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I. Parzelle» in Fulda.

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wochenb-uag«: .Illustrierte Sountagrzeitung" Momckbellage: „Fuldaer SeschlchkblAter"

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RotationrdrnSund Verlag der Fuldaer Ab> üeudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

x Der tzochjchlllkrieg ht Oesterreich

An den österreichischen Hochschulen sind nicht mehr der Wille der Gesetzgebung und bte Autori­tät maßgebend, sondern der brutale Ter r o- rismus eines Haufens sog. deutschfrel» h e i t l i ch e r Studenten. ,

Als Dr. Lueger, der greife Führer der Christlich-Sozialen, auf dem letzten österreichi­schen Katholikentage die Parole von der Eroberung der Gleichberechtigung der Katholiken an den Universitäten ausgab und damit die Be­völkerung aufrüttelte, da ging ein Aufschrei der Angst durch den liberalen Blätterwald. Die frei- finnige-1 Professoren wurden alarmiert, die frei­sinnigen Parteien im Parlamente, geführt vom tschechischen Kulturkämpfer Masaryk, machten mobil, um das liberale Monopol zu verteidigen. Unablässig wurde offen und geheim geschürt, or­ganisiert und gerüstet. Da kam der Fall Wahrmund. Zuerst erschrak man über die Energie, mit der die katholische Bevölkerung gegen den kecken Angreifer protestierte. Aber als der Apostolische Nuntius beim Minister des Aeußern gegen Wahrmunds Belassung an der Lehrkanzel für katholisches Kirchenrecht Protest er­hob, und als darüber zwischen der österreichischen Regierung und dem Nuntius Differenzen ent­standen, da hatte die liberale Presse wieder den Mut und einen Hebel gefunden, die Sache Wahr­munds zu retten. Sie zeterte über unbefugte Einmischungen, Wiedereinführung des Konkor­dats und dergleichen mehr. Unterrichtsminister Marchet, gestützt auf die freisinnigen, durch die liberale Presse aufgestachelten Parteien, begann nun ein falsches Spiel zu spielen. Statt die be­stimmten Zusagen des Ministerpräsidenten zu er­füllen, wozu ihm das Urteil des Wiener Ober­lande sgerichts gegen Wahrmund eine ausrei­chende Handhabe bot, suchte er die Maßregelung des in Tirol einfach unmöglich gewordenen Pro­fessors von einem Tag zum andern hinzuziehen. Als darob die Erregung in Tirol aufs höchste gestiegen war und unerquickliche Szenen auf der Innsbrucker Universität unvermeidlich fchienen. da entschloß man sich endlich nach verschiedentli- djen Kompromißvorschlägen dazu, Wahrnumd auf Urlaub zu schicken und m seiner Abwesen­heit die juristische Fakultät einen Beschluß auf Sistierung der Vorlesungen Wahrmunds im Sommersemester fasten zu lassen. Die Fakultät fügte sich dem Wunsche, aber die freisinnigen Pro- festoren hetzten nun die Studentenschaft zur Rettung der bedrohten „Wissenschaft und aka­demischen Freiheit" auf.

Es ist jetzt so gut wie erwiesen, daß die famose, allerdings kläglich verkrachte Streikbewe­gung im Einvernehmenmit der frei­sinnigen Professorenschaft arrangiert war. Rektor Scala hätte auf die im dreistesten Tone gehaltene Eingabe des Hochschulausschustes nicht fein Amt niedergelegt, sondern die Verfas­ser der Verwahrungsschrift augenblicklich zur Ver­antwortung gezogen, wäre er nicht selbst mit von der Verschwörung gewesen, und die beiden Pro­fessoren Baron Myrbach und Wretschko, die in Innsbruck als die Organisatoren der freisinnigen Studentenschaft gelten, wären, da sie ihre Ehren­stellen in akademischen Korporationen niederleg­ten, von den,freisinnigen Studenten nicht überall, wo sie sich zeigten, stürmisch begrüßt, sondern aus- gepfiffen worden.

