Maer W Zeitung
J.
35. Jahrqanq.
Fulda, Samslac; den 16. Mai 1308
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«arl Schütter
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monatsbeUage: „Zuldaer Geschichtsblatter Fernsprecher Rr. 9.
säischen Selbstgefühl sein Auge weidet, ist eilt schlechter Charakter. Mitleid und Furcht, — ball sind die richtigen Gefühle bei dem Anblick solcher Trauerspiele der Wirklichkeit. Mitleid mit den Gefallenen und Gequälten, denn wir toified ja gar nicht, wieviel MilderungSgründe ihnen zur Seite stehen, welche schweren Versuchungen sie gleichsam auf die schiefe Ebene gedrängt haben. Furcht angesichts der Möglichkeit, daß aitdj.in unserm Kreise sich aus der menschlichen Schwalls und dem teuflischen Verhängnis eine folgen» schwere Verirrung entwickeln Kirnte. Wer steht, sehe zu. daß er nicht falle. Kein Haus ist vor Feuersbrunst oder Sturmschaden gesichert: kein Schloß und keine Hütte vor Skandal und Katastrophen.
In dem einen Falle ist daS ganze Unheil entstanden durch leichtfertige Liebelei und unvernünftige Eheschließung. Das find Verfehlungen/ die leider gar nicht zu den Seltenheiten gehören. Sic laufen freilich nicht immer in weltbewegende Sensationsprozesse aus, aber nur zu oft in unsägliche Unglück. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Und die Eltern sollten durch eine solid« Erziehung von früh auf dafür sorgen, daß die Kinder in den Sturm- und Drangjahren einen klaren Kopf und ein gesundes Gewissen haben.
Im andern Fall muß ein altersschwacher Mann büßen für Ausschweifungen, die er sich vor einem Dierteljahrhundert gestattet hat. In 20 Jahren verjährt vor dem Strafgesetzbuch schon eine Mord« tat. Aber die öffentliche Meinung kennt feine Verjährung. Wenn du in der Jugend einen häßlichen Streich begangen hast, so kann dir daS in deinem Aster noch vorgehalten werden und dann dein« Ehre, dein Glück und daS Glück der Deinigen vernichten, wenn du auch inzwischen dich brav und schön emporgearbeitet hattest! Wenn doch die Jugend immer bedenken wollte, daß keine Handlung. die man begeht, ungeschehen gemacht werden kann.
Richten wir nicht über ander«, aber lerne»! wir von den bitteren Erfahrungen der Mitmenschen, damit wir nicht in die Lage kommen, gerichtet zu werden.
D Pen-Amerika.
In Amerika vollziehen sich seit einigen Jahren Dinge, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, als man ihnen bei uns bisher Hai zuteil werden lassen.
Unpolitische Zeitläufe.
(ns Berlin, 14. Mai 1908.
(Nachdruck verboten.)
Schrecklich find die ewigen Prozeßbe- richte in den Zeitungen. Wenn man nach einem Blatte greift, so stößt man auf , eine skandalöse Gerichtsverhandlung. Und leider wird in neuerer Zeit eine Schraube ohne Ende daraus. Jetzt pflegt jeder Skandalprozeß noch ein „Nachspiel* zu haben. An das traurige Ende der einen Gerichtsverhandlung knüpft sich der abscheuliche Anfang einer neuen.
Die schmutzige Sache Eulenburg war in Berlin «chon in zwei langen Prozessen breit getreten und auch in einem dritten Prozeß noch nebenbei behandelt worden; aber dann kam ein „Nachspiel" in München, das die ganze Kloake von Grund auf wiederum aufrührte. Und auf das Münchener Nachspiel wird in Berlin noch ein weiteres großes Nachspiel folgen; wahrscheinlich noch mehrere. Eine geraume Zeit noch wird der forgsame Familienvater sich vorsehen müssen, daß nicht die unreifen Sprößlinge in den Zeitungen Dinge lesen, die ihrer Unschuld gefährlich werden könnten. Eine gute Zeitung behandelt freilich die Skandale so kurz wie möglich und in der vorsichtigsten Form; aber ganz totschweigen läßt sich nicht, was zu den „Zeichen der Zeit" gchört und in aller Munde ist. Daher muß manches erwähnt werden, was unter der Jugend häßliche Gedanken anregen und gefährliche Kenntnisse verbreiten kann. ES ist ein ttmhrer Jammer, ivas für hohe und unersetzliche Werte an Gemüt und Sittlichkeit da zerstört werden!
