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tzrschetttt täglich M Lurnahm» der Sv«» »ndZeirttage. Viertel« jährlich« V»z«grpr»i» ohne vringerlohn anb veftrllgeld ix Krida so» Bit OUtwärts 1.50 Ml.

veraxtw. Redakteur: Larl Schütter für die Anzeigen:

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Fulda, Dienstag dm 26. Mai 1908.

B&. Jahrgang.

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Erstes Wlatt

♦♦♦ Der neue Dreibund.

Der ZarvonRußland erhält eine Reihe von Besuchen, die trotz aller Ableugnungen hohe politische Bedeutung haben; es kommt Präsident F a l l i e r e s nach Petersburg und noch vor ihm wird dort König Eduard von England seine Einkehr halten.

In diesem Zusammenhang ist ;u erwähnen, bah König Eduard dann alle nordischen Höfe be­sucht hat, daß er überhaupt, von Konstantinopel abgesehen, schon allen europäischen Residenzen von Ruf seinen Besuch abstattete, nur in Ber­lin war er noch nie, obwohl unser Kaiser schon zweimal in London gewesen ist. Diese eine Tatsache sagt viel, ja sagt alles: Re ist der Rah­men zu dem Bilde der internationalen Stellung des Reiches. Der englische König kam wohl schon zur Segelregatta nach Kiel und wurde dort überschwenglich gefeiert. Dann kam er 1906 zum Besuche ferner Nichte, der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, nach Friedrichskron, bei „wel­cher (Gelegenheit sich der Kaiser und König tra­fen", wie Bassermann im November 1906 im Reichstage diesen Besuch kennzeichnete; im Vor­jahr kanr die mehrstündige Visite in Wilhelms- höhe. nach welcher der englische König solche Sehnsucht empfand, daß die Ankunft seines Son- Lerzugcs sich um mehrere Stunden verspätete, was sonst diesem Herrscher noch nie passiert ist. besonders nicht, wenn er nach Paris fährt.

Man braucht nun Fürstenbesuche nicht allzu hoch einzuschätzen und wir sind auch nicht so ängstlich, daß wir jede Reise des Königs von England als ein welterschütterndes Ereignis ansehen und im­mer fürchten, sie richte ihre Spitze gegen Deutschland, aber die bevorstehende Ruß­landreise hat diesen Zweck und wird in der Ge­schichte eine Rolle spielen.

Ein englischer Besuch war in Petersburg schon ränge angekündigt; erst sollte die englische Blatte dort erscheinen; da kamen die Unruhen im nncrn und nach diesen die politische Reaktion, wo der verstorbene englische Premierminister au8rief: „Die Duma ist tot, es lebe die Duma!" Selbst diese Parteinahme hat die Freundschaft nicht abgeschwächt, sondern zum mittelastatifchen Abkommen geführt. Man halte einmal daneben, was entstanden wäre, wenn der deutsche Rerchskanzler einen solchen Satz auszusprechen den Mut gehabt hättet Nun kommt nicht di« Flotte nach Petersburg, Wohl aber der König selber und zwar mit feiner Familie; feine Frau ist ja die Tante des Zaren, werden unsere offi­ziösen Beschwichtigungsmänner sagen und alles schön malen wollen. Man vergesse jedoch nicht, daß König Eduard vor seinem Besuch in Peters­burg den französischen Präsidenten in Von- L o n empfängt, daß er keine Unterbrechung macht, um den deutschen Kaiser zu besuchen; er fährt an dessen Haus vorbei und nach ihm kommt Prä­sident Fallieres nach Petersburg. In solchen Rei­sen liegt System, das ist kein höfischer Prunk mehr.

Nur, um ein Stündchen mit dem Zaren zu verplaudern, verläßt König Eduard nicht, was poch nie geschehen ist, England gerade in der kur­zen Höhezeit der Londoner Saison. Mit einem offiziellen Staatsbesuch hatte es Wohl noch ein Weilchen Zeit. Der Zar ist ja immer zu Hause zu finden. Was „pressiert" denn gar so eilig oder muß König Eduard als letzte Reserve seines austoürtigen Ministers ausrücken? Die» Lon­doner Presse hat wie auf Kommando „nicht die blasseste Ahnung", ste zwinkert nur voll Scha­denfreude gegen Deutschland hin und harrt voll

froher Erwartung des guten Gewinns, das die­ser Geschäftsbesuch bringen soll.

