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.. Die neue Steuerlast
In der linksstehenden Presse macht man noch immer dem Zentrum $ortoürfe, toetl e» nicht genügend Steuern bewilligt habe. Dadurch habe »S die heutige schlechte Finanzlage des Reiches verschuldet. — Wir haben demgegenüber schon oft betont, daß in den Zeiten der Zen- trumsherrschaft" der Etat immer gut abschlotz, 1905 gar mit einem Ueberschuß von 6 Millionen Mark: und 1906 nur mit einem Fehlbetrag von 27 Mill. <M. gestundeter Matrikularbeiträge; heute sind es 126 Mill. <M., obwohl die neuen Steuern hinzugetreten sind. Dieser Fehlbetrag rührt in erster Linie vondenvomBlockseit 1906 bewilligten neuen Ausgaben in Höhe von über 240 Mill. <M her. Das Zentrum hat eben nie Ausgaben bewilligt, ohne für entsprechende Einnahmen Sorge zu tragen. Heute ist eS anders und daraus muß die Verelendung der Finanzen entstehen.
Uebrigens ist es nicht komisch, wenn freisinnige Blatter dem Zentrum vorwerfen, es habe ' u wenig Steuern bewilligt? Es ist doch nicht die erste Aufgabe einer Partei, dem Volke neue Lasten aufzulegen. Wir haben bisher immer geglaubt, daß der Reichstag in erster Linie die Pflicht hat, für S p a r s a m k e i t zu sorgen und die Mehrbelastung hintanzuhalten. Auch Eugen Richter, der gewiß etwas vom Etat verstanden hat, war dieser Ansicht; er hat es wiederholt offen ausgesprochen, daß das Zentrum das große Verdienst habe, daß es von 1893 ab bis 1906 es verhindern konnte, daß das deutsche Volk 100 Millionen Mark im Jahre mehr an Steuern zahlen mußte. Und Richter hatte recht. Noch im Jahre 1906 erklärten freisinnige Redner im Reichstage, daß die damals bewilligten 180 Mill. Mark neuer Steuern gar nicht erforderlich seien, es seien Steuern auf Vorrat, die man ablehnen muffe. Heute hat dieselbe Partei den Mut, das Gegenteil zu sagen und zu erklären, daß das Zentrum nicht genug Steuern genehmigt habe. Warum diese Behauptung? Damit der Freisinn zu allem Ja sagen kann und nicht selbst neue Steuern zu beschließen braucht. Der Freisinn ist nur soweit national, als es sich um die Bewilligung der Ausgaben handelt; für das Geld zu sorgen, überläßt er lieber anderen.
Nun steht eine neue große Belastung des Volkes vor der Türe! Der Block will über 490 Mill. Mark dem deutschen Volke an neuen Steuern auflegen. Man halte sich vor Augen, waS das heißt: im Jahre 400 Mill. Mark neue Steuern! In allen Ministerien zerbricht man sich den Kopf, woher man diese Gelder nehmen soll; aber niemand will das eine Wort aussprechen, das allein hilft: Sparsamkeit! Es lassen sich in unserem Etat Millionen und Abermil- Itonen sparen, wenn man besser wirtschaftet. Man nebme z. B. nur den Heeresetat her. Der Abg. Erzberger hat schon vor einiger Zeit nachbewiesen, daß durch eine verständige Konkurrenz in den Masienlieferungen allein 30—40 Mill. Mark im Jahre rundweg zu sparen sind. Heute verteilen die Gesellschaften, die die Waffen liefern, 12—20 Proz. Dividende im Jahre. Muß es denn fein? Je mehr Werke zu den Lieferungen herangezo- aen werden, um so billiger stellt sich das Reich. Tann schaffe man die vielen Paraden und Besichtigungen ab, die Millionen kosten und keinen Wert haben; in die Schlacht zieht niemand im Parademarsch ab. Man vereinfache die Ausbildung; der Storchschritt usw. hat für
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Erstes Wlatt.
