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Maer U? Zeitung

ÄÄ wochtilbcllag«: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

35. Jahrffanq.

Fulda, Donnerstag den 14. Mai 1908.

M 111

verantw. Redatteurr Larl Schütter

«rschektt täglich mit »«nahm« -er Sone« und Leiertage, viertel» jährlicher vezngrpreir ohne vringerlohn und vestrS-eldinLnldaso- wie auswärts 1-50 OIL

monotebdiage: „Luldaer Geschlchtrblätter"

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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer N> tiendruckerel in Lulda Lernsprecher Ur. 9.

Erstes Matt.

Deutsches Reich.

-H Der Kaiser und der Blockreichstag. Der Kaiser Hai an den Fürsten Bülow solgendeS Telegramm gerichtet:

.Ich habe Eurer Drrrchlaucht Bericht v. 7. dS. Mts. mit großer Befriedigung entnommen, eine wie ausgiebige Tätigkeit der Reichstag in seiner so bm geschloffenen Session entfaltet und welch eine bedeutende Anzahl wichtiger Gesetzesvorlagen und Verträge derselbe erledigt hat. Zu diesem sehr erfreulichen Ergebnis, welche- neben der patrio­tischen Haltung des Reichstage- in erster Linie das Verdienst Ihrer und Ihrer Mit- arbester geschickten und unermüdlichen Bemühungen ist, spreche ich Euerer Durchlaucht hierdurch wieder­holt von Herzen Meine Kaiserliche Anerkennung und Meinen aufrichtigen Dank aus. Möge dem Vaterland diese nutzbringende Arbeit des Reichs­tages zum immerwährenden Segen gereichen und für denselben ein Ansporn sein, die großen, ihm noch beoorstehenden Aufgaben in gleicher Weise auch fernerhin einem erfolgreichen Ende zuzuführen. Wilhelm L R."

liebet die „ausgiebige Tätigkeit" und die „nutzbringende Arbeit" des Reichstage- wird der größte Teil des Volkes anderer Meinung sein als der Kaiser.

v) Der Bundesrat hat der Münznovelle zu- gestimml, sodaß nun also ein 25 Pfg.-Stück und ein 3 Mark-Stück neu ausgeprägt werden.

* Zur Reichsfinanzreform. Die „Kln. Ztg." meldet aus Berlin: Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes S y d o w hat, wie wir erfahren, seine Reise nach den Hauptstädten der deutschen Bundesstaaten dazu benutzt, um die Frage der Reichsfinanzreform mit den maßgebenden Instan­zen zu erörtern, bevor die preußische Regierung ihrerseits sich über die dem Bundesrat zu unter­breitenden Pläne schlüssig macht. Meldungen, daß bestimmte Steuervorschläge dem Bundesrate oder dem Reichstage vorgelegt werden sollen oder aus dem Kreise der Erwägungen ausgeschlossen seien, sind jebenfalls mit großer Vorsicht auf­zunehmen.

— Eulenburgs Haftentlassung abgelehnt. Eulenburgs Rechtsbeistand hatte bekanntlich beim Kammergericht gegen die Ablehnung seines An» träges auf Haftentlassung Beschwerde beim Kam- mergericht eingelegt. Das Kammergericht hatte diesen Antrag abgelehnt, weil die Gefahr der Verschleierung des Tatbestandes vorsiege.

)( Mulay Hafids Gesandten, Ben Asus und Ben Nis trafen Mittwoch mittag im Automobil und in Begleitung ihres Dolmetschers im Aus­wärtigen Amte ein und hatten dort Gelegenheit, in einer halbstündigen Unterredung, dem zurzeit in Berlin weilenden Legationssekretär der deutschen Gesandtschaft in Tanger, Frhrn. Dr. Langworlh von Simmern, ihre Wünsche vorzutragen. Halb­amtlich wird milgeteilt, die Gesandten hätten betont:

„Der Mulay Hasid sei der rechtmäßige Herrscher von Marokko; er sei gewillt, die Verträge, rnsdesondere auch die Akte von Algeciras, zu halten, und sie bäten die Reichsregierung, mit den übrigen Mächten in Verbiridung zu treten, damit die srän- zöstschen Truppen zurückgezogen und damit der Friede wieder hergestellt würde."

