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Zuldaer W Zeitung

Fulda, Dienstag den 5. Mai 1908.

35. Jahrgang.

M 103

Iweites WLatt

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Rotationsdruckund Verlag der Zuidaer St- ttrndruckerei in Zulda

Zernsprecher Rr. 9.

Monatibeilag-: „Zuldaer Geschichtsblätter"

Ans Kirche und Schule.

* München, 3. Mai 1908. Die in Freising ver­sammelten bayerischen Erzbischöfe und Bischöfe haben ein gemeinsames Hirtenschreiben über die jüngste Enzyklika des Papstes Pius X. erlassen, das jetzt in den Amtsblättern veröffentlicht wird. Das Hirtenschreiben führt aus, der Modernismus sei ein System von Leh­ren, durch welche das gesamte Glaubensbewutzt- sein der Christenheit in Frage gestellt und statt seiner der Versuch mit einer anderen, den wan­delbaren Zeitwllnschen entgegenkommenden reli­giösen Entwickelung gemacht wird. Der Moder­nismus setze die Hypothese an Stelle geschicht­licher Tatsachen und ernster anerkannter Wahr­heiten. Für die Erkenntnis der höhern Wahr­heit habe Christus ein oberstes, untrügliches Lehr­amt geschaffen, die Enzyklika Pascendi verfolge den Modernismus bis in seine verborgensten Schlupfwinkel. Dagegen sei sie weit davon ent­fernt, Wahrheit, wo immer sie sich findet, in irgend einem Punkte lehramtlich zu verdunkeln oder ihr Bekenntnis in Wort und Schrift hintan- zu halten. In seinen Mahnungen und War- nungen habe der Papst nicht die Freiheit der Wissenschaft oder die Freiheit des Forschens nach Wahrheit unterdrücken wollen. Nur der Freiheit des Irrens wollte er vorbeugend entgegenwirken. Die Kirche, welche zu allen Zeiten die Wissenschaft gepflegt und ge­fördert hat, könne keine Feindin der Wissenschaft sein. Immerhin erweise sie sich und bleibe sie eine Gegnerin der falschen Scheinwissenschaft, eine dauernde Bekämpfung der Unwahrheit und der vermessenen Täuschung überall und zumal auf dem weiten Gebiete der Religion. Senter- kenswert wegen des Falles Schnitzer ist der Satz des Hirtenschreibens: Die Kirche muß die Bürg­schaft haben, daß die Lehrorgane aufrichtig be­müht find, stets die unverfälschte kirchliche Wahr­heit zu verkünden: sie muß ferner auch eine ge- wisse Garantie haben daß ihre Lehrorgane sitt­lich unbescholten und wahrhaft christusgläubig seien. Zum Schluß betont das Hirtenschreiben, daß dem Bestreben, den konfessionellen Charakter der Schule zu verwischen, energisch entgegenzu­treten sei.

Ans -em Nachbargebiet.

— Niederbieber, 2. Mai 1908. Leutnant Wagenfeld, Hüttenbesitzer in Tangerhütte, er­legte vorgestern und heute im Niederbieberer Forst je einen Auerhahn: Insgesamt wurden in diesem Frühjahrs hier schon 11 Auerhähne geschossen.

* Aus der Rhön, 1. Mai 1908. In dem An- wesen des Landwirts Nikolaus Beck zu Rödel- melier brach Feuer aus. Scheune, Stall und Schweinestall wurden ein Raub der Flammen. Auch brannte die Göpelhalle des Eusebius Rede­vollständig nieder.

* Schlitz, 4. Mai 1908. Nach ILjähriger Tä­tigkeit als Wirt wieder in den Schuldienst zurückgekehrt ist der frühere Lehrer Kalb- fleisch in dem benachbarten Landenhausen, nach­

genbrot der Privatbäckereien. Ob es den an ein Soldatenbrot zu stellenden Anforderungen ge­nügen wird, muß der Versuch lehren. Das Kom­mißbrot soll nicht allein großen Nährwert haben und gut verdaulich sein, sondern es soll auch nicht zu schnell vom Magen verarbeitet werden, eS soll vielmehr auf eine gewiffeZeir füllen und so das bei den Anstrengungen des Soldaten nur zu leicht austretende Hungergefühl bannen.

