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«rschewt tSglich mit Auniahm« ter Sonn. «ndZeiertage. viertel­jährlich« vrzngrprrir ohne vringerlohn und Bestellgeld in Zulda so- wie auswärts (.50 Ult

P traute. Redatteurr

Carl Schütte;

für die Anreizen:

Z.parzeLer in Fulda.

Maer W Zeitmg

w-chenb-ilage: Illustrierte $onntag$5eihittg“ „Fuldaer GeschichtsbMer"

Anzeigen: Vie ei» jpettigepetitzelleoter Heren Lau« 15 Pfg. SeNmnendrepetltzeile 25 Pfg., bei Wied«. Holungen wird «ntspt^ Rabatt gewährt.

Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak» tieudruckerei i« Fulda Fernsprecher Rr.9.

= Mecklenburg.

ES war die allerhöchste Zeit, daß in Mecklen­burg eine Aenderung der Verfassung angekundrgt wurde. Denn mit dem 15. Mai beginnt eme neue Ara auch für das &mb mit dem Ochsenkopf im Wappen. Das Reichsvereinsgefetz tritt m Kraft. Von diesem Augenblick an kann sich auch in Mecklenburg, das bisher gar kein Vereins­recht hatte, die öffentliche Meinung rühren und die Stimme des Volkes sich vernehmlich machen, selbst wenn eine Volksvertretung nicht existiert.

Was Mecklenburg feine „Verfasfung" nennt, stammt noch aus dem Mittelalter! Die Staatsordnung beruht auf den „Reverfalen" von 1572 und 1621 und dem „Erbvergleich" von 1755. Danach ist im grobherzoglichen „Doma- nium" der Landesfürst alleiniger und un- umschränkter Gesetzgeber. Auf daS Domanium entfallen 42 v. H. der Gesamtfläche des Landes auf die Ritterschaft, daS find 639 Gutsbesitzer, 46 und auf die Städte etwa 12 v. H. Neben dem Landesfürsten herrschen Ritter­schaft, Landschaft, ehemalige Klöster, teilweise un- umschräntt über die Untertanen. Namentlich di« Ritterschaft (das sind die Besitzer ritter- schaftlicker Güter) tun sich in der Beziehung her­vor. Sie haben eigene „Rübenbahnen", eigene „Katüffelschosfeen", ein eigenes Lehrerseminar,für Heranbildung der vordem gewiß noch weniger für ihr Amt geeigneten Lehrer der „Hintersassen" usm. Und sie können täglich neue Gesetzgeber stellen, neue Güter bilden. Jeder, der reich ge­nug ist, ein solches Gut zu kaufen, wird in dem Augenblick Gesetzgeber von Mecklenburg.

Den sogenannten „Landtag" beschicken die landtagsfähigen Besitzer von Hauptgütern, mit obrigkeitlicher Gewalt ausgestattet, sowie die Ob­rigkeiten der landtagstähigen Städte. Jene bil­den die Ritterschaft, diese die Landschaft. Von einer Wahl ist keine Rede. Die Ritter wie die Bürgermeister sind lebenslängliche Gesetz­geber. Gänzlich unvettreten auf dem Landtag ist das großherzogliche Domanium, dessen Ein­wohner fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, desgleichen das Fürstentum Ratze­burg und die Stadt NsuEtrelitz. Bauern, Handwerker, Arbeiter haben an dem Landtag keinen Teil. Ritterschaft und Landschaft stimmen nach Ständen; eine Uebereinstimmung des einen Standes durch den andern wird durch die itio in partes (gesonderte Beschlußfassung) verhindert. Der Landtag kennt weder eine Ge­schäftsordnung noch eine Rednerliste. In vielen Fällen steht ihm nicht eine bindende Entscheidung, sondern nur ein „ratsames Erachten" zu. Außer dem Landtage gibt es noch Konvokattons- und Deputationstage, Ausschüsse und Konvente, kurz­um eine Menge von Gebilden, in denen sich ein moderner Mensch kaum zurechtftnden kann. Das Ganze ist das vorsintflutliche Zerrbild einer Verfassung.

