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M 110.

Fulda, Mittwoch den 13. Mai 1908.

35. Jahrsttmq.

Zweites Wlaü.

[:] Der erste Bezirtrtag katholischer Arbeiter-Vereine in Hanau.

Nachdem die Geistlichen der Dekanate Hanau, Salmünster und Orb durch Konferenzen und gegen­seitige Besprechungen den Zusammenschluß der katho­lischen Arbeiter - Vereine in der alten kurhessischen Provinz Hanau für notwendig erkannt und ein# Sehend vorberaten hatten, traten am Sonntag die Irbeiter-Delegierten aus den einzelnen Vereinen und Ortschaften zur Gründung eines Bezirksverbandes auf Einladung des Herrn Dechant Braun in Hanau zusammen.

Um IO1/* Uhr begann im „Braubstüble* die ge­schlossene Delegierten-Sitzung, zu der von jedem Arbeitervereine je 4, von jedem Orte mit großer^ aber nicht organisierter Arbeiterschaft je 3 Vertreter eingeladen waren. Herr Dechant Braun begrüßte die Erschienenen mit herzlichen Worten, insbesondere die Herren Sekretär Dr. Karl Geis aus M.-Gladbach und Arbeitersekretär Frede, so­wie die Delegierten.

Es wurde gewählt als Leiter der Versammlung Fritz Hanselmann - Hanau, als stellvertreten­der Vorsitzender Johann Jakob Ehmer-Orb; zu Schriftführern Barnikel-Hanau, Ruppert- Fechenheim; als Beisitzer Heil-Eckenheim, Streb- Somborn, Storch- Soden - Salmünster, R a a b - Großauheim und Schilling-Neuses, sämtlich Arbeiter:

Herr Dechant Braun hielt nun ein Referat über die Bedeutung der Bezirksver­bände, worin er folgendes ausführte: Wenn schon die Gesamtheit der Arbeitervereine an Zer­splitterung und an mattem Leben litt, so ging es den einzelnen Arbeitervereinen noch schlim­mer. Da war es die E i g e n b r öd e l e i, W i n- terschlaf, die Anfeindung anderer Vereine, die es an das Sprichwort erinnern mußten: „Einzel n er Baum ist leich t zu fällen." Jedenfalls durfte es nicht soweitergehen, wennmandie Wünsche einer immer mehr a n w a ch l e n d ? n Arbeiterbewegung noch ernstlich be­rücksichtigen wollte. Nun versuchte man es zuerst mit großen Verbänden: es entstanden der Reihe nach der Westdeutsch e-, der Süd­deutsche-, der Berliner Verband; gleichzeitig faßte man die Vereine in den einzelnen Bistümern zu D i ö z e s a n-Verbänden zusammen. Die Zentral- und Diözesan-Verbände waren und sind gut, sehr gut; aber sie waren nicht imstande, den zeitweiligen Rückgang der Arbeitervereine auszuhalten. und vermögen anch heute noch nicht, alles das zu tun, zu veranlassen und anzuregen, was in der Ar­beitersache nottut. Ganz anders ist es seit dem letzten Jahrfünft geworden: Da bemerkt man allenthalben ein frohes Emporblühen der Arbeiter» vereine. Klarer ist man sich über die Ziele ge­worden; nicht bloß Verbands- und Vereinsfeste werden gefeiert, es wird auch ernste Arbeit mehr denn je geleistet. Die Ursache dieses Er­folges sind die Bezirksverbände und ihre stetige und zielbewuhte Tätigkeit. Der Bezirks­verband ist die Seele der Kleinarbeit. Ein sol­cher Verband umfaßt in der Regel ein kleineres Gebiet, das natrrrgenräß die gleichen oder ähnliche wirtschaftliche Verhältnisse hat. Vielfach kennt sich die Arbeiterschaft persönlich und bringt zu gemeinsamem Taten und Raten Vertrauen mit; man ist schnell und ohne erhebliche Kosten bei­sammen. Die an einem Orte gemachten Erfahrun­gen können ohne Bedenken auf andere Ortschaften übectrageu werden. Dor allem überschaut

