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35. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 16. Mai 1908.

M 113

Erstes ’gdlatt

Zwecke des besseren Fortkommens einen Einwoh­nerschein gefälscht hatte. Dann kam auch der an seiner Braut verübte Gelddiebstahl heraus. Für diese Tat erhielt er jetzt vom Dresdner Land­gericht drei Jahre Zuchthaus, zehn Jahr- Ehrverlust und — Zulässigkeit von Po­lizeiaufsicht.

r Wiesbaden, 15. Mai 1908. Heute vor- mittag wurde das Denkmal Wilhelms I., Prinzen von Oranien, feierlich enthüllt. DaS Standbild ist eine Abbildung des gleichen auf der Schloßterrasse in Berlin. Der Kaiser hielt bei dreier Gelegenheit auf den „großen Schweiger" eine Rede. — Im Lause des Vormittages stattet« der Kaiser dann noch dem in Wiesbaden verwei­lenden König von Belgien einen Besuch ab. Auch Reichskanzler Fürst Bülow weilt in Wies­baden.

* Eisenach. 15. Mai 1908. Eine von Bayern, Preußen und Oesterreich-Ungarn beschickte Eisen­bahn-Konferenz, die heute hier zusammen- getreten ist. bezweckt eine einheitliche Gestaltung des Betriebs-Reglements.

* Darmstadt, 15. Mai 1908. Abg. Dr. Osann hat in der Zweiten Kammer eine Interpellation darüber eingebracht, ob und welche Schritte die Regierung zum Schutz der Gemeinde Schlitz gegenüber dem Brief des Grasen Goertz vom 29. April 1908 getan hat.

* Braunschweig, 15. Mai 1908. Dem Land­tag ging eine Vorlage zu, wonach die Gehälter der Staatsbeamten bis 2100 Mark Ein­kommen bis 13 Prozent erhöht werden. Di« Gehaltserhöhung erfordert 15t) OtO Mark.

lich von Aegypten nach Deutschland zurück. Er hat jede Aussage angesichts der Veränderung der Situation abgelehnt.

= Reichstagsabg. Bebel ist in Bad Rau- heim eingetroffen, um sich einer längeren Kur wegen seines Herzleidens zu unterziehen.

* Eulenburg toll jetzt auch wegen Ver­leitung zum Meineide gefaßt werden. Beider Münchener Staatsanwaltschaft ist eine Unter­suchung im Gange; man fand einen Versuch der Verleitung zum Meineide in 2 Briefen, die Eulenburg an den Fischer Ernst in Starnberg gerichtet hat.

* Ins Verbrechen gejagt. Schon wieder ist ein Fall zu verzeichnen, daß jemand, der sich nach Verbüßung einer Zuchthausstrafe redliche Mühe gab, ein ordentlicher Mensch zu werden und zu bleiben, durch die Handhabung der Polizei- Aufsicht in die Verbrecher-Laufbahn zurückgetrieben wurde. Es wird darüber berichtet:

Der jetzt 50 Fahre alte Malergehilfe Ernst Hugo Heidrich aus Plauen i. V. verließ im No­vember 1905 nach Verbüßung einer b^jährigen Strafe das Zuchthaus zu Waldheim. Seine Er- sparnisse während der Strafzeit betrugen 59 M. Seine Arbeitskraft war aber zum Teil gebrochen, denn er hatte bei einem Unfälle in der Straf­anstalt mehrere Finger der linken Hand verloren. Er erhielt aber trotz des schweren Unglücks keine Unfallrente, sondern nur zweimal aus der An­staltskasse eine Unterstützung von 15 M. $>er Gefangene trat mit den besten Absich­ten in die Welt zurück und erhielt durch Vermittlung seines früheren Meisters Beschäfti­gung als Maler. Er war fleißig und nüchtern, arbeitete trotz seiner verstümmelten Hand in red­lichster Weise. Eines Tages erschien bei seinem Meister ein Polizeibeamter, erkundigte sich nach dem ehemaligen „Zuchthäusler" und machte Mit­teilung von der dem Manne noch anhaftenden Polizeiaufsicht. Die Folge dieser Mittei­lung war die E n t l a s s u ng Heidrichs aus sei­nem Arbeitsverhältnis. Er suchte weiter nach Arbeit und fand solche bei einem Malermeister in der Vorstadt Striesen. Nach wenigen Wochen wiederholte sich dasselbe Spiel. Auch hier erschien wieder ein Polizeibeamter, und der Arbeiter flog auf§ neue auf die Straße. Nun trat er bei einer Fabrik in Niedersedlitz in Arbeit. Er mietete, um vor polizeilichen Nachforschungen in der Fabrik s cher zu sein, eine Wohnung in Niedersedlitz, eine zweite in Dresden und mel­dete sich fortab allwöchentlich vorschriftsmäßig zur Kontrolle bei der Polizei. Das ging vier Monate. Dann machten sich die Folgen der Po­lizeiaufsicht zum dritten Male bemerkbar, und der „Zuchthäusler Heidrich" wurde wieder ent­lassen. Kurz darauf erfolgte zum vierten Male die Vertreibung, diesmal aus einer Stel­lung in Radeberg. Trotz dieser Hetzjagd hielt sich Heidrich noch etwa 1% Jahr tadellos. Im Juli 1907 fand er Arbeit in Radeberg. Er machte hier die Bekanntschaft einer älteren Frau mit einigen Ersparnissen. Beide beschlossen sich zu heiraten. Aber zum fünften Male drohten ihm die Folgen der Polizeiaufsicht. Abermals war ein Polizeibeamter an seiner Arbeitsstelle erschienen, und seine Entlassung stand bevor. Nun war es mit der Kraft des Gehetzten vor­bei. Er nahm die Ersparnisse seiner Braut — einige hundert Mark — und flüchtete, um endlich Ruhe zu finden, nach Warschau, kehrte aber ohne Legitimationspapiere nach Deutschland zurück und arbeitete in Posen, Schlesien und Branden­burg, aber überall wurde er wegen der Polizei­aufsicht wieder entlassen. In Leipzig wurde er schließlich festgenommen, weil er zum

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

(Nachdruck verboten).

Nelly antwortete nicht; ihre Gedanken waren -zu sehr mit ihrer gegenwärtigen Lage mit ihrer Zukunft beschäftigt.

Zwei Stunden waren beinahe vergangen seit threr Ankunft in Palermo und es mußte sich bald entscheiden, ob ihre Flucht gelungen war, oder ob ihr Verfolger ihre Spur ausfindig gemacht hatte. Während sie noch mit diesen Gedanken beschäf­tigt war, wurden draußen hastige Tritte hörbar, „Was ist das?" rief Nelly, erschreckt auftprin- tzend.

„Es ist mein Sohn", antwortete Mrs. Jebb;

»ich kenne seinen Tritt."

Sie öffnete die Tür und ihr Sohn trat mit freudestrahlendem Gesicht inS Zimmer.

„Das Dampfschiff ist soeben angekommen l" rief er. ,Hch habe alle Passagier« ans Land gehen sehen; er war nicht unter ihnen."

Nelly atmete erleichtett auf.

„Gott sei Dank!" rief sie freudig. „Dann find wir geborgen. So bin ich ihm endlich doch entkommen. O, wie werde ich diese Nacht ruhig schlafen! Mir ist eine schwere Last vom Herzen gefallen.

„Ja, Miß Nelly, Sie find gerettet," sagte Ges- ftey. „Vor Morgen mittag geht kein Dampfer von Neapel nach Palermo und dann sind wir auf der Reise nach Marseille; die Billets hab« ich be­reits gelöst."

„Güt, Geffrey," sagte Nelly heiter, welche durch die Gewißheit ihrer Sicherheit wie umge- wan-elt war. „Du kannst nun zu Bett gehen." i Goffrey wünschte seiner Herrin und seiner Mutter eine „Gute Nacht" und ging in sein Zrmmer. Mrs. Jebb wollt« sich ebenfalls zu- ■xuckztehen.

aber zu einem triumphierenden, teuflischen Lä­cheln verzogen, sich dem Mädchen näherte, sank sie in ihren Sessel zurück mit dem Ausruf:

„Er hier! O, alles, alles ist verloren!"

