Einzelbild herunterladen
 

Maer W Zeitung

35. Jahrgang.

Fulda, Montag den 18. Mai 1908.

M 114.

Erstes Wlcrtt

61

Anzügen: Vie ehi» spMgePrMzelleob« bereit Bannt 15 Pfg. BeNamrn biepetitzeilt 25 pfg., bei Wieben Holungen wird entfpr. Babati gewährt.

BotationrbruStrnb Verlag der Fuldaer Ab tienbrudetei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Offiziösen reden und dann — die Debatte adbricht. Das deutsche Volk ist friedliebend, aber um den Frieden zu wahren, ist nicht nötig, daß man es heute so und morgen anders treibt. Auch England wahrt sich vor kriegerischen Verwickelungen, aber es führt eine stetige Politik und kommt dadurch zu etwas. Der Zickzack bringt ein Moment der Un­sicherheit in bte Politik, das uns keine Freunde schaffen kann und uns auS der Unruhe nicht herausbringt.

Der falsche Erbe.

Roinan von Ed. Wagner.

^Nachdruck verboten).

MM-Kbillage: „Fuldaer Geschlchtsblätter"

Ä woch-nbellage: „Illustrierte Somitagzzeitung"

Erscheint täglich «ft Mrnahme der Sotttt* W»b Leiertage, viertel­jährlicher vezugrpreir ohne vringerlohn und vepellgelb in Lulba so­wie auswärts 1.SS Mt.

Betairt». Bedaktemr

Larl Schütter

Zu den Landtagswahlen.

Neuhof, 17. Mai 1908. Eine erfreu­liche Kundgebung war auch die heutige Wähler« Versammlung der Zentrumspartei im Felsen« feilet zu Neustadt. Herr Dr. Heitzmann«

Immer groß in Worten, ließen wir nie die Tat folgen; kein Wunder, daß der König von Eng­land von Hof zu Hof reisen kann, und über die Deutschen spottet: „sie hätten die Hosen voll", und ihr Maulheldentum müsse nur die Angst ver- decken; das macht den Gegner erst recht über­mütig. Ferne liegt es uns, nun zu fordern, daß wir vom Leder ziehen sollen; aber wir verlangen, daß jede Aktion nach außen recht sorgfältig überlegt wird, und daß man nicht voreilig sich feftlegt und nachher sein Versprechen nicht, halten kann und dann den Rückzug antreten muß. Seit 10 Jahren ist die Taktik des forschen Draufgehens und des würdelosen Zurückgehens bei uns dergestalt Mode ge­worden, daß selbst halbkultivierte Völker über uns spotten, wie es jetzt die Marokkaner tun.

Mit der Krügerdepesche fing das Un­glück an; unter Bismarck hätten wir einen gün­stigen Hafen erhalten können, der uns den Zu­gang zu den Burenrepubliken gesichert hätte; Bismarck wollte nur europäische und nicht Welt­politik treiben und er lehnte ab. Später wollte man von Ostafrika aus den Buren zu Hilfe kom­men, und als Jameson seinen räuberischen Ein­fall machte, da kam das scharfe Telegramm. Daß Deutschland dann untätig blieb, als England in schwerer Verlegenheit ob des Burenkrieges war, billigen wir durchaus, aber diese unsere Haltung stand in direktem Gegensatz zu unserer früheren Haltung. Von zwei Mächten wurde uns damals angeboten, gegen England vorzu­gehen; Deutschland teilte England diese vertrau­lichen Offerten mit, rühmte sich seiner Loyalität, empfing dann Krüger nicht und hatte doch von keiner Seite Dank. Aber der Wert des deut­schen Wortes sank ungeheuer im Kurse.

Dann kam Marokko. Erft Gleichgültig, feit, dann aber brachte Adjutantenpolitik die „glorreiche Idee" der Reise nach Tanger zustande; der Kaiser hatte mit Recht Bedenken; der Reichs­kanzler zerstreute sie und riet dem Kaiser, nach Tanger zu gehen. Es folgte die Rede von dem unabhängigen Scherifenreich, die die Marokkaner bis heute nicht vergessen haben; sie berufen sich sogar feierlich auf diese Zusage. Nach Algeciras aber setzte der üblich gewordene deutsche Schwäche- zustand wieder ein; ein stetes Nachgeben, ein Rückzug, bis die ganze Akte zerfetzt war. Kann so unser Ansehen steigen?

