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Monatsd-llag-: „zuldaer Geschlchkblätter"

35. Jahrqanss.

Fulda, Samstag den 23. Mai 1908.

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Lnzeige«: Vie ehn fpaltigePetitzeUeod« bereit Kaum 15 Psg. Betlamenbie Petit jelle 25 psg., bei wieder» bolungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Hotatiowsbrudun» Verlag der Luldaer AI» üendruckerei tu Lulda Zernsprecher Ur. 9.

Aus -em Nachbargebiete.

0 Hanau, 21. Mai 1909. Die elektrische Straßenbahn wird innerhalb der Stadt vor­aussichtlich kurz vor Pfingsten in Betrieb ge­nommen. Seitens der Verwaltung der Frankfurter Quellwafferleitung, die hier durchzieht und deren Führungslinie streckenweise die Bahn einhält, ist Einspruch dagegen erhoben, doch dürste dieser dem Vernehmen nach -urückaezogen werden. Mit dem Bau der Linie nach Klein» und Groß­steinheim wird sofort nach Fertigstellung der Stadtlinie begonnen, sodaß diese auswärtige Strecke bis zum Herbst eröffnet werden kann. Mit der Gemeindeverwaltung von Groß­auheim, wohin die elektrische Bahn ebenfalls geführt werden soll, ist der Vertrag noch nicht abgeschlossen. Der Kostenanschlag für diese Linie

In zahlreichen Orten drang das Wasser tn Ställe. Keller und Wohnräume ein. Bei Treb­nitz traf ein Blitzstrahl das vom Felde heim- kehrende Gefährt des Ackerbürgers Wandels und tötete eine auf dem Wagen sitzende Magd. wäh. rend die übrigen vier Personen Verbrennunger erlitten. Bei Glah wurde das Gefährt des Oberförsters Nitschke aus Kunzendorf vom Blitz getroffen; der Kutscher und die beiden Pferd» waren sofort tot. Nitschke und sein Begleite, wurden betäubt. — Aus Bayern wird gerne! bet. daß in Freiung (Oberpfalz) während eine! Gewitters ein Dienstknecht mit seinem Pferd au* freiem Feld vom Blitz erschlagen wurde.

• Yin tüchtiger Advokat. Ter Wiener Hof und Gerichtsadvokat Dr. Emanuel Ouettner if nach Unterschlagungen und Wechselfälschungen die sich zusammen auf mindestens 800 000 Kronep belaufen, flüchtig geworden.

* Eine furchtbare Feuersbrunst wütete in bei Nacht zum Freitag in einem als Kistenfabrik uni Holzlager benutzten Häuserblock von Chicago Sechs Personen sind getötet, 80 bis 4l verwundet, viele davon tödlich. An 40 Persone» werden vermißt. , ,

* Ter Gerichtshof in Explosionsgefahr. Ein, tragikomische Verhandlung spielte sich dieser Tag» vor der 4. Strafkammer des Landgerichts 2 t» Berlin ab. Ein Mann sollte sich wegen wieder holten Betrugs verantworten, erschien aber erst nachdem „seine Sache" längst vorüber war. In Saale verbreitete sich alsbald ein starker Spiri tusgeruch, der bei Anzünden eines Streichholzei fast eine Explosion befürchten ließ. Der „so schö» roch", war der Angeklagte, der „geladen wie eint Strandhanbitze" war. Das Gericht nahm bei Braven wegen Ungebühr in brei Tage Hast uni verurteilte ihn außerdem zu 1 Jahr Gefängnis