ßrschedck täglich mit Ausnahme der Sotnt= und Feiertage, virrtel- jShrlicherverugrpreir ohne vringerloh« und vestellgel-in Fulda so­wie auswärts 1.50 M.

verantw. Redakteur;

Lark Schütte;

„Oder mich in ein Gefängnis werfen?"

„Das wäre nicht schlimmI Man wird wieder aus demselben befreit."

• „Göttliche Güte! Sie bringen mich zur Ver­zweiflung l Bin ich vielleicht zur Knute verur­teilt?"

„Hm nein, das wäre schrecklich für Sie, doch es würde Sie wenigstens nicht töten."

Der Bankier erfaßte krampfhaft die L^hne seines Sessels, als er diese Worte des Polizei- Chefs verahm.

„Was . . . was sagen Sie?" rief er stotternd. „Herr mein Gott . .. so ist also mein Leben in Gefahr? Ich Unglücklicher, ich! Aber die Kai­serin war doch immer so gütig gegen mich und jetzt möchte sie mich . . ."

„Ach, mein lieber Herr, unterbrach ihn Kle- jew, ohne den Entsetzten anzublicken, „Sie sehen," wie sehr ich Sie beklage! Aber ich bin gezwun­gen, den erhaltenen Befehl auszuführen. Ich muß es Ihnen leider sagen, die Kaiserin hat mir befohlen. Sie ausstopfen zu lasten."

Der Bankier starrte den Polizei-Chef ver­blüfft an, als habe er ihn nicht verstanden. „Wie?" rief er. „Wie sagten Sie?"

„Ich soll Sie ausstopfen lassen, sagte ich," er­widerte Klejew.

„Aus . stopfen!" schrie Suderland. „Herr, gestehen Sie, daß Sie sich geirrt haben, daß —"

"m ne’n' habe mich nicht geirrt!"

„Nun, dann haben entweder Sie die Vernunft verloren, oder die Zarin die ihrige. In un- ferm Jahrhundert und in Europa jemand aus- stopfen wollen! Das ist ja unerhört! Das kann nicht sein! Gehen Sie doch!"

„ES erscheint allerdings außergewöhnlich selt­sam, m der Tat, ich gestehe es Ihnen!"

„Ausstopfen! Einen Bankier! Schändlich, abscheulich!"

„Ich darf Sie nicht weiter! anhören. Die Kaiserin wünscht nicht, daß man bei der Aus­führung ihrer Befehle zögert und erst sich langen

ÄÄ-. Mchmbella-W „Illustrierte Sonntagszeitung"

Ein ausgeftopfter Bankier.

Von C. D.

Es war unter der Kaiserin Katharina II. N St. Petersburg. Ein sehr reicher Fremder, namens Emil Suderland, war Hofbankier und russischer Staatsbürger geworden. Da er stets tDar' öem Staat große Summen vorzu» schicßen, und zwar mit nur sehr geringen Pro- rc-n = er bei Hofe in großer Gunst.

Eines Morgens brachte ihm sein Diener die Nach- n hi !eln Anus von Polizeisoldaten um- verlange Un& Polizei-Direktor ihn zu sprechen , Dieser Letztere, ein gewisser Klejew, trat mit bEurzter Miene in das Zimmer des Bankiers. >,Herr Suderland, sprach er zu ihm, „ich sehe mich zu meinem größten Bedauern durch den Auf- nf'etrneVr^" Herrscherin, deren Strenge wich sogleich erschreckt, genötigt, Sie —" ho- sn « $ öenn ktetan?" unterbrach ihn

ne-n^MM1' tofeId^ bleich und entsetzt aus sei- ^^'"o^^el aufgefahren war.

ntAta C« Ä “7 kann Ihnen darüber nichts sagen . stotterte der Polizei-Chef.

;uführeiO?"fr*6befehl haben Sie denn aus- „Ach, mir ist aller Mut gesunken, es Ihnen zu sagen! Es ist schrecklich."

„Sie erschrecken mich! Habe ich vielleicht das «vertrauen der Kaiserin cingebüßt?"

„O, wenn es weiter nichts wäre, als dies. Sie wurden es wiedergewinnen."

.„Nun, dann handelt es sich vielleicht darum, mich m mem Vaterland zurückzuschicken?