Die R e g i e r u n g hat darauf erwidern lassen:

„Der kaiserliche Gesandt« in Tanger hat der Kaiser­lichen Regierung das Schreiben vorgelegt, mit welchem

Mulay Hastd Ihre Mission nach Berlin ankündigt. Der Herr stellvertretende Staatssekretär des AuSwär- ttgen Amtes steht sich nicht in der Lage, mit Ihnen in amtliche Verhandlungen einzutreten, da Ihr Auf­traggeber keine anerkannte, völkerrechtlich e Persönlichkeit ist. Der Herr stellvertretende Staats- sekretär hat indes mich, weil ich als Mitglitt» der Katterlichen Gesandtschaft in Tanger mit den marok­kanischen Verhältnissen vertraut bin, beauftragt, Ei« anzuhörru und ihm demnächst über Ihr« Mittettungen Bericht zu erstatten. Ich bin natürlich nicht be­auftragt, Ihnen bestimmte Aussichken zu eröffnen, son­dern muß es der Erwägung der Kaiser!. Regierung vorbehalten, ob überhaupt und wann sie etwa auS Ihren Mitteilungen einen Anlaß entnehmen will, um darüber mtt Frankreich und den anderen Konferenz- Mächten in Verbindung zu treten. Daß die Kaiserliche Regierung bestrebt ist, die Bestimmungen der Akte von Algeciras aufrechtzuerhalten, ist bekannt. Ihr Wunsch ist, daß in Marokko vor allen Dingen endlich wieder geordnete Verhältnisse ein­treten. Dies kann nur geschehen, wenn der innere Streit um die Herrschaft in Marokko möglichst bald aushört."

** Die deutsche Kolonialgesellschaft wird am 12. und 13. Juni in Bremen lagen. Aus der Tagesordnung sieht ein Antrag auf Schaffung einer kolonialen Gesetzgebung, ferner ein Antrag über Errichtung eines gemeinnützigen Kreditin- Mutes für Südwestasrika. Weilet wird man sich mit der Eingeborenenfrage, sogar mit der Emgebolenenfülsorge und endlich mit bet Er­haltung bet Tierwelt in ben Kolonien beschäftigen.

Q Deutschland und die Bereinigten Staaten von Nordamerika. Zwischen den Regierungen in Wachington und Berlin stimml's wieder nicht. Wie die englische Preffe wiffen will, hatte die amerikanische Bundesregierung der deutschen Re­gierung vorgeschlagen, für eventuelle Streitigkeiten einen SchiedSgerichts-Vertrag abzuschließen, wie ihn Amerika mit England und anderen Staaten, Deutschland selbst mit England abgeschlossen hat. Von deutscher Seite feien die Verhandlungen darüber abgebrochen worden, worüber man in Washington sehr entrüstet sei. — Näheres ist ab­zuwarten. Die,Post' will allerdings wiffen, daß die Verhandlungen noch in vollem Gange seien, es müßten aber noch große juristische Schwierig­keiten überwunden werden.

* Das Mehrstimmenwahlrecht fordern b> kanntlich für Preußen die Nationalliberalen. Ta ist eS lehrreich zu sehen, in welcher Form sie dieses sogenannte Pluralwahlrecht in einem Korn- zromiß mit den Konservativen in Sachsen chaffen wollen. Die,K. Volksztg/ teilt dar- iber folgendes mit: Zuber Grundstimme, die jedem Wahlberechtigten — das ist aber noch lange nicht jeder Reichstagswähler, wie wir nachher ehen werden — zu stehen soll, erhalten je eine Zusatzstimme a. die Wahlberechtigten, die ent­weder Besitzer eines mit wenigstens 75 Grund- teuereinheiten behafteten Grundstücks sind, (das entspricht einem Ertrage von etwa 750—800 M.), oder ein Alter von 50 Jahren erreicht haben, b. die Wahlberechtigten, die entweder selbständig tnb oder die Berechtigung zum einjährig-frei­willigen Militärdienst nachweisen können, c. die Wahlberechtigten, die ein Einkommen von 2200 M. oder mehr jährlich versteuern. Als selb- 'tändig gelten dabei die Aerzte, die Rechtsan­wälte, ferner die Gewerbetreibenden, die in ihrem Betriebe mindestens zwei Personen ständig be- chäftigen, endlich diejenigen öffentlichen und Privatbeamten, Geistliche und Lehrer, die aus ihrem Dienste ein jährliches Einkommen von mindesten- 1800 M. beziehen. Hiernach würde

