Mdaer W Zeitung
xÄ’”ÄU wochenbeiiag«: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
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verantw. Redakteur: Larl Schütte;
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M 126.
Fulda, Dienstaq den 2. Juni 1908.
35. Jahrgang.
Erstes HUalt.
Fulda, 2. Juni 1908.
Der Worte sind genug gewechselt, jetzt heißt es: wählen!
Morgen finden die Wahlmänner- wählen statt.
Unsere Leser find ausreichend unterrichtet, um was es sich diesmal handelt.
Der Feind steht links!
Es muß verhindert werden, daß der Liberalismus als Sieger in den Landtag einzieht, und damit die christlich gesinnte Mehrheit lahmgelegt wird.
Wir müssen eine sog. „klerikal- konservative" Mehrheit im Adgeordnetenhause zustande bringen. Das au erreichen, gilt es, alle Kräfte anzuspannen.
Wer will — das sagen wir insbesondere für unsere Parteifreunde in den Wahlkreisen, in denen liberale Gegner in Frage kommen — wer will, daß unserer Kirche die volle Freiheit wiedererrungen werde, daß Attentate gegen den christlichen Charakter der Schule und unseres ganzen Volksleben zurück» geschlagen werden, der wähle so, daß die christentumsfeindlichen Elemente im Landtage nicht die Oberhand gewinnen.
Die Stimme eines einzigen Urwählers kann unter Umständen darüber entscheiden, welcher Partei das Mandat zufällt, und somit weiter darüber, was für eine Mehrheit das Abgeordnetenhaus haben wird: ein einzelnes Mandat kann von ausschlaggebender Bedeutung sein.
Möge sich jeder Wähler in den strittigen Wahlkreisen vergegenwärtigen, welche Verantwortung auf ihm lastet, und was für Unheil er anrichten kann, wenn er aus Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit der Wahl fernbleibt.
Und in den Wahlkreisen, wo wir des Sieges sicher zu sein glauben, seien wir auch dort pünktlich und stramm auf dem Posten?
Von dem Ausfall der diesmaligen Wahlen wird es mit abhängen, ob end- ich eine Reform des Klassen- vahlrechts erfolgt.
Legen wir durch außergewöhnlich starke und eifrige Wahlbeteiligung einen wuchtigen Protest ein gegen dieses traurige Wahlrecht.
Für das Zentrum ist die Wahl ein Prüfstein, an dem sich zeigen soll, ob es noch wie ftüher das Vertrauen des Volkes besitzt.
Auch Deine Stimme soll zeigen, daß Du die Bestrebungen des Zentrums zu den Deinigen machst! Es ist Deine Ehrenflicht am Wahltisch zu erscheinen, um so vor dem ganzen Volke darzutun, daß Du die Geschicke des Landes geregelt wissen willst nach den Grundsätzen des Zentrums, daß Du Dich eins fühlst mit ihm in der Politik der a u s - gleichenden Gerechtigkeiten dem Eintreten für die Rechte des Volkes auf allen Gebieten, in dem Wunsche nach Befestigung des religiösen Friedens, in dem Verlangen nachher Hochhaltung und dem Schutz unserer Ideale!
Der Augenblick ist da, wo Du Deiner Ueberzeugung Ausdruck geben kannst — sollst! Laß nicht zuletzt noch Lauheit und Lässigkeit aufkommen! Set ein Mann, der nicht nur räsonnieren kann, sondern der auch mitsprechen will.
Also kommen wir Mann für Mann zum Wahltisch!
Ihr Väter schickt Eure Söhne! Ihr Söhne mahnt Eure Väter! Ihr Frauen treibt Eure Männer und Brüder in den Kampf!
Zur Wahl!
Für den Ausfall der Wahl ist es von der größten Bedeutung, daß die Urwähler nicht allein zahlreich, sondern auch pünktlich zu der für den Beginn bet Urwahlen angesetzten Zeit im Wahllokal anwesend sind: Insbesondere müssen in der zweiten und ersten Abteilung, in denen es sich nur um verhältnismäßig wenige Wähler handelt und der Aufruf der Wähler in vielen Fällen schon in einer Minute vollzogen ist, die Wähler auf die Minute pünktlich im Wahllokal anwesend sein. Eine auch nur kleine Verspätung ist geeignet, die Ausübung des Wahlrechts unmöglich zu machen und damst gerade innerhalb eines kleinen Kreises von Wahlberechtigten ein ungünstiges Wahlergebnis herbeizusühren.
