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BotationrdruSund Verlag der Fulda« Ai- tirnOruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

JW 116.

Fulda, Mittwoch den 20. Mai 1908.

35. Jahrgang.

Erstes Matt.

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e Wsm 8tli«Ki«nKWm.

Vor einiger Zeit erregte es großes Aufsehen, wie in Spandau und Posen in Staatswerkstätten rie ige U n t e r s ch l eis e entdeckt worden sind; soeben mo cht eine Meldung die Runde durch die Presse, daß auHinKielPetrügereien im größten Umfange stattfanden und zwar schon seit mehr als einem hatben Jahr. Sie wurden mit der größten Un- generthest ausgeführt. Große Sendungen von innen, Oel, Farben, Quecksilber wurden an Kieler Spediteure zum Verkauf angestellt. Um liefern zu können, fälschten die Betrüg« die RkguifitionSscheine irgendwelcher Kriegsschiffe mit der Namensunterschrift der maßgebenden Offiziere. 2Iuf diese Scheine gaben die Maga- zinverwalter die verlangten Sachen heraus. Dann wurden Frachtbriefe mit den Stempeln des Maga­zins und der Werft gefälscht. Mit diesen ließ Niemann, der Geschäftsführer der Spedition von Klünders, die für die Werft abrollt, durch den Kutscher Müller die Sachen auS dem Werftbereich schaffen. Dem Abrollen stand nichts im Wege, weil alle erforderlichen Papiere vorlagen. Daß diese gefälscht waren, konnte die Polizeikontrolle, die von einem Kommando der Berliner Schutz- Mannschaft gestellt wird, nicht wissen. Sobald man den Kontrollbezirk verlassen hatte, zerrissen und vernichteten Müller und Niemann die Frachtbriefe und ersetzten sie durch neue von der Firma Friedrich PeterS und sandten nun die Waren an die Berliner Abnehmer. So wurden Sendungen von 2000 kg. Oel, 36 Zentner Tauen, große Mengen Queckssilber usw. nach Berlin geschafft und verkauft. Für etwa 20000 Mk. gestohlene aber noch nicht verkaufte Waren konnten noch angehalten und der Werft zur Ver­fügung gestellt werden, u. a. ein Waggon Oel, der zum Versand gerade fertig gemacht war. Bei den Verhafteten wurden 12000 Mk. an Ersparnissen und Hypotheken beschlagnahmt und einstweilen sicher gestellt. Vor geraumer Zeit wurden aus den Betrieben der preußischen Eisenbahnverwaltung ebensolche umfang­reichen Unterschlagungen und Durchstechereien be­kannt. Man hat es also nicht mehr mit ganz seltenen Fällen zu tun, wenn wir auch absolut nicht verallgemeinern wollen.

Solche Vorkommnisse geben zu denken und legen die Frage nahe: wie ist es möglich, daß derartige Dinge sich ereignen können? Es gibt Prioatunternehmungen, die weit umfang­reicher und komplizierter sind als diese Staats­betriebe und doch kommt dort nichts vor. Die Annahme, daß das in den Staatsbetrieben be­schäftigte Personal schlechter sei als das in der Privatindustrie, kann kein vernünftiger Mensch ausstellen. Als die'Spandauer Betrügereien vor­kamen, erklärte die Militärverwaltung im Reichs­tage, daß es an der erforderlichen Aufsicht gefehlt habe. Diesen Einwand kann man nicht gelten lassen; wer den Etat und den staatlichen Betrieb kennt, der gewinnt eher den Eindruck, daß im Gegenteil das Aufsichtspersonal zu reich- lrch vorhanden ist und sich gegenwärtig nur im Wege steht. Arbeiter, die bei Krupp beschäftigt geweten sind und dann in einen solchen Staats­betrieb kommen, schlagen die Hände zusammen