also einem Wahlberechtigten im günstigsten Falle ein vierfache- Wahlrecht zustehen. Soviel Vorsicht genügt aber noch nicht. Darum sol da- aktive Wahlrecht de» gegenwärtig jedem männlichen sächsischen Staatsangehörigen, der 25 Jahre alt ist, direkte Staatssteuern zahlt und wenigstens sechs Monate am Orte, wo er in die Wahlliste auftunehmen ist, wohnt, dadurch be­schränkt werden, daß dieser Wohnsitz für die Dauer von zwei Jahren und daneben der Besitz der Staatsangehörigkeit für die gleiche Dauer gefordert wird. Ferner sollen die Ausschließung-» grflnbe bah n erweitert werden, daß diejenigen, die mit in den letzten zwei Jahren fällig ge- wordenen Staats- oder Kommunalsteuern rück- ständig geblieben sind, ihr Wahlrecht verlieren. Auch die passive Wahlberechtigung wird an längere Staatsangehörigkeit und längeren Wohn­sitz in Sachsen — beides vier Jahre — geknüpft. All diesen Beschränkungen steht als Fortschritt eigentlich nur gegenüber, daß die Wahl direkt und geheim fyn soll. DaS wollen die National- llberalen ja auch in Preußen zugestehen, was freilich nicht hindert, daß trotzdem manche ihrer Parlamentarier, wie z. B. die Abgg. Glatze! und Schmiedig, fortgesetzt gegen die geheime Stimm­abgabe agitieren. Man kann sich also nun un­gefähr em Bild davon machen, wie die Wahl­reform aussieht, die auch in Preußen zu er­warten ist, wenn es nach den Wünschen der Nationalliberalen geht.

— Treiben wir französischen Zuständen zu ? Nachdem die Stadtverwaltung zu Mühlheim (Ruhr) vor kurzem in christlich-gesinnten Kreisen des Volkes peinliches Aussehen erregte durch das Bestreben, eine bestehende konfessionelle Volks­schule in eine Simultanschule umzuwandeln, hätte man annehmen dürfen, daß der Protest der Bürgerscha't die Kulturkampflust gewißer Kreise etwa- gedämpft hätte. Dem ist jedoch nicht so, wie nachfolgende Tatsachen beweisen. Wohl an­geregt durch das Vorgehen des KreiSschulinspektorS, der kürzlich in einer katholischen Schule monierte, daß das Kruzifix über dem Katheder angebracht sei, mithin den Kindern vor Augen hinge, und der deshalb das Kruzifix im Rücken der Kinder anbringen ließ, ordnete der Oberbürgermeister sür die neue katholische Volksschule in Mülheim (Ruhrs-Styrum an, daß in den Schulzimmern kein konfessionelles Abzeichen angebracht werden dürfte. Daher kommt es, daß in keinem einzigen Schulzimmer dieser neuen prächtig aus­gestatteten Schule ein Kruzifix zu finden ist. Es ist ganz gut, daß diese kirchenpolitische Sturmzeichen gerade jetzt während der Wahl­bewegung erscheinen, denn nichts vermag mehr als sie dem katholischen Volksteile das Gew.ffen $u verschärfen. Die Schule ist das große Schlachtfeld, wo der Kampf um die Erhaltung der christlichen Weltanschauung ausgefochten werden muß. Der große Zentrumssührer Dr. Windthorst hat sich darin wieder als der richtige Prophet erwiesen.

