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35. Jahrgang.

Fulda, Donnerstafl den 7. Mai 1908.

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Neichskanzler bin. Der dem Frersinn ^nn man ja alles voraussetzen, der folgt gehorsam den Wün­schen der Regierung. Im Jnterelle seiner Wurde ist der Reichstag gezwungen, der Bsuerserhebung zuzustimmen ; wer das nicht tut, der setzt ^stch einem bösen Verdacht aus. (Beifall bei den So­zialdemokraten.) .

Abg. Wagner (kons.) erklärt sich für Genehmi­gung der Wahl des Abg. Eickhoff.

Abg. Wiemer (fr. Vgg.): Die Angriffe des Abg. Fischer lassen mich völlig kühl; über die politischen Bestrebungen, welche die Freisinnige Partei verfolgt, entscheidet sie selbst und laßt sich von den Ausfällen der Sozialdemokratie nicht be­irren. Amtliche Wahlbeeinflussungen habe seine Partei stets mißbilligt; aber die Vorfrage ftr doch immer die, ob in der Tat eine amtliche Wahlbe­einflussung vcrgekommen sei. Der Beweis hier- für sei nicht erbracht. Ein Einvernehmen des Ge­nerals Keim wäre belanglos für den Reichstag.

Abg. von Saß-Jaworski (Pole) schlretzt sich dem Anträge Gröber an, die Wahl solle frei und unabhängig von Regierungsbeeinflusiungen fein und bleiben.

Abg. Spahn (Ztr.): Die Wahlprufungskom- Mission hat stets den Standpunkt vertreten, daß derjenige gewählt ist, der die meisten Stimmen unabhängiger und unbeeinflußter Wähler auf sich vereinigt Kit. Erklären wir ohne Weiteres die Wahl des Abgeordneten Eickhoff für gültig, fo sprechen wir damit klipp und klar aus: Die amtliche Unterstützung einzelner Abgeordneter ist in Zukunft zulässig.

Abg. Dr. Mugdan (fr. Vp.) weist darauf hm, daß Abg. Fischer (Soz.) früher Zentrumsmann gewesen sei, und deshalb wohl es lieber gesehen haben würde, daß das Zentrum den Sozialdemo­kraten und nicht den bürgerlichen Kandidaten un­terstützt hätte.

Abg. Fischer (Soz.) erklärt, daß seine Freunde viel lieber liberale Politik treiben würden, aber die Politik der Freisinnigen sei,weder sozial noch liberal, deshalb müßten die Sozialdemokraten mit dem Zentrum gehen. Wenn Mugdan ihm vor- werfe, daß er vom Zentrumsmann zum Sozial­demokraten geworden sei, so müsse er Herrn Mug­dan fragen, aus welchen Gründen er denn vom Judentum zum Protestantismus übergetreten sei.

Abg. Mugdan (fr. Vp.): Dem Abg. Fischer ist die Erinnerung daran, daß er in feiner Jugend einmal Zentrumsmann gewesen ist,, scheinbar sehr unangenehm, ich weiß aber eigentlich nicht, wes­halb. Herr Fischer hat noch gemeint, die Sozial­demokratie würde mit uns zusammengehen, wenn wir noch liberale Grundsätze hätten. Herr Gott, als wir noch unsere früheren Grundsätze hatten, (Große Lleiterkeit) hat die Sozialdemo­kratie uns doch auch bekämpft, jetzt sind die Schimpfworts höchstens noch etwas gröber gewor­den. W i r sind gegenwärtig dabei, in Preußen das Neichstagswahlrecht zu erkämpfen (Große Heiterkest), Sie aber (zu den Sozialdemokraten) erschweren uns diesen Kampf (Große Heiterkeit), indem Sie uns in den Rücken fallen. (Heiterkeit und lebhafter Beifall bei den Freisinnigen und Nationalliberalen.)

Nach weiterer Debatte wird der Antrag Alb- recht (Soz.) und Genoffen mit 142 gegen 142 Stimmen abgelehnt. Der Antrag Gröber (Ztr.) wird darauf in namentlicher Abstimmung mit 163 gegen 120 Stimmen abgelehnt. Die Wahl des Abg. Eickhoff wird hierauf gemäß den Kommif- sionsbeschlüffen mit 147 gegen 143 Stim­men für giltig erklärt.

