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votationrdruckund Verlag der Zuldaer Ak« ttendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
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35. Jahrqancl
Fulda, Samstaq den 23. Mai 1908.
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Zweites ^tatt
Reklamen- und Anzeigenteil
lassen: natürlich siegte die Regierung. — An der türkisch-persischen Grenze sind allmählich soviel Truppen eingetroffen, daß die Aufruhrer sich schnell in ihre Berge zurückgezogen haben. Die russischen Truppen werden nun zu keiner größeren Aktion gebracht, man läßt sie auf persischem Gebiete ohne kriegerisches Vorgehen an der Ausdehnung des russischen Einflusses arbeiten.
England hatte sich über den Verlauf des afghanischen Aufstandes in den ersten Tagen lebhaft gefreut. Von dem Einfluß des Emir Habib Ullah konnte man erwarten, daß er einen großen Teil der aufrührerischen Stämme zur Vernunft bringen werde. Das hat er denn auch erreicht. Nun aber stellt sich heraus, daß auch ein Krieg gegen einen Teil der Afghanen für England un- gemein schwierig ist. Die aufrührerischen Moh- mands lassen sich in den unwirtlichen Schluchten des Hindukusch Schritt für Schritt unter blutigen Kämpfen mit großen Verlusten auch für die Engländer zurückwerfen. Die schwierigen Wasserverhältnisse — alles Trinkwassec muß 100 und mehr Kilometer weit hergeschleppt werden — haben den Ausbruch der Cholera im englischen Heere zur Folge gehabt. Vielleicht verdanken die Afghanen dieser Seuche noch einige Jahre ihre Unabhängigkeit.
In Südchina, in der Provinz Mnnan, tief im Innern sind große Unruhen ausgebrochen, wobei die Aufrührer die wichtigsten Plätze des Landes in ihren Besitz gebracht haben. Solange der Nachweis nicht zu führen ist, daß vom benachbarten englischen Birma aus englische Agenten den Aufruhr angezettelt haben, interessieren die Unruhen in Europa eigentlich weniger.
Einen glänzenden Sieg hat daS Zentrum bei der Stadtverordnetenersatzwahl in der Stadt Köln errungen. Bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent siegte das Zentrum über die Liberalen, die vor drei Jahren auf Grund einer später für rmgültig erklärten Wahl die Mehrheit int Sta-tderordnetenkollegium erlangten, heute aber nur noch 19 von 45 Sitzen innehaben.
Der Kaiser von Oesterreich war in diesen Tagen wieder erkrankt. Die Nachwehen der An- strmgungen während der Festtage zwangen die Aerzte, keine Audienzen für die nächsten Tage zuzulassen. Zu Befürchtungen gibt der gegenwärtige Gesundheitszustand jedoch keinen Anlaß. Wie immer, so bleibt der Kaiser auch jetzt von den Folgen der nationalen Kämpfe und den Ausschreitungen anders gearteter Unruhegeister nicht verschont. An verschiedenen Stellen, so besonders in Prag, haben die tschechischen Sozialdemokraten sich Ausschreitungen gegen Deutsche zuschulden kommeit lasten. Dabei hat die Polizei mehrfach einsrcheiten müssen mit dem Erfolge, daß bedenk- liche Unruhen entstanden sind. Nicht minder unangenehm sind die Unruhen an den Universitäten. Radaulustige Burschenschafter geben den Ton an und Professoren beeilen sich, willigst und schleunigst vor dem Verlangen dieser wilden Meute zu katzenbuckeln. In Wien war das bloße Erscheinen einiger katholischer Kouleurstudenten in Band und Mütze hinreichend, um die liberalen Studenten zu wilden Ausschreitungen zu veranlassen. In Graz sollen die katholischen Carolinen allein nicht das Recht haben, in Wichs und Schläger bet feierlichen Anlässen in der Universität zu erscheinen. Auch sollen sie auf das Recht verzichten, zu den Promotionen Bekannte ititb Freunde als Ehrengäste einzuladen, was sonst allen erlaubt ist. Der Hochschulprofessor Wahrmund soll ungehindert auch in Zukunft als Kirchenrechtslehrer lehren dürfen, was ihm beliebt, auch wenn ihn die höchste juristische Instanz schmachvoll verurteilt hat. Die Katholiken sind vogelfrei. Das ist für jeden Unbefangenen der Eindruck von den heutigen Zuständen. Solche Verhältnisse sind geeignet, das katholische Volk bis aufs Blut zu reizen. Ohnmächtig muß es zuschauen, wie feine Söbne rechtlos gemacht und an stiftungsgemäß katholischen Hochschulen wie Heloten behandelt werden. Mit verschränkten Armen schaut die Regierung diesem Treiben zu.