/V Das Bereinsgesetz in Hessen. Zum Reichsvereinsgesetz hat das hessische Ministerium des Innern die Vollzugsbestimmungen erlassen. Für die Anzeige einer öffentlichen Versammlung genügt die Bekanntmachung durch eine in dem kreise, in dem der Versammlungsort liegt, er« cheinende Zeitung oder durch öffentliche ins Auge fallende Anschläge in der Gemeinde des Versammlungsortes. Sie muß den Ort (Ge­

meinde und Raum), die Zeit und den Namen deS Veranstalters der Versammlung angeben. Spätestens 24 Stunden vor Beginn der Ver­sammlung müffen die Zeitungen aufgegeben oder der Anfchlag bewirkt sein. In Gewerkschafts­versammlungen, Lohnregulierungsversamm- lungen, ist der Gebrauch der nichtdeutschen Sprache zulässig. In anderen öffentlichen Versammlungen, die in deutscher Sprache geführt werden, ist einzelnen Rednern der Gebrauch nichideutscher Sprachen gestattet. Auf öffent­lichen Straßen ober Plätzen stat findende öffent­liche Versammlungen und Aufzüge bedürfen der Genehmigung des Kreisamtes. Oeffentliche Ver­sammlungen unter freiem Himmel, die nicht auf öffentlichen Straßen oder Plätzen flattfinden, be­dürfen einer Genehmigung nicht, wenn sie an­gezeigt worden sind. Auszüge und Aufmärsche der Feuerwehren, Sanitätskolonnen usw., ferner Aufzüge zu gesellschaftlichen und sportlichen Zwecken bedürfen keiner Genehmigung. Soweit nicht genehmigungspflichtige Auszüge durch mehrere Ortschaften führen sollen, brauchen sie nur von bet für den Ausgangspunkt zuständigen Polizei­behörde genehmigt zu werden.

* Dresden, 12. Mai 1908. Die Erste Kammer nahm heute den Entwurf eines Ge­setzes gegen die Verunstaltung von Stadt und Land durch Reklame im wesentlichen nach der Regierungsvorlage an.

* Dresden, 13. Mai 1908. Die Wahl- rechtSdeputation beschloß heute, daß ein zweijähriger Aufenthalt am Ort der Wahllisten­aufstellung Vorbedingung der Ausübung deS Wahlrechts sein soll und drei Pluralstimme n gewährt werden.

* Stuttgart, 12. Mai 1908. Die Zweite Kammer hat heute die Beratung der Anträge beendigt, die eine möglichst liberale Ausgestaltung der Vollzugsversügung zum Reichsvereinsge­setz bezwecken. Minister v. Pischek versicherte, daß die Ueberwachung politischer SSerfammlungen auch künftighin eine seltene Ausnahme sein und daß die Parteien gleich behandelt werden sollten, hielt aber daran fest, daß für die Anmeldung von Versammlungen, eine 24siündige Frist not­wendig sei. In der Abstimmung wurde der Antrag deS Zentrum» auf Vorlegung eines Ge­setzentwurfes über die landesgesetzliche Regelung der Sprachenfrage noch im Laufe dieser Tagung mit 37 gegen 36 Stimmen angenommen.

* Kattowitz, 12. Mai 1908. Die oberschlo/ sischeu Polen veranstalteten am Sonntag iu Kattowitz eine Massenkundgebung gegen das Ent- eignungs- und Versammlungsgesetz. Die Haup!- rede hielt Redakteur Siemianowski, der über dis Ausnahmegesetze sprach. Das starke Zusammen- gehörigkeitsgefühl der Polen werde diese feind- eligen Bestrebungen zunichte machen. Bis ins Herz hinein reiche die preußische Gewalt dcch nicht und könne deshalb auch dem polnischen Volke die Liebe zu einander und zu seiner Mut­tersprache nicht aus dem Herzen reißen. Ten Schluß der dreiundeinhalbstündigen Versamm- ung bildete die Annahme einer Resolution, in der di: oberschlesischen Polen gegen ihre Entrech­tung durch die Ausnahmegesetze feierlichst Prc test einlegen. Im Laufe der Versammlung waren aus !>em In- und Auslande zahlreiche Sympachre- telegramme eingelaufen.

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

3j (Nachdruck verboten.)

