Einzelbild herunterladen
 

Maer W Zeitung

z. parrrller" in Fulda. Vochenbellage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

Monatsbellage: „Fuldaer SeschichkbMer"

Erscheint täglich mit »urnahme der Son«, und Feiertage, viertel- jShrlicherve;«g5prei, ohne vringerlohn und vestellgeld in Fulda so­wie auswärts 1.50 M verantw. Redakteur: Carl Schütte;

Anzeigen: Vie ein- fpaltige Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg. Reklamen drepetttzeile 25 pfg., bei wieder- Holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Rotationrdr«<k«nd Verlag der Fuldaer Ak< üendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

JV8 115.

Fulda, Dienstag den 19. Mai 1908.

35. Jahrgang.

Zweites Mliatt.

K Unser Verhältnis zu Aankrelch.

Als neulich ein Trüppchen französischer Stu­denten nach Berlin kam, wurden diese jungen Leute von Beamten und Privaten gefeiert, als ob es lauter dekorierte Staatsmänner wären. Sie wurden mit Sekt und Austern gefüttert, als ob sie einen Kommerzienratsmagen hätten. Die deutschen Friedens- und Freundschaftspolitiker glaubten durch zudringliche Liebenswürdigkei? gegenüber fahrenden Schülern das „Loch in den Vogesen" verkleistern zu können. Das sonder­bare Erziehungsexperiment hat sich alsbald als verfehlt erwiesen. Dem Profeffor, der die un­mündigen Franzosen als dolmetschender Führer begleitet hatte, ist non den nationalistischen Stu­denten übel milgespielt worden; man hat die Teilnehmer an der feuchtfröhlichen Fahrt zu Ver­rätern gestempelt, und einer von den hoffnungs­vollen Jünglingen hat bekanntlich schon öffentlich erklärt, daß sie während der aufgezwungenen Friedenstrinksprüche unter sich im Stillen aus die Revanche geprostet hätten.

Mit Recht bemerkt ein Blatt, daß die groben Hetzereien und feigen Ausflüchte in etwa die Blamage wieder ausgleichen, die sich die deutschen Zärtlichkeitspolitiker in Berlin gegeben hatten. Wer unbefangen die Sache beurteilt, muß jetzt wieder die größere Portion von Taktlosigkeit auf der Seite der französischen Hetzer finden. Auch die vernünftigen Franzosen werden sich sagen: Man kann sich einen Zudringlichen vom Halse hallen, aber man braucht nicht gleich mit den Füßen auf ihm herumzutrampeln!

Die Moral der Geschichte ist, daß Deutsch- land mit dem Nachlaufen und der Liebe­dienerei nicht- erreichen kann.

' Wenn wir uns doch die Neigung zum Extrem abgewöhnen könnten! Ist denn die goldene Mtttelstraße so schwer einzuhalten? Wenn die Parole zum „Kamps" bei unS zu Lande von oben herab ausgegeben ist, so pflegen die folgsamen Leute den Kampf rücksichtslos und in der verletzendsten Form zu führen, wie z. B. jetzt der Kampf gegen alles Polnische innerhalb und außerhalb unserer Grenzen. Wird die Pa­role der Höflichkeit und des Entgegenkommens ausgegeben, wie z. B. zurzeit gegenüber Frank­reich und England, so wird die Liebenswürdig, feit alsobald maßlos, geschmacklos, würdelos und — erfolglos.

DaS Schwanken von einer Stimmung in dis andere zeigt sich leider nicht nur bei den kleinen Zwischenfällen, sondern auch bei großen Aktionen, z. B. in unserer Marokkopolitik. Der Uebergang aus der scharfen Frontstellung vor Algeciras zu der vollendeten Nachgiebigkeit steht auch in innerem Zusammenhänge mit der Hebet- schmenglichkeit, die in Berlin den fahrenden Schülern gegenüber sich zeigte. Man dachte, nach­dem Deutschland den Franzosen so große Opfer gebracht habe, müsse doch doS Eisen der Ver­söhnung zum Schmieden heiß genug fein. ES war aber nicht heiß genug. Auch bei der fran­zösischen Regierung hat sich noch kein Er- folg der Liebedienerei gezeigt. Unser Weißbuch hat vollständig die Hoffnung zu Schanden ge­macht, als ob die Franzosen unsere politische Selbstverleugnung in Marokko wenigstens mit

