Einzelbild herunterladen
 

MaerW Zeitung

Ä’Ä«. w-ch-nb-llage- Illustrierte Sonntagzzeltung"

Fulda, Montag den 1. Juni 1908.

JV3 125.

monakbellager „Zuldaer Geschlchtsblatter"

35. Jahrgang.

Wt ttUf fpaltige petitzeUe od«s deren Keniat 15 Psg. Reklamen diepetiheU« 25 Pfg., bei wieder, Holungen wird «ntspk. Rabatt gewährt, s

Kotatkonrdruckund Verlag der Luldaer Mi ürndruckerel in Zulde

Zernsprecher Ur. 9.

und Lelertage. viertel, jährlicher verugrprelr ohne vringerlohn und VrstellgeldinZuldasa. wie cmrwärtrl.äoMt. verantw. Redolteurr

Larl Schütt«;

Zweites WLcttt.

Deutsches Reich.

* Eine Reise Kaiser Wilhelms »ach England wird angekünoigt. Es ist ein abermaliger Aufenthalt des Kaisers an der englischen Süd­küste auch für diesen Spätherbst schon jetzt in sichere Aussicht genommen. Beauftragte deS L>ber»HofmarschallamteS haben sich bereits nach einem paffenden Landsitz umgetan, da es fraglich erscheint, ob Highcliff-Castle dem Monarchen wieder zur Verfügung gestellt werden kann. Die Reise soll in der Hauptsache durchaus privater Natur sein und Erholungszwecken dienen. Sie wird aber voraussichtlich u. a. einen neuen Besuch auf Schloß Windsor einschließen.

— Die deutsche Reichsmarine wird in den rächsten Tagen 2 Unterseeboote erhalten, die oeben auf der kaiserlichen Werft in Danzig ertig gestellt werden. Dieselbe Werft wird weitere 4 Boote in Auftrag erhalten.

s. Der Verband deutscher Beamtenvereine hält soeben in München seine Hauptversamm­lung ab und zwar unter dem Vorsitz des Unter» staatSsekretärS im Reichsamt des Innern Wer­muth. Der Verband umfaßt 235 Vereine mit 139 530 Mitgliedern. Die Verbandstagsberatungen bezogen sich in der Hauptsache auf interne An­gelegenheiten deS Verbandes.

Q Der amerikanische Botschafter Tower hat am Freitag abend die letzten Grüße der in Berlin wohnenden Amerikaner auf einem Bankett der amerikanischen Handelkammer entgegen­genommen. Aus der deutschen Regierung waren dazu verschiedene Minister und Staatssekretäre erschienen. Tower sprach sich bei dieser Ge­legenheit auch über die deutsch-amerika­nischen Beziehungen aus. Er meinte, während seiner 6jährigen Tätigkeit habe sich das freundschaftliche Band, das beide Länder um­schlinge, immer fester gestaltet. Die Handels- beziehungen seien weiter gepflegt und gefördert worden. Anzunehmen fei, daß diese Förderung auch in Zukunft ihren Fortgang nehmen könne, zumal widerstreitende Jntereffen so gut wie gar nicht vorhanden seien.

[] Die Eingeborenenfrage in Deutschost­afrika beschäftigt die interessierten Kreise weiter. Die Kolonial-Enthusiasten behaupten bekanntlich, die Ansiedelung weißer Ansiedler sei in Deutsch­ostafrika möglich, während Staatssekretär Dern- burg mit der Auffassung zurückgekehrt ist, daß es sich nicht empfehle, deutsche Bauern dort an» zusiedeln. Der Unterstaatssekretär im Kolonial­amt und frühere Gouverneur in Deutschsüdwest» afrika, Lindequist, soll die Absicht haben, selbst nach Ostafrika zu reisen, um in den Bergdistrikten am Kilemandscharo, an den Merubergen und in Ulambara sich über die Möglichkeit deutscher Bauernsiedelungen zu informieren.

(*) Eisenach, 31. Mai 1908. Für den 14. Juni ist nach Eisenach eine Konferenz der thüringischen Parlamentarier einberufen worden, die gegen die Eisenbahnpolitik Preußens Stellung nehmen soll.

