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MaerW Zeitung

35. Jahrgang.

Fulda, ScnnStag den 30. Mai 1908.

- JV3 124.

Krstes ’gälatt

Zentrum nicht vorzuenthalten.

Anzeigen: W evt» fpaltigepetitzelleodt, Itrtn Baum 16 Pffl. LeNameudiepetitzell« 18 Pfg., bd wieder» tzelungenwtrdentfp«.

Babatt gewährt.

Relation,drnckuu» Verlag der Fuldaer Ad

Erscheint täglich nüt Au,nähme der So«. Und Feiertage, vierte!- jährlicher Bezug,preir ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda so- »kecmrwärtrl.5üM.

Veranüv. Bedalteurr : «arl Schütter

_ ..... ..... .. «rndruckerel in Fuldit Monatrdevage: „Zuldaer Geschichtrblatter Fernsprecher rrr.».

Deutsches Reich,

* Der Kaiser ist wieder in Wildpark bei Potsdam eingetroffen. Am Sonntag wird das schwedische Königspaar in Berlin einlreffen. — Astern trafen der Großherzog irud die Groß- her^ogrn von Baden ein.

Die Reichsdotation für den Kaiser ist ojstzros bekanntlich abgeleugnet worden. Jetzt kommt eint parlamentarische Korrespondenz mit

w»ch-ib-«-ge: Illustrierte Somitagyeltung"

S Poppenhausen, 30. Mai 1908. Morgen wird hier der Kandidat der Zentrumspariei für den Wahlkreis Hünseld-GerSseld feine Wahlreden mit einer Versammlung beschließen. Dieselbe findet um 3 Ubr im Gasthause zum Engel statt. Neben dem Kandidaten werden noch mehrere Herren aui Fulda als Redner auftreten. Ohne Zweifel wird auch diese Versammlung einen schönen -terlaut

30. ®l«iW08. Di. Be« trauenSmäuner der ZentrumSparter der Pfarrei Hosenfeld haben die Zentrumswähler für Sonn» Ma den 81, W« w «nsdWahlvylamNfitng

Zu -en Landtagswahren.

Nur eine Stimme!

Nachstehendes Vorkommnis verdient vor bet Landtagswahl besonders denen wieder in Er, innerung gerufen zu werden, die fich gern bei den Wahlen drücken, sei eS aus Gleichgültig« feit, oder aus Menschenfurcht. „Was liegt denn viel an einer Stimme!" sagen sie sich und Andern zur Entschuldigung. Und man kann ihnen antworten: eine Stimme kann ein ganzes Land unglücklich machen. Das hat sich 1879 in Belgien erwiesen. Im Senat war mit 33 gegen 31 Stimmen das berüchtigte Vanhumbeek'sch» Schulgesetz angenommen worden, welches bet- Religion in der Schule die Türe wie- und bie belgischen Katholiken, die ihre Kinder nicht der Gottlosigkeit üderantworten wollten, nötigte, mist, ungeheueren Opfern sich eigene katholische Schulen einzurichten. Dieses Gesetz müßte eigentlich den Namen des Senators Bayaval tragen, denn dieser allein, obgleich dem Tode nahe, hat (I zu Stande gebracht. Er ließ sich in den Senat tragen und gab dort den Ausschlag für bo8 Gesetz. Dieser Boyaval aber verdankte selbst seinen Sitz dem Wegbleiben eines einzige» Katholiken an der Wahlurne: hätte dieser sein» Pflicht getan, so würde ein katholischer Senator gewählt worden sein und das ruchlose Gesetz wäre zu Falle gebracht worden. So mußt» ganz Belgien sür die Saumseligkeit diese- Ein" zrgen büßen und schwer büßen. Die Erinnrv ung an dieses Faktum möge den einen obei anderen saumseligen Wähler antreiben, zeitig sich zur Wahl zu stellen und seine Stimme dem