Derzeit ist es in der mazedonischen Frage ähnlich; in ein paar Jahren hat sich die Aufteilung der Türken vollzogen; Rußland, Oesterreich, Italien und England sind sich einig; die drei ersten erhalten die fetten Brocken; Deutschland wird auf schmale Kost gesetzt und geht leer aus. Aber unser verantwortlicher Leiter lächelt, reibt sich die Hände und ist froh, daß eine „Reibungsfläche" weniger vorhanden ist. In der mazedonischen Frage haben wir bereits verspielt und sind vor der Entscheidung ausgeschaltet; das war Englands Gegenzug auf unsere ostentativ gezeigte Freundschaft für den Islam, die sich bis auf unsere Schutzgebiete erstreckt.

Sollen wir nun zu dielen Tatsachen noch die deutsche Entschuldigung in Washington rechnen, die Tower-Hill-Affäre und den Briefwechsel mit Lord Tweedmouth ? Wie sonderbar: Alle fremden Staats­männer, die der Kaiser durch Briese, Depeschen und Reden auszeichnet, (Lord Tweedmouth, Graf Goluchowski, Toner) sind geworfen; das ist die Antwort des Auslandes, selbst des verbündeten Oesterreichs, selbst der befreundeten Amerikaner. Ob es besser wird? Wir haben wenig Hoffnung, der Reichskanzler kennt keine stetige Politik, erzeigt in gewissen Momenten nicht genug Rückgrat, teils läßt er sich von oben, noch mehr aber von unten (Alldeutschen) treiben. Dazu kommt, daß im Reichs­tag saft niemand mehr ein ernste? Wort zu sagen wagt, daß man hier gläubig lauscht, wenn die

freundlich und schonungsvoll, um Sie nicht zu verletzen; Sie aber setzten Ihre Bewerbungen fort, und als ich sie entschiedener ablehnte, da be­gannen die Verfolgungen."

„Das ist schrecklich!" lachte Gildon. „Nach Ihrer Schilderung bin ich ja wirklich ein Un« geheuer. Was meine verstorbene Frau mit det Sache zu tun hat, vermag ich nicht einzusehen. Allerdings waren Sie ihre Mündel und mir von ihr überliefert, aber sie würde, wenn sie jetzt ettoal dazu sagen könnte, meinen Entschluß, Sie zu heiraten, gewiß billigen, denn sie liebte uns beide. Sie war eine Frau, auf die man stolz sein konnte," fuhr er ncsthdenkend fort, „stolz, erhaben, voll Selbstbewußtsein, die nie vergaß, daß sie eine- Grafen Tochter war. Vor unserer Heirat sagte sie mir, daß sie nie einen Witwer heiraten würde, weil sie nicht den -westen Platz tn dem Herzen ihres Mannes einnehmen wollte. Doch das ist vorbei. Wenn ich wieder heirate, gehe ich nicht über meinen Stand hinaus, denn eine Heirat aus ungleichen Ständen hat immer ihre Schat­tenseiten. Ich würde mir aber eine jüngere Frau wählen; die Jugend ist ja so bezaubernd in ihrer Unschuld und Frische! Mit einem Worte, Nelly, meine Wahl würde auf Sie fallen."

„Aber ich würde die Wahl nicht annehmen,* erwiderte dar Mädchen in leichtem Tone, aber doch entschieden. „Die Jugend soll bei der Ju­gend blerbcn, und wenn die Jugend auch für Sie besonders anziehend ist, so ist doch da» Alter für mich nicht anziehend."

Gildon schien die Abfertigung ganz ruhig auf­zunehmen. In friedlichem Tone sagte er:, ■.

„Nun gut, Nelly, wenn Sie so entschied«! auf Ichrem Entschluß beharren, wollen wir dre Heiratsfrage gänzlich fallen lasten. Sie sagten, daß ich früher war, wie Sie einen Dormnd sich wünschen. Ich werde alle meine Hoffnungen un» Wünsche in meinem Herzen begraben und wieder §anz fein, was ich früher war: Ihr väterlich« rreunb und Beschützer."

(Fortsetzung folgt)

„In diesem Hotel?"

„Durchaus nicht, meine Liebe!" antwortete Gildon. „Dieses Hotel eignet sich nicht für uns; e8 ist zu lebhaft hier; Sie wissen, ich liebe die Einsamkeit, und diese ist auch für Sie besser und heilsamer!" fügte er mit Nachdruck hinzu.

