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Maer W Zeitung

Verlag 6er Luldcer LI»

35. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 27. Mai 1908.

M 122

ur Eroberung bei französischen Volke! benützt

werden.

Zweites ^Slxxtt

schnitten.

„Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf" — sagt Schiller mit einem gewissen Spott. Ter Christ dagegen betrachtet das Grab als den eigentlichen, rechten und besten Garten der Hoff­nung. Das ist ja gerade das Erhabene und Be- scligende an unserer Hoffnung, daß sie niemals, mag es auf Erden so schlecht und so toll zugehen, wie es will, niemals und nirgends vor dem Tode versagen kann, weil sie über das Grab hinausgeht. Tas Leden ist erträglich und bleibt unter allen Schicksalsschlägen erträglich, so lange man auf ern besseres Jenseits hoffen kann.

Der Himmel läßt sich nickt auf die Erde her» abbolen: aber das Himmelfahrrsfest lehrt uns, daß von der Erde ein Weg zum Himmel führt. Das ist der einzige Weg zum Glück.

Xtiergttt! m et» spaUigePetitzeUevba deren Balte 1« Pf» „ Kevame» dtepetiheüd 2* Pf#., bei Wiede» Holungen wird ntlH» «adatt gewährt.

MchenbÄage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

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monatsMage: „Mdaer GeschlchttblAt«"

Am 6em Nachbargebiet.

* Vöhl, 24. Mai 1908. In der gestrige« Hauptversammlung der Sparkasse wurde einstimmig beschloßen, ernen der Neuzeitentspre» chenden Neubau mit feuersicheren Gewölben usw. zu bauen. ......

• Frankfurt, 26. Mai 1908. Als Volkstum» liche Hebungen find von dem Turnausschu« der Deutschen Turnerschaft für das 11. Deutsche Turnfest gewählt worden: Für den Sechs» kämpf: Hochspringen, Hindernislaufen und Ku» gelstoßen. Für den Fünfkampf: Wetthochsprrn- gen, Steinstoßen, Dreisprung, Schleuderballwer­fen und Schnellauf 100 Meter Bahnlange.

• Offenbach a. M., 26. Mai 1908. In der nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverordneten­versammlung wurde die von der Polizer verlangte Ausweisung einer galrzrscheu Ju­denfamilie genehmigt. Bestrafungen una Sorge um die Inanspruchnahme der Armenkasse sind nach dem Offenbacher Abendblatt die Motive dieser Maßnahme. ,

♦ Kastel, 26. Mai 1908. In einer Fabrik rm Stadtteil Rothenditmold fiel am Samstag dem etwa 23 Jahre alten Arbeiter Raabe mrs Got- fingen eine sogenannte Rohrwand aus Elsen im Gewichte von etwa 6 Zentnern auf die Brust. Dem Manne wurde die Brust total eingedruckt sodaß der Tod alsbald eintrat. — Ern Geld- schrankist in der Nacht zum Sonntag von Ein­brechern aus den Geschäftsräumen der deutsch- amerikanifchen Petroleumgesellschaft geraubt war- den. Bei der Verfolgung der Diebe wurde der Sckrank am Eckershäuser Wege in einem Gebüsch aufgefunden. Es war den Verbrechern Nicht ge­lungen, das Schloß zu sprengen.

* Haun. Münden, 26. Mai 1908. In Ergän­zung unseres Berichts über den DeIeg i e r t e n- tag der preußischen Lokomotivführer Hierselbst sei noch mitgeteilt, daß die aus allen Teilen der Monarchie gesandten Delegierten einen Zusammenschluß dieser Beamten zu einem preußisch-hessischen Verbände erstreben wollen. Dem Verband, dessen Sitz nach Köln verlegt wurde, traten sofort 22 000 Mitglieder bei, die durch etwa 200 Delegierte vertreten wurden. Die- ser preußische Verband will sich später mit ren bayerischen, sächsischen 2C. Lokomotivführer-Lan» desvereinen und dem seit 40 Jahren besiegenden Verein deutscher Lokomitvführer zusammenschlie- ßen. Ter Zweck der Vereinigung ist hauptsäch­lich Standesvertretung, Gründung von Fach­schulen, Gewährung von Rechtsschutz und sonstige Kastenleistungen.