Bezüglich der Wahl des Abg. Dr. Böhme (wirtfch. Vgg.) sMarburg-Kirchhainj beantragt die Wahlprüfungskommission, den Beschluß über die Giltigkeit der Wahl auszusetzen und den ReichskanAer um Beweiserhebung zu ersuchen. — Das Haus beschließt demgemäß, ebenso über die

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Die Beweiserhebung muß ergeben, ob eine Beern- flussung stattgefunden hat oder nicht. Der Rerchs- tag sollte an seiner alten Praxis festhalten. (Bel- f AKg. Dr. Heinze (nL): Die Wahlproteste soll- ten eingeschränkt werden; es wird in diesen er- heblich übertrieben. Man darf den Protesten nicht zu sehr entgegenkommen. Die Wahlen sollen nicht nach Parteischattierungen geprüft werden. Die Kommission hat ihren Beschluß mit großer Mehr- heit gefaßt. General Keim ist nur ein« Privat­person.

Abg. Oertzeu (kons.) erklärt, daß Abg. Eickhoff ein Mehr von 3000 Stimmen erhalten habe und auch nach Abstrich der ungiltigen Stimmen noch ein erhebliches Mehr erübrige. Das Eingreifen des Generals Keim in die Wahl müffe er miß- billigen.

Abg. Fischer-Berlin (Soz.). Auch ich anerkenne das Recht der Regierung, in Wahlzeiten aus ihrem Herzen keine Mördergrube zu machen; sie soll ihre Anschauungen und Bestrebungen rück- haltlos publizieren; aber sie soll ihren Einfluß nicht zugunsten einer bestimmten Partei geltend machen. Zugunsten des Kandidaten Eickhoff sei ein schmachvolles, verlogenes Flugblatt, das den Abg. Bebel und die Sozialdemokratie be­schimpfe, verbreitet und aufKostendes Rei­ches gedruckt worden. Wir haben diese Tat­sache zu konstatieren und unter Prüfung derselben die Entscheidung zu treffen. In einem früheren Fall ist die Wahlbeeinflussung durch einen Nacht­wächter mit der Dienstkappe als eine, ungesetzliche bezeichnet worden; und hier — wo eine B e e i n- flussung durch die Reichskanzlei vor- liegt — sollen wir keine Beweiserhebung anord­nen? In dem vorliegenden Protest ist die sichere Behauptung aufgestellt worden, daß von der Reichskanzlei ungesetzliche Wahlbeeinfluffung^ er­folgt sei. Beweiserhebung ist dringend nötig. Der Einwand, daß die Wähler nicht das Bewußt­sein von der ungesetzlichen Wahlbeeinfluffung ge­habt haben, sei durchaus hinfällig. Redner pole­misiert gegen die freisinnige Partei, die eine sel­tene Rückgratlosigkeit habe. Wenn Ihnen die Stimmen des Zentrums nicht zugute, gekommen wären, fäß Herr Eickhoff trotz des Reichskanzlers und trotz des Kolonialsekretärs und des Generals Keim nicht hier. Da macht es sich so schön bann, wenn hier der Freisinn gegen das „antinationale" Zentrum loslegt und für die Blockpolitik sich aus­spricht und uns verunglimpft, weil wir auch heute noch denselben oppositionellen Standpunkt ein­nehmen. Sie stimmen nicht mit dem Zentrum, weil Sie Ihr« eigenen Grundsätze längst preisgegeben haben. (Lebhafter Wider­spruch bei den Freisinnigen.) Herr Mugdan er­klärte, er fühle sich so wohl in der zufälligen poli­tischen Bedeutung des Freisinns. (Lebhafte Hei­terkeit.) Sie haben sich nicht einmal die ein- frühste Taktik gesichert für den Fall, daß Sie ein­mal rausgeschmissen werden. (Lebhafte Heiter­keit.) Herr v. Payer, der süddeutsche Volksmann, der will der Regierung nicht den Vo r w a n d ge­ben, wenn er einmal rausgeschmissen wird. (Leb­hafte Heiterkeit.) Ich glaube ja nicht, daß das heute und morgen geschieht, denn Sie haben ja fo große Kunst in der Rückgratlosigkeit (Große Heiterkeit), daß selbst Herr v. Bülow Sie nicht übertreffen kann. (Große Heiterkeit.)

Vizepräsident Dr. Paasche: Das gehört doch nicht hierher!

