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Zuldaer W Zeitung

Monatrbrllagr: „Fuldaer Geschlchkblätter"

3.ÄÄ«. rv°q-i»«iiagt! Illustrierte SomUagrzeUung"

35. Jahrqanq.

Fulda, Montaq dm 1. Juni 1908.

M 125.

L»z«i-«>: Vie et» spaltige Petitzeile oder deren Boern ,S Pf-. NeNamendrepeUtzell« 25 Pfg-, bei wieder« holongen wird entfpr. Rabatt gewühlt.

Rotatioerdruckuud Verlag der Fuldaer Ab üeudreckerei le Felde Fernsprecher Rr. 9.

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Sari Schütte;

Erstes Wlatt.

Deutsches Reich.

♦ Parade und Königsbesuch. Di« Parade der Potsdamer Garnison sand am TamStag im Lustgarten statt. Im Regiment defilierte auch der Großherzog von Baden. Sonntag traf das schwedische KöniqSpaar ein, eS wurde vom Kaiser und der Kaiserin am Lehrter Bahnhos, vom Oberbürgermeister Kirschner mit anderen städtischen Vertretern am Brandenburger Tor begrüßt. Die Parade auf dem Tempelhoser Feld findet am Montag statt.

* 8 63 des Handelsgesetzbuches. Wie nach den Erklärungen des Staatssekretärs Dr. Nieber- ding zu erwarten war, hat der Bundesrat der Novelle zum § 63 deS HandeSgesetzbucheS in der ihr vom Reichstag gegebenen Fassung seine Zu stimmung versagt. Der Regierung-- mtwurf hatte die Bestimmung, daß erkrankten Handlungsgehilfen daS Gehalt sechs Wochm lang weiter zu zahlen ist, obligatorisch machen, dafür aber den Prinzipalen daS Recht auf Abzug der Verficherungsbezüge einräumen wollen. Der Reichstag war indeffen fast einmütig gegen diese Gehaltskürzung. An diesem Streitpunkte ist nun das Gesetz gescheitert.

* Dresden, 31. Mai 1908. In der gestrigen Sitzung der Wahlrechtsdeputation wurde da- Kompromiß (vergleiche daS zweite Blatt) gegen vier Stimmen angenommen. Der RegierungS« Vertreter ertlärte, die Regierung müsse fich ihre Stellungnahme vorbehalten.

)«( Magdeburg, 29. Mai 1908. Alljährlich findet in Magdeburg am Himmelfahrtstage eine große Versammlung der Katholiken Magde­burgs und der weiteren Umgegend statt. An diesem Tage bildet Magdeburg den Sammelpunkt für viele Hunderte, die zerstreut in der sächsischen Diaspora wohnen. Die diesjährige Versammsung sand statt im größten Saal, den die Viertelmillwnenstadt Magdeburg hat. Und der Saal war gefüllt bis auf das letzte Eckchen. Unten im Saal hatten die vielen Hundert treuen katholischen Männer ihren Platz genommen, während die Tribünen m der ganzen Runde dicht besetzt waren von der Frauen­welt. Erster Redner war der wett über Deutsch­lands Grenzen hinaus rühmlichst bekannte Kanzel­redner, Dominikanerpater Bonaventura (Berlin), der ein äußerst anschauliches farbenreiches Bild über das Leben der Katholiken Nordamerikas ent­rollte. Dann sprach Regierungsrat Klocke-Treysa über das Thema: Ist der Katholizismus rückständig? Er widerlegte zunächst die Behauptung der Gegner, daß die protestantischen Völker wirtschaftlich fortgeschrtttener als die Katholiken seien. Man weise hin auf Italien und Spanien. Freilich seien diese Staaten wirtschaftlich nicht so wett, wie andere Staaten. Aber sie seien ebenso weit zurück wie die protestantischen Staaten Schweden und Norwegen. Belgien, ein Industrie- und Handels­staat wie kein zweiter in Europa, sei katholisch. 1884 waren in den staatlichen Sparkassen Belgiens 158 Millionen angelegt, im Jahre 1906: 1254 Millionen. Und das war unter „klerikaler" Herr- schäft! Ein Drittel Deutschlands — fuhr der Redner fort — sind Katholiken. Sie bilden mtt den Protestanten zusammen ein Volk, wir haben dieselben ökonomischen Interessen, ob wir dem einen oder dem anderen Glauben auhängen. Es gibt keine protestantische und keine katholische Industrie, es gibt nur eine: die deutsche Industrie. (Sehr wahr!) Die wirtschaftliche Bedeutung unseres