einigem Wohlwollen für die dortigen wirts ch af t- l ich en Unternehmungen von Deutschen vergelten würden. Im Gegenteil, von dem Durchfall der deutsch-belgischen Kandidaten bei der Wahl des Staatsingenieurs bis zu den listigen und zähen Einsprüchen gegen deutsche Hafenbaupläne usw. war alles auf ein rücksichtsloses Zurückdrängen der Deutschen in Marokko auch auf rein wirtschaftlichem Gebiete zielbewußt eingerichtet.

Wenn wir unS Achtung und Beachtung sichern wollen, so müffen wir mit mehr s e l b st b e w u ß t e r Ruhe austreten. Ob die beim Empfange der Hafid-Gesandten entwickelte Diplomatie eine Wendung zum Besseren vorbereiten kann, ist noch unsicher. Vielleicht bietet die weitere Ent- Wickelung im Inneren Marokkos Gelegenheit zu einer noch deutlicheren Warnung. Denn mit der Deutlichkeit eines selbstbewußten Mannes müffen wir schon reden, wenn die Franzosen und ihre englischen Freunde unS recht verstehen sollen.

Deutsches Reich.

* Der Speüchenparagraph in Wirksamkeit. Ueber das erste Verbot einer polnischen Versamm­lung in Berlin auf Grund des neuen Ver­einsgesetzes berichtet das „Berliner Polen­blatt, der Dziennik Berlinski: „Der Redakteur Franz Krysial hat in seiner Eigenschaft als Mit­glied des polnischen Kirchenkomitees der Sankt Piusgemeinde, um sich zu überzeugen, ob die Polizei auch kleine Versammlungen der Polen in den einzelnen Kirchengemeinden als „öffentliche" ansieht, für Sonntag den 17. d. M., eine geschlos­sene Versammlung für Mitglieder der St. Pius­gemeinde angemeldet. Er betonte dabei ausdrück­lich, daß politische Debatten in der Versammlung nicht stattfinden und nur die dem Vorstände be­kannten Gemeindemitglieder von St. Pius Zu­tritt haben werden, auch handle es sich lediglich um den Jahresbericht des Kirchenkomitees und dessen Ergänzung. Das Polizeipräsidium nahm von der Anmeldung Kenntnis, fügte jedoch fol­gende Bemerkung hinzu:

„Der Gebrauch der polnischen Sprache in dieser Versammlung, welche als eine öffentliche anzusehen ist, ist nicht gestattet. (S 12 des Reichsvereinsgesetzes vom 19. April 1908). Der Polizeipräsident. Abteilung VII."

Die preußische Polizeipraxis fängt also be­reits an, die Streitfrage, was eine „öffentliche" und was keine öffentliche Versammlung ist, in einem Sinne zu „lösen", der den Empfindungen weitester Kreise widerspricht. Das war voraus» zusehen. Jahrzehntelang haben die Freisinnigen unter ähnlichen Polizeipraktiken gelitten, was sie aber nicht gehindert hat, die Polen unter die Fuchtel eines solchen Kautschukparagraphen zu stellen!

— Karlsruhe, 18. Mai 1908. Baden hat wieder einmal seinen „B L h t l i n g k - N u m- m e l". Es ist ein großer Schmerz für die Libe­ralen, daß von den Zöglingen der erzbischöflichen Konvikte, welche gesetzlich nur solche» aufnehmen dürfen, welche Theologie studieren wollen, eine gewisse Anzahl alljährlich schließlich nicht Theo­logie studiert. Daß man nur die Studierenden selbst verantwortlich machen kann, die sich für den geistlichen Stand nicht bestimmt glauben, wollen die liberalen Herren nicht einsehen. Man wittert eine Umgehung des Gesetzes durch die Kurie und veranstaltet Jahr für Jahr Erhebun­gen über die Zahl der also Umsattelnden. Da überdies im sinkenden Liberalismus die Neigung besteht, der „Trennung von Staat und Kirche" owie der „Trennung von Kirche und Schule" jetzt zur Auffrischung seines verblaßten Pro­