— Dresden, 31. Mai 1908. Zur sächsischen Wahlrechtsreform haben die beteiligten Rechts­parteien wieder einmal einen Kompromiß angenommen. Die Einigung ist allerdings bisher

nur dahin erfolgt, daß man das Mehrstimmen­wahlrecht einführen will. Verschiedene Haupt­sragen find vorläufig noch nicht gelöst worden.

n. Karlsruhe, 80. Mai 1908. Ein Wasser- Nutzungsrecht für Baden ist der ersten Kammer foeben in Gestalt eines Gesetzentwurfes vorge- legt worden. Die Vorlage fußt auf folgenden Grundsätzen: 1. Das Recht zur Wafferbenutzung darf nur für solch« Unternehmungen verliehen werden, di« berechtigten Jntereffen dienen, und denen ein bestimmter Plan zugrunde gelegt ist. 2. Die Verleihung ist zu versagen, wenn durch daS Unternehmen für daS Gemeinwohl über­wiegende Nachteile oder Gefahren entstehen würden. 8. Die Verleihung kann ganz oder teil­weise versagt werden, wenn die Ausführung deS Internehmens nicht hinreichend gesichert ist: erner wenn Grund zur Annahme besteht, daß m Laufe der nächsten fünf Jahre der Staat, oder Bezirks- und Kreisverbände oder Gemeinden di« Wasserkraft für eigene Zwecke benötigen."

volkswirtschaftlicher und Soziales.

* Der Ausschuß für den deutschen Hand- lungsgebilfentag tritt in der Zeit vom 10. bis 13. Juni 1908 zu einer Tagung in Hamburg zusammen. Es wird über Standesfragen be­raten und Bericht über die standespolitischen Vorgänge im Jahre 1907 erstattet werden. Der elfte Handlungsgehilfentag findet 1908 in Stutt­gart statt.

Zu den Landtagswahlen.

.*. Vor der Entscheidung.

Man schreibt uns aus Berlin:

Am kommenden Mittwoch haben die preußi­schen Urwähler über die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses zu entscheiden. Wie das Re­sultat sein wird, läßt sich in keiner Weise über­blicken; es wird jedoch kaum große Ueberraschun- gen geben. Das Zentrum dürfte wohl um einige Mandate verstärkt wiederkehren und ebenso die Linke; die Kosten trägt die konserva­tive Partei mit vielleicht 10—12 Mandaten. Die Wahlaufrufe aller Parteien sind erschienen und haben klar gestellt, daß für Konservative und Zentrum der Feind links steht, wie der ge­samte Liberalismus gegen rechts anstürmt; man kann also trotz mancher Differenzen in einzelnen Fragen zwei große Heerlager scheiden. Der freisinnige Wahlaufruf sagt dies knapp in den Worten: „Das Ziel dieses Kampfes ist die Be­seitigung der konservativ - klerikalen Mehrheit und die Verstärkung der liberalen Reihen im Abgeordnetenhause". Der nationalliberale Wahl­aufruf aber beansprucht für seine Partei: „Die nationalliberale Partei ist berufen und gewillt, auch in Preußen in dem freiheitlichen Kampfe die Führung zu übernehmen." Die Geschichte beweist freilich sehr deutlich, daß für die Freiheit noch nie viel herausgekommen ist, wenn die Na­tionalliberalen die Führung hatten, angefangen von der Schaffung der Reichsverfassung über den Kulturkampf, die Justizgesetze, das Sozialisten­gesetz und die Zuchthausvorlage bis zum illibera­len Vereinsgesetz. Da Konservative und Zen­trum in ihren Kundgebungen auf die Wahrung des Besitzstandes den Hauptwert legen, so ergibt sich von selbst die Scheidung der Geister; zur Zer­trümmerung der „konservativ-klerikalen Mehr­heit" muß t>er Liberalismus einschließlich der Freikonservativen rund 40 Mandate erobern; da Konservative und Zentrum diesen Ver­

lust erleiden sollen, ergibt sich für den bevor- stehenden Wahlkampf von selbst die Waffenbru- -erschaff der A b w e h r, und das , trotz aller Gegensätze in der Reichspolitik und in den Fra­gen der Landespolitik.

