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Manatrbellage: „Zultaer Seschlchtrbläüer"

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Lotationsdruckund Verlag der Fuldaer M> ttendrnckerei in Zulda Lernsprecher Ur. 9.

Fulda, Samstag den 2. Mai 1908.

M 101.

35. Jahrgang.

Zweites

Wochen-Run-schau.

E Fulda, 2. Mai 1908.

Der Reichstag ist wieder zu einer kurzer Tagung zusammengetreten. Schon am 8. äHa: soll die Vertagung bis zum Herbst erfolgen. Bis dahin wird es kaum noch große Aufregungen geben. ,

Die nationalliberale Parier Preu­ßens hielt in Magdeburg ihren Parteitag ab. Aus den Berichten über die Verhandlungen er­kennt man, daß den Nationalliberalen der Kamm sehr geschwollen ist, und daß sie sich in die Rolle -er „führenden nationalen Partei" und in die Idee des Kerns des Blockes eingelebt haben, dank der ihnen leuchtenden Sonne der Regie­rung. der Nachgiebigkeit der Konservativen und der Tienstwilligkeit des Freisinns. Die ganze Großmannssucht kam in der Rede des Herrn Bassermann zum Ausdruck, der in der Eröff­nungsrede prophezeite, der Satz: „Zentrum ist Trumpf", sei nun ein für allemal vorbei. Als Summe der Forderungen der Nationalliberalen stellte Dr. Friedberg in der Besprechung des Wahlaufrufs fest: „Freiheitliche Entwickelung unseres Staatswesens, Freiheit des Glaubens und Denkens und soziale Gerechtigkeit." Das find Forderungen, die, richtig verstanden und an­geführt, auch das Zentrum vertritt. Freilich, die Freiheit und Gerechtigkeit der Nationallibe­ralen ist eben diejenige, die sie meinen, und die nicht besser illustriert wurde als durch Dr. Friedberg selbst in seiner Behandlung des The­mas. „Zur wichtigen national-preußischen Frage: Zur Polenfrage l" Er verteidigte die Haltung der Nationalliberalen beim Enteignungsgesetz und meinte: „Sollten diese Maßnahmen nichts nützen, so würden noch strengere ergriffen wer­den." Nicht genug, daß man im Abgeordneten­hause der Enteignung die Wege geebnet hat, man droht auch schon „im Namen der Freiheit" mit neuen Maßregeln: Man will den Polen eventuell „den Frieden diktieren". Der auf dem Parteitage beschlossene Wahlaufruf fordert mit Offenherzig­keit „Freiheit im Denken und Glauben", Besei­tigung der geistlichen Schulaufsicht, Freiheit für die aufgeklärten Theologie-Professoren. Die Schul- und Kirchenpolitik in Preußen soll aus den konservativen in liberale Bahnen gebracht werden. Hm übrigen verlassen sich die National- liberalen auf die Gunst der Regierung und auf die Wahlhilfe der Freisinnigen. In letzterer Hin­sicht wurde auf dem Parteitage zu Magdeburg ausgeführt: Nachdem jetzt die Freisinnige Ver­einigung klare Stellung geschaffen und die so­zialistisch-revisionistisch angehauchten Elemente von sich abgeschüttelt habe, sei der Unterschied zwischen den liberalen Parteien nicht mehr so groß, wie früher. Man solle daher mit den bei- den freisinnigen Parteien Bündnisse abschließen. „Diche Anregung soll in Erwägung gezogen wer­den." Vielfach ist ihr schon jetzt Folge gegeben worden, z. B. in Westfalen. Dem Bündnis des Gesamtliberalismus tut es durchaus keinen Ab- bruch, daß die Nationalliberalen sich bestimmt gegen die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen erklären. Den Freisinnigen ist es ja mit dieser Aushänge-Fordeirung durchaus nicht ernst. Die Nationalliberalen wollen nicht blos den Zensus für die Wahlen beibehalten, son­dern auch noch eine Art Pluralstimmen schaffen, sie ihren Parteiinteressen vorteilhaft wäre.