der Bezirkspräses das ihm ander- trauteTerrain wie mit einem Blick er kann da und dort leichter eingreifen. Kleinarbeit und gemeinsame Arbeit wird erst im Bezirksverband möglich. Dieser ist zwar nicht absolut selbständig, sondern bildet das Mittelglied zwischen der Spitze und dem Fundament, zwischen dem Diözesanver- band und den Arbeitervereinen. Wenn wir ein­mal sagen: „katholische" Arbeiterver- eine, dann ist es selbstverständlich, daß diese Ver- eine sowie auch deren Verbände konfessionell sind, dann hat die Bischöfliche Behörde ein unzweifel­haftes Recht, mitzureden. Durch den Anschluß an den Diözesanverband werden die Rechte des Bezirksverbandes nirgendwo verkürzt. Nicht jede Unterordnung erniedrigt, heißt es irgendwo im Buch der Bücher; „wer einer edlen Sache dient, dem folgt ruhmvolle Erhöhung auf dem Fuße."

Danach wurden folgende Statuten im Ent­wurf zur Beratung vvrgelegt:

§ 1. Die katholischen Arbeitervereine der Dekanat» Hanau, Salmünster und Orb schließen sich zusammen zum Bezirksverband „Main- und Kinziggau". Dieser Bezirksverband ist angegliedert an den Diözesan­verband Fulda.

§ 2. Zweck des Bezirksverbandes ist die Förde­rung der kacholischen Arbeitervereine sowie der ge­meinsamen Organisations- und Standesinteressen im Sinne der Satzung deS Diözesanverbandes. Dem­gemäß sind als Angaben u. a. zu nennen : 1) Direk­tive für die einzelnen Vereine bezüglich der gesamten Bereinsarbett, insbesondere Besprechung des Winter­programmes, Regelung der Unterrichtskurse, Inan­spruchnahme des Arbeitersekretariats; 2) Regelung der Ab- und Zuwanderung, 3) Einheitliche Stellung­nahme z« wichtige» Zeitfragrn und zur Abwehr der Gegner; 4) Förderung der christlichen Gewerkschaften; 5) Verbreitung des Verbandsorgans .Westdeutsche Arbeiterzeitung^ 6) Berichterstattung auf dem Dele­giertentag über die Durchführung der Verbands- beschlüsse, über die Tätigtest und den Stand der einzelnen Vereine, sowie Anregung zu etwaigen Neu­gründungen.

§ 3. An der Spitze des Verbandes stehen: 1. der Bezirkspräses nebst den übrigen Präsides mit den Rechten eines Vorstandes; 2. die Bezirksdelegierten­tage mit den Rechten einer Generalversammlung. Der Bezirkspräses wird auf 3 Jahre von den Präsides gewählt und bedarf der Bestätigung der Bischöflichen Behörde; ebenso wird der Bezirksschristführer, der zugleich die Kasse besorgt, von den Präsides gewählt.

§ 4. Die BezirkS-Delegiertentage finden mindestens zweimal jedes Jahr statt und werden von den stimmberechtigten Vertretern der Vereine gebildet. Jeder Berel» entsendet aus jedes angefangene Viertel- Hundert Mitglieder einen Delegierten. Die Be­schlüsse des Deleg«rtentages werden mit absoluter Stimmenmehrheit gefaßt und sind für alle Vereine bindend.

§ 5. Der Vorstand, der sich aus dem Bezirkspräses, dem Bezirksschristführer und den Präsides der Ver­eine zufammensetzt, leitet den Verband und hat die Delegiertentage vorzubereiten, sowie Zeit, Ort und Tagesordnung derselben, abgesehen von dringenden Fällen, einen Monat vorher bekannt zu gebe». Ver­eine, welche Bnträgeftellen wollen, haben sie mindestens 14 Tage vor dem Delegiertentag beim Bezirkspräses schriftlich einzureichen.

§ 6. Die Delegierten sind verpflichtet, über die Verhandlungen der Delegiertentage in ihrem Verein zu berichte».