Augenblicklich müssen wir ein Nachspiel zum Mordprozeß Hau mit durchmachen, diese Sache war regelrecht vor einem Schwurgericht verhandelt und mit der Verurteilung des Angeklagte! abgetan worden. Der Landesherr hatte das TodesurteU in lebenslängliches, Zuchthaus ab gemildert. Aber wer an das Ende dieser „Sensation" geglaubt hatte, wurde arg enttäuscht. Es waren ungelöste Rätsel zurückgeblieben, woran nicht bloß das sonderbare Verhalten des Angeklagten, sondern auch gewisse Maßnahmen der An- klagebehörde und der Verteidigung schuld waren.
Parteien, die Selbstbewußtsem Haben, werden vermutlich die Benutzung von femdselrgen prwrle- gierten Blättern fich versagen. Das kann auch schon durch die Klugheit geboten fem; denn wenn man bei einer eilig angesetzten Versammlung fich auf das Inserat in der Nummer vom Vortage verläßt, so kann man durch die zufallrge oder ab- sichtliche Verzögerung des Abdrucks an der recht- zettigen Anzeige gehindert sein. . Von grundsatz- kicher Bedeutung sind die Bestimmungen über die Bersammlungssprache. Der Munster laßt weitgehende Ausnahmen von der Regel der deutschen Versammlungssprache für die litauische, die masurische, die wendische, die wallonische, ine französische und sogar für die dänische Sprache zu, aber die polnische Sprache bleibt gänzlich un> erwähnt. Tie Polen allein müsseii sich mit dem begnügen, was ihnen das Gesetz selbst in den OOprozentigen Kreisen noch für die nächsten ^0 Jahre bietet. Gerade die Vergünstigimgen für die sämtlichen anderen Minderheitssprachen zeigen recht deutlich, sogar mit einer gewissen Ge- flistenheit, daß es beim Sprachenparagraphen nur auf die Bedrückung des Polnischen abgesehen war.
Die beiden Abgesandten des marokkanischen Gegensultans Mulay Hafid sind am Mittwoch in Berlin im Auswärtigen Amt von einem früheren stellvertretenden Botschafter in Marokko empfangen worden. Der Empfang war aber nicht offiziell, und den Einspruch Frankreichs sucht man durch Mitteilung des Inhalts der Unterredung nach Paris zu beseitigen. Der Besuch der marokkanischen Herren in Berlin wird ilns also nicht schaden. Er kann uns aber durch Förderung der Sympathien für Deutschland in Marokko nützen. Gerade an demselben Tage, als die Abgesandten in Berlin sich zum „inoffiziellen" Empfang rüsteten, kam die Nachricht, daß die 7000 Man»' starke Mahalla, die für Abdul Ans den Weg nach Fez eröffnen sollte, zu Mulay Hasid übergegangen ist. Wenn sich das bestätigt, so darf man Abdul Asis als abgetan und seinen Bruder Mulay Hafid als Herrn von Marokko betrachten. Weitere Telegramme, die von dem Anschluß einzelner Paschas oder Stämme zu be- richten wissen, stellen den Einzug Mulay Hasids in Fez schon für „diese Tage" in Aussicht. Wird Mulay Hafid Sultan von Marokko, so beginnt cm neuer AbMitt der Marokkopolitik, und wenn man auch im Vertrauen auf dortige Personen höchst vorsichtig fein muß, so ist es doch gewiß besser, mit dem Sultan in freundlicher Fühlung zu stehen, als ihn von vornherein als gekränkten Feind sich gegenüber zu sehen. Wir hatten bisher Abdul Asis als Sultan betrachtet und behandelt. Das war auch politisch klug, so lange man von Ab- duk Asis die Wiederherstellung der Ordnung und die Erhaltung der marokkanischen Selbständigkeit erwarten durfte. Aber nachdem sich Abdul Asis den Franzosen förmlich verkauft