Fulda, Freitast
den Soldaten gar keinen Wert: viele Aerzte er- klären ihn für gefundheitsschädlich Das Posten- stehen und Burschenwesen gestatten er- hebliche Vereinfachungen; die Uniform mache man weniger Prunkhaft, aber praktisch und er wird eine Menge von Zeit in den Kasernen gewonnen. ES gibt viele sehr tüchtige Offiziere, die erklären, daß jeder Reservist in 15 Monaten aut ausgebildet fei; man beurlaube also diese Leute mehr; der Bauer erhält dann im Frühjahr Arbeitskräfte und daS Reich spart Millionen. Wenn im Heer alles nur auf den Ernstfall hin vorbereitet wird, 'kommen wir erheblich billiger weg. In der Marine ist es ähnlich; auch tm großen Postbetrieb könnte noch sehr gespart werden. Dabei ist es selbswerständlich, daß nichts Wesentliche« in Wegfall-kommen darf; Heer und Flotte muffen schlagfertig bleiben. Wenn man aber fleht, daß wir tm Jahre allein 180 Mill. Mark an Pension bezahlen, so muß man sagen, da« ist zu viel. Man verabschieed unbrauchbare Offiziere schon als Leutnants, ehe sie einen Anspruch auf eine Pension haben; man wähle noch viel sorgfältiger aus. Ohne eine vernünftige Sparsamkeit geht es einfach nicht mehr.
Wenn der ernste Wist e zur Sparsamkeit vorhanden ist, dann geht es sicher. Aber dieses Wort darf man heute kaum mehr aussprechen; man ist sonst „antinational" und .Demokratisch" und wie alle diese „Vorwürfe" heißen. Der Sinn für Sparsamkeit ist unseren Verwaltungen stark abhanden gekommen; feit man sieht, wie in den oberen Kreisen gewirtschaftet wird, langt alles in das Volle hinein, wie wenn dem Staate nicht auch die Gelder ausgehen könnten.
400 Mill. Mark neuer Steuern bedeuten im Durchschnitt für den Kopf 6 Mark mehr Steuern im Jahre, für eine einzelne Familie 30—40 «.ft, nicht nur einmal, sondern jedes Jahr. Das Volk in seinen breiten Schichten wird stark bluten müssen. Die neue Steuerlast wird so hart werden, daß die Freude am Reiche erheblich sinken muß, daß in den meisten Kreisen große Unzufriedenheit einkehren wird. Das ist gewiß nicht „national", aber die Frucht des angeblich so stark „nationalen" Reichstages.
Deutsches Reich.
** Eine Zusammenkunft des Kaisers mit dem «n glischen König soll Mitte August dieses Jahres in Homburg ftattfinben. Der Tag der Begegnung ist noch nicht festgesetzt, doch soll die Begegnung mit der Enthüllungsfeier des in Homburg errichteten Denkmals der Land- grSfin Elisabeth von Heffen zusammenfallen.
* Der Chef des preußischen GenerolstabeS v. Moltke begeht morgen seinen 60. Geburtstag. Seit dem 1, Januar 1906 steht er auf seinem jetzigen Posten.
\ Die Feststellung der Vorstrafen, wie sie jetzt bei den Angeklagten und bei Zeugen üblich ist, sollen in der neuen Strasprozeßorlmnng, deren Entwurf voraussichtlich bald an den Bundesrat gelangen wird, neu geregelt werden. Man will eine Üeberspannung der Vorstrasenkontrolle aber schon jetzt im Verwaltungswege mehr, als es bisher geschah, verhüten. In dieser Beziehung schweben zur Zeit Erwägungen zwischen den beteiligten Restarts.
O Die Folgen des Enteignungsgesetzes suchen natürlich die Polen nach Möglichkeit abzuschwächen. Sie werden darin auf das lat» kräftigste von ihren Stammesbrüdern in den Nachbarreichen unterstützt. So wird jetzt aus
den 22. Mai 1908.____________
Wien gemeldet, daß Fürst 8ubomii»S für fünf Millionen Kronen einen Gütertomplex gekauft habe, n« ihn für die preußischen Polen zu parzellieren. Die Alldeutschen werden sich darüber natürlich wieder stark entrüsten Doch kann man - den Polen nicht verwehren, wenn sie mit allen Mitteln versuchen, den harten Bestimmungen, die daS preußische EnteignunqSqesetz für sie mtt sich bringen, nach Möglichkeit zu entgehen. Wenn dadurch die Idee de- GroßpolentumS nur noch immer größeren Raum gewinnt, so bat sich dies die preußische Regierung mit ihren Gewaltmaßregeln selbst zuzuschreiben.