vor der hohen Anzahl der Aufieh« all« Grade. In den Staatsbetrieben wirtschaftet man nicht sparsam genug. ®8 wird zu sehr aus dem vollen geschöpft; man hat sa alles in Ueberfluß und niemand muß in seine Tasche greifen, um das fehlende Material zu bezahlen. Reicht der EtatSsatz nicht auS, wird d« Etat einfach üb«- schritten. Im Privatbetrieb ist daS ganz anders- da wird viel sparsam« gewirtschaftet. ES mutz dah« in unsnen Staatsbetrieben das ganze System geändert w«den. Man muß für die Ersparnis von Material Prämien auSsetzen, so daß jed« einzelne Arbeit« ein persönliches Jn1«esse daran hat, wie viel Material er braucht. Im Eisenbahnbetrieb hat man für die Loko­motivführer schon solche Prämien auSgeworfen für die Ersparnis von Kohlen; dieses System hat sich bewährt und soll auf alle Staatsbetriebe ausgedehnt w«dm. Wo sparsam gewirtschaftet wird, kann doch nicht ein Waggon Oel einfach verschwinden; das müßte trotz aller falschen Meldungen in 24 Stunden erkannt werden.

Von verschiedenen Seiten wird nun die völlige Beseitigung der StaatSw«kstätten gefordert und dies mit der teuren Arbeit in ihnen begründet, dem können wir nicht zu­stimmen; Tatsache ist ja freilich, daß unsere staatlichen Werkstätten viel teur« arbeiten als die privaten. Ab« daS muß in Kauf genommen werden, weil Gewinne auf der anderen Seite sich «geben. Die Staatswerkstätte ist absolut notwendig für den Ernstfall; ohne die technischen Institut» deS Heeres und die kais«lichen Wersten können wir nicht auskommen; man braucht sie auch als V«suchSw«kstätten und besonders für Reparaturen; endlich beugen sie dem Monopol einzelner Firmen vor und wirken daher preis­ermäßigend. Hätten wir die kais«lichen Wnsien nicht, wären unf«e technischen Institute ge­schlossen, so müßten wir d« Privatindustrte unge­heure Preise bezahlen, weil diese einen Ring bilden würde; da ist die Staatswerkstätte der wirkungsvolle Brech« deS Ringes.

Aber wer, wie wir, von der Notwendigkeit d« Staatswerkstätten überzeugt ist. der muß doppelt auf sparsame Wirtschaft hinarbeiten. Die Vorkommnisse der letzten Zeit legen den Zentraloerwaltungen in Berlin die Frage nahe, ob sie nicht mit einer modemen kaufmänni­schen Reorganisation einsehen wollen und einen Kaufmann an die Spitze stellen sollen statt eine- Offiziers. Letzterer mag technischer Leit« bleiben; aber daneben muß ein Kaufmann sein System d« Sparsamkeit und Wirtschaftlich- teh entfalten können; dann ist solchen bebauet- ich en Vorkommnissen tunlichst vorgebeugt.

Deutsches Reich.

— Der Kaiser wird seine Nordlands­reise am 7. Juli antreten und zwar von Kiel aus. Sie wird voraussichtlich 3 Wochen dauern.

* Das neue Börsengesetz wird im Reichs- gesetzblatte veröffentlicht. Es trägt das Datum des 8. Mai 1908. Am 1. Juni tritt es in Kraft.

♦ Pensionsversicherung der Privatbeamten. D« Abschluß der amtlichen Denkschrift über die Einführung der Pensionsverficherung Privatem- gestellter ist in 14 Tagen zu erwarten. Die Denkschrift wird alsdann, wie die frühere, durch V«öffentlichung zur Kenntnis all« beteiligten Kreise gebracht werden.

Ver falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

8] (Nachdruck verboten).

Mehr als diese beiden, interessierte Brander der andere Mann. Er war, eine lange, hagere Figur, beweglich »ruhelos, mit einem verschmitz­ten Gesicht; der Blick seiner Augen war scharf, stechend, und als er jetzt, wie zufällig, auf Bran- ber fiel, mußte dieser sich unwillkürlich abwen» den. Dieser Mann war Jacopo Palestro, Makler und Winkeladvokat aus Palermo, welcher auf einige Tage bei seinen Verwandten, den Vicini's, zum Besuch war.

