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Fulda, Montag dm 11. Mai 1908.

M 108.

vle eilt. spMgepetttzeileoder deren Saum lS Pfg. Se0amendlePetit;eU» M pfg., bei wieder- Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotation,druckuud Verlag der Fuldaer M- tkendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Pension zu gehen; als sein Nachfolger ist Unter- staatssekretär von Löbell ausersehen. Reichs- kanzle- Fürst Bülow versteht es, seine Leute in die Nähe des Monarchen zu bringen. Der Chef des Milstärkabinetts ist sein Freund, der fünf- tige Chef des Zivilkabinetts ist ihm zum lebhaf­ten Danke verpflichtet und der diplomatische Reise- begleiter des Kaisers, ist ein Vetter des Reichs­kanzlers; da kann es nicht mehr fehlen.- Wie früher Fürst Eulenburg seine Leute um den Kai­ser hatte, so heute Fürst Bülow.

□ Staatssekretär Dernburg hat sich am Samstag von den Beamten des Kolonial-Amtes verabschiedet, um seine große Reise nach Deutsch-Südwestafrika anzutreten. Erreist zunächst nach London; sein Aufenthalt in London dient lediglich zur privaten Information über einige das südwestasrikanische Schutzgebiet berüh- rende Fragen. — Dernburg hat auf die Verab­schiedung der kolonialen Bahnvorlagen im Reichs- tage hin den Kronenorden erhalten. Der Kaiser gratulierte ihm in einem Handschreiben.

— Der frühere amerikanische Botschafter Tower ist vor seiner Verabschiedung zunächst in die Schweiz gereist. Am 1. Juni wird er sich vom Kaiser verabschieden. Sein Nachfolger, Herr Hill, wird dann die Geschäfte übernehmen.

* Die marokkanischen Unterhändler in Berlin. Mulai Hafids Abgesandte sind am SamStag von Hamburg nach Berlin gekommen. Es sind zwei tiefbraune, in weiße Tücher gehüllte und mit dem Turban bedeckte Gestalten. Ihre Namen: Sidi Mohammed den Hafis und Ben Abdel Kader ben Nis Tafi. Sie sind von einem Diener begleitet. Da sie weder die deutsch« noch eine andere als die marrokanische Sprache be­herrschen, haben sie in Hamburg einen Dol­metscher angenommen. Der erste Gesandte, der dem Kaiser einen Brief Mulei Hafids überbringen soll, äußerte, daß es zum Heiligen Krieg kommen werde, wenn Mulei Hafid nicht anerkannt werden sollte. Abdul Aziz könne sich nur an der Küste halten, solange die Kanonen ihn schützten. Auf die Frage, ob er wisie, daß man in Paris nicht wünsche, daß er in Berlin empfangen werde, meinte er, davor fürchte sich der „Sultan von Berlin" nicht. Die Delegierten des marokkanischen Sultans werden heute Montag von dem Le­gationsrat Dr. Frhrn. v. Langworih-Simmern, dem früheren Legationssekreiär in Tanger, empfangen und angehvrt werden und zwar, um internationale Schwierigkeiten zu vermeiden, in­offiziell.

□ Der Gouveruementsrat von Deutsch-Süd- wcstafrika, der kürzlich getagt hat. hat neben den bereits besprochenen Beratungen über die „Selbst- Verwaltung"" der Kolonien sich auch mit der Frage des Landverkaufs befaßt. Dabei ist mitgeteilt worden, daß man mehrere wichtige Aer.dcrungen der Bestimmungen über den Land- Verkauf vorgefehen habe. Danach braucht der Käufer von staatlichem Farmland sich nicht mehr auf der Farm aufzuhalten, er muß nur in der Kolonie wohnen. Weiter wird ein Betriebkapital von mindestens 10000 Mk. verlangt. An eine Ansiedelung kleine r Bauern denkt man also bereits längst nicht mehr. Bei dieser Gelegen­heit hat die Regierung die Frage aufgeworfen, ob es möglich sei, Farmen zu verpachten. Sie wünscht darüber das Urteil der Farmer zu hören.

