Zuldaer W Zeitung
Monatrbrllagr: „Fuldaer Geschlchkblätter"
3.ÄÄ«. rv°q-i»«iiagt! Illustrierte SomUagrzeUung"
35. Jahrqanq.
Fulda, Montaq dm 1. Juni 1908.
M 125.
L»z«i-«>: Vie et» spaltige Petitzeile oder deren Boern ,S Pf-. NeNamendrepeUtzell« 25 Pfg-, bei wieder« holongen wird entfpr. Rabatt gewühlt.
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Sari Schütte;
Erstes Wlatt.
Deutsches Reich.
♦ Parade und Königsbesuch. Di« Parade der Potsdamer Garnison sand am TamStag im Lustgarten statt. Im Regiment defilierte auch der Großherzog von Baden. Sonntag traf das schwedische KöniqSpaar ein, eS wurde vom Kaiser und der Kaiserin am Lehrter Bahnhos, vom Oberbürgermeister Kirschner mit anderen städtischen Vertretern am Brandenburger Tor begrüßt. Die Parade auf dem Tempelhoser Feld findet am Montag statt.
* 8 63 des Handelsgesetzbuches. Wie nach den Erklärungen des Staatssekretärs Dr. Nieber- ding zu erwarten war, hat der Bundesrat der Novelle zum § 63 deS HandeSgesetzbucheS in der ihr vom Reichstag gegebenen Fassung seine Zu stimmung versagt. Der Regierung-- mtwurf hatte die Bestimmung, daß erkrankten Handlungsgehilfen daS Gehalt sechs Wochm lang weiter zu zahlen ist, obligatorisch machen, dafür aber den Prinzipalen daS Recht auf Abzug der Verficherungsbezüge einräumen wollen. Der Reichstag war indeffen fast einmütig gegen diese Gehaltskürzung. An diesem Streitpunkte ist nun das Gesetz gescheitert.
* Dresden, 31. Mai 1908. In der gestrigen Sitzung der Wahlrechtsdeputation wurde da- Kompromiß (vergleiche daS zweite Blatt) gegen vier Stimmen angenommen. Der RegierungS« Vertreter ertlärte, die Regierung müsse fich ihre Stellungnahme vorbehalten.
)«( Magdeburg, 29. Mai 1908. Alljährlich findet in Magdeburg am Himmelfahrtstage eine große Versammlung der Katholiken Magdeburgs und der weiteren Umgegend statt. An diesem Tage bildet Magdeburg den Sammelpunkt für viele Hunderte, die zerstreut in der sächsischen Diaspora wohnen. Die diesjährige Versammsung sand statt im größten Saal, den die Viertelmillwnenstadt Magdeburg hat. Und der Saal war gefüllt bis auf das letzte Eckchen. Unten im Saal hatten die vielen Hundert treuen katholischen Männer ihren Platz genommen, während die Tribünen m der ganzen Runde dicht besetzt waren von der Frauenwelt. Erster Redner war der wett über Deutschlands Grenzen hinaus rühmlichst bekannte Kanzelredner, Dominikanerpater Bonaventura (Berlin), der ein äußerst anschauliches farbenreiches Bild über das Leben der Katholiken Nordamerikas entrollte. Dann sprach Regierungsrat Klocke-Treysa über das Thema: Ist der Katholizismus rückständig? Er widerlegte zunächst die Behauptung der Gegner, daß die protestantischen Völker wirtschaftlich fortgeschrtttener als die Katholiken seien. Man weise hin auf Italien und Spanien. Freilich seien diese Staaten wirtschaftlich nicht so wett, wie andere Staaten. Aber sie seien ebenso weit zurück wie die protestantischen Staaten Schweden und Norwegen. Belgien, ein Industrie- und Handelsstaat wie kein zweiter in Europa, sei katholisch. 1884 waren in den staatlichen Sparkassen Belgiens 158 Millionen angelegt, im Jahre 1906: 1254 Millionen. Und das war unter „klerikaler" Herr- schäft! Ein Drittel Deutschlands — fuhr der Redner fort — sind Katholiken. Sie bilden mtt den Protestanten zusammen ein Volk, wir haben dieselben ökonomischen Interessen, ob wir dem einen oder dem anderen Glauben auhängen. Es gibt keine protestantische und keine katholische Industrie, es gibt nur eine: die deutsche Industrie. (Sehr wahr!) Die wirtschaftliche Bedeutung unseres
