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Maer W Zeitung

j.SSKÄ wochrnbrilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

35. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 9. Mai 1908,

M 107

Zweites zKLatt.

«nzeigen: Vie ein« fpaltige Petitzeile oder deren Saum 15 Pfg. «eNamendrepetitzeil« 25 Pfg.. bei Wieben Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Roiationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak. Kendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

e Der Blockreichstag.

Die großen parlamentarischen Ferien haben begonnen. Jetzt ist die Zeit gekommen, diesem Reichstag ein Zeugnis auszustellen.

Man halte sich einmal den Jubel nach dem Wahltage vor Augen. Die Fanfaren setzten in den höchsten Tönen ein. Der Liberalisnius erwar­tete einen neuen Aufschwung; das Staatsruder sollte nach links gedreht werden; konservative Mi­nister sollten entfernt werden-, die liberale Aera

krschetttt »glich mit Rurnahme der Sotm« «ndFeiertage. viertel« jShrlichervezugrprelr ohne vriugerlohn und vestellgeld in Fulda so­wie amwSttrl-SvMI.

verantw. Sedatteurr Carl Schütter

wurde gefeiert und gefordert. Wer heute die liberale Presse vom Februar 1907 liest, der kommt auS dem Lachen nicht mehr heraus; da findet sich reichlicher Stoff für politische Witzblätter. Der neue Reichstag sollte die Morgenröte der liberalen Zukunft sein.

Und heute? 15 Monate sind verstrichen, 2 Ses­sionsabschnitte liegen hinter uns. Der neue Reichstag hat jetzt die Hälfte seiner Lebensdauer überstanden. Was aber ist von all den schönen Versprechen erreicht worden? Gar nichts; nicht nach links hat sich das Staatsruder gedreht, sondern der Liberalismus ist nach rechts mar­schiert; er gab alle liberalen Grurrdfätze Preis und genehmigte sogar Ausnahmegesetze. Statt der Freiheit kam die Knebelung, statt des Rechts daS Ausnahmegesetz. Nicht der Regierung trat man mit den liberalen Forderungen entgegen, sondern vor dem Reichskanzler lag man aus ten Knieen, mit der Bitte, er möge doch den Liberalismus nicht hinauswerfen. Den Faustschlag in der Wahlrechtsfrage quittierte man »mit Annahme eines Ausnahmegesetzes.

Das Buhlen um die Gunst des Reichskanzlers und der gesteigerte Zentrumshaß sind die beiden bervorstecbkndsten Merkmale dieses Reichstages. Eine bürgerliche ßinfe, die die Freiheit verteidigt, gibt es nicht mehr. Heute wird kein Denkender mehr das Vereinsgesetz als einen liberalen, Fort­schritt ansehen; schon wird bekannt, wie rigoros süddeutsche Staaten die bisherigen Freiheiten be­schneiden wollen, schon wird bekannt, wie man Jugendorganisationen auflösen muß; nicht mehr zu leugnen ist, daß der Sprachenartikel mit uner­hörter Schärfe gegen Polen und fremdländische Arbeiter gehandhabt werden soll. Wenn am 15. Mai das neue Gesetz in Kraft tritt, mutz die Frei­heit in Trauer gehen; der Polizeigeist aber darf seinen Feiertagshelm aufsetzen.

Um was also ist es denn besser gewor­den? Statt eines Riesen Posadowski kam ein Zwerg Bethmann usw. Die Schuldenlast teS Reiches ist in dieser knappen Zeit um 500 Mill. Mark erhöht worden; man denke: in 15 Mona^n um 500 Millionen Mark. Der Fehlbetrag im Reichshaushalt, der 1904 und 1906 verschwunden war, beträgt heute 125 Millionen Mark und über­steigt damit alles dagewesene. Aber die Beam­ten haben doch nichts erhalten und sehen in eine ungewisse Zukunft. Die ganze Geschäftswelt lei­det unter der Finanzwirtschaft, denn sie belastet den Geldmarkt schwer und drückt den Zins in die Höhe, zumal in 5 Jahren über 1000 Millionen Mark neue Schulden gemacht werden müssen. Und Fürst Bülow plaudert, „verschieben wir die schwere Sache", und alle sein« Getreuen atmen auf und sind froh, daß sie sich an der Finanzre­form vorbeidrücken konnten. Nach der Ankündi­gung des Fürsten Bülow sollten sogar Ersparnisse eintreten, statt dessen hat sich der Etat der Ver­teidigung des Vaterlandes um mehr als 158 Mil- lionen Mark verniehrt; das sind die negativen Ersparnisse. Wie sieht es mit der so lange ver­sprochenen neuen Reform des Strafrechts und des Strafverfahrens aus? Kein Mensch weiß, wann sie kommen soll und was kommen soll. Es ist ja eine ganze Anzahl Vorlagen erledigt wor­den, aber sie waren meist so bedeutungslos, daß es keines Blocks dazu bedurft hätte und mit dem Zentrum genau dasselbe hätte geleistet werden können. Die Seiten Prunkstücke des Blockes, das