△ Ten Kampf um die Frauen wollen die Parteien jetzt nicht mehr allein den Sozialdemo­kraten überlasien. Eine Partei nach der andern sucht die Derbefferungen, die das Reichsver­einsgesetz für die Frauen bringt, für ihre

Zwecke auszunutzen. So hat der Vorstand des jungliberalen Reichsverbands im Hinblick auf die Bestimmungen des neuen Reichsvereinsgesetzes einen Beschluß gefaßt, in dem es heißt: „Wir müflen den Frauen zu erkennen geben, daß wir Jungliberale auf ihre Betätigung in unseren Organisationen großen Wert legen. Zur Erreichung dieses Zweckes fordern wir unsere Vereine auf, am 18. Mai in öffentlichen Versammlungen zum Reichsvereinsgesetz und besten Folgerungen be- züglich der Frauen Stellung zu nehmen und den § 3 der Vereinssatzungen dahin abzuändern, daß m Zukunft auch Frauen als ordentliche Mit- glieder aufgenommen werden können."

0 1100 Mark Reichsgelder für ein Zigaret- tenetui! Die Rechnung für das Jahr 1905 ent­hält eine recht sonderbare Bemerkung, die zeigt, wie man oft mit Reichsgeldern umgeht. Prinz Adalbert hat auf seiner Reise als Marine­offizier auch den König von Siam besucht; dabei schenkte er dem Generaladjutanten des Kö­nigs ein Zigarettenetui, das 1100 «M, gekostet hat. Dagegen wäre nun nichts einzuwenden, wenn nicht diese Summe aus den allgemeinen R eich s- Mitteln genommen worden wäre. Es ist be­greiflich, daß die Rechnungskommission genauen Aufschluß über diese eigenartige Verwendung von Reichsgeldern gefordert hat. Für solche Zwecke zahlt doch der Bürger die Steuern nicht.

s. Jena, 9. Mai 19u8. Der deutsche Friedenskongreß trat hier heute zusammen, ohne daß es bis jetzt zu bemerkenswerten Ver­handlungen gekommen wäre. An den Kaiser und an den Großherzog wurden Huldigungs- ielegramme gesandt.

Zu den randtagswahlen.

**' Fnlda, 11. Mai 1908. Glänzende Muste­rungen waren die Wählerversammlungen der Zeutrumspartei des Wahlkreises Hünfeld-Gers- feld gestern nachmittag in Hilder s im Hoh- mann'schen Felsenkeller und -gestern abend in W u- ftensachsen. Beide Versammlungen waren recht gut besucht. Durch die Reihen ging von Anfang bis zu Ende ein Zug der Begeisterung. Den Vorsitz führte in beiden Versammlungen Herr Dechant S ch n a u s (Batten). Herr Pfarrer A tz e r t (Eckweisbach) hatte es übernommen, den Kandidaten, Herrn Drinnenberg bei den Wählern einzuführen. Er empfahl Herrn Drm- n en berg als einen ausgezeichneten, für dein Wahlkreis bestens geeigneten und besonders um die ländliche Bevölkerung reich verdienten Mann. Weiter legte er die Lage im Wahlkreise dar und munterte in zündenden Worten zur re­gen Wahlbeteiligung auf. Danach entwickelte Herr Amtsgerichtssekretär Drinnenberg sein Programm. Der Beifall, mit dem er schon bei seinem Erscheinen auf der Rednertribüne begrüßt und der ihm nach seinen Ausführungen doppelt reichlich gespendet wurde, war ein Beweis, daß er sich bereits in den Herzen der Zentrumswähler eine gute Heimstätte bereitet hat. Es sprachen außerdem noch die Herren Singer, Kapp und S ch iit t e aus Fulda und Herr Kaufniann Etzel (Hilders). In der Versammlung zu Wü­stensachsen kam es wegen der Eisenbahnangelegen­heit zu einer interessanten Aussprache, an der sich die Herren Spiegel (Wüstensachsen), Etzel (Hil­ders) Pfarrer Atzert und Amtsgerichtssekretär Drinnenberg beteiligten.