Auch in den maßgebenden Kreisen Deutsch­lands ist man in einiger Sorge ob der Zuspitzung unserer auswärtigen Politik. Die Reise veS Reichskanzlers Fürst Bülow mich Wiesbaden mit den vielen Vorträgen beim Kaiser hängt damit nifannnen. Letzterer sagte seinen schon angekün- bigten Besuch beim Fürstentage in Frankfurt ab und fuhr nach BerÜn; hier wurden die Bespre- chungen fortgesetzt. Für den Kundigen find daS genug Anzeichen, daß etwas vorgeht; man weiß nur noch nicht, wohin fich die Sache zuspitzt. Wir wissen aber au8 bester Quelle, so schreibt uns unser Berliner Mitarbeiter, daß daS Aus­wärtige Amt gewarnt ist und Dank der Gefchlichkett eines Jungen Attache« Kenntnis von Vorkommnissen hat, die sich im neuen Dreibund gegen uns zuspi- tfen.

Der neue Dreibund mag den Zweck ha­ben, den Frieden zu halten, wir wissen es nicht, aber er hat eine Spitze gegen uns; und für seine im Entstehen begriffene Bildung spricht kein Bedürfnis des Friedens. Die ganze Lage muß zum Nachdenken unb zur Vorsicht stimmen, über Nacht kann die Sache eine überraschende Wen­dung nehmen.

Präsident FallitzreS hat gestern früh in Be­gleitung des Ministers des Aeutzern, Pichon, die Reise nach England angetreten. Er traf nachmittag 4 Uhr in London ein und wurde vom König, dem Prinzen von WaleS, dem Prinzen Christian von Schleswig-Holstein, dem Herzog von Argyll und mehreren Mitgliedern deS Ka­binetts empfangen. Große Menschenmassen be­grüßten den Gast sehr freundlich. Groß ist die persönliche Herzlichkett, die König Eduard Fal- liöres entgegenbringt.

Fast alle Londoner Blätter bringen Artikel in französischer Sprache zur Begrüßung des Prä­sidenten. In fast keinem Fall fehlt die Bezug­nahme auf Rußland, und wenn man diesen Be­richten glauben könnte, wäre mit diesem Besuch und der Reise nach Rußland das goldene Zeitalter des Friedens gekommen. Der „Daily Er­preß" berichtet mit großem Geschrei, daß im deut­schen Generalstab und Marineiamt mit fieber­hafter Hast Kriegsvorbereitungen (!) Setroffen werden. Daß dieser Besuch von der !ri«gSpartei in England sehr ernst ge­nommen wird, beweist eine etwas unvorsichtige Auslassung, die fich gestern in einem Artikel des „Observers" vorfand. Das Blatt sagt, es hege keinen Zweifel daran, daß Frankreich und Eng- land unbedingt zusammenhalten müssen. „Ver­eint müssen wir stehen, vereint müssen wir fallen, und wir müssen den letzten Mann und den letz­ten Groschen daran wenden, um Frankreich als stärkste (!) Kriegsmacht in Euro­pa zu erhalten. Wenn Rußland, Frankreich und England eine Allianze erzielen, können sie zusam­men die Schicksale der Welt dirigie­ren. (1)

Deutsches Reich.

=» Prinz August Wilhelm von Preußen, der vierte Sohn des KaiferpaareS wird bekannt­lich im Oktober heiraten. Für ihn wird augen­blicklich die Billa Liegritz in Potsdam durch einen Erweiterungsbau hergerichtet. Die Villa hat ihren Namen „Liegnitz" von der Gräfin Auguste von Harrach, die der König Friednch Wilhelm HI. zur Fürstin von Liegnitz ernannt und dann morganatisch geheiratet hatte.