#o„s ri'r-nein' durchaus nicht! Es ist noch bedeu­tend schlimmer als das!"

r uian mich etwa wegen irgend i ^us, das ich begangen haben soll, nach ^kbliien verbannen?"

lurück «nicht, aus Sibirien kehrt man

Bedenken hingibt. Ich bitte Sie also, sich zu be­eilen, mir zu folgen."

Ter Zorn, die Furcht, das Erstaunen, die Tränen des armen Menschen, alles das läßt sick- leicht begreifen. Indessen machten sie doch soviel Eindruck auf den Polizei-Chef, daß et ihm eine Viertelstunde Verzug bewilligte.

„Sie können mir wenigstens so viel Zeit noch gönnen, um an die Kaiserin ein Schreiben zu richten, in welchem ich sie um Gnade bitte," sagte der Unglückliche.

„Es ist nichts gerechter als das", erwiderte Klejew.

Das Billet wurde geschrieben, der Polizeichef nahm es und begab sich damit zum Kanzler, Gra- fen von Bruce. Als dieser es gelesen, warf er einen raschen Blick auf Klejew und schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Polizei-Direktor plötz­lich wahnsinig geworden wäre und richtete rneh- rere Fragen an ihn, die zu seinem Erstaunen dieser ganz vernünftig beantwortete.

„Hier muß ein Mißverständnis obwalten," sprach der Kanzler nach einer kurzen Pause.

„Hat Ihnen die Kaiserin wirklich klar und deutlich befohlen, Suderland ausstopfen zu las-

„Ich kann das beschworen, Excellenz."

„Hm! Gut! So folgen Sie mir und erwar­ten Sie mich am Ausgange des Palastes."

Ohne zu zögern, begab sich der Kanzlet zu der Kaiserin und teilte ihr die Tatsache mit, welche ihn zu ihr führte. Katharina, diese sellsame Er- zählung vernehmend, rief entsetzt: „Mein Gott welch abscheulicher Irrtum! Dieser Polizei-Direk- tor muß ,verrückt fern! Eilen Sie, gehen Sie, be- fehlen Sie Mem Unsinnigen, daß er sofort die- fern, armen Bankier, den er durch seine wahn» ^riibt hat, die Freiheit ergibt. Der Kanzler ging, führte den Be- M °us und fand, als er zurückkehrte, die Kai- serin laut lachend.

. „Jetzt", sagte sie, „sehe ich wohl die Ursache einer ebenso, komischen als unglaublichen Szene ein. Seit einigen Jahren besaß ich einen nied­lichen Hund, den ich fe$r liebte. Ich hatte ihm den Namen Suderland gegeben, denn sein frühe­rer Besitzet, ein Engländer, führte diesen Rainen und hatte mit das Tierchen zum Geschenk ge­macht. Gestern ist eS eingegangen. Ich habe Kleiew den Befehl erteitt, es ausstopfen zu lasten, und da er zögerte oder sich das Ansehen gab, als verstände er mich nicht, so nahm ich eine zornige Miene an. Nachdem ich den Befehl wiederholte, sagte ich zu ihm: „Gehen Sie, und machen Sie keine Wil^rrede, Sie wißen, ich dulde dergleichen nicht! Sie haben meinen Auftrag ohne Zögern auszuführen!" Und dies, felfen Sie, mein lie­ber Graf," fügte die Kaiserin, noch immer la­chend hinzu, „dies ist die Losung des Rätsels."

Der Kanzler lachte ebenfalls, als er Katha­rina verließ. Aber der Bankier Suderland lachte nicht, sondern wünschte solch alberne, mißverständ­liche Befehle dahin, wo der Pfeffer wächst.

— Gutes Muster. Mutter: .Zunge, dir müssen dre Haare geschnitten werden, rote willst du sie

‘ „Ganz wie 8er Papa, oben

tn der Mitte em Loch."

~7 A „ Zweifel. Tochter des Kommerzienrats: .Mem Bräutigam hat mir ein Buch über Schön- heltspflege geschenkt. Ist das nun eine Aufmerksam- keck ober eine Unverschämtheit?"

_ — Schnell erfaßt. Herr: „... Also Ihr Seliger hat so viele Anzüge hinterlaflen!? Ich glaube, die würden mir auch passen!" — Witwe (die Auge« niederschlagend): „Wenn Sie's ehrlich meinen, könne« Sie ja mal ein paar anprobieren!"

