Einzelbild herunterladen
 

«rschewt täglich mit Aurrrahme der Sorni« vndZeierta-e.viertel- jShrlichrrverngrprei, ohne Vringrrlohn und vefteLgeld in Zulda so­mit armoSrtr^.S«Mt.

verastw. Redakieur: LarlSchStit; für die Anreisen:

Z.ParzeSer in Fulda.

KüdaerWZeitms

wochmbeiiag«: „Illustrierte Sonntagszeitung" Monakb-ilag«: „Fuldaer GeschichtsbMer"

Anreisen: Vie ein­spaltige petttzeile »der deren Raum sS pfg. NeklamendiePetttzeik 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewahrt.

Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- ürndruckerei in Fulda Fernsprecher Rr.y.

35. Jahrqana

Fulda, Dienstag den 12. Mai 1908.

M 109

Krstes Wtcrtt

eines Studienfonds zur Unterstützung bestehender Fonds (des Albertus-Magnusvereins u. bergt), sowie durch die Einrichtung von Studienheimen und Bibliotheken für Studierend^ Gründung eines Fonds zur Unterstützung aller Einrichtun­gen und Verbände, die sich in den Dienst der werktätigen Nächstenliebe zur Gesittung und Ge­sundung des Volkslebens gestellt haben, Einrich­tung einer Zentralauskunftsstelle und einer Sta- tistik für alle einschlägigen Fragen.

Die Schrift schafft Klarheit über manche Punkt«, die bei der vorjährigen Verwirrung ver­dunkelt blieben. Die im vorigen Sommer vor­liegenden Aktenstücke gingen gewiß in manchem zu weit, allerdings waren sie auch noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und noch nicht aus­gereift. Die Jndexbewegung gehört der Ver­gangenheit an, über sie sind die Akten geschlosien. Die Ausführungen der Schrift hierüber haben nur noch historisches Interesse. Was die Schrift neues bringt an Anregung, die katholischen Ge­bildeten zu sammeln, sie durch Inanspruchnahme für Zwecke der christlichen Kultur ihrer Kirche näher zu bringen, verdient eine ernste Erörte­rung und fachliche Würdigung.

Deutsches Reich.

□ Die Abgesandte« Mulay Hafids, des Gegensultans in Marokko, sind im Auswärti­gen Amte noch nicht empfangen worden. Halb­amtlich wird berichtet: „Mulay Hafids Abgs- fandte, die heute (Montag) von dem ehemaligen Legationssekretär der deutschen Gesandtschaft in Tanger, Freiherrn Langwerth v. Simmern, im Auswärtigen Amte empfangen werden sollten, werden nach den neuesten Bestimmungen erst morgen angehört werden. Die Marokkaner haben, wie wir vernehmen, ein in arabische: Sprache abgefaßtes ausführliches Schreiben an den Reichskanzler gerichtet, in dem sie vermutlich noch einmal offiziell eine Audienz erbitten. Die­ses Schreiben ist dem Orientalischen Seminar über geben worden und soll im Laufe des heutigen Tages übersetzt werden. Sobald die Uebersetzung vorliegt — und das wird morgen (Dienstag,' der Fall sein — kann der Empfang vor sich gehen."

Der Vertreter der deutschen Regierung wird sich allerdings im wesentlichen darauf beschrän­ken, die Eröffnungen, die die Abgesandten zu ma­chen haben, anzuhören und zur Kenntnis zu nehmen. Die deutsche Regierung will sich nicht in den marokkanischen Thronstreit irgendwie ein- mischen, sie betrachtet ihn vielmehr als eine innere Angelegenheit, die im Grunde nur die Ma­rokkaner selbst angeht und von ihnen allein entschieden werden muß. In der Theorie steht ja bekanntlich die französische Negierung auf dem­selben Standpunkt. In Wirklichkeit allerdings hat sie ihn längst verlassen und tatsächlich für ihren Schützling Abdul Asis Partei ergriffen. Ohne ihr Eingreifen wäre der Gegensultan Mu­lay Hafid wahrscheinlich schon längst der alleinige überall anerkannte Sultan und hätte Ruhe und Ordnung im Lande hergestellt. Aber dies ist es gerade, was die Franzosen nicht wollen, was sie soweit als möglich verhindern möchten, da sonst jeder Vorwand für ihr weiteres militärisches Vorgehen entfallen würde und ihres Bleibens im Lande nicht länger wäre.