In diesen Worten lag ihr ganzer Schmerz, ihre ganze Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, aber auch ihre Furcht und ihr Abscheu vor ihrem Verfolger ausgedrückt.

Dieser Mann war Roderich Gildon, Besitzer großer Güter in England, früher Parlaments­mitglied. Er besaß bedeutenden Einfluß, aber noch mehr Anmaßung und Selbstüberschätzung. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt, von ent­schieden aristokratischem Ansehen, groß von Ge­statt und steifer Haltung. Sein untadelhafter Anzugs der Ueberfluß von Diamantringen an sei­nen Fingern, der mit übertriebener Sorgfall ge­pflegte Bart, das mit peinlicher Gewissenhafttg- keit glatt gekämmte Haar verrieten unverkenn­bar seine Eitelkeit, während seine hatten Gesichts­züge, sowie der stechende, gebieterische Blick seiner grauen Augen deutlich erkennen ließen, daß er keine Opposition vertragen konnte und seinen Willen durchzusetzen gewohnt war.

Als er sich langsam Nelly näherte, stteckte diese voll Entsetzen wie zur Abwehr die Hände aus und Mrs. Jebb und ihr Sohn traten an di« Seit« ihrer Herrin, um sie zu schützen.

Mr. Gildon brach in ein dumpfes, höhnisches Gelächter aus.

„Eine rührende Szene! "-sagte er mit höhni­scher Stimme; „aber auch eine reizende Szene, die durch mein Ettcheinen hervorgerufen zu haben ich mir wohl schmeicheln darf. Ich sehe, daß Sie mich am allerwenigsten erwartet haben, meine schöne Mündel. Sie sind Ihrer Sache gar zu ge- wiß gewesen und ich muß Ihnen das Kompliment machen, daß Sie dieselbe sehr geschickt angelegt hatten, denn sicher wäre ich, um Sie zu suchen, nach Genua gefahren, hätte ich nicht durch einen Zufall entdeckt ,daß Sw Ihre Flucht per Dampf- schlft nach Palermo bewerkstelligt hatten. Diese Entdeckuna machte ich aerobe zur rechten Zeit, um

„Du mußt diese Nacht bei mir schlafen, Mar­got," sagte Nelly in bittendem Ton. „In meinem Schlafzimmer stehen zwei Betten und ich kann diese Nacht nicht allein bleiben." .

Margot war über dieses Anerbieten sehr er­freut und willigte natürlich ein. Beide legten sich zu Bett und schliefen bald darauf ein.

ES war schon spät am andern Morgen, als Mrs. JeÄ> erwachte. Schnell stand sie auf, klei- det« sich an und ordnete alles zur Abreise. Bald erwachte auch Nelly und kam im vollständigen Reiseanzug aus dar Schlafstube.

„Guten Morgen, Miß Nelly!" rief MrS. Jebb ihr entgegen. „Haben Sie gut geschlafen?"

„Dottrefflich!" erwidette Nelly mit zu friede- nem Lächeln. „Ich fühle mich so Wohl und so beruhigt."

Mrs. Jebb klingelte und bestellte das Früh­stück, welches bald darauf vor ihnen stand und das auch Nelly vorttefflich mundete.

„Der Schlaf und das Frühstück haben mich so gestärtt, daß ich mich so Wohl fühle und der- gnügt bin, wie ein Vogel in der Luft," sagte Nelly nach beendetem Mahl. „Die Freiheit kommt mir so ungewohnt vor! Wir wollen bald aufbrechen, denn tn einer Stunde geht das Schift ab."

Sie fuhr plötzlich zusammen und lauschte, ihr Gesicht wurde bleich und ihre Stimme bebte, als sie ängstlich sagte:

„Ich glaube seine Tritte zu hören. O, Mar- got, wenn er doch hier wäre!"

„Wie sollte das möglich sein?" entgegnete Mrs. Jebb lächelnd.