— Das kommt davon. Schwiegermama: So oft ich komme, lebt ihr in Zank und Streit." -- Schwiegerfohn: „Warum kommst Du auch ]0 ost?"

— Börsenwitz. „Wodurch ähnelt di? Börse emet Kinderstube?" „Dadurch, daß darin di« Großen bi« Kleinen ausziehen."

Deutsches Reich.

# Staatssekretär Dr. Nieberding feierte gestern seinen 7 0. Geburtstag. Als Assessor war er bei der Regierung in Breslau beschäftigt und wurde von hier 1866 als Hilfsarbeiter an das preußische Handelsministerium berufen. Im Jahre 1872 trat er in das Reichskanzleramt über, wo er 1873 zum Regisrungsrat, 1875 zum Vortragenden Rat und 1889 zum Direktor er­nannt wurde. Im Jahre 1893 trat er an die Spitze der Reichsjustizverwaltung. Staatssekre­tär Nieberding ist bekanntlich der einzige Katholik unter sämtlichen Mini­stern und Staatssekretären in Berlin. In seinem Amte hat er Großartiges geleistet: unter ihm kam das Bürgerliche Gesetzbuch zu­stande: die Revision des Handelsgesetzbuches: die gesetzliche Regelung des Versicherungsvertrages; er arbeitet an der Reform des Strafgesetzbuches und diese wäre schon längst fertig, wenn Preußen nicht immer so viele Schwierigkeiten bereiten würde. Keiner der amtierenden Mini­ster und Staatssekretäre ist so lange im Amte wie er. Möge er noch lange zum Wohle des Reiches und für die Pflege des Rechtes tätig sein können.

— Ein Wegweiser für Steuersucher. Es er­zielten die Farbenfabriken von Bayer-Elberfeld im letzten Jahre einen Reingewinn von 12,6 Mil­lionen und mußten trotz aller Anstrengungen, diese Reinertragshochfluf in die verschiedensten Seitenkanäle und Reservoirs abzulenken (3% Mill. Rücklage, 939,211 M. Vortrag, 800,000 M. für Wohlfahrtspflege usw.) ihren Aktionären eine Dividende von 56 Prozent auf- notigen. Die Badische Anilin- und Sodafabrik erzielte fast 14,5 Mill. Gewinn, wovon sie aber über, 5 Mill, zu Amortisationszwecken absetzte, und ihren Aktionären nur 30 Prozent Dividende gab. Gleich hoch war die Dividendenziffer der Höchster Farbwerke bei einem Reingewinn von 13% Mill. Mark. Weiter konnte beispielsweise die „Schlesische Feuerversicherungsgesellschaft" in Breslau im letzten Jahre trotz mancher im Ge­schäftsbericht beklagten Verluste doch wieder 38% Prozent wie im Vorjahre schon ausschütten. Die „Continental-Caoutchucc- und GutaperHa-Com- pauy erzielte bei einem Aktienkapital von 6 Mill. Mark einen Reingewinn von 3,957,972 M. (ca. 65 Proz.) und verteilte davon 40 Prozent Divi­dende. Bei der „Hannoverschen Gummikamm- Comp." betrug der Reingewinn mit 603,300 M. nur ca. 40 Prozent des Aktienkapitals von 1,5 Mill. M. und die Aftionäre mußten sich mit 21 Prozent Dividende begnügen. — Die „Korre­spondenz des Bundes der Landwirte" meint hier­zu: „Immerhin konnten sie auch davon noch einen Teil an die Reichskasse ab- geben, ohne über schlechte Rentabilität des in­vestierten Kapitals klagen zu muffen. Also bitte, greifen Sie nur zu, Herr Reichsschatzsekretär!"

* Mit einem neuen Kommißbrot werben in der Heeresverwaltung augenblicÜich Versuche an­gestellt, da vielfach eine leichtere Brotnahrung für bie Soldaten gefordert wird. Das augenblicklich bei einigen Infanterie-Truppenteilen zum Versuch verabfolgte Brot ähnelt dem gewöhnlichen Rog­

katholische Deutschland in M.-Glattbach ihre Dienste zur Verfügung.