Daher auch der Aerger, daß man sich in Berlin nicht, wie zur Zeit der ersten Gesandtschaft des Gegensultans, der französischen Auffassung fügt, Mulay Hafid als einen Rebellen betrachtet und seiner zweiten Gesandtschaft wieder gleich der er- sten einfach die Tür weist. Vielleicht will man in Berlin dadurch, daß man es diesmal nicht tut, zeigen, daß an den Berliner amtlichen Stellen

die Gelegenheit gern benutzt worden ist, um vor aller Welt kundzutun, daß man sich mcht willenws im Schlepptau Frankreichs befindet, daß man un­ter Umständen auch „anders kann" und sich vor dem Stirnrunzeln gewisser Parrser Leute nicht fürchtet. , . .

Es wäre sehr zu wünschen, daß man dies m Paris rechtzeitig verstünde und daraus die Lehre zöge daß auch die deutsche Geduld auf keine allzi- harte Probe gestellt werden darf, daß auch sie ihre Grenzen hat. Wer Sultan in Marokko ist, kann uns völlig gleichgültig sein, darüber haben die Marokkaner selbst allein zu bestimmen. NE aber kann uns gleichgültig fein, ob der Sultan von Marokko ein unabhängiger Herrscher oder lediglich eine Puppe in den Händen einer frem­den Macht ist. Lange genug konnten die Franzo- fen allerdings infolge der mehr als nachgiebigen Haltung der deutschen Regierung glauben, daß diese keinen Finger rühren würde, wenn die Fran­zosen unter der falschen Flagge der „Pazifizierung Marokkos" das Land tatsächlich zu einem fran­zösischen Vasallenstaat machten. Nun wird ihnen durch den Berliner Empfang der Boten Mulay Hafids ein recht vernehmliches Halt! zugerufen, das in Paris nicht unbeachtet bleiben sollte!

A Ein „Staatskanzler" für Preußen. Der vortragende Rat im Kultusministeriüm, Frhr. v. Zedlitz, macht feit einiger Zeit lebhaft Agitation für die Errichtung eines preußischen Staatskanzleramtes. Er denkt sich das, wie er einem Vertreter eines Blattes erklärt hat, so: „Der Staatskanzler soll als einziger, verantwort- licher Leiter der Politik Preußens an die Stelle des Staatsministeriums und der einzelnen Reffort- minifier treten. Er soll zweckmäßig dieselbe Persönlichkeit sein, wie der Reichskanzler. An die Stelle der Reffortminister sollen Staats­sekretäre treten, mit Stellvertretungsbefugnis und zwar zweckmäßig nicht so, wie im Reiche, daß jeder Staatssekretär die Stellvertretung in einem Reffort hat, sondern so, daß der erste Stellver­treter die Befugnis zu Direktiven und die Ver­tretung des Staalskanzlers für alle Refforls hat. Es bedarf für alle Fälle einer Jnstanr, die über den Refforts stehend, Meinunqsdifferenzen auio- rativ zu entscheiden in der Lage ist. Das System der Ministerkollegien oder vielmehr einer Reihe von Einzelministerien ist im Verfassungsstaak, wo die großen Kollegien der Parlamente den Regulator der Staatsmaschine bilden, nicht am Plätze." — Alle Leute, die das Staatsorgani- sationswesen zu beurteilen verstehen, sind immer der Ansicht gewesen, daß das preußische System das verhältnismäßig beste sei und daß das bleich seine Einrichtungen dahin anszubauen habe. Hier vertritt ein Fachmann eine gegenteilige An- sicht. Ob er damit viel Freunde finden wird, steht allerdings dahin.

□ § 63 be9 Handelsgesetzbuches. Der Reichstag hat bekanntlich die Vorlage über die Abänderung des § 63 des Handelsgesetzbuches dahin abgeändert, daß es den Prinzipalen nicht erlaubt sein soll, das Gehalt in Krankheits­fällen abzuziehen; auch soll, was die Regierung verlangte, das Krankengeld nicht abzugs- sähig sein. Jetzt heißt es, die Regierung werde dieser Aenderung ihre Zustimmung nicht geben.

e. Ausführung des Schulgesetzes. Der ,Köln. Volksztg/ geht vom Niederrhein eine Zu­schrift zu, die allgemeine Bedeutung hat, weshalb wir sie ebenfalls wiedergeben. Sie lautet: „In einer fast ganz kalholischen Gemeinde am Nieder- rhein stellt der protestantische Bürgermeister in der ersten Sitzung des Schulvorstand es den An-

ö „Znimdewegung und Kultur- geftPchaft."