tätigkeit, waren ihm stets fremd, sondern auch die feineren Formen. Er kannte keinen persönlichen Ehrgeiz oder gar Eitelkeit. Er strebte nicht nach dem Rufe, daß er selbst den Gang der Dinge ent­scheidend beeinflußt habe, selbst ter Macher und Lorbeerträger sei. Kein Eigensinn, kein Para­dieren, kein impulsives Hervortreten. Immer nur die peinlich gewissenhafte Pflichterfüllung in mög- lichst unauffälliger Form.

An dieser Tugend ist natürlich auch die Kritik geübt worden. Man hat gesagt, daß ec manchmal zu wenig Selbstherrlichkeit, zu wenig Initiative und zu viel Nachgiebigkeit gegen bedenkliche Par- teiftrömungen bewiesen habe. Freilich ist in den 60 Jahren manches passiert, was besser nicht pas­siert wäre, und wir haben dort manche Minister am Ruder gesehen, die wir lieber nicht gesehen hätten.^ Aber wenn Kaiser Franz Joseph, statt die Kräfte sich ausleben und die Verhältnisse sich natürlich entwickeln zu lassen, mit einer strammen Faust in die Zügel gegriffen hätte — ob dann die Entwicklung besser geworden wäre? Ob dann Lvfterreich-Ungarn, dieses buntscheckige Staats- gedilde, überhaupt noch bestände? Und daß es noch besteht, ist doch wahrlich «ine große Wohltat, nicht bloß für die dort vereinigten Völker, son­dern auch für ganz Europa und besonders für uns im Deutschen Reiche.

Wenn Kaiser Franz Joseph den Eigenwillen und die harte Hand manchmal vermissen ließ, so darf man daraus keineswegs folgern, daß er die Zügel habe schleifen lassen. Er war doch immer auf teni Posten. Er machte es wie der kluge Er­zieher, der die Kinder bis an die Grenzen ter Möglichkeit frei austoben läßt und ihnen das Be- wußtsein der Selbstbestimmung nicht ohne die dringendste Not beeinträchtigt, dabei aber die umsichtigste Vorsorge trifft, daß kein unheilbarer Schaden geschieht. Das Reich, das Kaiser Franz Joseph zu regieren hatte, gleicht einer vielglied- rrgen Familie von bunter Mischung der Charak­tere und Interessen. Wer ein Hauswesen solcher

«P Streifte Altersstufen mit Flegeljahren und Kindesbeinen zusammenleben sollen, als Patriarch zu leiten hat, der braucht mehr aus- zlerchende Klugheit und zuwart ende Geduld, als schroffe Energie. Bis in die jüngste Zeit hinein war Kaiser Franz Joseph unablässig tätig in dem landesmutterlichen Sinne: „Und lehret die Mäd- chen und wehret den Knaben." Immer einen neuen Weg aum Ausgleich, zur Beruhigung, zur

ntonatsMiag«: „Fulda« GeschlchkblAter"

alle Widerwärttgkeiten hinweg, und der 78- jährige Herrscher kann von sich dasselbe sagen, wie weiland Graf Eberhard int Barte^ daß er kühn sein Haupt jedem Untertan in den Schoß legen darf. Kaiser Franz Joseph hat keinen Feind im Lande, und selbst der wildeste Nattona- litätenhaß und Streit unter den vielen zur öfter- reichisch-ungarischen Monarchie gehörigen Volks- stämmen hat stets Halt gemacht vor ter Person des Kaisers. Kaiser Wilhelm war mit 11 deutschen Bundesfürsten in Wien erschienen, um den Kai­ser Franz Joseph Glückwünsche auszusprechen. Zwischen den beiten Kaisern wurden zweimal überaus terzliche Ansprachen gewechselt, die die unerschütterliche Freundschaft ter Herrscher und Völker zum Ausdruck brachtew

Eine Abordnung der deutschen Katholiken weilt in R o m, um dem heiligen Vater die Glück­wünsche zu seinem goldenen Priesterjubiläum aus- zusprechen. Ferner weilen dort die Hochwurdig- sten Herren Bischöfe Dr. Schmitt von Fulda, Tr. Bertram von Hildesheim und Erzbtschoj Tr. Abert von Bamberg. Die in Rom wohnenden deutschen Katholiken veranstalteten am Sonntag eine Papstjubiläumsfeier im Animapilgerjaal.