Obwohl nun die Streikkomödie jämmerlich verkrachte und in der Oeffentlichkeit nur Geläch­ter auslöste, erklärte sich Unterrichtsminister Mar­chet „unter dem Druck der Verhältnisse" in einer

Fulda, Donnerstag den 21. Mai 1908,

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Erstes -Matt

man den Spaß doch nicht stören — sich den Die­nern der freien Forschung entgegenstellte, wurde die Situation kritisch, und es regnete, um mit einem liberalen Wiener Blatt zu reden, Stock- s ch l ä g e auf die Pickelhauben der P o l i z i st c n. Doch noch einmal gelang es, den Weg notdürftig frei zu machen, und durch die dichten Haufen zo­gen die Katholiken an den Schwarzspanierhof, der aber sckwn von einer Schar Freiheitlicher um­lagert war. Hier begann die Sch lacht, mit wuchtigen Hieben mußten sich die katholischen Verbindungsstudenten den Eingang in ihr Stammlokal erzwingen, und dann rückte die Po­lizei an und stellte sich vor ihm auf.

Die liberale Heldenschar warf mit Steinen, Eiern, Stocken, griff die Polizei an, die nicht ein- zuschreiten wagte, kurz und gut, man trat aufs würdigste für die Freiheit der Wissenschaft ein.

Endlich nach einer Stunde Belagerung knurr- ten die liberalen Mägen, und man beschloß, zu Hause zu gehen, aber zuvor von der Polizei zu fordern, daß s ie abzöge, ehe die 2000 Mutigen das Feld räumten. Die Polizei fügte sich sofort dem allerhöchsten Befehl, und dann begaben sich die Recken vom Knotenstock und Ochsenziemer in die Aula zurück.

Mindestens so schön waren die Vorgänge in Graz am vergangenen Samstag. Dort sollte die Doklorpromotion eines Mitgliedes der katho­lischen Studentenverbindung „Carolina" namens A l d r i a n stattfinden. Schon am 5. Mai und dann wiederholt an späteren Tagen —- jedesmal, wenn man die Promotion eines katholischen Stu­denten erwartete — hatten sich etwa 300 deutsch- nationale Studenten, mit Stöcken ver s eh e n, an der Grazer Universität angesammelt, in der deutlich kundegegebenen Absicht, die Pro m o- ti on zu verhindern. Auch am letzten Samstag war dies der Fall, und auch das offi­ziöse Tel.-Korr.-Bureau registrierte, daß sich die „deutsche Studentenschaft in großer Zahl in der Universität versammelte, um zu verhin­dern, daß die Mitglieder der „Carolina" in Farben zur Promotion ihres Kommilitonen^ er­scheinen." So wurde von der freisinnigen Stu­dentenschaft auch die Promotion Aldrians in ge­walttätigster Meise verhindert. Da Aldrian Se­kretär des Bauernvereins ist, wollten auch zahl­reiche Mitglieder des steiermärkische Bauern­vereins an dem Feste teilnehmen, um Zeuge zu fein der Promotion ihres beliebten Sekretärs. Aber was bei uns in Oesterreich sogar jedem Aus-

Konferenz mit dem Rektor Scala, den zwischen freisinnigen Studenten und Professoren zustande gekommenen Pakt zu' genehmigen. Und dieser öffentlich vereinbarte, aber im geheimen längst vor dem Streik bis ins kleinste verabredete Pakt besteht darin, daß Wahrmund nach feiner Rückkehr eingeladen werden soll, eine im weiteren Rahmen des Kirchenrechts (als ob das Kirchen- recht einen „weiten Rahmen" hätte!) gelegenes oder doch mit dem Kirchenrecht verwandtes Kolleg zu lesen; außerdem soll er das Seminar für Kirchenrecht behalten können.