Für die Zukunft darf wohl erwartet werden, daß, angeregt durch die Bestrebungen der oben­genannten verdienstvollen Vereine, unterstützt durch die zunehmende finanzielle Erstarkung der Genossenschaftsverbände, die Betätigung der land­wirtschaftlichen Genossenschaften auf dem Gebiete gemeinnütziger Wohlfahrtspflege noch umfassen­der als bisher sich entfalten wird.

dem er vor einiger Zeit seine Wirtschaft verkauft hat. Der Genannte, der früher als sehr tüchti­ger Lehrer galt, hat mit Beginn des neuen Schul­jahres feine Tätigkeit als Lehrer an der Stadt­schule in Lauterbach wieder begonnen.

* Schotten, 1. Mai 1908. Unser Kreisstädt­chen steht im Zeichen des 50jährigen Jubiläums des Geh. Regierungsrats Schönfeld, der sich um den Kreis Schotten und den Vogelsberg hochver­dient gemacht hat. In allen Orten des Kreises rüstet man sich zu der Feier. Man rechnet mit 2000 Festteilnehmern. Zahlreiche hochgestellte Personen und Beamte werden erwartet. Auf der Bahnstrecke Nidda-Schotten werden zwei Extra» züge gehen, um den Personenverkehr zu bewäl­tigen.

* Münden, 3. Mai 1908. Gegen den Vor­schlag, die Werra nur bis Hörschel zu kanali­sieren, wendet sich Ingenieur Abshoff in Han­nover, der die technischen Vorarbeiten zu dem Projekt geleitet hat. Nach seiner Ansicht ist die Kanalisierung der Werra von Münden üi- Wernshausen ohne gewaltige Schwierigkeiten und Kosten sehr wohl möglich, obwohl an mehreren Stellen Felsbarren gesprengt werden müssen. Bekanntlich hat auch der Verein zur Schiffbar­machung der Werra obengenannten Plan ver­worfen, weil gerade der obere Teil von Berka bis Salzungen den größten Güterverkehr verspricht und dadurch die Rentabilität des größeren Un­ternehmens günstiger stellt, als die eines Teil- planes. Obengenannter Ingenieur befaßt sich sogar mit dem kühnen Plan, die weitere Kanali­sierung der Werra bis Riffchenhausen und ihre Verbindung über die Rhein-Weser-Wasserscheide hinweg mit dem Main zu studieren und zu pro­jektieren, denn er hält sie technisch für möglich und vielleicht auch für wirtschaftlich rentabel — wenn nicht heute, so in späterer Zeit.

* Bad Nauheim, 4. Mai 1908. Die im Jahre 1732 von dem Grafen Johann Reinhard von Hanau- Lichtenberg (gestorben als Letzter be8 edlen Hanauer Grafengeschlechtes am 28 März 1736 im Staotschloß zu Hanau) dahier erbaute lutherische Reinharbs­kirche, welche seit zirka 10 Jahren nicht mehr ber evangelisch-lutherischen Gemeinbe, bet sie räumlich unzureichend geworben, fonbem bet katholischen Ge­meinde als Gotteshaus gebient, ist von ber griechisch- orthodoxen Gemeinde für 39000 Mk. erworben worden.

* Eltville, 3. Mai 1908. Gegen den noch im­mer auf „Geschäftsreisen" befindlichen Direktor der Zentralverkaufsgenossenschaft Rheingauer Wiuzervereine, Werner, ist von der Wiesbade­ner Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung wegen Bilanzfalschung und Unter­schlagung eingeleitet worden. Gleichzeitig ist gegen Werner, dessen Aufenthalt noch immer un­bekannt ist, ein Haftbefehl erlassen worden.

* Meiuiugen, 1. Mai 1908. Der Bau deS neuen Hoftheaters ist bereits seit ein paar Tagen in Angriff genommen. Mit dein Bau hat der Herzog seinen Hofbaumeister Bahlert, ein Meininger Kind, betraut. Die Vorder- und Hauptfront des Theaters wird im korinthischen Tempelstil, mit einer vorspringenden, von Säu­len getragenen Auffahrt erbaut. Im gleichen Stile wird das Vestibül und das Foyer entstehen. Der Zuschauerraum wird gegen das alte Theater nicht unwesentlich vergrößert und umgestaltet. Die parterre gelegenen Plätze erhalten eine am» phttheatralische Anlage. Die Bühne, welche schon im alten Theater räumlich sehr bedeutend war, wird sehr hoch konstruiert, so daß z. B. bei Szenen tut Freien der Blick nicht durch die Soffiten be- grenzt wird, sondern in den freien Luftraum Zweifen kann. Selbswerständilch erhält daS Theater alle technischen und prattischen Neuerun- gen.