§ 7. Jeder Verein trägt zu den Kosten des Be- istrtsverbandes pro Jahr und pro Mitglied 5 Pfg. bei. Außerordentliche Kosten werden gemäß den Be­schlüssen deS Delegiertentages auf die Vereine um­gelegt.

§ 8. Bei Auflösung des Bezirksverbandes, die durch */* aller stimmberechtigtenDelegierten unterZusrimmung des Diözesanpräfes erfolgen kann, fällt etwa vor­handenes Vermöge» dem Diözesanverband zu.

Diese Statuten wurden nach den einzelnen Para­graphen in zweistündiger Diskussion, an der sich die Delegierten aller Vereine lebhaft beteiligten, ruhig und gründlich geprüft und einstimmig genehmigt.

Zum Schluß wurde noch als Arbeitermitglied für den Vorstand des Diözesanverbandes Fritz Hansel- mann-Hanau gewählt. Während der Verhand­lungen traf ein sehr ermunterndes Begrüßungs- und Glückwunschtelegramm vom Diözesanpräses Herrn Domkapitular Herbener ein, welches mit leb­haftem Beifall und Dank von der Versammlung ausgenommen wurde.

Nur eine knappe Stunde Millagspause verblieb den Delegierten, und c8 begann der Fest g ottes- dienst. In großen Massen kam die katholische Arbeiterschaft von allen Seiten aus nahen und fernen Orten herzu; auch Brudervereine jenseits des Maines hatten starke Deputationen entsandt. Die Feshpredigt, gehalten vom Präses deS Höchster Arbeitervereins, Herrn Kaplan Krane, behändeste die Arbeit im Lichte des Christentums. Unmittel­bar darauf versammelten sich die zahlreich er­schienenen Präsides zu einer kmzen Konferenz, in welcher Herr Pfarrer Ernst-Gelnhausen zum Be- zirkspräfes und Herr Kaplan Trageser-Hanau zum Bezirksschriftführer gewählt wurden.

Um 4 Uhr fand in den Sälen der Zentralhalle eine Arbeiterverfammlung statt. Die Nach­mittags eintreffenden Züge brachten immer neue Besucher. Herr Dechant Braun erstattete Bericht über die Verhandlungen der geschloffenen Delegierten­sitzung, gab die Wahl des ersten Bezirkspräses bekannt und brachte ein Hoch auf Kaiser und Papst aus. Herr Kaplan H ü n s e l e r von Groß-Auheim hielt ein einstündiges Referat über „Die geistige Bildung des katholischen Arbeiters in heutiger Zeit." Gegenwärtig, da alle politischen und sozialen Richtungen die Arbeiter­schaft für sich zu gewinnen suchen, muffe diese ein selbständiges, auf gediegenes Wissen sich gründen­des Urteil haben. Es sei daher notwendig, sich auszukenncn in den großen Fragen der Volks­wirtschaft und Politik, damit sowohl die politischen wie die sozialen Strömungen der Zeit zum Wohle der Arbeiterschaft sich gestalten. Geist und Herz des Arbeiters muß gebildet werden, daß er Ver­ständnis hat für das wahrhaft Schöne, daß er nicht in dem Sumpf der rohen Vergnügungen, sondern im Edlen seine Freude findet. Der Ar­beiter muß ausgestattet werden mit apologeti­schem Rüstzeug, daß er das heiligste Gut des Glau­bens sich inmitten der Gefahren nicht entreißen lasse und die Angriffe der Gegner schlagfertig zu- rückweisen könne. Die erste Stätte der Bildung sei der Arbeiterverein, das hauptsächlichste Bil- dungsmitlel sei eine katholische Tageszeitung, eine christliche Arbeiterzeitung. Außerordentlich reicher Beifall lohnte die vortrefflichen Ausführun­gen des Redners. Als zweiter Redner war Herr Sekretär Karl Geis aus M.-Gladbach ge­rn o n nen. Er begrüßte besonders freudig die Gründung des Verbandes. An jener Stätte, wo Bischof Ketteier auf der Liebfrauenheide den Grund gelegt zur christlichen Arbeiterbewegung, an dsr Stelle, welche Zentralpunkt für das Jn- diistriegebiet Süddeutschlands ist, in der gefähr­deten Gegend von Frankfurt und Hanau einen Bezirksverband erstehen zu lassen, sei ihm eine große, Genugtuung, und erwecke große Hoffnung ür die Zukunft. , Wir muffen die Arbeiterschaft zur Politischen Reife erziehen, daß sie ihre Inter­essen selbständig verfechten, aber auch zum Wohle anderer Stände berechtigte Opfer zu bringen ler­nen. Die Gewerkschaftsbewegung zu fördern ist ür uns Christenpflicht, da sie bett Arbeiter vor Verelendung, der Quelle vieler Wunden, schützen oll. Tas Christentum habe von seinen Anfängen durch Bekämpfung der Sklaverei die verelendeten Massen zur Menschenwürde erhoben, und nach dieser großen christlichen Idee an der Arbeiter­schaft zu arbeiten, sei eines jeden Pflicht. — Mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten die Zu- Hörer den markigen Worten des geschätzten Red- ners. Mit neuer Begeisterung für die Sache der