Auch die Wahlrechtsfrage ändert an dieser Konstellation nichts, obwohl Konservative und Zentrum hier Gegner sind. Das Zentrum betont mit Recht, daß es „von alters her" für die Reform des Dreiklassenwahlrechts eingetreten sei; denn schon 1873 stellte es denAntrag auf Ein­führung des Reichstagswahlrechts in Preußen. Die Konservativen freilich sprechen von dem „be­währten Whalrecht" Preußens, haben sich aber doch schon zu der Ansicht durchge» rungen, daß das preußische Wahlrecht „ver­besserungsfähig" sei, was man so ziemlich von jedem Menschenwerk sagen kann. Die Verbesse­rungsbedürftigkeit aber wird von den Frcikon- servativen noch nicht anerkannt. Die National­liberalen fordern neben der Neueinteilung der Wahlkreise die geheime und direkte Wahl, ein Fünf-, Sechs- oder Siebenklassenwahlrecht, da in der Zumessung der Wahlstimmen an den einzel­nen nicht nur die Steuerleistung, sondern auch die „ideellen Momente, die den Wert der einzel­nen Persönlichkeit für den Staat bestimmen", be­rücksichtigt werden sollen. Unter diesen allgemei­nen Worten kann man sich alles denken, auch dies, daß jemand ein erhöhtes Stimmrecht erhal­ten soll, weil er nationalliberal gewählt hat; ein Programm sind solche Phrasen nicht;, die Formulierung der ideellen „Momente" in einem Gesetzesartikel wird eine interessante Arbeit wer­den. Der Freisinn fordert die Neueinteilung der Wahlkreise und das Reichstagswahlrecht; die Sozialdemokratie strebt nach dem Stimmrecht für alle 2Ojährigen ohne Unterschied des Geschlechtes und nach der arithmetisch genauen Wahlkreisein­teilung nach der Kopfzahl. Eine bunte Karte, auf der sich Freisinn und Zentrum wohl am näch­sten stehen. Aber trotzdem werden beide in kei­nem einzigen Wahlkreise gemeinsam vorgehen, weil das Zentrum mit Rücksicht auf die Haltung der Freisinnigen im Reichstage (Vereinsgesetz) diesen absolut nicht mehr traut; dieses Miß­trauen wird noch erhöht durch den Umstand, daß ein so guter Kenner des Freisinns, wie Dr. Barth es zweifellos ist, nunmehr offen schreibt: „Man hat bisher selbst in den Kreisen der freisinnigen Volkspartei wenigstens die Fiktion aufrecht er­halten, als ob dabei die Forderung der Heber- tragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen den sachlichen Mittelpunkt der Wahlbewegung für die Freisinnigen bilden werde. Wer kann im Ernst heute daran noch glauben? Es ist ein offe­nes Geheimnis, daß die Führer der freisinnigen Volkspartei für diese Programmforderung nur ein sehr platonisches Interesse empfinden, aber andere haben sie ernst genommen und nehmen sie heute noch ernst. Wie will man jedoch das Vertrauen in die Aufrichtigkeit dieser Bestrebun­gen erwecken, wenn man nach dem Payer schon Rezept verfährt und als die oberste Richtschnur des politischen Verhaltens der gesamten freisin­nigen Fraktionsgemeinschaft das Prinzip auf­stellt, daß den verbündeten Regierungen weder ein Grund noch ein Vorwand gegeben werden dürfe, die Freisinnigen aus dem Bülowblock aus- zuschalten? Werden die Gegner der Landtags­wahlreform in Preußen angesichts dieser Payer- schen Erklärung die agitatorischen Bemühungen der Freisinnigen in der Wahlrechtsfrage nicht mit vollem Recht als Schaumschlägerei ansehen?" Wenn selbst ein Linksliberaler wie Dr. Barth so schreibt, muß im Zentrum das stärkste Mißtrauen gegen die Freisinnigen Platz greifen; denn man sagt sich, daß man nur den politischen Kuhhandel und die politischen Gewinne des Freisinns er­höhen würde, wenn man diese Gruppe stärken

wollte; dafür liegt aber für die Zentrumswäh- lerfdjaft gar keine Veranlassung vor, und sie hat in einer großen Anzahl von Kreisen Gelegenheit, dies zu hindern.