Von Münster in Wests.. ging im vorigen Jahre eine Bewegung aus, bte auf Abschwächung der Wirksamkeit, des kirchlichen _^nb«s der ver­botenen Bücher hinzieüe. Zu diesem Zwecke sollte eine Bittschrift an den Papst und an den deutschen Episkopat gerichtet werden., Mit diesem Bitt­schriftunternehmen sollte die Gründung einer ständigen Laienorganisation verbunden werden. Die hierauf bezüglichen Aktenstücke kamen, ehe die Vereinbarungen darüber abgeschlossen waren, durch einen Vertrauensbruch in der Conspon- denze Romane in die Öffentlichkeit und riefen lebhafte Auseinandersetzungen hervor.

Soeben haben nun die Anreger jenes Bitt­schriftunternehmens, die Herren Assessor Hompel, Justizrat Hellraeth und Professor Dr. Plaßmann in Münster unter dem Titel „Jndexbe­wegung und Kulturgemeinschaft" eine Schrift erscheinen lassen, worin sie eine historische Darstellung der Jndexbewegung gaben und es unternehmen, ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Hieran anschließend wird im zweiten Teil die Gründung einer die gebildeten Katholiken Deutschlands in sich sammelnden Gesell» fchaft für christliche Kultur vorgeschla­gen und deren bis ins kleinste ausgearbeiteter Plan borgelegt

Die Verfasser betonen in der Schrift zu wie­derholten Malen ihre unbedingte kirchliche Treue, ihre Gegnerschaft zu allem, was nicht kirchlich korrekt ist. Das sentire cum ecclesia, denke wie die Kirche denkt, trägt das Titelblatt des Buches als Motto. Auch in dem mitgeteilten „Vorent­wurf der Organisationsgrundlage" zur Gewin­nung von Unterschriften für die Jndexbittschrift kehren diese Sätze wieder. Und in demselben „Vorentwurf" lesen wir als „Grundprinzip des ganzen Unternehmens die bedingungslose Unter­ordnung unter die vom Heiligen Stuhl getroffene ober stillschweigenb betätigte Entscheidung der Bittschrift".

Als Ziel der Kulturgesellschast wird angegeben: „Organisation des erhöhten gemeinsamen und frucht­baren Zusammenwirkens von Klerus und Laien für das Laienapostolat, d. t die Rettung der ge­bildeten katholischen Laienwelt für die Aufgaben der höheren Kultur im Dienste der christlichen Weltanschauung und der Autorität". Im zweiten Teil des Buches ist dann der Satzungsentwurf dieser Gesellschaft für christliche Kultur veröfsent- licht „mit der Bitte um Kritik und Rat". Im allgemeinen erscheint als „Zweck der Gesell­schaft die praktische Belebung und Durch­dringung der Bestrebungen für Literatur, Wissen­schaft, Kunst und Charitas mit christlichen Ideen, zumal unter den Gebildeten — die Bekämpfung jeder Abgeschlossenheit, Absonderung und Teil­nahmslosigkeit in Fragen der christlichen Welt­anschauung — und auf der also nach und nach gewonnenen Grundlage die Organisation aller Vorgefundenen Kräfte für die Mitarbeit am ge­ordneten Fortschritt der christlichen Kultur." Das Ziel soll erreicht werden durch Herausgabe von geeigneten Schriften, Veranstaltung von öffent­lichen Vorträgen und Kursen, Abschluß von Vor- zugs-Abonnementsverträgen mit geeigneten Zeit­schriften und durch Zuführung von Abonnenten und Mitarbeitern für die betreffenden Zeitschrif­ten, Abschluß von Versicherungs-Vorzugsverträ­gen, Angliederung der Gesellschaft und ihrer Ein­richtungen an bestehende Unternehmungen, Schaf­fung einer literarischen Zentralstelle, Einrichtung