runa des Fortkommens, irrte der frühere Titel des ZwanaSzöglingS. Der Bericht -eigt.daßvon den in der Zeit vom 1. April 1901 bis 31. Tiara 19 7 der Fürsorgeerziehung überwiesenen 40 532 Min­derjährigen (26 710 männliche, 18 813 toetbltdje) 16 524 Knaben und 6033 Mädchen im schulpflich­tigen Alter standen. ES gehörte alfo die Mehr­zahl der männlichen Fürsorgezöglinge dem schul­pflichtigen Alter an. Ohne zur Fürsorgeerziehung zu greisen, wurden 4566 Jugendliche, darunter 8396 im Alter bis zu 14 Jahren, auf Beschluß des Bormundschaftsgerichtes hin zumeist in Fa­milien und auch in Anstalten untergebracht und so vor den sie gefährdenden Einflüssen geschützt. Diese Maßnahme wird allerdings dadurch sehr erschwert, daß die Armenv«waltung, gesetzlich nicht zu Aufwendungen zu rein erzieherischen Zwecken verpflichtet ist. Die gedachten Maßnah­men der Vormundschaftsgerichte gehen durchaus parallel mit der jetzigen milderen Praxis der ordentlichen Gerichte bei der Verurteilung der Jugendlichen und können deswegen auf pädago­gischer Seite auf volle Zustimmung rechnen. Wünschenswert wäre es nur, daß auch in jedem Falle wirklich etwas geschieht, wo das Vormund­schaftsgericht es nötig erklärt, einzugreifen.

♦ Der erste Zentrumstag in Lothringen. Am 31. Mai und 1. Juni treten bie Mitglieder der Zentrumspariei zum ersten Male zur Beratung der großen politischen Aufgaben der elsaß-lothrin- gischen Zentr umspart ei wie zur Besprechung takti­scher und geschäftlicher Angelegenheiten in gor» bach zusammen. Die Bedeutung deS ersten Par­teitages des Zentrums in Lothringen liegt darin, daß sämtliche Parteiangehörige, einerlei ob ein» heimische oder eingewanderte, zum ersten Male geschloffen in einem großen Verbände auf treten.

X Die kirchlichen Verhältnisse der Katholiken in Braunschweig zählen jedenfalls zu den aller- rückständigsten in der gesamten Kultur­welt. Bei der Beratung des Toleranzantrages des Zentrums im Reichstag sind fiel wiederholt Gegenstand der Erörterung gewesen. Ganz ohne Eindruck sind sie nicht geblieben, aber die erfolg­ten Verbesserungen waren nicht viel wert. Auch das neue Gesetz über die kirchlichen Inter­essen der Katholiken entspricht keineswegs den berechtigten Wünschen derselben. Es räumt i nicht mit den lästigen Beschränkungen — um nicht zu sagen: Schikanen — denen die seelsor­gerische Tätigkeit „ausländischer" katholischer Geistlichen im Herzogtum Braunschweig noch unterworfen ist, gründlich auf. Zwar gibt es der zuständigen Verwaltungsbehörde die Befugnis, auf Antrag einem nicht zugelassenen Geist­lichen im Einzel falle die Vornahme kirch- lieber Handlungen zu gestatten. Es handelt sich hier aber nur um „unaufschiebbare" Handlungen, wie Spendung der Taufe und der Sterbesakra­mente, und auch zu ihnen ist, tote bemerkt, erst die Genehmigung der Kreisdirektion einzuholen. Tas katholische „Braunschweiger Sonntagsblatt" be­merkt dazu:

Man stelle sich doch nur einmal jene praktischen Fälle vor, wie sie dem katholischen Volke aus dem täglichen Leben genügend bekannt sind. Ein Arbnter z. Ä. verunglückt in einem landwirtschaftlichen Betriebe. Den zuständigen Geistlichen, der das „Glück" hat, im Herzogtume zugelassen zu sein, herbeizurusen, ist wegen weiter Entfernung, schlechter Zugverbindung usw. un­möglich, während ein Geistlicher aus den preußischen Nachdarpfarreien — man denke j. B. an Dorstadt, Heiningen — sehr schnell kommen kann, dem Verun- glückten die Tröstungen der Religion zu bringen. Werden denn nicht selbstverständlich die katholischen Angehörigen und Freunde des Kranken den nächst wohnenden katholischen Geistlichen Herbeirusen ? Werden sie es verstehen, wenn ihnen jetzt dieser Geistliche noch erst die Feinheiten des braun!chweigischen Katholiken­gesetzes auseinandersehen will und es ablehnt, s o» fort ihrer Bitte zu entsprechen und dem Kranken, der die hl. Sakramente verlangt und deffen Leben vielleicht nur noch nach Minuten zählt, die hl. Sakramente zu spenden? Wie soll der katholische Geistliche, der m solchen Notfällen geiufe» wird, jetzt noch zunächst bie Gene hmigung der Kreisdirektion einholen und ab­warten? Selbst wenn alles auf telegraphischem Wege geschieht — kann nicht der arme Verunglückte in der Zwischenzeit längst verschieden sein? Und wie, wenn diese Notsälle — was doch recht häufig gelchwht — in der Nacht vorkommen? Für den katholischen Geist­lichen ist es stets die ernsteste nnd heiligste Gewffsens- pflicht, sofort dem Ersuchen der Gläubigen zu wrll- fahren. Das vorliegende Gesetz enthält somit einen doppelten Gewissenszwang — gegen den Geistlichen, den es zwingen will, dem Gebote seines Gewissens entgegenzuhandeln — gegen die Gläubigen, denen es gerade in schlimmsten und dringendsten Not- fällen den Empfang der hl. Sakramente ohne jeden triftigen Grund erschwert.