* Die Eisenbahnkatastrophe in Belgien ha nach neueren Meldungen 4 0 Tote gefordert Seekapitän Defre schildert den entsetzlichen Vor gang sehr anschaulich. Er saß Zeitung lesend mr sechs Pcrrsonen in einem Abteil zweiter Klass hinter dem Luxuswagen des Antwerpener Ex preßzuges, als plötzlich eine heftige Erschütter ung des Wagens alle Reisenden gegeneinands warf und alle Scheiben zersplitterten. Der Zu§ hielt darauf mit einem Ruck an. Als der Kap» tän entsetzt durch das Fenster hinaussprang, fal er, daß der Expreß bereits 50 Meter über bi blutigen «nb staubenden Trümme des Personenzuges hinweggefahren war. Mar- erschütternde Schmerzensschreie und jammernd« Hülferuse tönten von allen Seiten durcheinander Das Bahnhofspersonal und unverletzte Pasta giere machten sofort verzweifelte Anstrengungen die noch lebenden und um Hülfe schreienden Pas sagiere aus den Trümmern zu befreien. Je weita man mit der Wegräumung vorschritt, um s furchtbarer wurde der Anblick. Drei Soldatel waren so zu Brei zermalmt, daß ihre ein seinen Glieder nicht unterschieden werden kann ten. Mehrere Frauen waren in Stücke zer rissen, einem Arbeiter war die Brust einem Holzstück bis zum Rücken durchbohr' Anderen waren Brust und Leib aufgerissen, f daß die Eingeweide heraushingen. Zwischel Eisenteilen fand sich ein Arm eingeklemmt, l dessen znsammengekrampfter Hand ein Ohr mi Haarbüscheln steckte. Ueberall eine Entsetzen ei regende, dampfende Maste blutiger, formlos« Glieder. Die Verletzten wurden in die Wag« zweiter Klaste des Expreßzuges gebettet, bis na, kurzer Frist einige 30 Aerzte und Heilgehilfe« von Antwerpen eintrafen, um sachgemäße Hilf zu leisten. Die Toten wurden im Wartesaal da Station aufgebahrt. Die Lokomotive des Gz preßzuges, die drei Personenwagen mit ihren sassen unter ihrem ungeheuren Gewicht zei quetschte, war über und über mit zerrissenen Köl

Ausland.

* Ter Universitätskampf in Oesterreich. Als Demonstration gegen die angeblichen Ue6ergriffe der katholischen Studenten sind 60 Hörer der deutschen technischen Hochschule in Brünn aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Tie chinesischen Kulis in den Kolonien. Während die chinesischen, Behörden früher um ihre ausgewanderten Kulis, die sich für fremde Kolonien anwerben ließen, nicht kümmerten, hat die chinesische Regierung in letzter Zeit mehrfach Anlaß genommen, das traurige Los dieser mo­dernen Sklaven nach Möglichkeit zu mildern. Vor allem suchte sie die harten Verträge, durch die die chinesischen Arbeiter unter goldenen Ver­sprechungen nach fremden Ländern gelockt wur­den, zu beseitigen ober sie wenigstens so weit zu mildern, daß den Ausgewanderten die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht wüxde. Zwecks Stu­diums dieser für China hochwichtigen Frage sandte man Kommissare nach den fremdländischen Kolonien, die die Lage der Kulis an Ort und Stelle studieren und so der chinesischen Regie­rung sicheres Material als Grundlage zu weiteren Maßregeln bieten sollten. — So ist auch in Apia auf der deutschen Kolonie Samoa im März der Sonderkommissar der chinesischen Re­gierung Thomas Ling einaetroffen, um die Be­handlung, Unterbringung, Verpflegung usw. der Chinesen zu beobachten und darüber an seine Regierung zu berichten. Im Gegensatz zu ande­ren Kolonien soll nun der Kommissar erfreulicher­weise keinen Anlaß zur Klage gehabt haben. Dies ist umsomehr zu begrüßen, als da­durch das Ansehen des deutschen Reiches bei dem chinesischen Volke nur wachsen kann.

Vermischtes.

• Tie schweren Gewitter am Donnerstag haben auch in Schlesien großen Schaden verursacht.

geben, so wird es auch nichts erhalten. Es darf also nicht jeder Kreis bloß an seine eigenen Ver- hältnisse denken. Die Zentrumsstimmen m einem Kreise können als Kompensation für Einen anderen Kreis, der nicht einmal in derselben Pro- vinz zu liegen braucht, von großem Nutzen sein. Darum nirgends Wahlenthaltung l

Der ganze Liberalismus wünscht nichts sehnlicher und strebt nichts eifriger an, als die Zertrümmerung der sog. „klerikal-konservativen" Mehrheit im Abgeordnetenhause. D,e gläubigen Elemente im Abgeordnetenhause werden die ton- fessionelle Schule, b. h: die religiöse Er- ziehung bet Kinder, gegen die Liberalen und bte Sozialdemokraten zu verteidigen haben. Dieses unschätzbare Gut muß uns über alles gehen, und darum muffen wir im ganzen Lande alle KraftundalleKunst daransetzen, um- bet den bevorstehenden Wahlen wieder eine,Mehrheit durchzukriegen, welche die konfessionelle Schule erhalt en und sichern will.