Abg. Fischer (Soz.) fortfahrend: Oh, das ge­hört sehr Wohl hierher. (Stürmische Heiterkeit.) Jetzt heißt es: Ihr habt einfach Order zu pa­rieren, sonst (mit einer Handbewegung) werdet ihr vor die Tür gesetzt, Ihr müßt euch ein bischen den Maulkorb umlegen. (Große Heiterkeit.) Wenn ihr das nicht wollt, so nehme ich mir eine andere Majorität, auch wenn ich daun nicht mehr

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 6. Mai 1908.

Auf der Tagesordnung stehen Wahlprü- f Zunächst steht die Wahl des Abg. Eickhofs zur Debatte. — Tie Kommission beantragt Gültig keck.

Abg. Gröber (Ztr.) beantragt: 1. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, über dw Behauptung der Wahlanfechtung, daß der Wahlkrers mit Flugblättern und Schriften über- schwemmt wurde, welche im Kolonralamt hergestellt, verpackt und versandt worden sind, als Zeugen Generalmajor Keim, Unterstaatssekretär v. Loebell eidlich vernehmen und hierbei erheben zu lassen, ob und in welchem Umfang die in der Wahlanfechtung bezeichneten Schriften zur Versendung in den Wahlkreis ge­langt sind und an welche Adressen die Versendung erfolgte: 2. Die Entscheidung über die Gültigkeit der Wahl des Abgeordeten Eickhoff bis zur Er­ledigung dieser Beweiserhebung auszusetzen.

Die Sozialdemokraten beantragen: »Dem Antrag Gröber und Gen. folgende Nummer hinzuzufügen: 3. den Generalmajor Keim eid­lich darüber vernehmen zu laffen, welche Tatsa­chen oder Erklärungen seitens der Beamten des Neichskanzleramtes ihn veranlaßt haben, Herrn Eickhoff gegenüber in seinem Briese vom 17. Ja- nuar 1907 in so positiver Form zu erklären, daß die „amtliche Unterstützung seiner Wahl in jeder Weise sichergestellt" sei."

Abg. Gröber (Ztr.) begründet seinen Antrag eingehend; wenn der Protest auch in juristischer Beziehung nicht einwandfrei sei, müsse man ihn doch gemäß den gemachten Mitteilungen ernst prüfen. Der Protest behaupte, daß eine B e- Hörde zu Gunsten Eickhoffs stark in den Wahlkampfeingegriffen habe, was Red­ner näher schildert. Auch die Polizei habe zu guusten Eickhoffs eingegriffen; alles zusammen- penommen. komme man zu einer wesentlichen amt­lichen Wahlbeeinflussung, die der Reichstag nicht dulden könne. Es steht die Frage zur Entschei­dung: handelt es sich nicht um eine der bekannten Regierunaskandidaturen? Heute müffe nun ent­schieden werden, ob man hierfür Beweiserhebun­gen vornehmen wolle ober nicht; wie diese selbst ausfallen, müsse dem Zeugenverhör überlassen bleiben; er bitte um Annahme seines Antrages. (Beifall.)

Abg. Müller-Iserlohn (Vpt.) hält eine Wahl- beeinfluffung nicht für Vorgelegen; eine Wahl­beeinfluffung durch Beamte habe nicht stattgefun- den; die Wähler hätten vor der Wahl nicht ge­wußt, daß die Schriften von amtlichen Stellen ausgegangen seien. Wir verurteilen jede amtliche Wahlbeeinfluffung ohne Unterschied. Die der- breiteten Flugblätter sind ganz allgemein gehal­ten; sie enthalten nicht einmal den Namen dec Kandidaten.

Abg- Naab (wirtsch. Dgg.) tritt für die Beweis­erhebung ein, jedoch nur für den sozialdemokra­tischen Antrag. General Keim war im letz­ten Wahlkainpse nicht nur Privatmann; er hat Mittel Von anderer Seite erhalten! Wenn General Keim die amtliche Wahlbeeinfluf­fung fo bestimmt in Aussicht stellte, fo mußte er doch beftimmte Tatsachen hierfür haben rmd über diese Tatsachen fordern wir Beweiserhebung. Der Freisinn ist sonst nicht so milde in diesen Dingen; aber vielleicht bessert er sich. Wir wünschen nicht die Wiederholung der Dinge bei der letzten Wahl.