Großenlüder, 11. Mai 19(8. Die gestrige Zentrum Swäh lerversam mlung im Brähler'schen Saale war sehr gut besucht auch von den umliegenden Orts chaften, und es herrschte in ihr große Begeisterung und Einmütigkeit. Herr Pfarrer Malkmus-Großenlüder begrüßte

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verant». Redakte«:

«arl Schütter

tSSff&S* W>ch-nM°g<: Illustrierte SomrtagsjeW

Ausland.

* Für und wider Profestor Wahrmund. Die Innsbrucker Studentenschaft unternimmt A g i - tationsreisen in allen österreichischen Uni« versitätsstädten, um für den Fall, daß die Amts­enthebung Professor Wahrmunds nicht rückgängig gemacht wird, einen allgemeinen Streik der freiheitlichen Studentenschaft Oesterreichs zu inszenieren. Profestor Wahrmund weilt gegen­wärtig auf den carrarischen Inseln.

* Attentate auf Hofzüge. Gegen den Eisen­bahnzug, in dem der König von Sachsen am ver­gangenen Mittwoch nach Wien reiste, sind zwischen Jglau und Wiese Steine geschleudert worden. Ein Stein fiel in den Waggon des Kö­nigs, der aber gerade nicht im Coupee saß. Eben­so sollen gegen den Zug der österreichischen Nord- westbahn, in dem sich der Großherzog von Meck­lenburg, der Herzog von Anhalt und der Bürgermeister von Hamburg befanden, Steine geschleudert worden sein.

Deutsches Reich.

£ Zur Ausführung des Reichsvereinsgesetzes in Preußen

hat der Minister des Innern eine Verord­nung erlaflen, die sich auf die Bekanntmachung politischer Versammlungen und mit dem Sprachen- Paragraphen beschäftigen. Der Anmeldung bei der Behörde bedarf es nach dem kommenden Gesetz für eine politische Versammlung bekanntlich dann nicht, wenn sie öffentlich bekannt ge­macht wird. Dies kann durch Zeitungen oder durch Anschlag geschehen.

Die Verordnung bestimmt nun, daß die Be­kanntmachung durch Zeitungen in deutscher Sprache und in Preßorganen erfolgen muß, bte für jede Gemeinde vom Landrat bezw. von der Polizeibehörde bezeichnet werden. In jeder Gemeinde müffen wenigstens zwei Zeitungen besttmmt werden, darunter muß wenigstens ein Blatt fein, das jeden Werktag erscheint. Die Bekanntmachung muß die Ueberschrist tragen: Oeffentliche politische Versammlung. Es muß sich aus ihr Zeit und Ort der geplanten Versammlung, sowie der Name, der Wohnort und die Wohnung deS Veranstalters ergeben. Die ZeitungSnummer, in der die Bekanntmachung erfolgt ist, muß so zur Ausgabe gelangt fein, daß sie bei ordnungsmäßiger Bestellung min- destenS 24 Stunden vor Beginn der Verfamm- rting in den Händen der Behörde sein kann.

Durch Anschlag kann eine dem Gesetz ge­nügende Bekanntgabe der Versammlung nur dann geschehen, wenn die Versammlung in einer Ge- meinbe veranstaltet wirb, in ber öffentliche Ein­richtungen (Säulen, Anschlagstaseln) für ben An­schlag von Ankündigungen mittels Plakats be­stehen. Die Bekanntmachung muß in deutscher Sprache abgefaßt sein und bezüglich Ueberschrist und Inhalt denselben Ersorderniffen wie in den Zeitungen genügen. Der Anschlag muß mindestens 24 Stunden vor Beginn der Versammlung er­folgt sein.