ist auf 250 000 Mk. berechnet. Davon soll die Gemeinde Großauheim 62500 Mk. und die Stadt Hanau 67 500 Mk. übernehmen, den Rest von 120 000 Mk. will die bauende Gesellschafl Hecker u. Co. tragen. —Die Stadt Wind ecken will sich durch die Firma Winkert u. Co in Metz ein Gaswerk erbauen lasten. Die Frrma baut das Werk auf eigene Rechnung und erhält dafür eine 30 Jahre dauernde Betriebskonzefnon.

* Frankfurt a. M., 22. Mai 1908. Im Sand- weg werden gegenwärtig an der elektrischen Lei­tung Schweißungen borgenommen Trotz­dem an bett Zelten Schilder angebracht sind, auf denen es heißt: „Nicht in die Flamme sehen, schäd-lich für die Augen", überwog bet verschiedenen Passanten die Neugier. Eine 1.« jährige Verkäuferin, ein Mjähriger Kaufmann, ein 18jähriger Fahrbursche und etn Nhahrtger Arbeiter erlitten infolgedessen Verletzungen an den Augen, die ärztliche Hilfe nötig machten.

Kassel, 22. Mai 1908. Die Planeten St. Elisabeth und St. Familie planen für Herbst ds. IS. eine gemeinschastliche P a p st j u b i l ä u m s- feier. Den Mitielpunkl dieser Festlichkeit wird die Erstaustührung eines Werkes „Tu es Petrus“ bilden, welches Herrn Rektor Jacobi dahier zum Verfasser hat und neben verbindenden Text und Knaben- und Mätinerchöten 7 lebende Btld«r aus der Geschichte der Päpste bringen wird. Die Vorbereitungen sind im Gange, einen vollen Er­folg wird das Werk sicher erringen, dafür bürgt der Raine des Verfassers und die begeisterte Mitwirkung bestbewährter Kräfte für Musik und Bühne. .

' Kassel, 22. Mai 1908. . Zum biestahriaen Sommeraufenthalt der kaiserlichen Fa - milie auf Wilhelrnshöhe werben schon jetzt Vorbereitungen in den Schlössern auf Wil- Helmshöhe unb in Wilhelmstal getroffen, xne Kaiserin trifft vermutlich Enbe Ium mit der Prinzessin Viktoria Luise hier ein. ,

* Wiesbaden. 20. Mai 11*08. Bel der Aufführung von Wedekinds „Erdgeist" im hiesigen Residenz-Theater ging dem Inspizienten und Schauspieler Queitz beim Laden des Revolvers «in Schuß in die Hand. Infolge hinzuge- gelrelenen Wundstarrkrampfes ist der junge Schauspieler, der .Wiesbadener Zeitung' zufolge, heute gestorben.

* Eisenach, 22. Mai 1908. Einbrecher machten hier nachts einem Weinkeller einen Besuch mtb zechten dort tüchtig. Einer betrank sich so, baß er liegen blieb unb von seinen ü>e- nosseu vergessen würbe. Am nächsten Margen würbe bann dieses „Opfer seines Berufs" fchla- send gefunden unb natürlich verhaftet.

* Hciligcnstadt, 20. Mai 1908. Auf dem EichSselde beging man gestern die Feier des 10 0. G e b ur t s t a g e s von Karl Duval, des Dichter? des Eichsfeldes. Karl Duval, der fetn- sinnige Sckilderer der Naturschönheiten des Elchs- selbes, Thüringens unb des Harzes, wurde am 19. Mai 1808 zu Nordhausen geboren. Er war der eifrigste Mitarbeiter des 1839 bei Eupel in Sondershausen erschienenen _ Sammelwerkes „Thüringen und der Harz mit ihren Merkwür­digkeiten, Volkssagen und Legenden." Auch gab er mehrere selbständige Werke heraus, so das 1845 bei Eupel erschienene: „Das Eichsfeld" und das zweibändige Werk: „Kloster und Kloster­ruinen Deutschlands". ____________

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Larl Schütter

3.MS«. „Illustrierte Sonntagsjeitung

Drittes Hlatt.