katholischen Arbeitervereine kehrten die einzelnen Vereine mit den Abendzügen in ihre Heimat zurück.

Vermischtes.

* Frau ToseSi, die frühere Kronprinzeffin von Sachsen, ist, nach einer Meldung aus Florenz, dort von einem Sohn entbunden worden.

Marktberichte.

♦ Frankfurt, 11. Mai 1908. |®etreibematltl Der heutige Markt verlief in recht fester Stimmung, insbesondere herrschte nach Weizen lebhafte Nachfrage, der nur ein kleines Angebot gegenüberstand. Anch Roggen ist gesucht und im Preis höher. Gerste ohne Handel. Hafer gesucht und anziehend. Ausländisch« Brotfrüchte im Einklang mit den höheren Forderungen, insbesondere für prompte Ware höher, Mais stetig, Mehl ruhig und abwartend. — Es notierten heute je nach Qualität: Weizen, hiesiger und Wetterauer 22.50—22.60 Mark, kurhessischer 22.50-22.75 Mark, norddeutscher 22.50—22.75 Mk., raff. 2.3.50-24.75 M., Redwinter 23.00-24.50 Mk., Kansas 00.00-00.00 Mk., La Plata 23.00—24.00 M., rumänischer 00.00—00.00 Mark. Roggen, hiesiger, 20 50—20.75 Mk., rumän. 00.00—09.00 Mk., russischer 00.00—00.00 Mk. Gerste hieß u. Wetterauer 20.00—21.00, Pfälzer 21.00- 22.00 M.. Ried 21.00—22.00 M. Hafer, hiesiger, 17.00—18.00 Mk., bayerischer 17.00—18.00 Mark, russischer 00.00 bis 00.00 Mk., rumän. 00.00—00.00 Mk., amerika­nischer 16,50-17.50 M., Mais (Mixed) 15.25-00.00 M„ Donaumais 16.25—00.00 M , La Plata 16.25—00.00 Mark, raff. 16.25-00.00 M. Alles per 100 Kilo nett­effektiv loco hier. — Mehl stetig. Es notiert je nach Qualität: Weizenmeht, hiesiges, Nr. 0 30.00 bis 30.50 M., Nr. 1 29.00-29.50 M., Sir. 2 28.00 bis 28.50 M., Nr. 3 27.50-28.00 Mk., feinere Marken 0.50-1.00 M. höher. Roggenmehl Nr. 0 29.50—30.00 M., Sir. 1 26.00 - 00.00 M. Nr. 2 00.00- 00.00 M. Alles per 10U Kilo inklusiv Sack. Futterarlikel fest. Weizenschalen 11.00—11.25 Mark, Weizenklei« 10.75 bis 11.00 M., Roggenkleie 12.20—12.40 M„ Futtermehl 14.00—14.50 M., Biertreber, getrocknet, 14.50—15.UO Mark. Alles per 100 Kilo netto effektiv loco hier.