Die radaulustigen Elemente an der Hochschule hatte dieser unverhoffte Erfolg, den ihnen Mar­chet in Aussicht stellte, übermütig gemacht. Und so konnte sich in W i e n folgendes ereignen: Acht, nach anderer Lesart waren es nur drei katho­lische Schüler der technischen Hochschule, hatten die „unsagbare Frechheit", in den farbigen Mutzen ihrer Verbindung zum Kolleg zu gehen. Zwar ist ihr Recht hierzu unbestreitbar, aber wie auf jedes Rindvieh der Anblick roten Tuches höchst nervenerregend ist, so mußte auch der Anblick far- bentragender Katholiken auf deutschfreiheitliche Semiten aufreizend wirken! Die drei ober acht Mühenträger wurden auch sofort von dem Mut ihrer Gegner überzeugt; es stürzten sich nämlich zwischen 300 und 400 liberale Studenten unter Absingung des Liedes „O wie schön sind die Stu­denten, in der Hand mit Rosenkränzen" mit e r- hobenen Stöcken auf sie, und es gelang ihnen mit knapper Not, sich in die Rektoratskanz­lei zu flüchten. Herr Prof. Dr. Vortmann hatte den Mut, feine jungen freiheitlichen Freunde zu beschwören, von ihrem gerechten Vorhaben, den Katholiken die Schädel einzuschlagen, die Lie­benswürdigkeit zu haben, abzustehen. Die Worte dieses mannhaften Pädagogen, seine vor Rüh­rung bebende Stimme wirkten insofern, daß die Generalgewalfigen erklärten, falls die katholi­schen Studenten ohne Mütze abmarschierten, würde man sie nicht belästigen. Der durch solche unerwartete Großmut fast beschämte Rektor ging auf diesen Vertrag sofort ein, und die „unerhört frechen Katholiken" durften unter Hohnreden, nachdem ihnen Hüte verschafft worden waren, abmarschieren. Man verfolgte sie aber und hätte die gebührende Strafe an ihnen vollzogen, wenn sie sich nicht in eine Elektrische geflüchtet hätten und wenn nicht, als diese gestürmt werden sollte, das sonst sehr langmütige Wiener Publikum ge­gen die 300 Unentwegten solche Stellung nahm, daß ihnen das Herz in die Hosen sank

Am Tage darauf hatte der mannhafte Rektor „die Liebenswürdigkeit", einen der Mitarbeiter der „Zeit" zu empfangen, und ihm mitzuteilen, er werde dafür sorgen, daß die K at h o l i ke n nicht mehr in Farben in der Technik er­schienen

Aber diese „Kämpfe für die Freiheit der Wissenschaft" waren nur ein kleines Vorspiel für die Vorgänge, die sich am Samstag in der U n i» berfität und den benachbarten Straßen ab­spielten. Rektor Hofrat von Ebner hatte schon in aller Frühe eine „Besc^vörung" an die Studen­tenschaft durch einen Erlaß am schwarzen Brett gerichtet, in der er im Fall von Kämpfen mit den strengsten Maßregeln drohte und den Technikern den Besuch der Aula verbot; letzteres Verbot zog er aber nach einer Stunde zurück. Als gegen 12 Uhr 300 katholische Verbindungsstudenten ab- marschierten, um im Schwarzspanierhof ihr Mit­tagsmahl einzunehmen, da begleiteten ungefähr 2000 Rüpel — Pardon, „Kämpfer für die Freiheit der Wissenschaft", daß man das doch immer ver­gißt — Stöcke schwingend und Steine werfend, unter Absingung höchst würdiger Lie­der die Katholiken auf ihrem Weg. Als Polizei — in fehr geringer Anzahl war sie natürlich nur anwesend, wenn es eine Katholikeiihetze gilt, darf

länber, kurz jedermann gestattet ist, an der Pro­motion eines Bekannten teilzunehmen, den Bau­ern wurde der Eintritt in die Grazer Universität von einer Rotte freisinniger Bcmernhasier unter wüsten Schimpfworten und brutalen Gewaltta­ten verwehrt. Die Bauern kamen ganz ruhig und ohne jedwede Kundgebung. Die freisinnigen Studenten brachen, als sie sie sahen, in ein wüstes Geheul und Geschimpfe aus, sie johlten, schrieen und pfiffen und verhöhnten die bäuerlichen Pro- motionsgäste. Es fielen die ärgsten Beleidigun­gen gegen die Bauern, Rufe wie: „Pfui Bauern! Pfui Bagage! Bauernbagage abfahren!" usw. Die Bauern zogen, ohne auf die aufreizenden Worte zu antworten, festen Schrittes dem Ein­gänge zu. Auf der Innenseite hinter-dem Tore bildeten die freisinnigen Studenten einen dichten Knäuel und hofften so, den Bauern den Zutritt zu wehren. Diese schoben indes die schreienden Akademiker sachte beiseite, und es gelang ihnen, den Eingang freizumachen und ins Vestibül zu gelangen; aber auf die ersten Bauern, die das Vestibül betraten, stürzte sich die ganze Masse der freisinnigen Akademiker. Mit Stöcken und Schir­men gingen sie auf die Bauern los. Der An­griff wurde von den Bauern, die über soviel Roh­heit und Ungezogenheit entrüstet waren, zurück-