Die Wahlhandlung beginnt in Fulda für die drstte Klage um IO3/* Uhr, für die zweite und erste Klasse um 12 Uhr
Für diejenigen Wähler, die in diesem Jahre zum ersten mal die Wahl mitmachen, sei nochmals darauf hingewiesen, daß es nicht Sache der Urwähler ist, die Landtagsabgeordneten zu wählen. In jeden, Urwahlbezirk müssen vielmehr Wahlmänner gewählt werden, die ihrerseits am 16. Juni die endgültige Wahl vornehmen. In Fulda sind seitens der Zentrumspartei überall die erforderlichen Wahlmänner aufgestellt worden. Um Irrtümer zu vermeiden, empfiehlt es sich, daß man bei der Wahl die Namen der Wahlmänner der entsprechenden Klaffe von dem Wahlzettel ab liest, der den Wählern n'S Haus geschickt worden ist.
Zu welchem Urwahlbezirk jemand gehört und wo das betreffende Wahllokal sich befindet, ist
ebenfalls aus dem Wahlzettel angegeben und ergibt sich auch auS der Zusammenstellung, die in unserem Blatte wiederholt (auch heute im zweiten Blatte) abgedruckt worden ist.
Deutscher Reich
* Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses. Ter Reichs- und Staatsanzeiger veröffentlicht die königliche Verordnung, wonach das Haus der Abgeordneten aufgelöst und das Staatsministe- rium mit der Ausführung diese. Verordnung beauftragt wird. Die Verordnung ist am 1 Juni im Berliner Schloß gegeben.
Durch die Auflösung wird dafür gesorgt, daß nicht zu gleicher Zeit zwei Abgeordnetenhäuser, das alte und das morgen beziehungsweise am 16. Juni zu wählende bestehen. Der Termin der Auflö'ung ist bis kurz vor den Neuwahlen oerscho- ben worden, weil man inrmerhin mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß irgend welche besonderen Zwischenfälle eine plötzliche Einberufung des Landtags notwendig machen können. Die Zeit, während deren kein Abgeordnetenhaus vorhanden ist, beschränkt sich also jetzt auf 15 Tage. Verfassungsgemäß muß der Landtag 90 Tage nach der Auflösung einberufen werden. Das wäre also in diesem Falle spätestens Ende Angust. Diesen in die Sommerferien fallenden Termin w»N man vermeiden und daher wird, wie bekannt, der XianD- tag schon Ende Juni einberufen und gleich nach seiner Konstituierung vertagt werden.
* Die Frühjnhrsparade über die Garnison von Berlin und den Nachbarorten sand gestern auf dem Tempelhoter Felde statt, der mit bei Kaiserin das schwedische Königspaar und das badische Großherzogs-Paar beiwohnten. Es fand nur ein Vorbeimarsch statt. Der Kaiser führte das 2. Garde-Regiment vor. Am Schluffe der Parade verlieh der Kaiser drei Bataillonen, die ihr hundertjähriges Bestehen feiern, Fahnenbänder. Nach der Kritik setzte sich der Kaiser mit dem König von Schweden an die Spitze der Fahnen- kompagnie und ritt zum Schloß. — Bei der @a lata fei im Schloß am Sonntag abend haben Kaiser Wilhelm und der König von Schweden Trinksprüche gewechselt. Beide Redner sprachen warm und her-lich.
# Datz eine Neichsapanage für den Kaiser beabsichtigt gewesen sei, erklärt jetzt auch die ,Nordd. Allg. Ztg/ für unwahr. Der Reichskanzler habe in keinerlei Form wegen einer Reichsapanage verhandelt und niemals an eine solche auch nur gedacht. — Der Reichskanzler würde derartige Verhandlungen doch wohl auch nicht selbst gelührt haben. Aber, dem fei wie ihm wolle. Warum dementiert das offiziöse Blatt nicht auch endlich die Meldung von der Erhöhung der Zivilliste für den preußischen König?