Auch die neue Bestimmung über das Zele­brieren der stillen hl. Messe findet die verbleute Aufnahme:

Man denke: ein fremder Geistlicher darf hier in Braunschweig zelebrieren — aber beileibe nicht im Beisein Dritter! Hat er Angehörige hier — sie dürfen seiner hl. Meffe nicht beiwohnen! Sonst riskiert er 30 Mark Strafe! Und wie denkt man sich die Ausführung des Gesetzes? Will man jeden katholischen Geistlichen, der das Land Braunschweig betritt, mit Polizei und Gendarm überwachen? Wul man jeden Morgen die katholischen Kirchen revidieren, ob nicht etwa da ein Staatsverbrechen begangen wird . Will man verlangen, daß die katholischenKrr ch en, bie regelmäßig reden Morgen mehrere Stunden hin­durch geöffnet sind, sofort geschlossen und alle Gläubigen hinausgetrieben werden, wenn sich zufällig ein auswärtiger Geistlicher zum Zelebrieren meldet? «Wie, wenn der fremde Geistliche an einem Nebenaltar zelebriert, während der angestellte Geisüiche den ge­wöhnlichen Gottesdienst hält?

Wirklich, man fragt sich: Wie konnte ein sol­ches Gesetz zustande kommen? Antwort: Man keitnt die katholischen Grundsätze, Anschau- ungen und Gebräuche nicht; man bemüht sich auch nicht, bei den kirchlichen Behörden der Katho­liken gutachtliche Aeußerungen über geplante Katholikengesetze einzuholeni man ist erhaben

«= Zu den belgischen Neuwahlen. L Die belgischen Katholisch-Konservativen haben ^ei den am Sonntag stattgehabten Neuwahlen bekanntlich Verluste erlitten.

' Den bereinigen Liberalen und traten gelang es, den Katholiken dort- wo Me uneinig waren, drei Mandate z.

wer abzunehmen; dagegen eroberten die Katholi­ken ein Mandat in Mons. Die Katholiken der fieren fl einen Sitz in Lüttich, Huy und Tongres. Die Sitze in Lüttich und Huy liegen in der Pro- d^nz Lüttüh. Der andere Verlust in Tongres toirh durch den Gewinn in MonS ausgeglichen. ES ergibt sich also für die katholische Rechte em Reinverlust von 2 Sitzen, der allerdmgs tn der Kammer eine Verminderung der Mehrheit um >4 Stimmen bedeutet. Infolgedessen ist daS otS- herige Üebergewicht der katholisch-konservativen Regierungsmehrheit in der zweiten Kammer von 12 auf 8 Stimmen gesunken. Bei ben Wahlen «um Senat haben die Katholiken besser abge- schnitten: ihr Üebergewicht im Senat steigt von 14 auf 17 Simmen.

Wer hat die katholischen Sitze gewonnen? Die L i b e r a l e n sind n i ch t die Gewinner, denn sie verlieren drei Sitze in Charlerot, Tour- nai und Gent. Sie verlieren diese Sitze Nicht an bie Katholiken, sondern an die Sozialisten, die auch die katholischen Minderheitssitze tn Lut- tich und Huy. im ganzen also fünfMandats- gewinne haben. DaS ist um so bedeutsamer, als sowohl die Wahlen 1904 als im Jahre 1906 einen Rückgang der sozialistischen Stimmen er- geben hatten.