• Gießen, 25. Mai 1908. Infolge des hefti­gen Regenwetters ist zwischen Garbenteich und Lich an einer aufgefiillten Stelle der Bahn­damm gesunken. Nachdem bereits in der Frühe zwei Güterzüge die Stelle passiert hatten, senkte sich bei der Heberfahrt des ersten Personen­zuges der Bahnkörper um etwa einen halben Me­ter, sodaß der Tender und zwei Wagen aus dem Geleise sprangen. Verletzt wurde niemand. Ein von Gießen abgelagerter Hilfszug brachte den Bahnkörper wieder soweit in Ordnung, baß die gegen 9 Hhr fälligen Personenzüge mit halb­stündiger Verspätung wieder passieren konnten.

* Mainz, 26. Mai 1908. Die Stadtverord­neten werden demnächst den Umbau des

»hracheevezngquet» ohne BctwgerW und Bestellgeld in jNlda so­wie ansoärtrl.50 Bit.

verantto. Bedatteur: Carl Schütte; für die Anzeigen:

Z.parr«Ler inMda-

f Himmelfahrt. >

Ein herzerquickendes Hoffnungsfest Begeht jetzt Oie christliche Welt „Folget mrr nach! ruft du Heiland, der in die ewige,Herrlichkeit fahrt..er will uns eine Wohnung in dem Gluckseligkeits- Hanse des Vaters Bereiten. Diese Aus ftcht ist mehr wert, als alle Verheißungen irdischer Gluöb scligkeit, die leicht auszustellen, aber unmöglich einzulösen sind. . , . . „ ___

Wer sich mit dem „Himmel auf Erden zu- frieden geben will, ist von einer törichten Genug- famkeit! Die Volksbeglücker machen sich anhei­schig, der ganzen Menschheit einen auskömmlichen Unterhalt bei mäßiger Arbeit zu sichern, sodaß alle vor Sorge und Ueberanstrengung geschützt sind. Es läßt sich leicht nachweisen, daß dieses Ziel so allgemein nicht zu erreichen ist. Aber an­genommen, es wäre erreicht, würde dann der Himmel auf Erden angebrochen fein?

Wir haben ja die tatsächliche Probe vor Augen. Eine große Menge Menschen ist von der Sorge um das tägliche Brod, d. h. um den eigentlichen Lebensbedarf, vollständig frei und Braucht auch keine übermäßige Arbeit zu leisten. Dahin ge­hören nicht bloß die fog. reichen Leute, sondern auch ein großer Teil des Mittelstandes, der eine sichere Erwerbsquelle besitzt, die bei gehöriger Pflege immer den Lebensbedarf abwerfen muß: ferner eine Menge Beamter und Angestellter, de­ren Einkommen immer weiter fließt, solange sie die recht erträglichen Pflichten ihrer Stellung er­füllen. Ja, sogar in den „unteren" Schichten, die man „arbeitende Klasten" zu nennen pflegt, gibt es manche gesicherte Existenzen, welche mit voller Bestimmtheit für die Dauer ihrer Arbeitsfähig­keit auf einen auskömmlichen Lohn rechnen dür­fen und für den Fall von Krankheit oder In­validität ausreichend versichert sind. Nun, sehen wir uns in diesen Kreisen um, wo man keine quälenden Nahrungssorgen kennt. Herrscht dort himmlisches Behagen, himmlischer Friede und himmlische Glückseligkeit? Oder hat nicht der angeblich „besser gestellte" Teil der Menschheit auch fein gerütteltes Maß von Sorgen, Slerger Enttäuschung, Krankheit und sonstigem Unglück auszukosten?

Was ist das für ein „Himmel auf Erden'', der uns mit so vielen schmerzhaften Krankheiten, mit Siechtum, Altersschwäche beglückt und uns die Aussicht auf einen qualvollen Todeskampf bietet?

Was ist das für ein „Himmel", in dem die Sünde herrscht — die eigene Sünde, welche uns mit Gewissensbissen quält und mit ihren schlim­men Folgen heimsucht, und daneben die Sünden der Mitmenschen, deren verwirrende und vergif­tenden Wirkungen wir an allen Ecken und Enden schwer empfinden?

Das Leben auf Erden wäre nicht wert, ge­lebt zu werden, wenn es mit ihm zu Ende sein sollte.