* Die Bankenquetekommission hat die Anhörung der Sachverständigen beendet. In den Verhandlungen tritt nunmehr eine längere Pause ein, sie werden aber später wieder ausgenommen werden.
* Die Erhöhung dec Offiziersgehälter soll im Herbst durch ein Gesetz vom Reichstage gefordert werden. Das Gesetz soll rückwirkende Kraft auf den 1. April 1908 erhalten. Während es für Leutnants und Oberleutnants künftig nur noch eine Gehalts klaffe geben wird, soll es bei den Hauptleuten nicht weniger als drei verschiedene Klassen geben. Einstweilen wird man näheres abzuwarlen haben.
* Für die wiedereröffnete höhere Postlaufbahn sind äußerst zahlreiche Meldungen eingegangen. Nach den Erklärungen deS Staatssekretärs Kraetke erfolgt die Aufnahme von Anwärtern zunächst noch in beschränktem Maße, da. her wird em großer Teil der Gesuche voraussichtlich abschläglich beschieden werde» müffen.
— Puttkamrrs Besuch bei Bülow von dem dieser Tage berichtet wurde, soll ein A b s ch i e b8« besuch wegen seines beabsichtigten Rücktrittes aus dem Reichsdienst gewesen sein. Wie von anderer Seite mitgeteilt wird, hat Jesko die Ab- sicht, die Leitung einer großen Kolonialgesellschaft zu übernehmen.
)( Unterstützung des Automobilismus. Um die Einführung von Lastautomobilen, die im Kriegsfälle Verwendung finden können, zu fördern, hat das preußische Kriegsministerium Mittel zur Verfügung gestellt, dre solchen Kraftwagenbesitzern zugewandt werden sollen, die sich be- stimmten militärischen Anforderungen an den Bau 20. der Wagen unterwerfen und für ihre Instandhaltung sich den Vorschriften der Militärverwaltung unterwerfen. Die Unterstützung der Krastwagenbesitzer soll 4000 M für die Anschaffung und auf die Dauer von 5 Jahren eine Betriebsprämie von 1000 JH ausmachen. Dabei müssen die Wagen imstande sein, eine Gesamtlast von 120 Zentnern zu befördern.
* Krupp und die Krone. Die „Nordd. Allg. Ztg."kommt auf das in der Reichstagssitzung vom 20. März und später erwähnte Gerücht zu sprechen, wonach die Firma Krupp nach 1870-71 von der preußischen Kronsideikommiß - Verwaltung einen Vorschuß zur Betriebserweiterung erhalten habe, der noch nicht zurückgezahlt sei. Das Blatt erklärt es gegenüber neueren diesbezüglichen Presseäußerungen geboten, festzustellen, daß der Firma Krupp niemals, weder vor noch nach dem Kriege, irgend eine finanzielle Unterstützung seitens der Kronfideikommißverwaltung zuteil geworden ist.
* Ein große Kundgebung der Welfen soll am 12. Juni aus Anlaß deS 30. TsdestageS des Königs Georg von Hannover veranstaltet werden. Wie es heißt, wollen dann 4000 Welfen eine Fahrt nach England machen, die mit einer großen Gedenkfeier verbunden fein toll. Tie Teilnehmer an der Fahrt würden, so wird mitgeteilt, ihre Namen in eine Adresse an den Herzog von Cumberland einzeichnen.
* Dresden, 1. Juni 1908. Die Zweite Kammer bewilligte 4U00o0 M., deren Zinsen dazu beitragen fallen, dauernd die von der Königin Karo la begründeten Einrichtungen christlicher Llebestätigkeit zu erhalten.
3u Öen Landtagswahlen.
* Frankfurt, 2. Juni 1908. In Frankfurt (Stadt) tritt die deutschsoziale Partei, welche bei der Reichslagswahl über 50 >0 Stimmen erzielte, für die Wahlmänner der Kandidaten des Zen- trums, Reichstagsabgeordneten Hamecher und Landgerichtsdirektor Jtschert (Berlin), ein.
* Wiesbaden, 1. Juni 1908. Für Wiesbaden» Stadt stellte bas Zentrum einen Kandidaten in der Person des Hauptmanns a. D. Schneider auf, sodaß jetzt vier Bewerber um das hiesige Mandat vorhanden find.