Vaterlandes ruht zwischen Ruhr und Sippe, dorr wohnt ein Bolk, da- in seiner großen - Mehrhett katholisch ist, ihr katholischer Glaube hat der wirt­schaftliche» Rührigkeit der Westtalen und Rhein­länder nie Eintracht getan. Thyssen und StinneS, die zu de» Führern des Weltmärkte- gehören, stnd Katholiken. Und Thyssen, der Krupp überflügett hat, — erschrecken Sie nicht! — wählt Zentrum. (Oho!) Die Geschichte zeigt, daß da- Religions­bekenntnis nicht die wirtschaftlich« Lage bedingt. Im 9. und 10. Jahrhundert war eS der Islam, der wirtschaftlich weiter war, al- das christliche Abendland. Man wird doch nun nicht sagen wollen, daß der J-lam die wirtschaftliche Ent­wickelung der Völker besser leite, als der Katholi. ziSmuS. Im 16. Jahrhundert waren Spanien und Frankreich die führenden Nationen, während Deutsch­land herabsank. Unsere Gegner würden eS al- Be­leidigung ansehen, wenn wir schließen wollten: die Reformation war schuld am wirtschaftlichen Rück­gang Deutschlands. In unseren Tagen bemerken wir einen wirtschaftlichen Aufschwung in Japan. Soll man da sagen: die japanische Religion ist die richtige? Die Dinge liegen ander-. Wir leben im Zeitalter der Dampfmaschine. DaS tägliche Brot der In­dustrie ist die Kohle. Wo die Kohle ist, da siedelt fich die Industrie an. So haben wir die Erschei­nung, daß die Länder mtt größeren Kohlenbecken die größer« Industrie haben, so haben Deutschland und England ihre Macht erreicht. In interessanter Weise widerlegte der Redner weiter die Vorwürfe, daß die Katholizierung ein Feind der Wissenschaft, ein Feind modernen Denkens sei, und schloß mit folgenden Gedanken: So hoch wie die Wissenschaft ist, das höchste der Meuschengüter ist sie nicht. Das Höchst« ist Erziehung zur Sittlichkeit. Man spricht von neuer Ethik und von Entwickelung der Persön- lichkeit. Nur au» seinem Inneren will der Mensch seine Richtung nehmm. Wenn nun jeder seinen Wünschen nachgehen sollte, dann fallen wir zurück in die Barbarei. (Lebhafter Beifall!). Wenn in den Alpen die Sonne schon untergegangen ist, leuchten noch die Berge. Es ist der letzte Gruß der unter­gehenden Sonne. So ist es mit der Sittenlehre mancher Modernen. Da unten im Tal, in der Nacht deS modernen Heidentums, da stehen sie. Der Eis­gletscher menschlicher Leidenschaft von der Sonne ge­troffen. Und die Sonne, die ihnen untergegangen ist, daS ist die Sonne des Christentums. Der Fortschritt, mag er sein, wie er will, bleibt immer: Christu» gestern und heute, jetzt und immer und in Ewigkeit (Lang anhaltender Beifall und Hände­klatschen!). Unter dem Eindruck dieser Rede sagte der Vorsitzende, ReichStagsabg. P feif fer, ein Mtt- glied der Zentrumsfraktion habe geäußert: Auf dem Zentrumsturm fehtt unS nur noch die Glocke. Hoffentlich bringe dem Zentrum die Land agswahl diese neue Glocke aus dem Wahlkreis Olpe-Meschede.

Zu -en.tan-tagswahlen.

** Wählerversammlung in Fulda.

Die letzte Heerschau vor der Wahlschlacht hat die Zentrumspartei der Stadt Fulda am Samstag abend im Gesellenvereinssaale abgehal­ten. Sie bot ein erfreuliches Schauspiel kraft­voller Eintracht und entschlossener Begeisterung, wie es nur eine so fest im Volke wurzelnde Partei bieten kann, die durch ihre Ideale sich den Boden dazu selbst bereitet hat.

Die Verhandlung eröffnete Herr Rich. Schmitt mit Worten der Begrüßung. Das Wort erhielt dann der Kandidat, Herr Amtsgerichtsrat Rhiel, der wiriierholt von Beifall unterbrochen mit gro­ßer Klarheit und mit einer Gründlichkeit, die von eingehender Sachkenntnis zeugt, sein Programm entwickelte.