Vaterlandes ruht zwischen Ruhr und Sippe, dorr wohnt ein Bolk, da- in seiner großen - Mehrhett katholisch ist, ihr katholischer Glaube hat der wirtschaftliche» Rührigkeit der Westtalen und Rheinländer nie Eintracht getan. Thyssen und StinneS, die zu de» Führern des Weltmärkte- gehören, stnd Katholiken. Und Thyssen, der Krupp überflügett hat, — erschrecken Sie nicht! — wählt Zentrum. (Oho!) Die Geschichte zeigt, daß da- Religionsbekenntnis nicht die wirtschaftlich« Lage bedingt. Im 9. und 10. Jahrhundert war eS der Islam, der wirtschaftlich weiter war, al- das christliche Abendland. Man wird doch nun nicht sagen wollen, daß der J-lam die wirtschaftliche Entwickelung der Völker besser leite, als der Katholi. ziSmuS. Im 16. Jahrhundert waren Spanien und Frankreich die führenden Nationen, während Deutschland herabsank. Unsere Gegner würden eS al- Beleidigung ansehen, wenn wir schließen wollten: die Reformation war schuld am wirtschaftlichen Rückgang Deutschlands. In unseren Tagen bemerken wir einen wirtschaftlichen Aufschwung in Japan. Soll man da sagen: die japanische Religion ist die richtige? Die Dinge liegen ander-. Wir leben im Zeitalter der Dampfmaschine. DaS tägliche Brot der Industrie ist die Kohle. Wo die Kohle ist, da siedelt fich die Industrie an. So haben wir die Erscheinung, daß die Länder mtt größeren Kohlenbecken die größer« Industrie haben, so haben Deutschland und England ihre Macht erreicht. In interessanter Weise widerlegte der Redner weiter die Vorwürfe, daß die Katholizierung ein Feind der Wissenschaft, ein Feind modernen Denkens sei, und schloß mit folgenden Gedanken: So hoch wie die Wissenschaft ist, das höchste der Meuschengüter ist sie nicht. Das Höchst« ist Erziehung zur Sittlichkeit. Man spricht von neuer Ethik und von Entwickelung der Persön- lichkeit. Nur au» seinem Inneren will der Mensch seine Richtung nehmm. Wenn nun jeder seinen Wünschen nachgehen sollte, dann fallen wir zurück in die Barbarei. (Lebhafter Beifall!). Wenn in den Alpen die Sonne schon untergegangen ist, leuchten noch die Berge. Es ist der letzte Gruß der untergehenden Sonne. So ist es mit der Sittenlehre mancher Modernen. Da unten im Tal, in der Nacht deS modernen Heidentums, da stehen sie. Der Eisgletscher menschlicher Leidenschaft von der Sonne getroffen. Und die Sonne, die ihnen untergegangen ist, daS ist die Sonne des Christentums. Der Fortschritt, mag er sein, wie er will, bleibt immer: Christu» gestern und heute, jetzt und immer und in Ewigkeit (Lang anhaltender Beifall und Händeklatschen!). Unter dem Eindruck dieser Rede sagte der Vorsitzende, ReichStagsabg. P feif fer, ein Mtt- glied der Zentrumsfraktion habe geäußert: Auf dem Zentrumsturm fehtt unS nur noch die Glocke. Hoffentlich bringe dem Zentrum die Land agswahl diese neue Glocke aus dem Wahlkreis Olpe-Meschede.
Zu -en.tan-tagswahlen.
** Wählerversammlung in Fulda.
Die letzte Heerschau vor der Wahlschlacht hat die Zentrumspartei der Stadt Fulda am Samstag abend im Gesellenvereinssaale abgehalten. Sie bot ein erfreuliches Schauspiel kraftvoller Eintracht und entschlossener Begeisterung, wie es nur eine so fest im Volke wurzelnde Partei bieten kann, die durch ihre Ideale sich den Boden dazu selbst bereitet hat.
Die Verhandlung eröffnete Herr Rich. Schmitt mit Worten der Begrüßung. Das Wort erhielt dann der Kandidat, Herr Amtsgerichtsrat Rhiel, der wiriierholt von Beifall unterbrochen mit großer Klarheit und mit einer Gründlichkeit, die von eingehender Sachkenntnis zeugt, sein Programm entwickelte.