hatte, konnte Deutschland kein Interesse mehr haben an seiner Wiedereinsetzung in Fez. Denn ein „Sultan", der nur eine Puppe in den Händen der französischen Eroberungspolitiker ist, bildet eine Gefahr für die Algecirasakte und zugleich das Ansehen und die Rechte Deutschlands. Natürlich läßt Mn- lay Hafid durch seine Abgesandten so laut als möglich verkünden, daß er kein Feind der Europäer und ihrer Kultur sei.. Diese Beteuerungen sind allerdings mit größter Vorsicht aufzunehmen. Doch scheint Mulay Hafid nach seinen bisherigen Leistungen ein kräftiger Mann mit gesundem Menschenverstände zu fein, und darauf darf er unter den gegenwärtigen Verhältnissen im Vergleich mit feinem haltlosen Bruder als das „klei
nere Uebel" betrachtet werden. Mtt einem vernünftigen Sultan in Fez werden wir eher zu einem erträglichen Verhältnis kommen, als mit einem Sckxnnsultan, der alles tun muß, tmrs ihm die deutschfeindlichen Geldgeber vorschreiben. Frankreich steht, wenn Mulay Hasid triumphiert, vor einer schwierigen Lage. Die Millionen, welche man Abdul Asis vorgeschossen hat, sind ms Master gefallen; ja zum großen Teil, soweit sie für die Ausrüstung der jetzt aogefallenen Mahalla verwendet worden, dem Gegner Mulay Hafid zugute gekommen. Der neue Sultan wird eine ganz andere Widerstandskraft entfalten, als wie sie bisher den vordringenden Franzosen entgegentrat. Entweder muß man einen Eroberungskrieg nut unabsehbaren Kosten an Geld und Blut unternehmen, oder man muß sich rückwärts konzentrieren. Mitleid können wir den Franzosen, welche die Warnungen von Algeciras so keck in den Wind geschlagen haben, beim besten Willen nicht zollen. Sie haben sich das Süppchen mutwillig selbst ein- gebredt. ..-
In Schwerin trat der mecklenburgische Landtag zusammen, der den Ländern Mecklenburgs die lang ersehnte Verfassung bringen soll. In der Thronrede wurde der Entwurf an- gekünoigt. Es ist eine schöne Bescherung. Der reine Hohn auf eine modernen Anforderungen entsprechende Verfassung. Der Mecklenburg, che Landtaa. 67 Mann stark, soll bestehen zur Halste aus Vertretern der Ritterschaft und der Landschaft: von der anderen Hälfte gehen erst einmal vier Abgeordnete ab, die der Großherzog selbst ernennt. Der Rest aber wird — man höre und staune! — gewählt! Ein kleinerer Teil wird nun erst wieder von Berufsständen gewählt; und endlich der „schäbige Rest", 25 Abgeordnete, geht aus allgemeinen Wahlen der gesamten Bevölkerung hervor. Diese Wahlen ober haben folgende „Schönheiten" : sie sind erstens indirekt (also nach preu- siischem Vorbild); zweitens werden Stadt und Land getrennt; und drittens wird das Wahlrecht nach Bildung und Besitz abgestuft. So ungefähr soll die mecklenburgische Verfassung aussehen. Wir haben uns schon etwas ähnliches gedacht. Ein so elendes Wahlsystem — hat selbst Preußen nicht. Und das will viel sagen!
Rußland kommt aus den Unruhen mit den Kurden nicht heraus. Man hat sich in Petersburg zu kräftigstem Vorgehen entschlossen, da der Schah von Persien außer Stande ijt irgend etwas zu unternehmen. 'Der ewige Streit mit dem Parlament hat zur Folge gehabt, daß der Schah kein Ministerium nn hr auftreiben kann. Von ihm aus wird gegen die Russen nichts geschehen, und Rußland rüstet sich offenbar mit Nachdruck zur Eroberung eines Stückes des persischen Grenzgebietes.