gramms näher zu rücken, so schien den Kultur­kämpfern der Moment günstig, wieder einmal gründlich vom Leder zu ziehen. Und selbstver­ständlich mußte das Professor Böhtlingk machen. So ein Böhtlingk-Rummel sieht immer folgen­dermaßen aus: Der antiultromantane Verein, oder aushilfsweise auch der jungliberale, oder der Böhtlingkkreis für sich übernimmt die Leitung, den Vorsitz führt der Extheologe Gymnasialpro­fessor H. Fischer, der Schatten oder die Westen­taschenausgabe Böhtlingks; das Publikum bil­den die radikalen Elemente der liberalen Linken, Studenten der Hochschule, alle Leute, die an einem echten Schimpfrummel jeder Art eine Freude haben, Leute von der Straße, die sich den Jux einmal ansehen wollen, und im Hintergründe einige stille Beobachter. Nachdem dann der Vor- sitzende die Versammlung entsprechend eingeseist hat, legt Professor Böthlingk los. In wider- sicher Leidenschaftlichkeit und durchaus nicht im Tone eines Gelehrten oder eines guten Redners wettert der Herr Professor dann gegen Zentrum, Papst und Kirche, Orden, Geistlichkeit und — wenn es sein muß — auch gegen die Regierung und Parteien, weil diese ihre Pflicht nicht er­kennen und die ersteren nicht vom Erdboden weg­fegen. — So auch dieser Tage wieder in Karls­ruhe. Diesesmal galt sein Stoß der erzbischöf­lichen Kurie, dem Herrn Weihbischof, dem Prä­laten Heiner in Freiburg, dem Präsidenten Feh- renbach der Zweiten Kämmer, dem Papst und Zentrum wegen ihrer Schulpolitik und schließlich der Kammer und der Regierung, weil sie nicht auf ihrem Posten wären, dieweil ihnen die Ul­tramontanen das Fell über die Ohren ziehen. Am meisten ärgerte ihn, daß von all den Abge­ordneten, die sich in den Tagen in Karlsruhe aufhielten, nicht einer gekommen war, ihn zu hören. Er kann es nicht begreifen, daß die Re­gierung und die Kammer nicht wegen der katho­lischen Flick-, Näh- und Kochschulen, wegen der Tätigkeit der Ordensleute, vor allem wegen der höchst „gefährlichen" Gymnasialkonvikte nicht ebenso aus dem Häuschen geraten, wie er. Er meinte, er „würde vor Scham vergehen, wenn er Abgeordneter wär" und dieses Treiben der Ku­rie und der untätigen Haltung der Regierung mit ansähe. Wer da meinte, Böhtlingks Kampf gelte nicht der katholischen Kirche, sondern nur dem Ultramontanismus, der hörte es dieses Mal aus des Professors eigenem Munde, wohin sein Sroß gerichtet fei: „Mit der katholische» Kirche gibt es keinen Ausgleich, mit ihr gibt es Fehde auf Leben und Tod." Der.streitbare Professor zeichnet sich in­sofern vor seinen Gesinnungsgenossen vorteilhaft aus, als er das Kind beim Namen nennt, daß er offen sagt, was er denkt und dementsprechend auch handelt. Andere denken gerade so wie er und handeln darnach, aber sie sagen's nicht. — In wohltuendem Gegensatz zu diesem widerlichen Treiben stehen die maßgebenden Kreise und die Regierung. Am Tage nach obigem Böhtlingk- Abend verhandelte die Kammer über die Schulfrage. Staatsminister von Dusch, der gewiß kein Ultramontaner ist, erklärte, die Re­gierung habe ihrer Aufgabe und ihrem Rechte gemäß Erhebungen über die Konvikte gemacht und gefunden, daß in diesen Anstalten durch­aus loyal verfahren und fein Versuch ge­macht werde, junge Leute festzuhalten, die sich einem weltlichen Berufe zuwenden wollten. Das „Umfatteln" käme überall vor, auch Bei den pro- testautischen Theologen. „Ich werde mich", so chloß der Herr..Staatsminister, „auf diese Aus- ührungen endgültig beschränken und Bitte auch ws Haus, nicht mehr darauf zurllckzukommen." — Diese Worte aus dem Munde des ersten Staatsbeamten wirkten überaus wohltuend auf alle Friedensfreunde und sind die beste Antwort

auf das friedenstörende Treiben der Skandal- macher.