Vorab betonte er, daß er fest und treu zum Zentrum stehe und sich zum Programm des Zentrums bekenne. Auf dem Boden dieses
Programms werde er sich bemühen, in ehrlicher Arber! den Anforderungen, die man an rhn stellen könne, gerecht zu werden. Der Verfassung getreu werde er wie für die Rechte der Krone so für die Rechte der Bürger eintreten, Ausnahmegesetze ablehnen und insbeondere den wirtschaftlich Schwachen und Abhang' ;en sein« Sorge zuwenden. Wenn auch dir soziale Gesetzgebung hauptsächlich Sache de» Reiches sei, bleibe doch der Landesgesetzgebung noch manches zu tun, so die weitere Ausgestaltung der Ge- werbeaufsicht, die Anstellung auch von weiblichen Auffichtsbeamten, die Seßhaftmachung der Arbeiter, zeitgemäße Reform des Gefinderechts. In erschöpfender Weise behandeüe der Redner dann die wirtschaftlichen Verhältniss-. t '•r Kleinkaufleute und des Handwerkerstandes. Die mißliche Lage der Kleinkausleute dränge danach, daß den Schäden abgeholfen werde, die mit verursacht werden durch die Konkurrenz der großen Versandgeschäfte, der Warenhäuser, der Wanderlager und durch den unlauteren Wettbewerb. Der Landtag müsse hier, auf den Bundesrat einen Druck ausüben, daß dieser die erforderlichen Gesetzesvorschläge dem Reichstag mache und daneben auch selbst dem Kleinhandel helfen durch eine verständige Besteuerung der Warenhäuser. Für den Bauhandwerker müsse, vor allem gefordert werden, daß ihm ein dingliches Vorrecht bei Subhastationen gesichert werde. Eingehend erörterte der Redner dann auch die Lage der Landwirtschaft, berührte die Zollpolitik, die Börsengesetzgebung, verlangte eine Lösung der Entschuldungsfrage, Hebung der Leutenot, Erhöhung der Staatsfonds für die Landwirtschaft, Ausbau des Wegenetzes, Erbauung von Kleinbahnen und Ausbildung des landwirtschaftlichen Fortbildungsschulwesens. Nachdem er weiter die Aufbesserung der Beamten- gehälter verteidigt, sich für ein gesetzliches Vorgehen gegen die Auswüchse im Syndikatswesen und für einen gewissen Einfluß des Staates auf die Preisbildung im Kohlenhandel ausgesprochen, eine Besserung des Einkorn- mensteuergesetzes nach der. Richtung der Erleichterung für kinderreiche Familien gefordert und einer weiteren Ausbildung der Selbstverwaltung und einer Reform des Zusammenlegungsverfahrens das Wort geredet hatte, betonte er mit Nachdruck, daß er in der W a h l- r e ch t s f r a g e für die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen eintreten werde. Auf kirchlichem Gebiete verlange er mt dem ganzen katholisck-en Volke Freiheit für die Kirche und ihre Organe; insbesondere für unsere Orden d i e Freiheit, die sie zur ungehinderten Entfaltung ihre segensreichen Tätigkeit bedürfen. Das „Wohlwollen" der Minister genüge nicht. Daß die Diakonissen in ihrer Wirksamkeit keiner lästigen Bevormundung unterworfen seien, mißgönnten wir ihnen nicht, wünschten im Gegenteil, daß sie nicht anders behandelt würden, aber dieselben Rechte und Freiheiten verlangten wir auch für unsere katholischen Orden und Kongregationen. Die Schule müsse aus christlich-konfessioneller Grundlage aufgebaut sein, es müsse der Kirche die Möglichkeit bleiben, die gesamte unterrichtliche und erziehliche Tätigkeit der Schule mit zu beaufsichtigen. Wir wollen, schloß der Redner, daß ein Volk heranwächst, das denselben Idealen nachstrebt, die wir uns gestellt haben, den Idealen, die auch auf der Fahne der Partei stehen, die da kämpft für Wahrheit, Freiheit und Recht!