Daß China wieder einmal den Schauplatz von Unruhen bildet, wird niemand wunderlich- men. Diesmal hat man es mit der Provinz Men zu tim, die an der äußersten Südgrenze des Riesenreiches an der Grenze von Französisch-Hinter- indien liegt Bis jetzt ist eine Meldung, daß die chinesische Regierung die französische um Unter- stÜbung gegen die Aufruhrer gebeten habe, noch nicht demouliert worden. Natürlich wurde Frankreich sich eine so bequeme Gelegenheit, in, Süd- China Einfluß zu gewinnen, nicht entgehen lassen.
eines schivereu Verbrechens verdächtig ist. Die kurze Verzögerung der Uebersührung in das Gefängnislazarett erklärt sich vollauf durch die gebotenen Formalitäten und war ganz ungefährlich, da durch die polizeiliche Ueberwachung von vornherein das Entweichen des kranken Mannes unmöglich gemacht war. Abgesehen davon, daß der Fürst, der ja längst unter unverdächtigen Ge- smidheitsrücksichten in ein ausländisches Bad hätte reifen können, überhaupt keinerlei Neigung zur Flucht verraten hatte. Was in diesen Schmutz- Prozessen bisher verfehlt worden ist, wurzelt nicht in einer Begünstigung hochstehender Persönlichkeiten, sondern vielmehr darin, daß fich die Staatsanwaltschaft durch das sichere Auftreten und den Eidschwur des Beschuldigten zu schnell überzeugen ließ und die Ankläger (Harden nebst Bernstein) in ihrer verschlungenen Taktik mit ihrem Material in Berlin zurückhielten, um es nachträglich in München auf den Markt zu werfen, und zwar in vermehrter Auflage in Abwesenheit des Beschuldigten. Auch im ersten Hauprozesie sind Fehler gemacht worden, die in einer gewissen Einseitigkeit wurzelten. Die Anklage ging von der festen Ueberzeugung aus, daß nur diese eine Person als Täter in Betracht kommen könne, und ließ deshalb die anscheinend nur verwirrenden „Nebensachen" links liegen. Der Verteidiger schloß sich sonderbarer Weise dieser Auffassung an und zog nicht die Tat selbst in Zweifel, sondern nur die Zurechnungsfähigkeit Haus. Die Richter aus dem Volke konnten sich von der Unzurech- nuuasfähigkeit des Angeklagten nicht überzeugen, und darum sagten sie: Wir müssen diesen Mann, den man uns als einzig möglichen und sogar Halbwegs geständigen Täter vorgeführt hat, wegen Mordes verurteilen! — An der Gründlichkeit mag es wohl etwas gemangelt haben; an der llnparteilichkeit darf man aber nicht zweifeln. Unsere Rechtspflege ist nicht schlecht, wenn sie auch wie jedes Menschenwerk verbesse- rungssähig ist. Etwas mehr Umsicht und Vorsicht können alle Beteiligten lernen. Man darf sich weder von einem anscheinenden Jndizienbe- weis, noch durch einen pompösen Reinigungseid blenden lassen.
Gebrochene Existenzen sehen wir vor uns. Wer daran mit Schadenfreude oder vsiari-
Woche»-R»nvschau.
2 Fulda, 16. Mai 1908.
Der Kaiser und die deutschen Bundesfürsten sind von Men nach Deutschland Mruckgekehrt. Ter Kaiser war dann tu Donaueschingen beim Fürsten zu Fürstenberg zur Jagd, besuchte darauf das großherzogliche Haus rn Ka^ruhe. Von dort fuhr er zur Etnwethung der Hohkorngsburg tm Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden sich an der diesmaligen preußischen Landtags- wähl die breiten Massen des Volkes mehr als tc beteiligen. Das wird das hervorragendste Merkmal der Wahl sein. Die Unterschetdunz der Wähler in verschiedene Klaffen nach Maßgabe des Steuerzettels kann natürlich dte Wähler der dritten Klasse kaum zu besonders zahlreicher Teilnahme reizen. Wenn trotzdem diesmal die Betet- ligung der niederen Steuerzahler allgemeiner wird, so ist das vor allem darauf zurückzuführen, daß die Sozialdemokratie ganz energisch in den Wahlkampf ein greifen will, einmal weil sie in vereinzelten Fällen auf einen praktischen Er- iolg rechnet, dann aber auch, um durch das Aufgebot großer Wählermassen gegen das Drerklassen- wahlrecht zu demonstrieren. Auch das Zentrum wird diesmal mehr Wähler auf dte Seine dringen als bei früheren Wahlen. Dafür ist zum Teil die politische Gesamtsituation bestimmend, sodann aber auch der Gedanke, daß auch die Mas- sen des Volkes ihr politisches Jntereffe bekunden müssen. Bisher konnte die preußische Regierung mit einigem Recht sagen, die schwache Wahlbeteiligung bekunde dieses Jntereffe in so geringem Maße, daß sie nicht das Bedürfnis empfinde, das preußische Wahlrecht zu ändern. Wenn das auch nur als faule Ausrede gelten konnte, so ist doch so viel richtig, daß man sich durch ein schlechtes Wahlrecht nicht zu vollendeter Untätigkeit verurteilen lassen darf. Man muß auch die schlechte Waffe so gut als möglich gebrauchen. So sehr auch das Volk durch das Klassensystem totgeteilt ist, bei einer energischeren allgemeinen Wahlbeteiligung hätte sich auch bisher schon in manchen Einzelfällen ein anderes Resultat erzielen lassen, was zugleich die beste Demonstration gegen daS reaktionäre Wahlrecht gewesen wäre, das ein Produkt des Verfassungsbruchs ist. Jetzt muß die Sache endlich mehr Schwung bekommen.