„Dieses Versprechen hat meine Großmutter and) gehalten — vielleicht in dem guten Glauben, baß ctz zu meinem Besten wäre. Ich ging zur Schule und wuchs heran. Als ich das einund» zwanzigste Lebensjahr erreicht hatte, starb meine Großmutter und hinterließ mir ein kleines Ver­mögen. Zwei Jahre trieb ich mich in der Absicht, meinen Vater zu finden, in der Welt umher, je­doch ebne Erfolg, da mit jeder Anhalt fehlte. Das Geld zu meiner Erziehung war von verschiedenen ^Städttm abgeschickt: von Wien, von Frankfurt, von Berlin, sogar von London und Paris. Der Mädchenname meiner Mutter war Anna Brau- der und diesen Namen führte auch mein Vater, als' er bei uns in Wien war, seinen wirklichen Namen habe ich nie erfahren. Mein Geld war verreist und verzehrt, als Sie mich in London fanben und mußte ich mein Brot durch Erteilung von Unterricht in fremden Sprachen verdienen. Meine Erlebnisse von jener Zeit an sind Ihnen bekannt." , , „

„Warum mag Ihr Vater Sie verlasien ha­ben?" fragte Harrington in mitleidigem Tone.

Branders Augen funkelten wild, seine Lippen zuckten vor Erregung.

„Weil ick ihm im Wege war, weil er frei fern wollte von jeder Verpflichtung, die ihm hinderlich gewesen sein könnte zur Eingehung einer anderen, standesgemäßen Heirat. Wie ich von meiner Großmutter vernommen habe, hatte mein Vmcr schon vor dem Tode meiner Mutter eine Lieb­schaft mit einer vornehmen Dame, die er ohne Zweifel heiratete — vielleicht auch schon vor dem Tode meiner Mutter. Der Sohn dieser Dame ist nun wahrscheinlich der anerkannte Erbe meine. Paters, während ich, sein rechtmäßiger, erstge­

borener Sohn, dem Zufall preisgegeben bin. Viel- leicht treffe ich ihn eines Tages, vielleicht bin ich ihm schon begegnet — aber ich kann ihn nicht ent­larven, ich kann seine Schlechtigkeit nicht an's Licht bringen, weil ich keine Beweise habe."

„Eine fatale Geschichte sagte Harrington nach­denklich. „Sollten Sie nicht von dem Geistlichen, der Ihre Eltern getraut hat, den Namen Ihres Vaters erfahren Tonnen?"

„Der Geistliche ist tot, ebenso die Trauzeugen; die Kirchenbücher aber sind bei einem Brande verloren gegangen", antwortete Brander. „Als meine Großmutter im Sterben lag, schien sie ihr langes Schweigen brechen zu wollen; es war zu spät. Alles, was ich noch verstehen konnte, war der Name „Roderich". Ich werde diesen Namen nie vergessen; was kann mir aber derselbe nützen? So lange ich lebe, werde ich ein verstoßener, namen- und freundloser Mensch bleiben."

„Mein armer Freund", sagte Harrington, in­dem er Branders Hand drückte, „muß ich Ihnen sagen, daß Sie nicht freundlos sind, so lange ich lebe! Mein Vater besitzt Einfluß genug, um Ihnen eine gute Anstellung zu verschaffen. Viel­leicht wird das Dunkel, welches Ihr Dasein um- hüllt, sich eines Tages klären, wenn aber nicht f° sind Sie der Mann, der sich einen Namen ver­schaffen und sein Glück gründen kann."

. Brander drückte Harrington's Hand herzlich; eine Antwort war in diesem Augenblicke jedoch unmöglich, denn der Sturm hatte den höchsten Grad erreicht, das Fahrzeug tanzte wie ein Spiel- jeitg auf den Wellen. Die Mannschaft arbeitete größten Anstrengung, doch es war nicht Möglich, den entfesselten Elementen entgegenzu­

Oz.h;^tr mu^eP das Schiff verlasien", rief der W unmöglich, diesem Sturm län-

^>^^st?nd zu leisten, zudem ist in dieser Kap nicht ausfindig zu machen.

St-«ntonw schütze uns!"

h.. fieo °eröen Freunde standen bleich, aber ruhig aa, ite reichten sich nochmals die Hand wie zum

Abschied, für immer. Im nächsten Augenblick er­folgte ein furchtbarer Stoß — ein Krachen — gleich einem Kanonenschuß — und das Fahrzeug brach zusammen. Diese Katastrophe war begleitet von einem mehrstimmigen Aufschrei und dann kämpften Mannschaft und Passagiere verzweifelt mit den schwarzen Wellen.