Außer dem Wahlaufrufe der Nationallibera­len sind jetzt auch die der Konservativen und der Freisinnigen erschienen. Der konservative ist der

kürzeste; er klingt recht kräftig, aber bezeichnen­derweise vermeidet er, den Gegner beim rechten Namen zu nennen. Obschon es sich um den Ring- kämpf zwischen Liberalismus und Konservativis­mus handelt, wird doch in dem konservativen Auf- ruf das Wort liberal nicht gehört. Die Frei- sinnigen machen dagegen aus ihren Absichten kein Hehl. Als Ziel des Kampfes bezeichnen sie die Beseitigung der „konservativ-klerikalen Mehrheit" und die Verstärkung der liberalen Reihen, damit „die Grundgedanken der Reichspolitik auch Gel­tung finden im größten deutschen Bundesstaat". Hn der Tat: die Konservativen, die für die Block­politik gearbeitet haben, haben der liberalen Po­litik in Preußen vorgearbeitet. Im konservativen Wahlaufimf wird gewarnt vor den „drohenden Gefahren für unsere wirtschaftliche Existenz und unsere materiellen und geistigen Güter". Es heißt ferner: „Wir stehen gegenüber allen An­griffen fest auf den christlichen und religiösen Grundlagen unseres Volkslebens und insbeson­dere auch in unserer Volksschule." Das ist gewiß 'ehr schön gesagt, aber ob die Taten aller Kon­servativen dem entsprechen? Wenn die christliche Schule und die sonstigen religiös-sittlichen Inter­essen gegen den Liberalismus verteidigt werden sollen, tote ist das möglich ohne die Hilfe des Zentrums? Natürlich spielt die Wahlrechtsfrage in den beiden Aufrufen eine große Rolle. Wir bedauern, daß die Konservativen einfach von „un­terem bewährten Wahlrecht" reden, ohne irgend­welche Reformbedürftigkeit überhaupt anzuerken­nen. In dem freisinnigen Wahlaufruf wird ge­sagt, die „Mehrheit" int alten Hause habe der Wahlreform widerstrebt. Der Leser denkt dabei an die sonst erwähnte „konservativ-klerikale Mehr­heit". Das Zentrum ist aber doch wahrlich un­schuldig an der brüsken Ablehnung der Reform durch den Blockkanzler. Wenn es den Freisinni­gen auf die Wahrheit anköme, hätten sie ihre na­tionalliberalen Nachbarn als die ausschlaggeben­den Gegner der gründlichen Wahlreform erwäh­nen müssen. Aber auf der Linken betreibt man das Geschäft zweihändig: mit der einen Hand schwingt man die volkstümliche Fahne des allge­meinen gleichen Wahlrechts, mit der anderen Hand nimmt und gibt man Wahlhilfe bei den nationalliberalen Gegnern dieses Wahlrechts. Hn beiden Aufrufen wird die Besoldungsaufbef- serung als Lockspeise verwendet. Da ist doch die Erinnerung am Platze, daß die Gehaltsreform einzig und allein durch die Blockpolitik verzögert rvorden ist. Die Hauptschuld daran fällt auf die Liberalen, deren Unfähigkeit zu einer positiven Ftnanzgesetzgebung die Sache auf die lange Bank gebracht hat.

Ueber die N o r d f e e und die O st s e e find internationale Abmachungen getroffen worden, worin sich die anliegenden Mächte gegenseitig den bestehenden Besitzstand garantieren. Solche Ab­kommen bedeuten wie alle Verträge noch keine absolute Sicherheit gegen internationale Kon-- flifte. - Wenn wichtige Interessen einer Nation sich Geltung zu verschaffen fachen, dann lassen sie sich auch nicht durch papierene Verträge in ihrem Lauf hemmen. Aber man darf nicht übersehen, daß eine der gefährlichsten Quellen internationa­ler Differenzen in dem gegenseitigen Mißtrauen gesucht werden muß. In erster Linie haben die kleineren Staaten, also die Niederlande, Däne­mark und Schweden, Vorteil von den Abkommen. Sie haben ja von altersher große Angst, sie tour­ten von den Großmächten, insbesondere von Ruß­land, verschluckt werden.

König Eduard von England ist wie­der einmal auf Reisen und besucht Dänemark, Schweden tmd Rußland. Was mag er jetzt wie­der im Schilde führen?