In Preußen sind die Ausführungsbestimmungen zum Vereinsgesetze ergangen. Sie lassen die schlechten Seiten dieser „Errungenschaft" des Blockfreifinns recht grell hervortreten. Die Macher des Gesetzes taten sich darauf etwas zugute, daß an Stelle einer schriftlichen Anzeige auch die öffentliche Bekanntmachung treten kann. Dabei hat man besonders die Ankündigung durch Zeitungsanzeigen im Auge. Nun bestimmt der Ministers daß eine rechtswirksame Bekanntmachung nur in denjenigen Zeitungen erfolgen kann, die von dem Landrate ober der Ortspolizei- bcHörde hierzu bestimmt find; für jede Gemeinde miisien mindestens zwei Zeitungen bestimmt werden. Also läuft die Sache auf nichts anderes hinaus, als auf eine neue Jnferatenzuwendung für die fügen. Amtsblätter, für diejenigen Blätter, die wegen ihrer gouvernernentalen Haltung trotz ihrer geringeren Verbreitung die amtlichen Bekanntmachungen erhalten. Diejenigen
Ein äußerer Ausdruck der Bestrebungen, um die es sich hier handelt, ist zu finden in einem Vorgänge, der am Montag in Washington du Vertreter der amerikanischen Republiken von Nord und Süd vereinigt sah. Dort ist ein „B ü t o der amerikanischen Republiken er* richtet worden. Der bekannte Stahlmagnat Andrew Carnegie hat gleich % Millionen Mark für einen Daufonds gestiftet, aus dem etn Haus für diese Zentralorgan,satron der amerikanischen Staaten errichtet werden soll. Präsident Roosevelt war bet der Grund- fteinlegung dieses Baues, die am Montag erfolgte, offenherziger, als es sonst die Art dieses sorgsam prüfenden Politikers ist. Er nannte dieses' Haus ein Wahrzeichen der Interesse n- gemeinschaft aller Nationen der neuen Welt, die damit einen Schritt vorwärts zur Sicherung des bleibenden Friedens getan habe, unter dessen Wirkung ganz Amerika, auch Mittel- und Sud- amerika, den gewaltigen Aufschwung erhalten würden, der bei den Vereinigten Staaten tm berflogenen Jahrhundert einen so ungewöhnlich schnellen Fortschritt genommen habe.