„Vor diesem Menschen muß ich mich hüten!" -achte Brander und ging in die Wohnstube, um seine eigenen Wunden zu untersuchen, welche nur 'n einigen Schrammen an den Händen und an der Schulter bestanden. Die Hausfrau folgte ihm sogleich und brachte ihm die Sonntagskleider ihres Mannes, die er anziehen sollte, bis seine eigenen trocken seien.

Darauf ging sie in die Schlafstube zurück und Prand« kleidete sich um, gebrauchte aber die Vorsicht, alle Guido Harington gestohlenen Sa­chen zu sich zu stecken. Auf dem Tische stand eine Flasche, noch halb mit Wein gefüllt, sowie einige Gläser. Brander füllte sich ein Glas und trank es mit einem Zuge aus, worauf er sich Wied« |n die Schlafstube begab. . ,

„Er lebt, Signor, er lebt!" rief Frau Vicini ihm entgegen, und Tränen standen in ihren Augen. „Ich fühle sein Herz schlagen!"

„Er lebt!" wiederholte, Brander erstaunt.

-Ist es möglich?" .

i Furcht und Schrecken lag in feiner Stimme, Angst und Entsetzen verzerrten sein Gesicht. Die gestohlenen Sachen in seiner Tasche schienen plötz- fich ein solches Gewicht anzunehmen, das ihn in zje Erde LU ziehen drohte.

,La, er lebt", sagte Palestro, indem er eifrig den bewußtlosen Guido rieb; aber es ist eine schlimme Wunde am Kops. Sollten wir nicht lieber einen Doktor holen?"

„Ja, ja!" rief Brander lebhaft. „Daß ich auch nicht früher an einen Doktor dachte. Bitte, holen Sie ihn!"

Vicini nahm seine Mütze und machte sich aus den Weg, um den Doktor zu holen.

„Haben Sie etwas Branntwein im Hause?" fragte Brander. „Vielleicht können wir ihm einige Tropfen einslößen."

Frau Vicini entfernte sich, um das gewünßhte Getränk zu holen, während Brander sich über Guido beugte, der in warme Decken gewickelt und mit einem Weichen Bett zugedeckt war.

Es schien, als ob die geschlossenen Augenlider leise zuckten und ein Hauch von Nöte auf seine Wangen, trat.

Brander steckte die eine Hand unter die Decken und legte sie auf Guido's Herz — es schlug wirk­lich, zwar schwach, unregelmäßig, aber es schlug doch. Brander zog seine Hand zurück und drückte die Decke noch fester auf die weiße, aber noch kalte Brust; dann untersuchte er die Wunde.

„Sein Gehirn ist verletzt", murmelte er; „er muß sterben!"

„Oder er wird lebenslänglich wahnsinnig werden!" ergänzte Palestro.

Brander schauderte; hastig zog er die Hand zurück, als ob ihn eine Natter gestochen hätte. Er erhob seine Augen und begegnete dem Blick des Advokaten. Dies« lächelte und zuckte die Schultern.

„Sie wünschen doch, daß er am Leben bleibt, Signor!" fragte er leise.

„Gewiß wünsche ich es!" stammelte Brand« und senkte in größter Verwirrung die Augen.

. „Ist er nur Ihr gemieteter Gesellschafter, kein Verwandt«?" forschte Palestro weiter.

„Nein, er ist kein Verwandter von mir." «Ist er grm?"

