35. Jahrgang.
Fulda, Dienstag den 5. Mai 1908.
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ruflich" könnte nur so aufgefaßt werden, daß die Zu- wird, laae von Jahr zu Jahr neu bewilligt werden müsse. Steu \ »T ßjf mU Km* SHavIaaa Ql
Abg. Ortel (Rp.) erklärt sich mit der Vorlage
N»;ek-e«: vle et* fpdtigtpdttseileobet deren «au« sS pfg. »eklamendrepetitzeile 25 Pfg., bei wieder- Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.
«otationrdruckund Verlag der Fuldaer A> tiendruckerei i« Fulda Fernsprecher Nr. 9.
Vorlage angenommen.
Dienstag: Kolonialeisenbahnen.
Staatssekretär Sudow: Der Zusatz .unwider-1 freuen, wenn er auch im Herbste angenommen . — • - —*—K/.R m« o..-1 Tuff}). (@ r^berger: Kommt auf die neuen Steuern an.) . „ _ , . ..
Nach weiterer unerheblichen Debatte wird Lie
Erscheint tSflttch«lt Aurnahme der Son* «ndLeiertafle. viertel. Mrlicherverugrpreir ohne vringerlohn und 'lesteLfleld in Fulda so- roieaurwSrtts.soM.
vrrantw. Redakteur:
SteuerbehörL« mitzuteilchr. Dadurch ist eins ganze Menge von Arbeitern in die zweite Klasse gekommen, da bekanntlich die einzelnen Wahlbezirke i n s i ch gedrittelt werden und nicht mehr die Klassenverteilung im ganzen Wahlbezirk einheitlich genommen wird. Das alles wird Veränderungen im Gefolge haben, die es ermöglichen, daß oft 20—40 Wahlmänner des Zentrums den Ausschlag geben können. In foN chen Fällen wird man an Las Zentrum heran- treten; dieses stellt seine Bedingungen, wobei es oft den Freunden in einem anderen Kreise wertvolle Hilfe zuführen kann. Beim Preußischen Wahlrecht muffen viele Kompromisse abgeschlossen werden; wenn das Zentrum sich in den Minderheitskreisen der Wahl enthält, schließt eS sich von allen diesen Kompromissen aus. Mit wem man sollhe Kompromisse abschließen wird, kann heute noch nicht gesagt werden; das Zentrum wird sich natürlich so stellen, wie es andere Parteien auch tun; es wird seinen Vorteil im Auge behalten.
Diese Erwägungen machen es zur Pflicht, überall für eine große Wahlbeteiligung zu sorgen und nicht untätig zu sein; je mehr man die Zentrums f r a k41 o n ausschalten will, um so weniger dürfen sich die Zentrums w ä h l e r selbst ausschalten.
/. Starte Wahlbeteiligung.
Die preußischen Landtagswahlen leiden seit Bestehen Les Wahlrechts unter einer auffallend schwachen Wahlbeteiligung. Die, Ursache der flauen Abstimmung in Preußen ist ganz allem in dem schlechten Wahlrecht zu suchen.
Eine ganze Reihe von Wählern bleibt so tote so immer zu Hause und vernachlässigt diese Bürgerpflicht, mag es sich auch um die höchsten Dinge handeln. Diese Wahlfaulen stellen wir gar mcht in Rechnung; aber die andere Tatsache ist auffallend, Laß viele bei den Landtagswahlen nicht abstimmen, die bei den Reichstagswahlen nie ferne bleiben; sie entschuldigen sich mit der Oef- fentlichkeit der Wahl. Wir wiffen zu gut, was es für Beamte, Geschäftsleute und Arbeiter bedeutet, wenn sie hier abstimmen sollen und man kann es auch verstehen, wenn die Parteile:- tung selbst diese abhängigen Wähler tunlichst in Ruhe läßt, aus Mitleid mit den Leuten,, die infolge ihrer politischen Stellungnahme wirtschaftliche Nachteile erleiden würden.