England, dessen Regierung in diesen Ta gen einen großen Sieg erfochten hat mit einer Zweidrittel-, zum Teil aus Konservativen be­stehenden Mehrheit für das von der konservativen Parteileitung und der konservativen Presse ler- denschastlich bekämpfte Gesetz über die Beschrän­kung ter Schankstätten, hat im oberen A e g v p - ten am Blauen Nil, einen Zusammenstoß mit Derwischen gehabt, die einen Ueberfall auf eine englische Truppe machten. Man hat die Aufrüh­rer mit schweren Verlusten auf beiden Seilen zu­rückgeschlagen, sodaß man wieder für einige Zeit Ruhe haben dürfte. Anters steht es Wohl in Indien. Indien hat feit Jahren seine regel­mäßige Hungersnot gehabt. Seit die englische Herrschaft die Stämme dort gehindert hat, sich gegenseitig zu zerfleischen, feit auch die Englän» der sehr viel Werte aus dem Lande schleppen, um sich daran zu bereichern, kommt Indien aus den Hungersnöten gar nicht heraus. Ter ge­ringste Fehlschlag in der Ernte, ja, nur ein ge­ringer Minderertrag führt gleich zu einer Hun­gersnot. Daraus resultiert eine Aufruhrnim- mung, die seit einem oder zwei Jahren von gebil­deten Indiern, die in Europa erzogen worden sind, geleitet wird. Merkwürdigerweise liegt jetzt die Unruhe nicht in Indien selbst, sondern in seinem nordwestlichen Nachbarlande A f g h a - n i fta n, das man längst als englisches Gebiet ansieht. Die Engländer haben dort den Ausruhr, der 20 000 Mann Truppen aufgebracht hatte, ge­schlagen, doch trauert gute Beurteiler der Sache nicht.

Ueberbrückung der Gegensätze, zur Dermeiduirg von Krach und Bruch, zur Freihaltung der Bahn für Reformen und Fortschritte zu finden, das war die Haupitütigkeit des Mannes, ter von dem stühen Morgenlämpchen an bis zur Nachtglocke nur an das Wohl seiner Völker und nicht an sich selbst dachte. Diefe Tätigkeit des nachsichtigen Vermittelns, des geduldigen Ratens, des klugen Abwartens, der unmerklichen Beeinflussung soll man nicht geringer schätzen, als glänzende Kraft- entfaltung. Im Gegenteil, man soll sie sich zum Muster nehmen überall da, wo man sich mit schwierigen Verhältnissen und empfindlichen Per- sonen abzufinden hat und wo die gezerrten Zügel leicht reißen können.

Im Anschluß an einen bekannten Spruch könnte man sagen: Lerne leiten, ohne zu streiten!

Aber auch den ursprünglichen Spruch hat der kaiserliche Jubilar in rührender Weise befolgt. Er hat wahrlich, wie kaum ein anderer, gelernt: zu leiden, ohne zu klagen.

Ach, wenn doch die einfältigen Leute, die mit Mißgunst oter gar mit gehäsiigem Neide zu dem Herrscher auf dem Throne aufblicken, sich die Fülle der Leiden klar machen wollten, die Kaiser Franz Joseph in seiner langen Regierungszeit hat erdulden müssen. Leiden im Beruf und Lei­ten im Familienleben! Leiden für das gekrönte Haupt und Leiten für das Herz des Vaters und des Gatten.

In ter Vollkraft seiner Jab re, wo man solche Schläge am bittersten fühlt, kam ein unglücklicher Krieg nach dem andern, unglücklich trotz ter Brav- heft seines Heeres, und dabei ter Verlust der italienischen Provinzen sowie der Vormachtstel­lung im Deutschen Bunde. Mareche glänzende Heldennatur würde unter einer Kraft solcher Schläge zusammen gebrochen fein. Aber Kaiser Franz Joseph hielt mit zähem Starkmut aus. Nach jedem Verlust setzte er mit ungeschwächter Spannkraft feine Arbeit für das Wohl und die Entwicklung des Restes ein; und diese unverwüst­liche Ausdauer wurde mit dem großartigen Er­folge gefrönt, daß das vielgeprüfte Kaiserreich an ter Donau trotz alledem heut noch -asteht als eine ebenbürtige und blühende Großmacht. Nicht klagen oder verzagen, sondern immer von neuem totrfen und wagen! Nur das ist ter Weg durch Sterte Geschicke zum Glück.