trag der Herr N. N. möge als stellvertretender Vorsitzender angenommen werden. Dieser Herr, gegen den gewiß nichts einzuwenden ist, ist Protestant. Was hätte es für ein Geschrei ge­geben, wenn jetzt der katholische Pfarrer dagegen etwas gesagt und einen Katholiken vorgeschlagen hätte, da doch die Schulen alle katholisch sind! Er durfte (?) also nichts sagen; die übrigen Mitglieder des Schulvorstandes wagten ebenfalls nicht gegen den Vorschlag des Bürger­meisters aufzutreten, um nicht in den Verdacht der Intoleranz u kommen (?). In derselben Sitzung stellte der Bürgermeister den Antrag, es möge ihm eine Entschädigung von 350, Mark bewilligt werden sür die Mehrarbeit, die ihm als Vorsitzenden des Schulvorstandes erwachse; dieselbe Mehrarbeit hatte aber der geistliche Orts­schulinspektor seit über 20 Jahren ganz umsonst geleistet. Bei der Abstimmung über die Bewilli­gung der Gelder enthielten sich zwei Mitglieder der Stimme, die übrigen bewilligten 300 Mark. Die „guten Leute!" — Man sollte doch der­artigen Unver—srorenheiten gegenüber entschiedener austreten, das verlangen das katholische Ehr­gefühl und die katholischen Interessen, denn von dem guten Namen, tolerant zu sein, hat die katholische Schule nichts. Leider macht man schon jetzt überall die Erfahrung, daß der durch das neue Schulgesetz geschaffenen Sachlage viel zu wenig Bedeutung beigelegt wird, und daß man die Hände einfach in den Schoß legt. Dann darf man aber auch nachher nicht klagen und lamentieren, wenn man die Folgen hand­greiflich vor Augen sieht.

:|: An die Mitglieder der katholischen Ar­beiter-, Gesellen- und Knappschaftsvereine er­läßt das Lokalkomttee des diesjährigen Katho­likentages folgenden Aufruf:

Düsseldorf, die schöne Kunst- und Gartenstadt mächtig in Handel und Industrie, darf in diesem Jahre die Ehre für sich in Anspruch nehmen, die 55. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in seinen Mauern zu beherbergen. Wie srüher, soll dieselbe eingeleitet werden durch einen Festzug katholischer Arbeiter-, Gesellen- und Knappenvereine am Sonntag, den 16. August. Diese Tagung erhält dadurch eine besonder» Weihe und Bedeutung, daß sie die ossizielle Huldigung der deutschen Katholiken an den hl., Vater, Papst Pius X., anläßlich seines goldenen PriesterjubiläumS darstellen soll. Bei der großen Anhänglichkeit und alt­bewährten Treue, welche die arbeitenden Stände jeder­zeit gegen die Kirche und ihr Oberhaupt bekundet haben, werden die Mitglieder der katholischen Arbeiter-, Gesellen- und Knappenvereine es als ihre Ehrenpflicht betrachten, in möglichst großer Zahl an dieser einzig­artigen Huldigung für das Papsttum sich zu beteiligen. Katholische Arbeiter, Gesellen und Knappen! Kommt nach Düsseldorf! Zeigt der Welt, daß ihr nach wie vor auch in sturmbewegter Zeit als echte deutsche Männer treu steht, wie zu Kaiser und Reich, so auch zu Papst und Knche! Eure beste Antwort auf allen Spott und Hohn über Kirche und Papst soll sein eure begeisterte Teilnahme an der glanzvollen Huldigung des katholischen Deutschlands für Pius X., „den Hirten der Völker im goldenen Kranze".

— Der 4. allgemeine Kongreß der Kranken­kaffen Deutschlands ist am Montag in Berlin jujammengetreten. Die Regierung hatte die Ent­sendung von Vertretern abgelehnt. Das erste Referat hielt Gustav Bauer (Berlin) über „Die Bestrebungen zur Reform der Arbeiterver­sicherung". Der Redner behauptete, daß es sich bet der von der Regierung beabsichtigten Reform der Krankenkaffen nur um einen Angriff auf die Selbstverwaltung handle, und plädierte für Zu­sammenlegung zum mindesten organische Verbin-

Der falsche Erbe.

Roman von Eb. Wagner.

1] (Nachdruck verboten.)

I.