In diesem Augenblick öffnete ein Kellner die Tür, warf einen Blick in's Zimmer und ver- fötoant dann wieder. Nelly tat einige Schtttte vorwärts, aber sogleich schreckte sie zurück, denn die Tür tourbe noch weiter zurückgeschlagen und langsam, geräuschlos wie ein Gespenst, den fin­steren Blick auf die zitternde Gestalt des Mäd­chens gerichtet, trat ein Mann über die Schwelle.

Als jener die Tür leise hinter sich zumachte und mit drohenden, finsteren Auaen. den Mund

Zu den Landtagrwahlen.

□ Feinde ringsum!

Das Zentrum kann diesmal mit vollem Recht sagen: „Feinde ringsum!" Zwar soll ja der „Reichsblock" nicht gerade auf Preußen übertra­gen werden, denn der Liberalismus träumt von einem „preußischen Kulturblock" unter Ausschließung nicht nur des Zentrums, sonder« auch der Konservativen.

Wie der preußische „Kulturblock" zustande kommen soll, ist allerdings einstweilen noch sehr rätselhaft. Zentrum und Konservative müßte« 43 Mandate verlieren, wenn das Experiment ge­lingen sollt«. Die Konservativen sind guten Mu­tes, sie glauben, ihnen könne nichts passieren. E- müßte also das Zentrum allein schwer „bluten"« Dieses Vergnügen dürften die „Kulturmenschen" indes nicht erleben. Das Zenttum wird trotz aller Feinde ungeschwächt oder sogar verstärkt aus dem Wahlkampf hervorgehen; auch trotz der „Deutschen Vereinigung", in der Leute mit ge­kränktem und krankhaftem Ehrgeiz die Geschäft« der Zentrumsgegner und Katholikenftesser besor­gen möchten. In R h e i n l a nd und Westfa­len, wo diese Vereinigung bisher allein einige« Anhang hat, wird sich das Zentrum sicher b e- haupten, umsomehr, als die meisten Anhänger der genannten Vereinigung auch früher schon un­ter den Gegnern des Zentrums zu finden waren. Vielleicht bürfte das Zentrum infolge der Auf­teilung einiger Riesenwahlkreise im rheinisch- wesftälischen Jndustriebezirk sogar das eine oder andere Mandat gewinnen! Jn Oberschle- s i e n wird es sehr wahrscheinlich infolge bei Kompromisses mit den Polen einige Mandate wie­der erobern, die ihm infolge des Zerwürfnisses mit den Polen verloren gegangen waren. Durch das Kompromiß mit den Polen sind übrigens auch in einigen westlichen Wahlkreisen mit star-

noch den zweien, gestern nachmittag abgehendeck Dampfer benutzen zu können. Und nun bin ich hier!"

Er ließ sich behutsam auf einen Stuhl niebet, lehnte sich behaglich zurück und blickte mit wohl­gefälligem Lächeln, aber scharf beobachtend auf. Nelly.

„Ich sehe, daß Sie hier find," antwotttte dies» voll Bitterkeit; „und ich sehe auch, baß meint Flucht abgeschnitten ist und — baß ich toteber itt Ihrer Gewalt bin."

»Ja, so ist es," sagte Mr. Gildon mit einer leichten Verbeugung des KopfeS. „Ich habe mich noch zu entschuldigen, daß ich Ihnen nicht schon gestern abend meine Aufwartung machte. Ich dachte jedoch, daß Sie auch ohne mich ruhig schla­fen würden; doch hatte ich noch einige bringend« Geschäfte zu besorgen, die durchaus keinen Auf­schub duldeten. Darauf kommen wir vielbttcht später zu sprechen."

Der sarkastische Ton seiner Motte drang Nellck ins Herz, sie zitterte vor Entrüstung unb warf ihm einen Blick voll Verachtung zu, doch senkt« sie sofott ihre Augen wieder, als sie.daS teuflisch«, tttumphierende Lächeln auf feinem Gesichte be- merkte.