"+ Starke Wahlbeteiligung^

So allmählich kommt etwas Fluß in die Wahl­bewegung. DaS herkömmliche Phlegma ist über­haupt nicht mehr am Platze. Wo sich früher der Wettlauf in Schlafrock und Pantoffeln bestreiten liefe, da ntufe man jetzt gegürtet und gestiefelt an- treten, und wo früher schon die Lage unsicher war, da muß man jetzt Volldampf aufmachen, tote bei den Reichstagswahlen.

Das Zentrum hat vor allem Ursache, die­ses Mal in breiter Schlachtlinie seine Truppen In die Wahlschlacht zu führen. Denn heute wer- den wohl keine Stimmen sorgfältiger beachtet und genauer gezählt, als die Stimmen des Zentrums. Dieses steht ja mehr im Vordergründe als bte Sozialdemokratie, nicht bloß für den Fürsten Bü­low, sondern auch für das gesamte Blockelement. Die Tätigkeit und das Interesse der sogenannten bürgerlichen Parteien konzentriert sich vielfach darauf, die Zentrumspartei so viel als möglich zu schwächen. Da ist ein allgemeines Erwachen der Zentrumsanhänger angezeigt.

Auch in den sog. sicheren Wahlkreisen. Ein kluger Mann baut vor und sucht sich vor Heber- raschungen zu sichern; daher müssen wir auf der ganzen Linie mobil machen, um die Zentrums­reihen zu verstärken.

Auch das Ansehen der Partei erfordert es, daß alle Freunde der Ordnung vollzählig iti.b pünktlich antreten unb stramme Partei- zncht einhalten.

Zum Unterschied von den Reichstagswahlen, bei denen man von morgens bis abends seinen Zettel loswerden kann, ist die Abstimmung bei der Landtagswahl an die bestimmte Stunde gebunden. Wenn der Aufruf der Wähler dritter Klaffe flott vor sich geht und keine engere Wahl notwendig wird, so können die Nachzügler leicht auf eine vollendete Tatsache stoßen; die Wahl­männer sind dann schon ernannt und die Säu­migen mit ihrem unbenutzten Wahlrecht wieder zu ihrer Schlafstelle zurückkehren.

„Es kommt auf eine Stimme nicht an", pflegen die Faulen bei der Reichstagswahl zu sagen. Bei den Abstimmungen in den kleinen Urwahlbezir- ken ist diese dumme Ausrede erst recht nicht am Platze. Da ergibt sich sehr oft nahezu Stimmen­gleichheit, so daß tatsächlich eine einzige Stimme den Ausschlag geben kann für zwei Wahlmänner. Wenn an Stelle von zwei schwarzen zwei andere Wahlmänner durchkommen, so bedeutet das bei der Abgeordnetenwahl schon, eine Verschiebung der Stärkeverhältnisse um toter Stimmen. Ja, es kommt auf jede Stimme an, jetzt noch viel mehr, al» früher.

Unsere Parteifreunde, wollen auch nicht über­sehen, daß in den B^irken, wo sie selbst nW mit einer eigenen Kandidatur durchdringen können, es zu einer Zersplitterung der Stimmen und der Wahlmanner kommen kann, ja vielfach kommen wird. Wo z. B. früher eine Partei eine feste Mehrheit hatte, find nach den Neuwahlen zwei Minderheiten stärker als die alle Mandatsin- baberii!. Was liegt da näher, als daß man zu Wahlabkommen schreitet? Diese Wahlab­kommen werden weit zahlreicher als früher sein. Aber es ist ganz klar, daß dabei nicht eine Partei nur bet gebende Teil sein wird; beide Teile wer­den etwas bieten müssen. Das Zentrum aber kann dies nur tun, wenn seine Minderheiten sich nicht der Wahl enthalten, sondern sich lebhaft be­teiligen. Dann kann von Wahlkreis zu Wahl­kreis gar schnell eine Verständigung erzielt wer­den. die dem Zentrum vielleicht Mandate zu- führeu, mindestens aber ihm taktisch von Nutzen sein wird. Hat aber das Zentrum nichts zu der-

ver falsche Erbe.

s Roman von Ed. Wagner.