* Der Landtags - Abg. Dr. LotichiuS ist, wie schon gemeldet, gestern früh in St. Goars­hausen gestorben. LotichiuS, da fett 1885 den Rheingau-KreiS im preußischen Abgeordnetenhaus» vertrat, gehötte der nationalliberalen Partei an. Dr. LotichiuS gehötte auch dem Provinzial-Land­tage für Hessen-Nassau an und hat hier beson­der» mstgewktt bei der Beratung der neuen Städte» unb Landgemeinde - Ordnung für Hessen-Nassau.

— Der Prozeß Peters-Bennigsen wird am DienStaq vor der Kölner VerufungSkammer er­neut zur Verhandlung kommen. Bekanntlich hatte der frühere Gouverneur v. Bennigsen, der Sohn deS früheren nationalliberalen Führer» Bennigsen, gegen den früheren ReichSkommiflar Karl PeterS schwere Anklagen erhoben. In der ersten Instanz war da» Gericht der Anstcht, daß der Nachweis, Peter» habe den Diener Madruk au» geschlechtlichen Motiven hängen lasten, nicht erbracht sei. Bennigsen wurde daher zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt.

* 130 Geistliche aus allen Teilen Deutsch- land», katholische wie evangelische, auch Berlreler der Baptisten- und Methodistena«netnden, jedoch keine jüdtfchen Rabbiner treten heute von Bremen auS ihre Fahrt zum Besuche von England an. Dott werden fie u. a. vom König Eduard em­pfangen. Im Parlament findtt Festatt statt, wobei die deutschen Vettrtter den Mitgliedern de» Unterhauses vorgestellt werden. Di» Haupt­versammlung ist für Montag den 1. Juli, an- b »räumt.

A Die Richtung Keim im deutschen Flotten» verein macht Ernst mit ihrem Auszüge. Die Ortsgruppe Mülheim a. d. Ruhr hat einen Beschluß gefaßt: „Die heutige Versammluna er- klärt einstimmig ihren AuSttttt auS dem Deutschen Flottenverein, falls nicht in Danzig da» alte 'Präsidium wiedergewählt und der Verein zu einem nationalpolitischen Verein erklärt wird." — Ein alldeutsches Blatt weiß dazu zu melden, noch andere Ortsgruppen, »sogar Verbände", würden ähnliche Beschlüfle fassen.

= Zur deutsch - französischen Annäherung hat fich gegenüber dem AuSsrager eine» Pariser Blatte» der frühere Geheimrat auS dem AuS- wättigen Amte v. Hollstein ausgesprochen. Er meinte: Der Haß fei oft ein kostspieliger Luru», und darum würden beide Völker ihn vielleicht eines Tage» auS ihrem Etat streichen. Annäherungsbestrebungen durch Studentenbesuche aber feien nutzlos, weil sie stets, wenn sie nicht ganz taktvoll durchgeführt würden, gerade das Gegenteil bewirkten. Diese Att Verbrüderungs- versuche könnten in Frankreich nut den falschen Glauben Hervorrufen, als fei Deutschland für dir Revision des Frankfurter Vertrages (Wieder­abtretung von Elsaß'Lothringen) reif. DaS fei aber ein Irrtum, da» werde daS deutsche Volk niemals dulden. Der Friede ober habe trotz- dem gute Aussichten; denn die politische Situation fei so gefährlich, daß niemand die Verantwortung für einen Krieg auf sich zu nehmen wage.

* Köln, 25. Mai 1908. DaS Kron­prinzenpaar traf heute vormittag mit dem Sonderzug der Rheinuferbahn von Bonn kom­mend hier am Ubierring ein, wo die Begrüßung durch den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, den Regierungspräsidenten und die städtischen Be- Hörden stattfand, und begab fich zum Dom. Am Dompottal empfing Kardinal Fischer mit