* Osnabrück, 1. Juni 1908. Die hiesigen Sozialdemokraten beschlossen, bei Stichwahlen daS Zentrum zu unterstützen.
(*) Berlin, 1. Juni 1908. Man rechnet damit, daß hier in der ersten Abteilung eine Anzahl Wahlen nicht zustande kommen, weil die einzigen
ver falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
19] (Nachdruck verboten).
Eine liebliche Zärtlichkeit verklärte des jungen Mädchens Gesicht. Er kam heim, der Held ihrer Träume, das Ideal ihres Herzens! Welch' ein Glück stand ihr bevor!
Der arme Baronet sah verwundert ihre Freude mit einem ungekünstelten Lächeln. Seine eigenen vergeblichen Wünsche und Träume verdrängend, beschloß er, nur für das Glück seiner Kin- der zu streben und zufrieden von dem Schatten seines eigenen einsgmen Lebens auf den Sonnen- schein ihrer Glückseligkeit zu sehen.
„Ja, Guido wird noch in dieser Woche kommen", sagte er. „Wir müssen seine Ankunst zu einem freudigen Ereignis machen. Er ist ja vom Tode gerettet! Ist es nicht, als ob er aus dem Grabe zurückkehrte?"
„Ja, ja, lieber Onkel. Und dieser arme Ferdinand Brander, ein unheilbarer Irrsinniger — welch' ein schreckliches Wort!" und dabei schauderte Ella, „ist nun allein unter fremden Men- scheu in einem fremden Lande! Natürlich konnte Guido ibn nicht mit hierher bringen; aber er tut mir in der Seele leib, der arme junge Mann, so gut und edel — ja, so mußte er fein, denn er rettete Guido, und dieser liebte ihn wie er un8 schrieb. O, Onkel, wie wenn es Guido gewesen wäre!"
Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen der Freude über das vermeintliche glückliche Ent- tttnnen Guido's aus der so nahen Gefahr.
Wieder und wieder lasen der Baronet und
?-en sie sprachen ihre Freude aus Uber die Rettung; sie erweckten in ihrer ©rinne- kung Anekdoten aus dem Reiseleben Guido's; Jte sprachen darüber, ob Zeit und Krankheit, die
Sonne des Südens und die scharfe Seeluft, ob Denken, Studieren und Reisen ihn sehr verändert haben würden. Sie sagten sich wiederholt, daß sie glaubten, ihn in seiner äußeren Erscheinung verändert zu finden, nicht aber in seinem Charakter. Er hatte im Alter von achtzehn Jahren zu den höchsten Erwartungen berechtigt, und sein Vater hoffte, daß jene Erwartungen erfüllt worden waren.
So plaudernd, saßen Beide zusammen, bis die vorgerückte Stunde sie zum Aufbruch nötigte. Sir Harry gab seiner Mündel den gebräuchlichen Nachtkuß, und diese zog sich in ihre Zimmer zurück. Stundenlang lag sie in ihrem weichen Bett wachend, in mädchsnhaften Träumen und als sie endlich einschlief, war er nur Fortsetzung ihrer Träume von Guido.
Sir Harry ging noch lange in der Bibliothek auf und ab, bemüht, seine so plötzlich so mächtig erwachte Liebe für Ella in seinem Herzen zu ersticken und denkend an seinen heimkehrenden Sohn. Unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf, ob dieser Wohl würdig sei der lieblichen unschuldigen Ella.
In all' seiner Freude über die Heimkehr seines Sohnes drängte sich ein dunkler Schatten, chm unerklärlich, aber immer deutlicher — die Vorahnung eines nahen Unheils.
VII.
Eine dunkle Geschichte.
Das Schicksal des armen Guido Harrington, ben Jie- unter dem Namen Ferdinand Brander Nelly Wilkins tief ergriffen und igr Mrtgefuhl erweckt. Schweigsam, wie sie auf dem Heimwege gewesen, war sie auch während des Essens, wo sie heute seit dem Frühstück zum erstenmale mit Mr. Gildon wieder zusammen- tras; schwelgsam war sie auch im Gesellschafts- zimmer, wohin rhr Vormund sie nach dem Mahle geführt hatte.