Mrt den politischen Leiden vereinigten sich die

bittersten häuslichen Heimsuchungen. Vor 4’0 Jahren kam die Schreckenskunde nach Wien, dah der geliebte Bruder des Kaisers, der hoffnungs­volle Maximilian, in Mexiko „standrechtlich" er­schossen sei. Die Schwägerin des Kaisers fiel in Wahnsinn. Vor 11 Jahren fand eine andere Schwägerin in Paris bei dem Bazarbrand den grausigen Flammentod. Aber was mußte erst das Herz des kaiserlichen Vaters leiden, als sein einziger Sohn Rudolf in dem Jagdschloß Meyerling unter so abscheulichen Umständen oul dem Leben schied I Und als diese furchtbare Wunde nach neun Jahren zu vernarben begonnen, wurde ihm die Gemahlin, die Kaiserin Elisabeth, durch den Dolch eines Anarchisten in Genf plötzlich ent­rissen. Eine Häufung von Schicksalsschlägen auf ein Haupt und e i n Herz, wie sie kaum schlim­mer gedacht werden kann. Aber die Kraft deS tapferen Mannes und treuen Christen wurde nicht gebrochen. Vereinsamt in seinem Hause hielt er sich aufrecht in stets gleichmäßiger Pflicht­erfüllung, im Dienste seiner Völker und feines Reiches.

Und heute noch, als 78jähriger Jubilar, steht' er in ungebrochener Arbeitskraft seinem hohen, aber sehr schweren Amte vor. Gerade Zm letzten Jahrzehnt sind unter den eigenartigen Schwierig­keiten, die in tem dortigen Reiche herrschten, überraschende Erfolge und musterhafte Fort­schritte erzielt Worten, die wesenüich at.f das weise Walten des greifen Herrschers zurückzufüh­ren sind.

Wenn man die Tugenden und Verdienste eines gefrönten Hauptes bespricht, so schelten gewisse Leute gleich auf „Byzantinismus". Aker die Wahrheit darf doch gesagt werten, und das menschttche Mitgefühl braucht wahrlich feine by­zantinischen Krücken, wenn es diesem edlen Mann auf Habsburgs Thron sich ehrerbietig nahen will. Ter kaiserliche Jubilar floßt uns mehr-als Re- fteft etn; er dient uns zur Erbauung. Wir können un§ alle an ihm ein Mustsr^amd Beispiel nehmen; denn was er uns lehrt, pdßt nicht bloS für Kronenträger und Staatsmänner, sondern auch für uns gewöhnliche Leute aus dem Volke. Selbstlosigkeit, Gedulte Starkmut, „Klugheft, regelmäßiges Leben, «gewissenhafte Pflichterful, lung, — das sind die rechten Mittel, um in deisi irdischen Jammertal trotz aller Schicksalstücken vorwärts zu kommen und einen zufriedeneri' LcheMabenö sich 8H schaffen. I

Finanzreform leichten Herzens um etn Jahr hm- ausgeschoben hat. Also bilden wir uns nur ntcht ein, daß mit dem schönen Beschlüsse der Budget- kommisfion jetzt gleich eine neue Aera der Solidi­tät und Sparsamkeit anbrechen würde.