Aber es hat allen Stürmen und Wandlung«: der Zeit aetrotzt, der fran "'fischen Revolution, wie dem Jahre 1848, wie der Verfassung des Deutschen Reiches und verschiedentlichen Beschlüs­sen des Reichstags. Zwar 1848 schien es anders werden zu sollen. Es wurde eine „Konstitution" geschaffen; aber kaum hatte die Reattion die Herrschaft erlangt, so wurde der alt« Zustand wieder hergestellt. Später ist hin und wider der Versuch gemacht worden, wenigstens den ärgsten Mißständen zu steuern. Aber die Ritterschaft war

35. Jahrgang.

Fulda, Freitaq den 15. Mai 1908.

JW 112.

Erstes Mtostt

für Lehrerinnen 1050 Mark 1060—1100 Mark 1100-1150 , 1150-1350 „

180—200

200-250

für Lehrer

in der 1. Klasse 1350 Mark

_ 2. , 1350-1400 Mark

', 3., 1400—1450 „

' , 4. , 1450—1650 „

die Alterszulagen

für Lehrer

Deutsches Reich.

□ Die Walfischbai.

Auf der aftikanischen Landkarte fällt in der deutschen Besitzung in Südwestafrika sehr unlieb­sam ein fremder Punkt auf, der an der Küste tn der Nähe von Swakopmund liegt. Als seinerzeit die Mächte sich über alles herrenlose Land der Welt hermachten, da untersuchte England auch unser unheilgesegnetes DeutschSüdwestafrlka. Es nahm davon nichts, nur die Walfischbai, den em- zigen einigermaßen brauchbaren Hafen, die die endlos lange Küste bot. So ist Walfischbai eng­lischer Besitz geblieben bis zum heutigen Tage.,

Staatssekretär Dernburg ist soeben tn London, und Leute, die mit seinen Ansichten und Absichten vertraut sind, behaupten, er beabsich tige die Walfischbai für Deutschland zu erwerben; darüber hat sich em mehr oder weniger heftiger Streit entwickelt, bei dem ins­besondere auch die Interessen der Bewohner von Swakopmund eine sehr erhebliche Rolle spielen; diese wollen natürlich keine Entwertung ihres Grund und Bodens und ihrer Ansiedelung da­durch, daß der ganze Schiffsverkehr von Swakop- mund toeggenommen wird. Tatsächlich können diese egoistischen Bestrebungen auf den Gang der Dinge keinen Einfluß haben. Für den nüchter- neu Beurteiler ist die Frage der Walfischbai eme reine Zweckmäßigkeitsfrage.

Deutschland hat bereits eine derartige Tausch­angelegenheit hinter sich. Das war der Aus­tausch von Sansibar gegen Helgoland. Heute wißen wir, daß dieser Austausch für uns keine Eroberung war; denn mit Sansibar haben wir auf die wichtigsten Punkte von Deutsch-Ostafrika verzichtet und uns die Engländer direkt aus die Nase gesetzt, ohne in Helgoland eine bei dem heu­tigen Seewesen hinreichend wichtige Gegenlei­stung erhalten zu haben.

Was man gegen die Walfischbai austauschen könnte, ist nicht zu ersehen. Wahrscheinlich würde es sich um Verzichte auf Rechte handeln, die, für uns direkt keinen Wert haben, die aber indirekt für die Jnschachhaltung Englands für die Zu­kunft die allergrößte Wertschätzung beanspruchen können. Wenn die Regierung z. B. durch ein Entgegenkommen gegenüber dem russischeng­lischen Vertrag über Persien den Engländern er­leichtern würde, den Landweg von Aegypten nach Indien zu schaffen, so wäre das auf den ersten Blick für uns nicht wichtig, es würde aber für die Zukunft von der allergrößten Tragweite fein, weil England oadurch in die Lage versetzt werden würde, feine indischen Regimenter mit in das europäische Konzert zu stellen. Man wird daher auf jeden Fall sehr genau zu prüfen haben, ob das, was von uns für die Walfischbai verlangt wird, nicht viel wichtiger ist, als es bei uns an­genommen wird.