Mr. Gildon war ebenfalls still; aber fein Schweigen war das Zeichen inneren Grolls und Aergers. Er war verstimmt über Nelly's Wesen, verstimmt darüber, daß sie nicht zu Hause geblieben und ihn auf der gewöhnlichen Spazierfahrt begleitet bat re; er war deshalb verstimmt, weil sie nur ihm so wenig Beachtung schenkte.
Endlich, nachdem sie eine Zeitlang in dem großen Gesellschaftszimmer gesessen und Nelly den Kopf auf die Hand gestützt, träumerisch zum Fenster hinausblickte, konnte sich Gildon nicht mehr halten; mit verbissenem Ingrimm sagte er:
„Entschuldigen Sie, Nelly, daß ich mich, da Sie meine Gegenwart gänzlich vergessen zu haben scheinen, Ihnen in Erinnerung bringe. Ich wollte Sie nur bitten, mich nochmals mit dem Gesang der Arie zu erfreuen, welche Sie heute morgen so schön vorgetragen haben."
Nell richtete sich auf und wandte sich zu ihrem Vormund um. Sie sah zerstreut aus, offenbar waren ihre Gedanken weit von Gildon entfernt gewesen.
„Verzeihen Sie meine Unachtsamkeit, Mr. Gildon", sagte Nelly; aber ich weiß nicht — sprachen Sie zu mir?"
Gildons Gesicht wurde rot vor Aerger; seine Augen funkelten vor Zorn, den er jedoch noch an sich zu halten suchte.
„Ja, ich sprach zu Ihnen", sagte Gildon in scharfem Tone; „aber ich werde nicht wiederholen, was ich sagte. Ich sehe jedoch, daß Sie so wenig Geselligkeit und guten Ton besitzen, wie jene Statue dort. Soll ich Ihre seltsame Befangenheit als herausfordernden Trotz oder als Mißachtung auslegen?"
„Keins vor beiden, Mr. Gildon", antwortete Nelly ernst.
„Was soll ich dann denken? Sind Sie etwa verliebt?"
Eine dunkle Röte überzog Nelly's Wangen, welche Gildon's Eifersucht erweckte.
„Ab, ich habe die Wahrheit erraten; habe ich es nicht?" fragte er hastig und aufgeregt. „Sie haben also einen Liebhaber gefunbenl Und wer, wenn ich fragen darf, ist der glückliche Gegenstand Ihrer Liebe? Etwa ein romantischer sizilianischer Bauer, deffen malerische Tracht und bas sein Haupt schmückende Traubenbouquet Ihren Künstlergeschmack bestochen hat? Oder haben Sie einen englischen Touristen getroffen, der Sie und Ihr Vermögen liebt?"
„Sie finb durchaus im Irrtum, Mr. Roderich Gildon!" erwiderte Nelly, und ihre Lippen zitterten, ihre dunkeln Augen glühten vor Entrüstung. „Ich bin nicht Oerliebt."
„Ader Sie sehen aus, als ob Sie einen Gegenstand gefunden hätten, der Ihr ganzes Denken in Anspruch nimmt", sagte Gildon.
„Das habe ich auch!"
„Und darf ich fragen was für ein Gegenstand das ist?"
„Gewiß dürfen Sie das, und ich habe fernen Grund, ein Geheimnis daraus zu machen", antwortete Nelly ernst. „Ich dachte eben darüber nach, daß ich nun beinahe 20 Jahre alt bin und daß mein Leben, tote das der meisten Mädchen von meinem Alter, ein nutzloses und müßiges ist. Meine Hauptbeschäftigung war Spazierengehen und Fahren und mein Hauptvsrgnügen bestand darin, mich schön zu kleiden und Andere durch Glanz und Pracht zu überstrahlen. Wenn ein armer Mensch mich um Hilfe bat, versagte ich ihm diese niemals, aber stets habe ich auch so lange gewartet, bis man mich eben anflehte. Kurz, ich bin bisher so nutzlos gewesen, wie jener Pfau da draußen auf der Terrasse und habe für bai Wohl anderer so viel wie garnichts getan."
„Nun, was möchten Sie denn sein?" fragte spöttisch ihr Vormund. „Eine venetianische Sängerin, ober eine französische Köchin, oder eine Gouvernante, ober —"
(Fortsetzung feiert.)