* Darmstadt, 21. Mai 1908. Die Zweite Kammer nahm heute ihre Beratungen wieder auf und beschäftigte sich mit der Fraae einer Regelung der AnstellungS- und Gehaltsverhält. niste der Kommunalbeamten. Die Regier- ung hielt ein gesetzliche- Eingreifen in das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden für be- deutlich und verwies auf ihr Füriorgegesetz für die Gemeindebeamten, das auf der Tagesordnung stehe. Die Regierung gedenkt der Frage näher zu treten bei der Revision der Landgemeinde- ordnung. — Der Groß Herzog und die Groß- Herzogin sind heute nachmittag auS Rußland hierher zurückgekehrt.
Zu den randtagswahien.
* Frankfurt a. M., 21. Mai 1908. Da? Zentrum stellte für die Landtagswahl den Reichstagsabg. Postsekretär H a m e ch e r und den Landgerichtsdirektor Jtschert auf.
* Bon einer wirtschaftlichen Sonderkandidatur wird aus Essen berichtet. Dort forder" Vertreter der Industrie, der Finanzwelt und des Gewerbes, das Mandat nicht nach politischen, sondern nach rein w irtschastkichen Gesichtspunkten zu vergeben. Der in Aussicht genommene Kandidat ist Handelskammersyndikus Hirsch. Ein Seitenstück zu Ess en bieten Danzi gund Königsberg mit ihren Beamtenkandidaturen.
* Einen guten Witz hat sich die .Freisinnige Bettung' gestattet. An der Spitze ihrer letzten Nummer bringt sie in Fettdruck einen Artikel mit der Überschrift: ,.Keine Wablbeeinflussungen" In demselben zitiert sie die Aeußerung des Fürsten Bülow vom 10. Januar d. I., daß er es {für Pflicht der Regierung halte, bei den Wahlen eine ganz unparteiische Haltung zu beobachten, und hieran schließt das freisinnige Blatt eine Bitte an seine Parteifreunde, jede Wahl- beeinflustung, die trotz dieser Erklärung deS Ministerpräsidenten feiten? der Beamtenschaft erfolge, fotort an die ,Freis. Ztg/ zu melden. Ist das nach den Vorkommnissen bei der Wahl des Abg. Eickhoff, in welche gerade der Reichskanzler hineinspielte, nicht ein freisinniges Bravostückchen?! Zugunsten deS Freisinns dürfen Wahlbeeinfluffungen ftattfinben, aber beileibe nicht zuungunsten des Freisinns.
RttsLanÄ.
* Der Universitätskamps in Oesterreich hat auch auf daS politische Leben übergegriffen durch die Dringlichkeitsanträge der Äteutschfreisinni- gen Parteien und der Christlichsozialen. Am Mittwoch hielten die Christlichsozialen unter dem Vorsitz ibres Obmannes Dr. Lueger eine Sitzung ab, in welcher die letzten Vorgänge an den