Abg. Tr. Spahn (Ztr.): Hier handelt cs sich um einen ganz neuen Fall, wie er den Reichstag noch nie beschäftigt habe. (Sehr richtig!) Der Reichstag hätte in einem solchen Falle früher sicher Beweiserhebung beschlofsen. (Sehr richtig!)

Wahl des Abg. v. Arnstadt. Zur Wahl des Abg, Böhl« <Soz.) beantragt di« Wahlprüfungskom­mission gleichfalls Beweiserhebungen. Es wirb demgemäß beschlossen. Für gültig erklärt werden die Wahlen der Abg. Potthoff und Wild«.

Zu der Wahl des Abg. W.ö Izel (nL) (Som- Missionsantrag: Gültig!) liegen Proteste vor, du eine amtliche Beeinflussung darm erblicken, daß der Erzbischof von München-Frersing öffentlich habe erklären laffen, „daß es aus prinzipiellen, monarchischen und religiösen Gründen sehr be­dauert werden müffe", wenn di« Parole der Zen- trumspartei (zu Gunsten der sozialdemokratischen Kandidatur) befolgt würde.

Abg. Gröber (Ztr.) bemerkt hierzu: Es wun­dere ihn, daß der Abg. Everling sich heute, nicht zum Worte gemeldet hab«, um seine Meinung über geistliche Wahlbeeinfluffung zu sagen. (Hei­terkeit.) Er hätte dies um so eher tun können, da es sich um seinen Fraktionskollegen handel« (Sehr gut.) Aber Everling schweigt heute. Du Frage der Stellung der Geistlichen ist für beide Konfessionen gleich. Everling meinte, daß nui auf katholischer Seite Fehler Vorkommen; schon in derselben Sitzung habe ihm der Abg. Burck- hardt entgegnet: bei der Wahl Ahlwardts sei nach­drücklich von den evangelischen Geistlichen die Kanzel benutzt worden; in einer Reihe von Wahlen sei es ähnlich gehalten worden seitens protestantischer Geistlicher; da sei ein Mißbrauch der Kanzel ausdrücklich konstatiert worden. (Hört!) Man könnte auch Hinweisen auf die scharfe aigi« tation des Pfarrers Everling, der ans Oesterreich ausgewiesen wurde. (Hört!) Das ist wohl der­selbe Everling, wie unser Kollege (Hört! Heiter­keit.) Der evangelische LHerkirchenrat hat selbst in einem Erlaß gewarnt, daß di« Prediger du Kanzel hierzu nicht benutzen sollen. Nun zu die­sem Münchener Fall. Wenn eine solche Beein- flussung zugunsten der Freisinnigen und der Li­beralen erfolgt, haben diese nichts dagegen., Im elsaß-lothringischen Landesausschuß ist kürzlich zur Sprache gekommen, daß der nationalhberall Kandidat sogar ausdrücklich die Hilfe des Bischofs von Straßburg nachgesucht hat. (Hört, hört! im Zentrum.) Ich würde es sehr bedauern, wenn der Geistliche zu Hause bleiben würde; er hat eine hohe Aufgabe im Leben des deutschen Volkes. Man kann ihn nicht als Beamten ansehen, denn er ist Kirchendiener. Fehler können auf beiden Seiten Vorkommen. Man lasse aber den Geist­lichen ihren berechtigten Einfluß. (Beiß L Zentr.)

Abg. Dr. Heinze (ntL): Ein amtlicher Einfluß ist hier gar nicht ausgeübt worden' wir Verlan­gen nicht, daß die Geistlichen sich ihrer Stimm« oder ihres Einsluffes enthalten sollen. Wir ur­teilen nickt parteilich.

Abg. Dr. Everling (ntL): Man kann nicht be­streiten, daß die katholische Geistlichkeit ganz an­ders agitiert als die evangelische. Ich habe eS außerordentlich bedauert, daß Abg. Burckhardt mir den Zwischenruf gemacht hat, wo ich für di« Ehre der evangelischen Geistlichkeit stritt;, in die­se,» Falle hat der protestantische Geistliche nut allgemein von der Wahl gesprochen. Die Haupt- wahlmachkr des Zentrums sind die katholischen Geistlichen. Durch die Machtstellung deS Zentrums wurde gerade immer der konfessionelle Frieden gestört; jetzt vo sie die Kraft nicht mehr haben, treten ihr« konfeffionellen Wünsche nicht mehr bei allen po­litischen Bestrebungen so hervor. (Zuruf: Unver­schämtheit.) Der Weg zum konfessionellen Frie­den liegt in einer Schwächung der Sozialdemo­kratie, weil dann auch der Einfluß des Zentrum- nicht mehr ausschlaggebend ist. Amtliche Wahlbe­einfluffung der Geistlichen müssen künftig zur Ungültigkeit führen.