Mit einem Ueberschuß von 8 Stimmen (87 gegen 79) läßt sich regieren, wenn nur die Mehr­heit in sich einig ist. Doch ist der an sich ge­linge Rückgang ein bedenkliches Zeichen, denn der Rückgang ist eine chronische Krankheit geworden. Vor vier Jahren sank die katholische Mehrheit von 26 auf 20, vor zwei Jahren von 20 auf 12, jetzt von 12 auf 8. Wenn das so weiter geht, wird im Jahre 1910 oder spätestens 1902 ein Systemwechsel eintreten müssen. Man sagt, bie droi Mandate seien wegen der traurigen Z w i e- ! "acht unter den Katholiken in der Diözese Lüt­tich verloren gegangen. Das ist eine Erklärung, aber keine Beruhigung. Für Parteien, die lange am Ruder sind, bildet gerade die innere Zer­setzung, das Aufkommen von Eigensinn und Son­derbestrebungen die schlimmste Gefahr.

Vierundzwanzig Jahre lang, seit 1884, ist die katholische Mehreit in Belgien ununter­brochen am Ruder. Eine unerhört lange Zeit. Vordem hatten die sehr begünstigten Liberalen dort es nicht höher als auf 13 Regierungsjahre oebracht (von 1857 bis 1870). In dem konstitu­tionellen Musterlande England ist die Wahl­periode bekanntlich länger, und doch der Wechsel zwischen konservativen und liberalen Ministerien häufig. Wenn das katholisch-konservative Regi­ment in Belgien einmal das Schicksal alles Jrdi- schen teilen muß, so ist die Rekordziffer feiner Jahre doch ein unvergängliches Ruhmesblatt. Nur eine kerngesunde, robuste Partei mit Vorzug- lichen Grundsätzen und tüchtigen Männern ver­mag durch ein ganzes VieLteljahrhundert den wachsenden Bedürfnissen unserer schnellebenden Zeit derartig gerecht zu werden, daß sie bei dem einen wie dem anderen Wahlsystem in einem fort die Mehrheit des Landes hinter sich behält.

Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß die < wart des Königs Leopold von Anfang o- und besonders in den letzten Jahren der Re­gierungspartei das Leben sehr schwer gemacht hat. Er ist konstitutionell der Form nach, soweit er muß, indem er ein Ministerium aus der je- tocitigen Mehrheit sich gefallen läßt. Aber dabei betreibt er mit der Zähigkeit und Geschicklichkeit des geriebensten Geschästsmaimes seine eigene Politik. Auf die katholische Partei, mit der er keine innere Gemeinschaft hat, nimmt er möglichst wenig Rücksicht, und in seinem privaten Leben auf die öffentliche Meinung gar keine. Die Re­gierungspartei, die das monarchische Prinzip zu betreten hat, muß unter solchen Verhältnissen schnldlos leiden. Die leidige Kongosrage ist nun endlich spruchreif geworden. Rach deren Erledigung wird hoffentlich für die katholisch- konservative Partei eine gewisse Erleichterung emtreten. Tann kommt es daraus an, ob die ernste Mahnung zur Eintracht, die in dem er­littenen Verlust liegt, von den Wählern und nicht nt.in?er,x -de" A bgeordneten beherzigt wird. diesem Falle kann die jetzige Wahl sich als ein Jungbrunnen bewähren, so daß das alte System in ein neues Vierteljahrhundert mit vor­aussichtlich weniger schwierigen Verhältnissen fri- scheu Mutes emtreten könnte.

Für den ungünstigsten Fall, wenn zeitweilig bie Mehrheit in der zweiten Kammer ins Wanken kommen sollte, bieten die Erfolge bei den Se­natswahlen einen Trost. Die sichere katho­lische Mehrheit im Senat würde in der hoffent­lich nur kurzen Zwischenzeit eines gegnerischen Regiments schlimme Maßnahmen zu verhindern wissen.

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über jede Kritik der katholischen P reffe. Ausge­rüstet mit der vollen Unkenntnis, die in Rücksicht auf katholisches Denken dem Protestanten bet heutigen Zeit zumeist eigen ist, verfaßt man ®e* setze, bie einfach undurchführbar, klein« lich und engherzig sind.

• Zu dem Fall protestantischer Intoleranz, den der „Bote aus dem Riesengebirge au« F t s bach mitteilte, macht Pastor Kolbing der „T, R." eine Reihe von Mitteilungen, auS benen hervor gehen soll, daß der in Frage stehende Vor« fall stark „aufgebauscht" worden sei. Pastor Kol­bing hütet sich aber zu sagen, eS sei nicht wahr, daß er den Gesangverein auf dem Kirchhof ntchch habe singen lassen, weil der Dirigent katholisch sei. Die Versicherungen, der Vorfall sei ftarl ausgebauscht usw., reden am Kern der Sacht vorbei.