Im Südosten ist Rußland dabei, das Ab­kommen mit England über Persien in die Tat

umzusetzen. Nordpersien soll danach russisches Interessengebiet sein. Jeder Schritt auf inter­nationalem Gebiete, den die russische Diplomatie unternimmt, läßt den Beobachter mehr in Ver­wunderung geraten über die zähe Energie, mi der Rußland seine Ziele verfolgt. Die 600 Kilo­meter Grenzgebiet, um die es sich bei den Käm­pfen gegen die kurdischen Räuberbanden handelt, haben eine durchaus unzureichende russische Be­setzung. Trotzdem wagt Rußland jetzt vorzu­gehen. Die Kurden sind immer Räuber gewesen und werden es auch wohl bleiben. Sie haben jetzt auch nichts Schlimmeres getan als früher. Ruß­land mußte aber zugreifen und riskierte es trotz der verschwindend geringen Truppen, die ihm dort für die nächste Zeit zur Verfügung stehcm Jedenfalls wird dieser Kampf, für den Ruß­land schließlich wohl gar noch den Dank Persiens verlangt, Rußlands Einfluß über die Kurden, die nur dem Namen nach persisch sind und sich selbst für unabhängig halten, festigen und be: ihnen das Gefühl wachrufen, daß sie unter Ruß- lands Botmäßigkeit stehen. Damit ist dann der erste Schritt für die Eroberung dieses Gebietes getan.

Die italienischen „Unabhängigen" in Süd- Oesterreich haben sich wiederum bedenkliche Ausschreitungen zuschulden kommen lassen. Sie haben in einem deutschen Dorfe große Kundge­bungen zugunsten Italiens veranstaltet, bis schließlich die Gendarmerie mit großem Aufge­bot einschreiten mußte. Nicht minder bedenklich ist, daß in Italien selbst der Präsident des ita­lienischen Flottenvereins eine geradezu freche Rede gegen Oesterreich gehalten hat, worin er verlangte, daß wenigstens der kleine Golf von Triest zu Italien gehören solle.

In Marokko drängen die Dinge auf eine Entscheidung hin. Mulay Hafid versucht es jetzt mit einer neuen Abordnung an die Großmächte. Wenn sie dort anerkannt werden würde, dann würde Frankreich nicht mehr das Recht haben, Mulay Hafid bei feiner Beruhigungsarbeit Steine in den Weg zu legen. Frankreich ist aber wohl überzeugt, daß diese Gesandten abgewiesen werden; denn es hat dem alten Sultan Abdul Aziz 300 000 Francs leihen lassen, damit er sein Heer gegen Mulay Hafid ins Feld schicke.

Präsident Roosevelt hat eine schwere Nie­derlage erlitten; von feiner Flottenvorlage ist ihm die Hälfte abgestrichen worden; die Union baut statt 4 Schiffen nur 2 int Jahre. In Ame­rika fällt es aber nun niemanden ein, die Mehr­heit des Kongresses als antinational zu be­schimpfen. Dieser Unfug besteht nur in Deutsch­land.

A Die deutsche MarokkopoliM hat feit mehreren Jahren die öffentliche Meinung schärfer beschäftigt, als irgend eine internationale Angelegenheit des letzten Jahrzehnts. Das Ein­greifen, der deutschen Neichsregierung gegenüber der „friedlichen Eroberung" Marokkos durch die Franzosen hat eine ganze Reihe von Verwickelun­gen herbeigeführt.

Wir Deutsche erftreben günstigenfalls in Ma­rokko das Prinzip -er „offenen Tür"; wir wol­len, daß in Marokko die Industrie aller Län­der gleich berechtigt sei, daß insbesondere keinerlei Bevorzugung der einen ober anderen Macht stattfinden dürfe. Diese Forderung ist an ich durchaus gerecht, und hätte sicher einen Er- olg gehabt, wenn man sie so rechtzeitig geltend gemacht hätte, daß die französische Industrie sich nicht vorher auf marokkanischem Gebiete umfas­ende Interessen hätte schaffen können. Man hat die Dinge sich entwickeln lassen, bis im Jahre 1905 der verstorbene antisemitische Abgeordnete

Graf Reventlow im Reichstage einen kühnen Hl» sarenritt in das Gebiet der Diplomatie machte, DaS Jahr darauf brachte den Kaiserbesuch ii Tanger, der in Frankreich, wie überhaupt in bei anderen Ländern stürmisches Aufsehen erregt» und besten Folge in Frankreich der toeitüerbrei tete Glaube war, Deutschland wolle gegen Frank, reich um Marokkos willen mobil machen.