E in Schiffbruch.

Der Tag neigte sich zu Ende — ein schöner Novembertag, heiter und warm, wie man es zu dieser Jahreszeit aber nur in den südlichen Län­dern Europas erwarten kann. Die Sonne blutig rot, zur Hälfte von einer dichten, schwarzen Wolke bedeckt, hinter der sie bald verschwand, sandte noch einige glübende Strahlen über die blauen Fluten des Mittelländischen Meeres. Die Luft war still, kein Hauch füllte die schlaff herabhängenden Se­gel des kleinen Fahrzeuges, welches, auf der Reife von Cagliari nach Palermo begriffen, sich kaum von der Stelle bewegte. An Bord des Fahrzeuges befanden sich, außer dem Kapitän und zwei Ma­trosen, zwei junge Männer als Passagiere, tvelche an dem Geländer des Schiffes lehnten und dem emsigen Treiben der Mannschaft, die Vorbereitim- gen für einen bevorstehenden Sturm trafen, zu- sahen.

Einer dieser jungen Männer war ein Eng- länber, Namens Guibo Harrington, einziger Svbn und Erbe Harry Harrington's zu Harring­ton Hall. Er war groß und schlank, seine Haltung aristokratisch. Auf feinem Ge sicht war sein Cha- ratter deutlich ausgeprägt; die hohe Stirn zeigte von Mut und Entschlossenheit, die großen blauen Augen blitzten offen und treuherzig um sich und um den feinen Mund lag ein Zug von Wohlwol­len und Milde, der jeden beim ersten Blick an den jungen Manu fesselte.

i Der andere war ebenfalls groß und schlank, hatte viel Aehnlichkeit mit dem Ersteren, obwohl seine Gesichtszüge weniger fein waren und in Ihnen ein gewisses geheimnisvolles Etwas lag, Welches bei näherer Betrachtung abstoßend- auf

ben Beschauer wirkte, auch seine Augen blickten nicht so frei unb offen, sondern irrten beständig und ruhelos umher.

Dieser Mann nannte sich Ferdinand Brander und war der Reisegefellschafter Guido's, welcher ihn in London bei einer besonderen Gelegenheit kennen gelernt hatte.

Eines abends nämlich, als Guido Harrington durch die Straße schlenderte, stürzten zwei fräf- tige Männer, aus dem Kursale kommend, auf ihn los. Offenbar hielten sie ihn für einen an­dern, ließen ihn jedoch nicht zum Wort kommen, drangen vielmehr mit solcher Heftigkeit auf ihn ein, daß er nur auf feine Verteidigung bedacht sein mußte. Trotz seiner verzweifelten Gegen- wehr würde er den Angreifern unterlegen sein, wäre nicht ein Fremder ihm zu Hülfe geeilt, der durch fein kräftiges Einwirken die beiden zur Flucht zwang. Dieser Fremde war Ferdinand Brander. Seine Aehnlichkeit mit dem jungen Harrington erweckte in diesem sofort einiges In­teresse, und als er auf Befragen erfuhr, baß jener arm unb ganz allein in der Welt dastand, nahm er ihn mit nach seinem Hotel und engagierte ihn als Reisegefellschafter.

Fast ein Jahr hatten sie nun zusammengereist unb war in dieser Zeit zwischen innen ein innig freundschaftliches, fast brüderliches Verhältnis entstanden. Nachdem sie Sardinien unb Korsika besuchten, hatten sie die sich darbietende Gelegen­heit benutzt, mit einem kleinen Schiffe nach Pa­lermo zu fahren, um von dort mit dem Dampf­schiffe nach Marseille weiter zu reifen.

Während sie so dastanden und den Arbeiten der Schiffsmannschaft zusahen, trat der Kapitän zu ihnen unb sagte:

„Machen Sie sich auf einen schweren Sturm gefaßt, Signores; in wenigen Minuten wird er losbrechen. "

Ohne eine Antwort von den Herren abzu- toarten, ging et weiter, um die letzten notwen­digen Anstalten zu^ treffey.

Die beiden sahen sich jetzt um nach der mit aller Macht heraufziehenden schwarzen Wolke, und zugleich Vernahmen sie in der Luft einen pfeifen­den und zischenden Ton, dem gleich darauf ein dumpfes Rollen folgte. Die See, eben noch ruhig und glatt wir ein Spiegel, geriet in Bewegung, und ein starker. lang anhaltender Windstoß legte das kleine Fahrzeug auf die Seite.