Der Liberalismus hat offen den Kampf gegen Konservative und Zentrum als „Ziel" der Wahl­bewegung bezeichnet, was die Situation klärt. ES ist ganz naturgemäß, daß die, beiden Be­drohten dementsprechend ihre Taktik einrichten, und daß vom Zentrumsstandpunkt aus —• abge­sehen von den Wahlbündnissen mit den Polen — die Konservativen überall das „kleinere Hebel* und daher nach der bewährten Windthorst'schen Taktik zu unterstützen sind. Selbstverständlich ist das nur die allgemeine Regel, die erst durch di« Ausnahmen bestätigt werden muß; eS gibt auch Kreise, wo das Zentrum ganz zu Hause bleiben muß oder wo man die neue Partei der Sozial- liberalen zu unterstützen hat: die maßgeben­den Parteiinstanzen müssen die Parole festsetzen, nach welcher die Wähler zu gehen haben. Di« Flauheit der Wahlbewegung legt die Gefahr nahe, daß nun auch flau ab gestimmt wird. Wir ersuchen die Zentrumswähler dringend, daß sie überall auf dem Posten fein mögen und daß sie die sturmerprobte Zentrumsfahne zum Siege führen müssen. Niemand fehle am Ehrentag der Partei, denn das ist der Wahltag; ein glänzender Sieg des Zentrums ist von höchster Bedeutung^ da er gegen Feinde von allen Seiten erföchte» werden muh. ।

0 Zum Wahlabkommen zwischen Pole» und Zentrum sind folgende Zahlen beachtens«; wert: Für den preußischen Landtag hat bty Provinz Posen 27, die Provinz Westpreußen 22 Mandate zu vergeben. Im letzten Landtage sind, diese Mandate in der Weise verteilt gewesen/ daß in Pofen die Rechte 12, die Linke 7, bU Polen 10 und daS Zentrum keins inne hatten, Run sind aber die Einwohner von Pofen zn 67,85 und die Einwohner von Westpreußen zn 51,44 Prozent Katholiken. Die Mandatsverteilung ist für sie also überaus ungünstig. Sie müßten mindestens 2 Drittel der Mandate von Pofen; und mindestens die Hälfte der Mandate öoi^ Westpreußen, d. i. zusammen mindestens 18 und 11 Mandate haben, während sie nur 10 und Bi Mandate haben, also 16 Mandate zu wenig? Die nationalliberale Preffe meint, daS Zentrum werde trotz aller Abkommen nicht gewinnen. DaS wollen wir zunächst abwarten und kommt der, Gewinn nicht diesmal, dann kommt er bei den Reichstagswahlen und Gewinn genug ist schon? daß die heutigen Mandate erhallen bleiben und nicht verloren gehen. Die liberalen Blätter meinen, daß das Zentrum sich selbst ins Fleisch geschnitten habe, denn im Osten heiße es nur deutsch oder polnisch, sür ein weiteres gebe es keinen Raum; gerade dieser falschen Auffassung der Dinge will das Zentrum entgegenwirken und auch im Osten, sich als staatserhaltende Mittelpartei zeigen, ohne, Rücksicht, ob es den gegnerischen Parteien ge­fällt oder nicht.

* Die Wahlrechtsausübung der Beamten. Die Landtagswahlen lassen die Frage auftauchen, ob Beamte zur Ausübung ihres Wahlrechts eines Urlaubs bedürfen. Man verwechselt diese Frage leicht mit jener, ob Beamte als Abgeord­nete zur Ausübung ihrer parlamentarischen Tä­tigkeit eines Urlaubs bedürfen, was die Reichs­verfassung bekanntlich ausdrücklich verneint. Zur Stimmabgabe muß sich der Beamte dagegen, wen» er nicht in der dienstfreien Zeit wählt, tatsäch« lich Urlaub erbitten. Doch werden die Zentral­behörden diesmal, wie auch sonst bei den Reichs» und Landtagswahlen dafürs orgen, daß den Be»

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

17] (Nachdruck verboten).