Für Frankreich nehmen die Dinge in Marokko einen sehr ungünstigen Verlauf. Nach den letzten Meldungen ist der Sultan Abdul Aziz verloren. Nachdem fein langjähriger Kriegsminister Buchta ben Bagdadi mit seiner Mahalla dem Gegensultan Mulay Hafid entgegengezogen war in der Absicht, sich ihm unter möglichst günstigen Bedingungen anzuschließen, ist Abdul Aziz mit dem Rest seiner Truppe in das Gebiet des ihm seit langem femdlichen Stammes der Beni Snassen geraten, wo man seine Armee umzingelt hat. sodaß es für ihn kein Entrinnen mehr gibt.
Rußland hatte in den letzten Tagen erregte Kämpfe in der Duma über die Judenfrage. Merkwürdigerweise hatte die Regieruitg dabei ge- gen ihre konservative Mehrheit zu kämpfen. Die Rechte verlangte nämlich den Ausschluß der Juden aus der Armee. Damit sind die Juden selber und die Parteien der Linken durchaus iticht einverstanden, und die Regierung auch nicht; denn sie
Vermischtes.
* Selbstmord eines Kindes. In Halenfee bei Berlin hatte eine Mutter ihre beiden Mädchen im Verdacht, Geld gestohlen zu haben. Während sie das jüngste züchtigte, flüchtete das öftere in das Nebenzimmer, das es verschloß. Als die, Mutter Drohungen ausstieß, stürzte sich das Kind aus dem Fenster in die Tiefe». Die Verletzungen waren so schwer, daß der Tod eintrat.
Deutsches Reich.
O Aus dem Heere entfernt! Unser Berliner Mitarbeiter schreibt uns: Die neue Rangliste bringt, wie schon gemeldet, die Nettigkeit, daß sie den Namen eines königlichen Prinzen iticht mehr enthält. Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, Sohn des Prinzregenten Albrecht ben Braunschweig und früher Kommandeur der Schwedter Dragoner, der noch 1907 a la suite dieses Regimentes in der Rangliste verzeichnet stand, fehlt jetzt. Der Prinz ist durch geheime Kabinettsordre „q;i§ dem Heere entfernt" worden und lebt jetzt unter dem Namen eines Herrn v. R o h a u in Florenz. Unsere Meldung, daß er sich für die Rückkehr zur k a t h o l i sch e u Kirche vorbereite, ist von einigen Seiten bestritten worden; wir halten sie aber trotzdem aufrecht. Schon als der Prinz krank zu Berlin in einem Sanatorium lag, hat er solche Absichten geäußert, wie er sich auch nur von katholischen Schwestern pflegen ließ. Der Prinz ist bekanntlich sehr reich und Inhaber des großen Fideikommisses seiner Linie; nunmehr hat ihm der Kaiser in seinem jüngsten Bruder einen unkündbaren Bevollmächtigten gesetzt, der auch bereits nach Schloß Kamenz in Schlesien übergesiedelt ist. Daß der ältere Prinz Verschwender wäre, ist nicht bekannt; was über seine früheren Verfehlungen gemeldet wurde, hat sich zu einem erheblichen Teile als böser Klatsch herausgestellt.