F Ländliche Wohlfahrtspflege durch die Genossenschaften.

Die landwirtschaftlichen Genossenschaften sind zur Wohlfahrtspflege auf dem Lande in .ganz besonderm Maße geeignet; denn die ihnen zur Verfügung stehenden vorzüglichen geistigen, sozialen und materiellen Kräfte, der in ihnen waltende Gemeinsinn und der Geist gegenseiti­ger Fürsorge lassen die Genossenschasten nicht nur zur Lösung wirtschaftlicher, sondern auch zur Mitwirkung bei sittlichen und sozialen Aufgaben 'der Gemeinden geeignet erscheinen. Viele haben bereits in diesem Sinne gewirkt.

An der Spitze steht der Verband der hessi­schen landwirtschaftlichen Genos­senschaften, welche für Bildungszwecke, für Krankenpflege, für Dienstbotenprämien, für öf­fentliche Gemeindezwecke, für kirchliche und ge­meinnützige Zwecke beträchtliche Geldaufwendun- {leit gemacht haben. Manche Spar- und Dar- ehnskassen haben einen besondern Fonds für ländliche Wohlfahrtspflege angelegt. Vorbildlich ist auch die Wohlfahrtsarbeit der Spar- und Dar» lehnskasse zu Friesdorf (Bezirk Köln), die eine jährliche Beihilfe an eine Kinderbewahranstalt zu steuert unter Leitung von Schwestern, die auch oia Hauskrvnkenpslege übernommen und eine Handarbeitsschule ins Leben gerufen haben. Die­selbe Kasse hat auch eine unentgeltliche Aus­kunftsstelle für Rechtsstreitigkeiten und andere wichtige Angelegenheiten errichtet, sowie eine Sterbekasse für ihre Mitglieder gegründet. Ihre weitere Wohlfahrtstätigkeit besteht in der Be­schaffung einer Sammlung von Gerätschaften für Krankenpflege, in der Errichtung eines 83er- suchs gattens und eines Lesesaals im eigenen Hause der Genossenschaft mit kleiner Bibliothek.

Eine andere Spar- und Darlehnskasse hat einen Hilfsfonds gegründet zur Unterstützung unverschuldet in Unglück geratener Mitglieder, eine weitere hat die Niederlassung eines Arztes im Genosienschaftsbezirke erreicht mittels jähr­licher Zuschüsse an den betreffenden Arzt. Wie- ,ber andere machen von ihrem Reingewinn Zu­wendungen an Bibliotheken, gemeinnützige An­stalten, Waisen- und Krankenhäuser, Ürrijjen und Schulen, besonders Fortbildungs- und HauShal- tungsschulen, setzen Stiftungen aus von Spar­kassenbüchern mit Einlagen für Schulkinder und als Prämien für Fortbildungsschüler, errichten genossenschaftliche Badeanstalten oder unter Lei­tung eines Arztes stehende Apothekengenossen- schaften. Vor allem umfaßt das Tätigkeitsfeld der Genossenschaften das Erziehungs- und Bil- dungswesen, die Gefundheits- und Krankenpflege, Wohnungsfrage und die Fürsorge bei Todesfäl­len. Bei allem aber muß darauf geachtet werden, daß die Genosfenfchasten weder auf Kosten des Reservefonds Wohlfahrtspflege treiben, noch un- nötigerweise Aufwendungen machen für solche Zwecke, deren Erfüllung in erster Linie den Ge­meinden oder sonstigen Organisationen obliegt; erst wenn diese Körperschaften versagen, sollen Oie Genossenschaften eingreifen.

Wertvolle Winke zu geben und Dienste zu knien ist hier die Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege imstande, die im vorigen Jahre

Rmöhsverband landwirtschaftlicher Genos- «enschasten (Sitz Darmstadt) gebildet wurde. Zu M°hen Zwecken stellen auch der deutsche Verein siir ländliche Wohlfahrts- und Heimatspslege in Berlin die Zentralstelle für Volkswohlfahrt -bendaselbst, sowie der Volks verein für das