Bor allem aber: W e l ch e n W e r t hat der Hafen für uns? Der beste Hafen von Deutsch Südwestafrika ist, wie wir heute wissen, der von Lüderitzbucht, obwohl auch der nicht viel wert ist. Walfi sch bai unterliegt der Gefahr der Ver­sandung, und die scheint recht erheblich zu sein. Wenn England nicht in der Lage ist, größere Maßnahmen gegen die Versandung zu treffen, wird es auf die Dauer den Hasen nicht retten können. So berichten berufene Sachverständige. Für uns hätte der Hafen ja größeren Wert, aber wir sind bisher davongekommen, haben in Swa­kopmund große Lade- und Löscheinrichtungen an­gelegt und können daher die fortschreitende Ent­wertung der Walfischbai ruhig abwarten. Das ist offenbar das richtige. Wenn zweie tauschen, wird einer betrogen, und nach den Erfahrungen bei Sansibar scheinen wir keine großen Anlagen zum betrügen zu haben.

Die Alterszulagen sollen wie bisher in neun Stufen nach je drei Jahren gewähtt werden. Innerhalb der gesetzlichen Mindest- und Höchst­grenze soll den Schulverbänden in den ersten drei Klaffen die Festsetzung der Gehälter überlassen bleiben. Die Einteilung der Schulverbände in di- einzelnen Klaffen soll nach der Einwohnerzahl (5000, 5001—10001, 10001—40 000, über 40000) erfolgen. Die Schulverbände der vierten GehaltSklaffe sollen berechtigt sein, das Grund­gehalt und die Alterszulagen höher sestzufetzen, doch soll ein solcher Beschluß der Genehmigung der Aufsichtsbehörde bedürfen. Die MietSent» schädigung soll für jede Provinz unter Zu. arundelegung der für den Wohnungsgeldzuschuß der unmittelbaren Staatsbeamten maßgebenden Ortsklaffeneintellung festgesetzt werden. 93fi der Bemessung des Ruhegehaltes soll der Durch» schnittssatz der MietSentschädigung jeder Lehrer» kategorie (Rektoren, Lehrer, Lehrerinnen) zugrunde gelegt werden. — Die .Pädagogische Zeitung* bemerkt, daß diese Grundsätze v o r den bekannten Verhandlungen der Unterrichtskommission bei Abgeordnetenhauses geplant warm, und es bleibe abzuwarten, ob die Beschlüsse der Kommission eine Umarbeitung deS Entwurfs zur Folge haben werden.

A Die Denkschrift über die Privatbeamten­versicherung, in der die technische Seite der Sache behandelt wird, wird in nächster Zeit fertig ge» stellt sein. Sie wird alsdann veröffentlicht wer­den, um aus der öffentlichen Diskussion die Grundlage für die weitere Bearbeitung der Materie zu gewinnen.

□ Die Gesandten Mulay HafidS feilen jetzt in Deutschland von einem Komitee der Marvkkointereffen aus Kosten eben dieser Jntereffenten durch ganz Deutschland ge­schleppt werden, damit sie überall Ansprachen hallen. Hoffentlich macht die Reichsverwaltung den Urhebern diese- merkwürdigen Planes recht bald gründlich klar, daß in Deutschland ein der-

* Der Dank des Kaiser« Franz Joseph an de» deutsche« Reichstag. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet, hat aus Anlaß der Kundgebung bei deutschen Reichstages zu Ehren des Regierungl- jubiläums des Kaisers Franz Joseph der öfter- reich-ungarische Botschafter v. Szögyeny an den Reichstagspräsidenten Grafen Stolberg em Schreiben gerichtet, worin er demselben mitteut, der Kaiser Franz Joseph habe den Kaiser Wil- Helm um die Vermittlung seines Dankes an de» deutschen Reichstag ersucht, außerdem aber an- geordnet, daß er durch Vermittlung des Botschaf­ters dem Reichstagspräsidenten bekannt gegeben werde.

* Ueber die Grundzüge deS neuen Lehrer» besoldmrgSgesetzes erfährt die /Pädagogisch» Zeitung^ folgendes: Es sollen für die Grund­gehälter, wie für die AlterSzulagen nicht, wie zuerst mitgeteilt wurde, drei, sondern gar vier Klassen gebildet werden. Dir Grundgehälter sollen betragen

in der 1. Klaffe 150 Mark 150-180 Mark

nicht geneigt, ihre Vorrechte aufzugeben. Wird der jetzige Versuch glücklicher enden?