35. Jahrgang.

geschlagen. Bei diesem Handgemenge erlitten mehrere Personen Verletzungen leichteren Grades. Auch mehrere Fensterscheiben wurden zertrüm- wert. In geschlossenem Zuge kam nun die katho­lische deutsche Verbindung Carolina heran, um der feierlichen Promotion Aldrians beizuwohnen. Es folgte Aldrian mit dem Senior Carolinas in voller Wichs. Die Auffahrt wurde, wie früher die Ankunft der Bauern und der Carolina, mit Geheul, wilden Rufen, Pfeifen und ohrenbetäu­bendem Jubel begrüßt. Die Polizei trat ihnen entgegen und erklärte, daß die Carolinen und der Promovend nicht in die Universität hineinkönn- ten. Auf Intervention mehrerer Freunde hin erklärte man sich schließlich des lieben Friedens willen damit einverstanden, daß die Bauern vor der Universität warteten. Als aber nun der Pro­movend mit dem Reste der Gäste und die „Caro­linen" die Universität betreten wollten, wurden sie mit Stockhieben emp fangen und hin­ausgetrieben. Nur dem Senior Carolinas, für. Aigner, gelang es, ins Innere der Hochschule zu gelangen: dort wurde er umzingelt und ihm Mütze und Band heruntergerissen. Man trak­tierte ihn mit Püffen und Stößen und schleppte ihn schließlich in die Rektoratskanzlei. , Das Tor wurde wieder versperrt; die freisinnigen Stu­denten biteben innerhalb des Tores im Vestibül, bis die Bauern mit den Abgeordneten, die Caro­lina, der Promovend und die übrigen Gäste vom Vorplatz der Universität abzogen. Ununterbro­chen heulten und johlten die Freisinnigen, droh­ten mit den Stöcken und sangen Spottlieder, dar­unter das geistreiche Rosenkranzlied. . . . Gegen die Carolina und die Promotionsgäste wurden, in großen Mengen faule Eier, Sand und Stein« geschleudert. Das beweist, daß der Angriff bor­bereitet war, denn die faulen Eier sind den deutsch-nationalen Studenten gewiß nicht erst in der Tasche gewachsen, und es ist eine Fälschung, wenn man jetzt die abscheulichen Auftritte, dem Erscheinen zahlreicher bäuerlicher Promotions- gäste zuschreibt. Es wäre auf jeden Fall der Skandal ausgebrochen, die deutschnationalen Studenten hatten schon alles dafür borberei­tet, nur wären im anderen Falle — wenn der Gäste bei der Promotion weniger gewesen wären -- die Geprügelten allein die katholischen Studenten gewesen. Einem Carolinen wurden mit Glasscherben von einem deutschradikalen Studenten ein tiefer Schnitt in die linke Hand beigebracht. Abg. Hagenhofer erhielt einen wuch­tigen Stockhieb über die Hand, die sofort an- schwoll. Ein Bauer, der einen gegen ihn geführ­ten Hieb abwehren wollte, wurde von einem Wachmann an der Hand mit einem Säbelhieb verletzt. Tie Freisinnigen veranstalteten schließ­lich im stolzen Gefühle einer vollbrachten Helden­tat einen Bummel über den Ring zur Herren» gaffe.

Angesichts der unerhörten Zustände an den österreichischen Hochschulen ist nun endlich den ka­tholischen Studenten in Innsbruck, die dort die Mehrheit haben, die Geduld gerissen. Als sie sehen mußten, wie die liberale Professoren­clique mit der streikenden Minorität ging, tote der Rektor den radikalen Schreihälsen bereitwil­ligst nachgab, ja als sogar verlautete, der Unter­richtsminister hätte die Vorschläge des Rektors genehmigt, nach denen Wahrmund feine Vor­lesungen hättechortsetzen können, und als die strei­kende Minorität zur „Feier ihres Sieges" einen Ferientag gegen den Willen der Mehrheit durch­setzte, da beschlossen sie durch eine Demonstration den pflichtvergessenen Rektor daran zu erinnern, daß er der Rektor der Universität und nicht einer rabauluftigen Minderheit sei. Am Montag be­setzten sie zeitig die Aula der Universität, erklärten dem Rektor in einer Denkschrift, daß sie infolge seines parteiischen Vorgehens fein Ver -

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. W a g n e r.