Es fragt sich aber doch, ob nicht diese Wahlen einen Ausnahmefall darstellen, ob es nicht geboten ist, daß das Zentrum auf der ganzen Linie mobil machen muß. Wahlent- haltung zu proklamieren, sollte nur geschehen, wenn sehr wichtige Gründe dafür sprechen. Im allgemeinen aber müssen auch die Minderheiten des Zentrums diesmal mobil gemacht werden; in jedem Kreise, wo wir über eine, erhebliche Anzahl von Stimmen verfügen, müssen diese in irgend einer Weise verwertet werden. Man sollte sich nirgends selbst ausschalten, sich nicht selbst mundtot machen, sondern sich bereit halten, um vielleicht erst in der letzten, Minute einzurücken, sei es um die Position einer nahestehenden Partei zu halten oder die gegnerische Stellung zu werfen.
Zu einer starken Wahlbeteiligung fordert die gesamte politische Lage auf; der Kampf dreht sich diesmal um die innere Politik in Preußen. Werden die Konservativen geschlagen ,so kommt ein liberales Regiment. Die liberale Herrschaft hat sich noch überall gegen das Zentrum und namentlich gegen die Katholiken gerichtet; so haben die Liberalen im Herrenhause die Enteignungsvorlage durchgebracht, so haben die Liberalen im Reichstage den § 7 gegen die polnischen Katholiken angenommen. Wenn der Liberalismus irgendwo Einfluß hat, verwendet er immer seine ganze Kraft zum Kampfe gegen die Kirche; die Geschichte zeigt es sehr deutlich. Das Zentrum hat somit kein Interesse, die Liberalen groß werden zu lassen, nur in einzelnen Fällen wird es liberale Kandidaten unterstützen können, deren Person eine Gewähr bietet, daß sie liberale Blockpolitik nicht mitmachen.
Als neues Moment kommt bei der diesmaligen Wahl hinzu, daß die Sozialdemokra- t i e sich mit aller Macht an der Wahl beteiligt. .Kein Mensch kann sagen, wie viele Wähler sie auf die Beine bringt; am Rhein, im Bayerischen, in Hagen und Iserlohn, im Äheingau und bei Frankfurt können große Ueberraschungen bevorstehen. Die Aussichten der Sozialdenwkratie sind gar nicht so ungünstig; man sagt wohl, sie könne nur in der dritten Klasse siegen. Das ist Selbstbetrug; in vielen Orten kann die Sozialdemokratie auch die zweite Klaffe erobern. — Der § 23 des Einkommensteuergesetzes zwingt die Arbeitgeber, den Verdienst ihrer Arbeiter der
«arl Schütte.
ÄÄ w-ch-nb«ll°g--Illustrierte Sonntagrzeitmg"
sich eilig in den Gartensaal, den die anderen wenige Minuten vor ihm betreten.
Wie durch einen Nebel sah er die Geliebte im bräutlichen Schmucke — sie war ihm noch nie so engelhaft schön erschienen. Und dieses bezaubernde Wesen, deffen überirdische Schönheit sein Auge entzückte und, ihn, zur Bewunderung hinriß, sollte wirklich sein eigen — sein Weib sein!
Ein Schwindel erfaßte ihn, er hätte zu An- giolinas Füßen niedersinken, ihr zurufen mögen: „Ich bin unwürdig dieses hohen Glückes, aber ich will es zu verdienen suchen, will Dein Sklave sein, geduldig harren, bis es Dir, der Gebieterin meines Herzens, gefallen ivird, mir ein Zeichen Deiner Huld zu schenkenI"
Aber Olivers Lippen blieben stumm, nur der Blick, den er mit der Braut tauschte, war der Dolmetsch seiner Gefühle.
Graf Franconi näherte sich ihm, er sprach etwas, was Oliver nicht verstand, obwohl er den Worten aufmerksam zu lauschen schien — es war eine Anrede und klang sehr feierlich, dann führte er ihm die Braut zu.
Angiolina legte ihre kleine zitternde Hand auf seinen Arm und es durchriefrfte ihn wie ein elektrischer Strom diese Berührung. Sich mechanisch fortbewegend, trat er mit der Braut vor den Altar, wo der Priester ihrer schon harrte.
Eine Viertelstunde später war das bindende ,.Ja" gesprochen, waren die Ringe gewechselt und dis Gelübde der Liebe und Treue ansgetaufcht.
Angiolina Rionera, der unglücklichen Albina Tochter, war die Gattin Gaetano Pisanis.
25.
„Zwischen Lipp' und Kelchesrand."
Gleich nach der Trauungszeremonie und der darauf folgenden Gratulation, die feierlich und rührend zugleich ausfiel in ihrer schlichten Herzlichkeit, begab sich die kleine Zahl der Gäste in den Speisesaal, an die geschmückte Hochzeitstafel.