Es fiel Nelly plötzlich ein, daß ihr Diener Mr. Gildon unter den Passagieren des Dampfschiffes stutzt gesehen hatte, rasch fragte sie daher:

„«Bte haben Sie mich hier gefunden?" Aarr'Ä I sagt-- Gildon lachend.

das Dampfschiff sich dem Hafen Mherte, sah tch Jebb schon am Ufer stehen. Ich ging deshalb in die Kaiute und wartete, bis alle Passagiere auf -em Lande waren, dann verlieh auch ich das Schiff und folgte Jebb nach dem Hotel.

, Nachdem ich gestern meine übrigen Geschäfte pesorgt hatte, kam ich heute morgen hierher und inacfiia bald ausfindig, daß die sogenannte Miß Week meine babongelaufene Mündel sei — ein eigensinnige», widerspenstiges, romantisches Mäd- chen, und verlangte zu ihr gelaffen zu werden, worauf mich ein ÄeDner zu Ihnen brachte. Sie sehen, wie leicht und einfach mir alles war!"

Nelly erhob sich und trat stolz und entschlossen .vor ihren Vormund hin.

„Ich habe Ihre Verfolgungen lange genug Ertragen, Mr. Gildon," sagte sie mit fester Stim- Me , „Jetzt ist's vorbei. Ich werde den Schutz de» englischen Konsul» anrufen —"

*»Tun Sie das, mein Kind. Er ist mein be- .pr Freund; ich bin heute morgen bei ihm ge- und habe ihm die Geschichte erzählt."

Da« Müdchm erblaßt«.

. „Ich werde mich an den Kaplan der englischen «ircke wenden."

Deutsches Reich.

)( Die Reform der Arbeiterversicherung.

Das „Zentralblatt für das deutsche Bau­gewerbe" behauptet, aus zuverlässiger Quelle erfahren zu haben, der Entwurf für die in Aus­sicht gestellte Abänderung der Arbeitcrversicher- ungsgefetze sei vor einiger Zeit fertiggestellt worden. Er umfaßt nach dem Blatt das ganze Gebiet des Arbeiterversicherungsrechts. Die leitenden Grundsätze sind: auf dem Gebiete der Krankenversicherung größtmögliche Zentrali­sierung, auf dem Gebiete der Unfallversicherung Dezentralisierung der 'Verwaltung.

Dieses Ziel soll auf dem oft erörterten Wege der Schaffung örtlicher Versicher­ungsämter erreicht werden. Dabei soll auch eine Krankenversicherung der Landar­beiter geschaffen werden.. Die Beiträge zur Krankenversicherung sollen je zur Hälfte von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausge­bracht werden. Den Arbeitnehmern sollen aber trotzdem bei der Beschlußfassung über Kranken- unterstützung und Beiträge zwei Drittel, den Arbeitgebern nur ein Drittel der Stimmen zu- stehen.

Alle örtlichen Kassen sind nach Möglichkeit zu verschmelzen. Mit ihnen sind Spruch­kammern verbunden, denen die Festsetzung der Renten obliegt. Darüber stehen Ober- v e r s i ch e r u n g s ä m t e r , die die Beruf- ungs- und Veschwerdeinstanz bilden. Endlich wird das Reichsversicherungsamt als Revisions- instanz, nicht aber als Rekursinstanz, bestehen bleiben.

.-. Warum keine Antwort? Vor mehreren Wochen schilderte Oberst a. D. Gädke im ,Berl. Tageblatt' eine Affäre des Kapitäns Berger, wobei daß Mstitärkabinett scharf angegriffen wurde. Man wartete allgemein auf eine Ant­wort. Aber die Offiziösen schwiegen sich aus. Jetzt kommt Gädke auf die Sache zurück:

Kapitän zur See Berger war dis zu feinem letzten Dienstjahre ein ungewöhnlich gut empfohlener Offizier, der eine glänzende Laufbahn hinter sich hatte. Besonders hatte man ihn als geeignet für Vertrauensstellungen gesunden; feine liebens­würdige Formen, feine grobe Pflichttreue, fein guter Einfluß aus die Offiziere, fein ehrenhafter Charakter, seine Beliebtheit bet den Offizieren werden hervor- gehoben. Er wirb schließlich für die Adjutantur und den Admiralstab empsohleiz. Plötzlich hat er das Un­glück, der Untergebene des Vizeadmirals Schmidt zu werden, und dieser Herr rügt aus heiterem Himmel ohne irgendwelche Vorgänge dienstlicher und außer­dienstlicher Art, die sein Urteil rechtfertigen könnten, im schroffen Widerspruch zu der früheren Beurteilung Bergers, feinen ungesunden Ehrgeiz, feine Selbstüber­hebung, feine unrichtige, oft nicht osfiziersmäßige Dienstauffassung, ja sogar Ungeeignetheit für Ver­trauensstellungen , und spricht damit natürlich sein Todesurteil aus. Das mag Herr Schmidt nun mit sich abmachen. Da? System unseres Konduiten- wesens aber wird dadurch getroffen, die ganze jammervolle Unsicherheit der Stellung des Offiziers dadurch grell beleuchtet, daß lein Vorgesetzter, weder