Nun haben wir zwar in der Konferenz von Algeciras eine Anerkennung unseres Rechtes er, halten, man hat uns das Prinzip der „offenen Tür" zu gestanden; aber: „dicht beieinander woh­nen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen litt die Sachen". In der Akte von Algeciras nah­men sich unsere Rechte prächtig aus. In Marokko hingegen kümmerte sich die Weltgeschichte nicht um das Papier der Gesetzbücher, sie nahm ihren Gang in anderer Richtung, und diese Richtung liegt heute, mag man offiziös noch so oft betonen wie man will, die französischen Maßnahmen lägen „neben" der Akte von Algeciras, in der Er­oberung Marokkos durch die Fran­zosen. Die Franzosen machen dort ja nur sehr schwer Fortschritte; die Kämpfe im Innern neh­men an Heftigkeit zu, die Erregung der Einge­borenen steigt. Leicht wird den Franzosen die Eroberung des in seinem Innern schwer zugäng- lichen Landes sicher nicht werden. Ebenso sicher aber ist, daß die Franzosen auf die Dauer mit den Eingeborenen doch fertig werden. Frankreich unterwirft sich das Land jetzt militärisch, und bann ist kaum anzunehmen, daß es die Hand wieder davon ablassen werde. Sicher aber ist, daß heute der marokkanische Hoppen den Fran­zosen nur mit dem Schwerte entrissen weiden könnte.

Das fühlen sogar unsere Alldeutschen, jene Ueberpatrioten, die sich sonst vor keinem Krieg zu Wasser und zu Land sorgen. Seit langem schlägt man Marokkos wegen in ihrer Preise einen bei der Radanlust dieser Sorte von Poli­tikern unerhört vorsichtigen Ton art. Mar sah eben keinen Ausweg mehr. Jetzt hat man Kretzer Mut bekommen durch das Vorgehen und die Er­folge des Gegensultans Mulay Hafid. Dis Schwierigkeit für Marokko liegt ja darin, daß die Unruhen dort ein Eingreifen der Großmächte geradezu herausforb?rn. Würde es einem ein­heimischen Gewalthaber gelingen, selbst die Ruh« wieder herzustellen, dann würde der Anlaß für Frankreich, bewaffnet einzuschreiten, Wegfällen. Nun glaubt man, daß Mulay Hafid in der Lags fein würdei, die Ruhe wieder herzu« stellen, und zwar ohne europäische Hilfs« Diese Frage ist gegenwärtig besonders bren­nend, weil Mulry Hafid dine Gesandtschaft nach Europa geschickt hat, von der er hofft, daß ihre Verhandlungen mit den Regierungen die Anerkennung seiner Persönlichkeit als Sultan von Marokko erreichen würden. Würde das ge­schehen, dann wäre die schwache Möglichkeit ge­geben,, daß an die Stelle des persönlich durchaus unfähigen Abdul Aziz ein tatkräftiger Mann träte, neben dem Frankreich kein Recht zu frie- gerischen Maßnahmen im Lande selbst haben würde, dem Frankreich auf jeden Fall entspre­chenden Spielraum für feine Maßnahmen gewäh­ren müßte. An diesen Möglichkeitsschimmer klammern sich jetzt die Alldeutschen. Sie haben tu diesen Tagen in Berlin eine Versamlung ab­gehalten, deren Beschlüsse von der Regierung eine „energische Wahrung" unserer Jnteressem ber< äugen. Es würde sich somit darum handeln, daß die Regierung die bei ihrem letzten Besuch« abgeroiefe;nen Gesandten Mulay Hafids em­pfangt.

Da erhebt sich aber die bedenkliche weiter« Frage, was die anderen Mächte, insbesondor- Frankreich, dazu sagen würden. Mulay Hafid ist heute noch nicht unumschränkter Herr von

Unpolitische Zeitläufe.

ln) Berlin, 3O. April 1908.

(Nachdruck verboten.)

Also der Mai ist da, der wunderschöne Monat Mai. Wenigstens im K a I e n& e r steht er. Ob auch in der Natur triebkräftiges Maiwetter herrschen wird, bleibt abzuwarten. Und wie es im Herzen und im Hause mit der Maifeier aussehen wird, — das muß jeder mit sich und feiner Familie ausmachen.