Die Weltweisen wollen uns mit dem Spruche Höften: Leben heißt ftreben. O ja, das S t r e b e n ist die beste Labsal im irdischen Jam­mertal; nur muß man das Wort recht verstehen. Wer Leib und Seele voll Kraft fühlt, der strebt mit Vergnügen nach irdischen Dingen, und wenn einer von den unvermeidlichen Fehlschlägen kommt, so überwindet er bald den Aerger durch neues Streben; er vermag zu hoffen und die

Deutscher Reich.

□ Der Sprachenparagraph des Vereinsgcsrtzes ist für die Arbeiter von sehr bedenklicher Trag­weite. Bekanntlich bezieht sich das Sprachenver­bot nur auf „öffentliche Versammlungen". Schon während der Verhandlungen im Reichstage ist darauf hingewiesen worden, daß die Polizei und die preußischen Gerichte unter solchen öffentlichen Versammlungen auch die Versammlungen, große- rer Vereine, insbesondere der Gewerkschaften sehen würden. Der Freisinn ließ sich damals aber nickt aufklären. Jetzt müssen sogar seine lieben Hirsch-Duncker'schen darunter leiden. Die oberschlesische Polizei hat nämlich in den Orten des oberschlesischen Industriegebietes — selbst in solchen mit mehr als 60 Prozent alteingesessener polnischer Bevölkerung — das Reden in polnischer Sprache in Vereinen ein für allemal ver­boten. Das geschah sowohl freien Gewerkschaf­ten wie völlig harmlosen wirtschaftlichen Ver­einen des polnischen Bürgertums und sogar dem Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine. — Der Frei­sinn wird wahrscheinlich seinen Getreuen im Lande jetzt vorjammern, einen solchen „Mißbrauch" des Gesetzes habe er nicht voraussehen können. Er muß sich allerdings schon ganz Dumme suchen, die ihm das glauben.

△ Dir Heylsche Herrlichkeit im Großherzog, tum Hessen wird jetzt um ein gutes Stück beschnitten. Bisher wurden dort, was ganz un­glaublich erscheint, für die verfchiedenen Standes- herren im Großherzogtum Hessen, Schulkinder als Treiber für Treibjagden zur Verfügung gestellt. Insbesondere geschah das im Großherzogtum Hehl (Worms und Umgegend). Die langjährigen Proteste der Lehrerschaft dagegen haben nunmehr einen Erfolg gehabt: Das Kultusministerium hat durch einen Runderlaß die Beteiligung der Schulkind« als Treiber bei Treibjagden ver- boten.’1

Hoffnung ist eine wunderbare Trösterin. Aber für Millionen von Menschen bietet die Erde nichts mehr zu hoffen. Dem Einen versagt, die Kraft des Körpers oder die Leistungsfähigkeit des Gei­stes, dem andern stellen sich äußere Hlnderinsie wie eine unüberwindliche Felswand in den Wey. Was sollen nun diese Hoffnungslosen machen, die keinen Erfolg und kein Glück mehr vom Leben zu erwarten haben und die auch nicht einmal Im Stande sind, sich durch eine eingebildete Anmatt- sckaft auf eine Besserung über ihre jämmerliche Lage hinwegzutäuschen? Leben heißt streben, aber streben heißt auch h o fse n, und wer nichts mehr zu hoffen hat, dem ist der Lebensnerv durch-

Ausland.

• Dir französische Deputiertenkammer verhan­delte über die Einkommensteuer. Sw nahm mit 847 gegen 170 Stimmen den 8 2 des Artikels 18 an, durch den die Renten, Obligatio­nen und die übrigen vom französischen Staate ausgegebenen Wertpapiere mit einer Steuer belegt werden.

• Z, Zusammenstößen zwischen Tschechen und D e u t s ch e n, die beide Versammlungen ab- gehalten hatten, in denen über die Amtsspracke gestritten wurde, kam es in Karlsbad. Es gab zahlreiche Verletzte. Ein Buchhalter ist le­bensgefährlich verwundet. Ter Polizei, die mit blanker Waffe vorging, gelang es erst verhält­nismäßig spät, Ruhe zu schaffen.