Am anderen Tage fuhr er mit dem Courier« guge nach Paris, wo er im Hotel Bristol abstieg. Sein erster Weg, nachdem er sich restauriert, war in ein Kleidermagazin, wo er seine Garderobe vervollständigte; dann begab er sich in ein Bank­haus, wo er sich als Guido Harrington legiti­mierte und einen von dessen Kreditbriefen prä­sentierte. Dieser wurde ohne Anstand akzeptiert und Brander empfing das Geld mit schlecht per- hkhlter Freude und Aufregung. Hierauf kaufte er Wäsche, Handschuhe und allerlei Luxusartikel, die er für notwendig hielt, um in jeder Beziehung feinem neuen Stande gemäß austreten zu können. Er erinnerte sich, von Guido gehört zu haben, daß Sir Harry ein großer Freund alter Bücher lei, weshalb er eine kleine Sammlung solcher für ihn kaufte.

Um sich nun aber auch Bei Ella beliebt zu machen, kaufte er in einem der besten Läden ein Halsband von dreifach aufgezogenen kostbaren orientalischen Perlen von milchweißer Farbe und seltenem Glanz, versehen mit einem Diamant» schloß. Dieses Geschenk, einem anderen hinzuge- fügt, welches Guido schon früher gekauft hatte, und welches jetzt Brander besaß, würden, so dachte dieser, alles repräsentieren, was man von Guido erwartet hatte.

„Ich glaube, Guido wollte noch einige andere Kleinigkeiten für die Dienerschaft einkaufen", backte Brander, als er durch die Straßen schleu­derte und hier und da vor den Schaufenstern stehen blieb; „doch ich will es lassen. Meine Ein­käufe und die sonstigen Ausgaben Haden meine ,Korse erschöpft. Es wird Zeit, daß ich nach mei­ner neuen Heimat komme."

i Er telegraphierte an Sir Harry den Tag fei- Ms Mhrschemstchen Eintreffens zy HgrrinatOP

Hall, und am dritten Tage nach feiner Ankunft in Paris brach er auf, um die letzte Strecke auf fremdem Boden zurückzulegen und das Dampf­schiff zu erreichen, welches ihm England und sei­nem erwarteten Triumph entgegenführen sollte.

VI.

Der Baronet und feine Mündel.

Harrington Hall, die Besitzung Sir Harry Harrington's, das rechtmäßige Erbe Guido's und der Preis, um dessen Gewinnung Ferdinand Brander seine Seele zu verkaufen geneigt war, lag in der malerischen Gegend des Flusses Se­vern. Das prachtvolle GÄäude, drei Seiten eines großen Vierecks bildend, war ein erhabener Zeuge der Baukunst aus dem Zeitalter der Kö­nigin Elisabeth. Umgeben von Parks und Wal­dungen, sonnigen Abhängen an der Flußseite, von grünen saftigen Wiesen, von fruchtbaren gel­bem und hübschen Farmhäusern, bot es ein male­risches, großartiges Ansehen.

Es war ein stürmischer Novemberabend, drei Tage nach der Ankunft Ferdinand Branders in Marseille. Der Wind schüttelte die alten Eichen der langen Allee, welche von der Landstraße nach Bem Hauptgebäude führte, und schlug den Regen Mtij gegen die großen Fenster. Die grauen Wolken, Stegen und Sturm beschleunigten das Hereinbrechen der Dunkelheit und gaben der Sze­nerie ein düsteres Ansehen.

Sm Hause selbst aber war alles hell und hei- ter; besonders die alte Bibliothek mit ihren gothrschkn Bogen, ihren vertieften Mauern und dem kolossalen Herd, von dem die hellodernden Stammen eine wohltuende Wärme verbreiteten, bot ein Bild heimischer Behaglichkeit. Der viel- armme Kronenleuchter warf sein mildes Licht bis m die entfernteste Ecke; die Gardinen waren dicht zusammengezogen; auf der tanzen Tafel lagen verschiedene Bücher, von denen verschiedene aufgeschlagen waren und auf einer Ottomane lag eine Guitarre, welche augenscheinlich eben erst

gebraucht worden war.

In einem Lehnstuhl vor dem Kamin, ein offe­nes Buch auf den Knien, den Blick träumerisch auf das Feuer gerichtet, saß Sir Harry Har­rington.