„Alles neu macht der Mai." Ach ja, eine Er­neuerung, eine Auffrischung von Grund auf täte uns sehr gut. Die Wiesen und Wälder werden ohne ihr Zutun von der guten Mutter Natur alle >Jahre „auf neu repariert". Bei den Menschen ;ge()ört dazu der eigene Willensentschluß und die eigene Tätigkeit. Die Triebkraft muß im In­nern erzeugt werden. Der gute Wille läßt die Knospen springen.

Gewiß, eine Maifeier ist schön und gut. Aber nicht der sozialdemokratische Mai- f ei erlag. Die wollen unter Arbeitseinstellung in Massen mit Pauken und Trompeten den 1. Mai begehen. Ich möchte statt des Bummels — Sammlung, statt der lauten Demonstration — stille Erbauung. Ein Maifest im sinnenden Her­zen, ein Maifest im traulichen Familienkreise.

Es wird überhaupt viel zu viel demonstriert in der Welt von heute. Wir verlieren uns in Aenßerlichkeiten. Das innere Leben leidet. Die Welt ist voll Komödianten; die Menschen spielen sich gegenseitig in einemfort Theater vor. Wer einfach gibt, so tote er ist, gilt als rückständig und täppisch. Der moderne Mensch gleicht dem jsneumatifreifen, der immer von neuem aufge- » • Jen J®irb bis zur größtmöglichen Geschwollen-

r Bis Ium PlatzenI Wie der Frosch in der Nabel, der durchaus dem Ochsen gleichkommen wollte. Prahlhänse und Protzen rings umher.

Wenn du dazu Ja sagst, lieber Leser, so wol­len wir beide uns in Acht nehmen, daß nicht etwa

das Teufelchen der Eitelkeit auch uns sich in den Nacken setzt. Man kann auch mit feiner angeb- lidjen Bescheidenheit und Solidität prahlen und protzen.

Was die Sozialdemokratie zum 1 .Mai ver­anstalten wollte, war eigentlich keine Maifeier, sondern eine Machtprobe. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." So wird in gereimten und ungereimten Worten den Ar­beitern zugerusen. „Wir wollen mal zeigen, daß wir die Herren der Welt sind." Der kleine Junge „zeigt" gern, daß er was kann. Und wenn er keine -bessere Gelegenheit zum Demonstrieren hat, so köpft er mit wuchtigem Schlage Disteln oder schlägt -einen verlorenen Topf vollends in Scher­ben. Er „zeigt" auch gern feine Unabhängigkeit, indem er das tut, was ihm mit Recht untersagt ist- Die Zigarette mag ihm abscheulich schmecken und schlecht bekommen: er raucht sie doch mit Triumphgefühl vor den Augen und Nasen der Erwachsenen, denen er mächtig zu imponieren glaubt. Der gereifte Mann, der in der Fülle feiner Kraft und Macht sich fühlt, verschmäht alle Mätzchen und Demonstrationen. Er setzt seine Schallen, Qfo,. ^cht ins Begaffenlassen. Wirkliche Recken sind keine gespreizten Gecken. s.le verstehen sich auf das Eisenfchmieden, aber nicht auf das Schaumschlägern Der ganze Wirr- warr wegen der roten Maifeier ist eine Kinder-

1 9,n späteren Jahren wird man sich allseitig baritber Wundern, daß mit dieser windi­gen Demonstration so viel Wesens gemacht ist. Die vernünftigeren Genossen tim ja auch jetzt Kon nicht mehr mit. Von Jahr zu Jahr schrumpft die Sache mehr zusammen.

Das Prahlen und Protzen ift jedoch auch an ganz anderer Stelle zu finden. So hat z. B. Gro6-Berlin in der letzten Woche sich richtig acs eitlen Emporkömmling erwiesen. Da kam von Paris ein Trüppchen französischer Studenten, die rm Leben noch gar nichts geleistet haben, außer dem Verbrauch des väterlichen Wechsels, Studen- ten, die selbst bekennen, daß sie zum Lernen kom­

wir durch den Besuch von einigen gleichgiltigett Personen aus Frankreich oder England uns au- dem Häuschen bringen lassen. Das ist kein mann«* fiches Selbstbewußtsein, sondern weibische Eitel-' keil und kindische Aufspielerei.