Man muß lachen, wenn man in der von dem Staatsminister Grafen v. Bassewitz-Levetzow ver- faßten Thronrede lieft: .Die Vorlagen berücksich­tigen die Anforderungen der Gegenwart, indem sie auf der Grundlage der eigenartigen Derhält- niffe Mecklenburgs weiter bauen und damit Für­sorge treffen, daß eine Erschütterung der inneren Verhältnisse des Landes durch grundstürzende Veränderungen vermieden wird." In der Tat, eigenartig genug sind die Verhältnisse Mecklenburg«. Aber daß die Machthaber des Grotzherzogtums eine verhängnisvolle Erschütte­rung und grundstürzende Umwälzungen beab- sicht igten, wer wird es ihnen zutrauen? Schade nur, daß bei dieser Scheu vor durch­greifenden Aenderungen die „Anforderungen der Gegenwart" nicht zu ihrem Recht kom- men werden! Was jetzt geboten wird, ist zwar nicht ganz so schlecht, aber auch nicht viel bester, al« was bisher Rechtens war. Der Masse des Volkes bietet es zu wenig, viel zu wenig, um sie irgendwie befriedigen zu können. Die alten Stände mitsamt den Vertrauensmännern des Großherzogs haben von vornherein die Mehrheit. Es gibt Abgeordnete der verschiedensten Sorten, der Stände, der Berufe, der städtischen, der länd­lichen Bevölkerung. Das Wahlrecht ist ungleich und inbireft. Daß es auch öffentlich fein soll, wird nicht gesagt, ist aber zu vermuten. Hätte es dieses Wahlrecht schon 1866 gegeben, Bismarck wäre nicht zu seinem Ausspruch gekommen, daß das preußische Landtagswahlrecht das elendeste und widersinnigste sei. Denn das mecklenbur­gische wäre ihm über gewesen.

Wenn die Verfassungsvorlagen angenommen würden, waS noch sehr zweifelhaft ist, bliebe Meck- lenburg immer noch um etliche Menschenalter hin­ter jedem Kulturstaat zurück, und nichts ist kenn­zeichnender für die bisherigen Zustände, als daß dem Volk eine Vertretung wie die jetzt vorgeschla­gene als Erfüllung der „berechtigten Anforde- rungen der neueren Zeit" geboten werden kann.

Hervorgehoben werden muß, daß die Regie­rung von Mecklenburg auf kirchenpolitischem Ge­biete sich auch jetzt zu keinen Reformen bequemen will: sie steht vielmehr heute noch auf dem Stand­punkte, den sie in einem Reskript vom 10. März 1852 ausgesprochen hat: daß die Katholiken dort nur geduldet sind, oder daß ihre 9te- ligionsübung dort nur geduldet ist und daß zu den den Katholiken verliehenen bürgerlichen und Politischen Rechten das Recht der öffentlichen Re> ligionsübung nicht gehört. Wenn man im Deutschen Reiche den Katholizismus in Knechts­gestalt schauen will, so muß man nach Mecklen­burg gehen. Er lebt geradezu kümmerlich von kleinen Zugsständnissan; die Erlaubnis zum Bau eines ganz bescheidenen Kirchleins ober zur Anstellung eines Geistlichen ist immer eine Haupt- uub Staatsaktton, bet der die Katholiken im wesentlichen auf das persönliche Wohlwollen des Großherzogs angewiesen sind. Bei der gewalt­samen Fortführung des Schloßkaplans von Ma­tzendorf, des späteren Domkapftulars Tr. Holz- ammer in Mainz, huldigte die mecklenburgische 9tegienmg nach dem Grundsätze, „daß sie es den ?e<reuen Ständen und der evangelischen Landes- irche londgrundsätzlich schulde, einer weiteren Ausheilung des römisch-katholi­schen Golt es dien st es und Zulassung einer noch größeren Zahl römisch-katholischer Priester nicht Raum zu lassen".

Ist da« ein Rechtszustand, würdig eines deut­schen Bundesstaates am Ende des 19. Jahrhun­derts?

" 3

für Lehrerinnen 120 Mark 120-130 Mart 130-140 „ 140-150 „

<1

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

(Nachdruck verboten).