Vorab betonte er, daß er fest und treu zum Zentrum stehe und sich zum Programm des Zentrums bekenne. Auf dem Boden dieses

Programms werde er sich bemühen, in ehrlicher Arber! den Anforderungen, die man an rhn stel­len könne, gerecht zu werden. Der Verfassung ge­treu werde er wie für die Rechte der Krone so für die Rechte der Bürger eintreten, Aus­nahmegesetze ablehnen und insbeondere den wirt­schaftlich Schwachen und Abhang' ;en sein« Sorge zuwenden. Wenn auch dir soziale Gesetzgebung hauptsächlich Sache de» Reiches sei, bleibe doch der Landesgesetzgebung noch manches zu tun, so die weitere Ausgestaltung der Ge- werbeaufsicht, die Anstellung auch von weiblichen Auffichtsbeamten, die Seßhaftmachung der Ar­beiter, zeitgemäße Reform des Gefinderechts. In erschöpfender Weise behandeüe der Redner dann die wirtschaftlichen Verhältniss-. t '•r Kleinkaufleute und des Handwerker­standes. Die mißliche Lage der Kleinkausleute dränge danach, daß den Schäden abgeholfen werde, die mit verursacht werden durch die Kon­kurrenz der großen Versandgeschäfte, der Waren­häuser, der Wanderlager und durch den unlau­teren Wettbewerb. Der Landtag müsse hier, auf den Bundesrat einen Druck ausüben, daß dieser die erforderlichen Gesetzesvorschläge dem Reichs­tag mache und daneben auch selbst dem Kleinhan­del helfen durch eine verständige Besteuerung der Warenhäuser. Für den Bauhandwerker müsse, vor allem gefordert werden, daß ihm ein dingliches Vorrecht bei Subhastationen gesichert werde. Ein­gehend erörterte der Redner dann auch die Lage der Landwirtschaft, berührte die Zoll­politik, die Börsengesetzgebung, verlangte eine Lösung der Entschuldungsfrage, Hebung der Leutenot, Erhöhung der Staatsfonds für die Landwirtschaft, Ausbau des Wegenetzes, Erbau­ung von Kleinbahnen und Ausbildung des land­wirtschaftlichen Fortbildungsschulwesens. Nach­dem er weiter die Aufbesserung der Beamten- gehälter verteidigt, sich für ein gesetzliches Vorgehen gegen die Auswüchse im Syndikats­wesen und für einen gewissen Einfluß des Staates auf die Preisbildung im Kohlenhandel ausgesprochen, eine Besserung des Einkorn- mensteuergesetzes nach der. Richtung der Erleichterung für kinderreiche Familien gefordert und einer weiteren Ausbildung der Selbstver­waltung und einer Reform des Zusammen­legungsverfahrens das Wort geredet hatte, be­tonte er mit Nachdruck, daß er in der W a h l- r e ch t s f r a g e für die Einführung des Reichs­tagswahlrechts in Preußen eintreten werde. Auf kirchlichem Gebiete verlange er mt dem ganzen katholisck-en Volke Freiheit für die Kirche und ihre Organe; insbesondere für unsere Orden d i e Freiheit, die sie zur ungehinderten Entfal­tung ihre segensreichen Tätigkeit bedürfen. Das „Wohlwollen" der Minister genüge nicht. Daß die Diakonissen in ihrer Wirksamkeit keiner lästi­gen Bevormundung unterworfen seien, mißgönn­ten wir ihnen nicht, wünschten im Gegenteil, daß sie nicht anders behandelt würden, aber dieselben Rechte und Freiheiten verlangten wir auch für unsere katholischen Orden und Kongregationen. Die Schule müsse aus christlich-konfessioneller Grundlage aufgebaut sein, es müsse der Kirche die Möglichkeit bleiben, die gesamte unterricht­liche und erziehliche Tätigkeit der Schule mit zu beaufsichtigen. Wir wollen, schloß der Redner, daß ein Volk heranwächst, das denselben Idealen nachstrebt, die wir uns gestellt haben, den Idea­len, die auch auf der Fahne der Partei stehen, die da kämpft für Wahrheit, Freiheit und Recht!