Deutsches Reich.
DaS Weißbuch über Marokko ist am Montag im Reichstage ausgegeben worden. Es bringt auf 208 Seiten eine Unmenge Material zur Beurteilung der marokkanischen Frage, das jedoch fast durchweg inhaltlich bekannt war.
Von größerer Bedeutung daraus ist das Kapitel, das sich mit unseren Beziehungen zu dem alten Sultan Abdul Aziz befaßt. In einem Augenblicke, wo die Abgesandten des Gegen» sultans Mulay Hafid auf dem Wege nach Berlin sind, ist eS von Wichtigkeit, zu sehen, welche Gedanken sich der alle Sultan über seine Be» ziehungen zu Deutschland gemacht hat, nachdem der deutsche Kaiser unter der Aufmerksamkeit der ganzen Welt seine Reise nach Tanger unternommen hatte. Die unbegrenzte Hoffnung, die Abdul Aziz auf Deutschland setzte, spricht sehr deutlich noch aus einem Schreiben des deutschen Gesandten Dr. Rosen vom 18. Januar d. Js. Darin heißt es:
„Unter dem 16. Januar meldet mir Konsul Neu» dörfer folgende Bestellung des Ministers de? Aeußern, Abvelkerim den Sliman: „Seine Scheristsche Majestät der Sultan habe unter Berufung auf die von Seiner Majestät dem Kaiser in Tanger abgegebenen Erklärungen der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß das befreundete Deutsche Reich nunmehr gegen daS die Algeciras-Akte verletzende Vordringen der Franzosen in Marokko Einspruch erheben werde."
Deutschland hat darauf, was schon Staats» sekretär Schön im Reichstage mitgeteilt hat, an den Gesandten einen Brief geschrieben, worin eS heißt:
„Wiederholt und auf das bestimmteste habe die französische Regierung versichert, daß sie sich streng im Rahmen der Algeciras-Atte halten werde. Wenn dir marokkanische Regierung aber glaube beweisen zu können, daß das französische Borgehen die Akte verletze, so stehe es ihr frei, sich deswegen an die sämtlichen Unterzeichner der Akte zu wenden. Deutschland könne, nachdem die Akte in Kraft getreten sei, in der Sache nicht wohl mehr allein etwas tun." Euer Hochwohlgeboren wollen dem Vorstehenden in der für Abdul Aziz bestimmten Antwort noch einen Satz in dem Sinne hinzufügen, daß wir nach verschiedenen Vorgängen der letzten Zeit hätten annehmen müssen, daß das Vorgehen der fr an«
letzten Augenblick noch gezweifelt, daß diese erzwungene Heii'mt vollzogen werden könne. Irgend ein Zwischenfall, so meinte sie, würde Eintreten, Rafaello Tiepola werde durch eine rettende Tat Angiolina von ihrem Gelöbnis frei machen. Wie dies geschehen solle, das wußte sie freilich nicht, aber die Ahnung, daß sich etwas ereignen müsse, beschlich sie immer wieder aufS neue und sie wurde förmlich verdutzt darüber, daß nun doch alles programmäßig und fein spießbürgerlich verlaufen war.
Die Schatten wurden immer dichter, es dunkelte schon, der Festabend, auf den in Sorrent die vielen geladenen Gäste schon ungeduldig geharrt, war angebrochen.
Viele Hände zugleich entzündeten die bunten Lampen im Parke und die Windlichter, welche auf den weißbedeckten Tafeln standen.
Inzwischen wurde auch im Speisesaal die Tafel aufgehoben, nachdem die üblichen Toast« auf das Wohl des Brautpaares ausgebracht worden waren.
Die Herren begaben sich in das RamWmmek, wo der Kaffee serviert wurde, während Augio- lina, auf den Arm der mütterlichen Freundin gestützt und von Karolina begleitet, ihr Gemach aufsuchte.
Sie fühlte sich der Ruhe dringend bedürftig, denn das Licht der vielen Kerzen, das Stimmengewirr hatten ihr Kopfweh gesteigert.
„Bleibe, Karolina", sagte die junge Frau unk müdem Lächeln, „ich will nicht schlafen, nur ein wenig ruhen, denn ich fühle mich sehr ermattet und die Stiche im Kopfe haben sich wieder eingestellt."