11.

Ein zweifelhafter Vertrag.

An demselben Tage, an welchem unsere Ge­schichte beginnt, etwa eine Stunde vor Ausbruch des Sturmes, näherte sich dem Hafen von Pa­lermo ein von Neapel kommender Dampfer.

Unter den wenigen Passagieren befand sich eine Dame von etwa zwanzig Jahren, welche auf einer Bank saß und anscheinend in dem Anblick der malerischen Stadt verloren war. Ihre Augen Starrten jedoch vor sich hin und verrieten nicht >as geringste Jntereffe des jungen Mädchens an dem vor ihm liegenben Bilde. ES schienen viel­mehr ganz andere Dinge zu fein, welche ihre Ge­danken beschäftigten, und gerade nicht sehr an­genehme, denn Ihre Wangen waren bleich um ihren feingeschnittenen Mund lag etn sAnerzttcher Zug und in ihren großen, dunklen Augen log etwas AengstlicheS, Peinliches.

Sie erhob sich jetzt uni»trat an b» grußm« des Schiffes; da zeigte sich ihre hohe, schlwike Gestalt und entfaltete ihren ganzen 3tmber. SSte majestätisch war ihre ganze Haftung, tote grazwS waren ihre Bewegungen l .

Eine ältere Frau, die Dten«rn betjungen Dame, trat jetzt näher »u ihr nut bat Worten

„Diese Reise haben wir glücklich überstand», Miß Nelly —"

Das Mädchen fuhr erschreckt zusamnwn -

„Still, Margot", unterbrach sie flüsternd bw Inte; „sprich meinen Namen hier nicht aus, er tonnte gehört werden und uns verrätst, nachdem wir der Gefahr Halbweg entronnen sind. Glaubst Du, daß er unsere Spur entdeckt hat und uns ^erfolgt?"

Handschrift sprechen für das Gegenteil. Nun, was geht baS mich an."

Er schickte sich zum Fortgehen an, Nelly aber rief ihn zurück, als er bereits die Tür geöffnet hatte.

„Können Sie mir sofort einen Boten senden?" sprach sie mit lieblicher, klangvoller Stimme. „Oder vielleicht können Sie mir die gewünschte Auskunft geben. Ich suche eine mir befreundete englische Familie, namens Prout, welche sich wegen Kränklichkeit einiger Mitglieder derselben hier aufhält. Ist biefetoe Ihnen bekannt und können Sie mir ihre Adresse geben?"

„Prout!" wiederholte der Kellner nach- denkend. ,Lch kenne allerdings eine Familie dieses Namens; sie hat hier tn unferm Hotel logiert, ist aber vor acht Tagen nach England zurückgereist. Der Herr war ein englischer Offi­zier."

„Ganz recht, es ist derselbeI" rief Nelly auf­geregt. „Und sie sind fort? O, weich' ein Miß­geschick!"

Sie wandte ihr Gesicht ab, um ihre Tränen zu verbergen, und der Kellner, welcher in der ganzen Geschichte etwas Geheimnisvolles ver­mutete, zog sich zurück, nochmals vor sich hinmur- melnb*

„Nun, was geht es mich an!"

Als er das Zimmer verlassen hotte, trat Mrs. Jebb, die während besten hereingekommen war und das Gespräch mit angeyört hatte, zu ihrer Herrin, legte deren Kopf an ihre Brust und sagte tröstend:

„Weinen Sie nicht, Miß Nelly! Machen Sie sich nick' unnötigen Kummer. ES ist ja noch nicht alles verloren! Morgen früh können wir mit dem Dampfschiffe nach Marseille toeiterretien. Dort werden Sie die Pvout'S ober eine andere Familie finden, die sich Ihrer annimmt."

esvielleicht z« spät", erwiderte Nelly bett»cht „Möglicherweise werden wir schon ^folkst. Archen Neapel um fünf Uhr, um techs Uhp fahrt ein anderer Dampfer von

„Wir wollen hoffen, daß dies nicht der Fall ist" erwiderte die alte Dienerin. „Doch wir sind an 'der Landungsbrücke. Hier kommt Geffrey."