• Frankfurt a. 1'L. 11. Mai 1908. Amliicye No­tierung der Viehmarkt-Preise. Zum Verkauf standen 489 Ochsen, 67 Bullen, 769 Kühe und Rinder (Stiere und Färsen), 346 Kälber, 313 Schafe und Hämmel und 1540 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Psd. Schlachtgewicht r Ochsen: a. vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlacht- wertes bis zu 6 Jahren 74—78 M., b. junge fleischige nicht ausgemästete und fitere ausgemästete 60—68 M., o. mäßig genährte junge, gut genährte äitere 55 -58 M>, d. gering genährte jeden Alters 00—00 M. Bullen: a. voüfleischige höchsten Schlachtwertes 64—67 Mark, b. mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 58—tO M., c. gering genährte 00—00 M. Kühe und i Färse» (Stiere und Rinder): a. vollfleischige, ausge­mästete Färsen (Stiere und Rinder) höchsten Schlacht- wertes 67—69 M., b. voüfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren 60 -62 c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut enkwickelte jüngere Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 3» dis 40 M, d. mäßig genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 30—32 M., «. gering genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 00—UO M. Bezahlt wurde für 1 Psd. Schlachtgewicht: Kälber: a. feinste Mast- Vollmast) u. beste Saugkälber (Hannov.) 9®—ICO Pfg„ b. mittlere Mast- und gute Saugkälber 82 —88 Pfg-, o. geringe Saugkälber 68—72 Pfg., d. fitere gering, genährte Kälber (Fresser) 00—uti Pfg. Schafe: a. Aiastläuuner und jüngere Masthämmel 82—00 Pfg., b. fitere Masthämmel 74—76 Pfg., c. mäßig genährte Hämmel und Schafe (Merzschale) 00-00 Pfg. Schweine: a. voüfleischige der fernere« Rassen und oereu Kreu­zungen im Aller bis zu 1*1» Jayren 63—64 Pfg., b. fleischige 61—62 ^g, c. gering entwickelte, sowie Sauen und Eber 54—58 Psg., d. ausländische Schweine (unter Angabe der Herkunft) 00—uu Pfg. Bezahlt wurde für 1 Psd. Lebendgewicht: Ochsen 00—00 Pfg., Kälber: a. c8—60P,g., o. 46-52 Pfg. Schweine:a.410/t—50Pfg. ix stepchrie 48s-,-00 Pfg. Geschäftsgang in Hornvieh mittelmäßig, Ueberstand gering, in Kleinvieh gut, Heber« tand keiner. Aus Oesterreich-Ungarn standen 63 Ochsen zum Berkaus.

Kleines Feuilleton.

— Warme Eismänner. Am Montag sollte nach Glaube und Ueberlieferung die Herrschaft der „Eisheiligen" beginnen. Mamertus, Pankratius und Servatiils. denen sich als vierter im Bunde öer heilige Bonifacius anschließt, find, wie man weiß, wegen der Kälternckfälle berüchttgt, die an diesen Tagen ehihetcn sollen. Besonders die Landleute haben eine gewaltige Scheu vor diesen Heiligen, die mit ihrem eisigen Hauch angeblich gern verwüstend in die Obstblüte einfallen. Wie schon im vorigen Jahre, so scheint auch diesmal der Frühling den Eismännern das Regiment streitig zu machen: im vergangenen Mai hatten wir just an den „Eistagen" die höchsten Tempera- turen des ganzen Sommers und diesmal beginnt, anscheinend gerade jetzt die erste Periode wirklich sommerlichen Wetters. Langjährige wissenschaft­liche Beobachtungen haben übrigens erwiesen, daß die Geschichte von den Eisheiligen ein Märchen ist. Die gefürchteten Maisröste stellen sich nach dem Vorübergang sehr tiefer und ausgedehnter Dki- nima bei wieder steigendem Barometer und Notd- westwind zu j e d e r Z e i t des Monats Mai, oft soga-°, wie vor zwei Jahren, noch in der ersten Junihälfte ein. und wenn es auch heute und mor­gen warm ist, so garantiert uns doch nichts dafür, daß die Maikälte nicht noch kommt oder gar, was fvir nickst hoffen wollen, uns im Juni abermals, lote schon zwei Jahre hindurch, das Pfingstfest berdirbl.