« Heber die finge in Frankreich hat der Führer der katholischen Republikaner Frankreichs Piou soeben ein kleines Merkchen veröffentlicht, da- überall in katholischen Landen Interesse er­regen muß. Piou 166t alle Ereignisse von Be­lang an unseren Geiste vordeiziehen, um zu teigen, wie der Papst die Jntereffen der Kirche mit edler Energie gewahrt habe. „Die fran­zösische Gesellschaft, obwohl zweiselsüchtig, habe diesem Schauspiel nicht gleichgültig angewohnt. Niemals sah man", sagt Piou, .so viele Gläubige in den Gotteshäusern, unerwartete Namen er- schienen auf den Listen, die verlangten, daß die Geistlichen in ihren Pfarreien bleiben sollten, die moralische Autorität des Klerus wächst von Tag zu Tag, die Unstimmigkeiten zwischen den Katho­liken verschwinden, der Geistsiche gebt aus der Sakristei heraus und nimmt Fühlung mit dem Volke. ... Ein Erwachen, das zuerst für un- möglich gehalten wurde, kündigt fick von allen Seiten an. Auf den Trümmern des Konkordats vollzieht sich ein bewunderungswürdiges Werk des Wiederaufbaues: die kleinen Semmare entstehen wieder und vollziehen dir Heranbildung der Klurus, der Kultuspfennig ist so gut wie überall gesichert, allerwegen bilden sich Pfarr» komitees und darüber hinaus Diözelankomitees. Die Erfahrung wird die ersten Unsicherheiten zer­streuen und die Unvollkommenheiten verbeffern. Wenn man das von der Kirche in einigen Mo­naten vollbrachte Werk besieht, ist man starr vor Erstaunen". Statt wohlhabender Sklaven sind wir — sagt Piou — durch die Weisheit deS Papstes atme, aber freie Leute. „Den Ruin der Kirche hat man prophezeit, man hat sie aber nicht einmal schwächen können. Sie hat im Gegenteil gezeigt, welche Triebkraft noch in ihrem Wurzelwerk steckt. Der Orkan ist über die alte Eiche dahingebraust, hat ihr aber nichts anhaben können, als daß einige dürre Zweige ab fielen." Piou führt weiter aus, das jetzige Regime, dem die Kirche notgedrungen unterworfen sei, bleibe sehr beschwerlich. Eine freie Ausgestaltung des VereinSrechts sei für die Kirche nötig. Die jetzige Kammer werde das nicht tun, es müsse also eine neue Kammer her, selbst unter ungeheuren Anstrengungen. Aber die letzteren gingen nicht über die Kräfte der Katholiken hinaus. Mut müßten sie haben, denn heute hätten sie das Verfammlungsrecht, das Vereinsrecht, das Presse- recht, daS Recht der freien Rede. All das müsse

.ß schon vpr ÄrSTfejSe»ItzriM tzLZÄ-vor Bern Propheten kannte.

als Reinigungsmittel des Körpers.

AuS dem Koran geht hervor, daß man im

chisch-römischen Stadt Pompeji die wirkliche Seife bereits einen Handelsartikel im römischen Reiche gebildet hat. Bei den Ausgrabungen auf den Trümmerstätten wurde nämlich eine mit wohlerhaltenen Seifenvorräten ausgestattete Ver­kaufs- oder Werkstätte, wahrscheinlich der Laden eines Seifensieders, aufgedeckt. Es ist demnach zweifellos, daß die Römer im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt mit der Herstellung von Seife bekannt geworden find. Ein dahin lauten­des Zeugnis finden wir denn auch bei PliniuS dem Steileren.