35. Jahrgang.
Universitäten besprochen inxb eine Resolution angenommen wurde chn der er heißt:
3M chrtstltch-sopal« B«ttMg«ny verurteilt M» Vorgänge an den verschiedenen ttawerfltäten auf* schärfste, namentlich aber die He tz e gegen die katholische Kirche und jene Männer, welche sich offen ,u ihr bekennen. Die christüch-soziale Bereinigung et» tlärt weiter, daß Ada. Hagenhof« und seine Kollegen oollständia i« Rechte waren, da sie leb'glich die Absicht hatten, an be* Promotion als geladene Gäste tetlzunebmen. Die ««einigung «klärt die Vorgänge at» eine von jüdischer Sette inszenierte Mach«, durch welche kein and«« Zweck verfolgt wird, all Zwiespalt in die Reihen der Deutschen » tragen. ES wird dies« Zwischenfall die christlich-soziale Partei nicht hindern, dafür mti ganzer Kraft etnju» treten, daß die G leichberechttgun a an den Hochschulen prr Tatsache w«de und daß die Bevorzugung ein« od« anderen Richtung für die Zukunft vollständig ausgeschlossen ist. Schließlich kann der Klub nicht umhin, dre dem österreichischen Bauernstände gewordene schwere Beleidigung mtt auee Entschiedenheit zurückzuweisen und von d« Regierung zu verlangen, daß eine entsprechende Genua tu ung der beleidigten Bauernschaft unv«zügltch gu» teil wird. Die chrsstlich-soziale Vereinigung steht d« bezüglichen SntschliStzungeu d« Reoteruna entgegen, und behalten sich die Mitglied« derselben für den Fall, daß die dies lästigen Entschließungen der Regieruna ntcht befriedigend sein sollten, vor, gegen da» UnterrichtSbudget zu stimmen."
Diese Resolution, an ber zwei Minister beS gegenwärtigen Kabinets, die Christlichsoztalttt Ebenhoch und Gaßmann mitgewirkt haben, findet freudigen Beifall. Die Geduld ist zu End». Nun heißt es. Taten zu zeigen, nachdem der Worte genug gewechselt. Daß, man seitens der Regierung dre Haltung der Christlichsozialen ernst zu nehmen gesonnen ist, zeigt auch der Umstand, daß zur Besprechung der politischen Lage unter besonderer Berücksichtigung des Arbettsprogram- nies des Abgeordnetenhauses für die nächsten Wochen und der Vorfälle an den deutschen Universitäten Ministerpräsident Frhr. v. Beck den Vorstand der christlichsozialen Vereinigung zu sich geladen hatte. Tie Beratung währte nahezu zwei Stunden. — Voller Freude verkünden nun btt freisinnigen Blätter das Ende des politische» Zusammenschlusses zwischen den De»tsch» freiheitlichen und den Chrtstlichso» z i a l e n. Die Resolution der Christlichsozialen wird als die Kriegserklärung gegen den Unterrichtsminister Marchet aufgefaßt. Die deutsch- freiheitlichen Parteien deS Abgeordnetenhaustst nahmen denn auch bereits in einer Dersannnlunz, an der auch die deutschen Minister Dr. Der» schatt a, Dr. Marchet und P r a d e teilnah» men, einstimmig eine Refol ution an, in der die „Entrüstung" über den von den klerikale« Abgeordneten veranstalteten „Einbruch" in di« Grazer Universität sowie über die „Gewalttätigkeiten der klerikalen Studenten" in Innsbruck ausgesprochen wird. — In Oesterreich stehen allem Anschein nach die Begriffe auf dem Kopf. Die katholischen Studenten verlangten weiter nichts, als ihr gutes Recht, vollkommen gleich« Behandlung mit den übrigen Studenten. Tief« Rechte werden ihnen seit Jahrzenhten boreni# halten. Sie verlangen nun die Erfüllung bet Gleichberechtigung gebieterisch. Die christlichsozialen Abgeordneten treten energisch für die hint« angefetzten Studenten ein. Die Prügelstudenten unter den Deutschfreiheitlichen, die rohen Exzess« wie Fierwerfen, Fenstereinschlagen der deutschradikalen Studentenschaft finden die Verleid« gnng im Parlament. Und der Unterrichtsmini- ster Dr. Marchet, dessen Pflicht es wäre, Gerechtigkeit und Ruhe auf den Universitäten herzustellen, schließt sich der Resolution ber deutschfreiheitlichen Parteien still an!
An der Wiener Universität gab e8 Mittwoch wieder eine Anrempelung katholischer Kou- leurstudenten, wiewohl Mitglieder des Hochschule
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
10] (Nachdruck verboten).
Er verbeugte sich höflich und verließ daS Haus.