Bezüglich deS Sprachenparagraphen bestimmt die Verordnung, daß der Mitgebrauch frem­der Sprachen bei öffentlichen Versammlungen in folgenden Gegenden gestattet ist:

in den Regierrmgibeiirkeu Königsberg und Gum­binnen der Mitgebrcmch der litauischen Sprache,

w den Regierungsbezirken Königsberg, Gumbinnen und «llenflrin der Mitgebrauch der masurischen Evrache,

in den Regierungsbezirken Frankfurt a. O. und Lieanitz der Mitgebrauch der wendischen Sprache,

in dem Kreise Malmedy deS Regierungsbezirks Aachen der Mitgebrauch der wallonischen und der französischen Sprache.

Für dar dänische Sprachengebiet wird be- stimmt: sür die Verhandlungen in öffentlichen Versammlungen ist in denjenigen Amtsbezirken des Kreises Tonbern im Regierungsbezirk Schleswig, in denen nach dem Ergebnis bet je­weilig letzten Volkszählung die Bevölkerung bänischer Muttersprache 60 vom Hundert bet Gewmtbevölkerung übersteigt, der Mitgebrauch der dänischen Sprache gestattet.

Den Regierungspräsidenten wird die Er- mächtigung erteilt, in besonderen Fällen ben Mit­gebrauch einer nichtbeutschenSprache in öffent­lichen Versammlungen zu gestatten.

** Der Nachfolger von Lucauus. Der Mini- sterabsäger und Chef des Zivilkabinetts, Herr von Lucauus, gedenkt im Laufe des Sommers in

MaerW Zeitung

monawiage: „Fuldaer Eeschlchtrdlätter"

35. Jahrgang.

bie Erschienenen wies auf ben Ernst ber Situation hin, in ber sich biesmal bie Wahlen zum Adge> orbnetenhause vollziehen. Herr Bankier Goebel Fulba legte bie Grünbe dar, die zur Aufstellung des Herrn AmtSgerichtSratS Riehl geführt haben. Der Kandidat, der darauf feine Programmrede hielt, fesselte die gespannteste Aufmerksamkeit averZuhörer und rief lebhasteBeifallSstürme hervor. Herr Stadtverordneter Reith-Fulda verbreitete sich über die Imparität, unter der die Katho­liken in Preußen in vielen Beziehungen noch zu leiden haben. Herr Fabrikant Rich. Schmitt auS Fulda beleuchtete insbesondere die „bauern« freundliche- Tätigkeit des Bundes der Landwirt« und brachte unter begeisterter Zustimmung ein Hoch auf den Kandidaten aus. Auf Antrag des Herrn Anton Schwarz wurde eine Reso­lution angenommen, die sich für die Einführung des gleichen, direkten und geh.simen Wahlrechts in Preußen ausspricht. Das Hoch auf Papst und Kaiser brachte Herr Sanitätsrat Mar­quardt-Großenlüder aus.

* Hanau, 9. Mai 1908. Der Minister ge­nehmigte auf Antrag des Magistrats für Hanau bei den Landtagswahlen die F r i st w a h l statt der Terminwahl.

* Hannover, 3. Mai 1903. Der Zentrums, wahlverern sür Hannover und Umgegend gibt tüt die bevorstehende Wahl zum preußischen Landtage seinen Wählern folgende Parole: Ein der Weltanschauung der Zentrumspartei nahestehender Kandidat ist in Hannover und Linden nicht aufgestellt. Im preußischen Abge- orbnetenhause wirb aber mehr wie im Reichstage verhanbelt über bie höchsten Ideale der christ­lichen Weltanschauung. Weber dieNationalliberalen noch bie Sozialdemokraten, bie um baS Mandat ringen, bieten irgend eine Garantie für die Er­haltung der christlichen Volksschule, für die Gleichtenechtigung aller Konfessionen, für deS Volkes Freiheit und Wohlfahrt. Kein Zen­trumsmann kann und darf deshalb für die Sozialdemokratie ober bie Ratio» nalliberalen stimmen.

KolksmrWMches Md Soziales.

A Der christlichsoziale Metallarbeiterver­band hSIt in ben Tagen vom 6.-8. September in München seine diesjährige Generalversamm­lung ab. Anträge dazu sind bis zum 15. Juli bei ber Zentrale anzubringen.