„Wie Deine Stirn brennt", bemerkte Karolina besorgt, nachdem sie ihre Hand an die pochende Schläfe der Freundin gedruckt, „schließ die Augen — so, und nun lege den Kops aus dieses Polster, ist es Dir recht bequem, fühlst Du Dich wohler?" r r. t_
Angiolina nickte, dann schloß sie die Augen.
(Fortsetzung folgt)
Arn Dunkeln.
Roman von Ernesto Selva.
Nach einer wahren Begebenheit erzähtt.
63] (Nachdruck verboten.)
In der letzten Zeit war er mit seinen eigenen Angelegenheiten so beschäftigt gewesen, daß er gar nicht mehr an die Schmucksachen gedacht hatte. Erst die Worte und Borwürfe Gertrudes hatten sie ihm wieder in Erinnerung gebracht.
Jetzt sollten sie ihn aus einer Verlegenheit reißen und doch war ihm die Sache peinlich,— seine Hand zögerte. Aber die Zett drängte, eine Wahl mußte schnell getroffen werden. Was war es denn auch großes, wenn er sagte, daß der Schmuck ein Familienkleinod sei — eine Lüge mehr oder weniger, darauf kam wenig an. Er war ja reich und konnte den Wert des Gegenstandes leicht ersetzen, wie er es schon bei den übrigen getan.
Die Wahl Ivar bald getroffen. Oliver griff nach dem goldenen Kreuze, löste das schwarze Samtband, das durch die Oese desselben gezogen war, schob es in einen Briesumschlag, weil er kein Etui besaß, schrieb „Für Angiolina Rio- Nero" darauf, steckte dann die übrigen Schmucksachen in den Lederbeutel, warf alles in den Koffer und verschloß diesen.
Trotz aller Eile fand er Gertrude nicht mehr im Korridor, er begab sich deshalb in das Gemach Angiolinas, um ihr selbst Latz Geschenk einzuhän- Ligen. Hier fand Oliver indessen nur die Zofe vor. die ihm berichtete, daß ihre Herrin schon von dem Gvafsn Franconi, der den Brautführer wachte, abgeholt worden sei.
. Da es bestimmt gewesen war, sich um vier Im Gartensaale zu versammeln, hatten sich die übrigen jedenfalls schon dahin begeben, denn Stunde hatte bereits geschlagen.
Oliver legte schnell dos Päckchen nrit dem Brautgeschenk aus den Toilettentisch und begab
Der Marchese hatte alle Anordnungen mit Vorbedacht getroffen und gemeint, daß die erregten Gesühlswogen sich am leichtesten bei einem frohen Mahle legen würden.
In der Tat schien auch, mindestens äußerlich, die Alltagsstimmung nach und nach zurückzukeh- ren bei dem Geklapper der Messer und Gabeln, dem fröhlichen Anklingen der Gläser.
Selbst Angiolina befand sich etwas Wohler. Sie war nicht in Ohnmacht gefallen, wie Karolina während der Zeremonie befürchtet hatte, im Gegenteil: als das bindende „Ja" gesprochen, ihr Schicksal entschieden war, kam eine merkwürdige Ruhe über das junge Mädchen.
Das stürmisch bewegte Herz klopfte nicht mehr so angsterfüllt, himmlischer Friede war eingezogen in die Brust der lieblichen Braut, mit dem Bewußtsein, recht gehandelt zu haben.
Immer heiterer wurde die Tafelrunde, als die entzündeten Kerzen mit ihrer Lichtfülle alle bestrahlten und unwillkürlich froher stimmten.
Allerdings erwiesen nur die Gäste dem trefflich bereiteten Mahle alle Ehre, denn weder das Brautpaar noch der Marchese ergötzten sich an den Telikateffen, welche der neapolitanische Koch aiffgetischt hatte.
Angiolina genoß nur etwas Brühe, und Oliver wie Rionero waren noch viel zu erregt, um Hunger zu fühlen und ließen die Speffen fast unberührt vorübergehen.
Oliver hatte nur hastig einige Gläser Wein geteert und die Farbe Les Lebens war auf seine Wangen zurückgekehrt, er fand wieder Worte, ja er lachte und scherzte mit der Brautjungfer und beantwortete ihre wißbegierigen Fragen, während er mit Angiolina nur einen Händedruck und einen vielsagenden Blick tauschte.