„Wollen Signor bei Ihrem Freund schlafen?" fragte Frau Vicini zögernd. Wir haben nicht viel Betten und —"
„Gewiß, ich schlafe bei meinem Freund!" unterbrach sie Brander, „und ich will sogleich zu Bette gehen, denn Sie sehen auch sehr müde aus, Signora. Gute Nacht!"
Er nahm ein bereitstehendes Licht und begab sich in das Schlafzimmer, welches er hinter sich verschloß. Er fetzte das Licht auf den Tisch und wartete, bis die Vicinis und Palestro sich ebenfalls zur Ruhe begeben hatten; dann setzte er sich auf das Bett nieder und starrte auf das Gesicht des schlafenden Freundes. Wie war dieses in der kurzen Zeit doch verändert! Drei Stunden früher strahlte es noch vor Lebenslust, Freude und Glück; nun war es totenbleich, sah müde und geistlos aus.
Brander bebte; er nahm den verbundenen Kops in seinen Arm und rief leise:
„Guido, Guido!"
Aber der Kranke schlief ruhig weiter.
Stunden vergingen; das Licht war niederge- bräunt und Finsternis füllte das Zimmer; aber Brander schloß seine Augen nicht zum Schlafe. Er starrte, den Kopf seines Freundes noch,immer in seinem Arme, unbeweglich vor sich hin und j>ie seltsamsten Gedanken durchschwirrten fetneu Kopf.
Der Wind hatte sich gelegt und der Morgen begann zu grauen. Im Hanse regte ßw schon neues Lechen, das Geräusch beginneber arbeit in der Küche wurde hörbar — aber Brander starrte noch immer vor sich hin.
Endlich wurde er durch ein leises Geräusch am Fenster aufgeschreckt. Er wandte sich rasch um und sah daS Gesicht Palestro's.
„Dieser Mensch macht sich verdächtig", murmelte Brander unruhig. „Er mag gefährlich werden; ich muß mit ihm sprechen."
Er stand auf und trat an's Fenster, aber Palestro war verschwunden.
Hastig ordnete er seine Kleider, erfrischte sein Gesicht mtt kaltem Wasser und lammte sein Haar, dann trat er in die Wohnstube, wo er die Bikinis fand, die Frau mit der Bereitung des Frühstücks beschäftigt. Er gab die Absicht, Palestro zu suchen ,auf und setzte sich auf einen Stuhl.
„Wie geht es dem jungen Engländer, Signor?" fragte der Fischer teilnehmend.
„Er schläft noch", antwortete Brander. „Aber eS scheint in seinem Zustande keine Besserung eingetreten zu sein. Armer Bursche! Dr. Spezzo scheint ein tüchtiger Arzt zu sein."
„DaS ist er", bemerkte Frau Wcini begeistert. „In ganz Sizilien sucht man seine Hilfe, wenn kein anderer Arzt mehr helfen kann. Dabei ist er so sorgfältig und so gut. Dor einem Jahre war Tomaso schwer krank. Dr. Spezzo hat ihn kuriert, aber keine Bezahlung angenommen. Aus Dankbarkeit bringt ihm Tomaso jede Woche die besten Fische und wir bitten jeden Abend für ihn um den Shutz der Hettigen. Ja, er ist ein berühmter Mann!"
-Ich wünschte, er könnte meinen armen Freund auch retten!" sagte Brander mit einem erkünstelten Seufzer. „Ich weiß in der Tat nicht, was ich mit ben armen Burschen anfangen soll. Nach England kann ich ihn nicht mitnehmen. Ich bin der Sohn^ eines reichen, englischen Barons, den ich seit fünf Jahren nicht gesehen habe. Vorgestern erhielt ich von meinem Vater die Nachricht, daß ich sogleich in die Heimat zurückkommen möge, und tch war auf der Reise dahin, als unS daS Unglück ereilte. Mein Vater erwartet mich sehnsüchtig, ober die Liebe zu meinem Freunde
gestattet mir nicht, diesen zu verlassen, ohne daß ich ihn in Sicherheit weiß."
„Das ist eine schlimme Geschichte", bemerkte Frau Vicini.