reden, meine liebe JÄ>b," sagte er; „jetzt aber schweigen Sie, wenn ich mit meiner Münde! spreche."

Er wandte sich wixder zu Nelly.

„Und nun erlauben Sie mir eine Frage, Nelly", sagte er kalt. „Was glauben Sie zu be­zwecken dadurch, daß Sie nach England zu kom­men versuchten? Dachten Sie nicht daran, daß ich Ihnen dorthin folgen würde? Oder glaubten Sie, daß meine Autorität über Sie auf heimat­lichem Boden ohne weiteres beseitigt werden könnte?"

„Ich wollte meine Sache in die Hände der Gerichte legen und um einen anderen Vormund bitten!" entgegnete Nelly unbefangen. „Mein Vater hat Sie nicht zu meinem Vormund ge­macht, er hat Sie vielleicht nicht einmal dsm Namen nach gekannt, was von großer Wichtigkeit vor Gericht fein dürfte. Als mein Vater starb — meine Mutter war ihm bereits borangegangen — gab er mich in den Schutz der Lady Feodora Welly, der intimsten Freundin meiner Mutter. Die Dame war freundlich und liebevoll gegen mich, obgleich sie allgemein als sehr eitel und ver­gnügungssüchtig galt. Lady Feodora heiratete später Sir Roderich Gildon, und als sie ein Jahr darauf starb — ich war damals dreizehn Jahre alt — vertraute sie mich Ihrer Obhut an. Sie aber haben sich dieses Vertrauens durchaus un­würdig gezeigt."

„Das ist eine kühne Sprache, Nelly!"

„Aber doch noch nicht bezeichnend genug," her- setzte das Mädchen rasch. „Sie benutzen Ihre Autorität und meine Hülflosigkett zur Durchfüh­rung Ihrer Absicht. So lange wir in England waren, hüteten Sie sich, mich zu belästigen — kein Vater hätte freundlicher gegen sein Kind sein können, als Sie gegen mich waren; aber kaum batten wir einige Monate im Auslande gelebt, da kehrten Sie die wahre, rauhe Seite Ihrer Aaratters nach außen, nahmen die Maske na- turlicher Freundlichkeit ab und entpuppten sich als.Liebhaber. Ich lehnte Ihren.Antrag ab,

„Er wird sich freuen, Sie zu sehen, um Ihnen eine Predigt zu halten über Gehorsam und Pflich­ten Minderjähriger gegen ihre Beschützer. Bei ihm bin ich ebenfalls gewesen."

Nelly verzagte; der Ausdruck gänzlicher Mut­losigkeit lag in ihren Augen.

„Jede Möglichkeit auf Hülfe und Beistand ist mir verschlossen," murmelte sie.

„Aber meine Arme öffnen sich Ihnen um so weiter!" erwiderte Gildon, und feine Stimme nahm einen zärtlicheren Ton an.

Nelly schauderte.

„Lieber will ich sterben, als die Ihrige wer­den," sagte sie bestimmt.

„Romantisches Mädchen!" rief Gildon mischet» nend gleichgiltig. „Sie benehmen sich gegen mich, als wäre ich ein wildes Tier, während ich doch nur in der Tat ihr freundlicher, nachsichfiger, liebevoller Beschützer bin, der all' Ihre Fehler, Ihre Widerspenstigkeit und die mir gespielten Streiche zu verbergen und zu vergessen bereit ist. Bin ich nicht immer freundlich und gütig gegen Sie gewesen?"

„Ja, bis zu der Stunde, in welcher ich Sie zu heiraten abschlug l" erwiderte Nelly und ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten vor Zorn. „Aber von jener Zeit an haben Sie mein Leben zu einer Qual gemacht durch Ihre Verfolgungen und Ihre Maßregeln, mich zur Heirat zu zwin­gen. Sie haben mich mit Spionen umstellt, mich einzusperren oder in ein Institut in ein Korrek- tionsha»? zu bringen gedroht. ES blieb mir nichts übrig als durch die Flucht mich dieser Ge­fangenschaft zu entziehen. Die Flucht ist ver- eftelt, ich habe niemanden, der mir in meinere Not beisteht. O, ich bin gänzlich hüls- und freunb- loS!"