Es ist begreiflich, daß dieser Vorgang und diese Rede in England sehr großes Aufsehen erregt haben. Unsere Vettern jenseits des Kanals betrachten sich zwar äußerlich als gute Freunde der Yankees. Das wird aber sofort anders, wenn es sich um geschäftliche Angelegenheiten handelt. Sie können sich nicht verhehlen, daß England tn relativ kurzer Zeit die Rolle als führendes In» di.ftrieland der Welt ausgespielt haben wird. Mit rührendem Eifer schimpft man in England immer wieder auf die deutsche Industrie, dte den Engländern auf dem Weltmarkt so sehr große Schwierigkeiten mache. Eingeweihte haben ober uns längst betraten, daß man mit diesem Geschrei gegen Deutschland nur die Angst vor der ame- rika nischen Industrie zu vertuschen sucht, daß insbesondere das wütende Geschrei auf stärkste Vermehrung der Flotte zur Abwehr deutscher Bestrebungen in Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, als eine Vertuschung der Tatsache, daß Englands Flottenvermehrungen fich in letzter Lime gegen die Vereinigten Staaten richten. Die ungewöhnlich starke Bevölkerungsvermehrung _ ttt Amerika und die himmelanstürmende Entwickelung ihres gewerblichen Lebens wird die Vereinigten Staaten, so fürchtet man in England, in ganz kurze - Zeit in den Besitz einer Flotte setzen, die bet englischen erheblich überlegen ist. In England aber ist man wie in keinem anderen Lande der Welt gewohnt, den Handel unter dem Schutze einer Flotte zu betreiben; man hat fich dort allmählich in den Glauben hineingelebt, daß Englands Welthandel in dem Augenblicke vernichtet sein werde, wo es einer anderen Macht gelungen sein würde, eine der englischen überlegene Flotte zu schaffe::. Ein Zusammenschluß der beiden amerikanischen Kontinente, wahrscheinlich, schon eine engere Verbrüderung von der Art der jetzt erstrebten würde die Vereinigten Staaten veranlassen, ihre Floienrüstungspläne mit größerer Energie weiter zu Pflegen.
Die Gefahr, die für England aus dieser Entwickelung der amerikanischen Dinge entspringt, geht die ganze alte Welt an. Die Mächte, die heute noch auf amerikanischem Boden oder amerikanischen Inseln Besitzungen haben, werden wosil oder übel dem Gedanken Raum gewähren müssen, daß ihnen gegenüber der Monroe-Lehre bei geeigneter Gelegenheit praktisch Geltung verschafft werden wird. Eine Gelegenheit dafür aber werden die Amerikaner schon finden, sobald sie dis
Nun wird auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege von Beleidigungsprozessen die Nachprüfung und Ergänzung des Materials in Gang gebracht und fo ein förmliches Wiederaufnahmeverfahren borbereitet Wiederkäuers ohne Ende! Was da im Hauprozeß zur Sprache kommt, ist freilich nicht so ekelhaft, wie die Grundlage des finden- burg-Prozessos, aber häßlich und unerbaulich ist nur zu sehr die Durchackerung der intimsten Familien- und Herzensgeheimniffe eines sogenann- ten besseren Hauses, das vom modernsten Geiste durchfeg war. Statt der Hauspostille wurden da Bölsche, Haeckel und andere Propheten des Materialismus gelesen; das Ende waren Totschlag und Selbstmord. Man icfjtoärmte in liberaler Schöngeisterei und endete in der traurigsten Häßlichkeit. Mit kecker Torheft wurde der Grund gelegt zu einem Trauerspiel, das schließlich nur Leichen und gebrochene Eristenzen auf der Bühne zurückläßt. Wie lange der letzte Akt mit seiner Familienzerfleischung sich noch hinziehen wird, vermag noch niemand zu sagen. Der besonnene Teil der Zuschauer ruft „Schluß! Schluß!", aber die freiwilligen und unfreiwilligen Schauspieler werden nicht müde. Es scheint, als ob sie jetzt erst red# in Zug kommen wollen, llnd leider gibt es lüsterne und schadenfrohe Zuschauer in Unmasse.
Zu den vielen schlimmen Eindrücken, die diese ärgerlichen Muge hinterlassen, gehört auch die Erschütterung des Ve r t r a u en s in die R echts- pflege. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In unserer Zeit, wo alle Autoritäten imtergraben werden, sollte doch wenigstens das Ansehen der Rechtspflege über alle sozialen Zwistigkeiten und den Parteikämpfen erhaben bleiben. Aber wenn bas so fortgeht mit berichtigenden Nachspielen zu den Sensationsprozeffen und mit der zersetzenden Kritik der Handlungen der Staatsanwaltschaft, der Richter und der Verteidiger, dann wird der alte Glaube an die geficherteGerechtig- keit dahinschmelzen, wie Butter an der Sonne.
Von vornherein möchte ich bemerken, daß nach meinem ehrlichen Urteil über den Gang der Dinge der Vorwurf des doppelten Maßes und Gewichtes nicht begründet ist. Eine ungerechte Bevorzugung von hochstehenden oder reichen Leuten kann ich nicht entdecken. Fürst Eulenburg ist verhaftet worden wie jeder andere Mann, der