(*) Das neue Automobilgesetz beschäftigt be­kanntlich gegenwärtig den BundeSrat. Die ,Straßb. Post' will über die Vorlage erfahren haben, sie stehe wie die frühere ans dem Boden, daß nicht d« V«letzte zu beweifen hat, daß den Aulomobilsahr« die Schuld an dem Unfall traf, sondern umgekehrt, daß d« Automobilist seine Nichtschuld zu beweisen hat. Als haftbar erklärt wird nicht d« Chauffeur, sondern d« eigentliche Herr deS Fahrzeuges, der „Halt«" deS Automobils. Dies« soll nicht nut für den von ihm v«ursachten persönlichen, sond«n auch für den Sachschaden haften. Abweichend von dem früheren Entwurf bestimmt die neue Vor­lage, daß alS Zufall, für den der Halt« des Automobils nicht zu haften hat, auck eine u n - vorh«gesehene Störung int Betrieb der Ma­schine anzusehen sein soll. Ein wichtiger Unter­schied zwischen der fetzigen Vorlage und dem Beschlüsse der letzten Reichstagskommission besteht darin, daß die Vorlage von d« Bildung der Zwangsgenossenschaften absehen will. Diese waren verlangt worden, um ein leistungs­fähiges Objekt für die Haftung zu gewinnen. Die Interessenten d« Autornvbilbranche fetzten sich jedoch zur Wehr und ihr Widerspruch wurde berück,tchlio» Der Entwurf will auch die Prü­fung der C; juffeure obligatorisch machen und die Fahrgeschwindigkeiten festsetzen. Er wird binnen kurzem der öffentlichen Kritik unterbreitet werben.

A Zur Frage der Leichenverbrennung haben die nächsten Interessenten im Kultus­ministerium und im Ministerium beS Innern an fragen lassen, ob es nicht möglich sein werde, die Sache über den Kopf deS Parlaments hin­weg durch eine Verordnung zu regeln. Daraus hat man int Kultusministerium erklärt, darüber sei eine Entscheidung noch nicht in Aussicht ge­nommen; „wie die Regierung aber auch vor­gehen möge, ob durch Verordnung oder Gesetz, so müßten unter allen Umständen ganz sorg- fällige Sicherungen hinsichtlich d« amtlichen Leichenschau geschaffen werden". Das preußische Ministerium des Innern hingegen hat sich für ein Gesetz, nicht für die Verordnung au$- qesprochen. Man habe so oft und so lange mit dem Parlament über diese Frage debattiert, daß es unloyal sein würde, wollte man die Ent­scheidung durch Verordnung vornehmen.

) ( Trotz alledem! Bekanntlich hat baS Ober» oerwaltungsgericht in diesen Tagen ein Urteil dabin «lassen, daß die Lei chenver brennung in Preußen nicht zulässig fei. Trotzdem hat die Stadtverordnetenversammlung des Berlin« Vor­orts Schöneberg, wo ein «heblich« Teil des „modernsten" und „liberalsten" Berlin wohnt, beschlossen, ein Krematorium auf städtische Kosten zu bauen und die Genehmigung zur fakultativen Feuerbestattung zu fordern.

= Der bedingte Strafaufschub in Preußen. D« bedingte Strafaufschub in Preußen ist be­kanntlich siit Oktober 1895 in Wirksamkeit. Nach der kürzlich bekannt gegebenen Statistik sind seine Vorteile bisher insgesamt 82,456 Verurteilten zu gute gekommen; im letzten Jahre war ihre Zahl 11,985. Die Besserung in der Kriminalität der Jugendlichen wird von berufenen Beurteilern zum guten Teile auf diese neue Einrichtung der moder­nen Strafrechtspflege zurückgeführt.

* Tie politischen Briefe des Fürsten Eulenburg sind nach einer Meldung des „Bert. Lokal-Anz." 1

„Ganz arm; aber ich werde für ihn sorgen, ich werde alle Unkosten tragen."

„Wie ist sein Name?"

Brander zögerte.