9] (Nachdruck verboten).

„Er hat täuschende Aehnlichkeit mit Ihnen; man ist versucht zu glauben, Sie seien Brüder", bemerkte der Doktor. „Er sieht so vornehm, so nobel aus, und ist doch nur ein gemieteter Be­gleiter oder so etwas Aehnliches. Hat er Ver­wandte?"

Wieder zuckte Brander zusammen. Was sollte Diese Frage des Doktors bedeuten?

„Nein, er hat keine Verwandte — keinen Freund außer mir", antwortete er, sein Gesicht abwendend.

„Armer Bursche! Keine Angehörigen! keine Freunde", murmelte der Doktor, wie mit sich selbst sprechend.

„Wenn er welche hätte, würde ich Ihnen Nach­richt senden, aber da er keine hat —"

Er beugte sich wieder über den Patienten und begann die Wunde zu verbinden.

„Sie haben mir noch nicht Ihre Ansicht über den Zustand meines Freundes mit geteilt, Herr Doktor," sagte Brander. „Muß er sterben? und wie bald?"

„Sterben! Ich habe nicht gesagt, daß er ster­ben wird," antwortete der Doktor, „er wird nicht sterben!"

„Nicht sterben?" stöhnte Brander und sein Ge- sicht wurde marmorbleich. Er starrte den Arzt mit glühenden Augen an, ganz vergessend, daß Palestro ihn beobachtete. '

„Er hatte eine gute Konstitution", fuhr der Doktor fort, „er besitzt eine unverwüstliche Lebens­kraft. Sehen Sie nur feine starke Brust, Sig­nor! Er mag noch Monate, Jahre lang leben — vielleicht überlebt er Sie und mich."

Brander hatte geglaubt, daß es ihm leicht werden würde, feinem Herrn die gestohlenen

Ehren zurückzugeben, er hatte gedacht, daß er es vorziehen würde, sein Brot felbft zu verdienen mit Hilfe seines Freundes; aber jetzt, bei der An^t und Qual, welche er bei der Eröffnung des Arztes empfing, wußte er, daß das Wünschen und Seh­nen nach dem Genuß des Reichtums und der Ehren, welche rechtmäßig dem Sohne Sir Harry Harringtons zukamen, bereits so tiefe Wurzeln in feinem Herzen geschlagen hatte, daß ein Auf­geben feines gefaßten Planes ihm große lieber- Windung kosten würde. Er bedeckte fein Gesicht mit beiden Händen und ein heftiger Kampf ent­stand in seinem Innern. Der Gedanke an Gui­dos Freundschaft und an dessen generöse Ver­sprechungen erweckte endlich seine bessere Natur und er überlegte, wie er sein Handeln und seine Aussagen rechtfertigen könne. Ties schien ihm nicht schwer. Er beschloß zu sagen, daß er die Briese und die Wertpapiere nur der Sicherheit wegen an sich genommen habe und daß die Ver­wechselung der Namen auf einem durch die Auf­regung leicht erklärlichen Irrtum beruhte.

Er hatte sich jetzt vollständig gefaßt und wandte sich ruhig an den Doktor, der der Frau Vicini soeben Instruktionen über die Behandlung des Pattenten gegeben hatte.

„Wann wird mein Freund imstande fein, mit mir nach England zu reisen? Er scheint mich nicht zu kennen?"

„Er wird Sie nie wieder erkennen, er wird überhaupt niemanden erkennen!" erwiderte der Doktor ernst. „Er wird gesund werden, wie ich sagte, und vielleicht, ja wahrscheinlich uns alle überleben; aber sein Gehirn ist derart verletzt, daß es nie geheilt werden kann! Sein Geist ist tot! Er ist ein hilfloser Idiot lebenslang."

Die Worte flangen in Branders Ohren wie­der und wieder.

„Blödsinnig lebenslang!"

Er wandte sich ab und schwankte hinaus ins Freie, hinaus in die frische Luft und in die fin­stere Nacht.