In einiger Entfernung folgte Rionero mit dem jungen Ehemann, einem hübschen schlanken Mann, dessen militärische Haltung den Soldaten verriet, obgleich er jetzt Zivilkleidung trug.

Die beiden Damen ließen sich auf einer Mar­morbank nieder, die von blühenden Rosenbüschcn umgeben war.

Karolina hatte den Arm um die schlanke Taille der Freundin gelegt und während die Männer im Gespräch auf und ab gingen, flüsterte sie ihr leise zu:

„Willst Du, daß wir aufbrechen, damit wir nicht zu spät in die Stadt zurückkommen?"

„Nicht doch. Liebste", erwiderte hocherrötend dir junge Frau.

„Wann erwartet ihr den Grafen Tiepola?"

„£), — der kann erst am Abend in Florenz anlanqen."

„Hm — ich würde mich darauf nicht so sicher verlassen, denn die Ungeduld eines Liebenden kann Wunder wirken, Meere überbrücken. Berge bcrfc^cn.M

Dabei lächelte Karolina zärtlich ihren Gatten an, der sich ihr näherte.

Angiolina trat zur Seite, um das junge Ehe- paar ungestört dem Austausche seiner Gefühle zu überlasien. Jedenfalls hatten sie sich viel zu sagen, denn sie hörte Karolinas silberhelles Lachen und die Stimme des Grafen in zärtlichem Flü­stertöne reden.

Träumerisch blickte sie in die Weite, dorthin, wo die Strahlen der untergehenden Sonne die majestätischen Kuppeln der Kirchen in Gold und Purpur taucht, und ließ dabei die Schönheit des BildeS vor ihr fast unbewußt auf sich wirken.

Die Erwatrung eines Glückes, die Sicherheit, es bald zu besitzen, erfüllt das Menschenherz mit jener füß-n Ruhe, jenem seligen Frieden, welche dem wirklichen Genüsse fast vorzuziehen sind.

So harmonisch in sich ausgeglichen war heute auch die Stimmung Angiolinas.

Noch einen Schritt weiter trat sie vor und stützte sich auf die zierliche Balustrade, um den

Im Drmkel'n.

Roman von Ernesto Selva.

Stech einer wahren Begebenheit erzählt.

68] (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Nachwort.

Die Rosen blühten in aller Pracht in den Herr- licheu Bobvligärten zu Florenz und Rosen waren auch wieder auf den blaffen Wangen Angwlma^ erblüht. Es toac an einem lieblichen Maitage, als die junge Frau, zum ersten Male ganz m Weiß gekleidet, in fröhlicher Gesellschaft aus dem Palazzo Pitti kommend, den Garten betrat, der als dec schönste Italiens gilt.

Die kleine Gesellschaft schritt langsam die Höhe hinan, da, wo die Statue der Abbondanza ihr Füllhorn ausschüttet.

Angiolina hatte den Strohhut von den blon­den Locken genommen und glich in ihrem schnee­igen Gewände, mit dem milden Ernst in den edlen Zügen einer der Jdealgestalten, die Pinsel oder Meißel der antiken Meister verewigt haben.

Dagegen war die kleine Dame, welche auf sehr hohen Hackenschuhen neben ihr hertrippelte, die personifizierte Pariser Mode. An ihr war alles modern und ihr lustiges Geplauder, ihr fröhliches Lachen verrieten, daß es diesem munteren Welt- kinde äußerst wohl ergehe.

Wie hätte es auch anders sein können, kehrte die Comtessa di Montez, gedorne Karolina Fran- roni doch von ihrer Hoc^eitsreise in die Heimat zurück.

, Angiolina hatte der Trauer wegen, die sie erst vor wenigen Tagen abgelegt hatte, der Hochzeit ihrer Freundin nicht beiwohnen können und des­halb hatte diese sie, von Paris kommend, hier in Florenz aufgesucht, wo der Marchese Rionero den Duiter mit feiner Tochter zugebracht hatte.

schönen Augenblick voll zu genießen. Die anderen würden es ihr Dank wissen, wenn sie dieselben sich selbst überließ, und der Vater, ebenso denkend, hatte wohl einen kleinen Spaziergang unternom­men, denn fein Platz war leer.