Durfte er es wagen, die Namen zu verwech­seln, da Guido noch lebte? Wie, wenn er wieder hergestellt, wenn er körperlich und geistig wieder gesund würde? Er blickte nieder auf die nun leise zitternde Gestalt und auf die gefährliche Wunde seines Kopfes. Nein,.von einer solchen Verletzung zu genesen, war unmöglich, darum antwortete er möglichst unbefangen:

„Sein Name ist Ferdinand Brander."

„Und der Ihrige?"

„Guido Harrington."

„Sieh' er rührt sich, — er öffnet die Augen!"

Brander fuhr einige Schritte zurück, als die großen blauen Augen sich öffneten und ihr müder Blick, der Brander fast vorwurfsvoll erschien, ihn traf. Hatte d« Ausspruch seines Namens ihn aus seiner Betäubng geweckt? Würde, wie die Augen »ch zu einem Vorwurf gegen den falschen Freund geöffnet, sich nun auch der Mund auf­tun, um ihn zu strafen?

Sein Geicht war ebenso bleich, wir das Guido's und seine Beine zitierten, als wollten sie ihm den Dienst versagen.

Ter Blick des Kränkeln blieb jedoch starr, ohne jeden Ausdruck.

,,Er kennt mich nicht", sagte Ferdinand Bran­der leise, furchtsam.

„Er wird niemanden toteber kennen", bemerkte Palestro. „Und er ist wirklich Ihr gemieteter Gesellschafter?" fragte er nach einer Weile wie­der. „Ich würde ihn für einen Mann von höhe­rem Stande gehalten haben. Er sieht aus wie ein Lord."

Brander tat, als hätte er die Worte des Ad­vokaten nicht gehört; er betrachtete den Kranken, der die Augen wieder gefchlossen hatte.

„Ich muß vorsichtiger sein", dachte er; dieser Bursche scheint mich v$u durchschauen, ober doch

bei der Haussuchung in Schloß Liebenberg ni ch t gefunden worden; es handelt sich um Briefe, die K a i s e r Wilhelm II. an Eulenburg ge­schrieben hat. Wie uns« Berliner Mitarbeit« aus guter Quelle erführt, befinden sich diese Briefe in sicherer Hut im Ausland«. Man spricht von Oesterreich, wo ein Sohn des Fürsten ver­heiratet ist und Eulenburg auch in Bankkreisen viele Freunde hat; so hat ihm ein verstorbener Rothschild 1 Million Matt vermacht.

□ Für das Denkmal der Deutsch-Südwest­afrika-Krieger in Windhuk sind bisher 26,500 Mark gesammelt worden. ES wird ab« von der Sammel - Zentrale bekannt gegeben, daß diese Summe durchaus nicht genüge, um ein würdiges Denkmal zu fchaffm. — Ob man diese ungeheure Summe von 26,500 Mark nicht besser oerarmten Angehörigen von gefallenen Sübwestaf rika-Kriegern als Unterstützung zuwenden würde? Dort tief im Innern Afrikas wird ein so teures Denkmal ;a doch keine große Wirkung ausüben können.

A Ein Flottenbund deutscher Frauen hat soeben in Dresden getagt. Man beschloß, di« Bildung von Ortsgruppen kräftig durchzuführen. Auch zum Falle Keim nahm man Siellung, und zwar gegen Keim; Keim ist nämlich kein Freund der Frauenbewegung für die Flotte gewefen, und darum ist, so wurde aus geführt, „fein Rücktritt nicht zu bedauern."