♦ Darmstadt, 29. Mai 1908. Die Zweit« flammer genehmigte heute bie Regierung-« Vorlage für ben Bau einer vollspurigen Neben­bahn AlSf eld-Nieberaula mit Abzweigung nach Schlitz, sowie der Nebenbahnen Griedel» Bad Nauheim und Butzbach-EbersgönS-Wetzlar.

rP Darmstadt, 29. Mai 1908. Der anti* semitische Abg. Bähr hat in der zweiten Kam­mer an bie Regierung bie Auflage gerichtet, mit welchen Gründen die Strafversetzung bei Oberlehrers Dr. Werner von Gießen nach WormS erfolgt ist. Werner hat sich hervorragend sür die antisemitische Partei in Oberheffen betätigt und war als Äanbibat in einem oberhes fische« Wahlkreise in Aussicht genommen. Der Inter­pellant ist der Ansicht, daß ber ben liberalen Parteien unbequeme Agitator durch seine Versetzung nach Worms politisch kalt gestellt werden soll und daß die Maßregelung auf direktes Verlangen des Führers der Freisinnigen zurückzusühren sei. Ma» habe Werner nach WormS versetzt, obgleich er durch ein ärztliches Zeugnis den Nachweis er­bracht habe, daß mit Rücksicht auf sein nervöses Herzleiden ber Wegzug nach Worms gesundheit­lich nachteilig sür ihn sei und obwohl schon dich Rücksicht auf die Familienverhältniffe Werners zur Rücksichtnahme gemahnt habe. Bereit- vor Jahren sand eine gleiche Maßregelung zweier Mainzer Oberlehrer statt, die gleichfalls nach WormS strafweise versetzt wurden, well sie sich im antisemitischen Sinne betätigt hatten.

• München, 29. Mai 1908. Die Denkschrift über die Ausnützung der WasserkräftS hat im Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer eine günstige Beurteilung gefunden. Der An­trag des Referenten Dr. Pichler auf Bewilligung der in der Denkschrift niedergelegten Grundsätze wurde angenommen. Dabei wurde auf Antrag des Referenten ausgesprochen, daß bei Verzicht auf eine staatliche Monopolisierung die systema­tische Ausnützung ber Wasserstraßenkräfte mög­lichst gefördert, aber auch der Monopolisierung durch einzelne Kapitalisten vorgebeugt toerbeht soll. Konzessionen werben nur persönlich erteilt. urn den Konzeffionshandel auszuschließen. Auch soll in ben Verträgen ber Wiedererwerb durch den Staat jederzeit möglich gemacht werden.

bet für die Regierung sehr unangenehmen Mit­teilung, baß trotz dieser Dementi- Verhanb- Ungen zwischen der Regierung und den Fraktion-- führern (soll heißen Blockführern) geschwebt hätten. Dem Vorschläge seien damals auf Seiten der Natisnalliberalen und der Freisinnigen nur geringe ©ebenlen entgegengesetzt morden, während die ander, Partei (da- sind wohl die Konfer- vastven) Bedenken geäußert hätten. Von libe­raler Sette habe man erklärt, eine solche Reichs- apanage verstoße nicht gegen liberale Grundsätze, e- sei sogar eine wünschenswerte Festigung des ReichSgedankenS, wenn nicht die ganze Last auf einem einzigen Bundesstaate, Preußen, ruhe.

Q Die Reichsfinanzreform beschäftigt äugen- blicklich eine Konferenz innerhalb der Reichs- regierung, an der verschiedene Staatssekretäre unb eine Anzahl höherer Beamter teilnehmen.

= Die deutsche Schiffbauausstellung wird durch den Kaiser am nächsten Dienstag in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten in Berlin eröffnet werden. An ber Ausstellung sind so ziemlich alle großen Wersten Deutschlands beteiligt. Insbesondere werden die Kriegswerftm auch die Einrichtungen der Kriegsmarine zur Ansicht bringen.

DaS Gesetz gegen den unlauteren Wett­bewerb ist in der letzten Zeit Gegenstand einer Umfrage bei den Handelskammern gewesen. Nach eingehender Prüfung des so beschafften Materials wird die Novelle zu diesem Gesetz dem Bundes­rate vorgelegt werden. Wahrscheinlich wird sie dem Reichstage bei seinem Zusammentritt vor­gelegt werden können.