Nachdem sich der brausende Beifall, der den Ausführungen des Redners gefolgt war, gelegt hatte, empfahl Herr Hofbäckermeister Srmmer in eindringlichen Worten die Wahl des Herrn Amrsgerichtsrats Rhiel. Seine Aufstellung sei im Wahlausschüsse schon mit großer Begeisterung begrüßt worden, seine Programmrede habe be­

wiesen, daß er in der Politik fein Laie mehr fei, sondern eine ausgedehnte Erfahrung in die­sen Dingen besitze. ES zeichne ihn eine große Sachkenntnis, eine ungetrübte klare Einsicht in die wirtschaftliche Dinge auS und er kenne Land und Leute durch und durch. Es müsse gesorgt wer­den, daß das Zentrum diesmal eine mögliöW große Stimmenzahl aufbringe. Darum gehe je­der zur Wahl! Bleibe keiner zurück! Der Zen­trumsturm foll noch stärker befestigt werden, als er eS schon ist. (Lebhafter Beifall.)

Als letzter Redner ergriff dann Herr Reichs­tagsabgeordneter Rich Müller das Wort zu fol­genden Ausführungen: Ich möchte diese Gele- genheii benutzen, um einiges über die Bedeu­tung gerade der jetzigen LandtagS- Wahlen zu sagen. Diese haben eine ganz an­dere Bedeutung als frühere Wahlen, einmal weil sie dafür entscheidend sein werden, ob im preußi­schen Landtag eine Aenderung in der Schu I- politik eintritt ober nicht, dann aber auch, weil sie einen großen Einfluß auf die künftige Ge­staltung des Wahlrechts für die Landtags- Wahlen haben werden. In der Schulpolitik, d. h. insbesondere in der Erhaltung des christlichen Charakters der Volksschule wünschen wir Fortdauer der bestehenden Verhältnisse, wir wollen keine konfessionslose Schule, keine Simul- tanschule, wir verlangen vielmehr die chri st- liche konfessionelle Schule nicht allein der Form, sondern auch dem Wesen , nach, wir ver­langen, daß in der Schule der Geist des Christen­tums herrscht und daß dementsprechend auch bie Schulaufsicht gehandhabt wird. (Lebh. Zustim­mung.) Hinsichtlich der Schulfrage besteht aber die große Gefahr, daß eine Stärkung des Li­beralismus durch die Wahlen den maßgebenden Leuten den vielleicht erwünschten Anlaß gibt zur Entchristlichnng der Schule, womit sie ja dem Liberalismus einen großen Gefallen tun würden. Diese Befürchtung und der Umstand, daß schon bet Abgeordnete Kopsch es überall ausposaunt hat, daß diesmal bei den Wahlen ein sogenannter Kulturblock gebildet werden müßte (hört! hört!) der alle Elemente von den Freikonservati­ven, Liberalen bis zu den Freisinnigen umfassen sollte, und den EndMeck hat, die Schule zu ent- christlichen, hat uns veranlaßt, für die bevor­stehenden Landtagswahlen entschieden Stellung gegen diese Kulturkämpfer zu nehmen, deshalb ha­ben wir uns im Reg.-Bez. Kassel allgemein mit den Konservativen gegen diesen sogenannten Li­beralismus, der in Wahrheit jedoch nur ein Byzantinismus ist, (sehr richtig!) ver­bündet. Wir lassen den Konservativen ihre bisherigen Wahlkreise im Regbe». Kassel unange­tastet und diese verzichten auf jede Opposition gegen uns in unseren beiden Kreisen. Gegen den ku ltur- kampflustigen Liberalismus stehen wir in allen kurhesfischen Kreisen zusammen, (liebfj. Beif.) Von gleicher Wichtigkeit, wenn auch auf ganz an­derem Gebiete als die Schulftage liegend, ist bei diesen Wahlen die Frage der künftigen Gestal­tung des Wahlrechts. In dieser Frage ver­sagen die Konservativen leider, genau ebenso aber auch Nationalliberale und Freisinnige. Nur Zen­trum, Polen und Sozialdemokraten sind aufrichtig« und energische Verteidiger des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts, lieber die großen Fehler, die große Ungleichheit des jetzt geltenden Dreiklassenwahlrechts habe ich mich hier schon am 22. März d. I. in der allgemeinen Zen­trumswählerversammlung für die Stadt Fulda ge­nügend ausgesprochen, ich brauche das Nämliche heute nicht nochmals zu wiederholen, ich möchte aber doch darauf Hinweisen: 1. welche Ungleich­heit dieses Wahlrecht selbst in unserer Stadt mtt sich bringt, wo z. B. in einem Bezirk 1 Wähler 2 Wahlmänner zu wählen hat, in einem anderen Be­zirk 200 Wähler nur 1 Wahlmann, sodaß also der

Der falsche Erbe.