— Gräfliche Freigebigkeit. Als vor einiger Zeit der Graf Schaffgotsch in Schlesien Hochzeit hielt, waren seine zahlreichen Beamten und Be­diensteten zu dieser Feier und zur Tafel geladen toorden. So nett diese Tatsache an sich schon war, o gab der Umstand, daß bei der Gelegenheit der (o beliebte Herr sämtlichen gräflichen Ober- und lnterbeautteir rc. ein volles Jahresgehalt als Kochzeitsgabe auszahken ließ, derselben einen

prächtigen Schluß. Eine solche Freigebigkeit dürste sonstwo ziemlich selten Vorkommen. Eben­so undenkbar ftt, trotz der zahlreichen Reviere und Domänen am Riesen- und Jsergebirge, daß Jagd- ' disharmonien Vorkommen und durch „Handschrei­ben" Park und 838 e g e bei den Bädern Warm- brrmn und Flinsburg gesperrt werden oder mit W egzng gedr o ht wird. Dagegen zeigte 'sich bei dem jüngst erfolgten Einzug des jungen Paares in das Schloß zu Warmbrunn nach dem B. a. R. das schöne Verhältnis zwischen Graf und Publikum. Der Einzug gestaltete sich zu einer außerordentlich umfangreichen Festlichkeit. Zur Begrüßung hatte eine große Menge von Vereinen und Deputationen Aufstellung genommen. Den Glanzpunkt der öffentlichen Festlichkeit bildete der abends veranstaltete Fackelzug durch den glänzend illuminierten Ort, an dem zirka 1500 Personen und drei Musikkapellen. teiluahmen. Bei der Um- fahrt des gräflichen Paares durch den Ort wurde

mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Graf -Schaffgotsch dankte in einer Ansprache mit hech- ! Uc6en Worten für die ihm dargebrachte Ovation, versprach das gute Einvernehmen mit den Ge­meinden des Riefen- und Jsergebirges zu pflegen zmn beiderseitigen Wohle. Für die Beamten und «reu Frauen fand im Kursaal ent Kommers fratt. Sämtliche Vereine, die im Fackelzug teil* genommen hatten, wurden von der Herrschaft in verschiedenen Lokalen bewirtet.

— Hohcnzoüer», die den Glauben wechseln. Es tb vor einigen Tagen gemeldet worden, Prinz Fr»esrrch Heinrich von Preußen bsab- sicvtrge, zum katholischen Glauben Lberzutrete.i, er habe auch bereits Konverkitenunterricht em­pfangen. Prinz Friedrich Heinrich würde, falls CE vie 'acholische Religion annähme, »«ist: das enizige Mitglied »es preußischen Königshauses sein, das sich zu ihr bekannt. Die in Frankfurt a. M. lebende Witwe des Landgrafen Friedrich von Hessen, geborene Prinzessin Anna von Preußen, trat am 9. Oktober 1901 zur katholischen Kirche über. Dia jetzt 72 Jahre alte