Abg. Burckhardt (W. D.): Die Geistlichen Ha­ven dieselben Rechte wie andere Bürger; aber

Im Dunkeln.

Roman von Ernesto Selva.

Nach einer wahren Bezedenheil erzählt.

65] (Nachdruck verboten.)

Er hatte die letzten Worte der Alten Vernotn- tuen und fragte erbleichend:

„Wer ist diese Frau?"

,Das ist Beppos, des Fischers alte Tante", erwiderte eines der Landinädchen, „sie ist nicht richtig tut Kopfe und kommt nie unter die Leute. *.V,r kleines Haus ist weitab gelegen, ich weiß sucht, wer sie hergeführt hat."

Die ^tr finnige wand sich unter den festen Griffen der Manner, die sie gepackt hielten, und schere mit gellender Stimme:

„Greist lieber den Mörder, dort steht er der Bucklige, es ist Antonio Pisani, ich kenne' ihn wohl!"

Der Marchese stützte die schwankende Gestalt 6er Tochter und fragte leise:

„Wie fühlst Du Dich? — soll ich Dich fort- führen?"

Angiolina nickte, sie vermocht« keinen Laut hervorznbrinaen.

„Aber das ist doch unerhört!" rief Karolina, „wie konnte man so unvorsichtig sei», eine Jrr- ynmge hier einzulassen, sie hat «ns die ganze yreube gestört."

Der Marchese, Angiolina und Oliver hatten inzwischen zuerst wieder den Gartensaal betteten.

Erschöpft sank die Braut in den Seffel, wäh- vend sich Oliver an eine Säule lehnte und dre Augen schloß ,ein Schwindel hatte ihn befalle«; diese Szene, welche er soeben durchlebt hatte, e ein furchtbarer Traum, ein Trugbild Fantasie zu sein. Wer war jenes alte xierb und was wußte es von Antonio Pisani?

< f7^r E? feiner Tochter ein Glas Ei- öBaner, welches Gertrude herbeigebracht, sie be­

netzt« die Lippen und sagte dann, tief auffeuf» zend:

„Jene Frau hat den Namen meiner Mutter genannt."

Ottavio Rionero antwortete nichL Das Glas zitterte in feiner Hand, er hätte es fallen laffen, wenn Karolina es nicht schnell gefaßt hätte; wie geistesabwesend startte er seine Tochter an, dann fragte er leise und keuchend:

„Wer — wer gab Dir das Kreuz da?"

Angiolina blickte sche« nach dem Gatten hin­über und stammelte:

„Oliver gab es mir, mein Baier, eS ist sein Brautgeschenk — aber was ist Dir? — um Got­teswillen I"

Die angstvolle Frag« war völlig gerechtfertigt, denn der Marchese, bleich wie der Tod, taumelte einen Schritt zurück, als habe ihn ein Keulen­schlag getroffen.

Doch mit Gedankenschnelle faßte er sich, loste die Perlenkette vom Halse Angiolinas und be­trachtete in fieberhafter Erregung das Kreuz mit den funkelnden Brillanten. Dann wendete er das Schnucktzück um, fuhr prüfend mit dem Finger über die glatte Goldfläche und zuckte jäh zusam­men: eine kleine viereckige Platt« schob sich in die Höhe und in der Mitte des Kreuzes, da wo auf der anderen Seite der Stein eingesetzt war, kam das Miniaturporträt eines blondgelockten Kindes zum Vorschein.

»Ich wußte es", stöhnte der Marchese.

„WaS ist damft, mein Vater?"

„Dieses Kreuz ist ein Geschenk, das ich Deiner Mutter machte, als Tw Dein drittes Jahr vollen­det batteft; sich', hier ist Dein Bild!"