„Die Würfel sind gefallen", murmelte er. „Ich will seine Angehörigen vor dem nieber- schmetternden Schlag der Wahrheit bewahren. Hinfort bin ich der Erbe des Harrington Hall — der Sohn des Baronets."

Er ging vor dem Hause auf und ab, nicht achtend auf den Wind, der noch immer tobte, nicht achtend auf den Schlag der Wellen, die noch immer gegen den Felsen schlugen, als ärgerten sie sich über den Widerstand; — stürmte und tobte es doch in seinem Innern noch viel mehr.

Hatte er auch soeben ausgesprochen, daß die Würfel gefallen feien, daß seine Zukunft be­schlossen, so zerwühlte sein Inneres doch noch ein heftiger Kampf, in dem sein guter und böser Engel um die Oberherrschaft rangen.

Sein bisheriges Leben war durch manche trübe Erfahrung verbittert, so manche herbe Kränkung hatte er erfahren, manchmal war er erbost über die Menschheit und über die gesell­schaftlichen Einrichtungen; aber dennoch hatte, trotz seiner Selbstsucht und seines vergeblichen Strebens nach Reichtum und einem besseren, be­quemeren Leben — dennock hatte er jedes Ver­brechen verabscheut, war er uor dem kleinsten 23er- gehen zurückgeschreckt, und nun —?

„Ich gcberbe mich, als wenn ich einen Mord zu begehen beabsichtige", sprach er leise vor sich hin mit erzwungenem Lachen, „während ich doch eigentlich eine gute Tat vollbringen will.

Der arme Guido ist blödsinnig, ohne jede Aussicht auf Wiederherstellung. Kann ich ihn in diesem Zustande zu feinem Vater und zu der goldlockigen Ella bringen? Würde sie ihn nicht tausendmal lieber tot sehen, als in so erbar­mungswürdigem Zustande?

„Was Guido anbetrifft", sagte Brander in seinem Selbstgespräch, „so ist er hier so glücklich, wie an jedem andern Orte. Wenn ich ihn hier hei diesen Fischern ließe, würde ihn niemand finden, und die Leute wurden gut gegen ihn fein."

„Ja, wenn mein Vater, dieser geheimnisvolle Roderich", seine Schuldigkeit mir gegenüber ge­tan und mich versorgt hätte, würde ich die Sache vielleicht mit anderen Augen ansehen; aber ver­lassen und verstoßen von meinem eigenen Vater, nicht imstande, meiner Mutter Heirat zu bewei­sen und nicht einmal meinen eigenen Namen kennend, muß ich mir eben selbst zu helfen suchen. Ich bin Guido fo ähnlich, daß uns jeder für Brüder gehalten hat. Er ist fünf Fahre vom Hause fortgewesen — diese fünf Fahre müssen sein Gesicht, seine Gestalt und seine Stimme ver­ändert haben, denn aus dem Knaben ist ein Mann geworden; übrigens hatte er eine gefähr­liche Krankheit in Deutschland, welche, wie et seinem Vater geschrieben, sein Aussehen sehr ver­ändert habe. Ich war fein Vertrauter und kenne alle feine Erlebnisse, aus seiner Kindheit sowohl wie aus seinem ©tubentcnlebcn in Deutschland. Ich kann Sir Harry gettost als sein Sohn ent­gegentreten, ohne die Erregung des geringsten Zweifels befürchten zu müssen."

Er ging rascher, mit größeren Schritten und fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Und bann ist mir mit einem Schlage gehol­fen!" fuhr er nach längerer Pause fort. „Ich kann und will darum nicht zurückkehren in das alte, armselige Leben mit seinen Entbehrungen, Sorgen und Mühen; ich haste ein solches Leben — ich haste die Arbeit! Nein, nein, dies ist alles vorbei! Mein 2Beg liegt glatt und eben vor mir!"

Er blieb plötzlich stehen, und fuhr hastig zu­sammen, als habe ihm jemand einen Schlag in den Nacken versetzt. Nach einer Weile setzte er seine Wanderung und sein Selbstgespräch wie­der fort.

.Ich sagte Guido an diesem Abend, daß mich keine Baude an den Kontinent knüpften. Ich habe auch keine SSerbinbungen, die ich nicht zer­reißen könnte — und doch!

Armes Geschöpf! ' ■