* Der Entwurf einer neuen zahnärztlichen Prüfungsordnung wird ber ,Voff. Zig." zufolge demnächst dem Bundesrate zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Die neuen Vorschristen die wesentliche V e r s ch S r s u n g e n für die Zulassung zur Prüfung bringen werden (Reifezeugnis, Verlängerung des Studiums, möglicherweise auch ein praktisches Halbjahr), werden voraussichtlich nicht vor dem 1. April 1909 in Kraft treten können. Auch eine Revision ber Prüfungsvor­schriften sür Tierärzte wirb vorbereitet.

Wieder unsere Staatswerkstätten! Den Betrugsgeschichten von Spandau und Kiel folgten Meldungen über neue Unterschlagungen in Span- bau; heute finden wir in der Preffe eine Gerichts­verhandlung der 30. Division in Straßburg. In dieser Sitzung wurde der Unteroffizier und Menage-Buchführer Bieneck vom 138. Infanterie- Regiment wegen Annahme von Bestechungs-Gel- dern und Fälschung der Geschäftsbücher zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte von einer ganzen Reihe Lieferanten Gelder bis zur Höhe von 800 Mark angenommen. Die Liefe­ranten wußten, warum sie da- taten; sie erhiel­ten vom Angeklagten für ihre Waren, die er meisten- freihändig kaufte, erheblich höhere Preise, als sie bei Submissionen angeboten hatten. So war 1 Pfund Kakao für 1 Mark 80 Psg. angeboten, für 3 Mark wurde eS ge­kauft, Tee lag im Angebot von 1 Mark 30 Psg. biS 1 Mark 70 Psg. vor, für 3 Mark 80 Pfg. wurde er gekauft. Bei 3 Sendungen Kakao wurde der Fiskus um 150 Mark, bei Teesendungen um 300 Mark, bei Mischobst um 81 Mark, bei Schokolademehl um 84 Mark re. geschädigt. An­statt 100 Kilogr. laut Frachtbrief gel.esericn Reis waren 300 Kilogr. gebucht und bezahlt worden. Die Offiziere, die eigentlich die Vergebung der Lieferungen zu bewirken hatten, entschuldigten sich damit, sie seien dienstlich derart Überbürdet, daß sie diesen Geschäften nicht obliegen könnten und sich ganz auf ben Menage - Buchsührer ver­lassen müßten. — Wenn so die Fälle fich häufen, muß etwas nicht stimmen; bann muß man sich doch sagen, noch viele ähnliche Dinge werden wohl vorhanden fein, nur werden sie nicht be­kannt. Warum geht man nicht gegen die Vor­gesetzten vor? Ueber die Ausrede der Heber» bürdung der Offiziere kann man höchstens lachen. Die Zahl der Unteroffiziere ist fehr erhöht wor­den; da müßten die Offiziere doch die genügende Zeit finden, um nach dem Rechten zu sehen. Wir hoffen, daß im Reichstage eine gründliche Aus­sprache stattfinden wird.

* Zum Fall Eulenburg. Der Landgerichts­direktor Schmidt, der in Bayern die Unter- suchung gegen Eulenburg geführt hat, ist nach Berlin zurückgekehrt. Die Voruntersuchung wird noch vor Pfingsten abgeschlossen sein. , Die Ver­handlung soll möglicherweise bereits in der am 15. Juni beginnenden Schwurgerichtsperiode stattfinden.

* Gegen eine Ausdehnung der Fürsorgeer­ziehung wendet sich der Vorbericht der soeben er­schienenen Statistik über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger und die Zwangserziehung ^u- -endlicher für das Rechnungsjahr 1906. Tre Ausführungen nehmen entschieden dagegen , Stel­lung, daß Minderjährige, „namentlich bie rn schulpflichtigem Alter stehenden und deshalb leich­ter zu erziehenden" schon im Falle der Gefähr­dung ihres geistigen und leiblichen Wohles der Fürsorgeerziehung zugeführt werden. Absicht des Gesetzes sei es, vorerst mit den vormundschafts- gckrichtlichen Maßnahmen des BGB. zur Ver­hütung der Verwahrlosung Minderjähriger aus­zukommen. Fürsorgezögling fein oder gewesen zu fein fei praktisch in Preußen für ben Betrof­fenen zweifellos eine ebenso erhebliche Erjchwe-