Anglolina blickt« wie träumend auf das lieb- Knldergesichtchen hin, während sich die Blicke Karolinas und des Grafen Franconi Oli­ver zuwandten, der immer noch unbeweglich und mit geschlossenen Augen an die Marmorsäule ge­lehnt stand; er hafte von der ganzen Unterhal­tung kein Wort vernommen, beim Angiolina und deren Vater befanden sich ein Stück von ihm ent­

fernt, in der Mitte deS Saales; er fuhr erst er­schreckt empor, als der Marches« seinen Arm mit krampfhaftem Griffe packte und ihm zuschrie:

„Dieses Kreuz — Ihr Brautgeschenk — wer gab es Ihnen?"

Oliver blickte auf den Marchese und das blitzende Geschmeide in dessen Hand, wie einer, der nicht versteht, um was eS sich handelt; ganz verwirrt stotterte er endlich:

„Ich — ich verstehe Sie nicht — kann mir nicht erklären —"

„So will ich eS Ihnen sagen: Dieses Kreuz schenkte ich meiner unglücklichen Gattin Albina — sehen Sie her, ich irre mich nicht, denn hier ist das Porträt Angiolinas eingefügt. Albina liebte es über alles und trug den Schmuck an ihrem Todestage — der Mörder raubte auch das Kreuz mit den übrigen Juwelen."

Eine furchtbare Veränderung war, während der Marchese sprach, mit Oliver vorgegangen.

Die Augen weit geöffnet, leichenblaß und von Frost geschüttelt, so daß selbst bi« Zähn« hörbar aneinanderschlugen, stieß er mit rauher, klang­loser Stimme hervor:

„Wie hieß der Mörder ihrer Gattin?"

..Antonio Pisani — er büßte fein Verbrechen auf dem Blutgerüste."

Oliver hatte einen markerschütternden Schrei ausgestoßen, dann fuhr er sich wild mit den Hän­den in das dichte rötliche Haar und stöhnte:

„Unseliger — warum haben Sie mit das nicht früher gesagt?"

Die schreckliche Ahnung, welche den Marches« feit einigen Minuten befallen, ward zur Gewiß- beit, seinen Schwiegersohn fest tn» Auge fassend, fragte Rionero voll Strenge:

„Und was haben Sie mit jenem Räuber, mit dem Mordet meines Weibes gemein, Oliver Lin- sion, Sie, der Gatte Angiolinas? Sprechen Sie, un Namen des allwissendem GotteO, enthüllen su uns das Geheimnis, welche Ihre Person mngtbi — wer sind Sie?"

„Ich?" Olivet lachte gellend auf. „Ich bitt — o Gaukelspiel der Hölle! — ich bin Gaeta ns Pisani — bet Sohn des Gerichteten!"

Dann stürzte er besinnungslos zu Boden.

26.

Die Sühne.

Die Morgenröte des anbrechenben TageS drang in die Gemächer ber Villa Rionero, deren Läden und Fenster in der vergangenen Nacht nicht so sorglich wie sonst geschloffen worden waren.

Niemand hatte Zeit gehabt, daran zu denken, so groß war die allgemeine Verwirrung gewesen über das gestörte Fest.

Ja, bet Tag brach so beiter unb lachend an —* und doch, welch ein Unterschied zwischen gestern f

Da hatte alles Lust und Frenbe geatmet uni die muntere Geschäftigkeit ber guten Leute wat so herzerhebend gewesen — jetzt herrschte dagegen in bet Billa das Schweigen beB Todes und von Fieberschauern geschüttelt ruhte Angiolina auf dem Lager in ihrem Mädchenzimmer, während im Hor^eitsgemache die silberne Lampe ein mat­tes flackerndes Licht auf die Bdrmen und Vasen, die Spiegel und spitzenbesetzten Damastdraperiett warf.

Oliver saß in einem Lehnstuhl in seinem Oe» maog«, wohin die Diener ihn geführt, als er bal Bewußtsein wieder erlangt hatte.

Er war noch in dem Ho^eitsanzuH« und schren nicht nur um Jahre gealtert zu fein, son­dern war förmlich unkenntlich Das Antlitz erd­farbig unb faltig, di« Augen eingefallen unb von tiefer», dunklen Ringen umgeben, die Lippen krampfhaft geschlossen. Mit ber Rechten stutzt et sich den Kopf, während ber linke Arm schlaff herabhing.

So startte er nun schon seit Stunden vor sich hin, ohn« eines klaren Gedankens mächtig zu seiix (Fortsetzung sylgt.)