kirchlichen Würdeuträger» do» Kronprinzenpaar. Der Kardinal hiell eine Ansprache, in der «ß sei« lebhafte Freude üb« den Besuch de» Herr» lichsten Gotteshauses auf deutsch« Erde durch da» Kronprinzenpaar auSdrÜckte und mit Ie6e haste« Dank anerkannt», wa» die Könige Preußens bt» zu Kais« Wilhelm II. für den Dom getcm hätten. Im Dom selbst wurden die hohen Gäst» mit einem Gesang de» Domchor» empfange«. D« Kronprinzessin wurde eine golden» Medaille überreicht, die auf der einen Sette das Bild des Dome» zeigt, auf b« anderen Seite die An­betung der heiligen drei Könige. Darauf wurde die Fahrt nach dem Rathau» fortgefetzt. Ober» bürgermeister Wallraf führte die Herrschaften durch die prächtig geschmückten Räume, wobei sich der Kronprinz und seine Gemahlin in da» Goldene Buch d« Stadt Köln emtrugen. I» RegiirungSgebäudk sand sodann di» Frühstück»- täfel statt. Nachher stattete da» Kronprinzen­paar dem Kommerzienrat Theodor v. Guilleaume einen Besuch ab.

* Duisburg, 94. Mai 1908. Beim Festmahle anläßlich ber Einweihung der ThristuSkirche in Duisburg sagte Generalsupettntendent Umbect in seinem „Kaisertoast" u. a.t

83 ist, weil rott Evangelisch» sind, für un» bocherfreulich, daß wir nicht nötig Haden, erst über die Alpen zu blicken und jenseit» der Berge em Oberhaupt zu grüßen und dann erst nach Berlin, des Reiches Hauptstadt, zu sehen. Petrut Hai nicht gesagt: Ehret mich und dann erst den König Petrus hat gesagt: Fürchtet öott und ehret den König Wir haben es mit dem von Stott eingesetzten Kaise? zu tun, mit weiter niemand.

ES ist eint Geschmacklosigkeit sondergleichen sogar den Patriotismus gegen die Katholikei auSzuspielen, um diese al» nur indirekt königst treu zu verdächtigen. Geht es denn gar nicht ohne Hetze?

* München, 25. Mai 1908. Prinz Ludwft von Bayern hielt auf dem Festmahle deS bayerisch« Kanalvereins in München eine Ansprache, in de» er feine Anschauungen Über die Frage der Schiff fahttsabgaben erneut dar legte. Sie gipfelten i» der Forderung: Lieber Wasserstraßen mit Schiff, sahttabgaden, wenn sie nur nicht hoch sind, als gar keine. Der preußische Minister für öffent licht Arbeiten, fo fuhr der Prinz fort, hat de» Gedanken ausgesprochen, daß die Schiffabrtsab- gaben für ein einzelne» Flußgebiet durch ge> mtinschafllicht Kommissionen für den zukünftige» Ausbau tiefer natürlichen Wasserstraßen ver­wendet werden sollen. Wenn also die Gelder die durch Abgaben gewonnen worden sind, füi daS ganze Flußgebiet verwendet werden sollen, so kann man sich vollständig mit SchiffahttSab» gaben einverstanden erklären.

3u -en Lan-tagrwahlen.

□ Hünfeld, 25. Mai 1906. In ber am Sonn tag von ber Zentrumspartei für Hünfeld uni Umgegend abgehaltenen Wahlversamm l u n g, die mit einem Hoch auf den Landesherr, eingeleitet wurde und sehr anregend verlief, stelltt fich der Kandidat des Zenttums für den Wahl kreis Hünfeld-Gersfeld, Herr Amtsgerichtssekrs tär Drinnenberg aus Fulda seinen engerer Landsleuten vor. Wie gerade hier die Kandi batur des Herrn Sekretärs Drinnenberg, der ge­borener Hünfelder ist, Anklang findet, bewies bei außerordentlich starke Besuch der Versammlung In einfachen, aber überzeugenden Worten ent

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

43] (Nachdruck verboten).

Diese hatte sich indessen mit dem Auspacken ‘ter Sachen zu tun gemacht und ermahnte ihre Herrin zum Umkleiden.

„Sie wissen", fügte sie dieser Ermahnung hin- stu, „wie eigen Mr. Gildon ist und was für gro- Jje3 Gewicht er auf Kleidung legt."

„Ja", entgegnete Nelly, „sein ganzes Dichten Unb Trachten ist mehr auf das äußere Ansehen und auf den Schein gerichtet. Wenn ich in dem ödeisekostüm zu Tisch ginge, würde ich bei ihm mehr Tnstoß erregen, als wenn ich eine Zigarre <aud)te."