Ausland.

* Marokko. Abdul Asis' Schicksal scheint be­stätigt zu fein. Es ist kein Zweifel mehr, daß fein Oberbefehlshaber Bugda ben Bagdad! mit der gesamten Armee zu Mulay Hafid übergetre­ten ist, oder richtiger, zum Uchertritt gezwungen worden ist. Diese Wendung bedeutet in jedem Fall einen ungemein schweren Schlag für die Sache Abdul Asis' Bugda ben Bagdai ist der einzige marokkanische Truppenführer, der in den Kämpfen der letzten Jahre, so in dem Feldzuge gegen Rais Uli, militärische Befähigung gezeigt hat. — Im Süden des Landes sind die Franzosen in den Kämpfen mit den Stämmen an der al­gerischen Grenze glücklicher. Sie „siegen" dort wenigstens, wenn auch unter großen Ver­lusten. In der Gegend von Saheli ist der Ge­neral Vigy mit der Armee des Mulay Hassan zusammengestoßen.. Die Marokkaner eröffneten ein heftiges Salvenfeuer, namentlich ein Trupp von 400 marokkanischen Fußsoldaten, der hinter einem kleinen Palmenhain Deckung genommen hatte, übergoß die Franzosen mit heftigem Ge­wehrfeuer. General Vigy ließ nun attaffieren und gleichzeitig setzte die Artillerie ein und trieb den Feind in die Flucht. Es kam an vielen Punkten zu heftigsten Bajonettkämpfen. Der Kampf dauerte bis zum Abend. Die Marokkaner zogen sich schließlich in wilder Flucht zurück. Sie hatten viele Tote. Die Franzosen erlitten einen Verlust von 13 Toten, darunter 3 Offiziere und 65 Verwundeten. Der „Sieg" hat für die Fran­zosen noch einen Bitteren Beigeschmack: Sie ha­ben sich schon neulich lebhaft über die „Vernich­tung" dieser selber Armee gefreut.

e Der ZahreÄerichl des SMjItnlgnWS.

Das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat, die Organisation fast des gesamten Kohlenbergbaues im rheinisch-westfälischen Kohlengebiet, gibt so­eben feinen Jahresbericht heraus. An der sehr umfassenden Arbeit interessiert vor allem die Art und Weise, wie man die Preispolitik des Syndikats zu verteidigen sucht. Die Darstel­lung, die die Herren da von ihrer Politik geben, vermag nur ganz harmlose Gemüter zu bestechen; man operiert dort mit Auffassungen und Behaup­tungen, die vor den Tatsachen in keiner Weise bestehen können.

Der Gedankengang des Jahresberichts ist fol­gender:

Man finde es ganz in der Ordnung, wenn das Syndikat sich bei guter Konjunktur mäßige und billigere Preise nehme, als die Marktlage es gestatten würde. Man entrüste sich aber, wenn in Befolgung seiner stetigen Preispolitik das Syndikat sich ver­pflichtet und berechtigt fühlt, dem Markte durch Ruhe und Festigkeit eine Stütze zu geben in dem kriti­schen Augenblick, wo die Welle des Aufschwungs den Gipfel überschritten hat und in überstürztem Abfluß dem Markte da? Gepräge haltloser Verwirrung zu geben droht. . . . wobei eS für die wohlweiss Kritik nichts verschlägt, daß die außerordentlich gestiegenen Selbstkosten doch nicht von heute auf morgen sich ver­mindern lassen, wenn nicht die Zechen durch weit­gehende Lohnherabfetzungen Gefahr laufen wollen, Gärungen unter der Arbeiterschaft hervorzu- rufen, deren Folgen natürlich dieselbe Kritik nicht weniger einmütig auf das Konto der Zechenverwal­tungen setzen würde."

Gewiß ist es. ganz in der Ordnung, wenn daS Kohlensyndikat in guten Zeiten feine Macht nicht mißbraucht. Das liegt in allererster Linie int Interesse des Syndi kats. Täte es daS nicht, das hat Herr Kirdorf oft genug durchblick-n las.