„Haben Sie schon etwas von Ihren Freunde« — der Familie Prout — gehött?" fuhr er in dem' früheren Tone fort. ,-Der Kellner sagte mir, daß „ bor acht Tagen nach England zurückgekehrt sind. Wle schade, nicht wahr? Und Sie wollte« hsute nach Marseille fahren und bann ihrem Freund nach England nachreifen? Es tut mit leib, daß ich all' diese schönen Pläne zerstöret muß; doch ist es meine Pflicht, Ihnen mitzutei- len, daß Sie vorläufig Palermo nicht verlasset werden. Der Ott und die Umgegend sind seht schön und ich denke, da ich mm einmal hier fcht, den Winter über hier zu bleiben. Selbstverständ-j lich bleiben Sie bei mir."

(Fortsetzung folgt.)

anlagen zu schaffen. Nur für wenige Großstädte kommt die Leichenverbrennung in Betracht unb in diese« wird eS immer ein Privileg reicher Leute bleiben.

0 Der Kaiser und der Zar sollen nach einem Petersburger Gerüchte auch in diesem Sommer wieder eine Zusammenkunst haben. In Berlin ist darüber, wie es heißt, nichts bekannt, doch schließt das ja die Möglichkeit nicht au8.

---- Kriegsminister v. Einem ist von seiner Erholungsreise nach Ober-Egypten wieder in Berlin eingetroffen und hat die Geschäfte im Kttegsministerium wieder übernommen.

[] Die Walfischbai. Im englischen Unter- haute hat die Regierung erklätt, es schwebten tatsächlich Verhandlungen über das Wal- fischbai-Territorium, aber es handele sich nicht um die Abtretung an Deutschland, sondern ledig­lich um die Festlegung der Grenze nach Deutsch-Südwestafrika hin.

□ Dernburg, der noch immer in London weilt, hat sich dort von einem Journalisten, der gern in Sensation macht, aussragen lassen. Er hat diesem erklärt, den Schlüssel zur afrikanischen Politik Deutschlands sehe er in dem Ban von Eisenbahnen. Jeder Kilometer einer Eisen- bahn bedeute mehr Handel, mehr Lebensmitlel für alle Einwohner, weniger Hunger für die Be­völkerung, weniger Mord und Totschlag. Die hauptsächlichsten Schwierigkeiten in den deutschen Kolonien seien Mangel an Wasser und der Man­gel an guten Straßen und Verbindungswegen. Auch politische Schwiettgkeiten seien vorhanden, namentlich die Differenzen zwischen Weißen und Schwarzen. England und Deutschland hätten in Afrika dieselbe Aufgabe, verfolgten dasselbe Ziel, arbeiteten in derselben Weise. Deutschland wünsche, daß England in feinen Kolonien gute Geschäfte mache; denn je besser das Geschäft, desto geringer die Gefahr von Verwickelungen.

(*) Das preußische Abgeordnetenhaus soll bekanntlich in diesem Jahre zu einer Sommer­tagung zusammentteten, um sich zu konstituieren, damit Preußen nicht ohne einen Landtag fei. Diese Tagung soll nach einer konservativen Korrespondenz spätestens am 30. Juni beginnen, da vorher die Feststellung der Wahlresultate noch nicht möglich sein werde. Der alte Landtag werde noch vor Himmelfahrt aufgelöst werden.

△ Die Revision im Hardenprozefi soll am kommenden Freitag vom Reichsgericht behandelt werden. Harden war bekanntlich zunächst im" Privat klageverfahren vom Schöffengericht frei- gesprochen worden; bann aber übernahm der Staatsanwalt die Verfolgung der Sache im öffentlichen Jntereffe, unb batauf hat man Harden zu der Strafe von 4 Monaten Gesängnis wegen Beleidigung des früheren Stadtkommandanten Guno v. Moltke verurteilt. Die Revision Hardens beim Reichsgericht in Leipzig macht geltend, es seien, was nach der Strasprozeß- ordnung unzulässig ist, in dem Urteil Urkunden verwertet worden, ohne daß man sie vorgelesen hätte. Auch stehe Harden der Schutz des § 193 (Wahrnung berechtigter Jntereffe») zu, da er als Staatsbürger ein lebhaftes Interesse an der Be­seitigung Eulenburgs gehabt habe. Werter rückt die Revision, daß Fürst Eulenburg nicht erschöpfend vernommen worden sei; der Staats­anwalt habe für ihn eine Erklärung abgegeben, die Eulenburg selbst unter seinem Zeugeneide ab­geben müsse. —Guno Molke kehrt cmgenblick-

Derrtsches Reich.