c. Die 55. Generalversammlung der Katho- likcn Deutschlands in Düsieldors 1908. Vierundfünfzigmal haben sich seit der Mainzer Tagung die Katholiken Deutfchlands zu ihrer Heerschau
versammelt und nur in den Kriegsjahren 1868 und 1870 und in den schlimmsten Jahren deS Kulturkampfes hat die Generalversammlung unterbleiben müssen. Auch in diesem Jahre wieder rüsten sich die Katholiken Deutschlands zu ihrer Heerschau, der 55. Generalversammlung. AlS Ort der Tagung wurde schon vor zwei Jahren Düsseldorf einstimmig angenommen; gilt es doch, in diesem Jahre einen großen und glau- benstreuen Sohn des Rheinlandes besonders zu ehren. Am 22. März dieses Jahres waren 100 Jahre verflossen, seitdem A u g u st R e i ch e n s- berget am deutschen Eck das Licht der Welt erblickt hat. Nur noch drei Monate trennen uns vom 16. August, dem Tage der großen Arbeiter- Versammlung und der Begrüßungsfeierlichkeiten. Deshalb wenden sich die Düsseldorfer Katholiken an ihre Glaubensgenossen in ganz Deutschland, ja in der ganzen Welt mit der Bitte,: „Kommen Sie möglich st zahlreich nach D ii s s e l d o r f." Sie können dort an der Quelle der Kunst freudig genießen, Sie fönnett sich auch erfreuen am katholischen, begeifterten Leben.
* Schwerin, 22. Mai 1908. In der Ausführ, ung des Reichsvereinsgesetzes hat Mecklenburg feinen Ruf, der rückständigste Bundesstaat im deutschen Vaterlande zu fein, zu wahren ge- wußt. Die dortige Regierung hat nämlich zu ß 6 des Gesetzes bestimmt, daß das Inserat, daS die polizeiliche Anmeldung überflüssig machen soll, mindestens 48 Stunden vor der Versammlung erscheinen muß, während doch die Anzeige bei der Polizei nur 24 Stunden vorher gemacht zu werden braucht. Die vom neuen Reichsgesetz beabsichtigte Erleichterung ist also gerade in ihr Gegenteil verkehrt worden.
Wochen-Rundschau.
Fulda, 23. Mai 1908.
Reichskanzler Fürst Bülow hat vom Kai- fer für sich und den Reichstag ein lobendes Zeugnis erhalten, weil so viel geleistet worden fer; es ist nur vergessen worden hinzuzusetzen: „tm Schuldenmachen". Ausgaben sind genug bewilligt worden; aber mit den Einnahmen hapert es. Nun sagen die Offiziösen, daß dieses, Lob dem Bereinsgesetz gelte, das am vorigen, Freitag in Kraft getreten ist. Man hat während feiner Beratung sehr viel Rühmens hören müssen über die großen Vorteile, die es dem deutschen Norden bringen würde, und über die einheitliche Rechtslage, die es schaffen sollte. , Jetzt, wo das Gesetz in Kraft trat stellt sich immer deutlicher heraus, daß alles beim alten bleibt. Die Frauen allerdings haben das volle Vereins- und Versammlungsrecht erlangt, aber dafür sind die jugendlichen Personen schlechter gestellt worden. Wenn man sich die Ausführungsbestimmungen zum Vereinsgesetz, wie sie in den einzelnen Bundesstaaten erlassen worden sind, etwas näher an» sieht, dann findet man, daß die süddeutschen Staaten, die bisher ein freies Vereinsrecht hatten, auch jetzt wieder das Vereinsgesetz möglichst weitherzig ausgelegt hatten, während die norddeutschen Staaten sich die Zugeständnisse des Gesetzes im weitesten Umfange zunutze gemacht haben, um die Vereins» und Versammlungsfreiheit nach besten Kräften einzuschrünken. Im aUgemfltndn zeigen die Ausführungsbestimmungen eine so weitgehende Mannigfaltigkeit, daß selbst die Freunde des Blocks bei einem Vergleich zu der früheren Buntscheckigkeit auf vereinsrechtlichem Gebiete zu einem ungünstigen Urteil über die gegenwärtigen Zustände kommen. Und das soll eine einheitliche Regelung sein! Soweit die Landtage noch arbeiten, hafte man sich darüber denn auch wiederholt energisch ausgesprochen, so besonders in diesen Tagen im bayerischen Landtag, wo das Zentrum noch einmal die linksliberale Schädigung der Volksrechte in der schärfsten Weise beleuchtete.