Tie junge Gattin hatte sogar den Mut ge- funden, Oliver zuzulächeln. Wenn das Opfer ei:>M Wert haben sollte, dann mußte es mit Herzensfreudigkeit gebracht werden.
Nur Karolina erschien außergewöhnlich ernst. Die romantische kleine Komteffe Satte bi» »um
MaerW Zeitung
moiairbellag«: „Zuldaer SeschichtrbM«"
einverstanden. _ ' . „ .. „
Abg. Pachnicke (frs. Vgg.) stimmt für die Vor- läge, in der Erwartung, daß die Erklärung der Regierung, wonach die Zulagen keinen politischen Charakter haben sollten, auch in der Praxis betätigt werde.
Abg. Bruhn (Anttf.) ist erfreut von dem Em- bringen der Vorlage.
Abg. BreiSki (Pole) bekämpft die Vorlage, die eine Prämie auf den HakatiSmus sei. Die anständigen Beamten seien nicht sehr über die Zu- lagen erfreut. Er würde sich schämen, sie anzu- nehmen. t„
Staatssekretär KrStke erhebt gegen die Ausführungen des Vorredners Einspruch. Polittsche Rücksichten kämen nicht in Frage. Es handele sich nur um die Gleichstellung der Reichsbeamten mit den preußischen.
Abg. Ledebom (Sozd.) lehnt die Vorlage ab und möchte Auskunft darüber haben, ob ein freundschaftlicher Verkehr mit den Polen außerhalb deS Dienstes Grund zur Entziehung der Zulage sei. Daß mehrere Kreise Westpreußens mit überwiegend deutscher Bevölkerung von den Zulagen ausgeschlossen seien, sei ein Beweis, daß es direkt auf Germani- fierungsbestrebungen abgesehen sei. Das Beamtentum werde durch die Vorlage korrumpiert.
Damit schließt die erste Lesung.
Es folgt die 2. Lesung der Maß- und Gewichtsordnung. Die Vorlage bringt das System der periodischen Nacheichung der Maßgeräte für den öffentlichen Verkehr zur Geltung. Auch Meßgeräte für die Ermittelung des Arbeitslohnes sollen nachzueichen sein, dahingegen beMirfen Fördergefäße im Bergwerk nur der Neueichung, nicht der Nacheichung. Die Sozialdemokraten verlangten, wie früher auch das Zentrum, auch die Nacheichungspflicht für den Bergbau. Darüber gab es eine längere Auseinandersutzung in der die Vertreter der Regierung die Undurch- führborkeit einer solchen Vorschrift , dartaten. Dann wurde die ganze Vorlage erledigt.
Es folgt die2. LesungderTeuerungs- zulage. — Die Kommission beantragt unveränderte Annahme.
Abg. Erzberger (Ztr.) bedauert diese Haltung der Kommission im Interesse der Beamten. Es ist uns in der Kommission gesagt worden: Wenn Ihr Anträge annehmt, die über die Vorlage hinausgehen, so ist das ganze Gesetz für uns unannehmbar. Was hat denn unter solchen Umstän- den der Reichstag überhaupt noch für eine Bedeutung! Damit sinkt er ja doch schließlich auf das Niveau eines Debattierklubs herab. Dieses „unannehmbar" ist gegenüber, den von uns gestellten Abänderungsanttägen in der Kommission mit solcher Bestimmtheit und mit solcher Schärfe zum Ausdruck gebracht worden, Laß wir allen Anlaß haben, gegen ein solches Verhalten zu protestieren. Nicht einmal den schlecht bezahlten Unttzrzahlmeistern habe man die Zulage gegeben; wo bleibt denn hier das nationale Interesse? (Sehr gut!) Neben der Fürsorge für die Beamten dürfe man nicht vergessen, für die Arbeiter und Handwerker in den Reichsbetrieben zu sorgen; er habe in der Kommission den Antrag gestellt, eine angemessene, Lohnerhöhung für diese eintreten zu lassen. Die Reichsbetriebe müßten Musterbetriebe fein. (Beifall.)