Dafür sah Karolina den Marchese, denn sie war durchaus nicht so in das Liebesgespräch mit dem Gatten vertieft gewesen, wie die Freundin gemeint.

Das Köpfchen mit dem modischen Hute, auf dem ein bunter Kolibri sich in einer Tüllwolke fchaukelte, zur Seite geivendet, zupfte sie ihren Gatten am Aermel des leichten Sommerrockes und legte daun die Finger an den Mund.

Der Graf folgte mit feinen Blicken der Rich­tung, welche die junge Frau ihm angegeben, und fah den Marchese Rionero am Arme eines hoch- geivachsenen Mannes in der Allee daherkornmen, die bis zmn Ruheplatz führte.

Wie der Blitz hatte Karolina sich erhoben und ben Gatten mit sich fortziehend, eilte sie leicht­füßig den Kommenden entgegen.

Angiolina stand noch auf demselben Platze, versenkt in beschauliches Nachdenken, da hörte sie einen leichten aber festen Männertritt den Kies des Weges knirschen machen; unwillkürlich wandte sie das Hauvt, um regungslos, einer schönen Statue gleich, vor dem neuen Ankömmlinge stehen zu bleiben.

„Rafaellol"

„Angiolina I"

Und die Arme des Geliebten hatten die bebende Gestalt der Jungfrau umschlungen, sie ruhte an seiner Brust, fühlte das Klopfen des Herzens, dem das ihre entgegenschlug.

Eine kleine Weile verharrsien sie so, eines an das andere geschmiegt, lautlos, dann sagte Ra- faello mit einem tiefen Atemzuge:

„Endlich bist Du die Memel O, Angiolina, wie heiß und tote lange habe ich diesen Augen­blick ersehnt, und Du konntest es über Dich brin­gen, mich ein ganzes Jahr lang fern von Dir zu halten — Grausame I"

Errötend entwand Angiolina sich seiner Um­armung und fragte: „Aber wie kamst Du hier­her — wir erwarteten Dich erst am Abend, und im Hotel konnte man auch nicht toiffen, daß wir uns hierher begeben."

Rafaello lächelte.

„Das ist wahr, dort erfuhr ich, daß Ihr im Palazzo Pitti zu finden wäret, und als ich Euch dort vergebens suchte, brachte ein guter Freund mich auf Eure Spur, der Euch in der Galerie gesehen — rate einmal, wer es war!"

„Ich ahne es nicht —"

„Nun, kein anderer, als Arnadeo Santont, wel­cher mit feiner Gattin, einer Pariser Schau­spielerin, seit einigen Tagen in Florenz weilt. Die Dame sah übrigens ein wenig verblüht aus."

„Ei, das ist eine Ueberraschung, wir haben Santoni nicht gesehen. Aber, wo find nur unsere Freunde und mein Vater? Du mußt ihn begrü­ßen, Rafaello."

„Das tat ich schon und was Deine Freundin Karolina betrifft, so hat sie ein weiches, mit­leidiges Herz, denn sie gönnte mir dies Alleinsein mit Dir und hat mit Ihrem Gatten den Rückweg angetreten. Dein Vater erwartet uns dort am Schwanenteiche.

„So laß uns gehen."

„Noch einen Moment, erst muß ich von Deinen Lippen hören, daß meine Prüfungs- und Warte­zeit beendet ist und her Hochzeitstag bestimmt werden kann. O, dieses Jahr — ich dachte, es würde niemals enden. Hätte ich Dich nur ein­mal sehen, Deine süße Stimme hören, in Deine Augen blicken können."

Angiolina reichte dem Geliebten die Hand, dann sprach sie mit jenem sanfte« ©rnft her ihr eigen und stets von einem Schatten der Wehmut überhaucht war: „Wir waren hte§ Opfer dem Andenken des Mannes schuldrg, dessen Namen uh trage und der mich aus dem Dunkel, das mich jahrelang umfangen, zum Lichte geführt hat."