Es heißt, daß nun auch deutsche Studenten einmal eine Studienfahrt nach Paris machen sol- len. Nun, wir wollen hoffen, -aß man ihnen dort einen freundlichen Handschlag bieten wird;" aber man wird ihnen gewiß nicht eine solche Un- maffe Sahne um den Mund schmieren und ihnett nicht em solches Theater der Gefallsucht vorspie) len.

Berlin ist ein Emporkömmling; das Deutschs Reich im gewissen Sinne auch. Das ist an sich keine Schande; vielmehr gebührt Ehre dem, -er sich emporarbeitet. Nur muß er nicht die schlech­ten Manieren eines eitlen Emporkömmlings an» nehmen. Gesunde Größe und sichere Kraft braucht kein Pfauenrad zu schlagen und kann all« Hilfsmittel der Kosmetik und Koketterie bet'1 schmähen.

Bei dieser Epistel gegen das Schauspieler« und Schaumschlagen, gegon das Prahlen und und Protzen denkt am Ende mancher Leser, das ginge ihn m seinem Privatleben gar nichts am Gelnach, mein Lieber I Erforschen wir doch eitf ruentg unser Gewissen, ob wir nicht auch auf dem Mtar -er Eitelkeit und Gefallsucht gelegentlich ^^r bringen. Machst du nicht manchmal krampfhafte Anstrengungen, um vor den Augen deiner Nachbarn dich als recht fein, gebildet, wohl- habend und vornehm auszuspielen? Treibst du dabei nicht eine gewisse Windbeutelei, um dich und deine Familie über die Wirklichkeit hinaus aufzublähen? Wenn die Leute dich besuchen,, gibst du dich denn einfach so, wie du bist und tote -n es hast, oder suchst du ihnen durch einen glänzen­den Schein zu imponieren? Hast du nikht am Ende in deiner Wohnung den hellsten und ge* funbeften Raum zu einer Punkstube für Besucher gemacht (auf deutsch Salon genannt;), während iör und eure Kinder in minderwertigen Stuber?'

men. Nach der Photographie sehen sie auch recht >vie grüne Jünglinge mit leichtern Gepäck aus. Wenn man ihnen eine Anzahl deutscher Studen­ten als Wegweiser und Kneipgenossen zugesellt hätte, so wären sie froh und dankbar gewesen. Aber die löblichen Behörden und Korporationen von Berlin und Umgegend sagten sich: „Ah, da kommen Leute ans Parisi Welche hohe Ehrei Dann müssen wir uns doch von der glänzendsten Seite zeigen. Also werfen wir uns in Amtswichs und Amtsketten, reißen wir alle Flügeltüren auf, die wir haben, und studieren wir uns die ge­schwollensten Schmeichel- und Verbrüderungsre- den ein!" Und so geschah es, die fahrenden Stu­denten wurden empfangen und gefeiert, als ob es lauter lorbeergekrönte Helden und verehrungs- wurdige Anwärter auf das Pantheon und die Walhalla wären. Bejahrte deutsche Würdenträ­ger schleppten den französischen Nachwuchs von Feier zu Feier, von Ehrung zu Ehrung, von der Frühstückstafel zum Diner und zum Souper, vom Burgunder zum Rotwein und zum Sekt. Es half nichts, wenn auch die Gäste selbst in lichten Augenblicken erklärten, sie seien doch eigentlich noch grüne Sttldenten und keine ehrwürdigen Kultirrgreise. Der Strom der gefallsüchtigen Liebedienerei ließ sich nicht eindämmen. „Wir" wollten durchaus mal zeigen, wie „fein" wir uns zu bewegen wissen und wie wenig wir uns aus den Kosten einer üppigen Gastfreundschaft ma­chen. Es fehlte nur noch, daß sogleich eine Reihe Bildhauer bestellt werden, um die fahrenden Schüler für eine neue französisch-deutsche Sieges­allee zu modellieren. Hoffentlich kommt nicht etwa noch eine Gruppe von Professoren oder fon- ftigen wirklichen Männern aus Paris hierher.

T Sölktoürien die Repräsentanten von N^rlmsch aus lauter Ehrfurcht und Dienst- eifer die Kopfe abreißen!

SBer ausdringlich wird, wird lästig. Wer rampfhaft eenem Gast zu gefallen und zu impo- meren sucht, erntet das Gegenteil von Respekt. Wir machen uns lächerlich und verächtlich, wenn