Gefftey Jebb war der Sohn der alten Margot und der Diener Miß Nelly Wilkins'. Er war ein großer, kräftiger Bursche mit offenem, gutmüti­gem Gesicht und war, ebenso wie seine Mutter, seiner jungen Herrin treu ergeben.

„Miß Nelly", sagte er mit einer tiefen Ver­beugung, „ich will daS Gepäck nehmen und eine Droschke holen. Sie werden doch vorläufig in einem Hotel Logis nehmen, da Sie nicht wissen, ob Ihre Freunde noch in Palermo find?"

DaS Mädchen überlegte einen Augenblick, dann sagte eS:

„Du hcfft Recht, Geffrey, wir wollen vorläufig im Hotel logieren. Nimm das Gepäck und bringe es an Ort und Stelle.

Miß Nelly und ihre Dienerin gingen an's Land und bestiegen den Wagen, den der Diener bestellt hatte. Miß WilkinS gab dem Kutscher Befchl nach einem Hotel ersten Ranges zu fahren.

Nachdem sie im Hotel angenommen und von den ihnen angewiesenen Zimmern Besitz ergrif­fen hatten, warf Nelly Hut und Umhang auf einen Tisch und sank erschöpft in einen Lehnstuhl, ihre Äugen schließend und daS Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

Mrs. Jebb, die alte Dienerin, war erstaunt, einen Englisch sprechenden Kellner zu finden und bestellte für ihre Herrin daS Mittagsmahl.

Bald erschien ein Kellner mit Schreibmaterial und einem großen Buch und bat Nelly, ihren Namen in dasselbe einzutragen.

DaS Mädchen wurde etwas verlogen und zö­gerte einen Augenblick, indem sie in dem Buche blätterte; dann aber schrieb sie:

„Miß Week und zwei Diener."

Der Kellner betrachtete gleichgültig den Ka­men, dachte aber bei sich selbst:

„Miß Week? Sollte das ihr richtiger Name fein? Ihr Zögern und die offenbar sehr verstellte

dort nach Palermo ab, so daß er in einer Stunde schon hier sein kann, und dann ist alles verloren!"

„DaS glaube ich nicht", wendete Mrs. Jebb ein, obgleich sie selbst nicht ganz unbesorgt war. „Wir haben die größte Vorsicht angewendet und die umfassendsten Maßregeln getroffen, um ihn von der rechten Spur abzulenken und ihn glauben machen, wir seien nach Genua entflohen. Bis morgen find wir jedenfalls sicher und später mag er kommen."

Der freundliche Ton, die zuversichtlichen Worte der allen treuen Dienerin verfehlten ihre Wir­kung auf Miß Nelly nicht; sie faßte wieder Mut und richtete sich auf.

„Im Notfall kann ich mich auch an den eng­lischen Konsul wenden; er wird mich ohne Zweifel beschützen", sagte sie. „Zur Vorsicht habe ich einen falschen Namen ins Fremdenregister eingetragen. Ich nannte mich Miß Week."

„Das ist recht. Miß Nelly, wir können nicht vorsichtig genug sein", versetzte Mrs. Jebb. „Wir wollen in Gegenwatt Anderer Ihren wirklichen Nanwn nicht eher nennen, als bis wir außer Gs- fahr sind. Mein Sohn ist wieder an den Hafen gegangen, um die Ankunft des nächsten Dampfers abjutoarten und zu sehen, ob er mitkommt."

Ein Kellner brachte das Effen, stellte es auf den Tisch und entfernte sich auf einen Wink NellY'S wieder. Diese aß nur wenig, stand dann auf und trat an das Fenster. Die Straße war to«ng belebt und die noch auf derselben befinb* lugen Personen eilten ihren Wohnungen zu, denn die ersten Vorboten des ausbrechend«! Sturmes stellten sich bereits ein. Als die schwarzen Wol­ken die ganze Umgebung be§ Hauses in völlige Finsternis hüllten, als der Wind den Regen mit Heftigkeit gegen die Fenster schlug, zog sich Nelly zurück und warf sich auf eiee Ruhebawk.

„Das ist ein schrecklicher Sturm! sagte Mrs. Jebb Der wird numchem Schisse Verderben bringen." Es ist gut, daß wir in Sicherheit sindl"

(Fortsetzung folgt)