„Welche Farbe wünschen Sie, Miß Nelly?" fragte MrS. Jebb.

„Bringe mir ein schwarzes Kleid", antwottete Nelly mit errungenem Lachen; „das paßt am /Kesten zu meiner Stimmung."

Als Nelly ihre Toilette beendet hatte, trat sie dor den Spiegel unb ein zufriedenes Lächeln foielte um ihre Lippen, welches jedoch nicht im­stande war, den Ausdruck ihrer inneren Traurig- jeit gänzlich zu verdrängen.

, .Lch weiche mich erst üben müssen, ein sorg­loses Gesicht zu machen, He ich hinunter zu mei­nem Vormund gehen kann", dachte sie. „Es wird Mir schwerlich gelingen, ein freundliches Gesicht e heucheln unb meine wirklichen Gefühle zu Per- rgen."

Sie trat wieder ans Fenster und blickte ge­dankenvoll hinaus auf die See.

Als sie so ein« Weile gestanden, meldete Gef- stey, daß da» Essen bereit stehe.

Nelly begab sich in das Gesellschaftszimmer, wo Mr. Gildon sie empfing und von da nach dem Dpeisesiml führte.

Dieser machte während deS Essens mehrmals toi Versuch, eint Unterhaltung ansuknüvfen:

aber stets scheiterte dieselbe an ber Mißstimmung des Mädchens unb endlich schwieg Gildon Eben­falls.

Nachdem Vitus das Dessett auf getragen, ent­fernte er fich auf den Wink seines Herrn.

^ch glaube. Ihnen noch nW gesagt zu haben, daß ich ein Paar Pferde und einen Wagen ge­kauft habe, welche zu ihrer unbeschränkten Ver­fügung stehen", begann Gildon wieder. „Sie können täglich ausfahren ober reiten, je nach Be­lieben. Es gibt hier auch viele romantische Par­tien zu Fußtouren, und da ste Lisst und Talent zum Malen haben, finden Sie hier Stoff für Ähren Pinsel genug und die beste Gelegenheit, sich in dieser Kunst zu vervollkommnen. Nur müssen Sie sich hüten, ohne Begleitung auszu­gehen; denn allerhand Gesindel treibt sich rau­bend auf ber Insel umher und Sie könnten eines Tages die unangenehme Bekanntschaft eines sol­chen Banditen machen. Mr. Jebb und Ihr Sohn können Sie begleiten."

Nelly blickte ihren Vormund mit freudestrah- lenden Augen an; seine Worte klangen ja, als ob er ihr wirklich volle Freiheit schenken wolle.

Gildon verstand den Wechsel in ihren Zügen falsch; er glaubte, daß die Idee zu entfliehen von neuem in rhr wach werde, darum fuhr er in ern­stem Tone fort:

„Natürlich werde ich die größte Vorsicht für Ihre Sicherheit anwenden; nicht nur Jebb, son­dern auch Vitus soll Sie begleiten."

„Als Spion?" fragte Nelly hastig. „So bin ich hi« wirklich eine Gefangene?"

„Sie sind Herrin, Nelly; aber es ist meine Pflicht, Maßregeln zu treffen, um einem ferneren Fluchtversuch Ihrerseits vorzuveugen. Ter Kut­scher, der Koch unb die Haushälterin sind auf mein« Seite. Ich sage Ihnen dies nur, damit Sie sehen, daß ich hier Herr bin und daß ein Ent­kommen unmöglich ist."

Er stand auf, bot ihr seinen Arm unb führte fie in'» Gesellschaftszimmer zurück. Hier wellten

sie etwa eine Stunde, bann zog sich Nelly in ihre eigenen Gemächer zurück.

In den nächsten Tagen machte Nelly den aus- ged«hntesten Gebrauch von der chr gdftatteten Freiheit. Jeden Morgen machte fie kleine Fuß­

touren, begleitet von Mrs. Jebb, und in einiger Entfernung folgten Geffrey unb Vitus, welcher Letztere einen großen Hund mit sich führte. An den Nachmittagen fuhr sie gewöhnlrch mit ihrem Vormund ans, zur Besichtigung der weiteren Um­gebung oder auch zu einem Besuch in Palermo.