„Nicht, so lange mein Sohn und ich leben, Miß NÄly," sagte MrS. Jebb.

Gildon wandte sich nach der Alten um, als ob er jetzt erst ihre Anwesenheit bemerkte, ertuarf ihr einen Blick zu, der die gute Frau zittern machte.

jjrh atnon tnoriio ick ->-teaentlich ein Wort

das Kommando der Flotte, noch das Marinekabinett, Beranlaffung nahmen, eine Begründung dieses schroffen und der ganzen früheren Beurteilung deS Manne- widersprechenden Zeugnisses zu verlangen, niemand dem Angeschuldigten Gelegenheft gab, sich zu wehren. Dieses eine Urteil genügte, der biS dahin so glän­zenden Laufbahn Bergers ein Ende zu machen, obwohl bereits ein Offizier tot Mtlitärkabtoett darauf hingewiesen hatte, daß hier ein Justizmord begangen werde. Und nun der weftere Fortgang der Affäre I Die Beschwerden Bergers, der es — sollte man meinen — seiner Offiziers- und ManneSehre fihuldig war, eine solche Beurteilung nicht auf sich fitzen z« lassen, werden ohne Untersuchung der wesentlichen Be> schwerdepuntte abgewiefen. Obwohl der Wort­laut derBeschwerdeschriften, falls unwahr, Beleidigungen gegen den Admiral Schmidt enthält, erfolgt keine Be« sträfung. Ja, Berger, der eine „oft nicht offizierS- mäßige Dienstauffaffung bewiese«", wird unter Beför­derung zum Kapitän zur See und mit der Uniform verabschiedet. Erst als Berger immer noch nicht Ruh« hält und wegen der kränkenden Ausdrücke in dem Zeug­nis des Vizeadmirals Schmidt ein Ehrengericht gegen sich beantragt (das entspricht dem Wortlaut und dem Geist der Ehrengerichtsverordnung), da dreht man den Spieß um und verhängt in der Tat eine eh ren- gerichtlich-Untersuchung gegen ihn, aber mchtz weil seine Ehre gefährdet sei, sondern weil er Schmidt beleidigt habe, und doch hatte er die gleichen Be­leidigungen — wenn anders es Beleidigungen waren — seit mehr als einem Jahre erhoben, ohne daß man gegen ihn vorging. Und selbst bte Bestimmung, daß dem ehrengerichtliche» Verfahren ein strafgerichtliches wegen Beleidigung vorangehen müsse, wird einfach mißachtet. (Bei Lynar hat man sich gerade hinter diese Bestimmung verschanzt.) Schlimmer noch: weder das Ehrengericht noch der Kaiser find über die Vor­gänge zutreffend unterrichtet worden. Beide Instanzen mußten des Glaubens sein, daß Bergers Beschwerden materiell untersucht worden seien, was nicht der Fall gewesen ist. Auch an diesem Beispiele sehen wir, rot« hinfällig be.L 10g. Beschwergerecht ist, sogar für eine« höheren Offizier, wie dringend die Reformen nötig sind.

Auf alle diese Darlegungen des Obersten a. D. Gädke im ,Berl. Taget,!/ schweigt die offiziöse Presse. Da wird wohl derReichS- lag eine Aufklärung erbitten müssen. Der Wunsch des Zentrums nach einer Reform auf diesem Gebiete erfährt durch solche Vorkommniffe eine neue Unterstützung.

♦ Wiesbaden, 17. Mai 1908. Der K a l - ser machte am Samstag eine Automobilfahrt in Begleitung des Reichskanzlers. Am Abend vorher hatten die Festvorstellungen ihren Fort­gang genommen.