Uebcr die kommende Finanzreform hört man, daß der neue Schatzsekretär Sydow wie fein Vorgänger den Nachdruck auf die indirekten Reichssteuern legt und nur einige Zugeständnisse nach der direkten Seite machen will. Die Frage, ob auch nur eine Erweiterung der Reichserb- schaftsstener die Zustimmung des Bundesrates und der Konservativen finden wird, ist noch offen. Von agrarischer Seite wird die Nachricht verbreitet, daß die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Deszendenten und Ehegatten fallen gelassen sei. Wir sind begierig, wer die 400 Mill. neuer Steuern zahlen soll.
Tas höchste preußische Gericht in Verwal- tungsfachen hat entschiedsn, daß diei Feuerbestattung in Preußen nicht zulässig fei und zwar nicht fo sehr wegen der preußischen Gesetzgebung, als wegen der Reichsgesetze. Es hat damit eigentlich den anderen Bundesstaaten, die bisher die Feuerbestattung als zulässig erachtet ha
ben, den Vorwurf geinachf, daß sie gegen die be»
stehenden Gesetze verstoßen. , will die allgemeine Wehrpflicht aufrecht erhalten
Ei» Wort an die Mütter!
Wann die Zett herankommt, da ein kleiner Erdenbürger den Familienkreis erweitern soll, dann ist es in den dieieni Ereignis vorangehenden Wochen die ernste Pflicht jeder Mutter, um ihrer selbst und um des Kindes willen durch richtige Zufuhr von Nährstoffen dem Körper die nötige Widerstandsfähigkeit ju verleihen. Hierbei leistet die leicht verdauliche und wohlschmeckende Scotts Emulsion hervoragende Dienste da sie dank ihrer nährkrästigen Bestandteile die werdende Mutter vor Erschöpfung und Entkräftung schützt, das Blut bereichert und so zum Segen wird für Mutte« und Kind.
ecott8 Emulsion wird von unr aurichlleßllch Im irotzen per« tou’t, und ,roar nie loie rtt ch Gewicht oder Matz, sonder» nur in versiegelten Originalslaschen in Karton mit unserer Schutzmarke (der Fischer mit dem Dorsch). Scoti u. Bown«, G. m. d. H. granisurt a. M.
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Unpolitische Zeitläuse.
(::) Berlin, 21. Mai 1908.
(Nachdruck oerboea.)
Dem Freunde Hein hat man immer nachgesagt, er fei ein Demokrat; im Tode feien alle Menschen g I e ich, wie groß auch die Unterschiede im Leben getoefen fein möchten. Ja, das war bisher so; aber neuerdings wird die Gleichheit und Brüderlichkeit auf diesem Gebiete scharf angegriffen. Tie Eintracht am Sarge ist gefährdet. Ein Teil der Gestorbenen und der Hinterbliebenen will sich mit dem »gewöhnlichen" Verfahren der Bestattung nicht mehr begnügen,, sondern etwas apartes, etwas feineres haben, sozufagen eine Extrawurst sich braten lassen.
Bei allen sonstigen Rissen und Spalten batten wir bislang am Grabe noch einen Hort der Einheit gesunden. Katholiken und Protestanten und Inden und Freigemeindler, Städter und Bauern, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe — sie betrachteten allesamt den Sarg als die letzte Bettstatt und das kühle Grab als den letzten Ruheplatz für sich und ihre Angehörigen. Es wurden ja freilich bei dem einen Leichenbegängnis etwas mehr Umstände gemacht, als bei dein anderen; doch das war äußerliche, vorübergehende Zutat. In der Hauptsache verfuhren alle gleichmäßig: der Leichnam wurde versenkt in den Schoß der Erde, von der seine Stoffe entstammt waren. Sie wurden alle in gleicher Art den gleichen Naturgesetzen überlasten.
Die Gemeinsamkeit der Bestattungsart war ein großer Kultürwert. Keine Spaltung in den religiösen Gefühlen oder den ästhetischen Empfindungen. Keine Gegensätze in den konfessionellen Sitten. Keine Spannung zwischen den sozialen Klassen. Keine Verschiedenheit zwischen den Familiengliedern.