Landgräfin ist eine jüngere Schwester des ver- storbenen Prinzen Friedrich Karl von Preußen. Es gibt dann noch eine andere preußische Prin- Min, die sich nicht mehr zu ihrem angestammten evangelischen Glauben bekennt. Das ist die Prin- zessin Sophie von Preußen, vorjüngste Schwester des Kaisers Wilhelm II. und seit dem 15. Oktober 1889 die Gemahlin des Kronprinzen Konstantin von Griechenland, Herzogs von Sparta. Bei der Vermählung der Prinzessin war ausbedungen worden, daß sie dem evauge- Irschen Bekenntnisse treu bleiben dürfe. Sie trat indessen doch am 2. Mai 1891 zum griechisch- orthodoxen Glauben über. Dies hatte, wie man sich, erinnert, eine vorübergehende Verstimmung zwlsö^n ihr und ihrem kaiserlichen Bruder zur FolM, obwohl sie sich auf das Beispiel einer an­dern Prinzessin der preußischen Königsfamifie hatte berufen können, aus das der Prinzessin Charlotte von Preußen, einer Schwester statfer Wilhelm L, die bei ihrer Verheiratung nntdem russischen Großfürsten Nikolaus, dem nachmaligen Zaren Nikolaus L, dem evangelischen G-laube» zugunfton des orthodoxen entsagte und die Namen.Alexandra Feodorowna «nnahm. Im Gesamthause .Hohenzollern ist die Kronprinzessin sophre von Griechenland nicht der einzige Sproß orthodoxer Religion. Die fürstliche Linie Hcchen- zallern, die übrigens wahrscheinlich älter ist, als die königliche Linie von Preußen, blieb bis auf &en heutigen Tag katholisch. Aus dieser Linie ist bekanntlich das rumänische Königshaus her- dorgegangen. König Karol und sein Neffe, der Thronfolger Ferdinand, Prinz von Rumänien, haben den Glauben ihrer Väter nicht ^gelegt' Aber die vier Kinder des Thronfolgers aus des-' sen Ehe nut der Prinzessin Marie von Kabula werden tm griechisch-katholischen Glauben er- zogen.

Kuflürfteu von Hessen werden Anekdoten erzählt, von denen die nach- solgende weniger bekannt sein dürfte. Bei einer Jagd, die der Kurfürst in der Nähe von Fulda

abhiett, vermißte er einen Förster, den er wohl leiden mochte und der sonst immer das Anstellen der Schützen i» dem betreffenden Wald! eil besorgt hatte. Er wandte sich nach dem ersten Treiben an den Forstmeister des Reviers und fragte in seiner bekannten kurzen Weise: „Wo Förster L.? Warum nicht hier?" Nun war es bekannt, daß der Forst­meister dem in Rede sichende» Beamten nicht be# sonders grün war und ihn gerne pensioniert gesehen hätte, um Raum für einen Günstling zu schaffe». Er rrwwerte deshalb auf die Frage des Kurfürsten: „Königliche Hoheit, der Förster L. ist wegen, seines Gesundheitszustandes nichtzur Jagd befohlen worden; es würde büi alten Mann zu sehr anstrengen, ihm wäre Ruhe zu gönnen.* Das war ein zarter Wink für die Pensionierung des Försters. Der Kurfürst aber, der ein seiner Menschenkenner war, durch­schaute die Absicht des Forstmeisters und befahl kurz: ,8. Herkommen, will ihn sehen." Sogleich wurde ein HUfsjäger abgeschickt, der den Forster holte und gerade mit chm ankcmi, als die Jagdge­sellschaft sich znm Frühstück niedergelassen hatte. Strammen Schrittes nahte der »sch recht kräftige, in den fünfziger Jahren stehende Mann, dem man keine Spur von Altersschwäche oder Krankheil an» sah- Zwischen ihm und dem Aandpmckt des Kur fürsten befand sich ein ziemlich breiter Graben, üoer de» der Förster mit kräftigem Sprunge hin- wegsetzte und sich zur Stelle meldete. „Hm, r,«," Einte der Fürst, indem er mit prüfendem Blick

Hm Stehenden musterte —, ,8. noch recht rüstig, kann noch lange Dienst hm." Und dann We er, sich zu dem Vorgesetzten des Försters wendend und auf de» Graben deutend: „Forstmeister, auch mal springen!"

— Der Eifelt»»» wird »bertr» rupft. Wie aus Brüssel gemeldet wird, hat das Komitee der Brüsseler Wektausstellrmg 1910 6eWfen in dem Vorort Jxelles einen Turm aus Eifenstahl auf» führen z» lassen, der den EifÄtrrrm noch um ein beträchliches Stück überragen wird. Die Kosten Les Baues werden 12 Millionen Franken be­tragen.