» Roman von Ed. Wagner.

18) (Nachdruck verboten).

(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)

Wie mit einem Zauberschlage war der sehn­süchtige Blick aus Sir Harrys Gesicht verschwun­den., als er den Namen seines Sohnes nennen yorte. Bei dem Gedanken an seinen Sohn, den er liebte und auf den er stolz war, vergaß er sich »nö serne selbstsüchtigen Wünsche.

„Gurdo's Schweigen hat mich ebenfalls beun­ruhigt, Ella," antwortete er; „aber es ist mög- fich, daß mein Brief einen Umweg gemacht oder haß mein Sohn eine der italienischen Inseln be­uchte und deshalb den Brief nicht rechtzeitig er­halten hat. Vielleicht bekomme ich heute abend noch einen Brief von ihm. Ich habe Kemp nach der Stadt geschickt; er muß bald wieder hier sein."

„Vielleicht ist Guido schon auf der Heimreise," Sgte das Mädchen. „Glaubst Du, Onkel, daß u ihn nach dieser fünfjährigen Abwesenheit wie- dererkennen wirst?"

„Ob ich ihn wiedererkennen werde, Ella?" fragte der Baron lächelnd. „Meinst Du, daß fünf Kahre ihn so verändert haben könnten, daß fein Vater ihn nicht mehr kennen sollte?"

„Eine gewöhnliche Periode von fünf Jahren allerdings nicht, aber gerade diese Jahre, welche Weichsam die Brücks bilden von der Kindheit -um Mannesalter," wendete Ella ein. „Er ging Äls Knabe fort, und kommt als Mann wieder. i®uibo schrieb auch vor langer Zeit, wie Du weißt, daß eine schlimme Krankheit ihn sehr verändert v^lle; und er hat gereift, gelernt und gedacht."

„Das ist alles wahr, Ella. Ich bin auch vor- ©ereitet, das Aeußsre meines Sohnes verändert zu finden, aber ich bin überzeugt, daß er dasselbe treue Herz, dieselbe edle Seele, denselben wahren

aufrichtigen Charakter zurückbringen wird. Dies geht aus seinen Briefen hervor."

Das Mädchen errötete leicht und sagte leise: „Ich bin neugierig, was Guido von mir den­ken wird!"

„Er wird denken, daß Du das schönste, lie­benswürdigste, edelste —" Sir Harry etschtack selbst über die Begeisterung, mit welcher diese Worte ihm entschlüpften, weshalb er sich plötzlich unterbrach. „Meine kleine Ella", fuhr er ruhiger fort, „weißt Du, warum ich meinen Sohn von mir und nach einer deutschen Universität schickte? Warum ich ihm in diesen fünf Jahren nicht er­laubte, heim zu kommen und warum ich mich .selbst seiner lieben Gesellschaft beraubt habe?"

„Ich — nein, ich weiß es nicht."

„Kannst Du es nicht erraten, meine kleine Ella?" fragte Sir Harry mit anscheinend väter­licher Zärtlichkeit. »Ich dachte mir, daß ein Knabe und ein Mädchen, welche zusammen wie Geschwister aufwachsen, geneigt sein könnten, sich lebenslänglich als Geschwister zu betrachten; und ich wünscht nicht, daß Du auf Guido nur wie auf einen Bruder sehen möchtest, noch daß Guido in Dir nur eine Scktzvester finden sollte. Kannst Du nun erraten, Ella, warum ich meinen Sohn fortschickte?"

Die Röte auf Ella's Wangen wurde stärker; sie bebte leise unter Sir Harry's Liebkosungen, antwortete aber nicht.

„Von dem Augenblick an, als ich Dich als kleine Waise in mein Haus nahm," fuhr der Ba­ronet mit einiger Anstrengung fort, „war mein Wunsch, Dich einst meine — Tochter nennen zu können. Ich werde Dich nicht gegen Deinen Wil­len zu einer Heirat drängen, sondern es ist nur eben mein Wunsch, daß Du die Gattin meines Sohnes werden möchtest. Ich weiß, daß er man­chem unserer jungen Herren überlegen ist und denke, daß et Dir gefallen wird, ebenso, wie ich überzeugt bin, daß er entzückt sein wird von mei­ner unschuldigen liebenswürdigen Mündel. Ich wiederhole es, Ella, daß ich um keinen Preis einen

Druck auf Dich aus üb en, ja nicht einmal eine Heirat zulasten würde, wenn Du ihn nicht liebst; aber wenn Ihr Euch gegenseitig liebt und ich die Gewißheit habe. Dich nie aus meinem Hause scheiden zu sehen, würde ich glücklich sein."