11] (Nachdruck verboten).

„frechen Sie, Guido, um Gottes willen nur ein Wort!" sprach er flehend, indem er sich über den Kranken beugte. ,

' „Wer sind Sie", murmelte Harrington mit noch schwacher Stimme, und fein Gesicht wurde trübe. „Warum stören Sie mich? Ich mag nicht sprechen."

, In Branders Augen flammte es plötzlich auf — es war das Aufleuchten innerer, „heimlicher Freude.

„Wie ist Ihr Name?" fragte dr begierig. „Nennen Sie mir blos Ihren Namen."

, „Mein Name? Ich habe keinen Namen!" ant- 'toortete Guido. „Gehen Sie, ich will allein fein."

Er wandte sich um, und Brander, froh hn Herzen, aber mit traurigem Gesicht, ging in das andere Zimmer, wo das Frühstück seiner harrte.

Nach dem Essen ging er hinaus, um die Lage des HanseS naher in Augenschein zu nehmen. Dieses lag an einem Felsen, von welchem man eine herrliche Aussicht, sowohl über das Meer, wie auch über das Land hatte.

„Hier ist Guido Harrington so gut tote be­graben", dachte Brander. „DaS HauS liegt ein- fam, in ziemlicher Entfernung von anderen menschlichen Wohnungen.

ftn diesem Augenblick trat Palestro zu ihm.

„Angenehm« Wetter nach dem Sturm, Sig- jierl" bemerkte der Makler.

t „Sehr angenehm."

- „Virini sagt mir, daß @te uns Brote schon verlassen wollen, Signor", sagte Palestro l. „Ja, ich kann mich nicht langer aufhalten, Siberte Brander. „Ich muß nach Palermo, um

heute muh Marseille gehenden Dampfer be­eil zu können."

„Uno Sie wollen Ihren unglücklichen Freund lolienr? " — —

,Ha; ich kann ihn unmöglich mitnehmen, und — ich habe auch keine Verpflichtungen gegen ihn."

„Aber Sie wollen so generös für seine Verpfle­gung zahlen und möchten gern manchmal etwas von ihm hören. Leider können die Vicinis nicht schreiben."

„Es ist leicht zu merken, daß Sie auf einer bedeutend höheren Bildungsstufe stehen, als die Vicinis", sagte Brander, in der Absicht, Palestro zu schmeicheln; „darum würde es mir angenehm fein, Ihre Freundschaft zu erwerben."

„Einer gewissen Art von Freundschaft bin ich stets zugänglich!" entgegnete der Winkeladvokat.

Brander sah eine Weile dem Sizilianer scharf in die kleinen listigen Augen unb in das ver- schwitzte Gesicht, bann fragte er:

„Sind Sie arm?"

„Arm wie eine Kirchenmaus!" antwortete Palestro. „Das Schicksal ist nicht freundlich mit mir. Briefe, Bittschriften und dergleichen für die Arbeiter zu schreiben, lohnt sich schlecht."

Brander überlegte. Er beschloß, den Mann für sich zu gewinnen und ihn zu seinem ergebenen Diener zu machen. „

„Ich denke, hundert Francs würden für sie eine ansehnliche Summe fein, Signor Palestro?'

„Eine große Summe!" rief Palestro ver­gnügt. „Ich habe seit Jahren nicht soviel Gelb auf einmal in Händen gehabt."

„Und waS sagen Sie zu fünfhundett Francs? Diese Summe will ich Ihnen jährlich geben, wenn Sie mir regelmäßig wöchentlich Nachsicht senden über den Zustand meines Freundes."

Palestro nahm daS Anerbieten mit Freuden an. Er hätte laut aufjubeln mögen, doch war er klug genau, um feine Erregtheit nicht merken zu lassen.

„Ich will Ihnen zur Bekräftigung unseres Vertrages hundert Francs im Voraus zahlen", sagte Brander, nahm fünf Napoleons aus der Brieftasche und lieft sie klingend in die Hand ValestroS aleiten.