„Um so schlimmer, da er keine Verwandte hat. Mancher Brotherr würde ihn in eine Anstatt schicken, in ein Irrenhaus oder dergleichen, meine Anhänglichkeit an ihn sträubt sich jedoch dagegen. Was soll ich also mit ihm anfangen? Haben Sie Kruder?"
„Rein", antwortete ber Fischer.
„Sie scheinen arm zu fein, aber alles in Ihrem Hause ist sauber und nett", fuhr Brander fort, indem fein Blick durchs Zimmer schweifte. „Möchten Sie nicht die Aufsicht und Pflege meines armen Freundes übernehmen? Ich will Ihnen für Ihr« Dienste zwanzig Francs per Woche zahlen und für Kleidung, ärztliche Behandlung usw., außerdem eine hinreichende Summe jährlich. Wollen Sie sich jedoch der Mühe nicht unterziehen, dann können Sie mir vielleicht eine andere Familie in der Nachbarschaft empfehlen." Diese letztere Bemerkung beschleunigte den Entschluß der Frau Vicini.
„Zwanzig Francs die Woche! Das ist ein kleines Kapital für uns!" murmelte sie, bann fügte sie laut hinzu: „Ja, ich will ihn behalten."
„Gut, das ist abgemacht", sagte Brander erleichtert. „Nur eins bleibt noch zu bemerken: Wie weit ist Palermo von hier?"
„Sechs Meilen, Signor."
„Kommen beiläusig Reifende hierher?" „Memals, Signor."
„Ich möchte nicht gern, daß mein armer Freund mit Landsleuten jufammentrifft", erklärte Brander. „Die Engländer sind nicht so zartfühlend und rücksichtslos wie die Italiener und Ferdinand könnte von irgend einem neugierigen Landsmann leicht belästigt werden, waS ferner Herstellung, auf dre ich noch immer hoffe, htnderlrch fein könnte. Darum müssen Tie ihn unter strenger Aufsicht halten. Er darf niemals nach Palermo gehen und muß überhaupt in aäna-
licher Zurückgezogenheit geballen werden."
„Ich verstehe, Signor", sagte die Frau. „Ich werde Ihre Befehle genau befolgen."
„Ich will Ihnen meine Adresse hinterlassest, damit Sie mir schreiben können, wenn irgend ein Wechsel in dem Zustande meines Freund eß eintreten wird. Und nun bliebe mir noch diß erste Zahlung zu macken übrig."
Er zog Guidos Brieftasche hervor, welche mit Banknoten, Kreditbriefen und Goldmünzen wohtt gefüllt war. Von den Letzteren nahm et fünf Stück und legte sie in die Hände der Frost Vicini.
„Dies ist für die ersten vier Wochen", sagte er. „Hier sind noch drei Napoleons, für welchß Sie Ihrem Schutzbefohlenen die nötigen Kleidungsstücke kaufen können, und biefe weiteren! sind für den Doktor. Sollten Sie außerdem noch etwas gebrauchen, so lassen Sie es mich nut wissen."
Fran Vicini betrachtete die glänzenden Gold* stücke wohlgefällig und steckte sie bann in ihrst Tasche.
Brander nahm seine eigenen Kleider, welch« nun trocken waren, und ging damit zurück ut die Schlafstube, um sich umauf leiben. AIS et damit fertig war und vorsichtig alle Taschen bei abgelegten Kleider noch einmal durchsucht batte* um sich zu überzeugen, daß er nichts von den g*i siohlenen Sachen darin gelassen habe, fiel feist Blrck auf Guido Harrington.
Er wurde bleich und schwach, so schwach, ba| er sich kaum auf den Füßen halten konnte, derrch er begegnete dem vollen Blick der fanftet^1 blauen Augen seines Freundes, den er so schändlich bestohlen und betrogen hatte; und dies« Äugen waren klar und fest auf ihn gerichtet.
Brander schlich leise und zitternd an das Beiß heran und flüsterte:
„Guido, mein Frstund, kennen Sre mich?"
Guido antwortete nur mit einem schwächest Lächeln. ■
(Fortsetzung kolatz)