Staatssekretär Shdow: Die Rechte des Reichstages tasten wir nicht an; der Reichstag sollte nur dankbar sein, daß wir so präzis Stellung genommen haben. Wir müssen aber auch für die Deckung sorgen, wenn wir Ausgaben bewilligen. (Erzberger: Sehr richtig! immer der Zentrumsstandpunkt gewesen!) Wird mich
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 4. Mai 1908.
Da» Haus beginnt die erste Lesung der Ostmarkenzulage von 1000 000 Mk. für Heeres- und Postbeamte und Unteroffiziere.
Abg. Schulz (Rp.) begrüßt die Vorlage, da fi« seiner Resolution entspreche.
J Abg Groeber (Z.): der Entwurf bringt angeblich .unwiderrufliche- Zulagen aber in den Erläuterungen ist gesagt, daß die Zulage jedes! Jahr gegeben und entzogen werden könne. DaS Schicksal der Vorlage ist ja entschieden, daS hindert mich aber nidjt, die Bedenken gellend zu machen, die dagegen sprechen. Womit versucht man die Vorlage zu begründen? Man begründet sie zunächst mit der Schwierigkeit, die den Beamten und Unterosst- zieren daraus erwächst, daß sie mit einer polnisch sprechenden Bevölkerung zu tun haben. Nun gibt es aber auch außerhalb der Ostmarken Bezirke, in denen die polnischen Arbeiter überwiegen, und Regimenter, in denen die polnisch sprechenden Soldaten ein großes Kontingent darstellen. Hier würden also doch für die Beamten und Unteroffiziere dieselben Schwierigkeiten erwachsen, wie in den Ostmarken, wie kommt man also dazu, die Zulage nur für die Ostmarken zu gewähren? Die Antwort ist: es sind nicht sachliche Bedürfnisse für die Vorlage maßgebend, sondern ganz bestimmte politische Tendenzen. (Sehr richttg! und Zustimmung im Zentrum). Die Zulage soll nur gegeben werden bet gutem dienstlichen Verhallen; aber auch das außerdienstliche Verhallen zieht man herein, natürlich kommt hier nur das Verhalten den Polen gegenüber in Betracht. Der Freisinn ist in dieser Frage total umgefallen; früher sprach er sich ganz anders anS. (hört!) Der «bg. Dove erklärte, daß der Freisinn gegen die Zulage sei, gleichviel ob sie widerruflich seien ober nicht, (gört!) Der Abg. Gerlach sprach sich grundsätzlich ablehnend gegen diese Zulagen aus. Die Gründ« für den Umfall des Freisinns find uns nicht nritgeteilt worden; vielleicht erfahren wir sie noch, (©eiterfett.) Das Zentrum hat von Anfang an sich gegen die Ostmarkenzulage erklärt und zwar aus prinzipiellen und praktischen Gründen. Die Bezüge der Beamten und Unteroffiziere wollen wir stets gemäß den Lebensverhältniffen einrichten; aber unmittelbar vor einer allgemeinen GehaltSausbeffe- rung sollte man nicht solche Vorlagen embnngen. Nur wer aus antipolnischer Tendenz die Vorlage genehmige, kann dies heute schon tun. Wir wollen keine Bezahlung der Beamten für ihr politisches Verhalten. (Sehr richttg!) Wir wollen, daß der Beamte seine Pflicht tut; darüber hinaus aber soll er frei fein in der Betätigung seiner politischen Gesinnung. (Beifall im Z^ntrE.) Solch« Zulagen können nach unserer Ueberzengung nur korrumpierend auf den Beamtenstand einwirken, sie werden in vielen Kreisen eine politisch« Gesinnungslosigkeit herbeiführen. Solche Zulagen fördern ein charakterloses Strebertum. (Sehr richtig! im Zentrum.) Sie rufen ein politisches Spionagewesen und Denunziantentum wach; sie setzen notwendigerweise das Beamtentum in ausgesprochenem Gegensatz zu der Bevölkerung, der das Beamtentum zu dienen berufen ist; statt Beamte und Volk zu verbinden, mitten solche Zulagen trennend und zerllüslenv. Ein solches Kampfmittel verbittert nur den Gegner, besiegt ihn aber nicht. Im Gegenteil, statt dm Gegner zu schwächen, schwächt es dm, der von einem solchen Diittel Gebrauch macht, weil er sich damit selbst inS Unrecht setzt. Aus allen diesm Gründm werden wir gegen die Vorlage stimmen. (Lebh. Beifall im Zenttum und bei den Polen.)