Der kleine Kopf an feinem Knie senkte sich noch tiefer. Es entstand eine Pause, während welcher der Baronet seine Gefühle niederzukäm­pfen bemüht wat; dann flüsterte Ella mit sanf­ter Stimme:

„Ich hoffe, nie von Dir scheiden zu müssen, lieber Onkel. Ich liebe Guido bereits und wenn er mich liebt — Du weißt, was ich damit meine."

Sir Harry wußte es; aber ungeachtet der Freude, welche dies Bekenntnis seinem selbstlosen Herzen machte, flog doch ein leiser Schatten von schmerzlicher Empfindmrg über fein Gesicht, und sein Herz stand einen Augenblick still vor Be­klommenheit. Jetzt wußte er erst, wie sehr er sie liebte. Die Leidenschaft, welche bisher in seinem Innern geschlummert, drohte bei den unbefan­genen Worten Ella's, die sein Herz tiefer ver­wundeten, als ein Dolch getan haben könnte, mit aller Macht hervorzubrechen. Aber er drückte seine Gefühle gewaltsam nieder, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte:

„Guido braucht Dich nur zu sehen und er wird, er muh Dich lieben! Er kennt meine Wünsche und er weiß, daß ich ihn zurückrief, damit er Dich zu gewinnen suche."

Das Mädchen zitterte und ein süßes, glück­liches Lächeln umschtoebte ihren Mund, als sie zu Sir Harry schüchtern aufblickte.

„Onkel", sagte sie naiv, „nun kann ich Dir sagen, was ich bisher kaum zu denken wagte. Ich habe im Stille dieselben Wünsche gehabt, wie Du; und ich weiß, daß ich Guido lieben werde. Jeder erzählt so viel Gutes und Rühmliches von ihm, daß er mein Ideal geworden ist."

Noch ehe Sir Harry antworten konnte, wurde an die Tür geklopft, und gleich darauf trat ein Diener herein und überreichte Sir Harry auf einem Präsentierteller einen Brief.

Der Baronet nahm den Brief und entließ den Diener.

„Er ist von Guido!" tief er freudig; „und trägt den Posfftempel „Marseille". Er ist also auf dem Heimwege."

Er öffnete das Kuvert und überflog hastig den Inhalt des Briefes.

„Mein Brief ist liegen geblieben," sagte Sir Harry während des Lesens. „Er hat ein Aben­teuer gehabt — ein großes Unglück, welches für ihn hätte gefährlich werden können. Er hat Schiffbruch gelitten an der sizilianischen Küste. Sein Freund, Ferdinand Brandet, welcher in Baden mit Guido bei dessen Abenteuer zusam- mentraf und seitdem in seiner Gesellschaft ist, hat eine Verletzung bekommen, welche ihn zu einem Irrsinnigen gemacht hat. Armer Bursche! Wie schrecklich! O, wenn das Unglück unfern lieben Guido getroffen hätte!"

Ella schauderte.

„Es wat eine Fügung der Vorsehung, daß Guido so glücklich davongriommen ist!" rief Sir Harry aufgeregt. „Et schreibt, daß er krank und voller Wunden und Quetschungen ist und daß er sich kaum noch ähnlich sieht. Ich kann das wohl begreifen. In einer Woche wird er hier fein. Das ist der Inhalt des Briefes, Ella. Hier, lies ihn selbst."

„Ella nahm den Brief und las ihn laut vor, und ihre Tränen fielen dabei auf das Papier. Als sie zu Ende war, drückte sie, da der Baronet anscheinend nicht nach ihr sah, das Billet leise an ihre Lippen. Sir Harry hatte aber dennoch die Bewegung gesehen; er hatte fich jedoch vollkom­men beherrscht und seine Gedanken waren mit dem Brief seines Sohnes und deut darin geschil­derten Unglück beschäftigt.

„Er mag vielleicht schon morgen kommen," sagte Ella, strahlend vor Freude. „Jedenfalls ober wird er in dieser Woche kommen!"

(Fortsetzung folgt.)