Brander fühlte seine Sinne schwinden — noch eine letzte Anstrengung, dann war er bewußtlos, «ls er wieder zu sich kam, befand er sich auf einer Felsbank an der sizilianischen Küste, zerschlagen und schwach wie ein Kind. Der Sturm hatte etwas nachgelassen, aber der Himmel war noch schwarz, die See ging noch hoch, die Wellen schlu- gen noch heftig gegen die Felsen und spritzten ihren Schaum Brander in's Gesicht.

Er richtete sich auf und blickte um sich, doch konnten feine Augen die Finsternis nur wenige Schritte durchdringen.

„Gestrandet!" murmelte er. „Hier liege ich am Ufer, während die anderen vielleicht ertrun­ken sind. Das ist schrecklich! Ich habe in diesem sturme meinen letzten Freund verloren!"

Er stöhnte und rang die Hände.

„Dieser gute, edle Bursche, welcher für mich hinreichend gesorgt, welcher für mich alles getan haben würde, ist tot, und mit feinem Tode sind alle meine Hoffnungen auf ein bequemes, luxu­riöses Leben vernichtet; — ich aber, ein verstoße­ner, mittelloser Abenteurer, bin gerettet. Was soll ich nun anfangen?"

Iu diesem Augenblick fiel ihm ein dunkler Gegenstand im Wasser auf, welchen er sogleich als einen menschlichen Körper erkannte und den die Wellen au den Felsen heranspühlten, auf dem er sich selbst befand. Er kroch näher ans Wasser ergriff den Körper und zog ihn an's Ufer; dann befühlte er das Gesicht, und an dem weichen Schnurrbart, sowie an den feinen Kleidern er- k°rmte er fernen Freund. Er legte die Hand auf Guido s Herz — es stand still.

„JLotl" rief er mit zitternder Stimme; „tot!" er, der so viel für mich getan haben würde! Und

sein Vater, der ihn so liebt, und das junge Mäd­chen, welches er heiraten wollte, warten vergebens auf feine Heimkehr! Sein Platz zu Harrington Hall ist leer; wer kann ihn ausfüllen?

„Es war, als ob bei diesem Gedanken der böfi Dämon ihn erfaßte und ihn auf die Bahn wies, die er zu gehen habe. Er bebte zusammen und sah sich scheu um, als fürchte er, es sei jemand in seiner Nähe und habe seine Gedanken erraten.

Er zog ein kleines Kästchen aus seiner Tasche — die darin enthaltenen Zündhölzchen waren tro­cken geblieben; er zündete eins davon an und leuchtete in seines Freundes Gesicht. Wie kalt und bleich war es, dieses schöne, liebe Antlitz, auf dem selbst hn Tode noch sein Seelenadel geschrie­ben stand!

Der Wind löschte das schwache Flämmchen aus; Brander zündete ein zweites an. Da entdeckte er an Guido's Kopf eine klaffende Stirnwunde, au3 der das Blut noch langsam tropfte.

„Ah!" rief Brander, indem er die Wunde näher besah; „wenn er noch nicht tot ist, wird er doch bald sterben. Die Hirnschale ist zersplittert und das Gehirn derartig verletzt, daß er mich nicht wieder erkennen, daß er sich selbst seines eigenen Namens nicht mehr erinnern wird. Aber er muß berettä tot fein!" und wieder legte er die

Guido's Herz. „Ja er ist tot!" fügte er schaudernd hinzu.

Wieder bemächtigte jener Dämon sich seiner mit unwiderstehlicher Gewalt und zeigte ihm den Weg, auf dem er zu Reichtum, Rang und Ehre gelangen konnte. Eine Weile saß er aus dem naffen Stein, zögernd, unschlüssig im Kampfe mit oem besseren Teil seines Innern, welches ihn von dem gefährlichen Schritte abmahnte. Plötzlich sprang er auf und schaute um sich. Nichts war sichtbar als das Felsengestein des Ufers, die schäu­menden Wellen des Meeres und — die finstere Nacht; dann kniete er neben feinem erbleichten Freunde nieder, beugte sich über ihn und steckte die Hand in dessen Rocktasche, aus der er ein Paketcheu Briefe, Guido s Reisenotizbuch und -sin<