„Sie sollen in mir den treuesten Diener unb fleißigsten Korrespondenten finden!" rief Pa- lestro mit einer respektvollen Verbeugung. „Der arme Bursche soll nicht seufzen ober stöhnen, ohne daß ich es Sie wissen lasse; und sollte die Vor­sehung dem armen Engländer den Verstand zu­rückgeben, dann sollen Sie es eben. so schnell wissen, wie er selbst."

Eine seltsame Veränderung zeigte sich auf Branders Gesicht.

„Er wird nicht wieder genesen!" rief er lei­denschaftlich. „Der Doktor sagte, seine Genesung sei unmöglich."

Palestro machte ein wunderbares Gesicht und holte tief Atem, bann leuchteten seine Augen in einem selsamen Feuer.

„Ah!" rief er in einem Tone, der Brander erkennen ließ, daß er unvorsichtig gewesen war. „Signor wünscht nicht, daß sein armer Begleiter den Verstand wieder erhält? Der Unglückliche ist vielleicht Signors Bruder, der zwischen ihm und einer reichen Erbschaft sieht?"

Diese Idee, schon seit einigen Stunden früher in dem Italiener aufgetaucht, schien seine Be­stätigung zu finden in dem Schrecken Branders in seinem plötzlichen Erbleichen und in dem star­ren, wilden Blick seiner Augen.

„Ich sage Ihnen, eS ist nicht so!" rief er in einem Tone, der den Verdacht Palestro'S zur Ge­wißheit machte.

„Vergebung, Signor, aber Palestro hat scharfe Augen! Die Sehnlichkeit ist so überraschend, und die Aufregung des Signors ist so groß, daß mein Verdacht keine Täuschung fein kann. Doch ich bin kein Spion, kein Verräter! DaS Geheimnis soll in der Brust PaWro's vergraben bleiben, wenn der reiche englische Signor mir nur meinen Preis bezahlen will. Ich will Signors Alliierter, sein Freund, seine rechte Hand sein. Ich mache mir keine Güvissensbisse! Signor hat nur notig, die Pläne in seinem edlen Kopfe auszuarbeiten, und Palestro wird sie zur Nusführung bringen!'

Still fluchte Brander seiner dieses Selb? Verrates wegen. Doch was half eS! Alles Pri teftieren würde nicht imstande gewesen fein, da Verdacht des schlauen Palestro zu beseitigen, im es blieb nur der eine Ausweg, mit Geld diese Mann zu erlaufen.

„Wie viel Geld gebrauchen Sie?" fragte ? rasch Palestro.

„Nur wenig, edler und großmütiger Signor' erwiderte der Italiener, sich die Hände reibens „Ich bin zwar arm, habe aber auch meine Ns gupgen unb Gewohnheiten, die kostspielig st ns So liebe ich eine seine Zigarre, eine Flasch Champagner und hübsche Kleidung; dirS all« habe ich bis jetzt entbehren müssen. Verschaff« Sie mir daS, Signor, unb ich werde Ihr ergeb« ner Diener sein. Sie bürfan nur ein Wo? agen". unb seine Stimme sank zu einem Fls fern herab, „und unser armer Blödsinniger tot! allen, wie eine überreife Frucht!"

Brander verstand die Bedeutung dieser Worj er würde dem Italiener dieser Zumutung toeg< Vorwürfe gemacht haben, hätte er nicht zu gi gewußt, daß er diesen Mann nicht täuschen tonnt

„Wie viel gebrauchen Sie zur Befriedigust Ihrer Neigungen?" fragte er leise.

„Dreitausend Francs jährlich — nur Hundei und zwanzig Pfund nach Ihrem englischen Gelds ®afür will ich mit Leib und Seele der Jhris sein. Dafür will ich Sorge tragen, daß der ai stesschwache Bruder nie nach England zurüi kehrt!"

Einen Augenblick sahen die beiden Männl einander scharf an; dann sagte Brander:

„Gut, SW sollen das Geld haben; aber « denken Sie, daß ich Sie gekauft habe, Palestt mit Leib und Seele. „Sie haben meine Bef« unbedingt zu vollziehen, welcher Art sie auch s« mögen. Ich werde Ihnen l«S Geld quartalij in Banknoten zusenden und letzt für. ßl Vierti jahr voraus bezahlen."

sFyrtsetziyig folgt)