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

7] (Nachdruck verboten).

In feinen Augen leuchtete etwas wie Falsch­heit und Hinterlist, was Nelly jedoch nicht bc- merkte.

„Ist das Ihr Ernst?" fragte sie zweifelnd.

„Mein voller Ernst!" antwortete Mr. Gildo» feierlich.

„Nur beanspruche ich Ihre alter Heiterkeit, Ihren kintckichen Gehorsam und Ihr früheres fveiblich-feiues Betragen. In diesem fremden jöanbe können Sie meine Autorität nicht von sich toerfen, drum tun Sie am Besten, in ben Frieden SU willigen!"

Nelly zögerte. Sie hatte kein Vertrauen zu her Aufrichtigkeit ihres Vormundes; der Gedanke hn ihre Hülflosigkeit nötigte sie jedoch au der An­nahme des Vertrages, der ihr allerdings sehr zweifelhaft schien.

„Ich verspreche, keinen Fluchtversuch wieder 8« machen, so lange Sie mich anständig und freundlich Behandeln", sagte sie.

„Gut, das ist abgemacht", entgegnete Gildon. .„Lassen wir daS Unerquickliche der Vergangenheit vergessen sein. Ich werbe biefen Winter nicht nach England zurückkehren, weil meine Gesund­heit noch nicht gänzlich hergestellt ist. Mein Freund, der Konsul empfahl mir ein hübsche- Landhaus an bet Küste ,ewige Meilen von hier. Mein Diener zieht Erkundigungen darüber ein, Mnd wenn ei leer ist, werden wir es vielleicht .Heute noch in Besitz nehmen. Ich werbe die für Den Haushalt nötige Dienerschaft sogleich enga­gieren und an Ort und Stelle schicken, damit sie alles zu unserer Aufnahme borbereitet. Was obre Bedien uns anbetrifft", und er deutete auf SRrl. Jebb und ihren Sohn, „so riet mir der Mnsul, sie zu entlassen und ncklh England zu

schicken, weil sie bei Ihrer Flucht beteiligt waren und Ihren Vormund als Ihren natürlichen Feind ansehen. Doch will ich diesen Fehler und diese Insubordination übersehen; sie mögen uns be­gleiten nach unserrn neuen Haus, müssen jedoch versprechen, ihre Pflicht treu zu erfüllen und Sie nicht zur Empörung gegen mich aufreizen."

„So lange Miß Nelly zufrieden ist, bin ich es auch", sagte Mrs. Jebb.

„Ich ebenfalls", fügte ihr Sohn hinzu. „Un­sere Wünsche sind nur Miß Nellys Glück."

„Gut bann; aber bedenkt, daß ich ein wach­sames Auge auf Euch haben werde", sagte Gil­don, drohend den Finger erhebend; „bei der ge­ringsten Ursache zur Unzufriedenheit werde ich Euch sofort entlassen. Versteht Ihr?"

Er wandte sich wieder zu Nelly.

„Der Vertrag wäre also abgeschlossen", sagte er. „Es bleibt alles beim Alten und wir find wieder gute Freunde —"

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Mr. Gil­don; er ging hinaus, kam aber bald mit heiterem Gesicht zurück.

„Mein Diener hat die Billa gemietet!" rief er freudig. „Ich gebrauchte die Vorsicht, Ihre in Neapel zurückgelassenen Sachen mitzubringen; sie sind schon mit den meinigen auf dem Wege nach der Billa, wohin wir am Nachmittag folgen »er­ben. Jetzt werden Sie mir erlauben, mich zu empfehlen, und werden mich entschuldigen, wenn ich bis kurz vor der Abfahrt nicht zu Ihnen zu- rückkehre, da ich mit dem Egaaement des Perso­nals usw. mehrere Stunden zu tun haben werde."

Er verbeugte sich höflich und entfernte sich.

einige Minuten herrschte das tiefste Schwei- Sen. keines der Zurückbleibenden rührte sich. Endlich schritt MrS. Jebb langsam, geräuschlos durch- Zimmer, öffnete ebenso leise die Tür und blickte hinaus auf den langen Korrwor, fuhr ober sogleich wieder zurück.