Er war ein großer, hübscher Mann in den mittleren Jahren, mit Haar so schwarz wie das Gefieder eines Raben; der Ausdruck der Festig­keit seines Mundes wurde zeitweise gemildert durch ein Lächeln von seltener Anmut. Unge­achtet seiner großen breitschulterigen Gestalt, welche die Kraft eines Athleten besaß, hatte er die Sanftmut und Liebenswürdigkeit einer Frau.

Edelmut, Generosität und Rechtschaffenheit waren die Grundzüge des Charakters Sir Har- ry's, welchen Brander zu hintergehen hoffte.

Er war tief in Gedanken versunken, als die Tür leise geöffnet wurde und ein junges, hübsches Mädchen hereintrat.

Es war Ella Bamfield, feine Mündel.

„Allein, Onkel?" fragte sie mit süßer Stimme, als sie sich Sir Harrington näherte. „Ist Dein Hofmeister fort mit feinen ermüdenden Rech­nungen und hast Du nun ein wenig Zeit, um sie an einem kleinen Taugenichts, wie ich es bin, zu verschwenden?"

„Ich habe immer Zeit für Dich, Ella", er­widerte Sir Harry zärtlich.

Der diese Worte begleitende Blick würde einer älteren oder mehr erfahrenen Dame, als feine jugendliche Mündel war, eine Offenbarung ge­wesen fein, denn es war ein Blick voll zärtlicher Siebe.

Obwohl er nicht ahnte, daß fein Geheimnis, welches er wie ein Heiligtum tief in feinem Her­zen verschloß, in seinen Blicken zu lesen fein könnte, liebte er seine Mündel mit aller Zärtlich- feit und Leidenschaft einer edlen Natur, mit der Stärke eines reifen Herzens und Verstandes. So hatte er das Mädchen, welches noch vor ihrerGroß- jährigkeit feine Gattin wurde, welche ihm feiner}

einzigen Sohn gebar und bald darauf starb, nicht geliebt. Er hatte damals kaum sein eigenes Herz gekannt, und erst später, als er zu dem Bewußt­sein erwachte, daß Ella sich in sein Herz gestohlen hatte, erkannte er, welche Glut und Leidenschaft darin verborgen war. Und es war nicht zu ver­wundern, daß er Ella so sehr liebte; mußte fie doch jeder lieben, der nur einmal ihr strahlendes, kindliches Gesicht gesehen hatte, mit dem zartesten Teint, mit einem rosigen Hauch auf ihren Wan­gen. Jeder fühlte sich entzückt bei dem unschul­digen bezaubernden Blick ihrer großen Auge», wechselvoll in Farbe und Ausdruck, wie der Him­mel im April. Die Schönheit des Gesichts wurde noch erhöht durch eine Fülle von goldfarbigem Haar, welches in natürlichen Locken auf die Schul­tern und den Nacken, so blendend weiß, wie frisch gefallener Schnee, herabfiel.

So schön wie ihre äußere Erscheinung, so rein, so edel und zart war auch ihr Inneres. Sie schien fast wie ein unbefangenes, leichtherziges Kind, aber ihr Vormund wußte, daß unter ihrem vollen Busen ein Herz schlummerte, welches der mächtigsten Bewegung fähig war, und daß sie unter ihrem kindlichen Wesen einen Charakter verbarg, fähig des größten Heroismus und der größten Selbstbeherrschung. s

Sie ließ sich auf einen Schemel zu Sir Harrys Füßen nieder, legte ihren Kopf an feine Knie und] blickte gedankenvoll ins Feuer.

Sir Harry sttich liebkosend mit der Hand über ihre Stirn und über das lockige Haar, während er sie mit Blicken betrachtete, die sie, hätte sie zu ihm aufgesehen, erschreckt haben würden — mit Blicken voller Liebe und hoffnungsloser Sehn«, sucht. f

„Es sind heute gerade drei Wochen, ließet, Onkel, seitdem Du Guido geschrieben, daß er, zurückkommen solle", sagte Ella nachdenkend. „Wie sonderbar, daß wir garnichts von ihm htz, ren. Sollte ihm etwas widerfahren {eint"

(Fortsetzung folgt,) - .