* Aus dem Oberelsaß, 14. Mai 1908. Eine Reihe protestantischer Organe behauptet, daß das im Oberelsaß gelegc - Trappisten- kloster Oelenberg : Tode der neun Patres, auf deren Namen v.tS Kloster zuerst eingeschrieben war, weder Erbschaftssteuer noch Mutationsgebühren bezahlt habe. Trotz eine­entschiedenen Dementis ans dem eSkretariat des Klosters hielt die „Straßb. Zeitung", welche die willkommene Nachricht zuerst gebracht hatte, ihre Behauptung aufrecht. Lügen haben aber kurze Beine, noch nicht ein Tag verging, da wurde die „Straßb. Ztg." aus dem Ministerium belehrt, daß an ihren Behauptungen nicht- wahr ist. Die übrigen protestantischen Blätter, welche die Lügenmär brachten, haben, soweit wir sehen, von dieser Feststellung noch keine Notiz genommen.

A Deutsche Politik.

Man schreibt uns aus Berlin: Unsere AuS- landspolitik wird von Tag zu Tag mehr der ®e- genstand ernsthafter Sorge. Wer es gut mit dem Reiche meint, der kann nicht stumm zusehen, wie hier Fehler auf Fehler gemacht werden. Vor der Reichstagsauflösung zog,auch der LiberafiS- mus gegen die Auslandspolitik zu Felde. AIS aber der Reichskanzler sich an die Spitze der Un- zufriedenen setzte und durch einen kühnen Schach­zug einen Blitzableiter im Zentrum fand, hatte er Ruhe vor den unbequemen Mahnern. Lediglich im Zentrum und in seiner Presse wies man noch auf die schlimmen Folgen der Auslandspolitik hin. Im Block herrschte tiefste Ruhe; als gar der Kaiserbesuch in London stattfand, war alles voller Freude; unsere auswärtige Politik sollte wer weiß was für Triumpf gefeiert haben.

Aber man kann der Wahrheit nicht auf, bte Dauer den Mund verbinden. Mögen parteipo­litisch« Erwägungen sie noch so lange zurückdrän­gen; schließlich bricht sie doch durch. Da verdient e8 aber erhöhte Beachtung, wenn sogar ein so regierungsfreundliches und bülowzahmes Blatt wie die „Köln. Ztg." der Mißstimmung über Deutschlands auswärtige Politik lebhaft Aus­druck gibt. Ein im Auslande lebender Deutscher hat dem Blatte geschrieben, wie man von der Ferne unsere Politik beurteilt und er meint: „Frieden, Frieden und wieder Frieden, und im Auslande ist daher die allgemeine Ueberzeugung verbreitet, man könne dem deutschen Reiche alles bietest, denn es ließe sich ja doch alles ge­fallen. Man sagt sich, Deutschland könne ?,ar keinen Krieg führen, denn das Volk wolle hn nicht, und wenn auch einmal mit dem Säbel Peraffelt werde, so sei das doch nur Theater- 5 r m. Die Behandlung der marokkanischen Frage und die Haltung Deutschlands in der ma­zedonischen Frage werden als Beweis dafür an­geführt, daß das deutsche Reich jetzt ebenso, tote vor 30 Jahren Preußen, den Gedanken verfolge: Der Starke Weiche mutig zurück. . . . Dauernde Schwäche, stetes Zurückweichen verletze die Ehre des Reiches, steigere den Ueföermut unserer Feinde und beschwöre gerade dadurch die Gefahr herauf, die man vermeiden wolle. Man solle in der Welt toiffen, daß auch unsere Geduld ein End« habe. Die schwere Rüstung trage unser Vaterland vor allem zum Schutze, doch es führe auch das schneidende Schwert an der Seite, aber die Notwendigkeit, es zu ziehen, rücke in um so weitere Ferne, je genauer man im Ausland wisse, daß wir den Willen dazu haben, wenn un­sere Ehre verletzt wird."

In diesen Befürchtungen können wir dem li­beralen Blatte vollkommen beistimmen; wir sind ihm sogar dankbar, daß eS den Mut besessen hat, in dem heutigen Zeitalter des politischen Byzantinismus und der unerträglichsten Liebe- Dienerei solche Wahrheiten auszusprechen; denn um Wahrheiten handelt Ss sich, um bittere Wahr­heiten. Derweil die Deutschen sich im Innern politisch und konfessionell streiten, zieht von außen her sich ein böses Gewitter zusammen. Seitdem Fürst Bülow der verantwortliche Leiter der Aus- toärtigen Politik ist, geht es bergab; der reiche Aachlaß des Fürsten Bismarck an internationalen Werken ist seit 1897 in geradezu unverantwort­licher Weise verschleudert worden. Wir haben überall angestoßen, einen Freund haben wir außer Oesterreich in der weiten Welt nicht, und schließlich tut auch noch unsere innere Politik alles, um alle Mächte uns feindlich zu stimmen.