Nachdem sich der brausende Beifall, der den Ausführungen des Redners gefolgt war, gelegt hatte, empfahl Herr Hofbäckermeister Srmmer in eindringlichen Worten die Wahl des Herrn Amrsgerichtsrats Rhiel. Seine Aufstellung sei im Wahlausschüsse schon mit großer Begeisterung begrüßt worden, seine Programmrede habe be
wiesen, daß er in der Politik fein Laie mehr fei, sondern eine ausgedehnte Erfahrung in diesen Dingen besitze. ES zeichne ihn eine große Sachkenntnis, eine ungetrübte klare Einsicht in die wirtschaftliche Dinge auS und er kenne Land und Leute durch und durch. Es müsse gesorgt werden, daß das Zentrum diesmal eine mögliöW große Stimmenzahl aufbringe. Darum gehe jeder zur Wahl! Bleibe keiner zurück! Der Zentrumsturm foll noch stärker befestigt werden, als er eS schon ist. (Lebhafter Beifall.)
Als letzter Redner ergriff dann Herr Reichstagsabgeordneter Rich Müller das Wort zu folgenden Ausführungen: Ich möchte diese Gele- genheii benutzen, um einiges über die Bedeutung gerade der jetzigen LandtagS- Wahlen zu sagen. Diese haben eine ganz andere Bedeutung als frühere Wahlen, einmal weil sie dafür entscheidend sein werden, ob im preußischen Landtag eine Aenderung in der Schu I- politik eintritt ober nicht, dann aber auch, weil sie einen großen Einfluß auf die künftige Gestaltung des Wahlrechts für die Landtags- Wahlen haben werden. In der Schulpolitik, d. h. insbesondere in der Erhaltung des christlichen Charakters der Volksschule wünschen wir Fortdauer der bestehenden Verhältnisse, wir wollen keine konfessionslose Schule, keine Simul- tanschule, wir verlangen vielmehr die chri st- liche konfessionelle Schule nicht allein der Form, sondern auch dem Wesen , nach, wir verlangen, daß in der Schule der Geist des Christentums herrscht und daß dementsprechend auch bie Schulaufsicht gehandhabt wird. (Lebh. Zustimmung.) Hinsichtlich der Schulfrage besteht aber die große Gefahr, daß eine Stärkung des Liberalismus durch die Wahlen den maßgebenden Leuten den vielleicht erwünschten Anlaß gibt zur Entchristlichnng der Schule, womit sie ja dem Liberalismus einen großen Gefallen tun würden. Diese Befürchtung und der Umstand, daß schon bet Abgeordnete Kopsch es überall ausposaunt hat, daß diesmal bei den Wahlen ein sogenannter Kulturblock gebildet werden müßte (hört! hört!) der alle Elemente von den Freikonservativen, Liberalen bis zu den Freisinnigen umfassen sollte, und den EndMeck hat, die Schule zu ent- christlichen, hat uns veranlaßt, für die bevorstehenden Landtagswahlen entschieden Stellung gegen diese Kulturkämpfer zu nehmen, deshalb haben wir uns im Reg.-Bez. Kassel allgemein mit den Konservativen gegen diesen sogenannten Liberalismus, der in Wahrheit jedoch nur ein Byzantinismus ist, (sehr richtig!) verbündet. Wir lassen den Konservativen ihre bisherigen Wahlkreise im Regbe». Kassel unangetastet und diese verzichten auf jede Opposition gegen uns in unseren beiden Kreisen. Gegen den ku ltur- kampflustigen Liberalismus stehen wir in allen kurhesfischen Kreisen zusammen, (liebfj. Beif.) Von gleicher Wichtigkeit, wenn auch auf ganz anderem Gebiete als die Schulftage liegend, ist bei diesen Wahlen die Frage der künftigen Gestaltung des Wahlrechts. In dieser Frage versagen die Konservativen leider, genau ebenso aber auch Nationalliberale und Freisinnige. Nur Zentrum, Polen und Sozialdemokraten sind aufrichtig« und energische Verteidiger des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts, lieber die großen Fehler, die große Ungleichheit des jetzt geltenden Dreiklassenwahlrechts habe ich mich hier schon am 22. März d. I. in der allgemeinen Zentrumswählerversammlung für die Stadt Fulda genügend ausgesprochen, ich brauche das Nämliche heute nicht nochmals zu wiederholen, ich möchte aber doch darauf Hinweisen: 1. welche Ungleichheit dieses Wahlrecht selbst in unserer Stadt mtt sich bringt, wo z. B. in einem Bezirk 1 Wähler 2 Wahlmänner zu wählen hat, in einem anderen Bezirk 200 Wähler nur 1 Wahlmann, sodaß also der
Der falsche Erbe.