Gemeinhin find wir keineswegs gewohnt, unS unsere altgermanischen Vorfahren in ihrer Be­kleidung von Tierfellen und grobem Seinen als besondere Muster von Reinlichkeit vorzustellen. Es scheint ober, daß wir ihnen damit schweres Hnrecht tun. Mögen sie auch nicht die ersten Er- sinder der Seife gewesen sein, die glaublicher­weise das uralte Kulturvolk der Chinesen schon lange vorher kannte, so ist sie doch von ihnen zu den Römern und damit in unsereeuropäifche Zi­vilisation gekommen. Plinius sagt zwar, daß seine Landsleute die Seife als Kunstprodukt zu- erst von den Galliern erhielten, fügt aber hinzu, daß die beste aus Ziegentalg und Buchenasche bereitete Seife aus Deutschland bezogen wurde. Diese Verbindung liefert wirklich eine gute Kern- seife, während daS gallische, von den Römern sapo genannte Produkt mehr ein kaustisches Haar­färbemittel gewesen zu sein scheint. Plmius wußte auch schon, daß die Germanen eine harte und eine weiche Seife hatten, und bezeichnend ist ferner, daß das in unserer heutigen BZeichnung enthaltene Wort seifa im Althochdeutschen Schaum bedeutete. Zugleich muß diese germa­nische Seife durch rote und gelbe Zusätze als Haarfärbemittel gebient haben, denn nach Mar­tial färbten die Römer ihre grauen Haare, indem sie sie mit „bavar 'chem Schaum" benetzten und dann nachts eine Blcrse darüberzogen. Nach alle­dem ist es zweifellos, daß unsere altgermanischen Vorfahren zum mindesten als Miterfinder der Seife zu gelten haben, denn auch der berühmte Arzt Galenus wußte von einer deutschen Seife

Ein Kapitel von der Seife.

Von Franz Wichmann.

(Nachdnick verboten.)

Ob sich wirklich der Kulturgrad einer Nation, wie Liebig meinte, nach ihrem Seifenverbrauch bemessen läßt? — Manche zivilisierten Völker müßten bann in unseren Augen auf einer ziem­lich niederen Kulturstufe stehen. Lassen wir um des internationalen Friedens willen die Frage lieber unerörtert. Jedenfalls steht fest. daß es Völker von höchster Kultux auch ohne Kenntnis von Seife gegeben bat. Sehen wir uns zunächst einmal unser ältestes Literaturdenkmal, das Buch der Bücher an. Dom Waschen ist in der Bibel die Rede, von Seife aber nirgends. Höchstens zwei Stellen könnten zur Not in diesem Sinne gedeu­tet werden. Wahrscheinlich dürfen wir vielmehr o>i nehmen, daß die alten Juden kein der Seife ähnliches Reinigungsmittel kannten. Wie den Körper, so wusch man auch die Kleider in reinem Wasser, indem man sic zwischen zwei Steinen ober Holzstückeu, den Vorgängern unserer Wasch­maschinen, rieb.

Das muß auch bei den Griechen des klassischen Altertums der Fall gewesen fein. Hätten sie Seife besessen, so würde der so peinlich genaue Vater Homer sie bei der aufs ausführlichste be- schriebenen großen Wäsche der Königstochter Nau- sikaa sicher nicht zu erwähnen vergessen haben. Zur Pflege des Körpers bienten ausschließlich buftenbe Oele und Salben, wie ja auch die Juden den Gebrauch von Myrrhen, Weihrauch und aller­lei Parfümerien liebten.

Von den alten Aegyptern wissen wir, daß sie Körper und Hemden mit einer Wurzel wuschen, die in warmem Wasser leicht schäumte. Auch be-

mischen Großtechnik, und als die Einführung billiger Fette, der Import von Kokos- und Palm­öl die Produktion noch weiter unterstützte, trat an die Stelle des alten Seifensiederhandwerks immer mehr eine ausgedehnte Fabrikindustrie. Sie verdrängte auch fast vollständig die früher teilweste als Ersatz verwendete Seifenwurz, so daß die Benutzung von saponinhaltigen Wurzeln verschiedener Pflanzen heute nur noch bei Stof­fen, die eine Kunstseife nicht vertragen, in Frage kommt. Bei unserer jetzigen Kulturentwicklung ist uns die Seife geradezu unentbehrlich gewor­den. Eine rechte Hausfrau könnte sich ein Leben ohne diesen bedeutsamen Handelsartikel gar nicht mehr denken. Ein Blick in unsere Zeitungen mit ihren zahllosen Seifenreklamen belehrt uns ja auch, welch wichtige Rolle er spielt. Gar mancher gewiegte Geschäftsmann ist schon durch sie reich geworden. In ununterbrochenem Wechsel tau­chen immer neue Sorten auf, einer Döring'S Seife mit der Eule folgt eine Sunlight-, eine Ray-, eine Schwalbenseife u. a. und jede hält sich selbst für das unfehlbarste Reinigungsmittel. Gleichen Schritt mit den Verbesserungen halten aber leider auch die Verfälschungen, die sogenann­ten Ausfüllimgen mit Kreide, Ton, Speckstein, Harz, Wasserglas, Zucker, Sirup und Kartoffel- mehl. Was demgegenüber als Ideal einer guten Seife betrachtet werden muß, ist sehr einfach. Sie soll nur die Fettschicht des Körpers lösen, damit man sie mit Wasser abspülen kann, nicht aber, wie es die scharfen und ätzenden Mittel tun, die die Haut reizen und entfetten, so daß sie, statt geschmeidig, spröde und riffig wird. Deutschland scheint hierin reelle und richtige Wege zu wan­deln. Vor acht Jahren führte e8 aus England und Frankreich noch jährlich für 635 000 M Seife ein und gewann mit seinem Export ziem­lich die gleiche Summe. Im Jahre 1905 lieferte dagegen die Ausfuhr deutscher Seife in geform­ten Stucken bereits einen Ertrag von 6 919 000 M, während der Import auf 447 000 zurück- Sngen war. Es nimmt also heute im Welt- «l wie einst bezüglich der Erfindung em« der ersten Stellen als Seifenproduzentm etn.