A Die Leichenverb renmmg.

Um die Mitte April ging durch di« Reihe bet Leichenverbrennungssreunde ein Frohlocken: Die preußische Regierung sollte erklärt haben — ■unb sie hat auch wohl erklätt; benn ein Dementi ist nicht erfolgt — nachdem andere Bundes­staaten die Feuerbestattung zugelaffen hätten, werde Preußen kaum noch in der Lage sein, aus seinem ablehnenden Standpunkte zu verharren. Sie wollte aber abwarten, was bas Urteil zu dem Hagener Falle sagen würbe. Die Polizei in Hagen hatte nämlich gegen bie Absicht bes Feuerbestattungsvereins bie Einäscherung von Leichen vorzunehmen, ein Verbot erlaffen. Jetzt hat baS Oberverwaltungsgericht gesprochen. ES hat am Freitag ben Hagener Verein abgerotefen unb bahin erkannt, baß bie Leichenverbren­nung in Preußen unzulässig ist.

Darob herrscht nun kein Kummer, eher Freube in ben Reihen der Freunde der „Feuerbestattung". Sie haben ben Prozeß verloren, aber jetzt wirb, meinen sie, bie Regierung ein eigenes Gesetz machen unb baburch bie Wege für bie ausge- behnteste Feuerbestattung ebnen. Sie können .also mit ihrer Agitation, bie sich wie bie Führer bet Freidenkerbewegung immer wieder betont haben, direkt gegen ben Gottesglauben richtet, jetzt auch in ben bisher noch „rückständigen" deutschen Bundesstaaten kräftig einsetzen. Zuge­laffen ist die Feuerbestattung bisher in König­reich Sachsen, Sachsen-Koburg und Gotha, Baden, Hamburg, Sachsen-Weimar, Großherzogtum Hessen, Württemberg, Bremen, Anhalt, Lübeck, Sachsen-Meiningen und Reuß j. Linie.

Praktisch wird die Leichenverbrennung nie­mals große Bedeutung erlangen können. Das wissen die Leute, die auf diesem Umwege dem Christentum zu Leibe gehen, sehr wohl. Dr. Beumer-Bonn hat das vor zwei Jahren einmal in der ,@ermania' sehr deutlich nachgewiesen. Er beruft sich auf die Aeußerung des Prof. Brouardel auS dem französischen amtlichen Ge- funbheitSrate, der da erklärte, daß bie Leichen­verbrennung trotz ihrer theoretischen Vorzüge praktisch unmöglich, sowie für baS gesellschaftliche Leben gefährlich fei. Belege für die Wahrheit dieies Satzes bringt Dr. Semner reichlich bei: „Die zurzeit in Paris unter großen Kosten aus dem Kirchhof Pere-Lachaise erbauten Oesen ver­möge« jeden einzelnen Tag kaum dreißig Ver­brennungen vorzunehmen. Wie sollten sie für eine außergewöhnliche Sterblichkeitsziffer genügen, da sie unter normalen Verhältniffen kaum de» fünften ‘1)i5 fechsten Teil der täglichen Leichen einäschern können? Wie wollte man ba die fünf, bis fechshuudert Unglücklichen (in Hamburg starben während der Cholera täglich l20u Menschen), bie bet einer Seuche (täglich) fallen, sogleich einäschern? Welche Menge von Oesen wäre zur Bewältigung dieser gewaltigen Aufgabe er'orberlich? Man siebt e$ ein: inmitten einer verpesteten Stabt, in der die Seuche ihre Geißel schwingt, könnte die Leichenverbrennung nur eine ungeheure Verlegenheit schaffen, eine tatsächliche Gefahr!" In kleinen Orlen wirb es überbirs ganz unmöglich fein, derartig teuere Verbrennungs-

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