» Roman von Ed. Wagner.
18) (Nachdruck verboten).
(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)
Wie mit einem Zauberschlage war der sehnsüchtige Blick aus Sir Harrys Gesicht verschwunden., als er den Namen seines Sohnes nennen yorte. Bei dem Gedanken an seinen Sohn, den er liebte und auf den er stolz war, vergaß er sich »nö serne selbstsüchtigen Wünsche.
„Gurdo's Schweigen hat mich ebenfalls beunruhigt, Ella," antwortete er; „aber es ist mög- fich, daß mein Brief einen Umweg gemacht oder haß mein Sohn eine der italienischen Inseln beuchte und deshalb den Brief nicht rechtzeitig erhalten hat. Vielleicht bekomme ich heute abend noch einen Brief von ihm. Ich habe Kemp nach der Stadt geschickt; er muß bald wieder hier sein."
„Vielleicht ist Guido schon auf der Heimreise," Sgte das Mädchen. „Glaubst Du, Onkel, daß u ihn nach dieser fünfjährigen Abwesenheit wie- dererkennen wirst?"
„Ob ich ihn wiedererkennen werde, Ella?" fragte der Baron lächelnd. „Meinst Du, daß fünf Kahre ihn so verändert haben könnten, daß fein Vater ihn nicht mehr kennen sollte?"
„Eine gewöhnliche Periode von fünf Jahren allerdings nicht, aber gerade diese Jahre, welche Weichsam die Brücks bilden von der Kindheit -um Mannesalter," wendete Ella ein. „Er ging Äls Knabe fort, und kommt als Mann wieder. i®uibo schrieb auch vor langer Zeit, wie Du weißt, daß eine schlimme Krankheit ihn sehr verändert v^lle; und er hat gereift, gelernt und gedacht."
„Das ist alles wahr, Ella. Ich bin auch vor- ©ereitet, das Aeußsre meines Sohnes verändert zu finden, aber ich bin überzeugt, daß er dasselbe treue Herz, dieselbe edle Seele, denselben wahren
aufrichtigen Charakter zurückbringen wird. Dies geht aus seinen Briefen hervor."
Das Mädchen errötete leicht und sagte leise: „Ich bin neugierig, was Guido von mir denken wird!"
„Er wird denken, daß Du das schönste, liebenswürdigste, edelste —" Sir Harry etschtack selbst über die Begeisterung, mit welcher diese Worte ihm entschlüpften, weshalb er sich plötzlich unterbrach. „Meine kleine Ella", fuhr er ruhiger fort, „weißt Du, warum ich meinen Sohn von mir und nach einer deutschen Universität schickte? Warum ich ihm in diesen fünf Jahren nicht erlaubte, heim zu kommen und warum ich mich .selbst seiner lieben Gesellschaft beraubt habe?"
„Ich — nein, ich weiß es nicht."
„Kannst Du es nicht erraten, meine kleine Ella?" fragte Sir Harry mit anscheinend väterlicher Zärtlichkeit. »Ich dachte mir, daß ein Knabe und ein Mädchen, welche zusammen wie Geschwister aufwachsen, geneigt sein könnten, sich lebenslänglich als Geschwister zu betrachten; und ich wünscht nicht, daß Du auf Guido nur wie auf einen Bruder sehen möchtest, noch daß Guido in Dir nur eine Scktzvester finden sollte. Kannst Du nun erraten, Ella, warum ich meinen Sohn fortschickte?"
Die Röte auf Ella's Wangen wurde stärker; sie bebte leise unter Sir Harry's Liebkosungen, antwortete aber nicht.
„Von dem Augenblick an, als ich Dich als kleine Waise in mein Haus nahm," fuhr der Baronet mit einiger Anstrengung fort, „war mein Wunsch, Dich einst meine — Tochter nennen zu können. Ich werde Dich nicht gegen Deinen Willen zu einer Heirat drängen, sondern es ist nur eben mein Wunsch, daß Du die Gattin meines Sohnes werden möchtest. Ich weiß, daß er manchem unserer jungen Herren überlegen ist und denke, daß et Dir gefallen wird, ebenso, wie ich überzeugt bin, daß er entzückt sein wird von meiner unschuldigen liebenswürdigen Mündel. Ich wiederhole es, Ella, daß ich um keinen Preis einen
Druck auf Dich aus üb en, ja nicht einmal eine Heirat zulasten würde, wenn Du ihn nicht liebst; aber wenn Ihr Euch gegenseitig liebt und ich die Gewißheit habe. Dich nie aus meinem Hause scheiden zu sehen, würde ich glücklich sein."