Heberhaupt tun die maurischen Schriftsteller ihrer al» Waschmittel mehrfach Erwähnung, doch galt sie ihnen zugleich auch als äußeres Heilmittel. Sicher ist wohl, daß die Araber, die aus Pflan- zenstofien Soda gewannen, auch die erste Soda­seife her gestellt haben.

Heber die Weiterentwicklung der Seifenindu­strie und den Stand des Gewerbes im Mittel- alter haben wir nur wenig zuverlässige Nachrich­ten. Wie uns das Lied von Johann, dem mun­teren Seifensieder, zeigt, galt das Gewerbe als ein frohes und leichtes. Indessen wurde die Her­stellung nicht ausschließlich als Handwerk betrie­ben. Vielmehr bereiteten sich die Frauen noch bis ins vorige Jahrhundert hinein, die für Haus und Familie benötigte Seife, soweit es sich um weiche Schmierseife handelte, zum großen Teile selbst. Tie Herstellung von Hartseifen dagegen blieb den Seifensiedern Vorbehalten, die bald ihr eigenes Zunftwappen hatten und ihr Gewerbe immer mehr aufblühen sahen. Bereits im 9. Jahrhundert besaß Marseille eine bedeutende Sestenindustrie, im 15. Jahrhundert galt das gleiche von Venedig, mit dem zwei Jahrhunderte später wieder Genua und Savona erfolgreich kon­kurrierten. Zur selben Zeit hatte die Fabrika­tion von Seife auch schon in England große Di­mensionen angenommen. Das geht aus einem Patente von 1622 hervor, welches das Monopol für Seifenbereitung einer Gesellschaft erteilte, die dafür jährlich 20 000 Pfd. Sterling Steuer an den König zu zahlen hatte. In London gab es damals 20 Seifensieder. Bei diesen machte die Verfügung böses Blut und führte zu einem Pro­zesse, tn dem die Mehrzahl wegen Widersetzlich­keit zu Geld und sogar zu Haftstrafen verurteilt wurde.

Wenn die Seifenfabrikation heute einen der hervorragendsten Industriezweige bildet, so geht dieser gewaltige Aufschwung hauptsächlich auf da- 19. Jahrhundert und die Fortschritte -er ber- vollkomnmeten Chemie in die Neuzeit zurück. Sowohl durch die wissenschaftlichen Üntersuchun- gen 66etereul8 über die Natur der Fette und den Verseifungsprozeß, wie ganz besonders durch das von Leblanc 1785 entdeckte Verfahren der Soda­gewinnung au» Kochsalz erhob sich die Seifende» reltitng hgld au einem wichtigen Zzveiae der che­

richten die alten Autoren über die Verwendung von Walkeverde, von den Säften gewisser Pflan­zen, vermutlich Seifenkraut und Seifenwurzel, von vegetabilischen Aschen, und Paulus Aegineta weiß von einer zu Reinigungszwecken durch Half- ^stütze verschärften Lauge. Um eine eigentliche Seife nach unseren Begriffen handelt es sich da dber immer noch nicht.

Um so mehr muß uns die Tatsache über» paschen, daß schon vor dem Unteraanr der gri»