Diesem ersten Stoß folgte bald ein zweiter, bann ein dritter, immer heftiger und anhaltender, die Wellen türmten sich. höher unb höher, unb die Wolken jagten brausend unb heulend durch die Luft, so niedrig, als wollten sie sich mit dem Wasser verbinden. Ein heftiger Regen, der die undurchbrin gliche Finsternis vervollständigte, strömte bernitber.

Die beiben Passagiere mußten sich an dem Ge- länber des Schiffes festhalten.

„Das ist fein angenehmes Reisewetter," be­merkte Brander. „Glauben Sie, Harrington, daß der leichte Kahn den Sturm aiishalten wird?"

„Das glaube ich," erwiderte Harrington sorg­los. „Das Schiss ist neu und gut gebaut unb der Sabitän kennt, wie mir versichert wurde, die sizilianische Küste vollkommen. In wenigen Stun­den werden wir den Hafen von Palermo erreicht haben, können uns bann gehörig restaurieren und morgen mittag unsere Reise nach Marseille per Dampfschiff iortsetzen".

„Und von dort werden Sie über Paris direkt in Ihre Heimat zurückkehren I" sagte Brander ge­dankenvoll. .Ich aber, nachdem ich in Ihrer Ge­sellschaft ein Jahr, unverdienten Glückes genossen, muß mein früheres mühseliges Leben wieder be­ginnen unb mich durch Erteilung von Unterricht in fremden Sprachen durchzuschlagen suchen.'

Der junge Harrington sah seinen Begleiter überrasch: an.

„Ferdinandl" rief er, „was reden Sie da! Glauben Sie, daß ich einen Mann, den ich so lange Freund genannt, ben ich wie einen Brüder geliebt habe, nun von mir geheii ließe?. Ich be­

absichtige, noch einmal an meinen Vater zu schrei­ben in Betreff Ihrer Zukunft; fein Brief jedoch, den ich gestern empfing und der mich plötzlich zu- rückruft, veranlaßt mich, davon abzusehen. Ich werbe von Marseille aus telegraphieren, daß Sie mit mir kommen; — unb das werden Sie doch — nicht wahr? Gewiß, Sie können es mir nicht abschlagen, Sie können mich nicht verlassen, mein Freund. Ich werde sofort nach unserer Ankunft in Harrington Hall mit meinem Vater sprechen und mich bemühen. Ihnen eine Ihren Kenntnis­sen und Fähigkeiten entsprechende Stellung zu verschaffen. ES fesseln Sie ja keine Bande an Deutschland oder überhaupt an den Kontinent?"

lieber Brrmder's Gesicht zuckte es, als wäre er an etwas Unangenehmes plötzlich erinnert wor­den; es war jedoch so finster, daß Guido Harring­ton es nicht bemerken konnte.

„Durchaus nicht," antwortete er nach einigem Zögern hastig.

„Unb Sie gehen mit mir?"

„Was würde Ihr Vater dazu sagen?" wen­dete Brander ein. „Er würde von Ihrer Generosi­tät wenig erbaut sein und bei der ersten besten Gelegenheit ben besoldeten Gesellschafter, der Aehnlichkeit mit feinem Sohne zu besitzen die Ver­wegenheit hast aus feinem Haufe —"

Eine plötzliche Senkung be§ Schiffes und eine über dasselbe brausende Woge unterbrach die Red« Ferbinanb Branders.

„Sie tun meinem Vater Unrecht", sprach Har­rington, sich das Salzwasser aus dem Gesicht wi­schend, als das Schiff wieder über Wasser ging. »Er ist der edelste Mann auf der Welt — liebevoll unb gutherzig, ein Gentleman in jeder Beziehung. Er wird ben Freuub feines Sohnes ebenso will­kommen heißen, wie bieten selbst; und Sie werden ihn achten unb lieben wie ich ihn lsfoe." .

Er scheint mir nicht recht zärtlich zu sein," bemerfte Brander. „Sie sind fünf Jahre von Hanse weggewesen, und jetzt zum ersten Male spricht er das Verlangen aus, Sie wiederzu­sehen." (Forts, folgt.)