachte unb an bie Möglichkeit, Sir Harry Harrington könne ben Betrug entdecken.
Er war nicht imstande, feine niedergeschlagenen Augen zu dem Baronet zu erheben, weil er glaubte, daß sie feine Furcht und sein Bangen verraten würde. Eine tödliche Schwäche bemächtigte sich seiner.
Aber Sir Harry, der keine Ahnung hatte, daß ein so unerhörter Betrug an ihm verübt ward, schrieb das Zittern unb bie Blässe seines vermeintlichen Sohnes ber Aufregung zu, welche das Wieberfehen notwenbig in ihm hervorgebracht haben mußte. Unb in bemselben Augenblick, als er ben Boden unter sich wanken fühlte, trat Sir Harry wieder dicht vor ihn hin unb erfaßte feine Hanb, inbent er sagte:
„Ja, Du hast Dich verändert, Guido, aber viel
leicht nicht mehr als ich erwartet habe. Mir scheint, Du hast noch etwas von dem Aussehen Deiner lieben Mutter."
Es war Brander, als ob eine schwere Last von seinem Herzen gefallen war. Er fühlte sich wieder neu belebt und erhob feine Augen nun zu Sir Harry, indem er sagte:
„Ja, ich habe mich verändert, Vater, aber Tu weißt, daß ich als Knabe fort ging. Die Jahre konnten nicht ohne Einfluß auf mich bleiben. Aber die Zeit ist spurlos an Dir vorüberge- gaugeii.
Deine Gestalt ist noch so kräftig. Dein Haar so schwarz, Deine Stirn ist so glatt wie damals, als ich Dich zuletzt sah!"
Sir Harry lächelte.
„Tu wirst doch nicht erwartet haben, Guido, mich im vierundvierzigsten Jahre als einen alten gebeugten, lebensmüden Graukopf wiederzufinden?" fragte Sir Harry.
„Gewiß nicht", entgegnete Brander ebenfalls lächelnd, aber etwas verlegen. „Ich erwartete Dich so zu finden, wie Tu bist — denselben hübschen, guten Vater, auf den ich immer so swlz war. Ich hoffe, daß Tu Veranlassung finden mögest, auf mich eben so stolz zu sein, wie ich stolz auf Dich bin. O, wie angenehm unb wohltuend ist es, wieder in der Heimat zu sein."
Er setzte sich aus einen nahestehenden Lehnstuhl unb lehnte ben Kopf zurück.
„Du siehst bleich unb angegriffen aus, mein Sohu", sagte Sir Harry besorgt. „Diese Aufregung unb Deine Reise siub in Deinem schwachen Zustande zu viel für Dich gewesen. Hast Du viel gelitten bei dem Schiffbruch?"
„Ein gut Teil", antwortete Brander. „Der Sturm war schrecklich, und ich wurde mit einer solchen Gewalt gegen einen Felsen geschleudert, daß es ein Wunder ist, daß Ser Kopf nicht zerschmettert wurde. Es hätte mir leicht ebenso ergehen können, wie meinem armen Begleiter.
„Der Doktor sagte mir, daß ich die Folgen der erlittenen Erschütterung später fünfen werde.
namentlich würbe mein Gedächtnis etwas geschwächt werben; unb ich fürchte, er hat bart« Recht, benn feit gestern ist mir bet Kopf etwas schwer."
„Mein armer Guido!" rief der Baronet über« rascht. „Wir müssen jede Anstrengung Deines Gedächtnisses zu vermeiden suchen, bis Du Dich wieder ganz wohl fühlst. Wir wollen Gott danken, daß Du dem Schicksal Deines armen Freundes so glücklich entronnen bist. Wie, wenn ei mein Sohn gewesen wäre, der so plötzlich seinen Verstand verloren hätte? Der Schlag würde für mich härter gewesen fein, als daß ich ihn hätte ertragen können. Wir wollen Dich forgfältig pflegen, mein Sohn, und Deine Kräfte und Dein Gedächtnis werden bald wieder gestärkt fein. O, Guido, Tu gleichst dem lieben, warmherzigen Knaben, den ich fortgeschickt habe, wenig, aber ich weiß aus Deinen Briefen, daß Du noch bet Alte bist, baß Du noch bassetbe gute Herz hast! Ich freue mich, Dich wieder in ber Heimat zu haben."
Er brückte Branders Hand herzlich unb Tränen traten in feine Augen; aber er zerbrückte sie im Entstehen unb sagte lächelnd:
„Wie selbstsüchtig ich bin, Guido! In meinet Freude über das Wiedersehen vergaß ich ganz, daß noch Jemand Dich zu sehen wünscht —"
„Noch Jemand?"
„Ja, unsere kleine Ella! Wo kann sie sein? Sie war es, welche ben Wagen zuerst ankommen sah. Vielleicht ist sie in die Bibliothek gegangen, um unS bei ber ersten Begegnung allein zu lassen. Ich glaube, daß Du ungebulbig bist, sie zu scheu, Guido, darum will ich sie holen."
Sir Harry verließ das Zimmer, um Ella zu suchen.
„So weit ist alles gut", murmelte Brander, als er allein war.
„Ich habe den Vater getäuscht, die goldhaarrge Ella zu täuschen, wird mir nicht schwer werben. Sollte sie scharfblickenber und mitztrauiger sein, als der Baronet? Horch, sie kommen!"