Kurz vor seinem Auseinandergehen ist dem Reichstage noch daS Weißbuch über Ma- r o k k o zugegangen. Die Aktenstücke bieten keine überraschenden Neuigkeiten, bestätigen aber von nettem, daß die französische Regierung unter be- schwichfigenten Redensarten zielbewußt immer weiter vorgegangen ist, währetch die deutsche Re­gierung erstaunlich viel Gutmütigkeit und Nach- sicht bewies. Von entscheidender Bedeutung wurde bekanntlich die Ausschiffung französischer Trup­pen in Casablanca. An diese Ausschiffung schloß sich die Beschießung und Plünderung, und daraus entwickelte sich der Feldzug in das Innere, ter einem Eroberungskriege immer ähnlicher wird. Aus tem Weißbuch geht nun klar hervor, daß die verhängnisvolle Landung erfolgt ist gegen die ausgesprochene Willensmeinung „aller anderen Konsuln" und unter Bruch des Versprechens, von etwaigen militärischen Maß­nahmen die Konsuln vorher zu verständigen, auf eine angebliche Bitte der marokkanischen Behörden an die Franzosen hin. Nun sollte man denken, die Franzosen würden zum Dank für das unge­heure Entgegenkommen ter deutschen Regierung wenigstens auf dem wirtschaftlichen Gebiet sich etwas freundlich gegen Deutschland erwiesen ha­ben. Aber weit gefehlt: dem deufichen Hafenbau in Larasch sowie tem Bau des Sammelkanals in Tanger macht man alle mögliche Schwierigkeiten, und als Deutschland bei der Wahl eines Inge­nieurs für die öffentlichen Arbeiten einen neu­tralen Belgier vorschlägt, läßt man den mit Glanz durchfallen, um „einstimmig" den Posten einem Franzosen und die Stellvertreterschaft einem Spanier zu übertragen. In Summa ge­winnt man aus ten Aktenstücken den nicht erbau­lichen Eindruck, daß die republikanische Negierung in Frankreich ihre auswärtige Politik mit niehr Folgerichtigkeit, Zähigkeit und Erfolg zu führen versteht, als die an^blich monarchifche Regierung des Fürsten Bülow in Berlin.

Tas allgemeine Interesse wendet sich allmäh­lich mehr und mehr den Landtagswahlen in Preußen zu. Die Parteien haben ihren Auf­marsch im Nesentlichen vollendet. Die Wahlauf- rtee sind erklungen, und die Kandidatenlisten weisen nur noch geringe Lücken auf. Deutlicher tritt hervor, daß ter Kamps gegen die christlichen Parteien gerichtet ist und daß man ein libera­les System für Preußen mit allen Mttteln anstrebt. Wir hoffen, daß ten Liberalen da ein dicker, Strich durch diese Rechnung gemacht wird.

Eine seltene Feier begehen Oesterreich- Ungarns Monarch und Völker, und das be­freundete und verbündete Deutschland nimmt innigen Anteil daran. Franz Joseph, Kaiser von Oesterreich und König von Ungarn, regiert nun­mehr 60 Jahre. Mitten in den Wirren der Re­volutionszeit wurde dem 18jährigen Jüngling die Krone aufs Haupt gedrückt, nachdem Kaiser Fcr- drnand zugunsten seines Neffen abgedankt hatte. Sie ist Franz Joseph mehr als einmal zur wah­ren Dornenkrone geworden, persönlich und po­litisch hat er daran oft schwer genug getra­gen, aber ein starkes Pflichtgefühl, ein mil­der und gerechter Sinn halfen ihm über

Wochen-Rundschau.

S Fulda, 9. Mai 1908.

Der Reichstag ist bis zum Herbst m Ferien gegangen. Nur einige kleine Gesetze hat er noch verabschiedet, aber darunter auch dlcOst- markenzulage, die jährlich über 1 Million Mark erfordert. Die Budgetkommiffiou des Rerchstuges hat den schönen Beschluß gefaßt: wenig zu borgen und viel abzuzahlen. Weun er nur andauernd zur Ausführung gelangt! Doch was fagte Kri» schan vom Rindfleisch mit Pflaumen? „Es ist ein schönes Gericht, ater wir kriegens bloß nicht." Die Budgetkommission hat sich also dahin geeinigt, daß 1. nur für werbende Anlagen oder für wirk­lich einmalige Ausgaben Anleihen aufgenommen werten sollen, und 2. daß eine fortlaufende Til­gung der Anleihen, auch ter schon be­stehenden, vorgesehen werten soll. Wenn dieser Strich durch die Pumpwirtschaft gezogen werten soll, so ist natiirlich die erste Vorbedingung, daß sehr beträchtliche Einnahmen beschafft werden müssen. Zur Schuldentilgung, auch wenn man nur einen ganz bescheidenen Prozentsatz annimmt, werten 50—100 Millionen jährlich notwendig fein. Wir haben nämlich jetzt schon 4 Milliarden ReichSschulden, und in ter Kommission wurde kestgestellt, daß die Finanzpolitik der letzten Jahre uns die fünfte Milliarde Schulden auf den Hals geladen hat. 5000 Millionen I Ein Prozent Til- gungSquote macht schon 50 Millionen. Nehmen wir an, die Finanzresorm des Blocks würde die nötigen Mittel herteischaffen, um für das nächste Jahr ten schönen Beschluß ter Budgetkommiffiou durchzuführen. Wäre dann die solide Finanz- Wirtschaft für die Zukunft gesichert? Nur keine Illusion! Tie Erfahrung lehrt, daß sich immer neue „Bedürfniffe" einstellen, sobald nur etwas Geld da rst. Je mehr die Einnahmen des Reichs hinaufgeschraubt werten, desto hoher wird die Be­gehrlichkeit der Kolonial-, Flotten-, Militär- und onstigen Schwärmer steigen. „Wir haten's ja dazu." Und wenn solche Wünsche mtt Nachdruck von oben sich geltend machen, dann gibt es ver­schiedene Mittel und Wege, um die schönen Grund­sätze der Kommission zu umgehen. Entweder wird die Schuldentilgung, unter dem einen oder andern Vorwand für ein Jahr beschränkt, ober man macht einfach neue Schulden, um nach der Abzahlung auf die allen Schulden noch etwas übrig zu haben. Wenn das verhütet werden sollte, so müßten wir doppelte Gewähr für eine solide und sparsame Finanzwirtschaft haben. Erstens eine Reichstagsmehrheit, die trotz allem Druck von oben „nein" sagen kann gegenüber unmäßigen Forderungen, und das kann offenbar die Blockmehrheit nicht, da sie be­kanntlich alles schluckt. Zweitens einen Reichs­kanzler, der entschiedenen und zähen Wider­stand leisten kann, wenn für hochbeliebten Luxus und impulsive Abenteuer große Summen ver­langt werten. Ein solcher Kanzer ist gewiß der Fürst Bülow nicht, denn er wird immer den Fortbestand seiner Blockkünstelei als die Haupt­sache betrachten, wie er ja auch im Interesse seiner persönlichen Blockpolitik die so dringend nötige