An einem sonnigen Nachmittage bat Nelly ihre treue Wienerin, sie auf einem weiten Spa- ziergange zu begleiten, da sie heute zu einer Ausfahrt nicht geneigt fei. Mrs. Jebb willigte sogleich ein unb beide machten sich auf den Weg. Als sie den Orangenwald erreichten, erhoben sich Geffrey unb. Vitus, welche auf einer Gartenbank saßen, und folgten. Neben ihnen trabte ber große Hund, ber stete Begleiter Vitus.

„Ich wollte, ich könnte diesen widerwärtigen Vitus zwanzig Meilen weit führen," sagte Nelly, einen mutwilligen Blick zurückwersend. Er ist ein Feind von Bewegung unb mag am liebsten tm warmen Sonnenschein liegen. Ich bin test davon überzeugt, baß mein Vormund seinen Ge­halt erhöht hat, seitdem ihm solche Strapazen auferlegt find."

-Sie können gehen, so weit Sie wollen, Miß Nelly", erwiderte die alte Margot lächelnd. „Ich denke, daß ich es mit Ihnen aushalte."

„Ich möchte Wohl wissen, ob Littis des Nachts meine Tür bewachen muß," sagte Nelly.

,^ch glaube nicht," entgegnete Mrs. Jebb. "Er hat einen guten Wächter vor dem Hause welch« vollständig genügt. Ich meine den toil- Nm Hund, ber uns begleitet. So oft ich des Abends das Fenster öffne, fängt das Tier an zu knurren unb springt in die Höhe, als ob es mich rrrs6- jedermann, ausgenom-

nien äffr. Gildon und BituS, ist « wild.Geffrey hat strengen Befehl, ihm nichts zu geben unb auch fein Wort mit ihm zu sprechen. Täalich einmal

wird er mit rohem Fleisch gefüttert, um fein» Bosheit zu erhöhen; es würde ein Wort von BituS genügen, und die Bestie würde »ns zer­reißen."

Das Mädchen schaudette und sagte:

„Mein Vormund hat fich wirklich einen guten Wächter für seine Gefangenen ausgesucht. Es freut mich, den Charakter des Tieres zu erfah­ren. So lange jedoch Mr. Gildon mich so bebau- bdt wie jetzt, denke ich an keine Flucht."

Leichtfüßig und munter hüpfte und tanzte sie weiter, die Küste entlang, bann unb wann stehen bleibend, um ein Segel auf dem blauen Meere, oder eine malerische Partie landeinwärts zu be­trachten.

Nachdem sie etwa eine Meile zurückgelegt hat­ten, kamen sie in ein Fischerdorf, dessen Bewoh­ner neugierig die Köpfe aus den Fenstern streck­ten, oder gruppenweise sich vor den Türen sam­melten, um die junge hübsche Dame, die sie min­destens für eine Herzogin hielten, mit ihrem Ge­folge zu sehen. Nelly grüßte die Frauen freund­lich, sprach hier unb da ein scherzhaftes Wort mit den Kindern und passiette so seelenvergniizt daS Dorf. Als sie dasselbe hinter sich hatte und auf einer kleinen Anhöhe sich befand, sah sie in eini- ger entfemung die Höhen unb Felsen des Cap dr Gaüo.

. Felsen müssen wir ersteigen!" rief

das Mädchen lubelnb. „Welche herrliche Aussicht werden wir dort haben, welch' prächtiges Panora» ma wird sich unfern Blicken entfalten da oben in der naren Lust! Bist Du noch müde, Margot?"

„Nicht im Geringsten, Miß Nelly," entgegnete Mrs. Jebb; „ich könnte bis an das äußerst« Ende des Kaps gehen."

Bald waren sie am Fuße des Felsens, und schnell war dieser erstiegen.

Sie befanden sich auf einem einsamen, kable« Plateau, auf dem nur ein einziges Häuschen, umgeben von einem Wintergarten, stand, unb in dessen Nähe auf einem Weideplätzchen einige 3U* a»n graften. (F