„Mr. Gildon hat einen Spion zurückgelassen", sagte sie ängstlich. „John, sein Bedienter steht auf dem Korridor. Er wandte fick beim Offnen

„Der heilige Antonius schütze uns!" tief die Frau erregt. „Der arme Engländer! Gestran- det ist er? O, welch ein Unglück. Kommt herein, kommt! Da in diese Kammer!" Dabei ging sie durch ein Zimmer, welches die Wohnstube zu sein schien und öffnete die Tür eines kleinen Kabi- nets. „Legt den armen Engländer auf das Bett. Ist er tot?"

Die beiden Männer legten Guido auf das reine, weiche Seit und untersuchten die Wunde, während die Frau das Licht dicht über feinen Kops hielt, so daß der Schein der brennenden Lampe voll auf das bleiche, schöne Antlitz fiel.

„Der arme Mann!" rief die Frau mitleidS- voll; „so jung, so schön, und schon sterben! Sollte er tot sein?"

Paula Vicini, die Frau deS Fischers, den fie mit Tomaso angeredet hatte, war ergriffen von der Traurigkeit Ferdinand Branders und be- trachtete ihn genauer.

„Er ist Ihr vollständiges Ebenbild, Signor", sagte die Frau nach einer Weile; „er ist gewiß Ihr Bruder?"

„Nein, er ist nicht mein Bruder", erwiderte Brander und eine leichte Röte traf seine Wan- gen. Er ist — er war mein Reisegefährte. Net- tet tön, wenn es noch möglich ist. Ich bin reich und werde Eure Mühe reichlich belohnen

Die Frau schüttelte den Kopf, indem sie sich iaähw Uebngen wandte, die eifrig damit Be- fäaftigt waren, Guido zum Bewußtsein zurück- zuvrmgen.

Brander stand seitwärts und musterte die Drei aufmerksam. Thomaso Vicini war ein phlegmatischer, etwas einfältig, aber treuherzig unb ehrlich aussehender Mann.

Seine Frau schien ihm in jeder Beziehung überlegen; ihre Augen rollten lebhaft und blick­ten Itftig aus ihren Höhlen, ihr Gesicht toat hübsch, freundlich und gutmütig.

(Fortsetzung folgt.)

der Tür nicht um, aber er horchte auf, ein Zei­chen, daß er dasteht, um uns zu beobachten. Dies sieht gerade nicht aus. Miß Nelly, als ob Mr. Gildon sein Benehmen gegen Sie ändern wollte."

Nelly errötete, doch verbarg sie ihre Ent­rüstung über das Verfahren, welches ihr Dor- mund ungeachtet des soeben abgeschlossenen „Ver­trages" auch ferner gegen sie zu beobachten ge­neigt schien.

»Laß es nur gut fein, Margot", entgegnete das Mädchen seufzend, „er wird mich doch nicht mehr dirett belästigen. Uebrigens dauert meine Unabhängigkeit kein volles Jahr mehr; so lange kann ich das Joch wohl noch ertragen, und bann werde ich eines Tages Herrin meiner selbst sein." . Sie setzte sich au's Fenster und blickte hinaus m den klaren Sonnenschein, aber selbst dieses bei­tete Wetter, der lachende tiefblaue Himmel waren sucht imstande, ihre trüben Gedanken zu ver­scheuchen und ihr Herz zu erleichtern.

-n Tag verstrich langsam. Erst spät am Nachmittag erschien Gildon und meldete, daß der Wagen vor dem Hotel bereit stehe.

„Mir gefällt fein Blick nicht", sagte MrS. Jebb leise zu Nelly, als sie die Treppe hinab- stiegen. „Ich glaube, wir gehen einer neuen Ge­fangenschaft entgegen."

. derselben Ansicht, antwortete jedoch

nicht. Sie stiegen in den bereitstehenden Wagen und wenige Minuten später fuhr derselbe ab, dem gemieteten Landhause zu.

in.

Neue Verbindungen.

Als die beiden Sizilianer mit dem Körper Guido Harrinrton'S gefolgt von Ferdinand »ranber, ihre Hütte erreicht hatten erschien an der Hausture eme Frau mit Licht, welche ihr Er- staunen durch einen großen Wortschwall zu er- Een gab worauf einer der beiden Männer mittettt^ soweit er es selbst wußte.