Unpolitische Aeitliinse.

(::) Berlin, 7. Mai 1908.

(Nachdruck verböte» )

60 Jahre Kaiser! Das ist doch ein Jubiläum, das sich sehen lassen kann! Sonst haben wir ja heutzutage einen Uebersluß von Jubelfesten und Denkmälern. Die Menschen schwingen gegen ein­ander das Weihrauchgefäß zu oft und zu stark. Wenn aber der greise KaiferFranzJoseph von Oesterreich sein diamantenes Herrscherjubi- -läunt, sozusagen seine diamantene Kronenhochzeit begeht, dann stimmen alle Leute von ehrlichem Lenken und Fühlen so herzlich und laut, wie nur »nö glich, in das Vivat ein; dann kann keine Feierlichkeit zu schön und zu großartig feilt.

Von tem tollen Jahr 1848 bis zu tem stillen Jahr 1908. Welch' ein inhaltsreiches, wechsel- volles Stück Menschen- und Weltgeschichte! Zwei Menschenalter; aber die Geschlechter, die in dieser Frist gewechselt haben, waren moderne, schnell­lebige Menschen mit Eifenbahnen, Telegraphen find schließlich sogar mit Telephonen und Rota- ionLpresfen, die in einem Jahre so viel Reue- Itungen und Trümmer schufen, als wie die Bor» «ateert kaum in zehn Jahren. Das Angesicht von Europa und ter ganzen Welt hat sich erneuert In diesen sechszig Fahrern Das Angesicht des Kaisers in ter Wiener Hofburg ist von ter Ju­gendblüte ter Achtzehnjährigen bis in die greife Faltenwürden des achten Jahrzehnts gealtert, pber es ist dasselbe geblieben in seiner bedächtigen Ruhe und seiner geduldigen Gute.

Es kommt vor, daß Landesväter oder auch ge- vähnliche Hausv ater sich fiterlebe». >. h. mit hrem ausdauernden Körper in eine Zett hinein- vachfen, der ihr Geist nicht mehr reiht genug zu un weiß. Man sagt dann mit Bedauern: Sie lassen nickst trete in die neuen Verhältnisse. Beim Kaiser Franz Joseph ist das trotz der beispiellos anaen und inhaltsschweren Regierrmgszeit tn einer Weise der Fall. Er hat sich nicht überlebt, andern die einsichtigen Untertanen wunscpen nichts tejseres, als daß sie seibü allzumal von ihm noch überlebt werten. Wie erklärt sich dieses Geheimnis der dauernden Zeitgemaßhett« -'cur ttuL der hervorragendsten Tugend des Jubilars, er war und ist in des Wortes höchster Bedeutung selbstlos. Von aller Ichsucht frei bis zur BelbftterieugnMng. Nicht nur die groben vormen teö Egoismus, Starrsinn und