Diese Eintracht unter den Sterblichen, die auf einen tausendjährigen Bestand zurückblicken kann, wird nun gestört durch die Vorkämpfer der Feuer- bestattuna. Ihnen genügt es nicht, daß der Leichnam im stillen Schooße der Erde allmählich der Auflösung eutgegengeht; sie glauben ein Heldenstück der Kraft und Weisheit zu vollbringen, wenn sie der langsam waltenden Natur borflreifen und den Leichnam in einen Bratofen stecken, »»! ihn mit Feuersgewalt schleunigst in
i ein Häuflein Asche und eine Portion entweichen- I der Gase umzuwandeln. Sie sagen, das sei ein herrlicher Fortschritt, während es in der Tat nur ein Rückschritt ist zu einer alten Heidensitte. Sie wollen die Bestattungskultur des zivilisierten Europa nach dem indischen Muster zuriickbil- den. Wenn das so fortgeht, so haben wir in Deutschland zwei Sorten Leichen (versenkte und versengte), — zwei Sorten Friedhöfe (Gräberparks und Ascheuurnenhallen), — zwei Arten von Bestattungsfeiern (eine christliche und eine „aufgeklärte"). Obendrein den Gegensatz zwischen reich und arm: denn das Verbrennen wird mehr Geld kosten, als das Begraben, und infolge dessen gerade von solchen Leuten bevorzugt werden, die auch mit ihren Leichen noch protzen möchten.
Nun hat das Oberverwaltung Sge- r i ch t in Berlin den Leichenschmoreru, zunächst den preußischen, einen Strich durch die Bratofen- Rechnung gemacht. Es sagt: die bestehenden Staats- und Reichsgesetze kennen nur die Erd- bestattung; also müssen erst die Gesetze geändert werden, ehe die Leichenverbrennimg freigegeben werden kann. Das bedeutet: unsere Volksvertreter im Reichstag und Landtag haben auch noch ein Wort mitzureden! Hoffentlich reden sie ein recht deutliches und kräftiges Wort über die Störung des Todesfriedens, der sich die Agitatoren für Verbrennung schuldig machen.
Eine Friedensstörung, die gar keinen berechtigten Grund und Zweck hat. All' das Gerede von der Häßlichkeit des Begrabens oder der Gesund- heitsgefährlichkeit der Friedhöfe ist gar nicht ernst zu nehmen. Wenn wir uns vorstellen, daß unser Körper oder der Körper eines teuren Angehörigen dem Zerfall und der Auflösung überliefert wird, so ist das gewiß kein angenehmes Gefühl. Aber was geht dem natürlich und unbefangen empfindenden Menschen mehr auf die Nerven: die Versenkung des unverletzten Leichnams in die Erde oder die Einschiebung deS Leichnams in einen Brutofen, wo er zum Krümmen und Platzen, zum Zischen und Schnwren gebracht wird.
Auf die naturgemäße Beseitigung des vergänglichen Leichnams durch Erdbestattung können wir uns beim guten Willen alle einigen. Aber auf die gewaltsame Beseitigung durch Verbrennen niemals. Auch wenn es gar keine religiösen Bedenken gäbe, würde doch die Mehrzahl aus rein
menschlichem Empfinden sich gegen diese Gewalttat an einer teuren Leiche sträuben. Sollte aber jemand von der langsamen, unsichtbaren Verwesung im Grabe einen übermäßigen Abscheu haben, so könnte er ja zur Einbalsamierung greifen. Jedenfalls steht die kunstvolle Konservierung von Leichen, wie sie sckwn die alten Aegypter mit vielem Erfolg betrieben haben, auf einer höheren Kulturstufe, als die rohe Vernichtung durch Feuer.
Wie kommt es, denn, daß der brutale Verbrennungsgedanke fo vielfach Anklang gefunden hat? Zwei Dinge wirken da zusammen: Unglaube und Eitelkeit. Bei den einen gibt mehr der Gegensatz gegen das Christentum den Ausschlag, bei den anderen die Sucht, eine neue „feine" Mode mitzumachen.