ns. Frankfurt a. M., 17. Mai 1908. Die Haupt­versammlung des deutschenVerbandes kauf­männischer Vereine wurde hier am Mon­tag eröffnet. Der Versammlung wohntenVertret« der Reichs- und Staatsregierung und der Han­delskammern Frankfurt und Darmstadt bei. Für den Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Nie- berding gab Oberregierungsrat Struckmann der Genugtuung Ausdruck, daß den Anregungen des Verbandes in Sachen des Handlungsgehilfen- und Agentenrechtes in weitem Umfang Rechnung getragen werden konnte. Fischer-Offenbach refe­rierte über „Staatliche Pensionsversicherung der Privatbeamten". Tr. Steindamm - Nürnberg sprach über den heutigen Stand der Hand­lungsgehilfenbewegung. Er bedauerte den starken Einfluß des deutschnationalen Hand­lungsgehilfenverbandes auf die Regierung, und warf dem Verbände vor, daß er Verhetzung zwi­schen Prinzipal und Angestellten treibe. Sodann sprach Rustatt-Frankfurt a. M. über Kauf­mannskammern. Es wurde eine Resolution angenommen, worin der Verband außerordentlich bedauert, daß die Regierung die vielfach geäußer­ten Wünsche aus kaufmännischen Kreisen bei der Vorlage des Gesetzentwurfs über die Arbeitskam­mern nicht berücksichtigt habe. Ueber Bestech- ung der Ange st eilten sprach Otto Voigt. In einer angenommenen Resolution erachtet der Verband es für dringend, daß zur Verhinderung der Bestechung Schritte getan werden, und ver­langt Schutzverträge zwischen kaufmännischen und industriellen Unternehmungen einerseits und ihren Lieferanten andererseits. Betr. § 63 des Handelsgesetzbuches wird nach einem kurzen Refe­rat eine Resolution angenommen, in der der Ver- band sich vollständig den Gründen anschließt, die von der Reichstagskommission gegen den Vorschlag der Regierung vorgebracht worden sind und die zur einstimmigen Ablehnung in Kommission und Plenum geführt haben. In einer anderen Reso­lution verlangt der Verband Errichtung von Handelsinspektoraten. —Im Verlaufe der heutigen Sitzung beschäftigte sich der Verband mit der Frage der Arbeitszeit im Han­delsgewerbe. Nach einem Referat wurde eme Resolution angenommen, welche auf die Miß­stände hinsichtlich der Arbeitszeit hinweist und die an den Bundesrat das dringende Ersuchen richtÄ,

wenigstens eine Ahnung zu haben, daß nicht alle« in Ordnung ist."

Frau Vicini brachte den Branntwein und flößte Guido ein wenig davon ein, was eine sofortige Wirkung erzeugte. Der Bewußtlose Öffnete wie­der die Augen und blickte die Frau lächelnd an} dann irrten sie verwundert und fragend umher, doch schien er nicht zu wissen, was er suchte.

Endlich kam der Doktor. Die am Bett« Stehenden traten zurück und machten ihm Platz. Er ging sogleich an feine Arbeit, fühlte den Puls und untersuchte die Wund« des Unglücklichen. Immer ernst« wurde sein Gesicht und mehrmals schüttelte er bedenklich den Kopf.

„Doktor Spezzo ist ber geschickteste Arzt tit Sizilien", flüsterte Frau Vicini Brander inS Ohr. „Wenn er dem jungen Signor nicht helfetz kann, dann kann es niemand."

Brander achtete nicht auf diese Worte. Seitt Ange hing an den Mienen, an den Bewegungen des Doktors, feine Gedanken beschäftigten sich mit der Frage: sollte es dem Doktor gelingen, Guido vollständig herzustellen? Mit Zittern dachte er an eine solche Möglichkeit, und doch wiederum sagte er sich, daß dieses für ihn das Beste sei.

In diesem Augenblicke wünschte er sogar, dass der Doktor ihm die Mitteilung von der Möglich-, -eit einer vollständigen Herstellung Guido's ma­chen^ möge. War dies« doch fein bester, ja fein ewiger Freund, den er aufrichtig geliebt Haiti unö der für ihn zu sorgen versprochen.

Der Dottor unterbrach seine Arbeit und faß Brander eine Weile an.

„Nun?" fragte dieser ungeduldig.

Brander blickte den Dottor verlegen an.

„Vicini sagte mir, biefer junge Mann sei Ihr. Diener", sagte der Doktor ruhig.

„Ja, das ist er auch", erwiderte Brander et­was unsicher.

(Fortsetzung folgt.)