Der kleine Kopf an feinem Knie senkte sich noch tiefer. Es entstand eine Pause, während welcher der Baronet seine Gefühle niederzukämpfen bemüht wat; dann flüsterte Ella mit sanfter Stimme:
„Ich hoffe, nie von Dir scheiden zu müssen, lieber Onkel. Ich liebe Guido bereits und wenn er mich liebt — Du weißt, was ich damit meine."
Sir Harry wußte es; aber ungeachtet der Freude, welche dies Bekenntnis seinem selbstlosen Herzen machte, flog doch ein leiser Schatten von schmerzlicher Empfindmrg über fein Gesicht, und sein Herz stand einen Augenblick still vor Beklommenheit. Jetzt wußte er erst, wie sehr er sie liebte. Die Leidenschaft, welche bisher in seinem Innern geschlummert, drohte bei den unbefangenen Worten Ella's, die sein Herz tiefer verwundeten, als ein Dolch getan haben könnte, mit aller Macht hervorzubrechen. Aber er drückte seine Gefühle gewaltsam nieder, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte:
„Guido braucht Dich nur zu sehen und er wird, er muh Dich lieben! Er kennt meine Wünsche und er weiß, daß ich ihn zurückrief, damit er Dich zu gewinnen suche."
Das Mädchen zitterte und ein süßes, glückliches Lächeln umschtoebte ihren Mund, als sie zu Sir Harry schüchtern aufblickte.
„Onkel", sagte sie naiv, „nun kann ich Dir sagen, was ich bisher kaum zu denken wagte. Ich habe im Stille dieselben Wünsche gehabt, wie Du; und ich weiß, daß ich Guido lieben werde. Jeder erzählt so viel Gutes und Rühmliches von ihm, daß er mein Ideal geworden ist."
Noch ehe Sir Harry antworten konnte, wurde an die Tür geklopft, und gleich darauf trat ein Diener herein und überreichte Sir Harry auf einem Präsentierteller einen Brief.
Der Baronet nahm den Brief und entließ den Diener.
„Er ist von Guido!" tief er freudig; „und trägt den Posfftempel „Marseille". Er ist also auf dem Heimwege."
Er öffnete das Kuvert und überflog hastig den Inhalt des Briefes.
„Mein Brief ist liegen geblieben," sagte Sir Harry während des Lesens. „Er hat ein Abenteuer gehabt — ein großes Unglück, welches für ihn hätte gefährlich werden können. Er hat Schiffbruch gelitten an der sizilianischen Küste. Sein Freund, Ferdinand Brandet, welcher in Baden mit Guido bei dessen Abenteuer zusam- mentraf und seitdem in seiner Gesellschaft ist, hat eine Verletzung bekommen, welche ihn zu einem Irrsinnigen gemacht hat. Armer Bursche! Wie schrecklich! O, wenn das Unglück unfern lieben Guido getroffen hätte!"
Ella schauderte.
„Es wat eine Fügung der Vorsehung, daß Guido so glücklich davongriommen ist!" rief Sir Harry aufgeregt. „Et schreibt, daß er krank und voller Wunden und Quetschungen ist und daß er sich kaum noch ähnlich sieht. Ich kann das wohl begreifen. In einer Woche wird er hier fein. Das ist der Inhalt des Briefes, Ella. Hier, lies ihn selbst."
„Ella nahm den Brief und las ihn laut vor, und ihre Tränen fielen dabei auf das Papier. Als sie zu Ende war, drückte sie, da der Baronet anscheinend nicht nach ihr sah, das Billet leise an ihre Lippen. Sir Harry hatte aber dennoch die Bewegung gesehen; er hatte fich jedoch vollkommen beherrscht und seine Gedanken waren mit dem Brief seines Sohnes und deut darin geschilderten Unglück beschäftigt.
„Er mag vielleicht schon morgen kommen," sagte Ella, strahlend vor Freude. „Jedenfalls ober wird er in dieser Woche kommen!"
(Fortsetzung folgt.)