Wer fest und marin im Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben steht, der steht mit heiliger Scheu an dein Leichnam; er schreckt zurück vor einem gewaltsamen Eingriff in dis sterblichem Reste im Hinblick auf den jüngsten Tag; er betrachtet den Gottesacker als den rechten Ort, um die Vollendung der Dinge abzuwarten. Ter „moderne" Mensch will gern als fortgeschritten und aufgeklärt gelten. Wer für die Leichenver- brennung eintritt in Wort und Tat, glaubt als tapferer Geistesritter gegen den alten „rückständigen" Auferstehungsglauben und die „verknöcherte" Christensitte Triumphe zu erringen.
Andere reden sich nun ein, die Verbrennung fei wohl vereinbar mit dem Christentum, und schließen sich der neuen Sitte an, weil sie „vornehm" anssieht. Begraben lassen kann, sich jeder Plebejer, aber sich verbrennen lassen —, das ist der Vorzug von „Bildung und Besitz". Je teurer die Feuerbestattung ist, desto besser. Das Krematorium (Leichenofen) hat den Reiz der gesellschaft- lickien Eleganz, ebenso wie das Automobil für die Lebendigen. Wer sich so etwas leisten kann, erhebt sich über die große Masse. In dem Augenblick, wo das Automobil so billig würde, daß auch die gewöhnlichen Leute es als Familienkutsche benutzen, hätten die oberen Zehntausend das Inter- esse an diesem Sport verloren. Und wenn wir jemals dahin kämen, daß in jedem Dorf ein Verbrennungsofen für alle Leichen stände, fo würden die letzigen Schwärmer für Feuerbestattung den Tefajlen an der Mode verlieren und sich um
schauen, ob nicht wieder etwas neues und apartes auf diesem Gebiete erfunden werde.
Die Eitelkeit, die liebe Eitelkeit, — sie macht auch am Sterbebett und an der Leichenbahre nicht Halt. Die protzigen Grabdenkmäler und die koketten Aschenurneu sind aus derselben Wurzel entsprosien. Die Eitelkeit ist menschlich, aber wer klug ist, macht sie nicht mit. Und hat er im Leben dieser Schwäche den Tribut nicht immer entziehen können, so sollte er wenigstens „für den Todesfall" sich freie Hand halten und sagen: Ich bleibe in der Reihe meiner Vorfahren und der anderen Christen Menschen, die dem großen Ostermorgen < entgegeiischlmnmern.
Dazu kommt noch die Rücksicht auf die F a m i- k l i e n g e m e i n s ch a f t. Ein Querkopf verfügt letztwillig: Meine Leiche soll verbrannt werden! * Den Angehörigen geht das gegen ihr religiöses 1 und natürliches Gefühl; doch die neue Mode be- (
steht auf ihrem Schein. Das eine Fanftlienmit- \
glied wird verbrannt; die anderen Toten dieses Hauses werden beerdigt. Die Frau dachte neben ihrem Manne die Grabesruhe zu finden, die Kinder bei den Eltern in dem Familienbegräbnisse. Aber nun steht die Asche des einen im Colum- barium (Urnenhalle). Oder wenn man für die Aschenreste eine allzu weite Grabstelle freihalten könnte, so hätten doch die Hinterbliebenen bei jedem Besuch das Gefühl: Eigentlich ruht er hier nicht, wie die anderen; sein Körper ist ja im Ofen vernichtet worden! Warum ist nicht im Grabe die Familieneinheit gewahrt worden?
Aergernisse und Streitigkeiten, Verstimmungen und Spaltungen, kirchenpolitische und konfessionelle Kämpfe mit schweren Folgen drohen aus dieser Agitation zu erwachsen. Darum soll- ten nicht bloß alle Christen, sondern überhaupt alle^vernünstigen Staatsbürger zusammen dahin mitten, daß der, Treiberei ein Damm gezogen wird und die Friedhöfe uns erhalten bleiben als wahre Parks des Friedens, wo die ganze Nation bas gemeinsame Schicksal des Todes in gleich- inäßiger Weise erträgt, — wo mit Recht auf allen Grabsteinen steht, daß die sterblichen Reste hier „ruhen", — wo die Hinterbliebenen sich still erbauen können in der Erinnerung und in der Voraussicht, ohne durch den Gedanken an die gewaltsame Vernichtung im Feuer gestört zu werden«